Osnabrück, Theater am Domhof, König Lear – William Shakespeare, IOCO Kritik, 07.06.2019

Juni 7, 2019 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

König Lear – William Shakespeare

– Heide als Sinnbild menschlicher Ödnis –

von Hanns Butterhof

 Am Ende scheint  auch der Regie von König Lear im Theater am Domhof ihre Einfallslosigkeit zuviel zu werden. Ohne großen schauspielerischen und emotionalen Aufwand bringt sie die wesentlichen Figuren von William Shakespeares Tragödie König Lear um und lässt das Publikum mit einem Häuflein Leichen ratlos zurück. Dieser König Lear ist in nahezu allen Belangen ein Offenbarungseid.

König Lear   –  William Shakespeare
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Christin Treunert hat für William Shakespeares um 1600 verfasste Tragödie König Lear eine öde Heidelandschaft gebaut. Sie mag als dauerndes Sinnbild für die menschliche Ödnis stehen, die in der Welt nicht nur des Lear, sondern immer noch und vielleicht generell, mit Sicherheit aber in dieser Aufführung herrscht.

 König Lear – Demenz und Familienkonflikte in besseren Kreisen

König Lear (Ronald Funke) muss schon zu Beginn des Stücks irrsinnig sein. Der natürlichen Liebe seiner Töchter vertrauend, verzichtet er auf seine Macht und sein Reich und teilt es unter sie auf. Er ist ein jähzorniger alter Gutmensch, über den als Folge seiner Blauäugigkeit alle Undankbarkeit, Bosheit und Grausamkeit der Welt hereinbricht. Seine beiden Töchter Goneril (Christina Dom) und Regan (Denise Matthey) verjagen ihn erbärmlich in die Einöde und trachten ihm nach dem Leben. Wohin seine von ihm ohne Erbe verstoßene Tochter Cordelia (Juliane Böttger) verschwindet und warum sie plötzlich wieder auftaucht, bleibt wie vieles andere rätselhaft.

Über das Ausmaß der Schlechtigkeit der Welt wird Lear irrsinnig-sehend. Nackt und sozial abgehängt klagt er sich selber seiner Verfehlungen an, als Herrscher zu wenig auf die Bedürftigen geschaut, blind der Autorität, dem Reichtum und seiner Macht verfallen, zu wenig mitfühlend gewesen zu sein. Weite Passagen des Textes sind nur bruchstückhaft zu verstehen. Ein unnatürlich pathetischer Tonfall wie in einer griechischen Tragödie, bei dem Lautstärke oft an die Stelle von Emotion tritt, setzt sich bleischwer fast von Beginn an durch. So bleiben die Motive der gesamten Handlung weitgehend unbestimmt, auch weil ein Großteil des Ensembles wie gelähmt spielt, ohne die Charaktere auch zu verkörpern. Meist treten die Akteure ohne ersichtlichen Grund aus der Kulisse und stellen sich dann an die Rampe, um ihren Text aufzusagen.

Für sein Unverständnis hält sich das Publikum an den Drolligkeiten Stefan Haschkes als verkleidetem Kent schadlos oder lacht über die wenigen bei seiner kauzigen Sprechweise verständlichen Sinnsprüche des Narren, Johannes Bussler.

Theater am Domhof, / König Lear - hier : Ronald Funke als König Lear in die Heide verjagt © Swaantje Hehmann

Theater am Domhof, / König Lear – hier : Ronald Funke als König Lear in die Heide verjagt © Swaantje Hehmann

Regisseur Dominique Schnizer fasst den Lear als einen Familien- und Generationskonflikt in besseren Kreisen auf, der mit der Demenz des Patriarchen ausbricht. Die Hoffnung, dem Publikum mit dieser Soap-Perspektive näher zu kommen, erfüllt sich nicht; sie verfehlt Shakespeares Welttragödie grotesk. Ihre Tiefe wird nur einmal berührend deutlich, als Cornelia Kemper als blinder Gloucester der Welt entsagt.
Dieser König Lear wäre bei einer Laienspielschar hinnehmbar, für das Theater am Domhof ist er ein dramatisches Regieversagen und hätte Ronald Funke zu seinem 40. Bühnenjubiläum erspart bleiben sollen.

