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Luzern, Stadttheater Luzern, Das schlaue Füchslein – Leos Janacek, IOCO Kritik, 06.05.2021

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Julian Fuehrer
06. May 2021
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Theater Luzern und Teater Box © Ingo Hoehn
Theater Luzern und Teater Box © Ingo Hoehn

Theater Luzern

Das schlaue Füchslein   –   Leoš Janácek

„Im Wald fängt das Leben immer neu an“

von Julian Führer

Der 1. Mai ist im Kanton Luzern kein Feiertag – und da Luzern in der Schweiz liegt, sind die Theater nicht geschlossen. Derzeit sind im Stadttheater Luzern nur Vorstellungen vor 50 Zuschauern gestattet, sodass die meisten der 481 Plätze des Hauses leer bleiben müssen. Um die Abstände zu wahren, sind die meisten Sitzplätze im Parkett mit einer Art Blumenbrett abgedeckt, die Ränge sind ganz geschlossen, und an Garderobe und Einlasskontrolle werden Handschuhe getragen. Aber es wird gespielt, und darauf kommt es an: Leoš Janácek, Das schlaue Füchslein.

Das Programmheft und der Trailer zeigen die Darsteller in Kostüm und Maske – im doppelten Sinne, denn diese Bilder entstanden im Verlauf der Proben im Dezember 2020, und es mussten Schutzmasken getragen werden. Der optische Eindruck ist wenig vorteilhaft. Die Premiere war für den 13. Dezember 2020 geplant, am 28. April 2021 konnte sie nun endlich stattfinden: Der Vorzug eines Ensembletheaters ist, dass die Besetzung flexibel einsetzbar ist und daher auch Änderungen im Spielplan leichter umsetzbar sind als an Häusern, die mit vielen Gästen von außerhalb arbeiten. Nun kann wieder ohne Masken gesungen werden, so dass auch das Zusammenspiel von Kostümen, (Theater-) Maske und Licht funktioniert.

Die Rezeptionsgeschichte dieser wie stets bei Janácek kurzen Oper hat in dem Stück meist eine Kinderoper gesehen; das Libretto erhielt eine deutsche Fassung von Max Brod, dem Freund Franz Kafkas und Förderer Janáceks. Prägend wirkte eine Inszenierung von Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin von 1965, die fürs Fernsehen aufbereitet wurde und auch heute noch über das Internet angesehen werden kann; siehe hierzu das YouTube Video:

Das schlaue Füchslein – Walter Felsenstein Inszenierung aus 1965
Berliner Opernaufnahmen
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Elemente sind hier versammelt, die auch in anderen Produktionen zu sehen waren und sind: Die Tiere (Fuchs, Dachs, Hühner, Frosch, …) werden von Menschen in Tiermasken dargestellt und geben dieser Parabel etwas Naives, tatsächlich wie in einem Kinderbuch. Gleichzeitig ist stets mehr als deutlich, dass wir auf der Bühne singende Menschen haben. Und so stellt sich die große Frage, ob Das schlaue Füchslein eigentlich eine Kinderoper ist – und was eigentlich eine Kinderoper ausmacht. Diese Frage wird in Luzern nicht weiter behandelt, aber die Inszenierung von Deborah Epstein bewegt sich weitgehend im Fahrwasser dieser stilbildenden Deutungen mit Tiermasken und Waldatmosphäre.

Während im tiefen Graben des Luzerner Theaters das Orchester sich in kleiner Besetzung bereitmacht (gespielt wird die Bearbeitung für Kammerorchester von Jonathan Dove), sieht man einen Vorhang, der in naturalistischer Genauigkeit einen Birkenwald mit einem Bach, einer Lichtung und etwas Sandboden zeigt. Zu hören sind neben den Streichern auch Kontrafagott, Bassklarinette, Harfe und die für Janácek typischen hochgestimmten Pauken.

Als das Stück beginnt, hebt sich dieser (wirklich schöne) Vorhang und gibt den Blick auf das karge, aber überzeugend gestaltete Bühnenbild frei: links, rechts und hinten wird die von Natascha von Steiger entworfene Bühne durch ansprechend (und wechselnd) beleuchtete Vorhänge mit Waldmotiven begrenzt (Licht: Marc Hostettler). In der Mitte steht ein etwas erhöhter Würfel, vorne am linken Bühnenrand wachsen zwei Pilze.

