Wuppertal, Historische Stadthalle, SIEGFRIED – Richard Wagner, IOCO

Konzertanter „Siegfried“ in der Historischen Stadthalle Wuppertal: Corby Welch überzeugt als strahlender Held, Stéphanie Müther als leuchtende Brünnhilde. Patrick Hahn entfacht mit dem Sinfonieorchester Wuppertal einen farbenreichen Wagner-Klang. Jubel und Standing Ovations!

Wuppertal, Historische Stadthalle, SIEGFRIED – Richard Wagner, IOCO
Patrick Hahn, Stéphanie Müther, Corby Welch, Michael Kupfer-Radecky, Deniz Uzun © Heinz-Josef Fröschen

von Ingrid Freiberg

Siegfried, zweiter Tag des Bühnenfestspiels „Der Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner

Konzertante Aufführung in der Historischen Stadthalle Wuppertal

Siegfried, ein jugendlich schöner Mensch in der üppigsten Frische seiner Kraft...

Erst nach Tristan und Isolde und Die Meistersinger von Nürnberg komponierte Wagner den letzten Aufzug von Siegfried. Die Kompositionszeit erstreckte sich über 26 Jahre, beginnend mit dem finalen Liebesduett, das den Kern des Werks bildet. In dieser Zeit hatte sich sein Stil verändert. Bei jeder Aufführung ist es ein Schock, wenn im dritten Aufzug die reichere Kompositionstechnik zu hören ist. Wie aus einem anderen Leben taucht Wagners Musik wieder auf. Sie ist die Stimme seines jüngeren Selbst, die sich Gehör verschafft. Gegensätze sind ein beliebtes Thema bei Wagner. Eine psychologische Studie ergab, dass weder eine musikalische Ausbildung, noch Sprachkenntnisse notwendig sind, um die ca. 650 ! Leitmotive, die die psychologischen Zustände und dramatischen Gefühle verdeutlichen, zu erkennen und sich an sie zu erinnern. Sie sind hervorragend geeignet, sich im Gedächtnis des Publikums einzunisten.

Siegfried, der blonde Held, spielte in Wagners Fantasie eine fast erotische Rolle. Er sprach von dem „jugendlich schönen Menschen in der üppigsten Frische seiner Kraft …, der wirkliche nackte Mensch, an dem ich jede Wallung des Blutes, jedes Zucken der kräftigen Muskeln … erkennen durfte. Er ist der von uns gewünschte, gewollte Mensch der Zukunft …, der aber nicht durch uns gemacht werden kann und der sich selbst schaffen muss durch unsre Vernichtung … Die Handlung ist ihrem Wesen nach, bei aller Gewalt der Momente, die sie in sich schließt, durchaus heiterer Gattung: in ihr erklimmt mein Held nochmals die Höhe, die ich einst unter Leiden und verzehrendem Sehnen erstiegen; aber er ersteigt sie im heitersten Mute, um auf ihr nicht einsam zu stehen und verlangend zum Leben der Unwillkür zurückblicken zu müssen, sondern um gerade dort, auf der höchsten Spitze des Lebens, das Weib zu finden, das er zur seligsten Umarmung des Mannes erweckt.“

Corby Welch (Siegfried) © Heinz-Josef Fröschen

Zuweilen klang der Komponist aber auch enttäuscht von seinem Helden: Siegfried ist die problematischste Figur im Ring. Seine tragische Schwäche ist seine Unwissenheit. Es ist die archetypische Geschichte eines werdenden Superhelden, der in sich Kräfte entdeckt, die er noch nicht versteht. Kein Wunder also, dass er mit Tieren verkehrt wie andere mit Menschen, und es ist nachvollziehbar, wenn er die Sprache der Vögel versteht. Siegfrieds besonderes Verhältnis zur Natur veranschaulicht musikalisch der berühmte Hornruf, ein Motiv, das zum einen aus lauter Naturtönen gebildet ist und zum anderen vom Horn gespielt wird, als jenem Instrument, das mindestens seit Webers Freischütz das klassische Instrument zur musikalischen Verkörperung des Waldes und damit der unverbildeten Natur ist. Auch das sogenannte „Waldweben“, eine Musik, die durch Klangflächen, ostinate Rhythmen und in sich kreisende Melodik den Eindruck harmonischer Zuständigkeit und glücklichen In-sich-Ruhens hervorbringt, dient der Demonstration von Siegfrieds innerer Nähe zur Natur. Freilich hat seine Naturverbundenheit auch eine Kehrseite: Isoliert von der Gesellschaft und beschränkt auf den Kontakt zu seinem Ziehvater Mime hat er große soziale Defizite und versteht sich nicht auf den Umgang mit seinesgleichen. Seine Methode, zum Erfolg zu kommen, ist die Gewalt. Keine Furcht zu kennen, ist Ausdruck dieses Defizits, denn Angst ist ein normales, natürliches Phänomen, als Instrument zur Erkenntnis von Gefahr und zur Existenz und zum Überleben notwendig. Dass für Siegfried alles gut geht, hat u.a. damit zu tun, dass Wagner seine Titelgestalt während der Entstehung des Werkplans mit der Hauptperson im Grimmschen MärchenVon einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ verband. Zudem erinnert die Erweckung Brünnhildes an Dornröschen. In diese Märchenwelt fügen sich sowohl Zwerge (Mime, Alberich) als auch Drachen (Fafner) nahtlos ein; desgleichen der Waldvogel.