König Lear am Theater am Domhof, Osnabrück; die nächsten Termine: 28. und 29.5., 4., 7., 14. und 25.6.2019 jeweils 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Dresden, Dresdner Staatskapelle, Ein Sommernachtstraum – Henze – Mendelssohn, IOCO Kritik, 13.5.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Ein Sommernachtstraum – William Shakespeare

Interpretationen von Henze und Mendelssohn – Mit Fragezeichen

von Thomas Thielemann

Seit der damals dreißigjährige Vladimir Jurowski mit Pendereckis Oper Der Teufel von London  in Dresden debütierte, ist er regelmäßig Gastdirigent der Staatskapelle Dresden. Dabei ist er ein Garant für außergewöhnliche Programme und Werkfolgen. 1990 von Moskau nach Deutschland gekommen, war er zunächst Student der Dresdner Musikhochschule und konnte auch bei Colin Davis hospitieren. Dabei war bereits vorher der Name Jurowski für das hiesige Konzertleben ein fester Begriff, denn der Vater Michael Jurowski (geboren am Weihnachtsabend 1945) war seit 1988 häufiger Gastdirigent der Staatskapelle, der Philharmonie und der Gohrischer Schostakowitsch-Tage.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

10. Symphoniekonzert der Staatskapelle Dresden

Bereits mit der Eröffnung des Konzerts mit Carl Maria von Webers  Ouvertüre zu Oberon werden die Tugenden des Orchesters seiner Fähigkeit zu feinsten dynamischen Abstufungen sofort deutlich. Mit  sattem Streicherklang, neben dem mit großer Wärme intonierten bekannten Hornmotiv, entwickelt Jurowski die Komposition vom ruhigen Einleitungsteil bis zur intensiven Steigerung des klangmalerischen Teils und stimmt so sein Publikum auf die etwas härtere Folgekost ein.

Heinz Werner Henze (1927 in Gütersloh geboren und 2012 in Dresden verstorben) gehört zu den bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts und ist dem heimischen Publikum, 2012 Capell-Compositeur der Staatskapelle,  mit der Agitprop-Oper-Inszenierung „Wir erreichen den Fluss“ noch in Erinnerung. Als explizit politischer Künstler hatte Henze die anscheinend abstrakten Aspekte seiner Kompositionen nie als Selbstzweck betrachtet. In der Kontrastbildung sah er die Möglichkeit Stellung zu beziehen, sich gegen das Elitäre im klassischen Kulturbetrieb zu wenden.

Seine Symphonien hatte er gelegentlich als Studien für seine Opernkompositionen  bezeichnet. Die Sinfonia N. 8, in den Jahren 1992/1993 auf Ischia entstanden, war ein Auftragswerk des Boston Symphony Orchestra. Die Symphonie  ist heiterer und beschwingter als viele Werke Henzes, fügt sich zur südländischen Wahlheimat des Komponisten, war sie doch von drei Episoden aus Shakespeares Sommernachtstraum  inspiriert.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski © Matthias Creutziger

Isabel Karajan rezitierte jeweils vor der Wiedergabe der Henzeschen Auslegung der Episoden die Verse von Schlegels wortgewaltiger Shakespeare-Übersetzung aus der linken Proszeniumsloge.  In Jurowskis folgenden  Interpretation war zu spüren, dass er sich intensiv mit der dreisätzigen Partitur auseinander gesetzt hatte. Dabei schien es ihm wichtig, die Spannung und Motivation über die knappe halbe Stunde der Aufführungszeit zu halten. Jurowski dirigierte mit präzisen sparsam dosierten Gesten. Nur kleine Bewegungen der Arme sowie Hände, die sich über die Fingerspitzen den Musikern mitzuteilen schienen und so ihre Wirkung zu erreichten. Mit dieser Intensität und der nach meinem Empfinden makellosen Darbietung hätten wir vor Jahren „Henze“ gern gehört.

Die Rezitation hatte die Sätze „Allegro“, „Alle anzeigen mit comodo tenerezza e ballabilità“ und „Adagio“ deutlich voneinander abgegrenzt  und dem aufgeschlossenen Hörer ein prachtvolles Erlebnis gesichert.

