Hamburg, Elbphilharmonie, New York Philharmonic – Alan Gilbert, IOCO Kritik, 10.4.2017

April 11, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

Elbphilharmonie Hamburg © Oliver Heissner

New York Philharmonic mit repetetiven Strukturen zum Licht

„Die Kraft der Minimal Music“

Von Sebastian Koik

Mit dem New York Philharmonic kommt am 4.4.2017 nach dem Chicago Symphony Orchestra das zweite US-amerikanische Orchester zu Gast in die Elbphilharmonie nach Hamburg. Es gehört ebenfalls zu den so genannten Big Five ihres Landes, ist ein Orchester der Superlative: Das älteste amerikanische Sinfonieorchester und eines der ältesten Orchester überhaupt. In der aktuellen Saison feiert es seinen 175. Geburtstag. Seit 1917 hat das New York Philharmonic mehr als 2000 Einspielungen veröffentlicht. Außerdem ist es bereits in 432 Städten in 63 Ländern aufgetreten. In der aktuellen Spielzeit erreicht das Orchester durch seine Konzerte in New York und weltweit, Downloads, internationale Fernseh-, Radio- und Internetauftritte und seine zahlreichen Bildungsprogramme bis zu 50 Millionen Musikliebhaber.

Der aktuelle Dirigent des renommierten Orchesters ist Alan Gilbert und steht damit in der Tradition musikalischer Giganten des 20. Jahrhunderts wie Gustav Mahler, Arturo Toscanini, Leonard Bernstein, Pierre Boulez und Kurt Masur. Außerdem dirigiert er regelmäßig andere führende Orchester der Welt und hat einen Direktorenposten an der renommierten New Yorker Juillard School. Übrigens war er ehemals Erster Gastdirigent des jetzigen NDR Elbphilharmonie Orchesters und beweist in der Einführung zum Konzert, dass er immer noch hervorragend Deutsch spricht.

Ganz passabel Deutsch scheint übrigens auch der Komponist der beiden Stücke des Abends, John Adams, zu sprechen. Er tut es jedenfalls ein paar Sätze lang in der Einführung, bevor er dann allerdings doch ins Englische wechselt. John Adams gehört zu den erfolgreichsten US-amerikanischen Komponisten überhaupt. Er gewann diverse Grammy-Auszeichnungen und besitzt mehrere Ehrendoktorwürden. Adams komponiert für die unterschiedlichsten Besetzungen und Formate, am liebsten aber groß angelegte Orchesterwerke.

 Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Außergewöhnlich früh fühlte sich John Adams zum Komponieren berufen. Schon mit elf Jahren nimmt er seinen ersten Kompositionsunterricht. Nicht interessiert an der Kompositionsweise Arnold Schönbergs, die man ihm beim Kompositionsstudium in Harvard vermitteln will und deren Klangergebnisse ihm nicht zusagen begibt er sich nach seinem Abschluss auf die Suche nach etwas anderem. Er findet die Minimal Music, die kleinste Motive unendlich lange wiederholt und variiert und feiert in diesem neuen Stil große Erfolge.

Er will sich allerdings nicht durch stilistische Strenge beschränken. Er will Musik schreiben, die einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen hat, die die Menschen berührt und trotzdem etwas Neues beinhaltet. Anders als Kollegen, die ausschließlich im Feld der Neuen Musik arbeiten und sich nur im Bereich der so genannten Avantgarde, der unerschlossenen Welt des Neuen bewegen, hat Adams keine Probleme damit, sich auf vergangene Formen und Harmonien zu beziehen.

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das New York Philharmonic © Claudia Hoehne

Das erste Stück des Abends trägt den Titel Absolute Jest und basiert auf Fragmenten von diversen Stücken von Ludwig van Beethoven. Adams arbeitete und experimentierte für dieses Stück am Computer. Er wendete einen Algorithmus auf die Beethoven-Fragmente an und formte die Musik damit um. Er konnte sie spiegeln, in die Länge ziehen, neu anordnen oder sie übereinander schichten. Und mittels des Computers konnte er sofort überprüfen wie sich die Ergebnisse dieser Operationen anhörten.

Adams ergänzt das Orchester um ein Streichquartett, das in erster Linie die Fragmente aus den Beethoven-Quartetten spielt. Das Orchester wiederum ist im Wesentlichen für die am Computer neu entstandenen  Passagen verantwortlich. Das Streichquartett übernimmt in diesem Spiel immer mehr die Führung und treibt das Orchester vor sich her.  Im Ergebnis ist das schön und interessant. Die Komposition hat eine gute innere Spannung und ist lebendig pulsierend. Die Musiker setzen das Stück ganz hervorragend um. Sie spielen diese sehr energiereiche Musik spritzig, sehr präzise und musikalisch. Der erste Geiger der Solisten, Frank Huang, hat einige überzeugende, feurige Soli. Zwischendurch verliere ich ein wenig Interesse an der Komposition, bevor sie mich in dem letzten Minuten des Stückes wieder mitnimmt. Ganz zum Schluss entsteht durch die Überlagerung von verschiedenen übereinander geschichteten, sich wiederholenden Elementen ein sehr interessanter und angenehmer Eindruck von Chaos und Harmonie gleichzeitig.

