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Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart, IOCO Kritik, 22.06.2018

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Ingrid Freiberg
22. June 2018
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Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold
Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 DON GIOVANNI  – Wolfgang Amadeus Mozart

– Scheitern – Als Frucht unbeugsamer Uneinsichtigkeit – 

Von Ingrid Freiberg

Der Prager Impresario Pasquale Bondini beauftragte Mozart, für einhundert Dukaten eine Oper zu schreiben: Don Giovanni, Libretto Lorenzo da Ponte, wurde 1787 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater Prag mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Premiere war ein großer Erfolg und mit dem lautesten Beyfall bedacht (Originalzitat Mozart!). Anders dagegen in Wien, wo die Oper ein halbes Jahr später, im kaiserlich-königlichen National-Hof-Theater Premiere hatte: Sowohl bei der Kritik als auch beim Publikum wurde der Stoff als vulgär, abstrus und moralisch anrüchig empfunden.

Vor 230 Jahren – Don Giovanni –  Für einhundert Dukaten

Mozart ergründet in seiner Musik hinter der Ebene sexueller Anmache komplexe menschliche Abgründe. Es geht brutal zu, zärtlich, gemein und mitleidvoll. Don Giovanni wurde zum Urbild des skrupellosen Verführers, furchtlosen Atheisten und rebellischen Anarchisten. Rauschhafte Ekstase und seelische Abgründe fließen hier kongenial zusammen. 230 Jahre nach der Premiere ist Don Giovanni eines der großen Werke abendländischer Musikkultur.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni © Karl Monika Forster
Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni © Karl Monika Forster

Der Regisseur Nicolas Brieger entscheidet sich weder für die Prager- noch für die Wiener-Fassung. Über „seinen“ Don Giovanni sagt er provokativ: Die Aufführung kommt einer Uraufführung gleich. So erklingt die für Wien nachkomponierte Arie des Don Ottavio Dalla sua pace nicht an der üblichen Stelle im ersten Akt, sondern schlüssig als Ottavios Reaktion auf die Zurückweisung durch die Verlobte Donna Anna. Das Regiekonzept betont den Konflikt zwischen Don Giovanni und dem Alter. Brieger entschied sich für eine mahnende Dauerpräsenz des Komturs, den Don Giovanni bereits zu Beginn in einem Handgemenge erschießt.

Don Giovanni – das ist kein Name, das ist ein Bekenntnis! Das Bekenntnis zu totaler Leidenschaft, Sinnlichkeit und Begehren. Er selbst empfindet nichts, setzt aber durch seine Verführungskünste in den Frauen zarte Gefühle frei. Egomanisch lustvoll bricht er Herzen und entehrt Ehemänner und Väter. Don Giovanni verführt, benutzt?  die Frauen. Nicht eine, zwei oder drei, sondern einfach alle Frauen. Er lebt vollkommen frei, ohne Moral, ohne Skrupel und ohne Gesetze, von einem Abenteuer zum nächsten. Nach der Eroberung ist vor der Eroberung. Die Anzahl der betrogenen Frauen zeigt sein Diener Leporello in Form von Tattoos, die er sich jedes Mal schmerzhaft stechen lässt, wenn Don Giovanni wieder ein Opfer gefunden hat. 1003 Spanierinnen stehen auf seinem Gemächt. Leporello trägt im wahrsten Sinne seine Haut für seinen Herrn zu Markte. Schmerzhaft sicherlich auch, wenn Don Giovanni ihm heißen Kaffee überschüttet.

Zerlina und Dügen Masetto – Hochzeit mit Migrationshintergrund

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Katharina Konradi als Zerlina und Benjamin Russell als Masetto und Ensemble Foto Karl Monika Forster
Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Katharina Konradi als Zerlina und Benjamin Russell als Masetto und Ensemble Foto Karl Monika Forster

Don Giovanni macht der verschämten türkisch anmutenden, kopftuchtragenden, Braut Zerlina den Hof. Doch bald wandelt sich Zerlina in eine laszive Verführerin, die ihm einen flüchtigen Kuss gibt… Kokett weist sie den aufgeweckt agierenden Masetto zurück, seine Eifersucht ist ihr sichtlich zuwider. Zerlina korrumpiert leichtfertig sein Ehrgefühl, seine kulturelle Herkunft. Sie ist kein Lamm, das devot seine Schläge erwartet, sie ist eine selbstbewusste junge Frau, die sich nichts vormachen lässt. Der vorgegebene Migrationshintergrund verwundert deshalb ein wenig.

Don Giovanni  – In elegantem Reifrock

Don Giovanni legt zum Fest seinen langen schwarzen Mantel ab, der an die Staubmäntel der zwielichtigen Revolvermänner im Spiel mir das Lied vom Tod, das auch kurz zitiert wird, erinnert. Als fürstlicher Gastgeber empfängt er die bäuerliche Hochzeitsgesellschaft mit großer Grandezza in der Andeutung eines Reifrocks (Verdugado = Tugendwächter). Der Ausschnitt am feminin geschnittenen Oberteil zeigt seine muskulöse Männerbrust. Mit dieser Attitüde sprengt dieser Don Giovanni die Regeln der Gesellschaft. Es ist gut nachvollziehbar, dass sein androgyner Reiz die Frauen betört…

Leporello fällt in die strafenden Hände von Zerlina. Sie fesselt ihn, den sie für Don Giovanni hält, mit den roten Bändern ihres Hochzeitskleides nackt ans (Fenster-)Kreuz und stülpt ihm ihren Slip über den Kopf. Sadistisch foltert sie ihn mit einem Skalpell zwischen seinen Beinen. Atemlos befürchtet man seine Kastration… Erst nachdem er glaubhaft versichern kann, Leporello zu sein, schneidet sie ihn wieder ab.

  Frauen zerren Don Giovanni ins Pflegeheim

Don Giovanni ist in Wiesbaden nicht allein Wüstling. Es ist auch seine Geschichte von totaler Konsequenz: Von Unbeugsamkeit, Uneinsichtigkeit bis zum Scheitern, bis zum eigenen Untergang. Nach der Ermordung des Komtur verfällt der “Triebtäter” Don Giovanni beständig. Der “wiedererstandene” Komtur verlangt Reue, welche Don Giovanni verweigert. Junge attraktive Frauen, zu Beginn in einem Fitnessstudio geradezu teuflisch gezeigt, zerren ihn in ein Pflegeheim zu alten siechen Männern. Beklemmende Bilder, die das letzte Tabu, die Begegnung mit Alter und Tod, berühren und vermitteln: “ Das Alter ist die Hölle…”

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni - hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni am Ende © Karl Monika Forster
Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni – hier : Christopher Bolduc als Don Giovanni am Ende © Karl Monika Forster

Der Dirigent Konrad Junghänel, Spezialist für historische Aufführungspraxis, präsentiert sich in geschliffener energiegeladener Bestform. Das Orchester spricht eine lebendige, aussagekräftige Sprache. Es entstehen ungewohnte Effekte, auch wenn Mozarts Requiem und Spiel mir das Lied vom Tod anklingt. Wunderbar akzentuiert lässt er höllisch aufdrehend in Abgründe blicken. Auf einem historischen Hammerflügel kommentiert Tim Hawken vortrefflich, bisweilen auch ironisierend, die Rezitative. Einzelne Effekte werden präzise herausgearbeitet, um Worte und Musik zu bereichern: Den Akteuren gelingt es, wie sehr gute Schauspieler ihren Text zu sprechen. Der Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden  unter der Leitung von Albert Horne ist auffällig präsent: darstellerisch und mit guter Diktion stimmlisch auf hohem Niveau. Der große Beifall ist hochverdient.

Ideenreich, mit hintergründigem Humor und erotisch saftigen Anspielungen gelingt es Nicolas Brieger das heitere Drama schlüssig zu erzählen. Mit großer Eindringlichkeit und moderner Erzählweise ist ihm eine neue überzeugende Fassung gelungen. Das feine Spiel mit Traum und Wahrheit wird durch Briegers Personenführung vortrefflich unterstützt. Den schauspielernden Sängern zu folgen, ist ein großes Vergnügen. Die vereinzelten Buh-Rufe für seine Regie können die Wirkung des glanzvollen Abends nicht entzaubern.

Die klassischen Handlungsplätze der Oper, dunkle Nacht, einsame Straße und lichtloser Friedhof, werden durch das Bühnenbild von Raimund Bauer ad acta geführt. Die Bühne ist hell ausgeleuchtet, in unterschiedlichen Gelbtönen gehalten – alles ist zu sehen. Schweflig-giftig, zitrusgelb, frühlingshaft grün-changierend erhellt sind Treppen, Bänke, Kammern und allerlei andere Räumlichkeiten zu sehen. Das nicht zu definierende Gebäude erlaubt auf zwei Ebenen rasche handlungsdienliche Wechsel.

Die prächtigen Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer von Barock bis Popart unterstreichen gekonnt die ideale Besetzung. Nur sehr selten ist die Wirkung jeder einzelnen Figur so eindeutig betont.

Das Ensemble lässt Herzen höherschlagen

Christopher Bolduc spielt nicht, er ist Don Giovanni! Facettenreich gibt er den durchtriebenen Draufgänger, der ständig neue Liebesabenteuer sucht, hat Kraft und Chuzpe und verleiht der Verzweiflung des Nimmersatten Gestalt. Er ist ein intellektueller Edelmann, der seine nicht nur weibliche Umwelt berechnend manipuliert. Sein jugendlich-klangschöner Bariton, mal samtig-weich, mal bedrohlich, überzeugt.

Längst hat sich Netta Or international als Spezialistin für dramatische Koloraturrollen etabliert. Leuchtend singt sie die Donna Anna mit glänzender Klarheit bis in die höchste Tonlage. Ihr vibrato-reduzierter inniger Sopran offenbart mit wohldosierter Noblesse die Zerrissenheit zwischen der überstarken Beziehung zu ihrem Vater und der Ambivalenz zu ihrem Geliebten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni -hier : Ensemble © Karl Monika Forster
Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Don Giovanni -hier : Ensemble © Karl Monika Forster

Ioan Hotea Don Ottavio präsentiert mit auf Hochglanz polierter Belcantostimme seine beiden Tenorarien Dalla sua pace und Il mio tesoro mit silberner Glätte, lässt aber auch seine Seelenqualen deutlich werden.

Völlig unangestrengt überzeugt Young Doo Park als profunder Komtur. Unerbittlich ist er ein stets präsenter mahnender Inbegriff von Sitte und Gerechtigkeit. Die kapriziöse Heather Engebretson ist eine intensive und stimmlich über jeden Zweifel erhabene Donna Elvira. Was an Stimme, selbst an Bruststimme, aus diesem zierlichen Körper heraustritt, ist von umwerfender Wirkung. Ihr makelloser Sopran und ihre mitreißende Körpersprache passen bestens zu der facettenreichen Partie der Rächerin.

Der Leporello des substanzreichen Bassbaritons Shavleg Armasi glänzt mit Spielfreude, agilem Ton und dunkelsamtiger Fülle. Sehr souverän beherrscht er mit stimmlicher Natürlichkeit das Bühnengeschehen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Benjamin Russell ist ein ungewöhnlich eleganter Masetto. Mit seinem früh vollendeten Bariton leistet er mit seiner kraftvollen, agilen und farbreichen Stimme Erstaunliches. Weg vom üblichen Rollenverständnis ist er differenziert, ausgereift und nuanciert.

Katharina Konradi spielt Zerlina frech und selbstbewusst. Mit charmanter Naivität und erotischer Ausstrahlung ist sie eine ideale Besetzung: Entzückend keusch und verlockend sexy. Ihr jugendlich strahlender Sopran schlägt jeden optischen Reiz. Mühelos erreicht sie jubilierende Höhen. Anrührend verzaubert sie mit lustvollem Spiel das Publikum.

 Und der Beifall wuchs zu Stürmen

Ein spannend dichter, glanzvoller Abend! Musikalisch ruft die Aufführung zu Recht große Begeisterung hervor. Der erhöhte Orchestergraben zeigt die großartigen Musiker. Das Publikum spendet minutenlangen stürmischen Applaus.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—


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