Nach der Konzertpause folgte dann als Kontrast die vollständige Bühnenmusik zu Ein Sommernachtstraum  von Felix Mendelssohn Bartholdy mit einer teilszenischen Aufführung. Der uns von der Zusammenarbeit mit Isabel Karajan bereits bekannte Eventspezialist  Klaus Ortner hatte eine launische Szene eingerichtet und aus Wien den Lichtdesigner Sandro G. Frei  mitgebracht, um den Solistinnen, dem Chor sowie  dem Orchester Voraussetzungen für eine feierliche Würdigung der kompositorischen Glanzleistung Mendelssohns zu verschaffen.

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn-Bartholdy © IOCO

Dieser komponierte, nachdem er, als der 17-jährige Felix sich mit der Schlegel-Tieckschen-Übersetzung des  Shakespeare’schen  Ein  Sommernachtstraum   beschäftigt hatte, 1826 seine einsätzige Ouvertüre op. 21 zur Schauspielmusik. Mit dieser Arbeit hatte er bereits alle vier der mit einander verwobenen Handlungsstränge der romantischen Komödie eingeschlossen. 1842, Mendelssohn war bereits Musikdirektor des Leipziger Gewandhausorchesters, entstanden  auf Wunsch des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Kompositionen, die als eine Zwischenakt-Musik gedacht waren. Offenbar dauerten die aufwendigen Bühnenumbauten der Tieckschen Inszenierung dem Monarchen zulange. Dank der Eingängigkeit insbesondere der Chor- und Solostellen gelang Mendelssohn eine Einbeziehung seiner Komposition in das eigentliche Bühnengeschehen, so dass  eine  vollständige Bühnenmusik mit Frauenchor; Soli und Orchester op. 61 entstanden war. Glaubt man Ines Pasz, ist diese Symbiose auch nicht ohne Reibung zwischen Felix Mendelssohn und dem Theaterauguren Ludwick Tieck von statten gegangen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Dirigent Vladimir Jurowski Jurowski und Isabel Karajan © Matthias Creutziger

Das Orchester mit Vladimir Jurowski konnte auch  die Ouvertüre und das Scherzo mit der uns gewohnten Qualität anklingen lassen, als aus der Streichergruppe eine aufmüpfige Musikerin, „bewaffnet“ mit einer Geige auftauchte und das Heft in die Hand nahm. Sprachlich und körperlich unentwegt aktiv, aber mit wenig Einfühlungsvermögen in das Musikalische versuchte sie in die Traumwelt Shakespeares hineinzuspringen und sich die Figuren zu eigen zu machen. Unentwegt brachte  Karajan neue Requisiten ins Spiel. Selbst ein Palettenwagen, der als Bühne, Künstlergarderobe, Brautbett und Werkzeuglager für die Handwerker herhalten konnte, wurde auf die Bühne gezogen. Diese etwas flippige Darstellung lenkte die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf Isabel Karajan, sodass die Präsenz der übrigen Beteiligten zurück trat. Auch musste man gut vorbereitet sein, wollte man Ansagen der Sprecherin (eigentlich Schauspielerin) folgen.

Gelegentlich nahm sich Isabel Karajan zurück und erlaubte Jurowski mit dem Orchester, dem Chor und den beiden Solistinnen Tuuli Takala (Sopran) und Stepanka Pucalkova (Mezzosopran) Passagen dieser genialen Komposition unbeeinflusst darzubringen. Aber irgendwie verschaffte dies dem Dargebotenen  einen zerfaserten Eindruck. Selbst das Genießen der Soli- und der Chorstellen sowie der wundervollen Orchestrierung Mendelssohns erforderte zumindest meine Konzentrationsfähigkeit  bis ihre die Grenzen. Auch Vladimir Jurowski hatte offenbar erhebliche Mühe, seinen Orchesterleitungsstil ähnlich präzise umzusetzen, wie es ihm im ersten Konzertteil gelungen war.

