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München, Bayerische Staatsoper, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.10.2021

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Hans Günther Melchior
01. October 2021
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Der Fliegende Holländer  –  Richard Wagner

Sentas zerstörerischer Fanatismus

von Hans-Günter Melchior

Also genaugenommen fliegt der Holländer nicht gerne. Er ist im Grunde ein geselliger Typ, jedenfalls war er das in Bayreuth, wo er sich der Runde der Seeleute beim Trinken anschloss, wenn auch düstere Reden führend. In Peter Konwitschnys Inszenierung (Premiere am 26. Februar 2006 im Nationaltheater in München!) tritt er im 1. Akt freilich zunächst als recht finsterer Geselle über den Landesteg seines unsichtbaren Schiffs an wilder, felsiger Küste in die Szene. So dass von vornherein den ebenfalls gestrandeten Seeleuten Dalands Unheil zu dräuen scheint.

Das Geschehen ist in eine drohend romantische Szenerie getaucht, schwere Wolken, aus denen die dunkle Musik des Anfangs gleichsam hervorzudringen scheint. Man ist sofort mitten im Stück und ahnt nichts Gutes.
Ein wenig tastend im Schritt kommt Kapitän Daland von der anderen Seite der Bühne, sehr schön alarmiert vom Steuermann (Evan LeRoy Johnson), ebenfalls auf einem Landesteg, der sein Schiff andeutet, ohne es zu zeigen. Er tritt auf den seltsamen Fremdling zu, beiden Schiffen hat der Sturm übel mitgespielt, beide Kapitäne wollen eigentlich weiter und können nicht. Insbesondere Daland sehnt sich nach der nahen Heimat zurück.

Der Fliegende Holländer – hier 2006 zur Premiere
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Das ist auch nach 15 Jahren immer noch höchst beklemmend und nahe-zu hemmungslos die romantischen Klischees einsetzend inszeniert. Bertrand de Billy, der das famose Bayerische Staatsorchester leitet, unter-streicht das mit donnerndem Orchesterklang, der an manchen Stellen dann doch die Ohren ein wenig strapaziert.

Dass der Holländer gerne wieder auf festem Grund lebte, vor allem an der Seite eines treuen „Weibes“, erfährt man schnell. Und weil Daland eine Tochter namens Senta hat, die sich der vom Satan zu ewiger Seefahrt verfluchte und nach der Sesshaftigkeit sehnende Holländer im Wortsinne sofort zu erkaufen entschlossen ist, wird man schnell handelseinig. Kei-neswegs überraschend ist das für uns Heutige. Denn Konwitschny lässt seinen Holländer mit einem Haufen Geschmeide Eindruck schinden –, was für ein unschlagbares Argument, da konnte weder (der ewig verschuldete) Wagner noch kann Daland widerstehen. Auf geht’s bei auffrischendem Wind der Heimat Dalands und Senta entgegen. Dass die Tochter erst gar nicht gefragt wird, schadet kaum, ist sie doch bereits einem Gemälde, das den Holländer ins Rembrandt-Dunkel gemalt zeigt, verfal-len.

Im 2. Akt wechselt die Szene ins Zeitgemäße, ins beinahe Leichtfertig-Läppische eines Fitnessstudios, in dem die sogenannten Spinnerinnen auf sogenannten Indoor-Bikes sitzen und mit Summ und Brumm die guten Rädchen besingen. Senta tritt auf und bekennt sich zu Holländer. Dem „bleichen Mann“, der „ohne Rast, ohne Ruh“ die Weltmeere befahren muss und keine Erlösung von diesem sinnlosen Treiben findet. Anja Kampe singt das höchst beeindruckend, wenn sie auch in der hohen Lage bei dieser mehr als anspruchsvollen Aufgabe an die Grenze des Schreiens zu geraten droht. Senta, die Erlöserin, ein religiöses Klischee. Sie will sich für den Mann, den sie nicht kennt, opfern, indem sie ihm ewige Treue verspricht. Das hat Züge von Fanatismus. Konwitschny sah das offenbar auch so, wie sich am Ende zeigen wird.

BayerischStaatsoper / Der Fliegende Holländer © Wilfried Hoesl
BayerischStaatsoper / Der Fliegende Holländer © Wilfried Hoesl

Erik, der – bis dahin – Geliebte (makellos Benjamin Bruns), mahnt das Liebesversprechen an, klagt die Treue ein. Doch Senta bleibt bei ihrem Vorsatz. Eine Opferwillige um jeden Preis, händeringend zur Rückkehr ins bürgerliche Leben beschworen von Mary (eindrucksvoll Marina Prudenskaya).  Daland, von Christof Fischesser souverän verkörpert, kommt mit Holländer hinzu. Johan Reuter vertritt überzeugend den erkrankten John Lundgren mit tiefem und kernigem Bariton.

Hinreißend die Chöre. Alle Chöre. Perfekt. Das geht unter die Haut.

Nun wird in einem Fitnessstudio das Menschheitsschicksal verhandelt. Nun ja, wenn man so will. Als besonders erleuchtet erscheint diese Idee freilich nicht. Da stehen die Trimmräder herum und der Holländer erfleht die Erlösung von Fluch des Bösen. Eigentlich ist dies nicht der nächste Gedanke in solcher Umgebung.

Im 3. Akt dann die „Schürzung des Knotens“. Es kommt zum Schwur. Ein Zimmer, vielleicht auch ein Platz. Tische. Humpen mit Bier und Wein. Links die Leute Dalands, fröhlich, trinkend mit ihren Mädchen und Frauen, rechts die böse schweigenden Leute des Holländers, sich jeglicher Geselligkeit, jeglichem Kontakt mit den anderen verweigernd. Annäherungsversuche werden mit Drohgebärden zurückgewiesen.

Erik erinnert Senta daran, dass sie ihm die Treue geschworen hat. Der Holländer erkennt nun, dass ihn seine Hoffnungen auf eine bedingungslos zu ihm haltende Frau trogen. Er befiehlt den Rückzug auf das Schiff, zur ewigen Seefahrt verdammt. Senta indessen wird nun von Konwitschny als gefährliche Fanatikerin, ja Terroristin entlarvt. Sie beharrt auf ihrem Erlösungswillen: bricht radikal mit ihrem bisherigen Leben, sprengt sich in die Luft, reißt die anderen mit in den Untergang. Die gesamte Bühne versinkt im Nebel und in schwarzem Nichts.

Erschrockenes Schweigen  –  dann großer Beifall

Der fliegende Holländer – Bayerische Staatsoper; die nächsten Vorstellungen am 1.10.; 6.10.2021.

 

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