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Wiesbaden, Staatstheater Wiesbaden, IL TRITTICO – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 14.07.2021

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Ingrid Freiberg
14. July 2021
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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold
Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

IL TRITTICO   –  Der Mantel – Schwester Angelica – Gianni Schicchi

Giacomo Puccini  –  auf das Private, das Intime konzentriert

von Ingrid Freiberg

Unter den Protagonisten der Operngeschichte nimmt Giacomo Puccini eine Sonderrolle ein: eine seltsame Zurückgenommenheit prägt seine Opern. Zwar kündet seine Musik von ganz großen Gefühlen, hat aber eine minutiöse psychologische Sichtweise. Puccini selbst bezeichnete sich als ein Mann der cose piccole. Fast folgerichtig ist da die Marginalisierung des Chores im Trittico. Nur kurz kommen die Kollektive zu Wort, gleichsam als atmosphärisches Gestaltungsmittel für die scharf gezeichneten Individualschicksale. Er legt seine Aufmerksamkeit auf die Hauptlinien der Dramen, komponiert mit äußerst feinem Pinsel. So gestisch, semantisch präzise stellt sich die Musik dar, dass die Partitur zum Regiebuch wird. Die Novellen der Trilogie stehen durchaus gleichberechtigt nebeneinander, jedoch experimentiert Puccini zwischen Moderne und Tradition. Die beiden Gesamtausgaben des Klavierauszugs (1918 und 1919) tragen auf dem Titelblatt nur die drei Einzeltitel. Schon vor der Uraufführung war der Komponist bereit, einer Trennung der drei Stücke zuzustimmen, er dachte sogar daran, Tabarro mit Villi zu kombinieren. Puccini geht damit einen neuen Weg: Während Wagners Ring-Zyklus nicht nur einen Abend, sondern gleich vier aufeinanderfolgende mit einer Handlung überzeugt, zerstückelt das Trittico den Opernabend in drei unverbundene Handlungen. Puccinis Vorliebe für episodische Dramaturgie erreicht hier ihren Gipfel.

IL TRITTICO  –  Intendant Uwe E. Laufenberg stellt vor
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Banalität und Brutalität im Pariser Arbeitermilieu

In Il Tabarro, Libretto Giuseppe Adami nach dem Drama La Houppelande von Didier Gold, finden sich viele Züge eines modernen Beziehungsdramas, das effektvoll das düstere Lokalkolorit eines Schiffermilieus, ein Fluss- und Liebesthema, zeigt. Aus Angst vor der Untreue seiner Frau Giorgetta beendet Michele mit einer scheußlichen Gewalttat jäh das Drama, das in seiner Dichte die Zeitgenossen Puccinis irritieren musste. Bemerkenswert ist der Einfluss von Strawinsky durch die Verwendung von nicht kaschierten dissonanten Intervallen, wie z. B. in der bedrohlichen Zuspitzung im letzten Teil des Duetts von Michele und Giorgetta. Die besondere Atmosphäre wird vorherrschend mit gedämpften düsteren Farben gemalt.

Ohne Mutter, Kind, bist du gestorben!

Am deutlichsten zurück ins 19. Jahrhundert weist die Klosteroper Suor Angelica, Libretto Giovacchino Forzano, in der das Martyrium einer jungen, wegen eines unehelichen Kindes verstoßenen Frau als Erlösungsdrama erzählt wird. Die Nonne erkennt die Möglichkeit, im Himmel mit ihrem Sohn vereint zu werden. In mystischer Ekstase verkündet Angelica, begleitet vom Chor der Schwestern, dass die Gnade des Himmels sie entzündet habe und trinkt Gift.

Die religiöse Färbung der Musik ist zwar nicht durchgängig, aber doch eines der auffälligsten Merkmale. Dem ehemaligen Kirchenmusiker und Organist der Kathedrale von Lucca gibt das Thema Gelegenheit, sein früheres Talent wiederzubeleben. Das Eingangsgebet und der Hymnus der Schlussszene sind Beispiele seines theatralischen Kirchenstils. Die Chöre der Nonnen sind gelegentlich a capella gesetzt.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico -hier: Gianni Schicci Ensemble © Karl und Monika Forster
Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico -hier: Gianni Schicci Ensemble © Karl und Monika Forster

Ein Schelm betrügt die Betrüger

Janusköpfig präsentiert sich Gianni Schicchi, ein Stoff aus Dantes Inferno, dessen Bühnenerfolg zu erwarten war, denn Schadenfreude ist eine der schönsten der menschlichen Freuden. Giovacchino Forzano macht von Klassengegensätzen im Libretto vergnüglich Gebrauch, die adeligen Donatis rümpfen die Nase über den neureichen Schicchi, der bäuerlicher Abstammung ist. Hier findet Puccini radikal neue Formen der kompositorischen Gestaltung, auch begibt er sich auf das Terrain der komischen Oper. Die Geschichte eines findigen Testamentsfälschers, der nicht nur den Verstorbenen prellt, sondern auch die scheinheiligen, habgierigen Erben. Durch Harmonik und Rhythmik, auf Transparenz zielende Instrumentation, gelingt ihm eine konsequente Abkehr vom Prinzip der Nummernoper.

