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Osnabrück, Theater am Domhof, FORTUNE – Schauspiel von Simon Stephens, IOCO Kritik, 05.10.2021

Hanns Butterhof
04. October 2021
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd
Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

FORTUNE – Schauspiel von Simon Stephens

– Drama der maßlosen Ichbezogenheit –

von Hanns Butterhof

 

Das Theater Osnabrück mit der neue Intendanz Ulrich Mokrusch verspricht, die Spielzeit 21/22 werde „gemeinsam“, „transkulturell“ und auch „maßlos“ sein. Maßlosigkeit ist auch das Thema der deutschsprachigen Erstaufführung des Schauspiels Fortune von Simon Stephens, das im Theater am Domhof den Auftakt macht. Fortune holt den Mythos von Doktor Faust unterhaltsam, aber kaum stimmig in die Gegenwart und stellt der Maßlosigkeit ein schlechtes Zeugnis aus.

Für Fortune hat Anna Bergemann eine abstrakte Einheitsbühne entworfen, deren weiße, quaderförmige Elemente beweglich sind und verschiedene Räume überall auf der Welt bezeichnen können.

Fortune lehnt sich hauptsächlich an die Gretchentragödie von Goethes Faust I an. Sein titelgebender Protagonist Fortune (Stefan Haschke), ein erfolgreicher, vielleicht genialer Regisseur, verliebt sich in die blonde Produzentin Maggie (Lena Vix). Aber die schöne, madonnamäßig hellblau und weiß gekleidete (Kostüme: Clemens Leander) Frau bewundert Fortune nur als Künstler, als Verheiratete wahrt sie schicklich Distanz zu ihm.

Theater am Domhof / FORTUNE hier : Magisches Dreieck mit Maggie, Fortune und Lucy vli Lena Vix, Stefan Haschke, Sascha Maria Icks © Joseph Ruben
Theater am Domhof / FORTUNE hier : Magisches Dreieck mit Maggie, Fortune und Lucy, von links Lena Vix, Stefan Haschke, Sascha Maria Icks © Joseph Ruben

Fortune möchte sie aber unbedingt besitzen. Deshalb handelt er mit der in dreifacher Gestalt erscheinenden Heroin-Dealer*in Lucy (Katharina Kessler, Sascha Icks, Thomas Kienast) einen Vertrag aus, den er faustmäßig mit Blut unterschreibt: Für seine Seele, an die er nicht glaubt, verschafft sie ihm zwölf Jahre mit ihrer Zauberkraft alles, was er wünscht; die Lösung der Klimakrise gehört nicht dazu. Ihren Teil des Paktes erfüllt Lucy mal spektakulär, als sie Fortune den Sprung von einem Hochhaus unverletzt überstehen lässt (eindrucksvolles Video und Musik: Sascha Vredenburg), mal komisch, als sie den Finanzier eines Filmes (Thomas Kienast) als Strafe für dessen unangemessene Bedingungen in eine Kohl fressende Ziege verwandelt. Auf Fortunes Verlangen hin lässt sie sogar Charly Chaplin (Laila Richter) von den Toten auferstehen und für einen Film Fortunes casten.

Da erkennt die inzwischen ergraute Maggie, dass auch ihr – nicht näher dargestelltes – intimes Verhältnis zu Fortune auf zauberischer Gewalt statt auf anerkennender Liebe beruht. Ein Vaterunser für ihn betend wendet sie sich von ihm ab. Danach werden die restlichen sieben Jahre seines Lebens für Fortune schal und sinnlos, bis ihn am Ende Lucy für ewiges Leiden in die Hölle holt.

In einem spielfreudigen Ensemble fesselt Stefan Haschke als sich in maßlose Ichbezogenheit steigernder, dann aber angstvoll zurücknehmender Fortune. Lena Vix bleibt, sieht man vom Ergrauen ihres Blondhaars ab, eine von allem Geschehen weitgehend unbewegte Maggie. Die drei Lucys Katharina Kessler, Sascha Maria Icks und Thomas Kienast sind erfreulich teuflisch mit manchmal erstaunlich menschlichen Zügen. Die gesanglichen Einlagen Oliver Meskendahls, die auf Englisch ohne Untertitel Essenzielles über Gott und die Welt verkünden, bleiben mit Tendenz zur Musical-Karikatur ein Fremdkörper in der Aufführung.

Christian Schlüter hat Fortune unterhaltsam, teils witzig inszeniert, ordentlich Bühnenzauber veranstaltet und mittels der sinnig eingesetzten Drehbühne viel Bewegung in das doch sehr wortlastige Stück gebracht, das einige kräftige Striche vertragen könnte. Fortune trägt schwer daran, dass es das Verhältnis von rationalistischer Gegenwart und mythologischer Vergangenheit – etwa die Beziehung von Heroin und allmächtigem Teufel Lucy – nicht schlüssig löst. Bemüht wird die Frage nach der Existenz Gottes, des Teufels und der menschlichen Willensfreiheit aufgeworfen. Aber weil diese großen, dem Faust-Mythos geschuldeten Themen nur als Motive für Filme zur Sprache kommen, bleiben sie den Figuren äußerlich. Berührend bleibt nur das persönliche, aber sehr aktuelle Drama der Beziehungslosigkeit und skrupellosen Ichbezogenheit.

Nach gut drei unterhaltsamen Stunden viel Applaus für alle Beteiligten, v.a. Stefan Haschke in der Titelrolle

FORTUNE in Theater am Domhof, die nächsten Termine: 1.10., 12.10. um 19.30 Uhr, 3.10.,  31.10. um 15.00 Uhr

—| IOCO Kritik Theater am Domhof |—


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