Das überwiegend Dresdner Abonnemente-Publikum spendete freundlichen Beifall, wobei aber auch für die hiesigen Verhältnisse ungewöhnlich intensive Buhrufe und Pfiffe zu hören waren. Gefeiert wurden allerdings neben Valdimir Jurowski die beiden Ensemblemitglieder des Hauses Tuuli Takala und Stepanka Pucalkova.

Wie ist das Fazit des zweiten Teils des Konzertes?

Hat Event-Theater nach der Opernbühne auch das Konzertpodium erreicht?  Wollten die Macher der zweifelsfrei imponierenden Isabel Karajan die Bühne zu einer außergewöhnlichen Leistung verschaffen? Was auch immer die Motivationen waren, ich hätte mir gewünscht, Felix Mendelssohn-Bartholdys 13 Teile der „vollständigen Bühnenmusik mit Soli und Frauenchor“ als Zugabe nachgereicht  zu erhalten.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Baden-Baden, Festspielhaus, Otello – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 25.4.2019

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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

OTELLO –  Giuseppe Verdi

– Osterfestspiele  :  Der sterbende Gigant –

von Uschi Reifenberg

Alljährlich zur Osterzeit verwandelt sich Baden-Baden, die ansonsten so beschauliche Stadt am Fuße des Schwarzwalds in eine pulsierende Musikmetropole. Blumen, Osterschmuck und Berliner Philharmoniker wohin das Auge blickt, man wähnt sich im musikalischen Elysium, zumal das herrliche Frühlingswetter die Stadt in goldenes Licht taucht.

Otello  –  Interview mit
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Die Osterfestspiele und die Berliner Philharmoniker lassen für zehn Tage die ganze Stadt zu einer Festspielbühne werden und präsentieren neben Oper und Sinfoniekonzerten auch unterschiedliche Kammermusikformationen, Solokonzerte oder heuer die Kinderoper „Der Kleine und Otello“. Im Zentrum der Opern-Neuproduktion 2019 steht Giuseppe Verdis Otello, jenes reife Spätwerk des 73- jährigen italienischen Musikdramatikers, welches auch das Motto der diesjährigen Osterfestspiele liefert: „Dich treibt Dein Dämon und Dein Dämon bin ich“, ein Zitat der Figur des Jago aus dem 2. Akt der Oper, dessen Bekenntnis zum „Prinzip des Bösen“ die Berliner Philharmoniker zu ihren vielfältigen Meisterkonzerten inspirierte.

Kein Geringener als der fast 83-jährige Zubin Mehta, indische Taktstocklegende und seit kurzem Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker, konnte für die musikalische Leitung dieser Neuproduktion gewonnen werden, nachdem Daniele Gatti, der ursprünglich vorgesehen war, aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hatte. Die Zusammenarbeit zwischen Zubin Mehta und den Berliner Philharmonikern begann bereits im Jahre 1961 und so verwundert es nicht, dass der Pultstar nicht zögerte, „seine liebste Verdi Oper“ wie er bekannte, an diesem besonderen Ort mit diesem Ausnahmeorchester zu interpretieren.

Für die Inszenierung zeichnet der 77-jährige Regie-Altmeister Robert Wilson verantwortlich, US Amerikaner aus Texas und Lichtdesigner, Maler, Videokünstler, Autor und Architekt in Personalunion, der bereits Ende der 60-er Jahre seinen unverwechselbaren innovativen Inszenierungsstil entwickelte. Seine Ästhetik ist geprägt von reduzierter Zeichenhaftigkeit, Manierismus, strukturell ausgeklügelter Lichtregie und Antinaturalismus. Seine Figuren agieren mit langsamen konzentrierten Bewegungen oder auch wie Marionetten, fremdgesteuert, maskenhaft gezeichnet, fast tranceartig, in unwirklichen, abstrakten Traumwelten. Sie erinnern auch immer wieder an Figuren des japanischen Nö-Theaters in asiatisch inspirierten Schattenspielen. Wilson vertraut ebenso wenig den Regeln der konventionellen Dramaturgie wie der psychologisch- realistischen Darstellung der Personenführung: “Wenn es um Kunst geht, die ja künstlich ist, und man versucht vorzugeben, sie sei natürlich, dann ist das eine Lüge“ (Wilson).

