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Münster, Theater Münster, Die Möve – Anton Tschechow, IOCO Kritik, 26.06.2021

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Redaktion
26. June 2021
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Theater Münster © Rüdiger Wölk
Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

Die Möve  –  Anton Tschechow

– Spaßgesellschaft der verfehlten Leben –

von Hanns Butterhof

In Anton Tschechows eher tragödienlastiger Komödie „Die Möwe“ aus dem Jahr 1896 geht es vor allem um das Unglück des verfehlten, ungelebten Lebens. Zeit- und ortlos hat Schauspieldirektor Frank Behnke es am Großen Haus des Theater Münster als Parabel auf die Verweigerung verantwortlichen Verhaltens einer Boheme-Spaßgesellschaft inszeniert.

Frank Behnkes programmatische Abschiedsinszenierung in Münster

Auf der sonst kulissenlos leeren Bühne (Ralf Zenger) steht auf drei metallenen Stelzen eine zweite Bühne, auf die wie in einem Auto-Kino auch ein Video projiziert werden kann. Davor bahnt sich gleich zu Beginn des Stücks das erste Unglück an: Mascha (Rose Lohmann), die ganz in Schwarz gekleidete Tochter des Gutsverwalters (Kostüme: Luisa Wandschneider), lässt den sehr blassen Lehrer Semjon (Paul Maximilian Schulze) freundlich, aber entschieden abblitzen. Sie ist hoffnungslos in den angehenden Dichter Kosta Treplew ( Julian Karl Kluge) verliebt. Der liebt jedoch Nina (Marlene Goksch), die Tochter eines nachbarlichen Gutsbesitzers. Ihr hat er die einzige Rolle als Weltgeist in seinem Erstlingsdrama übertragen, das auf der erhöhten Bühne aufgeführt werden soll.

Einführung von Frank Behnke – Die Möve von Anton Tschechow
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Das Publikum besteht aus der Mutter Kostas, der Schauspielerin Irina (Birte Leest), ihrem hinfälligen Bruder Pjotr (Chistoph Rinke), ihrem Liebhaber und Erfolgsschriftsteller Trigorin (Joachim Foerster) sowie dem Arzt Dorn (in Vertretung von Chistian Bo Salle: Gerhard Mohr), dem Gutsverwalter Schamrajew (Ilja Harjes) und seiner unglücklichen Frau (Regine Andratschke) nebst Mascha und Semjon.

Mit der Aufführung von KostasWeltgeist“, einem Weltuntergangs-Stück mit Nina live und im Video (Inszenierung: Julian Karl Kluge), bahnt sich das Desaster unaufhaltsam an: Nina verliebt sich in Trigorin und folgt ihm nach Moskau. Mascha betäubt mit Alkohol, dass sie den ungeliebten Semjon heiratet, und der Arzt, der ein sexuelles Verhältnis mit der Frau des Gutsverwalters unterhalten hatte, weist sie schnöde zurück, als sie vor ihrem gewalttätigen Mann zu ihm fliehen möchte.

Nach zwei Jahren kehrt die enttäuschte Nina, der Trigorin ein Kind gemacht und sie dann sitzen gelassen hat, weil er in seiner Schwachheit nicht von Irina loskommt, an den Ort allen Anfangs zurück. Als sie dort wieder auf Kosta trifft, der inzwischen auch zu einigem schriftstellerischen Erfolg gelangt ist, scheint kurz ein happy end auf, um dann mit Kostas Selbsttötung alle je gehegte Hoffnung zu begraben.

Theater Münster / Die Möve- hier: rechts Marlene Goksch ist die Möwe" © Oliver Berg
Theater Münster / Die Möve- hier: rechts Marlene Goksch ist die Möwe” © Oliver Berg

So gesehen ist Die Möwe eine giftige Studie Tschechows der abgehobenen Boheme im ausgehenden zaristischen Russland mit reichlich Gelegenheit zu darstellerischem Glanz, an dem es auch in Münster nicht mangelt.

Frank Behnkes Regie fragt jedoch darüber hinaus nach dem auch heute noch aktuellen Grund für das rettungslos unglückliche Ende. Er findet ihn im umfassenden, facettenreichen Geiz dieser um sich selbst kreisenden Gesellschaft. Sie tritt ausdrücklich bei der zentralen Schauspielerin und Mutter Irina zutage. Birte Leest zeigt sie als Diva, die vampirhaft vom Beifall und erpresster Bewunderung selbst ihres Liebhabers zehrt. Sie gibt nichts von sich her, nicht einmal mütterlich-fürsorgliche Gefühle für ihren Sohn; als sie nach einem Selbstmordversuch Kostas dessen Wunde verbinden soll, weicht sie lachend in die spielerische Darstellung von Fürsorge aus.

Auch die meisten anderen Figuren erwarten alles von anderen, statt etwas zu geben. Der ausgebrannte Erfolgsschriftsteller Trigorin, von Joachim Foerster treffend kernlos, wie ohne Bodenhaftung gespielt, erhofft sich von der jungen, begeisterungsfähigen Nina,dass sie seine papieren gewordenen Gefühle in Flammen setzt. In einer hoffnungsvollen Szene wirft er zusammen mit ihr übermütig die Stühle über den Haufen, von denen aus alle die ganze Welt wie Theater anschauen – beide einmal kurz ganz nah am richtigen Leben, das aus den Nähten platzt.

Theater Münster / Die Möve - hier : vl. Birte Leest und Julian Karl Kluge © Oliver Berg
Theater Münster / Die Möve – hier : vl. Birte Leest und Julian Karl Kluge © Oliver Berg

Marlene Goksch ist eine bezaubernde Nina, eine schlanke junge Frau, die mit erwartungsvoll geöffneten Lippen an der Seite Trigorins das große Glück nur naiv erhofft, ohne schon Substanz dafür beisteuern zu können. In ihrer Jugendlichkeit ist sie das tragische Opfer des Geiz-Kartells.

Wenn am Ende auch Kosta tot ist und Irina die Parole ausgibt, „Wir haben kein Problem, wir spielen weiter“, ist die Inszenierung ganz im Heute, im verantwortungslosen Verhältnis der saturierten Spaßgesellschaft zum Rest der Welt, punktgenau angekommen.

Über diese politische Pointierung von Tschechows Die Möwe hinaus legt Behnke, indem er im Stück dem Kunst-Diskurs und dem Boheme-Milieu viel Platz einräumt, seine programmatische Auffassung von der Verantwortung des Theaters dar. Wie Kosta fordert er, substanzielles, nicht nur unterhaltsames Theater zu machen. Es wäre ein Theater, das nicht mit Problemen geizt, nicht von den Vorerwartungen des Publikums zehrt, sondern sich ganz gibt.

Für solches Theater wünscht IOCO Frank Behnke gutes Gelingen auch an seiner künftigen Wirkungsstätte, am  Meininger Staatstheater.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—


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