Karel Burian, Tenorlegende – zum 150. Geburtstag, IOCO CD-Rezension, 14.12.2020

Dezember 13, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, IOCO - CD-Rezension, Personalie

KAREL BURIAN - Tenorlegende zum 150sten Geburtstag - CD Supraphon © Supraphon

KAREL BURIAN – Tenorlegende zum 150sten Geburtstag – CD Supraphon © Supraphon

150. Geburtstag,

Karel Burian – Tenorlegende – zum 150 Geburtstag

 Supraphon – Karel Burian – Complete Recordings 1906-1913

Supraphon –  Bestellnummer 10325310, 3 CD´s

von Michael Stange

Das Prager Label Supraphon pflegt seit 88 Jahren die Tradition der tschechischen Musik und ihrer Interpreten. Neuaufnahmen punkten mit spannendem Repertoire in exzellenter Klangqualität. Der historische Katalog ist gefüllt mit Raritäten aus den Archiven. Zu finden sind beispielweise die Dirigenten Karel Ancerl, Vaclav Talich, tschechische Opernraritäten und vieles mehr.

Nun hat sich das Label an nahezu archäologische Ausgrabungen aus der Anfangszeit der Schallaufzeichnung gewagt. Alle Aufnahmen Karel Burians aus den Jahren zwischen 1905 und 1912 wurden in der korrekten Tonhöhe transferiert und klanglich hochwertig restauriert.

Hört man hundertzehn Jahre alte Grammophonlatten erinnert dies ein wenig an den Blick durch eine Nebelwand. Die Schönheit von Burians Stimme verbirgt sich hinter abenteuerlichen akustischen Schleiern des Plattenrauschens und paart sich oft mit dem Quäken der Instrumente. Die Höchstspieldauer der Platten betrug etwa 3 1/2 Minuten, so dass oft in absurd gehetzten Tempi eingespielt werden musste. Daher begegnen wir diesen Dokumenten zunächst mit Staunen und Befremden. Diese Platten sind aber die Wiege des heutigen Konsums von Tonaufzeichnungen, mit denen Verbreitung von Schallaufnahmen ihren Lauf nahm. Dies verlangt den Hörern einiges ab. Einen übertriebenen, aber auch anschaulichen Einblick, was sich damals in den Tonstudios ereignete zeigt das folgende YouTube-Video aus einem amerikanischen Spielfilm mit dem Wagnertenor

Lauritz Melchior und das Preislied aus Tannhäuser
youtube Video gracevilleMN
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Aufnahmen von Opernarien hatten damals an der raschen Verbreitung von Grammophonlatten einen wesentlichen Anteil. Initiator dieser Entwicklung waren der Tonpionier Fred Gaisberg und sein Team. Sie mieteten sich 1902 in einem Mailänder Hotel ein, um Tenorarien aufzunehmen. Aus einem Quartett möglicher Kandidaten wurde Enrico Caruso ausgewählt. Seine Platten machten weltweit Furore und wurden damals zu Bestsellern wie später die Singles der Beatles oder Rolling Stones.

Diese Platten begründeten den Ruhm Enrico Caruso und des Grammophons. Schellackplatten wurden nach der Veröffentlichung seiner Aufnahmen in wohlhabenden Kreisen so populär, dass eine Vielzahl von Plattenfirmen entstand, um den Hunger nach ihnen zu bedienen. So erklärt sich auch die Fülle der aus den ersten Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhaltenen Arienplatten. Von dieser Begeisterung und der kommerziellen Nachfrage nach Schallplatten profitierten auch die damaligen tschechischen Weltstars Emmy Destinn und Karel Burian. Sie erhielten die Möglichkeit, eine Vielzahl von Titeln einzuspielen. Unterschiedliche Label haben ihre Stimmen bis zum Beginn des 1. Weltkriegs festgehalten.

Supraphon hat Aufnahmen vieler tschechischer Opernstars publiziert. Von Emmy Destinn erschien vor langem eine hörenswerte Edition, The Complete Destinn, Supraphon, Bestell.Nr. 11 2136-2600.   Nun hat auch Karel Burian, der bedeutendsten tschechische Tenor des letzten Jahrhunderts, seine Gesamtausgabe erhalten.

 Karel Burian - hier als Werther © Hahn

Karel Burian – hier als Werther © Hahn

Wer war Karel Burian (1870 – 1924)

Karel Burian, 1870 geboren in Rousinov – im damaligen Österreich-Ungarn, im heutigen Tschechien – gilt Kennern als der bedeutendste Wagnertenor der Jahrhundertwende und einer der herausragendsten Tenöre jener Jahre bekannt. Umjubelt und gefeiert in der Dresden, Paris, London, Budapest, Hamburg, bei den Bayreuther Festspielen und in der Metropolitan Opera in New York war er in der Uraufführung Richard Strauss Salome der Herodes. Gustav Mahler äußerte sich über ihn folgendermaßen: „Und wie bedacht und tiefempfunden ist seine Kunst. Welch ein Schöpfen der Töne. Kein einziger ist darunter, der nicht von echter Farbe wäre, wir hören kein Forte, das nicht aufs feinste ausgefeilt.“

Der erste Weltkrieg, Burians Liebe zu Frauen und Alkohol, eine gewisse Nachlässigkeit und zahlreiche Schicksalsschläge verkürzten seine Karriere. So verblasste die Erinnerung an ihn. Der Musikwissenschaftler Ferenc János Szabó hat jüngst in seiner bisher nur in Ungarisch erhältlichen Dissertation – link HierKarel Burian und Ungarn viele biografische Details ans Licht gebracht.

Burians durchgebildete und durchschlagskräftige Stimme erklingt auch von den alten Platten mit bronzenem, bestrickendem Ton und Timbre. Die tiefe Lage geht in eine prächtig tönende Mittellage über und in der Höhe gelingen ihm schwingende leuchtende strahlende und klare Töne. Sein Bühnenrepertoire reichte über Giordano, Puccini, Tschaikovsky, Verdi bis zu Wagner. Der von Wagner für die Interpretation seiner Werke geforderte Belcanto lag ihm, anders als vielen Zeitgenossen, in der Kehle. Er paart Geschmack, gleitend verbundene Töne, flexible, dramatisch akzentuierte Rhythmik, und in den guten Aufnahmen eine immense emotionale Teilnahme und starke Rollenidentifikation.

Gerade bei Wohin nun Tristan scheidet“ (Track 13, CD 1) gelingt ihm ein ungemein dichtes Rollenportrait. Durch seine stimmliche Modulation und fesselnde, dramatische Spannungsbögen lässt sich ein wenig erahnen, dass er in der Rolle phänomenal gewirkt haben muss. Sein Bayreuther Parsifal muss ein Ereignis gewesen sein. Vergleicht man seine Aufnahme der Winterstürme wichen dem Wonnemond…” (Track 7, 8 und 9, CD 1) mit Bayreuther Tenören von damals wie beispielsweise Ernst Kraus oder Wilhelm Grüning, offenbart sich, dass Wagner heute wie vor mehr als hundert Jahren unterschiedlich gesungen wurde. Kraus und Grüning folgen der von George Bernhard Shaw ersonnenen Beschreibung des „Bayreuth barkening“ (zu hören auf: 100 Jahre Bayreuth auf Schallplatte, Url.: https://bayern-online.de/bayreuth/erleben/kultur/richard-wagner-festspiele/wagnerportal/cd/saenger-sammelprogramme/100-jahre-bayreuth/). Sie sangen den Monolog akkurat, mit strengem Rhythmus, aber auch in bellendem Ton. Hört man sie, meint man heute fast, man stände auf dem Kasernenhof im „Hab Acht“ vor einem wilhelminischen Feldwebel.

Dieser Titel ist auf der Edition dreimal vorhanden, so dass sich seine Interpretationsansätze und die Schwierigkeiten bei den Aufnahmen in den einzelnen Takes nachhören lassen. Den Max im Freischütz portraitiert er düster mit dramatischer Attacke. Hinreißend, glutvoll und poetisch gelingen „O soave fanciulla“ und „Sono andati“ aus La Boheme mit Minnie Nast.

Viele weitere Arien wie die Aufnahmen aus Pagliacci und Eugen Onegin offenbaren die große Bandbreite und Wandlungsfähigkeit des Tenors. Selbst die Schnulze „Selig sind die Verfolgung leiden“ aus Kienzls Evangelienmann wird subtil gesungen und emotional verhalten entwickelt. Einige Aufnahmen wieder sind lieblos heruntergeleiert wie die Fra Diavolo Arie und das Duett aus La Forza del destino mit dem wichtigen Dresdner Kollegen Friedrich Plaschke. Bei Fra Diavolo paart sich schleppender Gesang mit einigen gepressten Spitzentönen.

Die dritte CD fasst die Liedaufnahmen des Sängers zusammen. Hier gelingen dem großen Heldentenor warme Piani, subtile Modulation und innige Töne auch bei Frantisek Neumans „Du gleichst dem jungen Lindenzweig“. Die übrigen tschechischen Lieder werden musikalisch und berührend interpretiert. Wertvoll sind diese Aufnahmen auch, weil sie für die meisten Hörer lohnenswerte Novitäten sein dürften.

Musikalisch humorvoll klingt die Edition aus. Burian hat Gus Edwards Couplet „My cousin Caruso” übersetzt und zum Teil mit neuem Text versehen. Bei ihm wird daraus „Ein Mangel an Tenören (Mein Kollege Caruso)“. Mit hörbarem Vergnügen sendete er dem Freund und Kollegen einen klingenden Gruß über den Atlantik.

Der Ausflug in die Vergangenheit mit Karel Burian beginnt mit großen akustischen Herausforderungen. Geduldige Hörer lernen eine der eindrucksvollsten Tenorstimmen der Vergangenheit kennen, der auch in seinen Aufnahmen phänomenale, mitreißende Interpretationen geschaffen hat. Eine wichtige Neuausgabe, die Sammlung aller Gesangsliebhaber bereichert.

Neben dem Label Supraphon haben diese Edition zahlreiche Sammlern und Enthusiasten ermöglicht. Zu nennen sind der unermüdliche Herausgeber des record collector, Larry Lustig, Michael Seil und Axel Weggen, die schon viele andere Veröffentlichungen begleitet haben und viele Andere.

Wen nach dem Hören das Schellackfieber gepackt hat,der kann auf Spotify oder Youtube viele Titel anderer Sängerinnen und Sänger der Epoche erkunden. Wer lieber zu CDs greift, dem seien insbesondere die Labels Marston Records  truesoundtransfers  und Preiser Records empfohlen.

—| IOCO CD-Rezension |—

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