Bern, Theater Bern, Cosi fan tutte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 23.10.2018

Oktober 24, 2018  
Veröffentlicht unter Hervorheben, Kritiken, Oper, Stadttheater Bern

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern © P Zinniker

Konzert Theater Bern

Così fan tutte  –   Wolfgang Amadeus Mozart

So machen’s alle (Frauen) –  Und die Männer?

Von  Julian Führer

Mozarts Oper Così fan tutte ist oft für die Banalität der Handlung kritisiert worden – und in der Tat: zwei junge Männer wetten, dass sie die feste Freundin des jeweils anderen ‚herumkriegen‘, und das Vorhaben gelingt. Lorenzo Da Ponte als Mozarts Librettist adaptierte hier nicht eine bereits vorhandene Vorlage wie in Le nozze di Figaro (beruhend auf dem unmittelbar vor der Französischen Revolution entstandenen hochbrisanten Theaterstück von Beaumarchais). Der Auftrag kam im Herbst 1789 von Kaiser Joseph II., im Januar 1790 fand in Wien die Uraufführung statt. Der Stoff ist seither unzählige Male interpretiert worden – ob nun als Studie über die Fallstricke der ‚freien Liebe‘ in aktualisierender Manier, als grundalbernes Stück mit ernster Musik oder auch als schwule Oper (nur mit Männerstimmen besetzt). In Bern ist nun ein weiterer Ansatz zu besichtigen – und diese Regie von Maximilian von Mayenburg, soviel sei schon am Anfang festgestellt, ist lohnend.

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Zunächst Da Ponte und seine klassische Umsetzung auf der Bühne: Das Personal der Buffo-Oper mit Typen wie der Zofe, dem Arzt und dem Notar sorgt zuverlässig für Verwechslungen und dramatische Wendungen, man verkleidet sich und heiratet. Das sonstige Personal mit den Männern Guglielmo und Ferrando und ihren Freundinnen bzw. Versuchsobjekten Fiordiligi und Dorabella präsentiert ebenfalls wenig originelle Charaktereigenschaften, einmal abgesehen von der eine Arie länger anhaltenden Standhaftigkeit der gemeinhin als etwas zickig angesehenen Fiordiligi. Fiordiligi (im Namen steckt die Fleur de lys, die Lilie als Symbol der französischen Könige – wenige Monate nach Ausbruch der Revolution in Frankreich!) vertritt am ehesten die Konvention und das Beharren auf einmal eingegangenen Verpflichtungen. Dorabella geht schneller auf das Werben des verkleideten Guglielmo ein. Der grauhaarige „Philosoph“ Don Alfonso erscheint als Zyniker, der buchstäblich aus einer Kneipenidee heraus einen Menschenversuch startet, bei dem seine Freunde nicht gewinnen und deren Freundinnen alles verlieren.

Als Zsolt Czetner den Taktstock hebt und bemerkenswert rasche Tempi anschlägt, wird alsbald eine recht trübe Szenerie sichtbar (Bühne: Christoph Schubiger): eine Bar, ein Tresen, ein umgeworfener Barhocker, es lungern mehrere Personen herum, von denen wir schnell erfahren, dass es sich um die besoffen eingeschlafenen Fiordiligi und Dorabella handelt, beide mit Brautschleier (Kostüme: Marysol del Castillo), andererseits um eine ebenfalls betrunkene Gestalt mit blonder Fönfrisur im Stil der Zeit um 1980 (der Gott Amor in einer stummen Rolle) sowie zwei noch wache, aber schon arg derangierte junge Männer, Guglielmo und Ferrando. Der Barkeeper ist Don Alfonso (Todd Boyce). Offensichtlich wurde Polterabend gefeiert, der Wirt kehrt Scherben zusammen (leider echte Scherben, die die Musik übertönen). Aus dem Wortwechsel zwischen einem müden Wirt und zwei betrunkenen Bräutigamen ergibt sich die bereits oben genannte Wette. Das Libretto fordert, dass die beiden Männer einer vorgegaukelten plötzlichen Einberufung zum Militär folgen und so den Ort der Handlung verlassen, während die Damen sich alleine sorgen und grämen. Der von Mozart gekonnt in zackigem D-Dur geschriebene Marsch Bella vita militar wird von einem sehr jungen Don Alfonso aus der sehr alten Jukebox eingespielt – stilecht mit vielen Kratzern auf der alten Platte, die etwas eiert und nicht ganz im richtigen Tempo (und also auch nicht ganz in der richtigen Tonhöhe) abgespielt wird. Als dazu das Orchester einsetzt, werden die Ohren des Zuhörers auf eine harte Probe gestellt. Das Abschiedsterzett Soave sia il vento braucht zwei Takte, um zueinander zu finden, vor allem die Terzenketten in den Violinen sind zunächst nicht deutlich. Dieses Problem sollte sich beim Einstieg ins Finale des zweiten Aktes wiederholen. Die Bar wird dazu (mit den einberufenen Bräutigamen) nach hinten hinausgefahren. Eigentlich folgt ein Szenenwechsel ins Haus der Schwestern Dorabella und Fiordiligi mit einem Rezitativ der gerade Trinkschokolade rührenden Magd Despina; dieses Rezitativ ist wie einige andere gestrichen. In einigen Szenen treten pantomimische Einlagen an deren Stelle.