Das zweite Stück des Abends Harmonielehre nennt sein Schöpfer den gelungenen „einmaligen Versuch die Chromatik des Fin de Siècle mit den rhythmischen und formalen Verfahren des Minimalismus zu verbinden.“ Es beginnt überzeugend und begeistert mit sehr luftig-leicht wirkenden Minimal Music-Wiederholungsschleifen und interessanten Schichtungen verschiedener Klang- und Rhythmus-Elemente. Es ist Spannung, Energie und ein großes Klangfarbenspektrum in der Musik. Danach wechseln sich sehr klassisch-sinfonische Passagen wiederholt mit minimalen Strukturen ab.

Nach dem sehr lauten und energiereichen Finale des ersten Satzes beginnt der 2. Satz mit warm wabernden Kontrabässen. Dann kommen die Celli dazu und lange Zeit wird das Orchester nur zu geringen Teilen verwendet, oft spielen nur ein oder zwei Sektionen gleichzeitig. Später wird das Orchester wieder etwas voluminöser eingesetzt, doch über weite Strecken vermag mich dieser zweite Satz nicht mitzunehmen.

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Alan Gilbert und John Adams rechts © Claudia Hoehne

Sehr spannend wird dann der dritte Satz! Er begeistert zunächst mit wunderbar feinen, luftigen Klängen enormer Leichtigkeit. Es klingt paradiesisch. Das Orchester spielt sehr feingeistig ätherisch wirkende repetetive Strukturen und elegante Modulationen. Es ist schöne, interessante, quirlige, sonnendurchflutete Musik! Danach legt sich wie ein Schatten eine gewisse Schwere und Düsterkeit auf die Musik. Sich unentwegt wiederholende Elemente brechen das dann wieder auf, bahnen sich neue Wege. Die Musik wird wieder fröhlicher, heller, lebendiger und energiereicher.

Das Spiel wiederholt sich noch einmal: Erst legen sich Schatten über die minimalen Strukturen, doch dann bahnt sich die Musik mit der Kraft der minimalen Wiederholung wieder Wege zum Licht. Nach einer weiteren Verdunklung existieren beide Seiten für eine Weile gleichwertig nebeneinander. Es wird lauter und mächtiger, unruhiger, nervöser. Viele verschiedene Klangflächen und Loops werden übereinander geschichtet. Die Pauken treiben voran. Die Musik zuckt und flimmert. Als es dann endet ist es als sei die Musik wie das Raumschiff Enterprise in Richtung irgendwelcher interessanten Orte des Universums entschwebt. Das klingt schön, bezaubernd, spannend und mitreißend. Und einzigartig. Es ist ein ganz besonderes musikalisches Erlebnis und eine wundervolle Minimal Music-Erfahrung.

Das New York Philharmonic unter Alan Gilbert hat sich als Weltklasse-Orchester präsentiert und einzigartige und spannende Musik aus ihrer Heimat mitgebracht. Herzlichen Dank!

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Beethoven – 9 Sinfonien in 5 Tagen, IOCO Kritik, 25.03.2017

März 25, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Die neun Sinfonien Beethovens in 5 Tagen

 Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela – Leitung Gustavo Dudamel

„I VIVA Beethoven“

Von Patrik Klein

Die jüngste Revolution der klassischen Musik hat 1975 in Venezuela stattgefunden. Das Projekt nennt sich El Sistema und schafft tausenden von Kindern und Jugendlichen eine Zukunftsperspektive, indem sie kostenlos ein Instrument lernen können. Über 800.000 Kinder haben bislang an dem Projekt teilgenommen. Die Spitze dieser Bewegung ist in dem mittlerweile erstklassig gewordenen Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela zu sehen, dem Gustavo Dudamel seit 1999, damals 18-jährig, als Chefdirigent vorsteht.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela © Patrik Klein

Der Elbphilharmonie Hamburg und seinem Intendanten Christoph Lieben-Seutter ist es gelungen, im Rahmen einer großen Tournee durch Europa, das Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela für die neun Sinfonien Ludwig van Beethovens in Hamburgs neuen Konzertsaal zu bringen. In chronologischer Reihenfolge wurden die Sinfonien an 5 Tagen, vom 19.3. bis 23.3.2017 zur Aufführung gebracht.
Am 19.3.2017, dem ersten Abend, gibt man die Sinfonien Nr. 1 und Nr. 2, die wegen der relativen Kürze von ca. 30 Minuten mit den Ouvertüren zu Egmont und Coriolan angereichert werden. In noch recht kleiner Besetzung erklingen die ersten Klassiktöne aus dem rhythmisch-feurigen Südamerika. Das wundervolle Orchester mit den jugendlichen, mittlerweile erwachsen gewordenen Musikern spielt elegant, supersympathisch und entfesselt. Die vom Komponisten angelegten schnellsten Menuettstrukturen, damals bei den Uraufführungen in Wien von der Konzertkritik geächtet und verrissen, werden mit südamerikanischem Temperament gespielt, so dass jeder Menuetttänzer unweigerlich aus der Kurve fliegen würde. Ein Auftakt nach Maß bereits nach dem ersten Konzert.

