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ScarFuso´s Puppentheater – IOCO stellt vor, IOCO Aktuell, 16.10.2021

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Ingrid Freiberg
16. October 2021
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ScarFuso’s TheA(r)Telier Puppentheater, Unterengstringen, Schweiz Foto Hans Jörg RaaflaubScarFuso’s TheA(r)Telier Puppentheater, Unterengstringen, Schweiz Foto Hans Jörg Raaflaub
ScarFuso’s TheA(r)Telier Puppentheater, Unterengstringen, Schweiz Foto Hans Jörg Raaflaub

ScarFuso’s Puppentheater – Unterengstringen, Schweiz

 Hans Jörg Raaflaub –  Werner Isenring – Puppenspieler

 IOCO / Ingrid Freiberg  stellt vor

Pate für den Namen ScarFuso’s sind der geigenspielende traurige Clown Scarletto und Diffuso, eine Handpuppe, die Hans Jörg Raaflaub seinem Lebenspartner, Werner Isenring, gewidmet hat. Für TheA(r)Telier steht Theater, Art und Atelier. Puppenbauer und -spieler sind Verfasser von Theaterstücken, Komponisten, Regisseure, Sänger, Schauspieler, Bühnen- und Kostümbildner, Choreografen, Ton- und Lichttechniker u.v.m. und sind damit vollumfänglich für das Geschehen verantwortlich. Figurentheater ist aus der Theaterwelt nicht wegzudenken, und heißgeliebt. Die Aussage, willenlos wie eine Marionette zu sein, trifft auf eine Theatermarionette nicht zu. Die Puppen haben ihren eigenen Willen, und der beginnt bereits bei den ersten Arbeitsschritten, schon beim Modellieren des Kopfes wie bei der Auswahl des Stoffes für das Kostüm… Mit diesen Schritten entwickelt sich Schritt für Schritt die Persönlichkeit der Puppe. Der Puppenspieler steht im Dienst der Marionette und nicht umgekehrt! Werden die Figuren in die Hand genommen und bewegt, fangen sie zu leben an.

Unerschöpflicher Facettenreichtum

Hans Jörg Raaflaub baut seit 34 Jahren Marionetten und zieht mit Leidenschaft ihre Fäden. Bereits mit sieben Jahren ist er fasziniert vom Puppentheater. Auf sein Quengeln hin und seine Begeisterung unterstützend kauft ihm seine Mutter beim Bummeln durch die Stadt immer neue Kasperlefiguren. Mit der Zeit trägt er mit Großmutter, Teufel, Prinzessin, Krokodil, Seppel und dem legendären Kasper ein ganzes Ensemble zusammen. Als Theater dient ein Pappkarton, er entwirft und malt seine ersten Bühnenbilder. Als er zwölf ist, schenken ihm seine Eltern zwei Marionetten aus England. Damit beginnt seine große Passion für die fadengesteuerten Holzwesen. Es entstehen die ersten selbst kreierten Geschöpfe. Anfangs spielt er noch mit Unterstützung der Eltern, in späteren Jahren kommen andere Mitspieler hinzu. Es entstehen Märchenaufführungen, bei denen sein kleiner Bruder assistiert. Mitte der 1980er Jahre beginnt seine professionelle Karriere als Puppenspieler, zunächst mit kleinen Marionetten, die dann nach und nach größer werden, auch ihr Stil ändert sich mit der Zeit. Zu Beginn spielt er noch alleine, dann u.a. mit seinem Bruder Andy Raaflaub, der sich zu einem genialen Puppenspieler entwickelt, sowie mit seiner talentierten Mutter. Mit kleinen großen Stars wie Bauchtänzerinnen, einem singenden Nilpferd und Musikclowns tingeln sie erfolgreich durch die Schweiz. Dabei ist Musik das leitende Thema der abendfüllenden Aufführungen.

Hans Jörg Raaflaub besucht nie eine Theaterschule, sondern ist Autodidakt. Den Bau seiner Figuren und das Spiel mit ihnen erarbeitet er sich eigenständig. Beim Erschaffen neuer Figuren setzt er stark auf seine Intuition: „Oft fange ich einfach mal an und schaue, was passiert. Ich muss mich dem Modellieren hingeben, mich leiten lassen. Manchmal schwirren Ideen um mich herum, dann lege ich die Puppen zur Seite, lasse sie erst später reifen. Häufig erhalten die Figuren Züge von Verwandten und Freunden oder es steckt ein Teil von mir in ihnen.“

Die Puppenspieler / Hans Jörg Raaflaub und Werner Isenring  © Raaflaub
Die Puppenspieler / Hans Jörg Raaflaub und Werner Isenring  © Raaflaub

Mal poetisch verträumt, dann wieder frech satirisch

2011 kommt Werner Isenring als Quereinsteiger hinzu. Der leidenschaftliche Sänger, der bis heute in renommierten Chören aktiv ist, wollte Opernsänger werden. „Glücklicherweise habe es nicht geklappt, denn das Business sei sehr hart“, sagt er und lacht. Rasch erlernt er die Kunst des Puppenspiels und ist mit voller Leidenschaft dabei. „Werner ist ein toller Partner fürs Theater, er hat großes Gespür dafür“, sagt Raaflaub. Heute verkörpert und führt Isenring mit Können und großer Freude die Marionetten-Kunstgeschöpfe. Gemeinsam mit Raaflaub gründet er 2015 ScarFuso’s TheA(r)Telier Puppentheater, das in Unterengstringen bei Zürich sein Zuhause findet und über ein vielseitiges Repertoire verfügt.

