BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO Serie, Teil 2, 05.12.2020

Dezember 5, 2020  
Veröffentlicht unter Buchbesprechung, Hervorheben, Portraits

 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder  der SCHLÜSSEL DER VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue  :::  Peter M. Peters führt IOCO-Leser in die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur – in vier Folgen

Teil 1:  Blaubart und die unerfüllte Liebe – link HIER

von Peter M. Peters

Teil 2:  Freier Lauf für die Fantasie … 

Dies ist es, was wir unseren Kleinkindern von Generation zu Generation zum Lesen geben: Grausame Geschichten mit heimtückischer Sexualität, die ein widersprüchliches Bild des Ehepaares vermitteln und den Vater als grausamen blutbefleckten Henker mit einem großen Hirschfänger bewaffnet zeigen. Und wir sind danach erstaunt, dass sie fürchterliche Albträume haben. Aber es ist zweifellos besser sie durch eine Allegorie an die Frustrationen des Lebens heranzuführen als sie in der dunklen Unwissenheit zu lassen. Rosenwasser hat noch nie jemandem geholfen erwachsen zu werden. Am Ende lernt man sowieso alles von selbst und für die meisten von uns werden wir im Schlaf nicht mehr von einem Menschenfresser verfolgt. Darüber hinaus ist die Bibel, wie wir schon gesehen haben, nicht unbedingt eine gesunde Lektüre.

Ob es uns gefällt oder nicht, Blaubart (die aktuellen Ausgaben haben den weiblichen Artikel aufgegeben) ist seit drei Jahrhunderten das berühmteste Märchen von Perrault: gerade weil es uns viel tiefer bewegt. Peau-d’Âne ist nur ein Name, Cendrillon ein Zeichentrickfilm, Le Chat botté ein Wachtraum. Nur Blaubart verfolgt unsere Träume. Sogar so sehr, dass die Autoren von Opernlibrettos Angst davor hatten. Die Geschichte war zu explizit und konnte nicht so gezeigt werden wie sie ist! Zu blutrünstig! Zu sadistisch!

Pina Bausch : Barbe-Bleue – geschaffen 1977
youtube Trailer crireunmouvement
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In einigen italienischen Variationen isst der Held sogar die Leichen. Es ist daher nicht verboten zu denken, dass unser Henker von unserer Maumariée versucht, an seiner Frau eine Abtreibung zu vollziehen. Ein Komponist würde Schwierigkeiten haben diese Dinge zu vertonen. So wie auch die unausgesprochene Geschichte sich nicht für eine Inszenierung eignet, indem man Ungezeigtes zeigen müsste. Lassen wir unserer Fantasie freien Lauf, denn nur sie spielte uns einen verwegenen Streich.

Bleiben wir bei der Hervorrufung der bewundernswerten Formulierung von Perrault, bei „Anne, ma sœur Anne“, „beim grünen Gras und der pudrigen Sonne“. Die Tür zu den schrecklichen Geheimnissen wurde schnell wieder geschlossen. Das Blut auf dem Schlüssel ist nur ein Rostfleck. Wir wissen, wenn der Hirschfänger sich anhebt zum Stoß, nichts tödliches wird geschehen. Denn genau in diesem Moment kommen im geschwinden Galopp die beiden Brüder der armen Frau angeritten, der eine ist Musketier und der andere Offizier bei den Dragonern. Sie beide retten sie in größter Not und die schreckliche Spannung ist vorbei. Gleich wie in dem Refrain am Schluss der Oper Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) verkündet wird: „Das alles in den besten aller möglichen Welten in Ordnung gebracht wurde, dass die Bösen bestraft wurden und die Unschuldigen beschützt.“ Nachdem Perrault die schlimmsten Fantasien hervorgerufen hat, schreibt er jedoch, dass die Frau nach dem Tode ihres gefährlichen Ehegatten die gesamten Reichtümer erbt. Und so verheiratet sie sich mit einem „sehr ehrlichen Mann“. Komm schon, das Leben ist nicht so schlecht! Auch die Ehe nicht, wenn man sie überlebt!

