Essen, Philharmonie Essen, Das Paradies und die Peri, IOCO Kritik, 18.10.2015

Oktober 20, 2015 by  
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Philharmonie Essen

 Das Paradies und die Peri  von Robert Schumann

Collegium Vocale Gent  und  Orchestre des Champs-Elysées, Philippe Herreweghe

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

In dieser Spielzeit ist der große Dirigent und Chorleiter Philippe Herreweghe in “Residence“ in der Essener Philharmonie. An sieben Abenden ist er mit verschiedenen Orchestern und Werken von Bach, Beethoven, Bruckner und Schumann zu erleben. Den Auftakt machte am letzten Sonntag Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri. Das 1843 unter Schumanns Leitung im Leipziger Gewandhaus uraufgeführte Werk wird selten gespielt, anders als seine “Genoveva“, seine “Faustszenen“ und “Der Rose Pilgerfahrt“.

Grund dafür ist der altmodisch verquaste Text der literarischen Vorlage und die nicht immer mühelos nachzuvollziehende Handlung. Es handelt sich um ein Vers-Epos des irischen Dichters Thomas Moore, erfundene Orient-Romantik, die damals hoch im Kurs stand. Hier in diesem Stück wird von einem in Ungnade gefallenen Zwitterwesen von Engel und Fee (Peri) persischer Herkunft erzählt, das nach der Gabe einer Träne eines reuigen Sünders, wieder Eingang ins Paradies findet.

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

Doch die Musik ist prachtvoll, reich an Melodik und gibt auch Hinweise auf Zeitgenossen Schumanns und auf Bach. Herreweghe erläuterte das mit seiner humorvollen, kauzigen Art in der dem Konzert voraus-gegangenen Einführung.

Als der junge Philippe Herreweghe 1970 sein Collegium Vocale im belgischen Gent ins Leben rief, steckte die Alte Musik-Bewegung noch in den Kinderschuhen. Aber es blieb nicht bei Bach und Co. Barock, Wiener Klassik und die Romantiker folgten im Repertoire des Chores und seines Gründers.

Heute sind das Collegium Vocale und sein charismatischer Leiter eine feste Größe im internationalen Musikgeschäft und dies mit Fug und Recht.  Die größtenteils jungen, frischen Stimmen des Chores, seine Homogenität und Präzision, konnte man an diesem Abend in Essen in den umfangreichen Chorsätzen dieses Werkes wieder bewundernd erleben.

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

Herreweghe am Pult zu beobachten ist immer faszinierend. Seine beschwörenden Blicke und seine persönliche Dirigiertechnik lassen keine Schwachstellen zu. Der gebürtige Flame hatte auch an diesem Abend den ganzen Apparat fest im Griff.

Prachtvoll klang das Orchestre des Champs-Elysées. Es wurde 1991 gegründet und ist spezialisiert auf die Interpretationen des romantischen und vorromantischen Repertoires auf Originalinstrumenten. Herreweghe und das Orchester arbeiten sehr eng miteinander.

Sehr gut zusammengestellt waren die Gesangssolisten.  Die Partie der Peri war mit der englischen Sopranistin Carolyn Sampson besetzt. Sie hat einen lyrischen Sopran mit Biss und Durchschlagskraft. Gelegentlich, meist in der hohen Lage, wurde die Stimme scharf. Im großen Jubelfinale kam sie an ihre Grenzen. Wunderbar klang ihre Stimme in den Piani der Mittellage. Bemerkenswert gut war ihre Textverständlichkeit. Diese Textverständlichkeit war auch bei allen weiteren Solisten vorhanden.

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

Philharmonie Essen / Philippe Herreweghe © Sven Lorenz

Die Sopranistin Christina Landshamer (Arien der Jungfrau) konnte ebenso gefallen wie die sonore Stimme der Mezzosopranistin Wiebke Lehmkuhl (Der Engel).

Maximilian Schmitt (Jüngling, Erzähler) ist noch bestens in Erinnerung mit seinem Abend mit romantischen Arien im Januar dieses Jahres. Auch an diesem Abend konnte er seinen lyrischen Tenor effektvoll einsetzen.

