Paris, Philharmonie de Paris, Dienstag aus Licht – Karlheinz Stockhausen, IOCO Kritik, 31.10.2020

Oktober 31, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Kritiken

Philharmonie de Paris © Creative Commens / Zairon

Philharmonie de Paris © Creative Commens / Zairon

Dienstag aus Licht   – Karlheinz Stockhausen   

– Der Lauf der Zeit ist Schlüssel zum Licht –

von Peter M. Peters

Karlheinz Stockhausen © Wikipedia Commons / Kathinka Pasveer

Karlheinz Stockhausen © Wikipedia Commons / Kathinka Pasveer

Karlheinz Stockhausen (1928-2007) wurde in Mödrath bei Köln in einer rheinischen Familie ländlichen Ursprungs geboren. Er kennt die schlimmsten Schrecken des Krieges Sein Vater wurde irgendwo in Ungarn an der Front getötet, seine Mutter von den Nazis als Geistesgestörte im Rahmen eines Euthanasieprogramm getötet, er selbst war Krankenträger in einem Militärkrankenhaus; dann später Landarbeiter in einem Bauernhof unter dem Bombenhagel der Alliierten.

IM RAHMEN DES FESTIVAL D’AUTOMNE À PARIS 2020

Von 1946-1947 absolvierte Stockhausen Kurse an einem Gymnasium, danach studierte er am Kölner Konservatorium und erhielt 1951 sein Diplom in Schulmusik. Während dieser Zeit war er Jazzpianist in den Bars von Köln, oder er begleitete den Illusionisten Adrian; auch ging er auf Tourneen als Jazzimprovisateur. Manchmal arbeitete er als Arbeiter in Fabriken oder als Parkplatzwächter… und betete viel! (er war ein strenggläubiger Katholik). Danach nahm er Kompositionsunterricht bei Frank Martin (1890-1974); in gleicher Zeit entdeckt er mit Begeisterung die Musik von Karel Goeyvaerts (1923-1993) und Pierre Boulez (1925-2016). In Darmstädter Ferienkursen studierte er Olivier Messiaens (1908-1992) Mode de valeurs et d’intensités, 1949; „jener phantastischen Sternenmusik...“ es wurde ein Schlüsselerlebnis. Seine technisch-rationale Begabung wurde ebenso nachhaltig angeregt wie seine mystisch-irrationale Veranlagung. In Paris belegte Stockhausen Kurse bei Messiaen und Pierre Schaeffer (1910-1995). Seit den frühen 50er Jahren war er richtungweisend an der Entwicklung der seriellen Musik beteiligt und wird einer der wichtigsten und einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Konsequent erforschte er die Möglichkeiten des Materials sowohl in Orchester- und Ensemble-Kompositionen (z.B. Kreuzspiel, 1951; Kontrapunkt, 1952/53; Gruppen für drei Orchester, 1955/57 als auch in elektronischen Stücken (z.B. Gesang der Jünglinge im Feuerofen, 1955/56). Die atomistisch durchorganisierten Strukturen dieser seriell hochkonzentrierten Musik waren schon in den rational begründeten Jahren ihres Entstehens Gegenstand metaphysischer und kosmisch-spekulativer Kommentare des Komponisten.

Nach wichtigen Experimenten und Ergebnissen mit Aleatorik und gelenkten Zufalls Objekten versenkte sich Stockhausen seit den späten 60er Jahren immer mehr in mystisch-okkulte Klangvorstellungen. Zunehmend entstanden Werke rituellen Charakters (z.B. Sternenklang 1971; Inori 1973/74; Sirius 1975/76). Symbolbefrachtete Tonkonstellationen sind jetzt oft Grundlage für meditatives, gelegentlich von Live-Elektronik durchwirktes musizieren. Ganz Magister Ludi, widmet sich Stockhausen der Klangwerdung seiner Musik mit religionsstifterischer Attitüde.

Kosmisches Mysterienspiel

Stockhausen ist zweifellos der einzige Komponist, der seit den 1950er Jahren alle wichtigen Bereiche der Musikentwicklung erforscht, erlebt und bearbeitet hat. In allen Bereichen eröffnete er neue Wege mit Ungestüm und Wagemut. Indem er seine Verantwortung gegen die ästhetische Ordnung der Nazis übernahm, über den neo-klassischen Stuck hinausging und folglich eine kritische Haltung gegenüber Erbe und Geschichte einnahm.

