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München, Bayerische Staatsoper, Die Nase – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik, 05.11.2021

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Hans Günther Melchior
05. November 2021
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Die Nase  –  Dmitri D. Schostakowitsch  –  nach Nikolai W. Gogol

Der Kampf des Menschen um seine Individualität  –  Kovaljov: „…es geht um meine eigene Nase und folglich um mich selbst.“

von Hans-Günter Melchior

Die Nase gehört zum menschlichen Gesicht. Oder? Also manche glauben, sie gehöre so wie sie ist, nicht gerade zu ihrem höchsteigenen und bemerkenswerten Gesicht und gehen zum Schönheitschirurgen. Dann bekommen sie eine neue Nase zurechtgeschnippelt, aber jeder sieht die alte Nase in dieses angeblich neue Gesicht hinein. Die neue Nase fällt gleichsam aus dem alten Gesicht heraus.
Man hat eben einen Teil seiner Individualität – auch noch freiwillig – verloren.

Trailer –  Die Nase – Dmitri Schostakowith
youtube Bayerische Staatsoper
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Schlimm ist es freilich, wenn dies unfreiwillig geschieht, wenn ein sogenannter Barbier einem beim Rasieren die Nase abschneidet. Und diese sich auch noch selbständig macht und ein ranghoher Staatsrat wird, der dem ursprünglichen Nasenträger gesellschaftlich und in der Machtstellung weit überlegen ist. So dass im Grunde zwei Nasen existieren, die ein Eigenleben führen. Die kleine und die mächtige. Und die ranghöhere nicht daran denkt, in das ursprüngliche Gesicht zurückzukehren, sondern wie eine selbständige Person agiert. Anmaßung und Komik zugleich. Doppeldeutig.

Na sowas. Das kann sich auch nur ein Dichter vom Format Gogols ausdenken, der einen Traum gründlich ausgeträumt und niedergeschrieben hat, ohne sich weiter darum zu kümmern, was die Leser davon halten. Dem Dichter fallen die Ideen zu, manchmal in den Schoß, die Interpretation ist Sache der Leser.

Das mit der Nase ist nach Gogols Erzählung jedenfalls dem armen Platon (!) Kusmic Kovaljov (herausragend Boris Pinkhasovich), Foto unten, aus St. Petersburg widerfahren, den der Barbier Ivan Jakolevic (Sergei Leiferkus) massakrierte. Der perplexe Barbier findet die Nase seines Kunden im Frühstücksbrot und wirft sie auf dringendes Anraten der Ehefrau in die Newa wirft. Er wird von einem Polizisten dabei beobachtet und arretiert.

Bayerische Staatsoper / Die Nase hier Boris Pinkhasovich als Kusmic Kovaljov © W Hoesl
Bayerische Staatsoper / Die Nase hier Boris Pinkhasovich als Kusmic Kovaljov © W Hoesl

Die Nase hat irgendwie „überlebt“, sie führt ohnehin ihr personalisiertes Eigenleben (s. Staatsrat).
Oder so. Jedenfalls hindert sie ein gewaltiger Polizeitrupp an der Ausreise, prügelt oder knetet sie auf Normalmaß und bringt sie zu Kovaljov zurück. Diesem passt sie allerdings nicht, sie will zunächst nicht anwachsen. Im Schlaf geschieht es dann doch, Kovaljov ist glücklich und träumt sich im Wachtraum aus dem Albtraum in die reale Liebe hinein…

Und er lässt sich sogar wieder barbieren, von eben demselben Unglücksraben, der ihn der Nase beraubt hatte.
So die Kurzform ohne Nebenhandlungen. Natürlich taucht die übliche Frage auf: was will uns der Autor damit sagen? Gogol drückte sich elegant um die Antwort herum: „Doch hier hüllt sich das Vorgefallene in dichten Nebel“. Oder später: „doch hier hüllt sich das Geschehen erneut in Nebel, und was geschah, ist gänzlich unbekannt.“

Wie schon erwähnt: er dachte wohl, macht daraus, liebe Leser, was ihr wollt. Und so machten die Interpreten daraus eine Groteske, eine absurde Traumgeschichte, die den überholten Zarismus persiflieren sollte. Andere dachten an Kafkas Verwandlung oder an die deutschen Romantiker.