Eine balsamische Bariton-Stimme, ausdrucksstark und von farblicher Vielfalt,  ließ der junge Südtiroler André Schuen (Gazna, Ein Mann) hören. Hier wächst ein neuer Don Giovanni heran. Die Stimme und das Aussehen sind vorhanden.

Das Publikum zeigte sich begeistert und zollte allen Mitwirkenden frenetischen Beifall.

Schade, dass dieses selten zu hörende Werk, dabei auch vollendet dargeboten, so wenige Zuhörer fand.

IOCO / UGK / 18.10.2015

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Stavanger, 25 Jahre Internationales Kammermusikfestival in Norwegen, August 2015

September 13, 2015 by  
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International Chamber Music Festival / Martin Först Christian Ihle Hadland © Nikolaj Lund

International Chamber Music Festival / Martin Först Christian Ihle Hadland © Nikolaj Lund

 

Martin Fröst und Christian Ihle Hadland – ein würdiges Finale für eine fünfjährige Zusammenarbeit

International Chamber Music Festival

Meisterhaftes Zusammenspiel

Norwegens internationales Kammermusikfestival ICMF feiert 25 Jahre

Ein anspruchsvolles Publikum für ein Musikfestival aufzubauen, ist eine lange und mühevolle Aufgabe. Es ist ein Prozess, bei dem der Zuhörer gepflegt sein will. Letztlich ist entscheidend, dass das Publikum Vertrauen in die Programmentscheidungen der Festivalmacher setzt. Das hat Norwegens internationales Kammermusikfestival in Stavanger geschafft: Kaum eine andere Veranstaltung dieser Art kann sich eines aufmerksameren Publikums rühmen; da sind sich Musiker und Kritiker einig.

Das ICMF feiert sein 25. Jahr und ist selbst wie ein gut eingespieltes Kammerensemble, in dem jeder seinen Part so gut kennt, dass selbst eine plötzlicher heftiger Schlag, wie der Ausfall einer der Hauptkünstler der Veranstaltung, das Orchester nicht aus der Bahn wirft. Tatsächlich spielt diese Gruppe so gut zusammen, dass weder das Publikum noch die Künstler etwas von der organisatorischen Akrobatik mitbekamen, die wohl bis in die frühen Morgenstunden geleistet wurde, um die Lücken im Programm zu füllen, als der künstlerische Ko-Direktor des ICMFs, Martin Fröst, in letzter Minute wegen Krankheit absagen musste. Die Show ging einfach weiter.

Der bekannte Klarinettist sollte beim diesjährigen ICMF zahlreiche Konzerte spielen und als Dirigent mit dem Stavanger Orchester ein ambitioniertes Programm zeigen. Fröst wurde zwar vermisst wurde, aber es fanden sich wie durch ein Wunder als Ersatz die exzellenten Klarinettisten Hermann Stefásson und Thorsten Johanns, und Dirigent Anu Tali übernahm seine Dirigentenparts im, wenn auch leicht veränderten, Programm.

Anspruchsvolle Ohren kamen beim diesjährigen ICMF mehrfach auf ihre Kosten. Besonders in Erinnerung bleiben unter anderem die Auftritte des künstlerischen Ko-Direktors und Pianisten Christian Ihle Hadland. Von seiner Interpretation von Mozarts Quintett für Klavier und Bläser, mit dem das Festival eröffnete, über Lieder von Ravel und Britten, Faure-Duetten, Brahms’ F-Moll-Klavierquintett und einer in letzter Minute ins Programm aufgenommenen Darbietung von Mozarts Konzert in A-Dur (K.414) lieferte Ihle Hadland durchweg gefühlvolle und glänzende Aufführungen.

International Chamber Music Festival / Streichquartett - Quatuo Ebene - Cellist Alexei Stadler © Nikolaj Lund

International Chamber Music Festival / Streichquartett – Quatuo Ebene – Cellist Alexei Stadler © Nikolaj Lund

Die sehr eng miteinander verbundenen Musiker des Streichquartetts Quatuor Ebèné sorgte ebenfalls für Hörgenuss. Seine Aufführung von Beethovens Quartett in A-Moll Opus 132 war bewundernswert, bewegte sich aber leider nur in einem Lautstärkeumfang von Pianissimo bis Mezzoforte. Das mag in einem Aufnahmestudio wünschenswert sein, lässt aber ein Publikum unbefriedigt zurück, wenn selbst in der exzellenten Akustik von Norwegens ältester Kathedrale das Cello häufig nicht zu hören ist. Das Zusammenspiel von Quatuor Ebèné ist exzellent und zwar in einem Maße, dass die Musiker häufig ihr Publikum zu vergessen schienen. Anders bei der Aufführung von Schuberts Streichquartett in C-Dur – zu Recht ein Festivalklassiker –: Gast-Cellist Alexei Stadler zwang das Streichquartett, aus seiner eigenen Welt herauszutreten und mit „draußen“ zu kommunizieren. Das Ergebnis war eine berührende Aufführung eines der meist geschätzten Werke der Kammermusik und zeugte von der Sorgfalt und großem Ideenreichtum des Ensembles. Gleiches war auch der Fall, als Bratschistin Jennifer Stumm für 1313 Streichquintett K.515 hinzukam, wenn auch das Zusammenspiel weniger homogen war.

International Chamber Music Festival / Cellist Alexei Stadler © Nikolaj Lund

International Chamber Music Festival / Cellist Alexei Stadler © Nikolaj Lund

Alexei Stadler war während des Festivals bei vielen Gelegenheiten zu hören. Er demonstrierte seine große Musikalität bei der Aufführung von Schostakowitschs Cello-Sonate. Zusammen mit Boris Brovtsyn (Violine) und Itamar Golan (Klavier) lieferte er zudem eine superbe Performance von Tschaikowskis Piano-Trio. Trotz meiner Vorbehalte gegenüber dem Werk war die Aufführung sicherlich ein Festspielhöhepunkt.

Auch Itamar Golan erwies sich beim diesjährigen ICMF mehrfach als tadelloser Musiker mit großen Kammermusikfähigkeiten. Der Pianist, der eher im romantischen Repertoire zuhause ist, zeigte gemeinsam mit dem österreichischen Cellisten Clemens Hagen eine besonders beeindruckende Aufführung von Schumanns „Fünf Stücke im Volkston“, Opus 102 für Cello und Klavier.

International Chamber Music Festival / Sharon Bezaly © Nikolaj Lund

International Chamber Music Festival / Sharon Bezaly © Nikolaj Lund

Hagens Performance von Haydns C-Dur-Konzert bewies große Finesse und tiefes musikalisches Verständnis, obwohl es zum Teil schwierig war, das Cello aus dem Orchester herauszuhören. 1B1, ein Jugendensemble aus jungen Musikern aus der Region unter Leitung von Violinist Jan Bjøranger, spielte sorgfältig und mit Enthusiasmus.

Sharon Bezalys Interpretation von Schuberts Thema und Variationen auf „Trockne Blumen“ für Flöte und Klavier D.802 demonstrierte die präzise Technik und den soliden Klang des Flötisten. Hornistin Annamia Larsson spielte eine überzeugende Interpretation von Mozarts Hornquartett, zeigte aber in ihren weiteren Festivalauftritten Ermüdungserscheinungen.

Mit Benjamin Brittens Cabaret Songs bewies Sopranistin Measha Brueggergosman ihre beeindruckende Fähigkeit, die stark kontrastierenden Stimmungen dieser sehr verschiedenen Lieder zu transportieren.

International Chamber Music Festival / Christian Ihle Hadland und Sopranistin Measha Brueggergosman © Nikolaj Lund

International Chamber Music Festival / Christian Ihle Hadland und Sopranistin Measha Brueggergosman © Nikolaj Lund

Eine großartige Aufführung von Brahms’ F-Moll-Sonate durch die beiden künstlerischen Festivaldirektoren Christian Ihle Hadland und den fast wieder gesunden Martin Fröst brachte das ICMF 2015 zum Abschluss. Es war ein würdiges Finale für eine fünfjährige Zusammen – arbeit, die dem Festival eine große Zahl an in Erinnerung bleibenden Aufführungen und Kooperationen gebracht hat. Die Veranstaltung in diesem Jahr war wieder ein Triumph für die Festival-Organisatoren und ihre mehr als 120 ehrenamtlichen Helfer, die durch ihr Engagement, ihren Enthusiasmus und die Professionalität beeindruckten, mit der sie ihre Aufgaben auf dem Festival unermüdlich übernahmen.

International Chamber Music Festival / Über 120 ehrenamtlicher Helfen beim ICMF © Nikolaj Lund

International Chamber Music Festival / Über 120 ehrenamtlicher Helfen beim ICMF © Nikolaj Lund

Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen für den Erhalt dieses fein gestimmten Instruments – Norwegens Internationalem Kammermusikfestival – sorgen und der Veranstaltung den Schwung geben, den es braucht, um auch in den nächsten 25 Jahren derart gute Arbeit zu leisten wie bisher.

Das würde auch künftigen Zuschauergenerationen die Chance geben, hochkarätig besetzte Kammermusikensemble bei einem der feinsten Kammermusikfestivals Europas zu genießen.

IOCO / B O’S / August 2015

Barbara Miszel Giardini – In Gedenken an die polnische Mezzosopranistin, IOCO Portrait, August 2014

August 27, 2014 by  
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Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv, Foto: Luxardo (PRIVAT)

Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv, Foto: Luxardo (PRIVAT)

Barbara Miszel Giardini –
Mezzosopran mit 81 Jahren gestorben

“Eine Stimme mit überwältigender Ausdruckskraft, sowohl in dramatischen als auch lyrischen Rollen” (Düsseldorfer Nachrichten)

Eine bescheidene Diva mit großartiger Stimme ist tot. Die polnische Mezzosopranistin Barbara Miszel Giardini starb vergangene Woche im Alter von 81 Jahren in Berlin. Die Sängerin wurde in Opernhäusern in ganz Europa für ihre Interpretationen so unterschiedlicher Rollen gefeiert, wie Bizets Carmen, die Titelrolle von Rossinis „La Cenerentola”, oder die Judith in Honeggers hochgelobtem gleichnamigen Werk. Die wenigen Aufnahmen, die von diesem außergewöhnlichen Mezzosopran existieren, zeugen von der Wärme und Schönheit ihrer Stimme, genauso wie von ihrer großen Kunst.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: F. Klichè (CENERENTOLA)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: F. Klichè (CENERENTOLA)

Zahlreiche Opernkritiker haben auf Miszel Giardinis exquisite Stimme hingewiesen, aber auch ihrer tadellosen Technik applaudiert, die es ihr erlaubte nicht nur dramatisches Repertoire mit großer Intensität zu singen, sondern auch virtuose Koloraturpassagen sehr klar und präzise auszuführen – etwas, was nur wenigen Sängern und Sängerinnen gegeben ist.

Die große italienische Mezzosopranistin Gianna Pederzini – eine der meist gefeierten Carmen des 20. Jahrhunderts – sagte 1984 in einem Interview über ihre Kollegin: “Miszel besitzt eine der außergewöhnlichsten Stimmen.“ Und die Düsseldorfer Nachrichten lobte ihre Stimme für „überwältigende Ausdruckskraft sowohl in dramatischen als auch lyrischen Rollen“.

Barbara Miszel Giardini wurde 1932 in Lemberg im damaligen Polen – heute Ukraine – geboren. Zu Beginn des zweiten Weltkrieges zog ihre Familie nach Warschau. Dort war sie Zeugin des Elends im Warschauer Ghetto und der Zerstörung ihrer geliebten Stadt während der Nazi-Besatzung Polens. Ihr ganzes Leben lang erinnerte sie sich häufig an ihre schrecklichen Kindheitserfahrungen in Warschau.

Die junge Barbara wollte zunächst Medizin studieren, aber eine zufällige Begegnung führte dazu, dass sie vorsang, um an der Musikhochschule Fryderyk Chopin in Warschau Gesang zu studieren. Sie bekam den Platz und beendete ihr Studium offenbar mit großem Erfolg. Nur drei Jahre später gewann sie den ersten Preis beim angesehenen Nationalen Sängerwettbewerb in Warschau.

Es folgte eine Reihe von Aufnahmen für den polnischen öffentlich-rechtlichen Sender Polskie Radio, vor allem Lieder von Moniuszko, Karlowicz, Niewiadomski, Zelenski, Opienski und Foster sowie Schumann und Brahms. Ihre ganze Karriere über lobten Kritiker Miszel Giardinis Lieder-Interpretationen für ihre Sensibilität und die Aufmerksamkeit, der sie der Sprache und lyrischen Nuancen widmete.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: G. Wyszomirska (HÄNSEL)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: G. Wyszomirska (HÄNSEL)

Ihr Bühnendebüt hatte Barbara Miszel Giardini 1956 mit einem Engagement am Stadttheater Posen. Dort sang sie den Hänsel in Humperdincks “Hänsel und Gretel“ und Magdalena in Verdis “Rigoletto.”

Es folgte die Rolle der Marina in Mussorgskis “Boris Godunow” an der Warschauer Oper sowie die der Amneris in “Aida” und schließlich die Titelrolle in Honeggers “Judith”, die zu einer ihrer meist gefeierten Rollen wurde. Tatsächlich bleibt ihre Aufnahme von “Judith” mit dem polnischen Symphonieorchester dirigiert von Henryk Czyz, bis heute ein Meilenstein und wird häufig von Polskie Radio gesendet.

Bereits am Anfang ihrer Karriere hatte Barbara Miszel Giardini viele Konzertengagements. Sie trat regelmäßig mit polnischen Philharmonien wie der Warschauer Philharmonie, der Krakauer Philharmonie und dem polnischen Rundfunk-Symphonieorchester auf und sang bei Gastspielen in DänemarkJugoslawien und Italien.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (SANTUZZA)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (SANTUZZA)

In Jahr 1960 ermöglichte ein Stipendium der jungen Sängerin, an der Mailänder Scala zu studieren. Dies waren prägende Jahre für ihre Karriere. Schließlich war Mailand damals das Epizentrum der Oper in Europa. Neben der exzellenten Ausbildung, die das Gesangsstipendium ihr ermöglichte, hatte sie die Gelegenheit, einige der größten Sängerinnen und Sänger des 20. Jahrhunderts zu hören. Sie erinnerte sich oft daran, Opernstars wie Maria Callas, Joan Sutherland, Renata Tebaldi und Guiseppe Di Stefano, die alle regelmäßig an der Scala auftraten, auf der Höhe ihrer Karrieren gesehen zu haben.

Im Jahr 1962 heiratete Barbara Miszel den italienischen Physiker Salvatore Giardini und das Paar zog nach Rom. Nach der Geburt ihres Sohnes kehrt die Sängerin auf die Bühne zurück. Zunächst in Polen an der Warschauer Oper, wo sie eine sehr gefeierte Carmen sang, später in Deutschland war sie am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden, an der Kölner und der Frankfurter Oper sowie der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf zu hören.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (EBOLI)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: E. Straub (EBOLI)

In den folgenden Jahrzehnten erlebte die Oper am Rhein eine goldene Zeit.

Das Haus florierte unter der Leitung des legendären Opernintendanten Grischa Barfuss, der ein großer Bewunderer Miszel Giardinis war.

Er überzeugte die Sängerin, Wiesbaden zu verlassen und ins Ensemble nach Düsseldorf zu kommen.

Das Haus spielte eine wichtige Rolle für die Mezzosopranistin, da sie neben ihren gefeierten Rossini-Rollen viel Anerkennung der Kritiker für ihre Interpretation dramatischer Verdi-Figuren erhielt, wie etwa Eboli in „Don Carlos“, Azucena in „Troubadour“, Ulrica in „Ein Maskenball,“ Quickly in „Falstaff“ sowie Santuzza in Mascagnis „Cavalleria Rusticana“.

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: Gawalkiewicz (AMNERIS)

BARBARA MISZEL GIARDINI © Giardini Privatarchiv, Foto: Gawalkiewicz (AMNERIS)

In den 70er und 80er Jahren Barbara Miszel Giardini regelmäßig an vielen führenden europäischen Opernhäusern zu sehen, wie Paris, Lyon, Zürich, Basel, Athen, Luzern, Aarhus und Genf.

Sie sang verschiedene Rollen, von Amneris in Verdis Aida bis hin zu virtuosen Rossini-Charakteren wie der Isabella in “Eine Italienerin in Algier, Rosina in “Der Barbier von Sevilla” oder die Titelrolle von „La Cenerentola”. An der Deutschen Oper am Rhein sang sie all diese Rossini Werke in den renommierten Produktionen des Regisseurs Jean-Pierre Ponnelle.

Während ihrer Karriere arbeitete der Mezzosopran mit Dirigenten wie Henryk CzyzHeinz WallbergGeorg Schmöhe und Alberto Erede, u. A..

Eine Aufführung von Honeggers “Judith” mit Herbert von Karajan war geplant, aber sie war gezwungen, das Konzert wegen des plötzlichen Todes ihrer Mutter abzusagen.

Barbara Miszel Giardinis warme und freundliche Art machte sie zu einem sehr beliebten Ensemblemitglied und sie gewann im Laufe ihrer Karriere viele großartige Freunde. Dazu gehörten nicht nur Sängerkollegen und Dirigenten, sondern auch Korrepetitoren, Pianisten, Chormitglieder, Make-up- und Kostümkünstler und Sekretärinnen. Sie wurde von denen, die das Privileg hatten, mit ihr zu arbeiten, gemocht und wertgeschätzt; viele wurden lebenslange Freunde.

Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv    (PRIVAT)

Barbara Miszel Giardini © Giardini Privatarchiv (PRIVAT)

So wichtig ihre Karriere für sie war – die Familie kam für Barbara Miszel Giardini an erster Stelle. Obwohl ihre Stimme noch in Höchstform war, führte Ende der 80er eine persönliche Tragödie dazu, dass sie der Bühne den Rücken kehrte.

Sie ließ sich daraufhin in Düsseldorf nieder. Sie blieb zwar interessiert an den Geschehnissen in der Opern- und Musikwelt, begann aber zunehmend das Reisen ohne anstrengende Probentermine zu genießen. Sie unterrichtete ein bisschen, fand aber, dass diese Tätigkeit nichts für sie war.

Sie blieb immer bescheiden und sprach über ihre bemerkenswerten Erfolge nur, wenn man sie danach fragte. Im Jahr 2011 zog Barbara Miszel Giardini nach Berlin, wo sie am 19. August 2014 starb.

Sie hinterlässt ihren einzigen Sohn, den Opernbühnen- und Kostümbildner Gilberto Giardini.

Breandáin O’Shea (Musikjournalist, Berlin)
Deutsche Übersetzung: Carola Torti

Essen, Philharmonie Essen – Klavierfestival 2014 – Martha Argerich und Lilya Zilberstein, IOCO Kritik, 11.07.2014

Juli 15, 2014 by  
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KLAVIER-FESTIVAL RUHR 2014

PHILHARMONIE ESSEN

Philharmonie Essen © Bernadette Grimmenstein

Philharmonie Essen © Bernadette Grimmenstein

Martha Argerich + Lilya Zilberstein, Piano

Das diesjährige Klavierfestival hatte wieder, wie in den Jahren zuvor, viele Höhepunkte, die begeisterten. Doch der Konzertabend am letzten Freitag in der Essener Philharmonie war eine Sternstunde, die unvergesslich bleiben wird.

Über Martha Argerich, ihre Vita und Karriere zu berichten, hieße “Eulen nach Athen“ zu tragen. Die Argentinierin ist schon zu Lebzeiten eine Legende geworden. Beim Klavierfestival war sie schon zum 16. Mal zu erleben.

Klavierfestival Ruhr 2014 / Mozart zu vier Händen: Lilya Zilberstein und Martha Argerich beim © KFR/Peter Wieler

Klavierfestival Ruhr 2014 / Mozart zu vier Händen: Lilya Zilberstein und Martha Argerich beim © KFR/Peter Wieler

In den letzten Jahren spielte sie immer seltener allein, bevorzugte Duo-Abende und auch Abende mit mehr als einem Partner (Argerich and Friends). So auch an diesem Abend in Essen, wo gleich 5 Pianoschaffende zu hören waren.

Das Programm eröffneten Martha Argerich und Lilya Zilberstein. Letztere ist Russin, gebürtig in Moskau und sie lebt seit 1990 in Deutschland. 1987 gewann sie den Busoni-Wettbewerb in Bozen. Seit 10 Jahren ist sie auch Duo-Partnerin von Martha Argerich. Beim Klavierfestival ist die Künstlerin, die seit 2009 eine Professur an der Hamburger Musikhochschule hat, zum siebten Mal Gast.

Argerich und Zilberstein eröffneten das Konzert mit der “Sonate in D-Dur für Klavier zu 4 Händen, KV 381“ von Mozart. Es war faszinierend, ihrem Spiel zu zu sehen, die spielerische Leichtigkeit zu bewundern und sich einfach den Klängen hinzugeben.

Klavierfestival Ruhr 2014 / Im vierhändigen Zusammenspiel: Lilya Zilberstein und Martha Argerich © KFR/Peter Wieler

Klavierfestival Ruhr 2014 / Im vierhändigen Zusammenspiel: Lilya Zilberstein und Martha Argerich © KFR/Peter Wieler

Was nun kam, war Präzision pur. Lilya Zilberstein, die japanische Pianistin Akane Sakai, sowie die beiden Jung-Pianisten (und Brüder) Anton und Daniel Gerstenberg spielten die Busoni-Bearbeitung für zwei Klaviere zu acht Händen der “1. Sinfonie in C-Moll“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das war eine Staunen machende Begegnung. Und überhaupt eine unwahrscheinliche Leistung, den “Klang eines ganzen Orchesters auf zwei Klaviere zu übertragen“.

Nach der Pause spielten Lilya Zilberstein und die Gebrüder Gerstenberg (Zilbersteins Söhne) das “Rondeau Brillant für Klavier zu sechs Händen, op. 227“ von Carl Czerny. Musikalisch gesehen, ist dies eine hübsche kleine Nichtigkeit, die es aber in sich hat, was technische Fertigkeit anbelangt. Mit seinen Fingerübungen ist ein jeder Pianist schon in Berührung gekommen. Lilya Zilberstein und die Gebrüder Gerstenberg spielten das Stück ohne Schwierigkeiten (wenngleich es auf der Klavierbank ziemlich eng wurde) und sichtlich vergnügt.

Klavierfestival Ruhr 2014 / Lilya Zilberstein (Links) und Martha Argerich © KFR/Peter Wieler

Klavierfestival Ruhr 2014 / Lilya Zilberstein (Links) und Martha Argerich © KFR/Peter Wieler

Klavierfestival Ruhr 2014 / Klavier-Festival Ruhr 2012: v.l. Daniel und Anton Gerzenberg, Martha Argerich, Lilya Zilberstein © KFR/Mark Wohlrab

Klavierfestival Ruhr 2014 / Klavier-Festival Ruhr 2012: v.l. Daniel und Anton Gerzenberg, Martha Argerich, Lilya Zilberstein © KFR/Mark Wohlrab

1845 schrieb Robert Schumann die “Sechs kanonischen Studien für Pedalflügel, op.56“. Dieses Instrument, ist ein Flügel mit Fußtastatur, und “dient den Studien angehender Organisten, befriedigt aber keine höheren Ansprüche“ (Herzfeld). Die Damen Argerich und Zilberstein spielten es in einer Transkription für zwei Klaviere von Claude Debussy. Und man kann sagen, dass sie es höchst befriedigend spielten.

Der offizielle Abend endete mit der “Suite Nr.1 für zwei Klaviere“, ein Jugendwerk Sergei Rachmaninows, sein Opus 5. Dieses hochvirtuose Stück, das auch über eine ausgeprägte Polyphonie verfügt, war bei den Damen Argerich und Zilberstein in den besten Händen.

Das Publikum feierte alle fünf Künstler frenetisch, aber insbesondere Martha Argerich und Lilya Zilberstein. Es gab einige wunderbare Zugaben, von denen Darius Milhauds Welterfolg “Scaramouche“, von den Damen Argerich und Zilberstein hinreißend gespielt, besonders in Erinnerung bleibt.    IOCO / UGK / 11.07.2014

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Pressemeldung Klavierfestival 2014

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