Nach jedem Aufzug enthusiastischer Applaus

Die Erwartungshaltung des Publikums ist hoch: Der Heldentenor Corby Welch wird seiner Rolle, die tiefen und komplexen Emotionen eines Siegfried zu interpretieren, diese komplexe und anspruchsvolle Figur zu verkörpern, mehr als gerecht. In bewundernswerter Weise verkörpert Welch den Charakter des naiven, furchtlosen und tatkräftigen jungen Mannes, gepaart mit lyrischen Tönen in Momenten des Staunens. Seine Stimme ist jugendlich-strahlend, kraftvoll und ausdauernd, seine Artikulation präzise. Mit reicher Ausdruckspalette stellt er sich ganz in den Dienst der Musik. Beeindruckend sind sein Stimmschmelz und seine Ästhetik. Besonders ergreifend sind die gefühlvollen Momente wie das „Waldweben“, wo er in idyllischer Naturstimmung seine Einsamkeit und seine Sehnsucht nach seiner Mutter thematisiert, oder die Erweckung Brünnhildes, ein leidenschaftliches Liebesduett „Selige Öde auf sonniger Höh’!“, in dem sie mit rauschhaften Gefühlen ihre Göttlichkeit aufgibt und Siegfried das erste Mal Furcht erlebt. Mit differenzierter Durchschlagskraft gegen das hinter ihm groß aufspielende Orchester schmiedet er das Schwert Nothung: „Hoho! Hoho! Hohei! Schmiede, mein Hammer, ein hartes Schwert!“ und mit erkennbar handwerklichem Können wird es zu einem Kunstobjekt. Die rohe Gewalt des Siegfried liegt Corby Welch nicht…

Christian Elsner (Mime) © Heinz-Josef Fröschen

Der Mime von Christian Elsner kommt ohne vokale Grimassen, ohne kläglich kreischende Stimme aus. Seine intriganten Pläne „Ich will dem Kind nur den Kopf abhau'n!“ weiß er zu tarnen. Differenziert und nuanciert durch Tonfärbungen und Artikulationsfeinheiten legt er in seinen Gesang die erforderliche Hinterlist. Die „Wissenswette“ zwischen ihm und dem inkognito reisenden Göttervater ist eine Szene von großer Spannung. Er verliert sie und der Gott überlässt Mimes Kopf demjenigen, der das Fürchten nicht gelernt hat: „Dein weises Haupt wahre von heut: verfallen – lass’ ich’s dem, der das Fürchten nicht gelernt.“

Sein Timbre, seine hochgewachsene, elegante Erscheinung prädestinieren Michael Kupfer-Radecky für die Rolle des Wanderers. Die klar geformten Randlagen sind harmonisch, quasi bruchlos miteinander verbunden. Als liebender Gott, bisweilen wütend auftrumpfend, gelingt es ihm, eine große Palette an Stimmungen aufzurufen. Imposant, autoritär und machtvoll, altersweise, sicher im Ton und angenehm im Klang, tönt sein dramatischer Bariton. Seine Resignation, sein Stolz sind glaubhaft. Ein Kabinettstückchen ist die „Wissenswette“ mit Mime: „… und setze mein Haupt der Wissenswette zum Pfand“.

Michael Kupfer-Radecky (Wanderer) © Heinz-Josef Fröschen

Die Rolle der Brünnhilde, eine der anspruchsvollsten im Sopranfach, füllt Stéphanie Müther mit ihrem hochdramatischen Sopran kraftvoll, durchsetzungsfähig und mit großem Volumen aus. Sie erfüllt die extremen körperlichen und emotionalen Anforderungen. Ihre Stimme ist über die Register hinweg ausgewogen und setzt sich gegen das große orchestrale Klangbild durch, ohne an Klangschönheit zu verlieren. Die Entwicklung vom göttlichen Wesen zur sterblichen, liebenden und opferbereiten Frau ist glaubhaft. Leuchtend wie die Liebe strahlt ihr Sopran „Heil dir, Sonne!“ Sie beeindruckt mit ihrer betont warmen Ausstrahlung. Es gelingt ihr, Glück und Traurigkeit mit großer Innigkeit darzubringen. Nach dem Schlussduett der beiden Liebenden bricht Jubel im Publikum aus, langanhaltend und mit dem in Bayreuth zu vergleichen.

