Paris, Palais Garnier Paris, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 09.07.2019

opera_paris.png
Opera National de Paris 

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

Opéra National de Paris / Palais Garnier Paris © IOCO

 Don Giovanni  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– gefangen zwischen Mythos und Realität –

von  Peter M. Peters

Seit Jahrhunderten ist der „Mythos Don Giovanni“ in unserer Kulturgeschichte verankert; Dichter, Poeten, Musiker und Maler haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Für die Einen ist er ein romantischer Held, für Andere ist er ein Religionsschänder, ein Wüstling, ein Mörder, usw.: Tirso de Molina gab dem Mythos einen Namen: Don Juan, der zynische Weiberschänder war geboren. Danach folgten die verschiedensten Deutungen zu diesem Thema bis hin ins 20.Jahrhundert. (z.B. Molière, Verlaine, Baudelaire, Grabbe, Rilke, Bachmann, usw.) Auch historische Personen werden als Vorlage für einen „Don Juan“ Stoff verwendet: z.B. Don Juan de Tassis, Casanova und selbst unser Librettist Lorenzo da Ponte, der ein großer „Schürzenjäger“ gewesen sein soll und mehrmals flüchten musste.

Der belgische Regisseur Ivo van Hove, weltbekannt für seine außergewöhnlichen Inszenierungen hat in letzter Zeit in Paris einige seiner Schöpfungen hinterlassen, die viel Aufsehen erweckten: Boris Godounov (Opéra National de Paris), Die Verdammten (nach Visconti) und Électre / Oreste (Comédie Française).

Mit dem ersten Klang der Ouvertüre sieht man ein Stadtviertel; dass in seiner grauschwarzen nächtlichen Schwere bedrohend wirkt, eine Straße vom bleichen weißen Mondlicht überflutet, mit dichten Nebelschwaden verhangen.

Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart
youtube Trailer der Opéra National de Paris
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Gewissermaßen eine Phantomstadt die zeitlos überlebt hat ohne zu wissen wo sie ist. Diese bedrückende Stimmung bringt ungeahntes Wissen in unser Unterbewusstsein: hier beginnt ein Amoklauf vor oder nach dem Tod. Bilder purzeln durcheinander: Gemälde von Giorgio de Chirico, Escher, unbewohnte Häuser in osteuropäischen Städten, faschistische und kommunistische Baustile, Filme wie M – Eine Stadt sucht einen Mörder, Nosferatu… Erinnerungen, Fantasie und Gegenwart galoppieren geschwind. Diese ewig nächtliche Stadt scheint keine Bewohner zu haben, jedoch plötzlich erscheinen zwei Gestalten im bleichen Mondlicht: der unersättliche Don Giovanni getrieben von seiner maßlosen Sucht nach erotischen Erlebnissen und sein Diener Leporello. Der Eine arrogant, hochschweifig und befehlend, gewissermaßen zum reichen Geldadel gehörend; der Andere von der Arbeiterklasse gewöhnt die niedrigsten Taten für Geld zu verrichten. Der Psychopath treibt ruhelos durch die Stadtviertel mit seinem Helfershelfer um neue Opfer aufzustöbern. Denn in der scheinbar leeren Stadt vegetieren doch irgendwelche Lebewesen: Menschen oder Phantome…? Fleischlich oder virtuell?

Gerade hat er Donna Anna schamlos vergewaltigt und stürzt aus dem Haus um aufs Neue seine Lustbegierde zu stillen; da kommt ihm der Vater der jungen Frau in den Weg (Il Commendatore), den er jedoch brutal ermordet. Donna Anna ist verzweifelt, sodass nicht mal ihr Verlobter Don Ottavio sie beruhigen kann. Inzwischen hat unser skrupelloser Täter sich in eine volkstümliche Hochzeit eingeschlichen um mit Hilfe seines Dieners Leporello die blutjunge hübsche Zerlina von ihrem Verlobten Masetto zu trennen.

Opéra National de Paris / Don Giovanni - im Palais Garnier - hier : Étienne Dupuis als Don Giovanni © Charles Duprat

Opéra National de Paris / Don Giovanni – im Palais Garnier – hier : Étienne Dupuis als Don Giovanni © Charles Duprat

Auch die ewige verlassene Frau des Don Giovanni, Donna Elvira rennt ihrer verlorenen Liebe umsonst nach … Mit einem reichen Maskenball will er der naiven Zerlina und den Bewohnern imponieren. Der Eindruck von Phantomen wird auf disem Fest bestätigt, denn Gäste, Lakaien, Musiker sind nichts anderes als leere Puppen mit reichen Kostümen und toten Augen von Masken versteckt. Der verzweifelte Hilferufe der bedränkten Zerlina bringt das Fest zu einem bitteren Ende, auch für Don Giovanni, der fliehen muss vor der Rache seiner Opfer.

Auf einem Friedhof erscheint der Commendatore als Phantom und verlangt dass unser Missetäter von seinem Lasterleben abschwört, aber ohne Erfolg. Im Gegenteil der Unersättliche lädt sein Opfer zu einem Abendessen in sein Haus ein.

Am fraglichen Abend schwelgt er in allen Genüssen: Wein, Delikatessen und Drogen im Überfluss; er wirft es mit Verachtung und Verdruss seinem Diener Leporello zu, mit dem Motto: „Friss oder stirb, Hund!“. Vor der armen Elvira, die unverhofft erscheint, prahlt er höhnisch über seine ungezügelte „Freiheit“. Ein Aufschrei der Elvira leitet das Ende unseres Heuchlers ein. Der Commendatore erscheint und gibt Don Giovanni die Hand und mit einem Aufschrei versinkt der Selbige – ja aber in was? Fegefeuer, Inferno? Nein! Umschlungen oder verschlungen von Millionen von Leibern (Frauenleibern…?) versinkt er ins Nichts.

Ivo van Hove hat in der Inszenierung bewusst unscheinbare Szenen  Konventionell behandelt, jedoch in zentralen Momenten formt er das Geschehen, hinterließ seine unverkennbare Handschrift.

Mit dem Finale kommt die große Überraschung: unsere Phantomstadt öffnet sich und lässt strahlendes Sonnenlicht herein, Pflanzen und Blumen in Überfülle auf den Terrassen und Balkonen, gewaschene Wäsche hängt aus den Fenstern. Mit einem Wort:  Menschen, Leben, Zukunft sind sichtbar. Was kann man daraus schließen? Keine Religions- oder Moralbedeutung. Nein. Eine soziale, politische und ökologische Message: ein Parasit der Gesellschaft ist verschwunden und die Umwelt kann besser atmen… Eine Utopie, eine Illusion, eine Hoffnung…? Von der musikalischen Seite sind einige Bedenken nicht zu verschweigen:

Opéra National de Paris / Don Giovanni im Palais Garnier © Charles Duprat

Opéra National de Paris / Don Giovanni im Palais Garnier © Charles Duprat

Der schweizer Dirigent und Chefdirigent der Opéra National de Paris, Philippe Jordan, (ab 1.9.2020 Musikdirektor an der Wiener Staatsoper) ist ein profilierter Musiker; jedoch in seinem Dirigat zeigt sich wenig Harmonie zwischen Dirigent und Regisseur. Die Komposition wird durch die Partitur vorgegebn. Doch Tempi, Pausen und Dynamik erzeugen eigene, spezielle Ausdruck, Atmosphäre. Diese Inszenierung in Palais Garnier ist dunkel, fast grauenhaft; da ist der „wienerisch“ dirigierte Don Giovanni wenig passend, eine „östlichere“, kältere Vision würde theatralen Szenen helfen und ein geschlosseneres Bild zeigen.

Dagegen die jungen Sänger sind durchwegs bis in den kleinsten Rollen ausgezeichnete Interpreten:  Étienne Dupuis als Don Giovanni ist ein hinreißender Schauspieler und mit seinem hellen Heldenbariton ideal besetzt. Seine Stimme übertönt mit Leichtigkeit das Orchester und sitzt fest in allen Registern; die Farbpalette seines Organes ist schier unermesslich. Gleich die erste Arie „Fin ch’han dal vino“ wird selbstbewusst herunter geschmettert; seine Canzonetta „Deh vieni alla finestra“ ist ein außergewöhnlicher Hörgenuss, auch die Arie „Meta di voi qua vadano“ ist von berückender Schönheit; nicht zu vergessen das Duett mit Zerlina „La ci darem la mano“. Gleichzeitig wird stimmlich sichtbar das Wesen seiner egozentrischen brutalen Menschenverachtung, die nicht vor Mord und anderen erpresserischen Mitteln halt macht. Besonders deutlich erkennbar in den Rezitativen.

Sein kanadischer Kollege und Landsmann Philippe Sly steht ihm in keiner Weise nach. Ideal besetzt für die Rolle des Leporello und mit einer etwas robusten und rauen Baritonstimme interpretiert er „Notte e giorno faticar“. Die berühmte Registerarie „Madamina, il catalogo é questo“ ist ein Paradestück der hohen Gesangskunst, auch die Arie „Ah pietà, signori miei“ ist ein Beispiel für feine verflossene Töne. Dazu eine intensive Charakterstudie im musikalischen, sowie auch im schauspielerischen Sinne. Das rechte Maß an alter ego ist hier erreicht.

Opéra National de Paris / der verzaubernde Besucheraum des Palais Garnier Paris © Jean Pierre Delagarde / Opéra National de Paris

Opéra National de Paris / der verzaubernde Besucheraum des Palais Garnier Paris © Jean Pierre Delagarde / Opéra National de Paris

Die australische Sopranisten Nicole Car hat stimmlich die nötige Bandbreite (spinto – dramatisch – lyrisch) um die anspruchsvolle Rolle der Donna Elvira bewältigen zu können. Gleich in der Auftrittsarie „Ah chi mi dice mai“ zeigt die Sängerin mit Spontanität und Kraft ihr ganzes Können und man kommt an der Gänsehaut nicht leicht vorbei. „Ah fuggi il traditor“ ist mit dem nötigen Zorn und gekränkter Eitelkeit begleitet, es ist ein Paradestück der Aria furioso. Die letzte große Arie mit Rezitativ „In quali eccessi …. Mi tradi quell’alma ingrata“ wird von einer verletzten allein gelassenen, noch immer liebenden Frau mit der nötigen Traurigkeit versehen.

Donna Anna ist von der amerikanischen Sängerin Jacquelyn Wagner mit viel innerem Gefühl getragen, wobei jedoch die Rachegedanken für den ermordeten Vater nicht versiegen und sich in die Trauer einschleichen. Der lyrische Sopran setzt sich mit Leichtigkeit über alle diese dramatischen Hürden. „Don Ottavio, son morta! – Or sai chi l’onore“ Rezitativ und Arie sind getragen von der ganzen Bandbreite der Gefühle: Trauer – Zorn – Rache. Die zweite große Arie mit Rezitativ der Donna Anna „Crudele! Ah no, mio ben …. Non mi dir, bell’idol mio“ ist von feinen Farbtönen durchwirkt und zeigt die inneren Kämpfe einer liebenden Frau und trauernden Tochter.

Der französische Tenor Stanislas de Barbeyrac singt die Rolle des Don Ottavio, vom Standpunkt der Interpretation, vielleicht die Schwierigste. Ein Höfling gefangen in Etikette und kalten Konventionen, die wirkliche Gefühle verweigern und verheimlichen müssen. Mit seiner baritonalen männlichen Tenorstimme hat er die ganze Weichheit und Feigheit der Rolle überwunden, jedoch schauspielerisch bleibt er leider in den alten Welten. Seine beiden großen Arien „Dalla sua pace“ und „Il mio tesoro“ sang er ohne die gewohnte Effekthascherei mit großer Dreistigkeit und Festigkeit.

Die kokette Zerlina wird mit glasklarem Sopran von der französisch-dänischen Sängerin Elsa Dreisig mit viel Feingefühl vorgetragen ohne in die Gefilde einer Soubrette zu rutschen. Besonders schauspielerisch ist sie mit ihrer Rolle gewissermaßen verwachsen. Mozart hinterließ ihr zwei der schönsten Arien nach volkstümlicher Art „Batti batti, o bel Masetto“ und „Vedrai carino“, die sie natürlich ohne Pathos vortrug.

Mikhail Timoshenko (Masetto), ein junger russischer Bassbariton hatte die ganze nötige Schlaksichkeit und Tölpelhaftigkeit eines jungen naiven verliebten Burschen. Seine einzige Arie „Ho capito, Signor si“ sang er mit viel Begeisterung und Schwung.

Ain Anger (Il Commendatore), der lettische Bass mit seiner tiefen Stimme machte viel Eindruck in der kurzen Rolle des rächenden Vaters.

Insgesamt eine gelungene Produktion:des Don Giovanni im wunderbaren Palais Garnier von Paris; vom Publikum lebhaft gefeiert.

—| IOCO Kritik Opéra National de Paris |—

Ihre Meinung ist uns wichtig

Schreiben Sie uns, was Sie darüber denken!
Bitte vorher die Datenschutzerklärung lesen : Datenschutzerklärung


Ich habe die Datenschutzerklaerung gelesen und stimme ihr zu.

Datenschutzerklaerung