Nach und nach entwickelte er die Idee einer universellen Musik, einer kosmischen Musik, die 1977 mit einer auf sieben Tage der Woche ausgedehnten „Oper Licht“ entstand. Dieses Werk, das länger als der Ring des Nibelungen oder irgendeine andere Musik die jemals geschrieben wurde, wird sicherlich eines Tages, so Stockhausen: „Das erste Modell für eine Konzeption musikalischer Kompositionen, die einen Komponisten darauf aufmerksam macht, dass er sein ganzes Leben lang ein einziges Werk geschrieben hat. Anstatt zu sagen: Wir komponieren Stücke, das heißt eine Welt in Stücken, wir sind uns zu Beginn eines Werkes bewusst, dass es ein Leben überdauern muss und das alles Weitere davon gezeugt wird. Es ist die Vorstellung vom Leben selbst. Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der die Werke das Leben des Komponisten repräsentieren!“

Philharmonie de Paris / Dienstag aus Licht von Karlheinz Stockhausen © Elise Lebaindre

Philharmonie de Paris / Dienstag aus Licht von Karlheinz Stockhausen © Elise Lebaindre

Zeremonie des Unsichtbaren

Alle die Jahre hindurch war Stockhausen ein überaus heftiger Gegner der Oper gewesen. Doch urplötzlich überkommt ihn im Jahre 1977 eine Idee, die seine weitere Zukunft bestimmen sollte. Auf der Holzterrasse eines ehrwürdigen Tempels der japanischen Kaiserstadt Kyoto sitzend beschließt er, eine Opern-Heptalogie zu schreiben und alles aus einer einzigen Komplexen Formel, einer musikgenetischen Keimzelle gewissermaßen, zu entwickeln.

Rund 25 Jahre soll es dauern, bis der gigantische Werkzyklus Licht (1977-2003) erschaffen sein wird – ein siebenteiliges Gesamtkunstwerk, in dem Gesang, Instrumentalmusik, Tonbandklänge, Tanz und Bewegung, Wort und Bild zur totalen Einheit verschmelzen. Jede Oper ist einem der sieben Wochentage zugeordnet. Den wiederum bezeichnet näher ein ganzer Reigen von Symbolbeziehungen: je ein Sternzeichen oder ein Planet, eine Farbe, eine Charaktereigenschaft, ein Sinn, ein mythologisches Element.

Licht – ein Begriff, der in vielen Religionen, Kulturen und Kulten als nie verblassende Metapher für das Göttliche schlechthin steht -, Stockhausen wählte ihn zum sinnbildlichen Übertitel seiner monumentalen Heptalogie (… neben der sich Der Ring des Nibelungen, 1849-1876 von Richard Wagner (1813-1883), was Ausdehnung und Anspruch anbelangt, bescheiden ausnimmt). Dieses kosmogonische Totalwerk Licht erreicht die totale Länge von über 29 Stunden. Der Schöpfer-Komponist sagt von sich, er würde weitgehend als Medium fungieren, und entwirft einen Privatmythos, dessen dunkle Bedeutungsebenen aus vielerlei religiösen und esoterischen Lehren gespeist sind. Drei für kosmische, irdische und menschliche Geschick wesentliche Geistwesen – Michael, Luzifer und Eva – haben als göttliche Gestalten oder Prinzipien zentrale Bedeutung. Luzifer, der einst vornehmste unter den Engeln, vertritt die Mächte des Bösen, Eva aber präsentiert als mütterliches Prinzip die Fruchtbarkeit, das Schöpferische, das Erotische. Schließlich Michael: Er ist die Lerngestalt dieses zeitgenössischen Mysterienspiels und als Fürst des Lichts im Grunde mit der Gottheit identisch.