Der Alberich von Joachim Goltz ist von überzeugender Intensität und hinreißender Präsenz. Sein Charakterbariton besticht durch Unverfrorenheit, stimmliche Kraft und technische Finesse, ohne forciert zu klingen. Es gelingt ihm glaubhaft, zwischen hasserfülltem Flüstern und wütendem Schreien zu unterscheiden. Mit Verzweiflung und Schmerz, Boshaftigkeit und Flüchen, mit seiner exzellenten Diktion treibt er die Handlung voran und sorgt für große Momente.

Eine besondere Freude, ein Glück ist es, Kurt Rydl als Fafner mit seinem spezifischen stimmlichen Profil hören zu können. Tiefgründig, bedrohlich, mit schwarzem Bass, ist er ein boshafter, habgieriger Drache. Trotz elektronischer Verfremdung sind die Basis, die Tragfähigkeit seiner Stimme und seine Deklamation immer noch eindringlich.

Stéphanie Müther (Brünnhilde) © Heinz-Josef Fröschen

Die junge Mezzosopranistin Deniz Uzun gräbt aus den Tiefen alles Wissen einer Erda aus. Ihre Weissagungen sind klangschön, zupackend, schmerzlich treibend. Sie braucht keine zusätzlichen Gesten, um die Urgöttin glaubwürdig und würdevoll zu verkörpern. Ihre tragfähige, dunkle Stimme ist in den warnenden, weissagenden Passagen hochdramatisch-eindringlich, raumgreifend, mystisch-ruhig und von enormer Ausstrahlung.

Folgerichtig ist der Einsatz des Sängerknaben der Chorakademie Dortmund, Cornelius Park, als Waldvogel. Wagners Absicht war es, zu zeigen, dass Brünnhilde die erste Frau ist, die Siegfried sieht. Deshalb hat er ursprünglich einen Knaben für diese Rolle vorgesehen. Park verzaubert mit seinem silberhellen, souverän gemeisterten Knabensopran. Mit jugendlicher Natürlichkeit, entzückt er mit der Reinheit der Gesangslinien und mühelos jubilierenden Höhen.

Joachim Goltz (Alberich), Kurt Rydl (Fafner), Cornelius Park (Waldvogel) © Heinz-Josef Fröschen

Das Orchester spielt auf hohem Niveau…

Getreu dem Scherzo-Charakter fördert Patrick Hahn, Musikalische Leitung, die kammermusikalischen Qualitäten des Sinfonieorchesters Wuppertal, das er nicht nur im transparent ausgestalteten zweiten Aufzug immer wieder sanft abzudämpfen versteht – ein scharf gezogener Kontrast zu den wuchtigen Schmiedeliedern und zum stürmischen Vorspiel des dritten Aufzugs, die umso unbarmherziger hereinbrechen und ihre Wirkung nicht verfehlen. Das „Waldweben“ schwebt förmlich durch die Luft, die Harfenglissandi (vier Harfen!) glänzen hell wie die Sonne. Das Orchester spielt die „Erweckung“ sowie die Liebesmusik „Leuchtende Liebe, lachender Tod“ auf hohem Niveau. Das Anfangsthema, die dunklen Farben von Bratschen, Celli und Fagott, wird fein phrasiert. Der warme Klang, den die Musiker zu Beginn hören lassen, wird beibehalten, die tiefen Streicher kontrapunktieren die aufblühenden Geigen mit großangelegten Bögen, in lautmalerisch an- und abschwellender Dynamik. Wunderbar geschärft die Hörner (das anspruchsvolle, ca. zweiminütige Hornsolo im zweiten Aufzug erfordert extrem präzises Timing) und Trompeten, hauchzart und melancholisch die Klarinettensoli. Hahn entfaltet den vollen Orchesterklang mit Blechbläsern und Holzblasinstrumenten. Zu erwähnen gilt es, dass eine konzertante Aufführung mit einem so großen Orchester, hinter den Solist*innen arrangiert, eine besondere Herausforderung ist: Der Dirigent unterstützt infolgedessen durch kurze, bewusste Einatembewegungen das Tempo, den Charakter und den Einsatzzeitpunkt. Das ist ein Signal, das die Sänger*innen synchronisiert, ihnen die benötigte Zeit zur Vorbereitung der Stimmbänder gibt und einen sauberen Einsatz ermöglicht. Das gelingt ausgezeichnet, durchweg herrschen Präzision und Transparenz. 

Es war ein sensationeller Siegfried … Das Publikum feierte den Abend mit überschwänglicher Begeisterung, Bravo-Rufen und Standing Ovations.

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