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Bremen, Die Glocke, Musikfest Bremen – Orchestre des Champs-Elysées, IOCO Kritik, 28.09.2021

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Marcel Bub
28. September 2021
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Bremer Rathaus Marktplatz Glocke © Nikolai Wolff
Bremer Rathaus Marktplatz Glocke © Nikolai Wolff

Musikfest Bremen 2021

Musikfest Bremen 2021

Orchestre des Champs-Elysées – Philippe Herreweghe

Wolfgang Amadeus Mozart – Sinfonie Nr. 40  *  Ludwig van Beethoven – Eroica

  von Marcel Bub  

Der Klang symphonischer Revolution Meisterwerke der Musikgeschichte mit dem Preisträger des Musikfests Bremen 2021: Philippe Herreweghe und das Orchestre des Champs-Elysées

Als feinsinniger Analytiker und versierter Kenner klanglicher Ästhetik überzeugt und beeindruckt Philippe Herreweghe bereits seit Jahren durch intelligente und nuancierte Originalklanginterpretationen von Werken insbesondere der Alten Musik, des Barock sowie der Klassik und Romantik. Der Gewinner des  Musikfest Bremen 2021 – Preises war am Donnerstag, 16.09.21, mit dem von ihm 1991 gegründeten und seitdem eng verbundenen Originalklangensemble Orchestre des Champs-Elysées mit zwei Meisterwerken der Symphoniekunst zu Gast in der Glocke, Bremen.

Wolfgang Amadeus Mozart erreichte im Zuge der Komposition der drei Sinfonien Nr. 39, 40 und 41 ein bisher noch nicht da gewesenes Niveau an symphonischer Komplexität und genrespezifischer Größe. Die drei Werke heben sich von der Serienproduktion ab und nehmen eine herausragende und individualisierte Position in Mozarts symphonischem Schaffen ein. Die auf den 25. Juli 1788 datiert Sinfonie Nr. 40 g-Moll KV 550 stellt eine Art des verbindenden Übergangs in dieser Trias dar, welcher sich durch eine komplexe Struktur und einen durchgehenden Mollcharakter auszeichnet – so wurde folgerichtig auch der Schluss in Moll gehalten, was von der damaligen Konvention, Mollstücke stets in Dur abzuschließen, abwich. In dieser Sinfonie vereinen sich tiefe Schwermut und freudige Schönheit auf teilweise dramatische, teilweise sanft-tastende und steht höchst spannende Art und Weise.

Der erste Satz, welchen Mozart von Allegro assai in Molto Allegro abänderte und beschleunigte, beginnt dynamisch gänzlich unvermittelt mit den unruhig pendelnden Achtel-Bewegungen der tiefen Streicher, die sich wie ein Pulsschlag durch den gesamten Satz ziehen. Das unverkennbare Hauptthema setzt ein und bildet den Auftakt einer großen symphonischen Architektur. Herreweghe arbeitete diese auf erfrischend klare und fein nuancierte Weise heraus. So spielten insbesondere die Streicher des Orchestre des Champs-Elysées, welche sich an diesem Abend neben der freundlich zugewandten Autorität Herreweghes insbesondere auch an dem akzentuierten Spiel des ersten Violinisten Alessandro Moccia orientierten, kristallklar und mit feiner Intensität. Die komplexe Dynamik des Satzes trat gelungen zu Tage, der Klang schwoll strahlend an, wurde wieder eingefangen und mündete schließlich in spritzig, sanfter Klarheit.

Musikfest Bremen 2021 / Orchestre des Champs-Elysées © Orchestre des Champs-Elyséeas
Musikfest Bremen 2021 / Orchestre des Champs-Elysées © Orchestre des Champs-Elyséeas

Im zweiten Satz (Andante) fügte der Dirigent studienhaft die Klänge der einzelnen Instrumentengruppen zu einem sich langsam ausbreitenden Klangteppich zusammen. Mit liebevoll anmutenden Dirigat – Herreweghe justierte aufmerksam jede Feinheit, jeden klanglichen Bogen und nutzte dabei, statt eines Taktstocks, seine Arme, Hände und sogar die Finger auf interessante und detailverliebt Weise – gestaltete er das stetige An- und Abschwellen des Klangs sowie das sich langsam hinziehende Herantasten vor der nächsten dynamischen Spitze. Auch hier dominierten die ersten Violinen in ihrem präzise schneidenden und tragenden Spiel, ohne dabei aufdringlich zu sein. Unverkennbar war zu spüren, dass sich die Musikerinnen und Musiker sowie der Dirigent gut kennen, und die Kommunikation auf der Bühne funktioniert.

Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO
Wolfgang Amadeus Mozart in Wien © IOCO

Energetisch setzte der dritte Satz (Menuetto: Allegretto) ein und erfuhr in seinem teilweise an barocke Kammermusik erinnernden Verlauf eine spannende klangliche Komplexitätssteigerung. Herreweghe gestaltete einzelne Passagen gezügelt und mit ehrlicher Freude wie einen langsamen Tanz, welcher sich bald in ein dynamisches Gebilde entwickelte und durch stetiges Zuwenden und klangliches Hin- und Her einzelner Instrumentengruppen in den Final-Charakter des Vierten Satzes (Allegro Assai) überleitete. Insbesondere an dieser Stelle erreichte das Orchester höchstes Niveau klanglicher Komplexität und Schönheit. Die Sinfonie endete schließlich mit einem dynamischen und energetischen Satz, in dem sich Steigern und Einfangen von Tempo und Lautstärke abwechselten. Wenngleich Zusammenspiel und Interaktion zwischen Orchester und Dirigent stets durch Aufmerksamkeit und gute Response gekennzeichnet waren, gelangen die strahlenden Öffnungen des Orchesterklangs dabei noch unmittelbarer und prägnanter als die darauf folgenden Pianomomente. Das Finale war schließlich von feiner Schärfe, klanglicher Schönheit und deutlicher Freude am Musizieren gekennzeichnet, was das Publikums mit begeistertem Applaus honorierte.

Was sich bereits in Mozarts Sinfonik andeutete, näherte sich bei Ludwig van Beethoven der Vollendung. Dieses 1802/03 entstandene revolutionäre Schlüsselstück der Musikgeschichte und Kompositionskunst,  die Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 »Eroica«, traf bei der Uraufführung 1805 im Theater an der Wien wohl noch ein in weiten Teilen überfordertes Publikum an. Für die damaligen Hörtraditionen gänzlich neue, bizarre und unerhörte Abläufe, Längen und Dimensionen deuten bereits auf die Außergewöhnlichkeit dieser Komposition hin, welches als Beginn der Epoche der klassisch-romantischen Sinfonie zu verstehen ist. „Die Revolution hatte die Musik erreicht“, heißt es im Programmheft des Abends. „Die Sinfonie ist musikalische Avantgarde par excellence und eine vehemente politische Einmischung, wie es sie in der Musik noch nicht gegeben hatte.“ Als Sinfonia eroica, composta per festeggiare il souvenire di un grand`uomo (Heroische Sinfonie zur Erinnerungsfeier für einen großen Menschen) widmete sie Beethoven ursprünglich Bonaparte als Helden der Französischen Revolution, zog diese Ehrung jedoch nach dessen Krönungsplänen zurück, indem er das entsprechende Titelblatt zerriss und widmete sie stattdessen dem Fürsten von Lobkowitz.

Musikfest Bremen 2021 / Orchestre de Champs-Elysées hier Dirigent Philippe Herreweghe © Michie Hendryckx
Musikfest Bremen 2021 / Orchestre de Champs-Elysées hier Dirigent Philippe Herreweghe © Michie Hendryckx

Der prägnante Einstieg des ersten Satzes (Allegro von brio) – auf zwei Tutti-Schläge folgt im Piano das Hauptthema, welches Beethoven Mozarts Bastien und Bastienne entnahm – wurde von Herreweghe und dem Orchester machtvoll und eindringlich gestaltet sowie zugleich fein ausgeführt. Die Streicher schufen in atemberaubendem Tempo und mit Präzision einen schneidend strahlenden Klang, der die Grundlage des folgenden großen symphonischen Zusammenhangs bildete. Während die Pauke immer wieder pointierte Akzente setzte, fielen insbesondere die Blechbläser, ob ihres interessanten und charakteristischen historischen Klangs, auf. Mit einer gelungen herausgearbeitete Dynamik – das Piano hätte lediglich an wenigen Stellen noch deutlicher sein können – entwickelte sich der Klang des Orchesters mit faszinierenden Momenten des An- und Abschwellens bis hin zu einem sich durch Tempo, Schärfe und Präzision auszeichnenden Finale des ersten Satzes, im Zuge dessen insbesondere die Violinen und Celli Höchstleistungen darboten.

Mit dunkler Schärfe setzte der zweite Satz (Marcia funebre: Adagio assai) ein. Das von Anfang an hellwache Orchester kam immer mehr in Fahrt und entwickelte eine sich interessant zusammensetzende und ausbreitenden Klangfläche. An das träumerisch sehnsüchtige Spiel der Blasinstrumente reiht sich ein Streicherpiano, welches dramatisch anschwellend in interessante Cellipassagen, bombastische Klangspitzen und schließlich einen insbesondere durch die erste Geige gestalteten langsamen Schluss überging. Im dritten Satz (Scherzo: Allegro vivace), bei dem auf einen leicht zurückhaltenden Einstieg akzentuierte Steigerungen folgten, kamen die historischen Bläser eindrucksvoll zur Geltung. Der vierte Satz (Finale: Allegro molto) beinhaltete schließlich das Eroica-Thema, welches Beethoven zudem in der Ballettmusik Die Geschöpfe des Prometheus und den Eroica-Variationen für Klavier verarbeitete. Das Orchester bot in diesem Finale des Abends nochmals große Kunst dar. Neben den Streichern und der Trommel sind hier insbesondere die Flöten hervorzuheben. Der Klang kulminierte schließlich nach einem vielschichtigen und spannungsreichen Aufbau temporeich, präzise und dynamisch in einer schier unendlichen Reihe aus Schlussakkorden, bevor das Publikum in begeisterten Applaus und Jubel einsetzte. Dieser Konzertabend in der Endphase des Musikfest Bremen 2021 beinhaltete auf vielen Ebenen Kunst auf höchstem Niveau und entließ das Publikum begeistert in die Nacht.

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