Die Degradierung des Alfred Dreyfus © WIKIMEDIA COMMONS / Henri Mayer

Die Degradierung des Alfred Dreyfus © WIKIMEDIA COMMONS / Henri Mayer

Das Licht der Freiheit leuchtet auch in der Dunkelheit
Ariane und der Fall Dreyfus:Eine politisch-historische Interpretation- 

Es mag überraschend erscheinen, das Stück von Maurice Maeterlinck (1862-1949) im Zusammenhang mit der berühmten Dreyfus-Affäre zu sehen. Einige Kommentatoren glaubten jedoch, sie könnten eine Parallele zwischen den beiden ziehen. Dies ist insbesondere bei Adolphe Boschot (1871-1955) in seinem Buch Chez les musiciens (1922) der Fall, der 1921 nach einer Neuaufführung von Ariane et Barbe-Bleue (1907) von Paul Dukas (1865-1935) mit dem Libretto von Maeterlinck an der Opéra Comique Paris folgendes schreibt: „Die Eigenschaft eines Symbols, mehrere Ideen vorzuschlagen, die sich je nach Zuschauer unterscheiden. Hier kann man durch Vergleiche und ohne Zweifel mit einem Anschein von Vernunft an die Dreyfus-Affäre und an andere politische Ideen denken. Auf der einen Seite gibt es bei Ariane Licht und  „die Lichter“; auf der anderen Seite gibt es Dunkelheit und Obskurantismus. Die Frauen von Blaubart leben ohne Aufruhr als Gefangene in einer Burgzitadelle, in Kerkern mit Mauern umgeben aus überströmenden blitzenden Edelsteinen. Sie gehören daher zu der besitzenden konservativen Partei, die gutes edles Fortschrittsdenken verachtet und sind gewöhnt an finstere Vorurteile. Sie mögen einen gutaussehenden Soldaten. Blaubart, lustvoll und engstirnig, wie es sich für einen richtigen Mann gehört, der einen Säbel trägt. Blaubart verführt alle seine Frauen mit seiner vorteilhaften Dummheit. Er ist ein eitler Geck in Uniform.  Auf der anderen Seite versucht Ariane, Göttin der Intellektuellen, mit lichtvoller Vernunft und Gelassenheit die Wahrheit in Bewegung zu setzten. Vergeblich versucht sie die passiven Frauen zur Freiheit zu bringen. Für einen Moment führt Ariane die Menschen, die von Natur aus leichtgläubig und großzügig sind, zur Revolte. Zum Elend verurteilt, unterdrückt von der Zitadelle des Blaubart und von der Partei der Besitzer und Genießer; möchte das Volk auch an der Autorität und dem Reichtum mit den Besitzenden teilhaben. Doch die obrigkeitsdenkenden Soldaten und die törischen Frauen sind in keiner Weise eine Hilfe für sie. Ariane benutzt diesen neidvollen Instinkt des Volkes, obwohl im Grunde ein Vernunftmensch, verachtet sie jedoch keinerlei demagogische Mittel um ihr Ziel zu erreichen. Die Trägheitskraft, die aus der Vergangenheit hervorgeht, triumphiert über die Vernunft selbst. Ariane enttäuscht, besiegt, lässt die Menschheit in der Dunkelheit ihrer Leidenschaften und alten Vorurteile gefangen. Sie selbst leuchtend steigt zum Licht, der idealen Heimat der Intelligenz auf.“

All das vermischt mit der symbolischen Fabel, einige Anspielungen auf die Kämpfe und die politischen Ideen vor 1900, d.h. dem Jahre der Entstehung von Ariane. Nichts hindert uns anzunehmen, dass die Ereignisse der Zeit zu dieser symbolischen Fabel geführt haben. Es gibt auch nichts, was durch eine Art Rückkehrbewegung der Fabel entgegengesetzt ist und die an einen Geisteszustand der Zeit der ersten Ariane-Aufführung denken lässt.

Zu diesem Thema müssen wir auch das spätere Zeugnis von Georges Pioch (1873-1953) zitieren. Letzterer erzählt in La Page musicale vom 3.Dezember 1937 folgendes: „Ich habe von Paul Dukas ein ehemaliges Propos behalten, das ich nicht verfälsche, indem ich es darauf reduziere: « Ariane et Barbe-bleue zu aktualisieren ist die Dreyfuss-Affäre! » Als er mir das erzählte, Dukas ein leidenschaftlicher „Dreyfusard“ war gerade fertig mit dem komponieren seines bewegenden, erhabenen und nachdenklichen Werk; das in Musik und Theater den Namen seines Heros verewigte. Und das war kein Witz! Ariane, war entschlossen, die fünf Frauen zu befreien. Die Blaubart mit Gewalt geheiratet hat und sie an einem finsteren Ort gefangen hält. Wie man auf hugoischer Weise sagen könnte, der ewige Kampf von Licht und Dunkelheit, von Intelligenz und Instinkt, von Unwissenheit und Freiheit. Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts wird sie aufhalten“, schrieb Emile Zola (1840-1902) 1898. Ariane ist die Wahrheit, die immer auf dem Vormarsch ist und die nichts aufhalten wird. Sie wird allein weiter gehen und anderen die ersehnte Befreiung erkämpfen. Auch Niederlagen wird sie großzügig hinnehmen!“