Michael, in seiner menschlichen Inkarnation, seinem Weg auf Erden und sein göttliches Wirken, wird in dem siebenteiligen Gesamtprojekt vorgestellt und vollzogen. Eine omnipräsente Zahlensymbolik regiert: Jede der drei göttlichen Hauptgestalten agiert dreifach verkörpert – als Sänger, als Instrumentalist, als Tänzer. Diese komplizierte Personen-Dramaturgie verleiht dem Werk eine gewisse statuarische Strenge. Jeder Figur sind ein Instrument und mehrere Farben zugeordnet. Michael trägt außerdem ein dreigliedriges Michaels-Zeichen. Alle göttlichen Gestalten gewinnen die intervallisch-melodische Substanz ihres Gesanges unmittelbar aus jener dreischichtigen Urformel, die auch für den Gesamtorganismus des Werkes als Keimzelle fungiert. Drei entsprechend den sieben Tagen siebenfach unterteilte Tonreihen bilden diese Formel. Sie umfassen dreizehn (Michael), zwölf (Eva) und elf (Luzifer) Töne-Material, das gelegentlich in fast leitmotivischer Weise verwendet wird und auch Parameter wie Artikulation und Dynamik, Phrasierung, Klangfarbe und dergleichen mehr mitbestimmt. Trotz ihrer Komplexität wirkt die Musik nicht so bizarr und kristallin wie etwa Stücke aus den 50er Jahren, sondern oft eingängig, schlicht. Stockhausen erfindet weiche und trotzdem skurrile Vokalisen und fesselnde Instrumentalsoli.

Für seine Licht-Opern, die ihn noch bis über das Jahr 2000 hinaus ausschließlich beschäftigen werden, hat sich Stockhausen eine sehr praxisorientierte Veröffentlichungsweise ausgedacht. Große und kleine Teile der Werke können separat als in sich geschlossene Stücke gespielt werden. So sind von Dienstag aus Licht bereits umfangreiche Abschnitte in Donaueschingen, Jerusalem und Amsterdam vorgestellt worden, ehe am 28. Mai 1993 an der Leipziger Oper die Uraufführung stattfand.

Eine Schöpfung für unsere Zeit

Licht ist eine Offenbarung für das Auge und den Geist. Es wurde von Stockhausen im zweiten Teil seines Lebens komponiert. Ursprünglich inspiriert von einer Reise nach Japan – der erste Titel für Licht lautete Hikari – Licht auf japanisch – das Werk versucht eine Sprachsynthese von Klangkünsten vieler Kulturen zu entwickeln, die aus einem dichten kohärenten Kern konzipiert wurden und vom Komponisten erdacht: die Superformel. Licht setzt in dieser langen Zeit die Existenz, Allianzen, Konflikte und Liebe von drei übermenschlichen Wesen ein: Michael, Eva, Luzifer.

Donnerstag aus Licht (1978-1980)

16 Solisten, Orchester, Chor und Elektronik. Farbe: Blau, Sternzeichen: Jupiter, Spirituelle Qualitäten: Liebe und Weisheit.

Samstag aus Licht (1981-1983)

12 Solisten, Blasorchester, Männerchor mit Orgel. Farbe: Schwarz, Sternzeichen: Saturn, Spirituelle Qualitäten: Verständnis und Intelligenz.

Philharmonie de Paris / Dienstag aus Licht von Karlheinz Stockhausen © Elise Lebaindre

Philharmonie de Paris / Dienstag aus Licht von Karlheinz Stockhausen © Elise Lebaindre

Dienstag aus Licht (1988-1991)

14 Solisten, Blechbläserensemble, Schauspieler, Chor und >Europäisches Orchester<. Farbe: Geranienrot, Sternzeichen: Mars, Spirituelle Qualitäten: Idealismus und Hingabe.

Montag aus Licht (1984-88)

14 Solisten, 7 Kindersolisten, 21 Schauspielerinnen, Chor, Mädchenchor, Kinderchor and >Modernes Orchester<. Farbe: Grün, Sternzeichen: Mond, Spirituelle Qualitäten: Zeremonie und Magie.

Freitag aus Licht (1991-1994)

5 Solisten, 12 Tanzpaare, Kinderorchester, Kinderchor, Chor und Elektronik. Farbe: Orange, Sternzeichen: Venus, Spirituelle Qualitäten: Wissen und Vernunft.