Theater Luzern / Das schlaue Füchslein © Ingo Hoehn
Theater Luzern / Das schlaue Füchslein © Ingo Hoehn

Gesungen wird in deutscher Sprache – eine Herangehensweise, die den Ohren inzwischen fast fremd geworden ist und das Verständnis des Stückes als Kinderoper unterstreicht, obwohl der Spielplan Das schlaue Füchslein erst ab 12 Jahren empfiehlt. Wir sehen den Förster (Claudio Otelli), einen mächtigen Kerl in den besten Jahren (oder schon etwas darüber hinaus), der mit seinem Dackel ein neugieriges junges Füchslein aus dem Wald raubt und nach Hause mitbringt. Auf der Bühne wird viel pantomimisch agiert, zuweilen recht hektisch, denn Janácek lässt die Handlung meist flott vorangehen und entwickelt zwischen den Dialogpartien an verschiedenen Schauplätzen symphonische Zwischenspiele, die auf diese Weise szenisch gefüllt werden; Umbaupausen gibt es nicht. Die Regie verlangt hier einiges von den agierenden Solisten, teilweise fast schon Akrobatik, etwa während des folgenden Zwischenspiels, als der Dackel (Robert Maszl) einen halben Veitstanz vollführen muss. Auch die Förstersfrau (Caroline Vitale), die sich mit der Wäsche abmüht und über das rotbraune Mitbringsel ganz und gar nicht erfreut ist, muss mit den Bettlaken große Bewegungen vollführen. Dankbar ist die Partie für die Sängerin nicht, wie andere Opernehefrauen (Fricka bei Wagner oder Christine in StraussIntermezzo) macht sie ihrem Mann vor allem Vorwürfe, die sie nicht sehr sympathisch machen, selbst wenn die Vorwürfe berechtigt sind. Da die Füchsin sich nicht wie ein braver Schoßhund benimmt, wird sie angekettet, und das folgende, etwas ruhigere Zwischenspiel wird mit vielfältigen Texteinblendungen „Wie könnt ihr es wagen“ untermalt – ein sehr schöner Orchestermoment mit Solovioline.

Die Füchsin (Diana Schnürpel) ist schlau, aber aufmüpfig (was kein Gegensatz sein muss). Sie ruft die Hühner fast zur Revolution gegen Hahn und Menschen auf und agitiert auch den Dachs (Flurin Caduff), der Wald sei für alle da. Kurzum, sie stiftet Unruhe, und damit macht man sich meist nicht sonderlich beliebt, vor allem wenn man den Hahn auffrisst (Daniel Foltz-Morrison in prächtiger Kostümierung) und den Dachs aus seinem Bau vertreibt. Obendrein gelingt ihr die Flucht aus dem Försterhaus – die Försterin freut’s, den Förster weniger. In einigen Inszenierungen dieser Oper tragen die Solisten Fuchs- und andere Tiermasken im Gesicht, was das Singen und die Kommunikation nicht immer erleichtert. Hier trägt Diana Schnürpel die Fuchsmaske im Nacken und ist entsprechend geschminkt, ebenso der Dachs und die anderen Tiere mit Gesangspartien (Kostüme: Sabine Blickenstorfer). Sie singt flexibel, in den Höhen manchmal recht scharf und in den fast gesprochenen Passagen rhythmisch sicher.

Die nächste Szene gilt den Menschen. In einem Wirtshaus sitzen Förster, Schulmeister und Pfarrer zusammen. Wie schon bei Walter Felsenstein wird der Dackel zum ebenfalls von einem Spiel- oder Charaktertenor gegebenen Schulmeister, und der Bariton des Dachses wird zum Pfarrer – das geht stimmlich ebenso wie von der Tiercharakteristik durchaus auf. In leicht gespannter und sehr alkoholischer Atmosphäre redet man über vergangene und entgangene Liebschaften und dies und jenes. Der Schulmeister ist unglücklich verliebt, der Pfarrer war es ebenfalls, dieser wiederum soll eine Frau geschwängert haben und hält sich daher von den Dorfbewohnern fern. Die Szenen mit den Menschen spielen immer in der engen und leicht erhöhten Box in der Mitte, in der sie sehr beengt beieinandersitzen müssen. Die Bühne gehört in dieser Inszenierung dem Wald.

Nach Ende der Zecherei torkeln alle durch den Wald, wobei der Schulmeister erst über seinen „Energiedefekt“ sinniert (eine sehr schöne Wendung von Max Brod) und dann eine Blume in handgreiflicher Weise mit der angebeteten Terynka verwechselt (er muss wirklich sehr betrunken sein). Der Pfarrer seinerseits, der seine Kneipenweisheiten gerne mit altsprachlichen Sprüchen garniert und von Flurin Caduff mit viel salbungsvollem (falschem) Schönklang untermalt wird, brabbelt Halbbildungsreste vor sich hin – aus der Anabasis von Xenophon, wie er selbst triumphierend äußert. Heute ist das ein wohl kaum noch zu verstehender Verweis: Die Anabasis ist ein altgriechischer Text aus dem 4. Jahrhundert vor Christus, der wegen seiner relativen Einfachheit meist die erste Lektüre im Griechischunterricht bildet. Zu Platon und Demosthenes hat es beim Pfarrer wohl nicht gereicht… und Janácek hatte sein gesamtes Berufsleben lang mit Schulen und Lehrerausbildung zu tun, wusste also genau, was sich in mehr oder weniger inspirierten Unterrichtslektionen abspielte. Das schlaue Füchslein ist wie die meisten anderen heute noch bekannten Werke des Komponisten erst in dessen siebtem Lebensjahrzehnt entstanden.

Theater Luzern / Das schlaue Füchslein © Ingo Hoehn
Theater Luzern / Das schlaue Füchslein © Ingo Hoehn

Zurück zu den (sehr menschlichen) Tieren. Füchsin Schlaukopf lernt einen netten jungen Mann, pardon Fuchs kennen, der ihr gleich den Hof macht und die Dame seiner Wahl mit Sprüchen wie „Ich bin nicht wie die meisten Füchse“ in den Bann zieht – die Füchsin kennt die Menschen, aber nicht die Füchse. Christina Daletska gibt den Fuchs mit viel Spielfreude, sehr deutlicher Artikulation und viel Klarheit in Mimik, Gestik und Gesang. Überaus menschlich geht es weiter, da die Vögel so viel tratschen und die Füchsin ihrem Fuchs von einem sich ankündigenden freudigen Ereignis berichtet: Es wird geheiratet, wie es sich unter Füchsen wohl gehört. Die Vögel bringen schöne Hochzeitsgeschenke, unter anderem eine Matratze für den neuen Hausstand und (hier wird die Szene etwas mit Requisiten überladen) Campingstühle.

Die Füchsin ist schlau und eine gute Mutter, ihre zahlreichen Kinder warnt sie vor den Fallen, die die Menschen aufstellen (mit sehr schnellen Begleitfiguren, etwas Videoeinsatz und dem Kinderchor der kleinen Füchse, der hier etwas durcheinandergerät). Der Förster streift immer wieder durch den Wald und denkt an die Füchsin, die ihm einst entlaufen ist. Diesmal trifft er allerdings den Harašta, einen Wilderer, der versichert, sich nicht mehr am Wild zu vergreifen. Sobald der Förster außer Sichtweite ist, stellt der Wilderer aber der Füchsin nach, denn der von allen angeschmachteten Terynka hat er einen Muff versprochen, für den er Fell braucht. Die Füchsin provoziert fast ihr eigenes Ende, da sie dem Wilderer vor die Flinte läuft und ihn immer wieder fragt, ob der sie töte, nur weil sie ein Fuchs sei. Die Bühne wird in tiefrotes Licht getaucht. Ein Schuss fällt, von oben fallen etliche echte tote Füchse auf die Bühne (das Programmheft klärt über deren Herkunft auf). So hat der Wilderer das Füchslein Schlaukopf erlegt, kann so auf andere Weise auch die Terynka erlegen, und in der Musik ertönt eine Art Apotheose auf das Leben des Fuchses (ganz ähnlich wie in Teilen von Janáceks Sinfonietta). Die echten Fuchsfelle machen deutlich, dass wir zwar in einer Märchenwelt sind und alles ohnehin nur gespielt ist, dass aber dennoch ein ernster Hintergrund auch für die Tierwelt dahintersteht.

Doch mit dem Tod der Titelfigur ist das Stück noch nicht vorbei. Wir sind wieder bei den Menschen – der Schulmeister muss die Hoffnungen auf Terynka endgültig begraben, der Pfarrer hat wegen des Geredes der Leute die Stelle gewechselt und ist fort, und der Förster streift wie eh und je durch den Wald und merkt vor allem, dass er älter wird und dass das Leben im Wald jenseits des Individuums immer weitergeht. Ein langer Monolog des Försters schließt die Oper ab, in der er sich über diesen Zyklus des Lebens klar wird und darüber, dass sein eigener Lebenszyklus sich (ebenso wie derjenige seines Dackels) dem Ende zuneigt. Er trifft einen jungen Fuchs, offenbar ein Nachkomme seiner einst entlaufenen Füchsin Schlaukopf.Wie wundervoll der Wald ist. Im Wald fängt das Leben immer neu an“, singt er, berührend begleitet von der Harfe. Dieser Schluss ist der gelungenste Moment der Inszenierung, von Claudio Otelli mit großer Intensität gestaltet. Wie jede Parabel und jede Fabel ist auch dieses Stück eigentlich ein Stück über die Menschen. Ist der Förster nicht vielleicht doch die Hauptfigur?

Janácek schrieb das Libretto seiner Oper selbst; die deutsche Fassung von Max Brod, die einige Akzente anders setzte, kannte er, gleichzeitig kritisierte er sie. Janácek orientierte sich beim Komponieren der Gesanglinien stets an der ‚natürlichen‘ menschlichen Sprechweise; diesen Eindruck gewinnt man beim Hören der deutschen Fassung an etlichen Stellen nicht. Die Scottish Opera hat im Februar Humperdincks Hänsel und Gretel ausdrücklich als Kinderoper gezeigt (im Internet zu finden) – in englischer Sprache. Wenn Das schlaue Füchslein in deutscher Sprache gesungen wird, ist das wohl eine Konzession an die Rezeption des Stückes als Kinderoper. Eine revidierte Übersetzung (wie sie an der Deutschen Oper Berlin in der Inszenierung von Katharina Thalbach zum Einsatz kommt) oder eine Aufführung in der Originalsprache wäre aus musikalischer Sicht vielleicht vorzuziehen.

Viel Applaus gab es für alle Beteiligten – nicht zuletzt für das Luzerner Sinfonieorchester unter Clemens Heil, durch deren Zusammenspiel kaum zu merken war, dass „nur“ eine Fassung für Kammerorchester gespielt wurde. Die üppig ausgestatteten kleineren Solorollen, von der Grille über den Specht bis zur zweiten Henne und zur Eule, wurden ebenso mit reichlich Beifall bedacht wie die größeren Partien, am meisten der Förster von Claudio Otelli.

Aufgrund der Umstände fand die Premiere mit fast viereinhalb Monaten Verzögerung statt – man merkte dem Bühnengeschehen jedoch nicht an, dass der größere Teil der Probenarbeit bereits im November stattgefunden hatte. Nun hat das Theater Luzern auch seinen Spielplan für den Rest der Spielzeit bekanntgegeben. Während in Deutschland alles weiterhin geschlossen gehalten wird und die Komische Oper Berlin zum Beispiel die Spielzeit aufgibt und für beendet erklärt hat, wird in Luzern Das schlaue Füchslein noch ein halbes Dutzend Mal gezeigt. Wer in der Schweiz wohnt oder die Möglichkeit hat, über die Grenze zu kommen, sollte sich diese schöne Produktion ansehen.

—| IOCO Kritik Theater Luzern |—


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