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Beethovens dritte und vierte Sinfonie dann am zweiten Abend mit deutlich größerer Besetzung, wie z.B. 6 Kontrabässen, 4 Hörnern, 4 Querflöten und entsprechender Streicherverstärkung. Die Eroica gilt als eine der komplexesten Werke Beethovens. Die danach gegebene vierte eher als so etwas wie eine kompositorische Verschnaufpause. Gespielt werden sie beide in jedem Falle meisterhaft vom Orchester, angeleitet von einem der derzeit energetischsten und gefragtesten Dirigentenstars auf unserem Globus, Gustavo Dudamel. Und nach dem Konzert hatte man den Eindruck „Was kann es schöneres geben, als glücklich und beseelt aus einem großartigen Konzert in der Elbphilharmonie zu kommen?“ Es macht grenzenlosen Spaß Dudamels Musikern beim Spielen zu lauschen…spielfreudig, feinsinnig, aufbrausend mit südamerikanischem Temperament, feinste Streicherflächen, sauberste Horn- und Trompetenklänge und eine Leichtigkeit, die man so noch nicht vernommen hat. Gustavo Dudamel braucht auch überhaupt keine „Showeffekte“. Im Gegenteil, er ist hier absolut nicht der „Stardirigent“ mit „Allüren“, sondern ein Primus inter pares. Kein einziges Mal nimmt er den Jubel der 2100 begeisterten Zuhörer auf dem Dirigentenpodium an, sondern er gesellt sich, immer fast ein wenig schüchtern wirkend, zu seinen Orchestermusikerinnen und -musikern.

Wien / Ludwig van Beethoven - Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Wien / Ludwig van Beethoven – Erinnerung an die Neunte Sinfonie © IOCO

Am dritten Abend dann die Schicksalssinfonie Nr. 5 und die Pastorale Nr. 6 in einem Konzert. Beethoven haderte hier mit seiner beginnenden Taubheit, und man wirft ihm vor, dass er dem „Schicksal in den Rachen greifen will“. Das Genie Beethoven hat hier aus dem recht einfachen Kern aus drei Achteln und einer Halben einen ganzen Satz aus diesem Motiv heraus entwickelt. In fast jedem der 500 Takte des Kopfsatzes ist es zu hören. Hier komponierte er, wie Kinder mit Legosteinen bauen. Und das Orchester aus Venezuela spielt es wunderbar klar, feinsinnig, manchmal wuchtig und temperamentvoll. Im Block S, gut 25 Meter vom Dirigenten entfernt in bester Position sitzend und hörend, mischt sich der überaus transparente Klang zu einer vollkommenen Einheit. Das Konzert wird live gestreamt auf Facebook und Youtube und kann jederzeit abgerufen werden. Bei der durchaus wunderschönen Pastoral-Sinfonie, die an das Landleben erinnern soll, dann doch die ersten etwas schwächeren Momente der Konzertserie. Die besonders stark besetzten Blechbläser fahren ihre Instrumente in den äußersten Grenzbereich und übertönen oft viel zu stark und manchmal nicht ganz im Takt die herrlichen Streicher. Diese Lautstärke ist in dem wunderbaren Konzertsaal gar nicht notwendig, aber so geht es auch einmal einem Top-Orchester, das hier zum ersten Mal die Tücken der Akustik kennenlernt.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Der Abend vier der Konzertreihe besteht nun aus den beiden Sinfonien Nr. 7 und Nr. 8. Der Anfang der siebenten ist wie eine Orgie des Rhythmus in einem fröhlichen 6/8-tel Takt, wie ein Besuch in der Werkstatt des Komponisten. Sie stellt Beethovens pure Energie der Vortriebskraft dar. Lust an knackigen Rhythmen und treibende Schlägen werden bis ins Exzessive gesteigert. Hier zeigt sich wieder die fantastische Stärke des Orchesters mit einer Mischung aus Disziplin und lateinamerikanischem Musikgefühl angeheizt durch den Maestro am Pult, sich steigernd in einen wahren Spielrausch ganz im Sinne des Meisters. Manchen Besuchern ist es wohl doch zu viel des Guten und vielleicht etwas zu uneuropäisch. Die verhältnismäßig kurze achte Sinfonie folgt nach der Pause. Sie ist ihm ein wenig heiter geraten, wirkt ein wenig harmlos nach dem Energiefeuerwerk von vorhin. Doch der Eindruck täuscht: Beethoven sprüht hier vor Witz und geht munter zur Sache. Es entwickelt sich ein stattliches Thema, das wenig später völlig aus dem Takt fällt. Das ruhig fließende Seitenthema bringt den Satz denn doch voran, allerdings in einer untypischen Tonart. Am Ende scheint sich Beethoven selbst zu persiflieren, in dem er nicht auf den Punkt für einen Schlussakkord kommt. Bei der Uraufführung war das Publikum entsetzt und bezeichnete das Werk als „furorelos“. Dass es das nicht ist, konnte man durch das formschön aufspielende Orchester beeindruckt erleben.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Und so unprätentiös wie sie spielen, kommen sie am letzten Abend wieder auf die Bühne. Nicht fein säuberlich nacheinander wie bei allen anderen Orchestern, sondern mal in Reihe, mal mit einer Minute Pause, beim Hereinkommen sich bekreuzigend wie manche Fußballer vor dem Elfmeterschuß. Der Konzertmeister erscheint erst nachdem das Orchester sitzt und empfängt den ersten höflichen Begrüßungsapplaus. Beethovens musikalisches Weltkulturerbe kann beginnen. Finale! Es ist so weit: Beethovens Opus magnum, seine neunte und letzte Sinfonie steht auf dem Programm und bildet den würdigen Abschluss einer außergewöhnlichen Konzertwoche in der Elbphilharmonie. „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium“. Beethovens gewaltiges Spätwerk wurde 1824 in Wien uraufgeführt. Zehn Jahre Inkubationszeit mit Skizzen, Änderungen und seinen berühmten Wutausbrüchen hat es gebraucht, bis es fertig war. Beethoven war mittlerweile völlig taub und hat seine Komposition nie gehört. In Wien war man Haydn gewohnt und musste nun den „tauben Grobian“ aus Bonn ertragen. Der Komponist war sich seiner Sache absolut sicher und ohne Perücke, mit zerzausten Haaren, schlecht gelaunt und einer Sinfonie in absoluter Überlänge gelang es ihm dennoch, seine Genialität erfolgreich darzustellen. Genial, weil er es perfekt verstand, mit simplen Motiven durch Wiederholungen und Weiterentwicklungen Dynamik und Lage zu variieren, Tonarten und Rhythmen permanent zu ändern und immer wieder auf die simplen Ausgangsformen zurückzukommen.

