Düsseldorf, Rheinoper, Wozzeck von Alban Berg, IOCO Kritik, 30.10.2017

Oktober 31, 2017  
Veröffentlicht unter Deutsche Oper am Rhein, Hervorheben, Kritiken, Oper

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

  Wozzek von Alban Berg an der Rheinoper Düsseldorf

„Wir arme Leut“

Von Albrecht Schneider

Da werden in den USA in Las Vegas über fünfzig Menschen erschossen. Selbst diejenigen, die sonst alles zu wissen vorgeben, fragen jetzt: warum ist das geschehen? Die Antwortlosen sprechen alsbald von sinnloser Gewalt. Von Sinnlosigkeit ist stets dann die Rede, wenn ein Sinn sich nicht erkennen lässt. Allein Gewalt hat allzeit ihren Sinn, und genauso, obschon begreiflicher, das Ge­genstück: die Gewaltlosigkeit.

Die Gewalt des Staates gegen ein Individuum äußert sich nachdrücklich in der Vollstre­ckung seines Todesurteils. Das hält die eine Kategorie Moralisten für sinnlos. Mittels dieser Strafe, sagen sie, ist weder der Schuldige zu „bessern“, – einer ihrer Zwecke – noch, was Erfahrung lehrt, schreckt sie potentielle Täter ab. Zudem bleibt sie bei erwiesenem Fehlurteil irreversibel.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg - hier Ensemble © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg – hier Ensemble © Karl Forster

Die zweite Kategorie der Moralisten, alttestamentarisch geprägt, betrachten die Hinrichtung als sinnvoll, als absolute Gerechtigkeit: Auge um Auge. Einzig der Tod des Täters sühnt die Tat, einzig durch die endgültige Ausmerzung des Täters wird der Rechtsfrieden bewahrt.

Georg Büchners dramatischer Torso bereitet die Geschichte auf vom Anfang des Endes des fatalen Lebens des armen Mannes Woyzek. Der trägt das Kreuz des Daseins nicht mehr, er ist bereits daran genagelt. Ängste jagen ihm Schreckensbilder durch den Kopf. Die Gesellschaft hat ihm seinen Platz ganz unten, bei den „arme Leut“, zugeteilt. Gewalt erfährt er von der Hierarchie über ihm: Der Tambourmajor nimmt ihm die Geliebte, der Doktor missbraucht ihn zu medizinischen Experimenten, und der Hauptmann verdeutlicht ihm unentwegt und nach Kräften seine armselige Existenz. Sie gerät endgültig zur Marter, als ihm die Frau, seine einzige Garantin für ein bisschen Glück, verloren zu gehen droht. Sie zu töten, das sollte ihn von den großen Schmerzen erlösen. Die Tat wirkt bloß kurz, sie und die Phantasmagorie der erstochenen Marie quälen ihn jetzt bis zur Unerträglichkeit. Er sucht den Tod.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg - hier Handwerksbursch und Narr © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg – hier Handwerksbursch und Narr © Karl Forster

Fünfzehn Szenen daraus hat Alban Berg in Musik gesetzt und Stefan Herheimer sie an der Rheinoper in Düsseldorf auf die Bühne gebracht. Dessen Inszenierung bezieht sich auf das Schicksal des wahren Johann Woyzek, der anfangs des Neunzehnten Jahrhunderts seine Geliebte ermordete. Nach einem langen Prozess ob seiner Zurechnungsfähigkeit, die ihm wohl abzusprechen war, aber nicht wurde, verurteilte das Gericht den Mann gleichwohl zum Tode und ließ ihn öffentlich köpfen.

Mit dem Öffnen des Vorhangs wird der moderne Hinrichtungsraum eines Gefängnisses sichtbar. Stille. Die Wanduhr zeigt kurz vor sieben. Wozzek, im roten Anzug der Todeskandidaten, ist auf der Liege festgeschnallt. Schläuche in seinem Arm führen zu den Glaskolben voll der tödlichen Chemikalien, aufgebaut auf einem Schaltpult. Daneben steht das Wachpersonal, ein Geistlicher liest in einem Buch. Hinter ihm wartet der Arzt. In die Seitenwand ist eine Glasscheibe eingelassen, durch die Zeugen und Interessenten der Exekution zuschauen. Der Anstaltsdirektor blickt auf die gegenüber hängende elektrische Uhr. Wenn mit der vollen Stunde einer der Vollzugsbeamten den Schalter dreht, die Gifte in den Körper des Delinquenten zu rieseln und dessen Neuronen zu sterben beginnen, in der halben Minute zwischen Leben und Tod projiziert das Gehirn dem Wozzek noch einmal alle die Szenen, die unabwendbar sein eigenes gewaltsames Sterben heraufbeschworen haben.

Mit der einsetzenden Musik nimmt das Drama seinen Anfang, indem die grellhelle weißkalte Hinrichtungskammer zu einem Narrenhaus voller bösartiger Narren wird. Denn zugleich verwandeln sich auch, und das ist eine überzeugende Manipulation des Regisseurs, die Agenten des Staates, die soeben das Ritual der Vollstreckung betrieben haben, zu Hauptmann, Doktor und Tambourmajor. Nunmehr wirken sie, nicht minder gewalttätig in Aktion und Sprache, als Angehörige einer Gesellschaft, die einen wenig wehrhaften Mitmenschen zum Abgrund hin drängt.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg - hier Bo Skovhus als Wozzeck und Camilla Nyland als Marie © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Berg – hier Bo Skovhus als Wozzeck und Camilla Nyland als Marie © Karl Forster

Wozzek erhebt sich von der Liege. Der brave Soldat sieht sich den moralisierenden Tiraden wie sexuellen Griffen seines Hauptmanns ausgesetzt, indessen ihn der Doktor für diätetische Experimente missbraucht. Der Tambourmajor buhlt erfolgreich um Wozzeks Geliebte, die halb getrieben und halb gezwungen, schließlich mit ihm kopuliert. Um solches Milieu, in dem ein Wozzek sich niemals behaupten kann, zu illustrieren, überzeichnet die Regie die Figuren: alle haben sie einen Zug ins Skurrile, arbeiten sie sich hektisch und fast irre an ihrem Untergebenen ab. Der, ohnehin die Welt oft wahnhaft wahrnehmend, steht gedemütigt und hilflos in ihr herum. Bis er nicht länger leidendes Objekt, sondern ein handelndes Subjekt sein will. An dem Platz, wo sie beisammensitzen, färbt sich die Umgebung blutrot, als Marie sagt: „Wie der Mond rot aufgeht“. Wozzek hält das Rasiermesser in der Hand.

Am Ende ist der Zeiger der Uhr im Hinrichtungsraum über die sieben vorgerückt. Auf dessen Dach sitzen Hauptmann und Doktor mit Engelsflügeln und schwafeln. Anfangs hatte Wozzek einmal davon gesungen, dass „die arme Leut“, wenn sie in den Himmel kämen, donnern helfen müssten. Wartet nun statt des Himmels doch die Hölle mit den gleichen Figuren auf den Schmerzensmann Wozzek? Der tritt mit allen Beteiligten an die Rampe und starrt ins Publikum. Will er provokant fragen: Jetzt habt Ihr, brave Bürgelsleut, einmal gesehen, wie es garnicht so weit weg von Euch zugeht. Und was sagt Ihr dazu?

Alban Bergs Musik vervollkommnet das düstere, geniale Fragment des Georg Büchner zu einem grandiosen, wahrlich unter die Haut gehenden Geschehen. Diese Musik ist gewaltig. In sich trägt sie die Gewalt, welche wir, die Gesellschaft, wider die „arme Leut“ ausüben, die von Obrigkeiten ausgeht und jene, die ein schicksalhaftes Verhängnis dem Wozzek antut. Die Musik ist gleichermaßen gewaltig in ihrer Hymne der Herzensregungen wie dem Lamento der Infamien aller Personen. Sie bleibt auch gleich gewaltig, wenn sie sanft und leise, im Piano redet. Zwar hat sie die Tonalität aufgegeben, was ihr nicht das Geringste an Espressivo und Intensität nimmt. Den Text saugt sich nicht auf, vielmehr fügen sich Rede und Klang zusammen zu einem überwältigenden Kunstwerk.

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Ber - hier vlnr Doktor, Wozzeck und Hauptmann © Karl Forster

Deutsche Oper am Rhein / Wozzeck von Alban Ber – hier vlnr Doktor, Wozzeck und Hauptmann © Karl Forster

Regie, Orchester und Ensemble der Rheinoper leisten eine Aufführung, in der Musik, Aktion und Bild verschmelzen zu einem Drama, das sich während der knapp zwei Stunden als Kunst in der Einheit zur Schau stell und zu Gehör bringt. Individuelles Können oder spezielle Bravour jedes ihrer Komplizen werden kaum wahrgenommen. Erst mit dem Verklingen des letzten Tons ist man aus der Geschichte des Wozzeks entlassen und kann daran gehen, die Protagonisten zu feiern.

Bo Skovhus ist von Gestalt, aber auch in Darstellung und Prosodie ein Wozzek, der die Figur in ihren wechselnden Zuständen deprimierend deutlich verlebendigt. Sein Kamerad Andres (Cornel Frey) ist ihm so ebenbürtig wie Mathias Kink als Hauptmann und der Doktor des Sami Luttinen. Der Tambourmajor des Corby Welch prahlt und prügelt erst dessen Geliebte Marie in die Horizontale und hernach den Wozzek zusammen. Ein Macho auch in der Stimme. Dass ihm und ihr gleichermaßen die zunächst widerstrebende Marie erliegt, die Frau später den Frevel an ihrem Wozzek auch mit fast volksliedhaften Tönen bereut, das singt makellos und spielt sinnlich wie melancholisch Camilla Nyland. Sie alle irrlichtern, tanzen und poltern um sich und um einander herum: ein groteskes Benehmen an einem der Realität fernen wie zugleich sehr nahen Ort. Exemplarisch vorgeführt werden uns der Aberwitz und die Gemeinheit der Verhältnisse, sich offenbarend in eines Staates zwei wesentlichen Institutionen: Dem Militär und der Justiz.

Axel Kober, der musikalischer Chef der Oper und des Abends, treibt das Orchester zu einer perfekten Wiedergabe von Bergs Partitur. Sie rundet, gestaltet, formt Georg Büchners geniale Skizzen zu der ersten atonalen Oper der Moderne. Der Dirigent weckt in seinen Instrumentalisten alle Kräfte, und mithin fehlt es der Musik zu gegebener Zeit niemals an Wucht wie Zartheit, an Dynamik und Schattierung.

Es ist etwas Ungeheuerliches, was das Publikum an diesem Abend erlebt. Dessen Beifall fällt laut und ausgiebig, doch nicht enthusiastisch (was verdient gewesen wäre) aus, weil man erst aus einer ungeheuerlichen, wahnwitzigen in die eigene und scheinbar vernünftige Welt zurückzufinden hat.

Wozzeck von Alban Berg an der Rheinoper in Düsseldorf; weitere Termine 2.11.; 5.11.; 19.11.; 23.11.; 26.11.2017

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