Uwe Eric Laufenberg inszeniert die Trilogie in der Reihenfolge der Uraufführung am 14. Dezember 1918 an der Metropolitan Opera in New York. Mit viel Einfühlungsvermögen gelingt es ihm, die großen Gefühle psychologisch auszufalten und große Leidenschaften und Konflikte anzuheizen. Es ist nicht nur ein Vergnügen wieder im Theater sitzen zu dürfen, sondern es ist auch ein großes Vergnügen diese glaubwürdige einfühlsame Regiearbeit zu verfolgen. Kammerspielartig schenkt er den Figuren der Handlung als Opfer von Katastrophen Aufmerksamkeit. Dabei geht es ganz zentral um den Zusammenhang zwischen Normen und Mechanismus der Gesellschaft. Das Verhältnis von Masse, Macht und Mensch wird ohne Verfremdung und Überzeichnung aufgezeigt. Laufenbergs Personenführung ist durchdacht und führt zu erinnerlichen Situationen, etwa als Michele in Il Tabarro gedankenverloren auf das Wasser starrt (Arioso Nulla! Silenzio…) oder das bezwingende Duett zwischen der Fürstin und Schwester Angelica (Nel silenzio di quei racogglimenti… Senza mamma, o bimbo, tu sei morto… Ah, son dannata!…). Tragisch auch als ihre Mitschwestern der völlig Apathischen die Hand führen, damit sie die Verzichtserklärung auf ihren Erbanspruch unterschreibt, demütigend als die Äbtissin ihren Stuhl wegtritt, sie zu Boden sinkt. Das ist sehr beklemmend. Um die Selbstmörderin zu erlösen, steigt

Jesus vom Kreuz herab, das verstorbene Kind an der Hand. Doch anstatt ins himmlische Licht zu entschwinden, begraben sie die Schwestern in einer Versenkung. Die Erlösung wird ihr versagt. Geglückt ist auch Gianni Schicchi, ein Feuerwerk als Finale. Geistreich, virtuos wird die toskanische Leichtigkeit eingefangen, von den tragikomischen Klagegesängen bis hin zum hysterischen Suchen nach dem Erbe. Das ist mit großer Leichtigkeit gezeichnet, es mutet an, die Protagonisten konnten ohne Anleitung ihren menschlichen Schwächen frönen. Köstlich!

Gisbert Jäkel, Bühne, ordnet die drei Opern in die Zeit des 20. Jahrhunderts ein. Begrenzt asketisch werden die Spielorte belebt: düstere Szene an der Seine, eine Industrielandschaft mit Schleppkahn und Ladekran. Das Kloster als geschlossener Raum, dessen Mittelpunkt ein von der Sonne beleuchteter Springbrunnen und das von Angelica versorgte Kräuterbeet sind, dem sie später die giftige Pflanze entnimmt, um schmählich Selbstmord zu begehen. Im stilisierten italienischen Palazzo hängen Bilder vom Sündenfall nach Lucas Cranach d. Ä., die die geprellten Erben zum Schluss mitnehmen. Mittelpunkt ist ein prächtiges Bett, in dem zunächst der Tote liegt, danach der äußerst spielfreudige Gianni Schicchi. Die Bühnenräume sind stimmig und gelungen. Die Kostüme von Jessica Karge reihen sich kongenial in das Regie- und Bühnenkonzept ein und unterstreichen gekonnt den jeweiligen Charakter der Oper und der Personen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico - hier :  Der Mantel mit Aaron Cawley und Olesya Golovneva © Karl und Monika Forster
Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico – hier : Der Mantel mit Aaron Cawley und Olesya Golovneva © Karl und Monika Forster

Erregende, ergreifende, überzeugende Stimmen

Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden kommt es in Il Trittico zu hervorragenden Mehrfachbesetzungen. Herausragend ist Olesya Golovneva. Es ist eine Glanzleistung, sich in diese unterschiedlichen Rollen einzufühlen, und sie so überzeugend an einem Abend darzubringen. Als Giorgetta in Il Tabarro, eine verletzte sich nach Liebe und Lebensfreude sehnende, unglückliche junge Frau, als Schwester Angelica, unglaublich berührend, erschüttert über den Tod ihres Sohnes, die Todsünde der Selbsttötung begehend, um dann als verliebte kapriziöse Lauretta in Gianni Schicchi mit „O mio babbino caro“ zu brillieren. Charismatisch, gestalterisch perfekt, erzählerisch in allem, was sie singt. Nicht weniger überzeugend ist Daniel Luis de Vicente als Michele, schlurfend depressiv – seine große Eifersucht eskaliert auf allerhöchstem stimmlichem Niveau in der Ermordung seines Rivalen. Das ist dramatisch und fesselnd. Und begeisternd als umwerfend spielfreudiger Gianni Schicchi mit Rampensaupotenzial, der alle und alles manipuliert. Seine prachtvolle Stimme verzaubert das Publikum. Überzeugend auch Romina Boscolo als Frugola in Il Tabarro, bestechend als Fürstin in Suor Angelica, komödiantisch als Zita in Gianni Schicchi. Ihre Stimme klingt wunderbar natürlich. Es liegt nichts Verzerrtes oder Angestrengtes darin, sie ist in jeder geforderten Tonlage höchst souverän. Hinzu kommen ihre außerordentliche Ausstrahlung und darstellerische Begabung. Mehrfach sorgt Romina Boscolo für bewegende Momente.

