Brenda Roberts – Bühnenimpressionen – Teil 2, IOCO Portrait, 02.03.2018

März 2, 2018  
Veröffentlicht unter Personalie, Portraits

Brenda Roberts © Brenda Roberts

Brenda Roberts © Brenda Roberts

BRENDA ROBERTS –  Bühnenimpressionen –  Teil 2

Von Rolf Brunckhorst

Da der erste Teil dieser Erinnerungen sehr positiv aufgenommen wurde, scheint es mir unabdingbar, noch einen abschließenden zweiten Teil zu formulieren.

Brenda Roberts, dramatischer bis hochdramatischer Sopran, 1974 bei den Bayreuther Festspielen, neun Jahre festes Mitglied der Hamburgischen Staatsoper, dann als freie Sängerin tätig  mit Verträgen an der MET, der Wiener Staatsoper, der Pariser Oper, der Münchner Staatsoper, Berlin, Stuttgart, Florenz, Chicago, San Francisco etc.

Dieser zweite Teil beginnt wieder mit einem Beispiel der Zuverlässigkeit und Flexibilität der Sängerin. Eine ToscaPremiere am Staatstheater Kassel ist angesetzt, die hauseigene Sängerin wurde krank, und Brenda Roberts rettete sowohl die A-Premiere in italienischer, als auch die B-Premiere in deutscher Sprache. Einen äußerst nachhaltigen Eindruck hinterließ ihre knallrote Robe, die mit den dramatischen Ausbrüchen der Floria Tosca entsprechend harmonierte. Kaum ein Divenauftritt ist so perfekt konstruiert wie der der Tosca. Da wird nach Mario gerufen, da wird geklopft, und der entflohene Sträfling Angelotti muß sehen, daß er das Feld räumt. Dann rauscht die Diva in die Kirche; das tut Brenda Roberts majestätisch und gebieterisch, ihre Toughness ist aber nur von kurzer Dauer. In Marios Armen verwandelt sie sich in eine eifersüchtige und sehr verletzliche Frau. Das Duett bietet der Sopranistin wahrlich die Möglichkeit, alle Register zu ziehen, und Brenda Roberts hält für jede dieser wechselnden Stimmungen die richtige Stimmfarbe parat. Noch extremer ist der zweite Akt von Puccini entworfen: Angst, brutale Gewalt, Folter und Psychoterror beherrschen die Szene, bis Tosca mit ihrem berühmten Gebet „Vissi d’arte beginnt. Doch auch nach dem Gebet (von Brenda Roberts phänomenal gesungen) läßt Scarpia nicht locker und fordert für die Freiheit Marios eine Stunde mit Floria Tosca. Schamvoll willigt Tosca ein. Immer mehr in die Ecke gedrängt verlangt sie noch zwei Ausreisedokumente. Genau in dieser Sekunde, vom Orchester unverkennbar akzentuiert, entdeckt Tosca das Messer auf Scarpias opulent gedeckter Tafel. Man kann es ihr ansehen, wie sehr es ihr widerstrebt, diesen einzigen Lösungsweg zu gehen. Wenn sie dann rücklings zusticht, tut sie dies mit zitternden Händen und letztem Kraftaufwand. Sofort wird Tosca klar, daß sie einen Menschen getötet hat, und das einzige, das sie noch für Scarpia tun kann, ist, ihn würdig aufzubahren. Danach verläßt Tosca erschüttert den Palazzo, um ihren Geliebten aus dem Kerker zu retten. Im Verlauf des dritten Aktes geht die Sonne auf, ihr Sinken wird keiner der drei Protagonisten mehr erleben. Tosca und Mario balancieren über die Zinnen der Engelsburg und träumen sich in eine Zukunft hinein, an die beide nicht mehr glauben. Das Finale der Oper gehört jedoch Tosca, und hier zieht Brenda Roberts nochmals alle Register, von verliebt zärtlichem Geflüster mit dem ihrer Meinung nach noch lebenden Mario, ungeduldigem Hin und Her ob der Langsamkeit der Soldaten, ihrer Flucht auf die Mauer der Engelsburg, von der sie sich theatralisch ihren Häschern und ihren weltlichen Richtern durch den Sturz in die Tiefe entzieht. „Oh Scarpia, uns richte Gott“ krönt Brenda Roberts mit einem leuchtenden hohen C . Brava Diva !!

Drei Strauss-Generationen hier vl Viorica Ursuleac, Astrid Varnay, Brenda Roberts © Brenda Roberts

Drei Strauss-Generationen hier vl Viorica Ursuleac, Astrid Varnay, Brenda Roberts © Brenda Roberts

Ariadne auf Naxos ist nicht gerade eine Partie, die man mit Brenda Roberts in Verbindung bringt. Aber für eine Vorstellungsserie im Bielefelder Opernhaus studierte die Sängerin diese Partie neu ein und zeigte, daß sie auch erfolgreich eine Figur verkörpern kann, die ihr temperamentsmäßig diametral entgegensteht. Ariadne ist eher eine passive Frau, die sich nach einer gescheiterten Liebe keine neue Beziehung vorstellen kann und auf den Totengott wartet. Der mehrteilige Auftritts-Monolog der Ariadne zwingt Brenda Roberts dazu, die Stimme ganz leicht und lyrisch fließen zu lassen, ganz so, wie es der kammermusikalische Ansatz des Komponisten vorsieht. Kurze Phasen am Ende des Monologs erfordern etwas mehr dramatischen Impetus, dem die Künstlerin nur allzu gern nachkommt. Dann  herrscht wieder Ruhe auf der wüsten Insel, bis eines Tages der jugendliche Held, Bacchus, erscheint, den Ariadne fälschlicherweise für den Totengott hält. Die letzte Viertelstunde gehört Ariadne und Bacchus mit einem Duett, das auch in die „Frau ohne Schatten“ passen würde. Man kann den Komponisten Richard Strauss gar nicht genug für dieses Finale lobpreisen, in dem er sein relativ kleines Kammerensemble wie ein voll besetztes Orchester aufrauschen und aufbrausen lässt. Ariadne und Bacchus stürzten sich mit Vergnügen in diese Orchesterfluten und singen ein bravouröses Schlussduett. Deshalb sei an dieser Stelle ausnahmsweise der Name ihres kongenialen Tenorpartners erwähnt, nämlich der Heldentenor Herbert Schaefer, der über lange Jahre an den Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum reüssierte.

Benjamin Birtten - Gedenkmuschel in Aldebro © IOCO

Benjamin Birtten – Gedenkmuschel in Aldebro © IOCO

Die letzten beiden Betrachtungen werden der Hamburgischen Staatsoper gewidmet, die in den 70er und 80er Jahren über ein wirkliches Weltklasse-Ensemble verfügte. So war auch die Besetzung der Albert Herring-Premiere erstklassig. Als erstklassig erwies sich die gesamte Produktion, die sehr viel britisches Flair in die Hansestadt brachte. Da gab es allenthalben britische Flaggen, ein fröhliches Bühnenbild, das als Zentrum Albert Herrings Kolonialwaren-handlung zeigte. Aber der skurrilste Einfall waren sicherlich die Union-Jack-Fliegen des Dirigenten und der Orchestermitglieder, auch die Rhododendron-Sträucher wuchsen so schön aus dem Orchestergraben heraus. Musikalisch beginnt das Ganze mit einem kompositorischen Geniestreich Benjamin Brittens: die Szene zwischen Lady Billows (Brenda Roberts) und ihrer Haushälterin Florence Pike (die großartige Altistin Ursula Boese). Es war geradezu köstlich, wie Brenda Roberts auf der Suche nach dem moralisch einwandfrei lebenden jungen Mädchen immer wieder neue Namen ins Spiel brachte, die aber von ihrer Haushälterin übereifrig disqualifiziert wurden, denn Florence Pike wusste genau, wer wo wann und mit wem in diesem Dorfe Kontakt hatte. Schließlich ändern die Dorfbewohner ihre Pläne und küren in diesem Jahr einen moralisch einwandfrei lebenden Jüngling, nämlich Albert Herring. Es ist einer der schönsten musikalischen Einfälle, wenn die Dorfbewohner sich nach einem vorsichtigen Flüstern des Namens zu einem gemeinsamen, lautstarken Albert Herring-Choral zusammenfinden. Nur eine Stimme darf dieses Ensemble übertreffen – Lady Billows mit strahlenden Spitzentönen. Man könnte diese Geschichte jetzt Bild für Bild weiterführen, das würde aber den Rahmen dieses Berichtes bei weitem sprengen. Erwähnt werden soll aber noch die Tatsache, dass sich Brenda Roberts zum ersten Mal in ihrer Karriere in einer eher komischen Partie gezeigt und damit bewiesen hat, dass sie auch eine pointensichere Komödiantin sein kann.

Brenda Roberts © Wolfgang Schmitt

Brenda Roberts © Wolfgang Schmitt

Alljährlich gibt es einen Fixpunkt im Hamburger Opernrepertoire: Zu Weihnachten wollen die Leute Hänsel und Gretel sehen, eine wunderschöne Märchenoper, die eine Reihe sehr dankbarer, wenn auch leider entsprechend kurzer Partien enthält. Für einen dramatischen Sopran ist die Partie der Gertrud ideal. Wenn Brenda Roberts diese Rolle übernimmt, wird auf einmal klar, dass es große Parallelen zwischen Färbersfrau (Die Frau ohne Schatten) Gertrud gibt. Beide leben frustriert in ihren kleinen Handwerker-häuschen, beide Frauen haben sich sicherlich mehr von ihrem Leben versprochen. Beide versuchen sie auf nicht ganz koscheren Wegen ihre finanziellen Probleme zu lösen. Am Schluss aber entscheiden sich beide für die Familie. Stimmlich ist die Gertrud durchaus anspruchsvoll, enthält eine kurze Arie („Herr Gott, schick‘ Geld herab“) sowie das beliebte Finale („Wenn die Not am höchsten steigt“).

Zu guter Letzt noch drei Hinweise: Bei Operadepot ist die Hamburger Elektra aus dem Jahre 1975 (Roberts, Saunders, Mödl, Krause, Cassilly, Horst Stein) erschienen. Es gibt auch einen „Pflichttermin“ für Brenda-Roberts-Fans und alle, die es werden wollen:

Freitag, 11. Januar 2019, Liederabend in der Kleinen Laeizshalle.

 

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