Bayerische Staatsoper / Die Nase - hier:  Barbier Ivan Jakolevic -Sergei Leiferkus © W Hoesl
Bayerische Staatsoper / Die Nase – hier: Barbier Ivan Jakolevic -Sergei Leiferkus © W Hoesl

Uns Heutigen ist dies allerdings noch zu wenig. So ein Stück, meinen wir, macht mehr her, es ist geradezu eine Fundgrube für die Interpretation gesellschaftlicher Zustände. Und so sieht der – leider an der Ausreise mangels Passes von den Behörden gehinderte und per Video u.a. inszenierende – russische Regisseur Kirill Serebrennikov (er verantwortet auch die Bühne) in dem Stück offensichtlich die symbolische Darstellung des Kampfes des Individuums um seine Identität und Freiheit gegen die Übermacht des im Staat und seinen Institutionen verkörperten Systems.

Um die Freiheit und Individualität ist es nach Kirill Serebrennikov allerdings schlecht bestellt. In der knapp zweistündigen Aufführung befindet sich in fast jeder Szene eine Art Zwinger, eine Gefängniszelle im Hintergrund, in der sich zwei Menschen, offensichtlich also Gefangene, ducken. In einer Schlüsselszene fleht der um sein Ich ringende Kovaljov geradezu: „Aber ich lasse ja nichts über einen Pudel drucken, es geht um meine eigene Nase und folglich um mich selbst.“

Die Atmosphäre auf der Bühne wirkt menschenfeindlich, an manchen Stellen symbolisch überladen. Insgesamt unwohnlich und feindselig. Eis tropft vom Türrahmen herunter. Eisbrocken liegen am Bühnenrand. In einer Szene gegen den Schluss des Stücks wird ein riesiges Gesicht aus Eis, flankiert von großen Eisfelsen aufgefahren, so mächtig, dass man im Geiste zu frieren beginnt. Im Hintergrund laufen Videos, die Arbeiter beim Schneeräumen, wohl in Russland, zeigen.

Bayerische Staatsoper / Die Nase © W Hoesl
Bayerische Staatsoper / Die Nase © W Hoesl

Die in Gestalt eines wahren Heeres auftretende Polizeimacht – Polizisten: anonym, mit verklebten Gesichtern – verdeutlicht die systemische Gewalt des Staates. Klein ist dagegen der nasenlose Kovaljov mit seinem unbedeutenden Anliegen, klein und hilflos sind auch die übrigen Protagonisten Praskovja Osipovna (Laura Alkin als Mutter), die Nase (Sergey Skorokhodov) und die schwer zu zählende Menge der anderen, kaum noch zu individualisieren, Hausknechte, Studenten, Droschkenkutscher. Es dominiert die Phalanx der Polizisten, fruchterregend, gewaltsam.

Friedlich und in ein lyrisches Licht getaucht ist allein die Schlussszene. Schmucklose, mehrstöckige Häuser, dazwischen eine schmale Gasse. Eine Bank, auf der Kovaljov von der Liebe träumt. Im Hintergrund steigt ein Luftballon in den Himmel wie ein Zeichen der Hoffnung.

Vor allem jedoch die Musik! Ein Wurf. Komponiert vom 24-jährigen Schostakowitsch, stürmt die Oper über thematische Klippen, ohne freilich die Verbindung zu ihrem Stoff zu verlieren. Eine mitreißende, in ihr Thema hineinziehende Komposition, davonrasend, zuweilen fetzig und die Szene geradezu zerfetzend, durchgehend atonal und unbekümmert emotional (die düstere Bläserparaphrase). Ein genialer Wurf in vorstalinistischer Zeit, für den sich später der Komponist vom ideologisch versteinerten Stalinismus den Vorwurf des Formalismus einhandelte.

Nur eben ganz am Schluss ruht sich gleichsam die Musik von den Anstrengungen der Kämpfe in einer wunderbar lyrischen Kantilene, einer Liebesträumerei, aus.

Energisch und überragend entfacht der Dirigent Vladimir Jurowski, offensichtlich in dieser Musik Zuhause, das Feuer der Partitur in einem perfekten Orchester. Hier steigerte sich der Abend zu seinem eigentlichen Höhepunkt, der für manche etwas irritierende Szene auf der Bühne entschädigte.

Großer Beifall des gebannten Publikums

Die Nase –  Bayerische Staatsoper; die weiteren Termine 5.11.2021, 17.7.; 20.7.2022

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