Aaron Cawley in Il Tabarro ist ein jugendlicher Luigi, ein Verführer mit leidenschaftlicher Hingabe und bewegenden Akzenten. Seine angenehm gefärbte Stimme begeistert mit Sinnlichkeit und Schmelz. Die bezaubernde Fleuranne Brockway ist eine despotische Äbtissin, Schwester Eiferin, und wandelt sich in die schrullige Ciesca in Gianni Schicchi. Ihre subtile Körpersprache gehört ebenso zu ihr wie ihre ausdrucksvolle Stimme, dramatisch aufwallend, bisweilen auch komisch. Der überaus angenehm gefärbte und sicher geführte Tenor von Ioan Hotea verfügt über eine blendende Höhe. Zu hören in Il Tabarro als Liederverkäufer, Tenorstimmchen und zusammen mit Stella An als ein Liebespaar. Als verliebter Rinuccio in Gianni Schicchi lässt er seine Stimme herrlich strömen. Wiederum gewinnt Eric Biegel mit seinen eindeutigen Charakterstudien als Tinca, dem Säufer, in Il Tabarro und Cherardo in Gianni Schicchi. Supporting Act im besten Sinne, differenziert und ausgereift. Viel Bühnenpräsenz zeigt auch Wolf Matthias Friedrich als Talpa in Il Tabarro und Simone in Gianni Schicchi. Es ist immer wieder eine Freude, diese prachtvolle Bassstimme zu hören, ungeheuer sicher mit szenischer Ausstrahlung. Für sich gewinnen können auch Britta Stallmeister als Schwester Dolcina in Suor Angelica und als Nella in Gianni Schicchi und Stella An als Schwester Genoveva in Suor Angelica, Sopranstimmchen und ein Liebespaar in Il Tabarro sowie Benjamin Russell als Betto di Signa in Gianni Schicchi.

Die stilistische Unterschiedlichkeit der Opern wird durch den Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne in ihrer Wirkung erhöht. Schon Puccini sah vor, dass der Chor (Frauen, Jungen und Männer) hinter der Bühne agiert. So ist auch der Knabenchor Roman B. Twardy aus dem Off zu hören. Die Stimmen im Hintergrund haben eine unheimliche, fast gespenstische Wirkung. Chorsängerinnen treten in Suor Angelica solistisch auf und wissen zu beeindrucken.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico - hier :  Suor Angelica und der Chor © Karl und Monika Forster
Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Il trittico – hier : Suor Angelica und der Chor © Karl und Monika Forster

Breitgefächerter anspruchsvoller Puccini-Klang

Das Hessische Staatsorchester Wiesbaden spielt in leicht verkleinerter Besetzung unter der Leitung des Dirigenten Alexander Joel. Für die Instrumentation in Il Tabarro ist der häufige Einsatz von Dämpfern bei Streichern, Hörnern und Trompeten und die Verwendung von Celli und Kontrabässen für die Musik an der Seine und die Partie des Michele zu hören. Für besondere realistische Effekte stehen ein Kornett, eine Sirene und eine Autohupe. Sour Angelica bevorzugt die Bläser, und erzielt oft Klangwechsel nach Art der Registrierung einer Orgel. Die Partitur sieht darüber hinaus ein Orchester hinter der Bühne vor: Orgel, Piccolo-Flöte, Posaunen, Bronze- und Stahlglocken, Becken und Klavier. In der Visions-Szene werden alle Instrumente vereinigt. In Gianni Schicchi haben einige Abschnitte einen folkloristischen Anstrich, wie die Arie des Rinuccio zum Lobe der Stadt Florenz oder Schicchis „Warnung“. Neu ist die Vorliebe für Fanfaren, für tusch- und signalartige Figuren der Blechbläser. Die Chromatik wirkt pfiffig und schlagend. Schneidend komische Wirkungen werden durch scharfe Dissonanzen erzielt, so in Schicchis wütenden Schreien „Niente, niente!“ und den aufgeregten Ensembles der Verwandten. Nur in der Musik der Liebenden behalten die Streicher die Führung. Dirigent und Orchester gelingt es hervorragend, den breitgefächerten anspruchsvollen Puccini-Klang wiederzugeben. Das Zusammenklingen von Orchester, Sängerinnen und Sängern kann kaum besser sein.

Die geglückte Produktion wird mit starkem Applaus goutiert. Beglückt,  mit Strahlen im Gesicht  verlässt das Publikum das Theater

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


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