Wuppertal, Oper, DER BARBIER VON SEVILLA - Giaocchino Rossini , IOCO
Ein tolles, humorvolles Durcheinander mit musikalischen Evergreens ohne Ende
Heute sehen wir in Wuppertal kein großes Seelendrama, keine unerfüllt-schwierige Liebe, keine Selbstmord- oder Rache-Arien und keinen fulminanten Volksaufstand und erst recht keine Wahnsinns-Arie. Schwäne und Elefanten erscheinen ebenfalls nicht. Heute sehen wir vielmehr eine feine, temporeiche Komödie, in der niemand zu Schaden kommt und die Verwicklungen einfach nur komisch sind. Die Welt ist heiter und ein kurzer Schmerz verfliegt sogleich wieder. Zum Schluss gibt es dann natürlich ein Happy End. Eine schöne, bunte Komödienwelt voll von skurrilen Entwicklungen, die das Stück in hohem Tempo vorantreiben.
Wer mal zur Abwechslung kein großes Seelen-Drama in der Oper braucht, der ist hier genau richtig: Ein kurzweiliger, unterhaltsamer und humorvoller Abend. Die Handlung könnte wahrscheinlich auch als sehr unterhaltsames Theaterstück völlig ohne Musik aufgeführt werden. Aber freilich würde auch die Musik von Rossini alleine schon für einen großartigen Abend ausreichen.

Die Oper beginnt mit einem Ständchen des Grafen Almaviva (gesungen von Jongyoung Kim) für seine angehimmelte Rosina. Der verliebte Graf kann sich ihr aber leider nicht nähern, sie ist im Haus des Alten eingesperrt. Also singt er ganz klassisch vor ihrem Balkon und hofft schmachtend, dass er sie hört.

Rosinas Vormund, Bartolo, ein grässlicher Alter will sie bloß deswegen heiraten, weil sie ein großes Vermögen erbt. Und damit ist schon klar, wie die Komödie verlaufen wird:
- Der Alte wird Rosina nach vielem heiteren Durcheinander nicht bekommen, sondern der Graf.
- Bis das so weit ist, bewacht der Alte sie auf das Allereifersüchtigste und ahnt natürlich, dass er einen Widersacher hat. Und versucht, sich tollpatschig zu Wehr zu setzen.
Oliver Weidinger in der Rolle Bartolo ist nicht nur sängerisch sehr gut besetzt. Er überzeugt nachhaltig durch sein großes komödiantisches Talent als Bass-Buffo. Diese Rolle scheint ihm hier geradezu auf den Leib geschrieben zu sein. Rossinis Oper lebt auch sehr von der Situationskomik, die sowohl Weidinger als auch der Barbier immer wieder genussvoll aufblitzen lassen.

In dieser schwierigen Anfangs-Lage für das Liebespaar taucht der Barbier (gesungen von Sono Yu) auf und preist seine umfassenden Dienste aller Art an, vorzugsweise auch für Intrigen und in Liebesdingen. Er wird das Durcheinander ordentlich anheizen und auch selbst mal völlig verblüfft und ratlos von den Verwicklungen stehen, die er nicht selbst geschaffen hat.
Seine Auftritts-Arie ist eine der schwersten Bariton-Rollen überhaupt. Eine Herausforderung und Großtat für jeden Sänger, der sich daran traut. Und es gelingt Sono Yu bestens: Stimmlich in allen Registern voll präsent, alle Koloraturen perlen flüssig dahin, auch die für den Bariton ungewöhnliche Höhe bis zum hohen A meistert er spielend, die schnellen Zungenbrecher laufen geschmeidig-mühelos. Das alles auch noch mit enormer Bühnenpräsenz: Opernherz, was begehrt du mehr?

Rosina (gesungen von Edith Grossmann) hat den Grafen, von dem sie glaubt, dass es ein Student ist, natürlich vom Balkon aus gehört, und auch erhört; was er aber noch nicht weiß. Und hat schon mal einen Brief für ihn vorbereitet, der ihm noch irgendwie an dem misstrauischen Alten vorbei zugesteckt werden muss. Eine klare Aufgabe für den Barbier. Und die Aufgabe danach: Wie kommt der Graf in das Haus hinein, in dem Rosina eingesperrt ist?

Der Graf schreckt auf den ausgeklügelten Ratschlag des Barbiers hin nicht davor zurück, sich als Soldat zu verkleiden, um sich in das Haus einzuschleichen. Als das nicht funktioniert, versucht er es in der Verkleidung eines Musiklehrers für Rosina. Als beides nicht klappt, muss ein letzter Ausweg gewagt werden: Eine klassische Entführung.

Und so kommt es in dieser Oper einige Male zu einem Tumult, wo alles durcheinander geht. Jeder Einzelne bleibt in seinem Gefühlsausdruck, bei seiner separaten Notenlinie. Rossini hat diese Szenen so geschaffen, dass dieses scheinbare Durcheinander in der Gesamtwirkung - sich im Tempo immer weiter steigernd - Meisterstücke sind. Dem Dirigenten Yorgos Ziavras gelingt es mit seinem Symphonieorchester Wuppertal meisterhaft, den musikalischen Überblick und die Kontrolle über all des verzweigte Geschehen zu behalten. Tatsächlich halten alle diese schwierigen Tumult-Szenen ohne Fehl und Tadel zusammen.
Das Wuppertaler Publikum dankt mit anhaltendem Applaus und strahlenden Gesichtern. Der Star des Abends scheint für das Publikum Oliver Weidinger mit seinem überragenden komödiantischen Talent gewesen zu sein. Jeder im Publikum war hier gute 2,5 Stunden in einer heiter-bunten Komödie-Welt und hat dabei wohl alles andere vergessen.