Festspielhaus Baden-Baden / Otello - hier : Skelton_Demuro_Yoncheva © Lucie Jansch

Festspielhaus Baden-Baden / Otello – hier : Skelton_Demuro_Yoncheva © Lucie Jansch

Giuseppe Verdis vorletzte Oper und sein letztes tragisches Bühnenwerk basiert auf dem Schauspiel von William Shakespeares Othello, der Mohr von Venedig von 1604, das geniale Libretto schuf der italienische Komponist, Schriftsteller und Librettist, Arrigo Boito. Verdi, der sich nach dem großen Erfolg seiner Oper Aida 1871 zunächst vom Opernschaffen zurückzog, traf 1879 auf Vermittlung seines Verlegers Giulio Ricordi mit Arrigo Boito zusammen. Es sollte der Beginn einer kongenialen Zusammenarbeit werden, die in den gemeinsamen Werken Otello (1887) und Falstaff ( 1893) gipfelte. Dennoch sollten 8 Jahre vergehen bis zur triumphalen Uraufführung an der Mailänder Scala im Jahr 1887.

Verdi hatte sich bereits vor der Komposition seiner Oper Macbeth (1847) intensiv mit Shakespeare beschäftigt und war seitdem immer auf der Suche nach idealen Librettisten und passenden Opernstoffen. Arrigo Boito hatte Verdi den Entwurf zu einer Otello Bearbeitung vorgeschlagen, worauf dieser jedoch zunächst sehr zögerlich reagierte, sich dann aber doch nicht der Faszination des Stoffes und der Figuren, vor allem der des Jago, entziehen konnte.
Arrigo Boito verdichtete den Shakespeare-Stoff, kürzte das Drama von 5 auf 4 Akte und fasste Teile der 4. und 5. Shakespeare Akte zu einem einzigen zusammen. Darüberhinaus konzentrierten sich Verdi und Boito im Laufe ihrer Zusammenarbeit auf eine veränderte Figurencharakteristik und focussierten den Dualismus der Figuren des Jago und der Desdemona. Jago als Inkarnation des abgrundtief Bösen und Desdemona als Personifikation der Unschuld und engelhaften Reinheit.

Verdi entfernte sich in seinem Spätwerk bewusst vom bis dahin gängigen italienischen Kompositionsstil der Einteilung in Arien, Ensembles oder Chorszenen und fand zur durchkomponierten Form. Seit seinem Frühwerk Macbeth entwickelte er sukzessive eine immer einheitlichere musikdramatische Form, die er im Otello zur Vollendung führte. Das ausgehende 19. Jahrhundert und mit ihm das endgültige Ende der Romantik verlangte nach neuen, adäquaten Ausdrucksformen, nach psychologischer Durchleuchtung der Bühnengestalten, nach Realismus und differenzierter Darstellung der Konflikte.

Richard Wagner setzte das Orchester als gleichwertigen Partner der Sänger ein, wertete es sinfonisch auf und schaffte mittels Leitmotive ein komplexes Beziehungsgeflecht von verschiedenen Bedeutungsebenen.
Verdi gab im Otello dem Orchester ebenfalls eine tragende Rolle und verzichtete auf jede standardisierte Begleitung wie noch in seinen frühen und mittleren Werken, jedoch bleibt das Orchester – im Gegensatz zu Wagner- immer der Melodieführung der Singstimme untergeordnet. Verdi nutzte im Otello die Weiterentwicklung der Instrumente zugunsten differenzierter dramatischer Charakterisierung und tonmalerischer Effekte wie das Heulen des Windes, Donnergrollen, oder Feuerknistern. Kehren hier Themen im Verlauf der Handlung wieder, dann nur, um an bestimmte Situationen anzuknüpfen ( Kussmotiv).

