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Düsseldorf, Düsseldorfer Schauspielhaus, Die Physiker – Friedrich Dürrenmatt, IOCO Kritik, 20.10.2021

Rainer Maaß
20. October 2021
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Düsseldorfer Schauspielhaus © ingenhoven architects / HGEsch
Düsseldorfer Schauspielhaus © ingenhoven architects / HGEsch

Düsseldorfer Schauspielhaus

DIE PHYSIKER – Friedrich Dürrenmatt

– Die Jagd nach der Welt-Formel – Drama, Trauma, Komödie ? –

von Rainer Maaß

Friedrich Dürrenmatts 1961 geschriebenes Drama Die Physiker handelt davon, dass die Erde ein kostbarer, schützenswerter aber auch sehr gefährdeter Ort ist. Die Handlung spielt in einem »verlotterten Irrenhaus vor ›blauen Bergen«, wo drei ehemalige Physiker als Patienten leben: in Wirklichkeit aber sind alle gesund: ihre Krankheiten, ihre Wahnvorstellungen täuschen sie nur vor. Der Physiker Möbius ist im Besitz der Weltformel und von der Angst besessen, die Mächtigen der Erde könnten sie missbrauchen. Die beiden anderen vermeintlichen Physiker sind tatsächlich Geheimagenten, welche Möbius´ Geheimnis für dubiose Mächtige der Welt rauben sollen.

Düsseldorfer Schaupielhaus / Die Physiker hier Cathleen Baumann, Kilian Ponert Rainer Philippi © Thomas Rabsch
Düsseldorfer Schaupielhaus / Die Physiker hier Cathleen Baumann, Kilian Ponert Rainer Philippi © Thomas Rabsch

Für den Besucher dieses Dramas im Düsseldorfer Schauspielhaus (besuchte Vorstellung 15.10.2021) ist es hilfreich, über Handlung und Hintergründe dieses „verworrenen“ Dramas vorab informiert zu sein. Die spannende Inszenierung erfordert Abstraktionsvermögen. Wohl dem, der Die Physiker schon in der Schule gelesen, gelernt hat und auch dem, der wegen aktueller Lehrpläne an seinem Gymnasium, diese plastische Produktion für sich nutzt. Das Stück laut Untertitel als „Komödie in zwei Akten“ zu nennen, ist ein Einfall, über den sich Dürrenmatt sicher selbst am meisten amüsiert hat. Denn die “Botschaften” dieses Stückes hat nichts komödiantisches, sie ist zutiefst pessimistisch.

Düsseldorfer Schaupielhaus / Die Physiker hier Thiemo Schwarz, Rainer Philippi © Thomas Rabsch
Düsseldorfer Schaupielhaus / Die Physiker hier Thiemo Schwarz, Rainer Philippi © Thomas Rabsch

Die Inszenierung von Regisseur Robert Gerloff setzt schon vor Beginn der eigentlichen Handlung Zeichen: eine Video-Show zeigt einen Potpourri von Experimenten an Ratten und Affen ergänzt durch Atomversuche und führt dem Zuschauer so vor Augen, was die Zukunft, insbesondere die Wissenschaft, für uns Menschen bereithält. In einem weißen Kaninchen, das durch die Bilder hoppelt, wird die Menschheit gespiegelt, die jedoch noch nicht ahnt, was sie in Zukunft erwartet.

Die Physiker – Dürrenmatt im Düsseldorfer Schauspielhaus
youtube Trailer Düsseldorfer Schauspielhaus
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Im Schauspielhaus Düsseldorf spielt die Handlung, eine Irrenanstalt andeutend, zwischen weißen Wänden, auf denen beständig Fotos oder Videos gezeigt werden. Hier leben die drei Physiker, die nacheinander ihre geliebten Pflegerinnen meucheln. Die Polizei ist mit dem Geschehen überfordert, von Thiemo Schwarz als Kriminalinspektor Voß durch seine Tapsigkeit überzeugend und sympathisch dargestellt. Doch um diese Morde geht auch es denn in diesem Drama auch nur am Rande: die Patienten sind gesund, sie scheinen nur verrückt: den Physikern geht es in Wirklichkeit um den Besitz der ultimativen, alles beherrschenden Welt-Formel. Der Physiker Möbius (Kilian Ponert) hat diese Weltformel entwickelt. Die beiden anderen Physiker nennen sich Einstein (Cathleen Baumann) und Newton (Rainer Philippi): sie täuschen ihre Krankheiten vor, um Möbius im Auftrag ihrer Geheimdienste seine Formel abzujagen: Die Welt-Formel ist Symbol für die Mutter aller Formeln: Mit ihr lässt sich die Welt beherrschen.

Möbius bemüht sich nach Kräften die Welt-Formel zu zerstören; dann kann nicht missbraucht werden. Er hat so seine schriftlichen Unterlagen verbrannt und überzeugt mit einem flammenden Plädoyer seine Physiker-Kollegen für ewig zu schweigen. Aber alles ist vergebens. Die Leiterin der Anstalt, die Irrenärztin Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd, kaltherzig überzeugend gespielt von Claudia Hübbecker, hat sich längst der Unterlagen bemächtigt und ist bereits dabei, ein Welt Imperium aufzubauen. Die scheinbaren Irren, die Physiker, sind nicht länger mehr Patienten, sie werden zu todgeweihten Gefangenen einer machtbesessenen Welt-Herrin: Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd.

Das Publikum dankte der Regie und den Ensemble mit langem Applaus.

Dürrenmatt über sein Stück: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen hat.“ Zum Glück hat uns das Schicksal bislang davor bewahrt. Und für normale Bösewichte, die nach der Weltherrschaft streben, gibt es ja immerhin noch James Bond.

Die Physiker am Düsseldorfer Schauspielhaus; die weiteren Termine 25.10.; 6.11.; 11.11.; 22.11.; 27.11.2021

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