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Orquesta Sinfonica Simon Bolivar de Venezuela mit Gustavo Dudamel © Patrik Klein

 Der erste Satz beginnt mit einer „Ursuppe“ und der Idee eines Themas, welches sich zu einer explosiven Geste mit 16-Tonraumumfang entwickelt. Das Thema setzt sich aus verschiedenen Motiven zusammen und wird permanent variiert, immer wieder das „Freude-Thema“ andeutend. „Fratzenhafter“ der zweite Satz mit einem Schluss, der damals skandalös empfunden wurde. Ein Schnitt, als wenn der Stecker gezogen wird. Im dritten Satz wieder langsam, elegisch, pastoral, mit Pastellfarben das „Freude-Thema“ erneut andeutend. Im vierten Satz dann mit Chor und Solisten Schillers Ode an die Freude im Fokus. Die Insel der Seligen mit paradiesischen Zuständen als Zukunftswunsch und Appell an die Menschheit.

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Bonn / Ludwig van Beethoven © IOCO

Dudamels Orchester aus Venezuela spielt in allergrößter Besetzung mit unglaublicher Dynamik und Spielfreude. Gänsehaut bekommt man, wenn man die 8 Kontrabässe im vierten Satz oft fast alleine hört und das gesamte Podium als Resonanzboden dient. So leise, dass es fast unhörbar klingt, baut Dudamel eine unerhörte Spannung auf, dass minutenlang kein Huster oder Papierraschler wahrzunehmen ist. Den Hörnern, der Posaune und dem Pauker gelingen dann doch manchmal die Temperamentausbrüche zu heftig und auch etwas zu schnell im Takt. Fantastisch die Streicher, die Flöten, Fagotte und Oboen. Der Chor der Europachorakademie aus Mainz mit seinem Leiter Joshard Daus liefert ein grandioses Ergebnis aus Klarheit, Textverständlichkeit und Musikalität ab. Die Solisten, allesamt aus Übersee (Julianna di Giacomo, Tamara Mumford, Joshua Guerrero und Soloman Howard) geben sich allergrößte Mühe mit leichten Problemen bei der Textverständlichkeit und Intonation. Insgesamt ein würdiger Abschluss einer grandiosen Konzertreihe durch die „Spitze des Eisberges“ der Bewegung El Sistema. Das Hamburger Publikum dankt es den Mitwirkenden mit minutenlangen Bravostürmen und Standing Ovations.

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Weimar, Deutsches Nationaltheater, Premiere Fidelio von L. v. Beethoven, 25.03.2017

Deutsches Nationaltheater Weimar

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

Musikalisches Plädoyer für Freiheit und Gerechtigkeit
  Fidelio von Ludwig van Beethoven

Im Großen Haus des DNT Weimar hebt sich am kommenden Samstag, 25. März 2017, 19.30 Uhr der Vorhang für die Premiere von Ludwig van Beethovens Fidelio. Mit seiner einzigen Oper schuf der Komponist vor dem Hintergrund des Zeitalters von Aufklärung und Postrevolution ein musikalisch kraftvolles Plädoyer für Gerechtigkeit und Freiheit des Einzelnen. Dabei entfaltet sich die Handlung überwiegend als intimes Kammerspiel, das in den Arien und Ensembles Einblicke in das Innenleben und die Probleme der Figuren gewährt: Unter dem Pseudonym Fidelio hat Leonore im Staatsgefängnis eine Stelle als Gehilfe des Kerkermeisters Rocco angenommen. Sie ist auf der Suche nach ihrem Gatten Florestan, der von einem Tag auf den anderen verschwunden und seitdem unauffindbar ist. Könnte er der namenlose Gefangene sein, der auf persönliche Anordnung von Gouverneur Don Pizarro festgehalten wird und in Todesgefahr schwebt? Im unbeirrbaren Glauben an Menschlichkeit, Liebe und politische Gerechtigkeit setzt Leonore alles daran ihn aus der Gewalt des Tyrannen zu befreien.

