Giuseppe Sinopoli und Dresden – Gedenkband, IOCO Buch-Rezension, 06.05.2021

Mai 6, 2021  
Veröffentlicht unter Buchbesprechung, Hervorheben, Personalie

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Giuseppe Sinopoli und Dresden - Gedenkband Sax Verlag © Sax Verlag

Giuseppe Sinopoli und Dresden – Gedenkband Sax Verlag © Sax Verlag

Giuseppe Sinopoli und Dresden  –  Gedenkband – Sax Verlag
Erinnerungen an den zwanzigsten Todestag von Maestro Sinopoli

Sax Verlag –   Bestell-Nr 29-264   –   ISBN 978-3-86729-264-1  –  €19,80

.

von Michael Stange

Giuseppe Sinopoli, Dirigent, Ausnahmemusiker, Universalgenie und eine vielgeliebter Künstler verstarb am 21. April 2001 tragisch und unerwartet mit 54 Jahren am Dirigentenpult während einer AidaAufführung in Berlin. Geblieben sind Tonaufnahmen, Schriften und Erinnerungen. Sein Interpretationsansatz war sehr individuell. Von sanft über zupackend, forschend, tiefgründig, leuchtend und farbenreich lassen sich seine Interpretationen näherungsweise beschreiben. Ihm ging es weder in Konzert noch in der Oper um das runde Narrativ sondern die Entdeckung der Seele in und zwischen den Noten. Zumindest seine Verdi (Nabucco, Macbeth), Puccini (Madame Butterfly, Manon Lescaut), Bruckner-, Mahler-Aufnahmen sind auch heute noch beeindruckende Hörerlebnisse und gelten als Referenzaufnahmen.

Die Rienzi Ouvertüre im Festkonzert zum vierhundertfünfzigsten Bestehen der Staatskapelle Dresden, YouTube Video folgt hier, gibt einen Eindruck seines Interpretationsansatzes.

Giuseppe Sinopoli und die Sächsische Staatskapelle spielen die RIENZI Ouvertüre
Youtube Trailer EuroArtsChannel
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Dirigenten werden seit Hector Berlioz und Richard Wagner als Garanten gelungener Aufführungen von Sinfonien und Opern wahrgenommen. Mythos Taktstock, Macht und Zauber des Dirigenten, Tyrannen mit Taktstock oder Magier, diese Begriffe und wie es großen Dirigenten gelingt, aus Orchestern wie Zauberer Beglückendes und Berührendes hervorheben sind Gegenstand unzähliger Betrachtungen. Einer dieser faszinierenden Maestri jüngerer Zeit war Giuseppe Sinopoli.

Der Sammelband des Dresdner Sax Verlages zum zwanzigsten Todestag von Sinopoli, Herausgeber Matthias Herrmann,, beleuchtet Sinopolis Dresdner Jahre. Beiträge des Konzertdramaturgen Eberhard Steindorf, damals auch persönlicher Referent Sinopolis, Interviews, Vorträge und die abgedruckten Reaktionen auf seinen Tod lassen ein lebendiges Portrait des Menschen und Interpreten Giuseppe Sinopoli in seiner Dresdener Zeit erstehen. Der hundertsechzigseitige kleine Band hebt den Schleier des Vergessend. Zugleich offenbart er Sinopolis Seelentiefe, die eine Erklärung seines glutvollen Musizierens war.

Giuseppe Sinopoli war der Weg zum gefeierten Pultstar nicht in die Wiege gelegt. Die Jugend in Venedig und Sizilien, ein Studium der Medizin, der Komposition und des Dirigierens bei Hans Swarowsky in Wien machten ihn zu einem Odysseus, der durch viele Welten wanderte und in ihnen zu Hause war. Kurz vor seinem Tod gesellte sich dazu eine Promotion in Archäologie, für die er gleichfalls ein anerkannter Experte war.

