Berlin, Konzerthaus Berlin, András Schiff – Haydn, Beethoven, Schubert, IOCO Kritik, 13.10.2020

Oktober 12, 2020  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Konzert, Konzerthaus Berlin, Kritiken

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin © David von Becker

Konzerthaus Berlin

András Schiff – Klavierabend

Joseph Haydn – Ludwig van Beethoven – Franz Schubert

von Julian Führer

Das Konzerthaus (früher Schauspielhaus) am Berliner Gendarmenmarkt wird von vielen Touristen fotografiert, von manchen auch besucht; es ist die Hauptspielstätte des Berliner Konzerthausorchester (ehemals Berliner Sinfonie-Orchester, Chefdirigent derzeit Christoph Eschenbach), manchmal finden dort auch Galaveranstaltungen statt, aber auch Soloabende sind hier zu erleben. Der Bau geht auf Friedrich Schinkel zurück, die heutige Gestalt des im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten Gebäudes geht auf eine Restauration in der späten DDR zurück, der man unter anderem diverse Büsten verdankt, auf denen nicht nur Bach und Mozart, sondern auch Igor Strawinsky (mit Hornbrille) und andere verewigt sind. Eigentlich fasst der Saal bis zu 1500 Zuschauer, doch sind im Saal derzeit nur zehn Stuhlreihen aufgebaut, die mit sehr viel Abstand besetzt werden. Dafür darf am Platz die bis dahin obligatorische Maske abgenommen werden, was dankenswerterweise zu freiem Atmen und damit deutlich unbeschwerterem Musikgenuss führt als in anderen Sälen.

András Schiff hatte für diesen Abend, dem 9. Oktober 2020, ein Programm zusammengestellt, das er innerhalb von vier Stunden zweimal aufführte, so dass immerhin eine gewisse Anzahl Menschen in den Genuss dieses Konzerts kommen konnte. Auf dem Programm standen Werke von Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und Franz Schubert, für die er sich gegen den sonst üblichen Steinway entschieden hatte. An diesem Abend spielte András Schiff auf einem Bösendorfer-Konzertflügel; diese Instrumente zeichnen sich durch eine besonders obertonreiche Mittellage, im Vergleich zu Steinway weniger scharfe Höhen und eine gewissermaßen samtige Basslage aus, die sie für ein Programm der Wiener Klassik oder Frühromantik ideal erscheinen lassen.

Konzerthausorchester Berlin / hier : Selfie ohne Dirigenten © Marco Borggreve

Konzerthausorchester Berlin / hier : Selfie ohne Dirigenten © Marco Borggreve

Haydns Sonate für Klavier Hob. XVI:44 g-Moll, trotz der hohen Hobokenzahl im Werkverzeichnis bereits 1770 komponiert (dem Geburtsjahr Beethovens), ist eine zweisätzige Sonate, die den Geist des Ancien Régime atmet. Der Anschlag Schiffs betonte die Mittellage und nahm die vielen Verzierungen als das, was sie sind, nämlich Verzierungen, die der Hauptlinie neue Färbungen verleihen, ohne diese jedoch unkenntlich zu machen. Die für Haydn typische Strenge der Durchführung war in beiden Sätzen sehr präsent, doch atmete der zweite Satz (im Dreiviertel- statt im Viervierteltakt) etwas freier. Eine eigentliche Melodieentfaltung kennt dieses Werk nicht, dafür aber eine recht frei scheinende, dennoch der gebundenen Form gehorchende Auseinandersetzung mit musikalischen Gedanken und Figuren in einer hochkomplexen Rhythmik – ein Werk, das technisch nicht allzu schwierig, interpretatorisch aber höchst anspruchsvoll ist.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

Auf dieses kurze Werk folgte nach einer einzelnen, kurzen Verbeugung Beethovens große Sonate C-Dur op. 53 von 1804, die sogenannte Waldsteinsonate. Im Kopfsatz, gleichzeitig pianissimo und doch Allegro con brio einsetzend, zeigte András Schiff scharfe Kontraste zwischen Staccatopassagen, insbesondere die fein gehämmerten Quinten und Sexten im Bass, und mit viel Pedal unterstützen Bögen im tatsächlich dolce e molto legato notierten Seitenthema des ersten Satzes. Beethoven stellt das drängende Kopfthema immer wieder der holzbläserhaften Akkordfolge des Seitenthemas gegenüber; Schiff gelang es dabei, durch Betonung einzelner Linien in der Mittellage verblüffende Bezüge und Verweise aufzuzeigen. Die Vorzüge der Instrumentenwahl wurden hier deutlich hörbar, der Flügel von Bösendorfer wurde von Schiff gerade in der Mittellage zum Singen gebracht. In der Durchführung wurde das Tempo noch etwas schneller; ab Takt 146 hat Beethoven Sechzehntel und Sechzehnteltriolen komponiert, die schnell nach oben gehen, während im Bass Sechzehntel nur scheinbar auf der Stelle treten. Die Triolen – tatsächlich mit Punkt auf dem letzten Ton notiert – spielte Schiff mit scharfem Akzent, so dass sie fast frech bis zum dreigestrichenen F nach oben gingen, bevor die Überleitung zur Reprise des ersten Satzes folgte. Auf der gleichen Seite (Takt 168) steht eine Fermate, mit der Beethoven markiert, dass die Reprise keine bloße Wiederaufnahme ist, sondern ganz im Gegenteil eine für damalige Verhältnisse recht wilde Modulation durch verschiedene Tonarten enthält. Diese Fermate hielt Schiff sehr lange; der Rest der Reprise brachte stärker hämmernde Bässe (in der Tat auch bei Beethoven anders als in der Exposition nun auch Dreiklänge) und Schlussakkorde, die abermals das Klangwunder des Bösendorfer zu Gehör brachten, sozusagen mehr Holz und weniger Metall im Klangbild.

Andràs Schiff/ hier : auf dem Lucerne Festival 2015 © Peter Fischli

Andràs Schiff/ hier : auf dem Lucerne Festival 2015 © Peter Fischli

Das nur 28 Takte lange Adagio des Mittelsatzes beginnt mit dunklen Oktaven und dann folgenden aufsteigenden Sexten (die man auch in der eingangs gehörten Haydn-Sonate findet), die zunächst in F-Dur zu münden scheinen, sich dann aber harmonisch sofort weiterentwickeln. Aus dem Bass heraus werden verschiedene Gedanken vorgetragen, verändert, verworfen, bis drei Takte vor Ende ein Dominantseptakkord in G angedeutet (aber nicht nach C-Dur aufgelöst) wird und endlich in Takt 28 ein reines G-Dur ertönt, das gewissermaßen als Sprungbrett für das subito beginnende Rondo in C-Dur dient. Dieses Rondo nahm András Schiff zunächst ganz ‚romantisch‘ mit viel Pedal, so dass die begleitenden Sechzehntel kam einzeln zu hören waren, sondern eher einen Klangteppich bildeten, auf dem sich die Melodie entfaltete (hierfür ist in der linken und rechten Hand eine jeweils völlig andere Anschlagtechnik nötig). Die Mittellage, in der sich die Sechzehntelbegleitung abspielt, wurde aber von Schiff wie gefordert sempre pp genommen, so dass das Instrument nie „dampfte“. Die Wiederholung des Rondothemas mündet in einen langen Triller in der rechten und absteigende Skalen im staccato in der linken Hand. Die von Beethoven notierten Bögen und Punkte demonstrierte András Schiff sehr präzise, deutlich und technisch mühelos. Abschnitt B des Rondos enthält viele Oktavfiguren, die auf Aufnahmen oder bei anderen Künstlern schnell einmal zu einem Dauerhämmern werden; die dramatische Wendung dieses Abschnitts wurde an diesem Abend aber nicht übertrieben, sondern eher als Vorbereitung für die Wiederholung des Kopfmotivs und die darauffolgende dramatische Steigerung präsentiert. Das Kopfmotiv hatte nach Abschnitt B viel mehr Pedal, war nochmal kantabler, es war hörbar viel passiert. In der Folge zog András Schiff noch einmal das Tempo an, nicht um der Raserei willen, sondern stets aus der Musik motiviert, und er beherrscht auch die Kunst, das Tempo im passenden Moment wieder herauszunehmen – nur am Ende nicht, wo Beethoven tatsächlich prestissimo fordert. Diese Interpretation setzte Maßstäbe.

Franz Schubert Wien © IOCO

Franz Schubert Wien © IOCO

Abermals ohne Pause ging es weiter mit der Sonate B-Dur D 960 (posth.), die Franz Schubert in den Wochen vor seinem Tod komponierte und die über fast eine Dreiviertelstunde einen ganzen musikalischen Kosmos durchmisst. Der lange Kopfsatz meditiert über ein B-Dur-Thema, das in einen Triller im Bass mündet, der es schwermacht, ‚einfach so‘ weiterzuspielen. András Schiff begann das Stück mit der entsprechenden Umsicht und nahm sich die Zeit, die verschiedenen Motivlinien herauszuarbeiten, ohne dass das Tempo unnatürlich langsam erschienen wäre. Schubert öffnet die Sonatenform wie zuvor der von ihm verehrte Beethoven, indem er zwar mit dem motivischen Material der Exposition arbeitet, dieses aber deutlich freier wie in einer Phantasie fortentwickelt. Kurz vor der Reprise zitiert er bereits das Kopfthema, das aber in sehr viel höhere Tonlagen transponiert wurde, während die Basstriller beibehalten werden. Das folgende Andante sostenuto vermischt Konventionen der Trauermusik wie Anklänge an Märsche mit recht überraschenden Dissonanzen. In diesem Satz, der seine Spannung vor allem aus den Feinheiten der Variation bezieht, kamen der Obertonreichtum des Instruments und die Meisterschaft András Schiffs besonders zur Geltung. Anschließend, in der Abfolge ganz klassisch, bricht ein Scherzo vermeintlich die melancholische Stimmung auf, jedoch setzt eine fast aufdringlich ostinate Walzertaktbegleitung hier ein Fragezeichen hinter die vordergründige Ausgelassenheit (ein Kniff, den Gustav Mahler später zur Perfektion bringen sollte). Der Schlusssatz schließlich ist ein großes Rondo, das ein ländlerhaftes Thema wiederum etwas aufdringlich und fast nach Art einer Spieluhr im Zentrum hat; dieses Thema wird allerdings in dem weit ausgreifenden Satz verschiedenen musikalischen Situationen gegenübergestellt, die Schubert mehr als einmal als Nachfolger Beethovens zeigen, wie Anklänge an die zuvor gehörte Waldsteinsonate sowie den Schlusssatz der Sonate Es-Dur op. 31,3 und den Beginn der „Appassionata“ in f-Moll op. 57 unterstreichen.

Das Programm hatte Bezüge und Querverweise – Haydn war Beethovens Lehrer, Schubert verehrte Beethoven, und gewisse musikalische Grundsituationen waren an diesem Abend in mehreren Werken zu hören. Das Publikum dankte András Schiff für die mustergültige, technisch beeindruckende und intellektuell überlegene Interpretation mit viel Applaus und etlichen Ovationen, wofür sich der Pianist mit Zugaben (unter anderem Schuberts Moment musical Nr. 3 in f-Moll D 780) revanchierte. Technische Souveränität gepaart mit interpretatorischer Übersicht, ein außergewöhnliches Instrument und ein meisterhafter Pianist ließen diesen Abend zu einem besonderen Erlebnis werden.

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