Wien, Volksoper, DIE PIRATEN VON PENZANCE – Arthur Sullivan und William Schwenck Gilbert, IOCO

Mit The Pirates of Penzance zündet die Volksoper Wien ein pointenreiches Spektakel: SPYMONKEY entfesselt Slapstick, Tempo und selbstreflexiven Witz – frisch, verspielt und höchst unterhaltsam.

Wien, Volksoper, DIE PIRATEN VON PENZANCE – Arthur Sullivan und William Schwenck Gilbert, IOCO
Volksoper mit neuer Fassade und energiesparender LED-Außenbeleuchtung © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

von Marcus Haimerl

Mit der Premiere von The Pirates of Penzance kehrt ein Werk an die Volksoper Wien zurück, das hier zuletzt im Jahr 2002 zu sehen war. Mehr als zwei Jahrzehnte später steht nun eine Neuinszenierung auf dem Spielplan, die bereits im Vorfeld erkennen lässt, dass sie sich dem Werk aus heutiger Perspektive nähert.

Das Regieteam SPYMONKEY – bekannt für seine Vorliebe für Physical Comedy und einen spielerischen Umgang mit Theaterformen – versteht Gilbert und Sullivan dabei nicht als museales Repertoire, sondern als Material, das neu befragt und in einen aktuellen Kontext gestellt werden kann. So wird die Operette an diesem Abend nicht nur erzählt, sondern zugleich reflektiert – als Spiel über ihre eigenen Mittel, Möglichkeiten und Grenzen.

The Pirates of Penzance entstand 1879 aus der Zusammenarbeit von William Schwenck Gilbert und Arthur Sullivan, jenem erfolgreichen Duo, das bereits mit ihrem Einakter Trial by Jury (1875) den Grundstein für die sogenannten „Savoy-Opern“ gelegt hatte. Der Begriff bezeichnet jene Werke, die ab den 1870er-Jahren für das Savoy Theatre entstanden und durch ihre charakteristische Verbindung aus sprachlichem Witz, gesellschaftlicher Satire und musikalischer Eleganz das englische Musiktheater nachhaltig prägten. Während Gilbert als Librettist mit scharf gezeichneter Ironie und Sinn für das Absurde hervortrat, schuf Sullivan dazu eine ebenso eingängige wie kunstvoll gearbeitete Musik, die zwischen Parodie und stilistischer Vielfalt changiert. Die Entstehungsgeschichte von The Pirates of Penzance ist eng mit urheberrechtlichen Überlegungen verknüpft: Um das Werk im britischen Rechtssystem zu sichern, wurde es zunächst am 30. Dezember 1879 im Royal Bijou Theatre im südenglischen Paignton in einer einmaligen Vorstellung uraufgeführt. Bereits einen Tag später folgte die Premiere am Broadway im Fifth Avenue Theatre. Erst im April 1880 gelangte das Werk schließlich nach London, wo es an der Opera Comique zur Aufführung kam und dort mit 363 Vorstellungen einen nachhaltigen Erfolg erzielte.

Im Zentrum der Handlung steht der junge Frederic, der als Kind irrtümlich bei einer Piratentruppe in die Lehre gegeben wurde und sich nach Ablauf seiner Dienstzeit von ihr lösen möchte. Seine Begegnung mit Mabel, der Tochter des exzentrischen Generalmajors Stanley, scheint zunächst einen Ausweg zu eröffnen, doch ein juristisch anmutender Kunstgriff – Frederic wurde am 29. Februar geboren und hat daher streng genommen erst wenige „Geburtstage“ erlebt – bindet ihn erneut an seine Verpflichtung. Aus dieser ebenso absurden wie folgerichtig entwickelten Prämisse entspinnt sich ein Spiel mit Pflichtgefühl, Logik und gesellschaftlichen Konventionen, das weniger auf realistische Entwicklung als auf wirkungsvolle Komik und überraschende Wendungen zielt.

Katia Ledoux (Piratenkönig), Johanna Arrouas (Ruth), Ensemble - © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bis heute zählt The Pirates of Penzance zu den populärsten Arbeiten des Duos und hat sich auch im deutschsprachigen Raum im Operettenrepertoire etabliert. Seine besondere Stellung verdankt das Werk der Balance zwischen musikalischer Raffinesse und komödiantischer Präzision – einer Offenheit, die immer wieder neue Lesarten zwischen traditionsbewusster Unterhaltung und reflektierender Auseinandersetzung mit der Gattung ermöglicht.

Die Inszenierung des Regieteams Spymonkey (Aitor Basauri und Toby Park) greift deutlich auf jene Mittel zurück, die man mit dem Ensemble verbindet: körperbetonte Komik, präzise gesetzter Slapstick und eine bewusst überzeichnete Gestik prägen die Personenführung. Große Bewegungen, wirkungsvoll gesetzte Reaktionen und ein ausgeprägtes Gefühl für rhythmische Abläufe bestimmen das Bühnengeschehen und tragen wesentlich zur komödiantischen Wirkung bei.

Dabei bleibt die Figurenzeichnung trotz aller Überzeichnung klar konturiert. Die Regie vertraut auf die Wirkung physischer Präsenz und entwickelt daraus eine unmittelbare, lebendige Spielweise, die dem Werk in seiner grundsätzlichen Leichtigkeit entgegenkommt. Gerade in den Ensembleszenen zeigt sich eine sorgfältige Organisation der Abläufe, die musikalische und szenische Präzision überzeugend miteinander verbindet.

Die von Jennifer Gisela Weiss verantwortete Textadaption erweitert das Geschehen um eine zusätzliche Rahmenhandlung rund um den Interimsdirektor Robert Kitzler. Diese zusätzliche Spielebene fügt sich beinahe bruchlos in den Ablauf ein und wirkt als kommentierende Instanz, ohne die Handlung entscheidend zu vertiefen oder neue Deutungsebenen nachhaltig zu erschließen.

Timothy Fallon (Frederic), Johanna Arrouas (Ruth) - © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das Bühnenbild von Julian Crouch besticht durch eine klare, stilisierte Bildsprache, die mit wenigen markanten Elementen unterschiedliche Räume entstehen lässt. Im ersten Akt zeigt ein detailreich gestaltetes Piratenschiff eine anschauliche und zugleich bewusst theatralische Spielumgebung. Die anschließende Strandszene inmitten einer Felsenlandschaft erweitert diese Ästhetik um eine romantisch grundierte Naturkulisse.

Der zweite Akt verlegt die Handlung in das Anwesen des Generalmajors, das sich als pavillonartige, klassizistisch anmutende Architektur mit Statuen präsentiert. Im Unterschied zur Vorlage, die diesen Ort als verfallene Kapelle beschreibt, zeigt sich in dieser Inszenierung eine offene, abstrahierte Raumlösung. Auffällig ist dabei die strukturelle Nähe zum Bühnenaufbau des ersten Aktes: Die Architektur greift zentrale Elemente des Piratenschiffs auf und variiert sie, sodass beide Schauplätze als unterschiedliche Ausprägungen eines gemeinsamen Bühnenkonzepts erscheinen.

So entsteht eine visuelle Klammer, die weniger auf naturalistische Differenzierung als auf formale Geschlossenheit zielt. Insgesamt zeigt sich die Verbindung aus körperbetonter Regie und stilisiertem Bühnenraum als tragfähig: Die Inszenierung entwickelt eine eigenständige, klar erkennbare Handschrift, ohne die Grundstruktur des Werkes aus dem Blick zu verlieren.

Die Kostüme (ebenfalls Julian Crouch) fügen sich stimmig in das Gesamtbild ein und unterstützen die unterschiedlichen Figurenwelten auf klare, unmittelbare Weise. Sie orientieren sich an einer historisch-viktorianischen Ästhetik, wirken dabei jedoch nie museal, sondern bleiben lebendig und spielerisch. Auffällig ist vor allem die klare Unterscheidung der Gruppen: Die Piraten treten in charakteristisch gestalteten Kostümen auf, die ihre anarchische Haltung unterstreichen. Dem gegenüber stehen die Polizisten mit einheitlichen, streng wirkenden Uniformen, die Ordnung und Disziplin verkörpern. Das Damenensemble erscheint in hellen, pastellfarbenen Kleidern, die eine charmant-ironische Operettenwelt entstehen lassen.

So tragen die Kostüme nicht nur zur Orientierung im Bühnengeschehen bei, sondern unterstützen auch den humorvollen Ton des Abends, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Im Zentrum steht ein Ensemble, das diese Anlage geschlossen aufnimmt und differenziert umsetzt.

Katia Ledoux (Piratenkönig), Katharina Pizzera (Samuel), Camilla Aguilera Yáñez (Kate), Petra Massey (Sally Sullivan), Jaye Simmons (Edith), Ensemble, Chor - © Barbara Pálffy / Volksoper

Katia Ledoux gestaltet den Piratenkönig als Teil des Ensembles und ist schlüssig in das stark auf Gruppenspiel ausgerichtete Konzept eingebunden. Die Figur tritt weniger als dominante Leitgestalt hervor, sondern bleibt bewusst in das komödiantische Gesamtgefüge eingebunden. Ledoux verfügt über eine solide, sichere Stimme, während die Darstellung eher zurückhaltend bleibt und auf funktionales Zusammenspiel ausgerichtet ist. Timothy Fallons Frederic entfernt sich bewusst vom klassischen Operettenliebhaber und entwickelt die Figur stärker in Richtung Komik. Sein Frederic ist weniger strahlender Held als vielmehr ein etwas unbeholfener, ins Geschehen geworfener junger Mann, der sich überzeugend in die körperbetonte Regie einfügt. Besonders im komödiantischen Bereich erweist sich Fallon als präsent und sorgt mit genauem Timing für zahlreiche wirkungsvolle Momente. Er verfügt über eine weiche, klanglich geschmeidige Stimme und eine sichere Linienführung. Nicole Chévalier ist die zentrale Stütze des Abends und verleiht der Rolle der Mabel vor allem stimmlich große Sicherheit. Mit klarem, mühelos ansprechendem Sopran und strahlender Höhe führt sie die Partie souverän und bewältigt insbesondere die anspruchsvollen Koloraturen mit bemerkenswerter Sicherheit und klanglicher Eleganz. Auch darstellerisch bleibt sie stimmig in das Konzept eingebunden und verbindet Leichtigkeit mit vokaler Strahlkraft.

Johanna Arrouas zeichnet die Ruth als klar umrissene Figur. Ihre Darstellung lebt von feinem Sinn für komödiantische Zuspitzung und einer präzisen Bühnenerscheinung, wodurch es ihr gelingt, der Rolle innerhalb der bewusst stilisierten Regie ein eigenständiges Profil zu verleihen. Auch stimmlich bleibt sie tragfähig und sicher disponiert. Stefan Cerny setzt als Polizeisergeant einen der markantesten Akzente innerhalb der männlichen Besetzung. Mit großer szenischer Sicherheit und ausgeprägtem Verständnis für das körperbetonte Spiel gestaltet er die Szenen des Polizeichors maßgeblich. Seine Darstellung verbindet Präzision und komödiantische Treffsicherheit und verleiht den Ensembleszenen klare Struktur und Energie. Auch vokal zeigt er sich präsent und verlässlich und rundet damit eine insgesamt sehr überzeugende Leistung ab.

Stefan Cerny (Der Polizeisergeant), Ensemble - © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Jakob Semotan zeigt den Generalmajor Stanley als bewusst stark gezeichnete Charakterfigur und nutzt vor allem die Möglichkeiten der physischen Verwandlung. Seine Darstellung arbeitet mit klarer Typisierung und prägnanter Zuspitzung und bleibt nahtlos in den komödiantischen Zugriff der Inszenierung eingebunden. Auch Jaye Simmons und Camilla Seale fügen sich als Mabels Schwestern Edith und Kate, stimmig in das Gesamtgefüge ein und tragen wesentlich zur Geschlossenheit des Damenensembles bei. Mit sicherem Verständnis für die komödiantische Anlage gestalten sie ihre Rollen klar und zuverlässig.

Die Polizisten, bestehend aus Georg Wacks, Kevin Perry, Gerhard Kasal, Smelo Mahlangu, Aaron Pendleton und Nicolaus Hagg, erweisen sich als tragendes Element des komödiantischen Geschehens. In eng abgestimmtem Zusammenspiel entwickeln sie eine geschlossene Ensembleleistung, die durch körperliche Ausdruckskraft, sichere rhythmische Abstimmung und wirkungsvoll eingesetzten Slapstick getragen wird.

Die im Zuge der Textadaption eingeführten Figuren der Rahmenhandlung erscheinen mit deutlicher Bühnenwirkung und klarer komödiantischer Ausrichtung. Marcel Mohab gibt den Interimsdirektor Robert Kitzler als bewusst überzeichnete, stellenweise tollpatschige Figur, die das Geschehen kommentierend durchbricht. Katharina Pizzera überzeugt sowohl als Direktionsassistentin Maria Ritt als auch als Samuel, Leutnant des Piratenkönigs, mit klarer Kontur und komödiantischer Gestaltungskraft.

Petra Massey (Sally Sullivan), Lucy Hopkins (Gillian Gilbert), Katharina Pizzera (Maria Ritt), Marcel Mohab (Robert Kitzler) - © Barbara Pálffy Volksoper Wien

Petra Massey (Sally Sullivan) und Lucy Hopkins (Gillian Gilbert) gestalten als fiktive Nachfahrinnen von Gilbert und Sullivan, die selbstreflexive Ebene pointiert. Massey setzt mit einem an britische Filmkomik erinnernden Spiel eine eigenständige Note und bringt eine leicht nostalgische Färbung ein, während Hopkins ihre Auftritte bewusst zugespitzt und direkt anlegt. Insgesamt präsentiert sich das Ensemble in großer Geschlossenheit und mit klar konturierter szenischer Wirkung, wobei die einzelnen Leistungen differenziert hervortreten und sich zugleich stimmig in das Gesamtgefüge der Inszenierung einbinden.

Der Chor der Volksoper Wien trägt den Abend maßgeblich und überzeugt durch Beweglichkeit, Präzision und klangliche Geschlossenheit. Die Einstudierung von Roger Díaz-Cajamarca verbindet szenische Agilität mit musikalischer Klarheit.

Das Orchester der Volksoper Wien unter der musikalischen Leitung von Chloe Rooke trägt den Abend mit einem transparenten, differenzierten Klangbild, das die komödiantische Anlage des Werkes wirkungsvoll unterstützt. Die Musik entfaltet sich leicht und nuanciert, ohne an Präzision zu verlieren, und bleibt dabei stets eng mit dem Bühnengeschehen verbunden. Die Balance zwischen Bühne und Graben ist dabei jederzeit gewahrt und ermöglicht ein insgesamt stimmiges musikalisches Gesamtbild.

Die Wiener Volksoper legt bei The Pirates of Penzance klar den Schwerpunkt auf Tempo, Slapstick und Ensemblewirkung und trifft damit den humoristischen Nerv des Stücks. Die Rahmenhandlung ergänzt den Abend um eine zusätzliche, mitunter amüsante Spielebene, bleibt jedoch dramaturgisch eher Beiwerk als eine vertiefende Perspektive.

Entscheidend für den Erfolg der Produktion sind daher die Geschlossenheit des Ensembles und die genaue Umsetzung auf der Bühne.

Das Publikum begleitete die Vorstellung mit sichtlichem Vergnügen und dankte am Ende mit kräftigem Applaus für einen rundum gelungenen Abend.

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