DNT Weimar / FIDELIO - Szenenfoto mit Lars Cleveman (Florestan) und Larissa Krokhina (Leonore) © Vincent Leifer

DNT Weimar / FIDELIO – Szenenfoto mit Lars Cleveman (Florestan) und Larissa Krokhina (Leonore) © Vincent Leifer

Der Abend ist gleich in mehrfacher Hinsicht eine Premiere: Generalintendant Hasko Weber, der in seiner Laufbahn als Regisseur die unterschiedlichsten Schauspiel-Stoffe von der Klassik bis in die Gegenwart auf die Bühne gebracht hat, stellt mit dieser Inszenierung (Bühne und Kostüme: Thilo Reuther) seine erste Regiearbeit in der Oper vor. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Niklas Willén, der als der führende schwedische Dirigent seiner Generation gilt. Nach zahlreichen Opern- und Ballettproduktionen insbesondere im skandinavischen Raum sowie als GMD am Volkstheater Rostock gibt er nun mit dem Dirigat seines ersten Fidelio zugleich sein Debüt am DNT und am Pult der Staatskapelle Weimar.

DNT Weimar / FIDELIO - Szenenfoto (v.l.n.r.) mit Larissa Krokhina (Leonore) und Caterina Maier (Marzelline) © Vincent Leifer

DNT Weimar / FIDELIO – Szenenfoto (v.l.n.r.) mit Larissa Krokhina (Leonore) und Caterina Maier (Marzelline) © Vincent Leifer

Zudem erleben die Premierenbesucher eine Reihe von Rollendebüts – allen voran als Leonore die Sopranistin Larissa Krokhina, die seit 2008 zum Musiktheater-Ensemble des DNT gehört und hier bereits Partien wie Margarethe („Faust“), Feldmarschallin („Rosenkavalier“), Agathe („Freischütz“) und zuletzt Eva („Meistersinger“) überzeugt hat. Als Gast am Haus debütiert in der Partie des Florestan der international vor allem im Wagnerfach vielgefragte schwedische Tenor Lars Cleveman, der an renommierten Häusern wie der Oper Kopenhagen, der Litauischen Nationaloper, der Staatsoper Stuttgart, der Göteborger Oper, am Royal Opera House Covent Garden, an der Metropolitan Opera New York und der Oper in Sao Paolo gastiert.

Und auch Alik Abdukayumov (Don Pizarro), Christoph Stegemann (Rocco), Caterina Maier bzw. Kathrin Filip (Marzelline), Jörn Eichler (Jaquino) und Uwe Schenker-Primus (Don Fernando) geben an diesem Abend in den jeweiligen Partien ihr Debüt. Es singen die Damen und Herren des Opernchores. Es spielt die Staatskapelle Weimar. PMDNT Weimar

Fidelio Premiere am 25.3.2017, Weitere Vorstellungen: 31.3., 8., 23., 28.4., 14.5., 3., 15.6.2017

 

 

Hamburg, Elbphilharmonie, NDR Elbphilharmonieorchester mit Beethoven und Strauss, IOCO Kritik, 02.03.2017

März 2, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Krzysztof Urbanski mit NDR Elbphilharmonieorchester 

Beethoven –  Strauss

Leonoren-Ouverture,  Nr. 3 c-Moll op. 37 – Also sprach Zarathustra

Von Patrik Klein

Vollkommene Stille: Das Nichts, dargestellt durch den tiefsten spielbaren Ton eines Orchesters…die Geburtsstunde der Menschheit: Also sprach Zarathustra…
Das NDR Elbphilharmonieorchester Hamburg mit Beethoven und Strauss glänzt unter dem Taktstock des Ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbanski und der wunderbaren Pianistin Alice Sara Ott.

Nach den umjubelten Eröffnungskonzerten und dem über drei Wochen andauernden Eröffnungsfestival in Hamburgs neuem Wahrzeichen, mit großen Gastorchestern aus Wien, Chicago und Dresden, einem Rockkonzert von den „Einstürzenden Neubauten“, sowie etlichen Klavier-, Cello- und Liederabenden, kehrt nun so etwas wie Routine in das Haus am Kaiserkai ein. Die Diskussionen über die Architektur und die Akustik des Hauses verlieren langsam ihre Schärfe. Man ist sich einig, dass der direkte und transparente Klang des Hauses auf fast allen Plätzen, Disziplin bei Musikern und Gästen vorausgesetzt, einem ein wunderbares Konzerterlebnis bescheren kann. Die Qualität der Konzerte war weitgehend meisterhaft und von überragender Schönheit, die den oft durch Mittelmaß gebeutelten Hamburger Kulturliebhaber in einen regelrechten Rausch versetzen konnte.

Wesentlich verantwortlich für diese enorme Qualitätssteigerung ist das Residenzorchester der Elbphilharmonie, das NDR Elbphilharmonieorchester. Mit viel Engagement und jede Menge Überstunden hat das Orchester eine Vielzahl an Konzerten abgeliefert, die sich nicht hinter denen der ganz „großen“ Orchester aus Wien , Chicago oder Dresden verstecken müssen. Dazu kamen noch jede Menge „Kurzkonzerte“ von etwa einer Stunde Dauer für die Besucher, die normalerweise nicht in ein Konzerthaus gehen. Unter dem Motto „Klassik für Hamburg“ konnte der Gast für kleines Geld Blockbuster der Klassik mit dem NDR Elbphilharmonieorchester erleben. Dazu noch einige „Late Night“– Konzerte, wo Klassik auf Pop traf und ein breites Publikum erreichte. Damit erfüllt das Orchester weit mehr, als von ihm erwartet und trägt somit zu einer kulturbereicherten Hansestadt entscheidend bei.