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Wir sehen die übriggebliebenen Bräute, die nicht recht zu wissen scheinen, wie sie eigentlich nach Hause gekommen sind, auf dem Boden liegen. Despina bringt das Frühstück (madame, ecco la vostra collazione): keine handgerührte Trinkschokolade, sondern ein großes Glas Nutella und zwei Teelöffel. Dorabella und Fiordiligi meistern das folgende Rezitativ mit vollem Mund und dann gehen erstmal duschen. Ferrando und Guglielmo werden von Don Alfonso ins Haus eingeschleust – und sind nicht verkleidet! Alfonso scheint Zauberbrillen mitgebracht zu haben, durch die man seine Mitmenschen anders wahrnimmt. Es ist nicht ganz klar, ob die Damen nicht von Anfang an merken, wer ihnen da gegenübersteht, nicht umsonst sind sie sehr entrüstet. Ab diesem Moment wird die Inszenierung sehr spannend: Beide Männer orientieren sich zunächst an ihren bisherigen Bräuten und machen keine Anstalten, die Freundin des anderen zu umgarnen. Die Leidtragende dieses stellenweise tatsächlich im positiven Sinne aufregenden Konzepts ist Despina (Orsolya Nyakas), die weit weniger quirlig sein darf als in anderen Inszenierungen. Gesanglich nimmt das Stück ab der 15. Szene (Guglielmo, Non siate ritrosi) Fahrt auf, der vermeintliche Fremde (Michal Marhold) umschmeichelt hier zwar noch entgegen dem Libretto seine bisherige Freundin Fiordiligi, dies aber mit Engagement, Charme, warmer Stimme und – feuerroten Unterhosen.

Nach der Pause geht es darum, wie es die beiden Liebhaber bewerkstelligen, die Freundin des Freundes zu verführen, wobei immer wieder Amor und seine Pfeile ins Spiel kommen. Dorabella nimmt irgendwann ihre trügende Sonnenbrille ab und erkennt, wen sie da vor sich hat, lässt sich aber dennoch auf Guglielmo ein. Eleonora Vacchi ist in dieser Rolle stets sehr präsent, allenfalls würde man sich manchmal eine etwas schlankere Stimmführung wünschen – stellenweise scheint ihre Stimme eher Verdi angemessen, gleichzeitig verkörpert sie die Partie mit viel schauspielerischem Einsatz. Fiordiligi (Elissa Huber) benötigt eine Arie länger, um sich von Ferrando (Noazariy Sadivskyy mit zartem Tenor) überzeugen zu lassen. Eigentlich ist sie die integerste Person der ganzen Oper. Auch sie hat begriffen, mit wem sie es zu tun hat. Als beide Frauen verführt sind, herrscht bei den Verführern allenfalls Schadenfreude, dass sie nicht alleine mit der Untreue ihrer Partnerinnen geschlagen sind. Don Alfonsos letzte Arie (Nr. 30, Tutti accusan le donne) wird hier zum galligen Bekenntnis, denn er öffnet sein Hemd und zeigt, dass auch er einst von Amor eine Wunde empfing. Seine Art, die Liebe ‚philosophisch‘ zu betrachten, ist eigentlich purer Zynismus, da er nur den anderen demonstrieren will, dass es keine wahre Liebe und Treue gibt. Diese rein destruktive Tendenz der Menschenversuche Don Alfonsos ist den Männern dabei auch zuvor nicht verborgen geblieben: Da Ponte hat immer wieder Verweise auf das Versprechen gegenüber Don Alfonso eingebaut, ihm einen Tag Zeit für seine Intrige zu geben, auch wenn die Männer zwischendurch lieber abbrechen würden.