Giuseppe Sinopoli und Dresden Sax Verlag –   Bestell-Nr 29-264   –   ISBN 978-3-86729-264-1  –  €19,80

Sinopoli war nie unangefochten. Als Leiter des Philharmonia Orchestra in London wurde er vom Publikum gefeiert, aber von vielen Kritikern verrissen. In zwei Stationen in Rom bei der Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia und später Teatro dell‘Opera di Roma zermahlten in die Mühlräder von Politik und Gewerkschaften. Er war kein Diktator mit Taktstock, sondern ein feinsinniger Künstler, der gemeinsam mit seinen Ensembles in Harmonie Musik machen und ihren Geheimnissen auf den Grund gehen wollte. Allein die Bösartigkeit, mit der Norman Leberecht in seinen Büchern Der Mythos vom Maestro und Ausgespielt, Aufstieg und Fall der Klassikindustrie den Stab über ihn bricht, lässt erahnen, welchen Anfeindungen er zeitlebend ausgesetzt war. Davon war er in Dresden frei. Hier konnte und wollte er nur Musizieren. Deshalb war er dort so glücklich.

Der Blick der Begleiter auf das Wesen Sinopolis und was ihn ausmachte, bezeugen Wegbegleiter und Selbstzeugnisse aus seiner glücklichsten Zeit, der Dresdner Perspektive.

Sein erstes Erscheinen in Dresden 1987 bescherte ihm der Plattenvertrag mit der Deutschen Grammophon, für die er dort Bruckners 4. Sinfonie aufnahm. Eberhard Steindorf erinnert sich an diese Begegnungen. Sinopolis erste Wahrnehmung der Staatskapelle Dresden war, dass das Orchester zu diesem Zeitpunkt in sein Leben getreten sei, weil er in Dresden die Musik als verloren geglaubte Insel wahrnahm, die dort bewahrt werde. Verhandlungen, die seit 1988 geführt wurden kamen 1990 zum Abschluss. Auf einer Pressekonferenz in München gefragt, ob er mit diesem Schritt den Ausbau des Westgeschäftes sichern wolle entgegnete er, dass bei einem Orchester, das mit solcher Innigkeit spiele, Geld keine Rolle spiele. Er habe sein Herz dem Orchester gegeben, das Geld verdiene er dann eben in München.

Liebe und gegenseitige Bewunderung wuchsen über die Jahre. Enthalten in dem Band sind weitere Interviews, Einführungsvorträge Sinopolis, Schriften sowie Reden Sinopolis und die Reaktionen auf seinen frühen Tod. Eine chronologische Aufstellung sämtlicher Aufnahmen mit der Staatskapelle Dresden bei der Deutschen Grammophon und der Profil Edition Günther Hänssler am Ende des Buches erleichtern die Orientierung und laden zum Hören ein.

Ein besonderes Kapitel ist seine Verbeugung vor Fritz Busch. Die Liebe zu den Dirigenten der Vergangenheit, Mitgefühl und Schmerz über angetanes Unrecht, seine tiefe Seele, verströmen seine Ansprache über Fritz Busch und die von Eberhard Steindorf erzählte Vorgeschichte. Sie ist einer der berührendsten Teile des Buches und seine Ansprache ist im folgenden YouTube Video nachzuhören.

Willkommen daheim! Fritz Busch“: Giuseppe Sinopolis Dresdner „Kniefall“
Youtube Semperoper Edition
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Biografisches, Momentaufnahmen wie die Freude darüber, als Musiker 1995 über die von ihm dirigierte Elektra sagten nun hätten sie die von Böhm dirigierten Schallplatten – Ikonen seiner Jugend – vergessen machen das Buch so kostbar. Künstlerisches und Menschliches zerfließen ineinander.

Den Besten stand er nahe als er starb, und doch war er kaum noch auf der Hälfte seiner Bahn. Grillparzers Satz auf Schuberts Grabstein gilt insbesondere auch für Giuseppe Sinopoli.

Er war ein Titan, ein Liebender aber auch Löwe und Kämpfer. Mit diesem Gedenkband, wurden wertvolle Erinnerungen verewigt, neue Betrachtungen angestellt und wichtige verstreute Dokumente vereint. Allein die enthaltenen Reaktionen auf seinen Tod zeigen, wer er war, wie er wahrgenommen wurde und welche Lücke er gerissen hat. Ein wichtiges Buch für Verehrer von Maestro Sinopoli und an den Geheimnissen der Interpretation interessierten Musikfreunden.

Überaus Lesenswert, eine große Leistung von Herausgeber, Autoren und Verlag was Inhalt, Auswahl und Zusammenstellung betrifft.

—| IOCO Buchbesprechung |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Ihre Meinung ist uns wichtig

Schreiben Sie uns, was Sie darüber denken!
Bitte vorher die Datenschutzerklärung lesen : Datenschutzerklärung

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung