Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2020 – Tristan und Isolde, IOCO Kritik, 03.06.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Hessisches Staatstheater  –  Internationale Maifestspiele 2020

Tristan und Isolde  –  Richard Wagner

von Ingrid Freiberg

O sink hernieder, Nacht der Liebe…

ist das Motto der diesjährigen Internationalen Maifestspiele 2020. Wie kein anderes Werk der Opernliteratur führt Richard Wagners Tristan und Isolde die Liebe zwischen zwei Menschen in ihrer ekstatischsten Form vor. Der Komponist bemächtigt sich Schopenhauers Philosophie mit ihrer Verneinung des Willens zum Leben und beschwört volle Bewusstlosigkeit, gänzliches Nichtsein, Verschwinden aller Träume. Wagner schrieb an Liszt: Da ich nun aber im Leben nie das eigentliche Glück der Liebe genossen habe, so will ich diesem schönsten aller Träume noch ein Denkmal setzen, in dem vom Anfang bis zum Ende diese Liebe sich so recht sättigen soll. Und sättigen wollten sich auch die Festspielbesucher. Insgesamt drei Opernabende waren geplant. Dann kam Corona… und die Hoffnung schwand, sich dem Liebesrausch hingeben zu können. Zuweilen fordert Hoffnung, aber auch die Bereitschaft, im Scheitern eine Chance zu sehen, in der Niederlage eine neue Möglichkeit. Die Verantwortlichen, und hier im Besonderen der Intendant Uwe Erich Laufenberg, fanden unter strengen Vorgaben eine Möglichkeit, das Hessische Staatstheater Wiesbaden ab dem 18. Mai 2020 wieder zu öffnen, was sogar in einem Artikel der New York Times Erwähnung fand.

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Andreas Schager als Trsitan und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Andreas Schager als Trsitan und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Als Richard Wagner zum ersten Mal eine Fidelio-Aufführung besuchte, stand für ihn fest, Musiker zu werden. Zeit seines Lebens bewunderte er die Werke seines Komponistenkollegen… Da war es nur folgerichtig, dass anlässlich des 250. Geburtstages von Ludwig van Beethoven der Kopfsatz der Kreutzer-Sonate auf dem Programm stand, vorgetragen von Lidia Baich und Alexandra Goloubitskaia.

Betörendes, einfühlsames Spiel

Bewundernswert sind der unbändige Ausdruckswillen beider Künstlerinnen, ihre technische Meisterschaft, die sich gerade in einem ausgesprochen leichtfüßigen und gelenkigen Phrasieren offenbart, ihr absolut präzises Miteinander und die Kunst des gegenseitigen Einfühlens. Für den Konzertsaal hat Wagner viele Albumblätter komponiert. Daneben gibt es einige Bearbeitungen durch andere Komponisten, gespielt wird die von August Wilhelmj. Er galt als einer der größten Violinen-Virtuosen seiner Zeit, erlangte als gefeierter Geigerkönig und Konzertmeister Weltruhm und sah sich Zeit seines Lebens aufs engste mit Wiesbaden verbunden. Die Romanze von Richard Wagner betört durch den zarten Klang der Guarneri von Lidia Baisch und das einfühlsame Spiel von Alexandra Goloubitskaia.

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier :  Rene Pape @ Katzer Media Group

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier : Rene Pape @ Katzer Media Group

Das Vorspiel zu Tristan und Isolde erklingt – bei geschlossenem Vorhang – überraschenderweise vom Tonband in einer Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Marek Janowski. Es ist magisch, an den Tristan-Akkord zu rühren, seine unbeugsame Kraft zu entfachen, aus der das Drama keimt, es am Leben erhält, bis Isolde das ihre aushaucht. Die Musik des Tristan nimmt vom Gesang her ihren Ausgang, erfüllt sich aber im Orchester, das symphonische Ausmaße hat. Die Sprache der Instrumente ist wie ein zusätzliches Organ der Personen auf der Bühne. Was eine Figur fühlt, denkt und tut, findet in Melodien, Harmonien und Rhythmen seinen Ausdruck. Das ließ befürchten, dass die Reduzierung auf Klavierbegleitung die Wirkung der Oper entzaubern könnte. Doch weit gefehlt! Alexandra Goloubitskaia versteht es mit Bravour, das Fehlen des Orchesters vergessen zu lassen und begleitet mit unbeschreiblicher Verve:

  1. Aufzug, 3. Szene Weh, ach wehe! Dies zu dulden!  –  Isolde, Brangäne
  1. Aufzug, 2. Szene O sink‘ hernieder, Nacht der Liebe  –  Tristan, Isolde
  1. Aufzug, 3. Szene Rette dich, Tristan – Tatest du’s wirklich  –  Kurwenal, Tristan, Melot, König Marke, Isolde
  1. Aufzug, 1.  Szene Wo ich erwacht  –  Tristan, Kurwenal

     3. Aufzug, 3.  Szene Mild und leise wie er lächelt  –  Isolde

Stimmen mit außerordentlicher Strahlkraft

Andreas Schager kehrt nach Wiesbaden zurück, wo ihm Fans – mit seinem Konterfei – einen tonnenschweren Findling platziert haben, in dem Nothung das Schwert der Hoffnung steckt. Freude und Erwartungen waren dementsprechend groß. Trotz vorgegebener Einschränkungen präsentiert sich einer der besten Heldentenöre im Liebesduett und in den Fieberträumen mit seiner alles überstrahlenden Stimme, in der Dramatik berührend, in der Lyrik überzeugend, mit leiser, attraktiv zurückgenommener Mittellage, sorgfältig und sinnvoll phrasiert. Schager versteht sich wie kaum ein anderer auf die Schmerzens- und Verrücktheits-Akzente mit wunderbarer Textverständlichkeit. Dabei ist ihm anzumerken, dass er das Bühnenspiel vermisst…

Der Filme (Pocahontas-Film The New World von Terrence Malick, Endzeitparabel Children of Men von Alfonso Cuarón, Die letzte Frau von Marco Ferreri), die Gérard Naziri während des Liebestraums auf eine Leinwand brachte, bedarf es bei diesen Weltklassesängern nicht; sie sind eher störend, schon deshalb, weil ein enger Bezug nicht erkennbar ist.

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Margarete Joswig, als Brangäne und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Hessisches Staatstheater / Tristan und Isolde hier: Margarete Joswig, als Brangäne und Catherine Foster als Isolde @ Andreas Etter

Klar artikulierend, mit Strahlkraft weiß Catherine Foster Isolde mit Weh, ach wehe! Dies zu dulden! zu überzeugen, sie steigert sich kraftvoll glühend im Liebesduett O sink‘ hernieder, Nacht der Liebe… und mit dicht gestalteten Gesangsbögen und mühelosem Abschwellen der Spitzentöne zum Innigsten bei Mild und leise wie er lächelt… spontan, berührend, aufrichtig, mit viel Farbe, in ihr brennt ein heftige lyrische Flamme. …in des Welt-Atems wehendem All – ertrinken, versinken, unbewusst – höchste Lust! sind Isoldes letzte Worte.

René Pape gehört zu den besten lyrischen Bässen und ist einer der größten König Marke-Interpreten aller Zeiten. Mit eleganter Ausdrucksweise gelingt es seiner unverwechselbaren Stimme, Gänsehaut zu erzeugen… Er lebt König Marke, ist die Verkörperung eines stimmlich hochsouveränen und darstellerisch vergeistigten Königs, zeigt die Erschütterung über den Verrat Tristans. Die Stimme hat enormes Gewicht und elementare Kraft. Immer wieder überraschend: die tiefsinnige Phrasierung, die plastische Textdeutung. Mit opulentem Klang und Würde, samtiger Pracht entfaltet er den schmerzenden Monolog des Königs.

Der Dialog Wo ich erwacht zwischen Tristan und Kurwenal wird auch dank Thomas de Vries zu einem sängerischen Höhepunkt. Völlig unangestrengt, wunderbar leicht und sauber, doch voller Ausdrucksstärke ist er Tristans Getreuer, kein Untergebener, er ist ein Partner auf Augenhöhe. Brangäne Margarete Joswig, Isoldes Freundin, ist von der wild trotzenden Isolde mehr als einmal genervt. Sie vermag, zu explodieren… Die Mezzosopranistin singt dramatisch aufbrausend in ihrer fürsorglichen Liebe zu Isolde. Ihre Stimme hat ein unverwechselbares Timbre.  Die Violinistin Lidia Baich überzeugt bei Brangänes Warnrufen mit sehr sinnlichem und intensivem Spiel.  Aaron Cawley Melot verrät die Liebenden und gestaltet den Intriganten mit kräftigem Tenor.

Nicht enden wollende Standing Ovations! Noch nie haben sich Publikum und Künstler so verbunden gefühlt – es war eine Befreiung von einem langen Leiden…

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

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