„Wohin geht sie? Dort drüben wo sie auf mich warten!“ Wo immer Menschen die Wahrheit ersehnen und das Licht der Freiheit suchen. Auch dehnen die es ablehnen werden, zeigt sie den Weg zur Erlösung. Dies war in der Tat der Geist der Dreyfus-Affäre und wir können sagen, dass ihre glorreiche Niederlage anhält.

Anmerkung: Alfred Dreyfus (1859-1935) war ein französischer Offizier von jüdischer Konfession. Er wurde von einem Militärgericht fälschlicher Weise wegen Hochverrats verurteilt. Eine der großen politischen Affären von internationalen Ausmaßen am Anfang der III. Republik, die geschürt wurde von den antisemitischen Kreisen.

Der Schlüssel des Geheimnis

Gut dreißig Komponisten haben ihr Glück versucht mit der Fabel von Perrault. Blaubart hat dadurch alle Arten von Adaptionen erfahren, sogar Karikaturen. Von Grétry bis Bartók, Sind hier die neuen Abenteuer eines Standesherrn mit solch einem schwarzen Bart?

Durch einfaches Einsehen in spezielle Diktionäre können wir mehr als dreißig Werke über Blaubart entdecken und dass von der spanischen Zarzuela Barba Azul (1855) von Gerónimo Giménenez y Bellido (1854-1923) bis Blue-beard or the Hazard of the Dye (1883) von Sir Francis Cowley Burnand (1836-1917). Desgleichen das musikalische Vaudeville Le Sire de Barbe-Bleue (1864) von Marquet (?-?) und Auguste L’Éveillé (1828-1882) bis zu allen Arten von Pantomimen, Opern, Komischen Opern und Operetten. Allein im 19. Jahrhundert hat Charles Beaumont Wicks (1777-1845) bereits etwa zwanzig Werke über Blaubart gefunden. Seltsamerweise, wird eine Frau in der Titelrolle der Pantomime von Francis Thomé (1850-1909) Barbe-Bleuette (1890) genannt.

Marquis Alphonse François de Sade -1740-1814 © WIKIMEDIA COMMONS / Mary Evans

Marquis Alphonse François de Sade -1740-1814 © WIKIMEDIA COMMONS / Mary Evans

Der Grund dafür liegt in der Natur der ursprünglichen literarischen Erzählung und den Grauzonen die sie suggeriert. Die Handlung als Ganzes, die Charaktere einzeln und bis zu den Orten, an denen die Verbrechen (oder die mutmaßlichen Verbrechen!) stattfanden, scheint alles in der Geschichte von Perrault beabsichtigt – oder unbeabsichtigt zu sein? – Er will Verwirrung stiften! Das Märchen hinterlässt viel Eindruck auf unsere Vorstellungskraft. Selbst eine schnelle Lektüre lässt eine Tür für viele andere Mutmaßungen offen. Mehr als z.B. Cendrillon oder Le Petit Poucet ist es möglich in dieser Fabel eine Identifikation oder zumindest ein Echo auf unsere eigenen Albträume zu finden. Es ist dieser Teil des Mysteriums, diese immer erneute Hochzeit von Liebe und Tod, diese Mischung unseres Helden aus Dunkelheit und Licht, die unsere Aufmerksamkeit erweckt. Ab hier kann sich jeder nach seinen eigenen Wünschen orientieren: zu Marquis Alphonse François de Sade (1740-1814) oder sogar zu La Bibliothèque Rose (eine französische Serie berühmter Kinderbücher). Vielleicht auch sogar mit Spott auf so viel gedämpfte Gewalt reagieren! Der gemeinsame populäre und vulgäre Geschmack des Théâtre du Grand Guignol reicht nicht aus, um die Anwesenheit von Blaubart in diesen billigen Komödien zu erklären. Finden wir nicht in jeder Periode den dunklen Spiegel unserer heimlichen Illusionen, die Enttäuschungen die auf der Grundlage der gesamten Gesellschaft: Die Ehe?     PMP-20/11/20-2/4

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO – Serie

Teil 3 –  Blaubart – La BarbeBleue –  IOCO-Serie von Peter M. Peters folgt am 11.12.2020  –   TITEL:     Der Schlüssel des Geheimnis

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