Paris, Opéra Bastille Paris, Fürst Igor – Alexander Borodin, IOCO Krik, 13.12.2019

Dezember 13, 2019  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Opera National de Paris

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Opera National de Paris

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

Opéra Bastille, Paris / Tosca Ankündigung © Uschi Reifenberg

 FÜRST IGOR – Alexander Borodin

– Ein Dialog zwischen zwei Kulturen –

von  Peter M. Peters

Alexander Porfirjewitsch Borodin (1833-1887) wurde als illegitimer Sohn des Fürsten Imerentinsky geboren. Seine große musikalische Begabung zeigte sich frühzeitig, dennoch studierte er Medizin und Chemie und wurde zunächst Militärarzt. Bald widmete er sich ausschließlich der Wissenschaft und machte sich einen Namen mit einigen wichtigen Erfindungen in der organischen Chemie. Zugleich war Borodin ein leidenschaftlicher Musiker; sein Vorbild fand er in Michail Glinka (1804-1857), dem Begründer der nationalen russischen Kunstmusik. In den 50er Jahren lernte er alle wichtigen russischen Komponisten seiner Zeit kennen und wurde in den Freundeskreis der «Fünf» aufgenommen, der als «Mächtiges Häuflein» Musikgeschichte gemacht hat. Besonders beeinflusst wurde er von Mili Alexander Balakirev (1836-1910), bei dem er seit 1862 studierte. 1869 begann er mit der Arbeit an seinem Hauptwerk, Fürst Igor, die er immer wieder unterbrach und bis zu seinem Tode nicht vollendete.

Fürst Igor hier Teaser des Regisseurs Barrie Kosky
youtube Trailer Opéra National de Paris
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Borodins Freund, der Kunstwissenschaftler Wladimir Stassow (1824-1906) schlug Borodin das altrussische Igorlied als Opernsujet vor, das wegen seiner breiten epischen Motive, seiner nationalen Elemente, den vielfältigen Charakteren und Affekten, wegen seiner Dramatik und seinem östlichen Kolorit Borodins Talent und künstlerischem Naturell zu entsprechen schien. Der Komponist schrieb sein Libretto selbst, indem er nach allen verfügbaren Quellen forschte und erarbeitete elf Nachdichtungen des mittelalterlichen Epos durch. Wie ein Historiker ging Borodin bei seiner Beschäftigung mit dem Stoff der Frage nach, ob Personen und Gehalt des Igorliedes in den Bereich von Geschichte oder Legende gehören. Seine Skizzen zeigen, dass er im konkreten Einzelfall historische Ereignisse zusammenfasst, die sich nach seinen Quellen zwischen 1054 und 1223 zugetragen haben. Das Sujet war mehr als geeignet für den Komponisten, denn er selbst war die Frucht eines kaukasischen Fürsten und einer russischen Mutter, er war ein sogenannter Bastard.

Das Igorlied oder das “Lied von der Heerfahrt Igors, ein mittelalterliches Epos der Russ“.

Nach einem missglückten Feldzug im Jahre 1185 gegen die Polowzer wurde Fürst Igor Swjatoslawitsch von Nowgorod-Sewersky (1151-1202) von Khan Kontschak (verstorben 1187) gefangen genommen. Er wurde mit prinzlicher Würde behandelt einschließlich seines Sohnes Wladimir, dennoch wollte er flüchten mit diesem, doch dieser wehrte sich dagegen, denn inzwischen war er tief verliebt in dieTochter des Khans Khontschakovna. Die beiden Verliebten heirateten trotz der Einwände des Fürsten Igor. Die Überschneidungen des Epos und den historischen Begebenheiten hat Borodin geschickt in sein Libretto eingebettet. Zur kleinen Anmerkung: In allen Opernlibrettos sind im Grunde die sentimentalen Geschichten erfunden, jedoch unsere beiden Verliebten sind historische Personen. Trotz des Dualismus zwischen slawischen und orientalischen Ursprungs in seiner eigenen Person verfällt er nicht in billige Rassenkonflikte, sondern beide Kulturen werden von ihrer besten Seite behandelt. Denn wenn man ein wenig an der Oberfläche der Geschichte kratz sieht das ganz anders aus: Über ganz Europa in der christlichen Welt werden Nichtgläubige schonungslos mit grausamen Verfolgungskriegen, Inquisitionen, Foltern, Scheiterhaufen vernichtet und Horden von Kreuzrittern überfallen die orientalischen Länder einschließlich Jerusalem, alles im Namen der Kirche.

Opéra Bastille, Paris / Fürst Igor - hier : Elena Stikhina als Jaroslawna, Ildar Abdrazakov als Fürst Igor © Agathe Poupeney / Opera Bastille, Paris

Opéra Bastille, Paris / Fürst Igor – hier : Elena Stikhina als Jaroslawna, Ildar Abdrazakov als Fürst Igor © Agathe Poupeney / Opera Bastille, Paris

Borodin verweigert die Musiksprache seiner Zeit, d.h.ineinander verflochtene melodische Rezitative und musikalische Aktionen (z.B. Wagner). Er zieht die traditionelle Trennung in Einzelstücke vor, indem er Arien, Monologe, Choreinheiten und Kantilenen vorzieht und sich dem italienischen Musikstil nähert und anpasst. Inspiriert von der Volksmusik integriert er gleichzeitig slawische und orientalische Weisen in sein Werk, die besonders in den populären Chor- und Tanzszenen hörbar sind. Das beste Beispiel sind wohl die berühmten Polowzer Tänze, die uns aus Konzertsälen vertraut sind. Auffallend sind die diatonischen Modulationen in der russischen Sphäre zum Kontrast mit der chromatischen Ebene im orientalischen Bereich. Der Komponist zeigt sich als raffinierter Kolorist indem er musikalische Harmonien mit hinreißenden sensuellen orientalisierenden Wollustballungen tönt. Borodin hinterließ die Oper als Fragment, lediglich 8 der 29 Nummern waren als Partitur vollendet. Seine Existenz verdankt das Werk Alexander Glasunow (1865-1936) und Nikolaj Rimskij-Korsakow (1844-1908). Letzter schrieb einige Takte neu, verfasste Text und instrumentierte. Glasunow ergänzte den 3.Akt nach Themen und Ideen von Borodin und schrieb die Ouvertüre aus dem Gedächtnis nieder. Wahrscheinlich wurde jede Nummer in der Endfassung von Rimskij-Korsakow mitgestaltet. Schon bei der ersten Aufführung der Oper am Marinskij-Theater St.Petersburg (4. November 1890) versuchte man durch Kürzungen, besonders im 3.Akt, die Handlung zu straffen. Das Werk hat viele Umarbeitungen und Kürzungen im Laufe seiner Geschichte erhalten und dass besonders in Deutschland. Die deutsche Uraufführung in Mannheim im Jahre 1925 stand unter einem schlechten Stern, denn die problembeladene Übersetzung von Alexandra Alexandrowa befand man für nicht überzeugend. 1957 dirigierte der serbische Dirigent Lovro von Matacic (1899-1985) an der Deutschen Staatsoper Unter den Linden Berlin eine neue Version, indem er aus der Orchestermusik des 2. und 3.Aktes Zwischenspiele gestaltete die die einzelnen Bilder verknüpfen sollten. Matacic kam, obwohl er keinen Einblick in das Autograph hatte, zu Ergebnissen, die Borodin selbst erwogen hatte. Das verhältnismäßige selten aufgeführte Werk wird natürlich heutzutage in Originalsprache und mit den letzten in den 70er Jahren in Moskau gefundenen integrierten Musikfragmenten inszeniert.

 Fürst Igor in der Opéra Bastille Paris – 4.Dezember 2019 –

Barrie Kosky, Regisseur in Paris, auch Intendant der Komische Oper Berlin © IOCO

Barrie Kosky, Regisseur in Paris, auch Intendant der Komische Oper Berlin © IOCO

Der Regisseur Barrie Kosky verlegte das Drama in eine undatierte Neuzeit indem nur im Prolog ein kurzer Moment der Prunk der zaristischen Vergangenheit sichtbar wird: Eine orthodoxe Kapelle mit Gold überladen und mit einem unübersehbaren blauen Neonkreuz aus der Gegenwart versehen. Diese sinnbildliche Machtkonzentration des schlechten Geschmackes ist keine Erfindung des Regieteams, sondern auf Reisen in die Balkanländer, Russland und nicht zu vergessen Griechenland haben sie uns oft zum Schmunzeln und zur Empörung verführt. Auf einem kostbaren Thron sitzt Fürst Igor und teilt seinem Volk die Kriegserklärung gegen die Polowzer an. Eine plötzliche erscheinende Mondfinsternis verursacht bei Igor Wahnvorstellungen, die er zu verdrängen sucht; jedoch das arme abergläubige Volk schreit und heult ängstlich. Der Fürst Galitski versucht in der Abwesenheit seines Schwagers die Macht zu übernehmen, indem er die verbliebenen Soldaten mit orgienhaften Festen zu gewinnen sucht. Galitskis Palast wird zu einem Musterbordel: Vulgäre besoffene Soldaten vergewaltigen ohne Hemmungen Bürgermädchen, adlige Damen oder junge Nonnen werden entführt und geschwängert. Die ganze Stadt ist in Aufruhr und versteckt sich ängstlich vor Galitzki und seinen brutalen Horden. Inzwischen in Igors Palast wartet sehnsüchtig seine Frau Jaroslawna auf seine siegreiche Heimkehr. Obwohl sie sich mit viel Mut und Entschlossenheit gegen die obszönen Annäherungen ihres Bruders wehrt ist sie doch recht hilflos gegen seine erfolgreiche Invasion zur Macht. Im Lager der Polowzer feiert man den Sieg, denn Igor hat die Schlacht verloren und ist mit seinem Sohn in Gefangenschaft geraten. Unserer Meinung ist die Regie hier nicht Glaubwürdig, denn Borodins Text und Musik zeigt eindeutig einen versöhnenden und friedensuchenden toleranten Kontschak. Die Botschaft vermittelt das zwei ungleiche Kulturen und Religionen trotz aller Konflikte in Frieden miteinander leben können. Aber hier wird der Khan als ein grausamer blutdurstiger Tyrann gezeigt der seine Feinde mit sadistischer Brutalität in Ketten legt und ins Gefängnis wirft. Große Chorszenen, Foto unten, und Tänze im 3. Akt vermittelt die Freude über den Sieg der Polowzer. Die berühmten Tänze werden hier von dem österreichischen Choreographen Otto Pichler in einer äußerst interessanten Tanzsprache gezeigt, indem er zwischen modernem Tanztheater und akrobatischem Mummenschanz jongliert. Leider fehlt die orientalische Sensualität und Sinnlichkeit, sodass alles zu einem rohen barbarischen und obszönen Orgientanz abfällt.

Opéra Bastille, Paris / Fürst Igor - hier : eine der großen Chorszenen © Agathe Poupeney / Opera Bastille, Paris

Opéra Bastille, Paris / Fürst Igor – hier : eine der großen Chorszenen © Agathe Poupeney / Opera Bastille, Paris

Der 4. Akt ist mit dem Prolog unserer Meinung der wohl gelungenste der ganzen Produktion. Auf der fast leeren Bühne zeigt sich im tiefblauen nebligen Abendhimmel eine Autobahn die auf uns zu kommen scheint und abrupt an der Bühnenrampe halt macht. Dieses Bild an sich ist schon sehr eindrucksvoll und erweckt viele persönliche Erinnerungen eines jeden Zuschauers. Für uns ist es das Symbol der Abfahrt, der Ankunft, des freudigen Wiedersehen, des Abschieds für immer, aber auch der Krieg, die Deportation, die Flucht, die Heimkehr und der Tod. Aus dem Nebel erscheint eine zarte junge Frau die an zu vielen Koffern und Taschen ermüdend nieder sinkt. Jaroslawna ist auf der Flucht und versucht ins Polowzer Land zu kommen um ihren Gattin zu folgen. Der zweite Flüchtling ist Igor und so sind die beiden in ihrem Leid im grenznahen Niemandsland wieder vereint. Immer mehr Elend in Form von Menschenmassen aus allen Richtungen erscheint am Ende der Autobahn und versucht eine glücklichere Zukunft zu erhaschen. Dieses ausdrucksstarke Bild sagt mehr als tausend Worte und wir befinden uns unmittelbar in unser Vergangenheit und der aktuellen Zukunft. Eine teilweise sehr starke Produktion die aber leider mehrmals in banale schwarzweiße Malerei abrutscht und die vielen wichtigen Zwischentöne vergisst die ein großes visionäres Bild auszeichnen.

Von der musikalischen Seite war es ein Hochgenuss und das Orchester mit seinem musikalischen Direktor, der schweizer Dirigent Philippe Jordan, einschließlich der wunderbare Chor, unter der Leitung des argentinischen Chorleiters José Luis Basso hat eine überwältigende Leistung vollbracht und den großen Applaus verdient. Die Sänger sind außer vier Ausnahmen durchwegs russisch und sind bis in die kleinste Rolle einfach sensationell.

Fürst Igor hier Ildar Abdrazakov als Fürst Igor
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Der Bass-Bariton Ildar Abdrazakov in der Titelrolle des Fürst Igor ist schlicht umwerfend vom sängerischen sowie vom schauspielerischen, und das tiefschwarze samtige Timbre umfasst die ganze komplexe Gestalt des Igor: Willenskraft und Menschlichkeit. Die Jaroslawna wird von der jungen Sopranistin Elena Stikhina hinreißend interpretiert, indem ihr Sopran lirico-spinto in allen Lagen wahre Wunder erreicht und die Farbpalette ihrer Stimme unerschöpflich erscheint. Die georgische Mezzosopranistin Anita Rachvelishvili ist schon an allen großen Häusern ein bekannter Gast und ihr unverwechselbares sinnlich-erotisches dunkles Timbres zeigt auch in der Rolle der verliebten Kontschakowna, das sie mit ihrer Stimme hemmungslose Verführungskünste vollbringen kann. Der tschechische Tenor Pavel Cernoch ist in der Rolle des Wladimir einzigartig besetzt; sein lyrisch-dramatisches Timbre besitzt Leichtigkeit, Gewandtheit und Anmut, gleichzeitig die nötige Stärke für einen dramatischen Ausbruch. Der Bass Dmitry Ulyanov als Fürst Galitzki macht mit Stimme und Spiel seiner Rolle alle Ehren: Boshaftigkeit, Vulgarität, Unverschämtheit auch die nötige großmäulige Feigheit. Der Bass Dimitry Ivashchenko verleiht mit seiner auftrumpfenden Stimme die nötige Autorität des Siegers Kontschak, obwohl ihm Menschlichkeit und Güte laut Regie leider versagt ist. Ein für uns unverständlicher und unangebrachter Einschnitt in Borodins Vision. Eine große Leistung vollbrachte der Charaktertenor Vasily Efimov als getaufter Polowzer Owlur, eine schrullige im Geiste zurück gebliebene Gestalt. Die beiden volkstümlichen Gestalten: zwei Gudok-Spieler, Skula (der polnische Bass Adam Palka) und Jeroschka (der Tenor Andrei Popov) sind äußert überzeugend in den Rollen der beiden sogenannten Narrateure, indem sie sich bauernschlau und behände vom Anfang bis zum Ende durch die Geschichte winden und schleichen und doch immer das Leben bejahend.

Das Beeindruckendste war trotz aller großen Sängerleistungen der Chor, der mit vielen gewaltigen Massenszenen geradezu rasend über die Bühne eilt und mitreißende Bilder hervor brachte. Man könnte geradezu von einer Chor-Oper sprechen. 

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—

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