Im Finale des zweiten Aktes liegen die Akzente in dieser Deutung etwas anders als sonst: Da alle vier Beteiligten wissen, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun haben, gibt es keine Maskerade, und es herrscht eher Unklarheit, wer eigentlich wen zu heiraten hat. Das Bühnenbild zeigt wieder die Bar aus der Eingangsszene. Der Chor stimmt sehr laut, aber nicht zügig genug ein (Facciam presto o cari amici). Zu Mozarts Musik wirft das Quartett mit Tellern und produziert damit einen neuen, diesmal aber auch musikalischen Scherbenhaufen. Diese latent antimusikalische Tendenz der Inszenierung hat sich auch bereits in der Klage des Ferrando über die Untreue der Dorabella gezeigt, zu der Don Alfonso eine größere Anzahl Luftballons zerplatzen lässt. Allen Respekt dem Sänger, der dabei stoisch weitersingt!

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Theater Bern / Cosi fan tutte © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Für heutiges Empfinden häufig etwas unbefriedigend ist die Theaterkonvention der „lieto fine“, des glücklichen Endes. Am Schluss der Oper wird in Dur gejubelt, ob nun Don Giovanni gerade zur Hölle gefahren ist oder zwei Paare gerade beim Treuetest gescheitert sind – bei Da Ponte und Mozart geht der Vorwurf nur an die ‚treulosen‘ Damen Fiordiligi und Dorabella; mit gleichem Recht würde man heute nach der mehr als zweifelhaften Rolle Guglielmos und Ferrandos fragen, die sich auf das Spiel einlassen, die Freundin des anderen zu verführen – ganz zu schweigen von Don Alfonso, dem Initiator, und der Dienstmagd Despina, die gegen ein Handgeld jederzeit ihre Herrinnen zu hintergehen bereit ist. „Così fan tutte“, meint Don Alfonso: So machen es alle Frauen. Die Männer fühlen sich unschuldig, ja, sie gefallen sich sogar in der Rolle der Ankläger ihrer Freundinnen.

Als dann im Finale die echten Liebhaber ‚zurückkehren‘, ist auch den Frauen klar, dass dies nur ein Vorwand ist. Um so größer ist das Entsetzen Dorabellas und Fiordiligis, dass die Männer sich auf einmal in Vorwürfen über die Untreue der Frauen ergehen. Diese haben in den ihnen von Guglielmo und Ferrando aufgenötigten Partnertausch letztlich eingewilligt und verstehen nun nicht, warum sie einen Fehler begangen haben sollen (und die Männer nicht). Dorabella betäubt sich mit Alkohol, Fiordiligi ist wie gelähmt, die lieto fine in affirmativem C-Dur wird hier unterlaufen. Man fragt sich bei dieser insgesamt sehr schlüssigen Deutung allenfalls, warum Don Alfonso am Ende ungeschoren davonkommt.

Das Berner Symphonieorchester hatte an den beiden Tagen zuvor ein sehr forderndes Konzert zu absolvieren, das zudem durch einen sehr kurzfristigen Wechsel bei der musikalischen Leitung äußerste Konzentration verlangte. Das Gesamtbild war jedenfalls stimmig. Besondere Erwähnung verdient die Begleitung der Rezitative, bei denen frei gestaltet wurde und beispielsweise das Terzett „Soave sia il vento“ fast schon leitmotivisch immer wieder anklang, um die Situation der Trauer der jungen Frauen bei der abrupten Abreise ihrer Partner in Erinnerung zu rufen. Eine Inszenierung also, die viel Sympathie für die Damen an den Tag legt, und die am Ende wie auch die musikalische Darbietung lebhaften Zuspruch im allerdings bei weitem nicht ausverkauften Haus fand.

Cosi fan tutte am Theater Bern: Die weiteren Termine 28.10.; 30.10.; 17.11.; 2.12.; 8.12.; 16.12.; 21.12.2018 und mehr ……

—| IOCO Kritik Theater Bern |—

 

Kommentare

Eine Antwort zu “Bern, Theater Bern, Cosi fan tutte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 23.10.2018”
  1. Karin Hasenstein sagt:

    Eine aufschlussreiche und kundige Rezension dieser offenbar nicht „totzukriegenden“ Mozart-Oper.
    Die Beschreibung macht Lust, sich die Inszenierung anzuschauen.
    Wäre Bern nicht so weit weg…

    Herzlichen Dank an Herrn Führer für den detaillierten Bericht.

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