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Lockenhaus, Kammermusikfest 2021, Ein Wallfahrtsort für Kammermusik-Liebhaber, IOCO, 28.07.2021
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Hans Günther Melchior
28. July 2021
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Burg und Kirche Lockenhaus - im abendlichen Nebel © a4grafik
Burg und Kirche Lockenhaus – im abendlichen Nebel © a4grafik

Kammermusikfest Lockenhaus

  Kammermusikfest Lockenhaus – 2021 “SINNESERWACHEN”

Wallfahrtsort im Burgenland für Kammermusikliebhaber

 von Hans-Günter Melchior

Lockenhaus, nahe der ungarischen Grenze  im Burgenland in Österreich ist eine Art Wallfahrtsort für Liebhaber und Kenner der Kammermusik. Wer hierher kommt, will nicht gesehen werden, er will hören und noch einmal hören –, bis in die Nacht hinein.

Seit 40 Jahren kommen immer dieselben Anhänger der Kammermusik. Zwanglos und ohne den sonst bei Festspielen ebenso üblichen wie lästigen Aufwand geht es zu, leger und in Freizeitkleidung, Jeans, manche in kurzen Hosen. Konzentriert und neugierig, sachverständig sind die Wallfahrer, entschlossen, sich einer Musikanstrengung sondergleichen auszuliefern. Hier geht es ausschließlich um die Musik, schwierige und schwierigste, die die Aufmerksamkeit von allem anderen abzieht und oft Versenkung erfordert. Mit anderen Worten: es sind nicht die ausgetretenen Pfade der üblichen und populären Renner zum Mitsingen, oft ist es Neuland, selbst für die Spezialisten, deren es hier nicht wenige gibt.

Viele der Besucher spielen ein Instrument. Wohl mehr als die Hälfte. An manchem des Dargebotenen haben sich selbst versucht und sind begeistert, wenn den Künstlern gelingt, woran sie sich abmühten. Überhaupt: bewundernswert ist die Reife, die technische Perfektion und das inhaltliche Verständnis der meist noch sehr jungen und äußerst engagierten Darbietenden, von denen manche bereits international etabliert sind.

Ganz zu schweigen von den Meisterleistungen eines Gidon Kremer oder Andras Schiff.

Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt @ Niklas Schnaubelt
Kammermusikfest Lockenhaus / hier: künstlerischer Leiter und Cellist Nicolas Altstaedt @ Niklas Schnaubelt

Die Musik also und nochmals die Musik. Das kann bis Mitternacht gehen, drei oder vier Vorstellungen hintereinander an einem Tag; bis dann doch der Kopf auf die Brust sinkt und der letzte Funken übergesprungen ist. Pierrot lunaire von Arnold Schönberg etwa, beginnend um 22.00 Uhr ist eine Herausforderung, textlich wie musikalisch, besonders wenn man bereits am Morgen um 11.15 Uhr George Antheil, Heinz Holliger György Kurtag und die Klaviersonate c-Moll op. 111 von Ludwig van Beethoven, am Nachmittag Werke von Debussy, Liszt, sodann  von 19.00 Uhr bis 21.00 Uhr Duos, Trios von Feldman, Camille Saint-Saens (mit Heinz Holliger als Oboist), ein 3-sätziges Sextett für Bläserquintett und Klavier von Francis Poulenc, außerdem Werke von Bohuslav Martinu, Benjamin Britten, Claude Vivier und anderen mehr gehört und zu verarbeiten hatte.

Dies nur ein Beispiel von einem einzigen Tag. Zehn Tage lange füllt einem – vor allem auch neue, zeitgenössische, auch experimentelle – Musik den Kopf, macht nachdenklich und wissbegierig, forschereifrig; und – selten zwar – mutlos aus mangelndem Verständnis. Es treten auch manche Komponisten mit eigenen Werken auf, stellen sich einem kritischen Publikum, zum Beispiel der Finne Olli Mustonen, der auch als Pianist und Dirigent zu internationalem Ansehen gelangte. Oder der 82-jährige Schweizer Heinz Holliger, Komponist, Oboist und Pianist.