Elbphilharmonie Hamburg / Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie © Michael Zapf

Elbphilharmonie Hamburg / Orchester im Großen Saal der Elbphilharmonie © Michael Zapf

Federführend dabei ist seit 2011 der aktuelle Chefdirigent Thomas Hengelbrock. Interpretatorische Experimentierfreude und unkonventionelle Programmdramaturgie sind Markenzeichen seiner Arbeit, wie man zuletzt beim Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie erleben durfte. „Blockbusterfrei“ führte er die erlesene Besucherschar von der Renaissance in die Gegenwart. Zudem brachte er einen frischen, inspirierenden „Musiziergeist“ ins Orchester, und löste bei Orchestermusikern und Publikum eine regelrechte Aufbruchstimmung aus. Getragen und zusätzlich belebt wird diese vom jungen und dynamischen polnischen Dirigenten Krzysztof Urbanski als Erstem Gastdirigenten, der heute am Pult steht. Urbanski pflegt seit seinem Debüt im Jahr 2009 enge Beziehungen zum NDR Elbphilharmonie Orchester. 2015/16 hat er die Nachfolge von Alan Gilbert als Erster Gastdirigent angetreten und das Orchester u. a. auf Gastspielreise in Breslau, Kattowitz, beim Beethoven-Osterfestival in Warschau, beim Osterfestival in Aix-en-Provence sowie beim großen HafenCity Open Air zum Abschluss der Saison in Hamburg dirigiert.

Für den heutigen Abend hat man eine der interessantesten Pianistinnen unserer Zeit, Alice Sara Ott engagiert, die schon in einigen Konzerten mit dem NDR Elbphilharmonieorchester hier am Kaiserkai glänzte. Alice Sara Ott begeistert ihr Publikum immer wieder mit unterschiedlichen aufregenden Projekten. Sie arbeitete z.B. höchst erfolgreich zusammen mit dem isländischen Komponisten Ólafur Arnalds im Rahmen von „The Chopin Project“, das zur Nummer Eins der offiziellen englischen Klassik-Charts aufstieg. Mit vielen berühmten Dirigenten und großen Orchestern gab es Auftritte auf der ganzen Welt.
„Proud as fuck“ kommentierte sie auf ihrer Facebookseite ihr Empfinden nach den ersten gelungenen Konzerten mit dem NDR Elbphilharmonieorchester. Auf dem Programm vor der Pause stehen Beethovens Leonoren-Ouverture Nr. 3 op. 72a und Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c- Moll op 37. Beethovens einzige Oper hat gleich vier verschiedene Ouvertüren. Nr. 3 schaffte den Sprung von der Bühne in den Konzertsaal.

Ludwig van Beethoven © IOCO

Ludwig van Beethoven © IOCO

„Dieses mein geistiges Kind hat mir vor allen anderen die größten Geburtsschmerzen, aber auch den größten Ärger gemacht“, bekannte Beethoven über den Fidelio, seine einzige Oper. Neun Jahre lang hat er sich immer wieder den Kopf darüber zerbrochen. Heldin des Dramas ist Leonore, die sich in Männerkleidung unter dem Decknamen Fidelio als Kerkerknecht einschleust und schließlich ihren Gatten Florestan aus der Gefangenschaft rettet. Die Uraufführung der Oper – von Anfang an schwankte der Titel zwischen Fidelio und Leonore – fand im Herbst 1805 im Theater an der Wien statt und war ein grandioser Misserfolg. Beethoven arbeitete die Partitur im Jahr darauf gründlich um, alles schien vielversprechend, doch diesmal überwarf er sich mit dem Intendanten des Theaters und es gab nur ein paar wenige Aufführungen.
Richtig zufrieden war Beethoven ohnehin nicht. Und so griff er noch einmal zum Rotstift, strich Vieles und komponierte für die dritte Version der Oper – die wir heute Fidelio nennen – große Teile neu. Endlich waren Komponist und Publikum zufrieden. Die zahlreichen Überarbeitungen sind der Grund dafür, warum es für Fidelio bzw. Leonore vier verschiedene Ouvertüren gibt. Denn für jede Neuversion der Oper schrieb Beethoven eine eigene Ouvertüre. Ihre genetische Substanz ist zwar die selbe, sie ist aber jeweils unterschiedlich ausgeprägt; und alle vier Ouvertüren stehen in unterschiedlicher Beziehung zur Oper.

Urbanski dirigiert das rund fünfzehn Minuten dauernde Stück nicht, nein er tanzt es. Er steht auf den Zehenspitzen, den Körper in schwindelerregende Positionen bringend, sichtlich in die Musik vertieft. Er dirigiert auswendig und wirkt mal wie ein DJ und mal wie ein kleiner Junge, der mit seinem Lieblingsspielzeug hantiert. Und das Orchester folgt ihm freudig. Leiseste Streicherflächen erscheinen plötzlich im Saal und schwellen an bis zur vollen Lautstärke. Deutlich vernimmt man alle Orchesterinstrumente in diesem wunderschönen Konzerthaus, das sich geradezu anbietet, einzelne Musikinstrumente auch einmal außerhalb des Orchesterpodiums zu platzieren. Ein herrlicher Effekt, wenn einige aus der Bläsergruppe aus den oberen Rängen erklingen. Freundlicher Applaus nach diesem „warm up“.

Weiter geht es mit dem mit Spannung erwarteten nächsten Programmpunkt. Ludwig van Beethoven: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 c-Moll op. 37. Beethoven widmete das Konzert dem Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, von dem er sagte, er spiele nicht „prinzlich oder königlich, sondern wie ein tüchtiger Klavierspieler“. Bei der Uraufführung im April 1803 saß Beethoven selbst am Klavier. Er spielte aus Noten, die er allerdings nur in eilig hingeworfener, stenographischer Kurzschrift festgehalten hatte – was seinen Umblätterer ziemlich ins Schwitzen brachte: „Ich erblickte fast lauter leere Blätter, höchstens auf einer oder der anderen Seite ein paar mir recht unverständliche Hieroglyphen hingekritzelt.“ Beethoven soll sich darüber königlich amüsiert haben.
Unterwelt, Trauer, Verwünschungen, und alles, was nicht ganz geheuer ist- das ist die Sphäre der Tonart c-Moll, die Beethoven für sein drittes Klavierkonzert wählte. Es ist nebenbei das einzige Konzert in einer Moll-Tonart – und Beethoven kostet den düsteren Charakter genüsslich aus und setzt ihn in ein wirkungsvolles Spannungsverhältnis zu lichten Passagen.

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott, K. Urbanski, NDR Elbphilharmonieorchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott, K. Urbanski, NDR Elbphilharmonieorchester © Patrik Klein

Im schwarzen, hautengen klitzerndem Kleid erscheint die bildhübsche 28-jährige Deutsch-Japanerin Alice Sara Ott mit einem sympathischen Lächeln im Gesicht. Das unterhalb der Knie auffächernde Kleid, welches bis zum Boden reicht, offenbart dennoch, dass sie „barfuß“ spielt, um einen maximalen Kontakt zu ihrem Instrument herzustellen. Der erste Satz ist Musik über Musik. Wie ein Mosaik fügen sich die einzelnen Elemente, die Musik ausmachen, zusammen: Rhythmus, Melodie, Harmonik, Klangfarben, Dynamik, der Kontrast zwischen dem Solisten und der Gruppe und schließlich die große Architektur der Sonatensatzform mit ihren zwei unterschiedlichen Themen. Beethoven baut die Elemente Schritt für Schritt zusammen, fast wie nach Rezept. Dennoch haftet der Musik keineswegs etwas Schematisches, Lehrbuchhaftes an – im Gegenteil: Jede neue „Zutat“ wirkt wie eine kleine Sensation und gibt der Musik neue Würze. Ott spielt virtuos und für eine so zarte Person mit ziemlich hartem Anschlag, immer mal wieder den Blick halb links ins Orchester wendend, lächelnd, hörend und auf Harmonie bedacht. Hat sie mal eine kurze Spielpause, so schaut sie veträumt ins Publikum. Die Musik scheint sie tief zu bewegen.

Der zweite Satz verlässt den finsteren Moll-Bereich; er ist gleichsam auf der südlichen Halbkugel angesiedelt: in strahlendem E-Dur. Er gehört ganz dem Klavier. Die gedämpften Streicher begleiten dezent mit tupfenden Akkorden und treten nur dann hervor, wenn das Klavier schweigt. Die Pianistin klebt hier förmlich an den Tasten mit immer wieder lächelnden Blickkontakten zum auflegenden DJ.
Der dritte Satz, ein symmetrisch angelegtes Sonatenrondo, lebt von seinem prägnanten Thema; Beethovens Schüler Carl Czerny empfahl: „Das Thema dieses Finales ist zwar klagend, aber mit einer naiven Einfachheit vorzutragen.“ Alice Sara Ott läuft nun zu Höchstform auf. Die Themenwiederholungen und Wechselspiele wirken wie ein Frage- und Antwortspiel zwischen ihr und dem Orchester. Sie zaubert schwindelerregende Läufe mit spürbarer Spiellaune. In der Solokadenz am Ende kann sie sich so richtig austoben, ruft das Orchester mit lauten Trillern herbei. Es folgt ihr aufs Wort und die in Quarten gestimmten Pauken kommen dazu. Durch die häufige Motivwiederholung entsteht eine ungeheure Spannung. Nach dem Verklingen des letzten Tones löst sich diese Spannung im Publikum in einem Riesenbeifall für Pianistin und das Orchester.

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Alice Sara Ott © Patrik Klein

 Als Zugabe spielt Alice Sara Ott aus Peer Gynt von Edvard Grieg „In der Halle des Bergkönigs“. Nein, sie spielt es nicht; sie steigert sich in ihrer Virtuosität in einen Spielrausch, den man so noch niemals an den Tasten wahrgenommen haben dürfte. Die Konzertbesucher in Japan dürfen sich auf ein Ereignis freuen, denn in genau dieser Konstellation geht es in wenigen Tagen auf eine zweiwöchige Japan-Tour.

Nach der Pause folgt die sinfonische Dichtung (frei nach Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra) von Richard Strauss, Also sprach Zarathustra op. 30
Jeder kennt es aus einer Bierwerbung und vor allem aus dem Film 2001: Odyssee im Weltraum – ein viel und gern genutzter Klassiker.

Elbphilharmonie Hamburg / Konzerteinführung K. Urbanski © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Konzerteinführung K. Urbanski © Patrik Klein

Vor dem Konzert fand eine Einführung mit Krzysztof Urbanski statt. Dieser sprach über seine Faszination von der Akustik des Saales und besonders dem Zusammenspiel des Orchesters mit der Orgel. Urbanski beschrieb die sinfonische Dichtung: „Vollkommene Stille. Das Nichts, dargestellt durch den tiefsten spielbaren Ton. Die Geburtsstunde der Menschheit. Nietzsche war davon überzeugt, dass der Mensch durch seine Entwicklung zu etwas Größerem, zu etwas Besserem fähig ist. Dies nannte er den „Übermensch“. Und Strauss stellt dieses dreisilbige Wort „Ü-ber-mensch“ mit den Intervallen Quinte und Oktave dar. Auf diese Weise will er sagen: Es passiert gerade. Wir stecken mitten in diesem Evolutionsprozess. Das Stück ist in neun Teile gegliedert. Nach dem Erwachen der Menschheit mit dem berühmten Eingangsmotiv wendet es sich der Religion zu. Strauss nutzt dazu zwei Melodien aus dem Mittelalter. Eine gespielt von der Orgel und die andere gespielt von den Hörnern. Er gebraucht diese Motive, um den Beginn zu zeigen: Es gibt Religion. Es ist faszinierend, wie er diese religiösen Motive benutzt. Es gibt einen Moment des Gebets. „Langsam mit Andacht“, eine wunderschöne Passage gespielt von den Streichern, die bis zur Ekstase anwächst. Dann benutzt er Celli und Bässe und startet einen philosophischen Diskurs über die Bedeutung und den Sinn von Religion. Die Menschheit wendet sich dann den Freuden und Leidenschaften zu. Danach der Wissenschaft und Weisheit. Es ist wirklich faszinierend, wie Strauss durch die Musik durch diese Punkte auf Papier seine eigene Sicht zum Ausdruck bringt. Seine eigene Philosophie über die Natur des Menschen und seine eigenen Gedanken über die Zukunft der Menschheit. In Nietzsches Werk gibt es einen ständigen Kampf zwischen Zarathustra, der die Menschheit auf die Zukunft vorbereiten will, und denen, die dazu noch nicht bereit sind. Sie wollen sich nicht weiterentwickeln. Sie halten zu sehr an ihren Ideen fest, ihren Dogmen, der Religion und dergleichen. Strauss hat diesen Konflikt vorzüglich aufgegriffen. Wir haben diese Idee und das Ringen um Weiterentwicklung. Am Schluss steht dieses wunderschöne H- Dur im Raum symbolisch für die Zukunft der Menschheit. Dagegen spielen Posaunen, Celli und Kontrabässe das Eingangsmotiv. Tatsächlich endet das Stück mit denselben Noten, mit denen es begonnen hat, in vollkommener Dunkelheit. Faszinierende Musik, absolut!

Der Erste Gastdirigent nimmt das Publikum mit zu seiner Interpretation des rund 35-minütigen sinfonischen Werkes. Wieder bewegt er sich in seiner unnachahmlichen Art auf dem Podium. Er tanzt im Walzerschritt und zuckt wie von Blitzen getroffen. Er dirigiert, ja manchmal hat man den Eindruck er suggeriert die Musik aus tiefster Seele im Einklang mit dem Stück.

Elbphilharmonie Hamburg / K Urbanski und das Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / K Urbanski und das Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Es entsteht eine kraftvolles Spiel zwischen dem blendend aufgelegten Orchester und der wundervollen Orgel aus Bonn, die wie gemacht zu sein scheint für die Elbphilharmonie. Sie schleicht sich zunächst kaum hörbar ins Orchester und bildet dann eine perfekte Harmonie mit diesem. Sanfte Streicherklänge schmeicheln den Ohren, riesige Pauken und 8 Kontrabässe bedienen das unterste Frequenzspektrum. Verspielte Piccolo- und Querflötenklänge verkünden Lebensfreude. Trotz groß besetztem Orchester erfasst man jede Instrumentengruppe deutlich. Wuchtig, bis an die Schmerzgrenze gehend das Gesamtklangbild mit aufbrausender Orgel. Über dem Orchester schwebt ein Harfenklang. Zum Ende hin die Solovioline dazu im Dialog (glänzend gespielt vom Konzertmeister Stefan Wagner). Im obersten Rang vor dem Orchester erschallt die Glocke zum leisen Piccolo- und Querflötenfinale.

Es gibt kein Gut oder Böse mehr. Der Bogen wird zum Beginn des Stücks gespannt. Verheißt das den nächsten Morgen, die „ewige Wiederkehr des Gleichen?“ In jedem Fall wirkt die formale Geschlossenheit wie ein Narkotikum gegen die Widersprüche der Welt, an denen Nietzsche verzweifelte.

Und nach einigen Sekunden der Stille gibt es auch kein Halten mehr beim Publikum. Großer Jubel in der Elbphilharmonie nach diesem glanzvollen Konzert. Von Patrik Klein

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