Mittwoch aus Licht (1995-1997)

8 Solisten, Streichquartett, Chor, Kammerorchester. Farbe: Gelb, Sternzeichen: Merkur, Spirituelle Qualitäten: Kunst und Harmonie.

Sonntag aus Licht (1998-2003)

7 Solisten, Stimmsextett, Kindersolisten, Chor, Orchester und Elektronik. Farbe: Gold, Sternzeichen: Sonne, Spirituelle Qualität: Wille und Kraft.

Dienstag aus Licht …  das musikalische Ergebnis einer Kriegssituation

Dienstags-Gruß Sopran, 9 Trompeten, 9 Posaunen, 2 Synthesizer, Chor, Dirigent, Tonprojektion. Rechts und links hinter dem Publikum stehen zwei Ensembles, eines in blau, das andere in glänzendem Schwarz, sie repräsentieren Luzifer und Michael. Sie prallen musikalisch aufeinander und der erste fordert Freiheit ohne Gott, der zweite zur Freiheit in Gott. In der Mitte der Bühne taucht dreimal eine Sopranistin, Eva auf! Sie ermahnt die beiden Gegner, sich zu versöhnen und Frieden zu halten.

1.  Akt:  Jahreslauf

Jahreslauf bezeichnet sowohl das sportliche Rennen als auch das Durchgehen, den Ablauf des Jahres und somit der Zeit.

Tenor, Bass, 4 Tänzer und Mimen, Schauspieler-Sänger, 5 Schauspieler, > Europäisches Orchester < 3 Harmoniums, 3 Flöten, 3 Sopransaxophone, Gitarre, Cembalo, 3 Schlagzeuger, Tonband, Tonprojektion.

Luzifer lädt Michael zu einem Jahreslauf ein. Begleitet von Schiedsrichtern treten vier Läufer an, die Millennium, Jahrhundert, Jahrzehnt und Jahr verkörpern. Bei vier Gelegenheiten stoppt Luzifer die Zeit durch Versuchungen: Überreichung eines Blumenstrauß, ein Koch mit exquisiten Gerichten, ein Affe im Auto und schließlich eine schöne verführerische Frau. Und bei vier Gelegenheiten setzt Michael mit seinen Anregungen die Zeit wieder in Bewegung. Nach der Preisverleihung und einer Prozession bietet Luzifer Michael einen viel härteren Kampf an, der aber antwortet: „Michael hat keine Angst, kein Bangen!“

Philharmonie de Paris / Dienstag aus Licht von Karlheinz Stockhausen © Elise Lebaindre

Philharmonie de Paris / Dienstag aus Licht von Karlheinz Stockhausen © Elise Lebaindre

2.Akt: Invasion – Explosion mit Abschied

Sopran, Tenor, Bass, 3 Trompeten solo, Horn, 3 Posaunen solo, 2 bewegliche Synthesizer, 3 bewegliche Schlagzeuger, 6 Trompeten tutti, 6 Posaunen tutti, Chor, Dirigent (unsichtbar), elektronische Musik im Oktaphon, Tonprojektionen.

Umgeben von einem felsigen Abgrund wird die Bühne – und darüber hinaus der gesamte Saal – zu einem Schlachtfeld, auf dem Bomber, Raketen und Artillerie-Truppen in einem Wechsel der Abschnitte Luftabwehr und Invasion aufeinander treffen. Nach der zweiten Invasion fiel ein Trompeter, Michael: „wunderbarer Sohn Gottes“, schwerverletzt zu Boden und schien von seinem Körper losgelöst zu sein (Abschnitt: Wunde). Eine Krankenschwester vom Roten Kreuz (Eva II) tritt ein, nimmt ihn in die Arme und singt ein bewegendes Duett: (Abschnitt: Pietà): „Gottes Atem, gibt dir neues Leben“. Der Kampf wird fortgesetzt und es ertönen drei Explosionen (Abschnitt: Explosion), die eine Kristallwand brechen. Eine neue Welt in weißem Licht erscheint und auf einem Förderband sieht man Miniaturkriegsmaschinen, die auf kleine Glaswesen schießen (Abschnitt: Jenseits). Umgeben von Synthesizern und Lautsprechern übernimmt ein legendärer Musiker mit grünen Elefantenohren, einer großen Nase und mit einer riesigen Sonnenbrille, ein großes Solo. Überschwänglich und immer ekstatischer gewinnt er zu seinem Glück die Kriegsführenden auf seine Seite, diese beenden die Kämpfe und schauen den Musiker nur noch fasziniert an. Auch wenn ihre unlösbaren Sprachen zu viele Hieroglyphen enthalten und die unbekannten Gesten unlösbare Rätsel verursachen, verwandelte sich jedoch der Klang trotz allem in Kristalltöne von verspiegelten Mauern umgeben und die Menschen im Zuschauerraum reflektierten von der musikalischen Unendlichkeit. Synthi-Fou, allein gelassen, hat sich entledigt von seinen Attributen, während die Elektronik und das Licht langsam verblassen bis zur völligen Dunkelheit (Abschnitt: Synthi-Fou / Abschied).