Es ist einem Beitrag wie dem vorliegenden nicht möglich, die Fülle der in dem Lockenhauser Kammermusikfest dargebotenen Werke über 10 Tage zu benennen, geschweige denn zu besprechen.

Im Zentrum standen dieses Jahr – jedenfalls für mich, jeder hat so seine Prioritäten –  die 6 Streichquartette von Bela Bartok. Meisterhaft dargeboten von dem Kelemen Quartett. Jedes einzelne dieser Quartette stellt einen ganzen musikalischen Kosmos dar, fordert extreme Aufmerksamkeit für die höchst differenzierten rhythmischen und thematischen Feinheiten. Für das Volksliedhafte ebenso wie für die dodekaphonischen und chromatischen Besonderheiten im Werk dieses ganz Großen des 20. Jahrhunderts (er zählt neben Richard Strauss und Igor Strawinsky zu den Bedeutendsten seiner Zeit), dessen Musik weit in die Moderne hineinreicht und dabei Elemente aus den Musiken vieler Völker in sich aufnimmt. Bartoks komplexe Musik verdiente ein eigenes Kammermusikfest.

Dem Kelemen Quartett merkt man das intensive Studium der Musik des Landsmannes an, ein ursprüngliches Verständnis für gewisse Besonderheiten (z.B. das Bartok-Pizzicato, die Verarbeitung von Volksliedhaftem, Polymetrik, Ganztonleiter, Abweichungen von der herkömmlichen Diatonik, Eigenheiten der Pentatonik u.a.m.), die Musiker sind in dieser Musik zu Hause, spielen hinreißend engagiert und lassen sich selbst hinreißen.

Eine Werkstattveranstaltung mit dem Quartetts unter der Leitung des  Musiklehrers Prof. Eberhard Feltz arbeitete die höchst subtilen Besonderheiten z.B. des Streichquartetts Nr. 2 heraus, assoziierte eine Passage mit einem Todesmarsch von Nazi-Gefangenen. Was für ein Jammer, dass ein Genie wie Bartok völlig verarmt in den USA verstarb.

Natürlich kamen die Klassiker nicht zu kurz. Beethovens Klaviersonate in As–Dur op.26 und die Sonate für Viola und Klavier f–Moll op. 120 Nr.1 von Brahms wurden von Alexander Lonquich (Klavier) und Timothy Ridout (Viola) gespielt. Rachmaninov und Bach (Violine: Gidon Kremer) kamen zur Aufführung, nur  – leider – fehlte in diesem Jahr Mozart, sieht man von einer Nebenbemerkung des Pianisten András Schiff einmal ab.

Ein Gipfelpunkt war freilich das sogenannte Rezital von András Schiff. Er spielte die B-Dur Sonate von Schubert, ferner die sogen. Geisterromanze von Schumann und ein Jugendwerk von Bach.

Das vergeistigte Spiel dieses sich in die Musik nicht nur hinein versenkenden, sondern geradezu in ihr verschwindenden und mit ihr eins werdenden  Künstlers sorgte für eine atemlose, selten erlebte Spannung. Hier wurde die Musik zur Tat, dargeboten mit einer Autorität der Sinngebung, die für etwa 1 ½ Stunden die Welt um sich herum vergessen ließ. Immer wieder strebt das Kammermusikfest in Lockenhaus solchen Höhepunkten zu und macht seine Einzigartigkeit aus.

Die verzaubernde St Nikolaus Kirche in Lockenhaus / 2020 auch Spielort des Kammermusikfest @ Alois Weber
Die verzaubernde St Nikolaus Kirche in Lockenhaus / 2020 auch Spielort des Kammermusikfest @ Alois Weber

 Anmerkungen zur Geschichte und zum Festspielort

Das Kammermusikfest Lockenhaus wurde vor 40 Jahren von dem berühmten Geiger Gidon Kremer gegründet. Er ist auch der Begründer des Orchesters Kremerata Baltica, das inzwischen internationale Reputation genießt.