Für ein Fotoshooting holt Raaflaub mit Nilpferd bis hin zu einer Trompete spielenden Polizistin und einer Höllenfürstin Mephista immer neue Figuren hervor. Seine leuchtenden Augen und lebhaften Beschreibungen, besonders aber seine ansteckende Mimik, erlauben Kommunikation ohne Worte und zeigen, wie stark er sich mit seinen Marionetten verbunden fühlt. „Die Marionetten machen teilweise, was sie wollen, und können auch zickig sein“, erzählt Raaflaub und holt den Clown Scarletto, der auf seiner roten Geige zum sanften Spiel ansetzt, hervor. „Wie ein Musiker mit seinem Instrument, werde ich eins mit der Puppe.“ Gut zu beobachten ist das, wenn er das kecke Kasperli-Krokodil oder die selbstbewusste Prostituierte Jenny aus der Dreigroschenoper in der Hand hält. Spielerisch wechselt der 66jährige von Rolle zu Rolle. In seinen leuchtenden Augen ist seine Freude an jeder der Puppen sichtbar. Unzählige Figuren aus den letzten Jahrzehnten füllen den Dachboden und warten nur darauf, wieder einmal die Bühne zu erobern. „Ich habe durchaus meine Lieblinge, aber alle Puppen sind meine Kinder. Mal poetisch und verträumt, dann wieder frech und satirisch. An meinen Projekten arbeite ich mit viel Herzblut. Ich liebe alle Produktionen, jedoch eine liegt mir besonders am Herzen, Das Lied von der Erde, von mir für Marionettenspiel eingerichtet, ergänzt mit Gedichten von Hermann Hesse, verbunden mit der bewegend eindringlichen Musik von Gustav Mahler. Musik und gespielte Szenen werden eins, eine bildreiche Meditation entsteht. Mich reizt Kunst am meisten, wenn sie Tiefgang hat.“

Puppenspieler haben einen großen Fundus © Raaflaub
Puppenspieler haben einen großen Fundus © Raaflaub

Charismatisches, leidenschaftliches Zusammenspiel

Die zeitliche Unabhängigkeit und das Theater vor der eigenen Haustür sind für Raaflaub und Isenring ideal. Spontan kann geprobt werden. Damit die Bewegungen auf der Bühne fließen und ineinander übergreifen, muss alles gut harmonieren. Zwischen den vorgegebenen Choreografien bleibt Spielraum für Improvisation, den sie gekonnt nutzen. Auch abseits der Bühne ergänzen sich beide. „Ich bin eher emotional und nervös, Werner ist geerdet und ruhig“, deutet Raaflaub an. Schnell wird ersichtlich, Raaflaub und Isenring sind trotz unterschiedlicher Charaktere ein eingespieltes Team und ergänzen sich ohne Worte. Während Raaflaub die Künstlerische Leitung und den Figurenbau übernimmt, sorgt Isenring für die funktionierende Technik. Auf der Bühne agieren die Partner voller Leidenschaft und Charisma. Sie spielen auf offener Bühne und nicht im Guckkasten, wie einige andere Marionettenbühnen, und wissen das Publikum zu begeistern und für sich einzunehmen.

Eine erotische Satire

In Burlesque meets Brecht nehmen Hans Jörg Raaflaub und Werner Isenring mit viel Schalk ihr Publikum auf eine verrückte und unterhaltsame Reise mit. Schnell waren sie davon überzeugt, dass die teils rotzfrechen provokanten Texte von Brecht gut zur glamourösen Kunst der Burlesque passen und verfassen ein Theaterstück. So entsteht mit Liedern von Bertolt Brecht eine erotische Satire. Neue Marionetten werden für die Show nicht entworfen. „Diese ist über 30 Jahre alt und stand noch nie auf der Bühne“, bemerkt Raaflaub und zeigt eine rothaarige Puppe, die er für ihren ersten Auftritt restauriert hat. Im Stück ist sie die Sängerin und Schauspielerin Lotte Lenya, die 1928 bei der Uraufführung der Dreigroschenoper von Brecht, ihr Mann Kurt Weill schrieb die Musik, die Rolle der Jenny verkörperte.

Zahlreiche Akteure der großen Puppenfamilie, die auf dem Dachboden direkt über dem Theatersaal untergebracht sind, geben ein Comeback, während andere in neuen Rollen ihr Debüt feiern. Im rund einstündigen Varieté-Programm werden vierzehn kleine, musikalische Geschichten aus dem Werk des bekannten deutschen Dramatikers und Lyrikers auf die Bühne gebracht. Dabei überraschen die beiden Puppenspieler ihr Publikum, regen zum Nachdenken an und unterhalten bestens. Sie sind der Überzeugung, dass sich ein Stück nur im Austausch mit dem Publikum entwickeln kann, und vermögen diesen Bogen exzellent zu spannen. Für die einzelnen Nummern greift das Duo auf bekannte musikalische Aufnahmen wie Mackie Messer von Max Raabe oder Pirate Jenny von Marianne Faithfull zurück. Gekonnt treten Raaflaub und Isenring auch als Sänger und Sprecher auf.

Freuen darf man sich auf Himmel und Hölle, ein mitreißender satirischer Blick auf die Menschheit. Dafür hat Raaflaub neue Figuren gefertigt. Und auch für Die Geschichte vom Soldaten von Igor Strawinsky sind bereits neue Protagonisten am Entstehen. Erwartungen sind geweckt.

 Burlesque meets Brecht   –  die nächsten Termine 5., 6., 13. und 14. November 2021

ScarFuso’s TheA(r)Telier Puppentheater  –  Adresse:   An der Oberen Hönggerstrasse 9 a, CH-8103 Unterengstringen, Schweiz,  Tel. 0041-79 297 21 60   /   hj.raaflaub@gmx.ch

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