Vorstellung am 24. Oktober 2020 in der Philharmonie de Paris

Schon als sehr junger Musikliebhaber in den 50er und 60er Jahren waren wir sehr neugierig und aufgeschlossen für Neue Musik und Kreationen, jedoch eigenartiger Weise um Stockhausen machten wir immer einen großen Bogen! Warum? Vielleicht aus Naivität oder es war ein sogenannter Angstzustand vor dem Neuen… vor dem Unbekannten? Denn seine Kompositionen wurden uns als unhörbar vorgestellt, ja als >Unmusik< dargestellt! Eine sehr späte aber glückliche Entdeckung hat uns hier in Frankreich den Komponisten näher gebracht und sehr schätzen gelernt. Nach einem Konzert im Jahre 2018 in der Philharmonie de Paris war der Funke übergesprungen, hatte uns der Virus angesteckt: Inori – Adorations (1973-1974 / Version für Orchester). Also! Auch im vorgerückten Alter kann man noch lernen: … neues entdecken… neues lieben! Im gleichen Jahr zeigte die Opéra Comique Paris die Oper Donnerstag aus Licht. Seit dem sind wir völlig begeistert von dieser Musik – von diesem gewaltigen kosmischen Welttheater. 2019 wiederum und diesmal an der Philharmonie de Paris wurde Samstag aus Licht aufgeführt und heute Abend folgt Dienstag aus Licht. Der junge französische Dirigent Maxime Pascal mit seinem Ensemble Le Balcon hatte auch vor einigen Jahren einen coup de foudre (Liebe auf den ersten Blick) für dieses gigantische Werk und beschloss den gesamten Zyklus bis zum Herbst 2024 aufzuführen, indem er jedes Jahr einen Tag aus Licht präsentiert und dass in Zusammenarbeit mit der Philharmonie de Paris und dem Festival d‘Automne à Paris.

Der talentierte Dirigent sagt folgendes: „Der 2003 abgeschlossene Zyklus Licht eröffnet das 21. Jahrhundert. Diese sieben Tage, die auf einer 29 Stunden-Skala eine Polyphonie von wenigen Sekunden entfalten, enthalten so viel Erfindungsreichtum, Ausdruck und Überraschung, dass sie einen unglaublichen Horizont für die Hörer und Musiker von heute offenbaren. Durch sein Schreiben von Raum und Zeit, durch die Synthese von Musiktheater und Ritualen aus aller Welt, durch die Verwirklichung seiner akustischen Utopien verwirrt Stockhausen unsere sensorische Erfahrung musikalischer Darbietung. Er macht das Hören des Klangphänomens zu einem tiefgreifenden Akt.“

