Hagen, Theater Hagen, Rocky Horror Show: Das Theater bebte, IOCO Kritik, 14.01.2012

Januar 17, 2012  
Veröffentlicht unter Kritiken, Musical, Theater Hagen


Kritik

Theater Hagen

  Funky  Rocky Horror Show  in Hagen

Spät aber unheimlich stark kommt das Theater Hagen mit seiner ersten Produktion der Rocky Horror Show.

 Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Marilyn Bennett (Magenta) © Kühle

Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Marilyn Bennett (Magenta) © Kühle

 Theater Hagen / Rocky Horror Show, Tillmann Schnieders (Rocky), Tanja Schun (Janet Weiss) © Kühle

Theater Hagen / Rocky Horror Show, Tillmann Schnieders (Rocky), Tanja Schun (Janet Weiss) © Kühle

Herren aller Jahrgänge schossen aus Wasserpistolen, gesetzte Damen warfen mit Reis und Klopapapier um sich, andere Besucher rotierten wie wirr Leuchtdioden oder kommentierten ritusgerecht die Darsteller auf der Bühne. Der Grund: Die Besucher im völlig ausverkauften Haus zelebrierten mit großer Leidenschaft die erste Premiere dieses Mitmach–Kultmusicals in Hagen. Seit dem 14. Januar 2012 ist Hagen im Rocky-Fieber und wird es wohl für Jahre bleiben, resümiert stolz Intendant Nobert Hilchenbach nach der Premiere das bergische Theater-Beben.  Doch der Reihe nach:

 Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Henrik Wager (Frank’n’ Furter), Susanna Mucha (Columbia), Marilyn Bennett (Magenta) © Kühle

Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Henrik Wager (Frank’n’ Furter), Susanna Mucha (Columbia), Marilyn Bennett (Magenta) © Kühle

1973 schuf Richard O´Brien  The Rocky Horror Show. Zunächst als experimentelles Rockmusical gedacht parodiert  Richard O´Brien in seinem Musical  den bizarren Humor schrottiger Science Fiction Filmstreifen der 40 er und 50er Jahren, ergänzt ihn mit glorreich-schrägem Schauspiel, trashigen „Spezialeffekten“ und sexueller Entfaltung. O´Brien selbst zu seinem Stück: „Immer wohnt auch das Animalische in uns. Und das, mit Anspielungen auf Horror- und Sagengestalten, ironischer Kritik am Spießertum bietet die Rocky  Horror Show“. Und formte ein rund um den Globus erfolgreiches, knallbuntes Kultmusical mit enthusiastischster Fangemeinde aller Altersgruppen. Welche seither die unzähligen Vorstellungen, oft wild gestylt, mit Reis, Wasserpistolen, Gummihandschuhen, Klopapier, Strapsen zu einem Mitmach-Event machen Große Theater scheuen die verschrobene Unbedingtheit des Stückes. Kleinere Theater,  auch das Theater Hagen, sind deutlich couragierter.

Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Ballett © Foto Kühle

Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Ballett © Foto Kühle

„Menschen“ sind oft pärchenweise anzutreffen und streben aus unerklärlichen Gründen häufig eine monogame Lebensform an. Diese Verirrung macht vielen von ihnen das Leben nicht leichter, verkündet die extraterrestrische Zeitung „The Transylvanian Observer“ treffend zur Rocky-Premiere in Hagen.

Regisseur Holger Hauer kennt Rocky gut, hat selbst den Frank`N´Furter gespielt. Gemeinsam mit Sandra Fox (Austattung) und Ricardo Fernando (Choreographie) produzierte Hauer einen genüsslich suhlenden Hagener Rocky:  Grelle Kulissen und Kostüme, schwebender Riesenkussmund, Raumfahreroutfit, knatternde Motorräder begleiten einfallsreich und szene-typisch das starke Hagen-eigene Ensemble. Die Orthopädischen Strümpfe des Guildo Horn liefern den austarierten fetzigen musikalischen Rahmen.  Opernchor und Ballett des Theater Hagen ziehen frivoles Arrangement, Tanzfreude und Gesang, beginnend mit dem Rock-Klassiker Time Warp, die Besucher in ihren Bann. Kurze Ausflüge in die Klassik mit  Richard Wagner– und Tschaikowsky-Referenzen  mischen die obskure Rocky-Welt zusätzlich auf. Der musicalerfahrene  Henrik Wager als sexgieriger  Frank`N`Furter  und Guildo Horn als Riff-Raff  geniessen das Verzerrte, Skurrile ihrer dominanten Rocky-Partien. Henrik Wager verbindet eine in allen Tonlagen perfekte, textverständliche Rockstimme mit vitaler Schamlosigkeit. In „I’m just a sweet Transvestite“ reisst er Dominanz an sich. Guildo Horn als verschlagener, letztendlich siegender Diener Riff-Raff  überzeugt optisch und schauspielerisch. Stark die zum Theater Hagen gehörenden Ensemblemitglieder: Tanja Schun singt wunderbar lyrisch zart als Janet Weiss, Jeffery Krueger als Brad Majors stellt den optisch wie stimmlich kongenialen Partner. Auffällig besetzt auch der Erzähler mit dem übergroßen  Orlando Mason, welcher mit prägnanter Diktion die notorischen „boring“-Rufe unbeeindruckt hinnimmt. Auch der in Hagen lange etablierte Werner Hahn gibt dem  Dr. Everett Scott eigenständigen Charakter. Magenta, die hinterhältige Komplizin von Riff-Raff, wird von Marilyn Bennett gesanglich und schauspielerisch wunderbar abgebildet.. Ensemblemitglied Tillmann Schnieders ein passender Rocky, Richard van Gemert als  Motorradrocker Eddie und Susanna Mucha als etwas verwirrte Columbia runden das gefeierte Ensemble ab.

 Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Marilyn Bennett (Magenta) © Foto Kühle

Theater Hagen / Rocky Horror Show, Guildo Horn (Riff Raff), Marilyn Bennett (Magenta) © Foto Kühle

The Transylvanian Oberserver meldete vor dieser Hagener Premiere vom 14.1.2012: „Den verführerischen Mitteln eines Transylvanians haben die leicht beeinflussbaren Menschen meist nichts entgegenzusetzen“. Recht hat er. Nach Ende der Hagener Rocky Horror Show ergingen sich dessen sehr irdischen Besucher über 60 Minuten in exzessiv zügelloser Begeisterung. Es ist keine überraschende Weissagung, dass die folgenden Rocky-Vorstellungen in Hagen (15.2., 24.2., 2.3., 20.3…)  restlos ausverkauft sein werden.   IOCO / Viktor Jarosch / Januar 2012

Theater Hagen, Szenegerechte Besucher des Rocky-Spektakels ©IOCO

Theater Hagen, Szenegerechte Besucher des Rocky-Spektakels ©IOCO

Theater Hagen, Zustand des Besucherraumes zur Pause der Rocky Horror Show Premiere © IOCO

Theater Hagen, Zustand des Besucherraumes zur Pause der Rocky Horror Show Premiere © IOCO

 

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