Schon beim Betreten des Zuschauerraumes – lange bevor die Musik einsetzt- wird man von einer riesigen Videoinstallation in Beschlag genommen ( Video: Tomasz Jeziorski). Sie zeigt einen Elefanten, der am Boden liegt, alt, müde, ab und zu mit einem Auge blinzelt, zuletzt zusammenbricht und stirbt. Dieses symbolträchtige und rätselhafte Bild, auf das Wilson im weiteren Verlauf der Inszenierung keinen Bezug nimmt, weckt vielfältige Assoziationen. Vielleicht an den sieg- und erfolgreichen Feldherren Otello, äußerlich gepanzert, bewundert und beneidet wegen seiner Stärke, seinem Rang, aber tief im Inneren leidend an seinem „Anderssein“, leicht verletzbar, anfällig und unfähig zum Vertrauen. Auch er wird am Ende den Kampf verlieren, zusammenbrechen und sterben.
Gleichzeitig hört man Windesrauschen, zuerst leise, dann immer mehr zum Sturm anschwellend, bis schließlich das Bühnengewitter des 1. Aktes einsetzt. Nun wird man nach und nach immer tiefer hineingezogen in die fremdartige Wilson‘sche Bühnenwelt. Diese offenbart im 1. Bild schon fast alle Parameter, mit welchen der Regisseur operiert und die im Laufe der Handlung modifiziert oder verfremdet werden.

Festspielhaus Baden-Baden / Otello - hier : Skelton_ Yoncheva © Lucie Jansch

Festspielhaus Baden-Baden / Otello – hier : Skelton_ Yoncheva © Lucie Jansch

Der Bühnenhintergrund erstrahlt je nach Situation (siehe Foto oben) entweder in blau, schwarz, weiß, rot oder bei Otellos Wahnvorstellungen auch grün (Co-Lichtdesign: Solomon Weisbard), stilisierte Blitze leuchten, ebenso Reihen von Scheinwerfern. Eine Kugel ist immer präsent (die Weltkugel?) und leuchtet ebenso schwarz, blau oder rot. Das Licht wird zum unverzichtbaren Dramaturgen der Seele. Stilisierte Arkadenteile wachsen zum Palast zusammen, erst einzeln, dann verdichtet. Später werden diese fragmentiert und erinnern an Schwerter, lösen die Szene auf oder geben Ihr Struktur. Eine stilisierte Treppe schwebt von der Decke, scheint im Nichts zu enden, auch diese zerfasert später in Einzelteile (Co- Bühnenbild: Serge von Arx). Sehr stark ist das Bild des 4. Aktes, wenn ein wehender grau-grüner Vorhang, auf welchem skizzenhaft die rechtwinkligen Umrisse einer weißen Türe und ein kleines quadratisches Fenster Desdemonas Schlafgemach andeuten. Seitlich steht in grellem weiß ein karges Bett, das unheilvoll an eine Totenbahre gemahnt.

Die Personen sind ausnahmslos weiß geschminkt, fernöstlich verfremdet, schwarz gewandet und muten im düsteren Hintergrund gespenstisch an. Lediglich Desdemona erscheint ganz in gleissendem weiß, mit Halskrause, die auch aus dem elisabethanischen Theater stammen könnte. Die Männer sind in kriegerische Rüstungen gesteckt (Kostüme: Jaques Reynaud und David Boni), welche die minimalistischen und zeitlupenartigen Bewegungen der Figuren unterstützen. Gesten werden nur sehr gezielt eingesetzt, (Finger gespreizt, Arme roboterartig gehoben) und erlangen dadurch größere Bedeutung wie beispielsweise bei der Annäherung zwischen Otello und Desdemona am Ende des 1. Aktes, wenn eine körperliche Hinwendung und eine „Fast- Berührung“ schon wie eine leidenschaftliche Umarmung anmutet. Ansonsten findet Interaktion zwischen den Personen nicht statt, kontrolliertes Rampensingen und geometrisch abgezirkelte Tableaus bestimmen die Szene. Die Entdeckung der Langsamkeit könnte auch als Motto über dieser Aufführung stehen.

Otello  –   Tenor Stuart Skelton über Otello
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Wilsons radikale Reduktion fasziniert zunächst, der Musik wird Raum gegeben, das Hören wird intensiviert, die Distanz kann die Emotionen klären, den Blick schärfen. Das funktioniert oft, allerdings entsteht auch bisweilen Langeweile und Spannungslosigkeit, die Statuarik der Figuren wirkt nicht selten wie eine Bremse. Mit dem Regiekonzept kommen die Sänger unterschiedlich zurecht. Am besten scheint sich Vladimir Stoyanov als Jago in seine Darstellung einzufinden, die ihm ein einigermaßen variables Bewegungsrepertoire erlaubt. Jago, der Dämon, ein Abgesandter Mephistos, bekennender Nihilist, dem keine Intrige boshaft genug ist, und der Otello in Wahnsinn und Selbstmord treibt, wird vom Regisseur (Co- Regie: Nicola Panzer), auch schon äußerlich diabolisch ausstaffiert. Er trägt einen Ziegenbart, die Haare sind seitlich zu zwei leichten Hörnern nach oben frisiert (Haar- und Make-up Design: Manuela Halligan). Stoyanov liefert ein beeindruckendes Rollenportrait und sein Bariton besticht mit einer vielfältigen Bandbreite an Ausdrucksnuancen. Er kann ebenso schmeichelnd larmoyant, mit samtenen Klangfarben, verführerisch seine Ränke spinnen wie zynisch und roh, mit heldischer Attitüde seinen Triumph auskosten. Lediglich im Credo hätte man sich etwas mehr Schwärze gewünscht.
Die Desdemona von Sonya Yoncheva ist äußerlich keine Engelsgestalt, sie trägt einen schwarzen Haarkranz, und ihr Styling ähnelt eher der Butterfly als einer blonden Ikone, aber als Lichtgestalt ganz in weiss wirkt sie dennoch bestechend. Ihr herrlich timbrierter lyrisch-dramatischer Sopran findet anfänglich noch nicht zu freier Entfaltung und wirkt etwas mechanisch, aber im Laufe des Abends entwickelt ihre Stimme eine strahlende Leuchtkraft, sowohl bei den dramatischen Ausbrüchen als auch in den berückend- zarten, überirdisch schönen pianissimo Stellen im Weidelied und im Ave Maria.

Stuart Skelton ist in Baden-Baden kein Unbekannter. 2016 gab er bei den Osterfestspielen unter Sir Simon Rattle sein Rollendebut als Tristan. Gastspiele mit einem umfangreichen Repertoire führen ihn an alle großen Opernhäuser der Welt. Als Otello ist Skelton eine Idealerscheinung, er verfügt über einen ausgeglichenen, eher hell timbrierten heldischen Tenor mit enormer Ausdrucks- und Gestaltungskraft. Er durchleidet auf erschütternde Weise Otellos psychische Labilität, seine wahnhafte Eifersucht und seinen unaufhaltsamen Weg in den Abgrund, der im Mord an seiner Geliebten und in Selbstmord endet. Vielleicht wirkt sich bei Stuart Skelton das Regiekonzept am wenigsten vorteilhaft aus. Durch die primäre Konzentration auf die Musik hört man jede stimmliche Trübung, werden Schwächen gnadenlos ausgestellt. Gestaltet er im Liebesduett am Ende des 1.Aktes weit geschwungene piano Phrasen mit innigster Verhaltenheit und seelenvoller Emphase, werden Grenzen bei den dramatischen Ausbrüchen deutlich hörbar, gelingen Spitzentöne an diesem Abend leider häufig nicht.

Francesco Demuro als Cassio führt seinen hellen lyrischen Tenor locker und mit Leichtigkeit vor allem in hohe Lagen, und wird arglos und unwissend zum Werkzeug von Jagos diabolischem Plan. Die Emilia von Anna Malavasi gibt der mutigen Gattin Jagos mit durchschlagskräftigem Mezzo Profil und Charakter. Gregory Bonfatti lässt als Roderigo mit schön timbriertem Tenor aufhorchen.Federico Sacchi als Lodovico, Giovanni Furlanetto als Montano und Mathias Tönges als Herold komplettieren das ausgezeichnete Ensemble.

Zubin Mehta geleitet die Berliner Philharmoniker mit Noblesse und traumwandlerischer Selbstverständlichkeit durch Verdis Partitur, und bringt in jedem Takt die Essenz der Musik ideal zur Geltung. Man hört ein perfekt ausbalanciertes Spitzenorchester, dem Mehta aber auch freie Hand lässt wie gleich zu Beginn, wenn die Orchestermassen wie entfesselt zum Sturm anschwellen. Genussvoll werden breitere Tempi zelebriert wie im Credo und Spannungsverläufe bis an die Grenzen ausgekostet. Ergreifend das Englischhorn Solo zu Beginn des 4. Aktes, komplettiert von zwei tiefen Flöten, Klarinetten, die Todesahnung verkünden. Großartig. Erschütternd.