So vernahmen wir auf der Bühne eine derartige gewaltige Kriegsentfaltung zwischen den feindlichen Mächten, zwischen Luzifer und Michael, zwischen den Musikgruppen und Instrumenten, zwischen den Interpreten und dem Chor. Das totale Chaos menschlichen Leidens und menschlicher Schöpferkraft vereint: …verweste Kadaver… zerstörtes Kriegsmaterial… zerbrochene Musikinstrumente… tonale und atonale Zerstörung. Schöpferchaos! Die musikalische, szenische und visuelle Erstellung (von Stockhausen genauesten erdacht und vorgeschrieben) wurde mit viel Einfühlungsvermögen und Kreativität von Maxime Pascal, Nieto, Damien Bigourdan (musikalische, artistische, szenische und visuelle Leitung und Kreation) ausgeführt. Die Musiker vom Ensemble Le Balcon waren einzigartig und sehr eindrucksvoll und das nicht nur musikalisch, sondern insbesondere auch als Mimen und Schauspieler. Der Jeune Chœur de Paris und die Studenten des Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris haben die schwere Partition unter der Leitung von Richard Wilberforce äußerst gut verarbeitet und dargeboten. Unter den vielen Solisten hatten wir besonders den diabolischen auftrumpfenden französischen Bass Damien Pass als Luzifer / Luzifers Truppengeneral bemerkt. Der deutsche Tenor Hubert Mayer fand den richtigen Tonfall für die delikate Person des Michael / Michaels Truppengeneral mit seiner hellen Tonfarbe eines Charaktertenors. Die Eva I (Gruß) war mit engelsreiner Sopranstimme von der Französin Élise Chauvin wunderschön interpretiert und ihre Landsmännin, die Sopranistin Léa Trommelschlager sang mit dunkelgetönter Stimmfarbe die mitleidsvolle Eva II (Pietà). Besondere Aufmerksamkeit hatten wir natürlich für die Person des Synthi-Fou. Diese sogenannte Schlüsselperson der Oper Dienstag aus Licht ist in seiner naiven kindlichen komischen Natur der Botschafter des Friedens und der Liebe, er bringt die beiden feindlichen Mächte wieder zu normalen freundschaftlichen Beziehungen.

Die deutsche Musikerin Sarah Kim mit ihrem Synthesizer interpretierte mit einem derartigen irren chaotischen Pathos bis zur musikalischen und szenischen Erschöpfung diese einzigartige Kreatur: Den Friedensstifter Synthi-Fou. Stockhausen hatte die volle Überzeugung dass Musik die Menschheit im wahrsten Sinne verbindet und das die gesamte Welt sich wieder umarmt in brüderlicher Liebe. Auch Utopien können unser Dasein ändern… verbessern… festigen! „Ich beendete die >Invasion – Explosion mit Abschied< am Tag vor Ausbruch es Golfkrieg. Es war sehr bedeutungsvoll für mich, denn in den folgenden Monaten konzentrierte sich die ganze Welt ausschließlich auf diesen brennenden Konflikt; der in kurzer Zeit eine entsetzliche Anzahl von Menschen tötete und entsetzliches Elend verursachte. In diesem Sinne habe ich das Gefühl, dass mein Thema Dienstag aus Licht alle Menschen betrifft. Alles andere ist Musik für mich! Nur Musik! Auch ist sehr wichtig zu wissen, dass ich als Kind sechs Jahre lang jeden Tag und jede Nacht den Krieg erlebt habe. Mit dem fantastischen Spektakel von Luftkrieg, Luftverteidigung und allen Formen von Luftangriffen, allen Lichteffekten und der Musik, die damit zusammenhängt. Ich habe die letzten sechs Monate des Krieges hinter der Westfront in einem Feldlazarett verbracht. Ich war damals sechzehn Jahre alt und half den Verletzten. Luftangriffe mit Verstärkung von Schiffskanonen und Brandbomben fanden täglich statt. Es war erstaunliche Musik, die ich Tag und Nacht hörte. Alle akustischen Phänomene sind daher für mich interessant. Was man während des Krieges hört, ist das musikalische Ergebnis einer Kriegssituation und nur so zu erleben.“ (Ausschnitt aus einem Interview mit Karlheinz Stockhausen am 8. November 1991).

Mit den Worten des Komponisten wollen wir diesen für uns so ereignisreichen und erfolgreichen Abend mit viel Begeisterung schließen und reihen uns mit dem Publikum stehend ein in große Jubel

—| IOCO Kritik Philharmonie de Paris |—

Ihre Meinung ist uns wichtig

Schreiben Sie uns, was Sie darüber denken!
Bitte vorher die Datenschutzerklärung lesen : Datenschutzerklärung


Ich habe die Datenschutzerklaerung gelesen und stimme ihr zu.

Datenschutzerklaerung

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung