Giessen, Stadttheater Giessen, Heiner Goebbels – „mit einem Namen aus einem alten Buch“, IOCO Kritik, 24.05.2018

Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

– mit einem Namen aus einem alten Buch –

Szenisches Konzert von Heiner Goebbels

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Ein ungewöhnlich, aber poetisch anmutender Titel für ein Stück, das in gewisser Weise keines ist und schon gar keine beschauliche, gute alte Zeit beschwört. Soviel vorneweg und doch entsteht im Laufe des Abends, der gut 90 Minuten dauert, eine dramaturgische Kraft, Theater im besten Sinne. Oder wie es im Programmheft steht: „Eine Sinnlichkeit, die das, was sinnig erscheint, überhaupt erst zum Tragen bringt.“ Unterteilt wird der Abend in sechs musikalisch-szenische Kompositionen mit Texten von Rainald Goetz, Alain Robbe-Grillet, Heiner Müller, Hugo Hamilton und Nicolas Poussin. Die Musik stammt von Frédéric Chopin, Franz Schubert und Heiner Goebbels.

Es beginnt mit Befreiung, nach einem Text von Rainald Goetz aus Krieg, und einer Auftragsarbeit für die Alte Oper Frankfurt zur 200. Wiederkehr der Französischen Revolution. Aber 1989 ist nicht nur ein Revolutionsgedenkjahr (mit Musik), sondern für Goebbels eher die Abkehr von „abgedroschenem Revolutionsvokabular“ angesichts der Umwälzungen, die sich dann in der DDR oder Rumänien vollziehen sollten.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : Lisa Friedrich © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : Lisa Friedrich © Rolf K. Wegst

Lisa Charlotte Friederich in weißer Bluse und schwarzer Hose steht zu Beginn ganz wie im Konzert üblich seitlich vor den Musikern und dem Dirigenten. Am Ende des ersten Stücks, wenn die Musik und Friederich verstummen, fährt der Orchestergraben mit ihnen nach unten, während sich die Bühne bis zur Hinterbühne weitet. Dort sitzt ein Mann an einem langen rechteckigen Tisch mit dem Rücken zum Publikum vor einem Bücherarrangement. Links und rechts des Tisches hängen rote Vorhänge, während auf der vorderen Drehbühne zwei Flügel im Dunkel wahrnehmbar werden. Langsam drehen sie sich, je nachdem welcher im Einsatz ist und auch die Rezitatorin wieder erscheint.

Während Lisa Charlotte Friederich rhythmisch-preschend, beinahe atemlos ihren Text vorgetragen hat, bleibt die Stimme – wir sehen zunächst nur seinen Rücken – von David Bennent ruhig, gleichmäßig im Klang und Ausdruck. Ein schöner Kontrast, nicht nur der beiden Protagonisten, sondern auch der Texte. Hier Revolution, die keine mehr sein sollte, dort das quasi-persönliche Moment während einer Theaterprobe (Text von Alain Robbe-Grillet), in der Bennent minutiös beschreibt, was wir sehen – eben eine Szene.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : Lisa Friedrich und MusikerInnen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : Lisa Friedrich und MusikerInnen © Rolf K. Wegst

Es folgt Herakles 2 für fünf Blechbläser, Schlagzeug und Sampler. Ursprünglich ohne Text konzipiert, hat Goebbels für dieses szenische Konzert einen Text von Heiner Müller als Ausgangspunkt bzw.  die „Architektur des Textes als Anlass für die Struktur“ seiner Musik genommen. Wieder zieht die Musik an, es ist der Kampf des Herakles gegen die Hydra, in der er zur Kampfmaschine wird. Die Musiker sitzen auf der Drehbühne, die durch ihre wiederholten Drehungen diesen Eindruck noch verstärkt.

Mit La jalousie folgt ein leiser, beinahe filmischer Teil (die Zeit der Nouvelle Vague-Filme und des Nouveau roman erweckend, dessen exponierter Vertreter Robbe-Grillet ist), der mit der Doppeldeutigkeit des französischen Wortes spielt: Es werden „Jalousien“ als Projektionen gezeigt: Durchsichtigkeit oder Verdecken, Sichtbarkeit oder Verstecken sind möglich – auch der Emotionen. Womit wir bei der zweiten Bedeutung wären: „jalousie“ meint ebenso die Eifersucht, die als solche nie ausgesprochen wird, aber mit 16 Musikern ein relativ groß besetztes Stück und damit dem Ungenannten einen großen musikalischen Rahmen bietet.

Der Drive nimmt weiter zu, das Spannungsgefüge auch. Wie zwei Klaviere und ein Schlagzeug – für diesen Abend von Goebbels als neue Version erarbeitet – das 1994 für großes Orchester komponierte Surrogate Cities zusammen mit der expressiv agierenden und sprechenden Friederich als rastlos rasendes, rhythmisches Stück den ganzen Zuschauerraum elektrisieren, ist unglaublich. Es basiert auf Hugo Hamiltons Roman Surrogate City, in dem dieser seine Erfahrungen als Fremder in den 70er Jahren des vergangen Jahrhunderts in Berlin schildert.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : Lisa Friedrich und David Bennent © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : Lisa Friedrich und David Bennent © Rolf K. Wegst

Bennent umkreist die Bühne, kommt nach vorne zu den heruntergelassen Säulen auf der Drehbühne. Darauf werden die Übersetzungen seines französisch vorgetragenen Textes projiziert. Was den Effekt des gesprochenen noch verstärkt, ihm eine Intensität verleiht. Den Songs of wars I’ve seen/Nr. 26, dem letzten Teil des Konzerts, liegt ein Brieftext des Barockmalers Nicolas Poussin zugrunde, in dem dieser zuvorderst sein ästhetisches Verständnis von Bildkompositionen verhandelt. Vom Text- zur Klangfläche führt uns Goebels zu einem Trompetensolo, womit er das Konzert ausklingen lässt: Die Musiker sitzen im Halbkreis, nur noch ein den Drehbühnenkreis erleuchtendes Licht von oben, strahlt auf sie herab und erlischt mit dem langsamen Verhallen des Trompetenklangs.

Das Konzert kreist immer wieder um die Frage nach der Zuverlässigkeit von Wahrnehmung. In verschiedenen szenisch-musikalischen Anordnungen hat Goebbels auszuloten versucht, ob jemals eine vage Annäherung oder gar Sicherheit diesbezüglich überhaupt erreicht werden kann. Aber so wie der Text flüchtig ist, ist es auch die Musik, nur der Raum – der Theaterraum – bleibt eine verlässliche(re) Konstante. Diesen setzt Goebbels ein und bringt ihn vollkommen zur Geltung: Mit dem leeren  Bühnenraum, der Verwendung der Drehbühne, den Projektionen und wenigen Mitteln (wie Säulen, Vorhänge, Tisch) und Licht erweckt er eine Welt, die weitere Assoziationen eröffnet, mit Text und Musik Verbindungen eingeht oder auch Irritationen zulässt. Und damit erneut bei Poussins Frage nach der Bildkomposition unweigerlich anlangt, die gerade im Theater, nicht nur im Gießener, Abend für Abend jeweils aufs Neue beantwortet werden muss und wird. Im Stadttheater Gießen, soviel steht fest, ist die Antwort gelungen.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : David Bennent © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : David Bennent © Rolf K. Wegst

Lisa Charlotte Friederich und David Bennent bilden einen spannenden Gegensatz zueinander und zur Musik: Friederichs eindringliche gesprochene, ja agitatorische Intensität auf der einen, die ruhige, souveräne Präzision und Klarheit Bennents auf der anderen Seite. Unter der Leitung von Pablo Druker demonstriert das Philharmonische Orchester Gießen eindrücklich, wie eine Klangarchitektur, die keine lineare Geschichte erzählt, eine Stimmung erzeugt und das (junge) Publikum zu packen vermag. Und dazu tragen die Gastmusiker ihren nicht minder wichtigen Teil ebenso bei: allen voran die beiden Pianisten Neus Estarellas (auch Sampler) und Evgeni Ganev sowie Špela Mastnak am Schlagzeug. Die anderen sind: Emi Ohi Resnick (Violine), Tiberu Idvorean und Konstantin Jochim (Viola), Attila Hündöl und Torsten Oehler (Cello), Pierre Dekker (Bass), Carol Brown und Kirsten Mehring (Flöte), Gottfried Köll (Oboe), Thomas Orthaber (Bassklarinette), Mareike Hoffmann und Maria Plümacher-Oliveira (Fagott), Victor Lozano Mariano (Horn), Rike Huy und Johannes Osswald (Trompete 1 und 2), Maximilian Winter und Kurt Förster (Bassposaune 1 und 2), Ruben Durá (Tuba) sowie Florian Zenker, Josef Müksch und Steffen Ahrens (E-Gittare).

Ein nachhallender, wirkmächtiger Theaterabend, das ein begeistertes Publikum mit einhelligem Applaus belohnt.

mit einem Namen aus einem alten Buch – Stadttheater Giessen: Die nächsten Termine: 8.6.; 9.6.; 10.6.2018

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