Im Jahre 2012 hat Gidon Kremer die künstlerische Leitung an den Cellisten Nicolas Altstaedt, Foto, abgegeben, der nicht nur an vielen Konzerten mitwirkt, sondern dem es immer wieder gelingt, renommierte Künstler aus vielen Nationen für Auftritte in Lockenhaus zu gewinnen.

Die Kartenpreise sind, verglichen mit den Beträgen anderer Festspielorte, durchaus erschwinglich, sie pendeln zwischen 25 und 34 Euro. Die Künstler bekommen keine Gage, finanziert wird nur die Anreise und der Aufenthalt am Festspielort.

Die Gemeinde Lockenhaus hat 1.981 Einwohner. Sie gehörte  bis in die 20-er Jahre des 19. Jahrhundert hinein zu Ungarn. Heute gehört sie zum Burgenland. Lockenhaus liegt etwa in der Mitte zwischen Wien und Graz, unmittelbar an der Grenze zu Ungarn, Die ungarische Stadt Sopron mit ihren mittelalterlichen und barocken Bauwerken liegt in der Nähe. Ferner die Stadt  Köszeg, die nur 2 km von der Grenze entfernt ist. Ungarischer Einfluss ist allenthalben bemerkbar, viele Ungarn pendeln zwischen ihrem Heimatort zum Arbeitsplatz in Österreich.

In Lockenhaus selbst gibt es nur wenige Unterkunftsmöglichkeiten. Die Besucher des Kammermusikfestes verteilen sich auf die umliegenden Ortschaften, insbesondere auf das ca. 16 km entfernte und über eine großzügig angelegte Straße leicht erreichbare Kirchschlag in Niederösterreich.

Spielstätten: Die mittelalterliche Ritterburg Lockenhaus  – Die Pfarrkirche

Die Ritterburg Lockenhaus liegt hoch über dem Dorf, ein majestätisches Bauwerk, dessen Bauzeit auf das 13. Jahrhundert zurückgeht und einmal ein Unterschlupf für die Tempelritter gewesen sein soll. Belegt ist, dass hier die ungarische Gräfin Elisabeth Báthory residierte, der Legende nach eine sadistische Massenmörderin, der über 80 Morde mittels Folter an Bauernmädchen und Frauen aus dem niederen Adel zur Last gelegt wurden. Sie wurde hingerichtet. Die Täterschaft der Gräfin ist neueren historischen Forschungen zufolge freilich umstritten.

Heute gehört die Burg einer Stiftung an. Sie ist vollständig restauriert und verfügt über einen Konzertsaal mit ausgesprochen guter Akustik. An heißen Sommertagen wabert hier freilich die Hitze, das dicke Gemäuer lädt sich auf wie ein Heizofen.

Die Pfarrkirche Lockenhaus wurde in der Zeit von 1656 bis 1669 errichtet, ein Barockbau mit großer Orgel und bemerkenswertem Altar und fein gestalteter Kanzel. Obwohl der Klang hier etwas „hallig“ ist, nimmt man dieses Manko an heißen Tagen gerne in Kauf. Die Kirche ist angenehm kühl.  Direkt neben der Pfarrkirche befindet sich das Sommerschloss der Adelsfamilie Esterházy.

Manchmal, freilich höchst selten, gibt es einige freie Stunden. Dann fährt man in der sogenannten „Buckligen Welt“, einer wunderbar weich geschwungenen Höhenlandschaft mit vielen Erhebungen (sich wellig ablösenden Buckeln) zu entlegenen Gasthäusern hinaus, wo man u.a. hervorragenden Fisch essen kann. Und abends empfiehlt sich der „Blaufränkische“, eine beliebte Rotweinsorte, die hier zu Hause ist.

Nach Ende des Kammermusikfestes Lockenhaus ist der Kopf noch lange gebannt von  herber Chromatik, harter Rhythmik der Moderne wie dem Ideenreichtum der Klassik. 2022 werde ich dem Kammermusikfest Lockehaus zum ..x..  Mal wieder beiwohnen.

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