Bonn, Theater Bonn, Musical – Premiere Ein Käfig voller Narren, IOCO Kritik, 06.09.2014

September 10, 2014  
Veröffentlicht unter Kritiken, Theater Bonn

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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

Varietéglitzer, ungleiche Lebensformen und Lebensalltag 

Der Pariser Schauspieler, Regisseur und Autor Jean Poiret, 1926 – 1992 war ein vielseitiger wie erfolgreicher Mann. Als Darsteller wirkte er in vielen Filmen und TV-Produktionen. 1973 schrieb Poiret für Pariser Bühnen das Theaterstück La Cage aux Folles, dessen Filmfassung 1978 mit Michel Serrault und Ugo Tognazzi in den Hauptrollen international erfolgreich war. Internationalen Theatererfolg brachten erst der Drehbuchautor Harvey Fierstein und der Komponist Jerry Herman in 1983: Am Broadway wurde es heimisch, im Pariser Théatre du Palais Royal wurde es ab 1983 900 Mal, sieben Jahre ohne Unterbrechung gespielt. 1985 feierte das Stück im Berliner Theater des Westens seine deutsche Premiere. Gloria Gaynor machte 1984 „I am what I am“, Outing-Song der Hauptdarsteller des Musicals, zum Welthit.

 Bonn / Kaefig Voller Narren / Goerges und Zaza © Thilo Beu

Bonn / Kaefig Voller Narren / Goerges und Zaza © Thilo Beu

Ein Käfig voller Narren ist unkonventionell. Denn die alltäglichen Lebenswelten werden aus Sicht des homosexuellen Varieté-Betreibers Georges (Mark Weigel) und seines Lebensgefährten, der Transvestiten-Diva Albin / Zaza (Dirk Weiler) gezeichnet. Die tanzende, singende Travestie-Welt mit ihren Glitzer-Anzügen, Strass und Federboas wird beständig von großen wie kleinen menschlichen Konflikten aufgemischt. Regisseur John Dew hatte das Musical zuvor im Staatstheater Darmstadt inszeniert. So erhält Theater Bonn eine choreographisch und musikalisch ausgereifte Produktion (Choreographie Julio Viera Medina). Auf der Drehbühne wechselt farbenreiches Travestie-Ambiente mit alltäglichen Wohnräumen, deftiges schnoddern mit feinem Humor; gleißende Smokings, knappe wie überbordende Kostüme der zwölf Cagelle-Tänzer (José-Manuel Vazquez) illustrieren den Flair einer ungewöhnlichen, leicht verruchten Halbwelt.

 Bonn / Kaefig voller Narren / Cagelles © Thilo Beu

Bonn / Kaefig voller Narren / Cagelles © Thilo Beu

Georges kündigt im ersten Bild zu Cabaret-Musik (Band La Cage) in silberfunkelndem Smoking die Travestie-Show mit der wunderbaren Zaza (alias Albin) an, die schrägen Cagelle-Tänzer singen in Travestie-Kostümen ihren Song „Wir sind was wir sind“. Doch im nächsten Bild, einem braven Wohnzimmer hadert Albin über Georges:Ich habe ein Hühnchen gerupft und wo war er?“; „Früher hast Du es geliebt, das Fußkettchen an meinen Knöchel zu legen!“ Albin fühlt sich von Georges vernachlässigt, singt verloren, traurig den MASCARA – Song „Wenn alles grau ist, trüb und trist, die Schminke her und weg den Mist“. Nur widerstrebend verwandelt sich Albin wieder zum Travestie-Star Zaza.

 Bonn / Kaefig voller Narren / Die Dindons und Zaaza © Thilo Beu

Bonn / Kaefig voller Narren / Die Dindons und Zaaza © Thilo Beu

In dies nicht ganz normale Alltagsgefüge platzt die Nachricht, dass Georges´ Sohn Jean-Michel (Angelo Canonico), Ergebnis einer kurzen, früheren Hetero-Beziehung, von Albin über Jahre liebevoll aufgezogen, heiraten möchte. „O, Georges, unser Kind will ein Mädchen heiraten. Was haben wir falsch gemacht?“ klagt Albin. Ausgerechnet die Tochter von Eduard Dindon (Franz Nagler), eines erzkonservativen Travestie-Feindes  und   dessen Frau Marie (Barbara Teuber), die junge Anne (Léonie Thoms), ist die Auserwählte von Jean-Michel.

Der Konflikt in der „Künstler-Familie“ baut sich auf, als Annes Eltern die Familie ihres zukünftigen Schwiegersohns Jean-Michel treffen möchten. Das Treffen plant Georges zunächst ohne Albin aber mit Jean-Michels leiblicher Mutter. Doch die Mutter sagt ab, schnell gestrickte Notlösungen verpuffen. Die erzkonservativen Dindons treten auf, das „Anders sein“ von Albin und Georges offenbart sich bald. Aus Eduard Dindons reaktionärem Herzen poltert es: „Erpressung von rechts, Betrug von links, Verderben vor mir und wer weiß, was von hinten kommt!“.

Doch ohne Happy End wäre Ein Käfig voller Narren kein erfolgreiches Musical. Und so findet sich auch im Theater Bonn zwischen sensibler Traurigkeit wie schrägem Humor alles zum guten wie bizarren Ende.

 Bonn / Premiere Ein Kaefig voller Narren / Ensemble © IOCO

Bonn / Premiere Ein Kaefig voller Narren / Ensemble © IOCO

Die reaktionären Dindons mutieren zu tanzenden Transvestiten, Anne steht zu ihrem Jean-Michel und Georges versöhnt sich mit Albin.

Auch ungleiche Lebensformen müssen durch den Alltag des Lebens Mark Weigel und Dirk Weiler geben dem Musical als Georges und Albin / Zaza in Sprache, Gesang und Gestus seinen exzentrischen Charakter. Ob Paris-Chapeaus, Rokoko-Vögel, Federpuschel: Die in hinreißenden Kostümen tanzenden Cagelles verströmen dazu den beständigen Hauch leicht zwielichtiger Varieté-Ambiente. Franz Nagler, kraftvolles Bonner Schauspiel-Urgestein, und Barbara Teuber setzen als irdisch polternde Eduard und Marie Dindon kraftvoll karikierende Kontrapunkte.  Angelo Canonico und Léonie Thoms, runden als Jean-Michel und Anne Dindon die gelungene, vom Publikum am 6.9.2014 stürmisch gefeierte Musical-Premiere im Theater Bonn ab.

IOCO / Viktor Jarosch / 08.09.2014

Weitere Vorstellungen: 13. September 2014; 5. Oktober 2014; 17.10.2014; 14.11.2014; 15.11.2014;  20.22.2014; 31.12.2014 15 Uhr; 31.12.2014 19.30 Uhr; 3. Januar 2015; 6.1.2015; 16. 1.2015; 6.2.2015; 7.2.2015; 27.2.2015; 6. März 2015; 22. 3. 2015; 2. April 2015; 9. April 2015

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