Die lautmalerischen Stellen im 4. Akt sind bei diesem Orchester ein Ereignis, das Solo der Kontrabässe bei Otellos Eintreten lässt einen bis ins Mark frieren, auch wenn winzige Intonationstrübungen auszumachen sind. Der Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh) klang nicht immer präzise und ließ etwas an Strahlkraft vermissen, tadellos sang der Kinderchor des Pädagogiums Baden-Baden.

Das Festspielpublikum im ausverkauften Festspielhaus bedachte Dirigent, Orchester und Solisten mit Beifallsstürmen, die Damen erhielten beim Verlassen des Festspielhauses die obligatorische Rose, die die Erinnerung an einen faszinierenden Opernabend hoffentlich noch lange frisch halten wird.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—

Magdeburg, Theater Magdeburg, Otello – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 27.02.2019

März 1, 2019 by  
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Theater Magdeburg

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Theater Magdeburg © Theater Magdeburg / Hans Ludwig Boehme

Otello – der gebrochene Antiheld

 – Die Britin Olivia Fuchs mit mutiger Inszenierung –

von Thomas Thielemann

Mit der neuen Inszenierung von Guiseppe Verdis Otello macht das Haus einen mutigen Schritt einer Neudeutung des „Librettos von Arrigo Boito nach Shakespeare“.

Der Stoff des dramatischen Geschehens geht zurück auf eine der „zehn Geschichten über die Vor- und Nachteile verschiedener Arten von Liebe“ des Giovanni Battista Giraldi (1504-1573), genannt Cinzio, die 1565 im piemontesischem Mondovi erschienen sind.
Bereits bei Giraldi war die Geschichte im Venedig und auf Zypern um 1488 verortet, als die eigentlich bis in die Jetztzeit ständig umkämpfte Insel im östlichen Mittelmeer unter venezianische Herrschaft gelangt war. Selbst der Handlungsfaden um die unglückliche Liebe der Disdemona (altgriechisch: „unter einem Unstern stehend“) und die handelnden Personen waren nahezu identisch vorgegeben.

Otello  –  Guiseppe Verdi
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Wahrscheinlich 1603 bis 1604 hat William Shakespeare den Stoff dramatisiert, dabei die Handlung gestrafft, den handelnden Personen Namen gegeben und aus der gemeinschaftlichen Ermordung der umbenannten Desdemona durch den „Moor“ und dem Fähnrich mit allen seinen Konsequenzen, die Affekthandlung des Othello sowie seiner Selbsttötung gestaltet.

Bereits 1816 hatte Gioacchino Rossini eine Oper Othello oder der Mohr von Venedig nach einem Libretto des Franceso Maria Berio zur Aufführung gebracht. Rossini verlegte die Handlung seines nur selten aufgeführten Werkes ausschließlich nach Venedig. Erst dem Schriftsteller Arrigo Boito gelang es, 1879 dem Otello alles gedankliche Beiwerk Shakespeares auszusparen und die Konzentration auf das Grundgeschehen der Handlung zu einer Libretto-Skizze zu führen. Gemeinsam mit Boito hat Verdi, nicht ohne den Einfluss Richard Wagners, das erste echte italienische Musikdrama gestaltet und 1887 zur Uraufführung gebracht.

Theater Magdeburg / Otello  - hier :  Gocha Abuladze als gebrochener Antiheld © Nilz Boehme

Theater Magdeburg / Otello – hier : Gocha Abuladze als gebrochener Antiheld © Nilz Boehme

Die in London geborene und unter anderem auch in Griechenland aufgewachsene Olivia Fuchs hat am Opernhaus Magdeburg den Höllenritt gewagt, die individual-psychologische Handlung Boitos mit dem Zypernkonflikt der 1970er Jahre zu verbinden.

Im August 1960 wurde Zypern nach einem antibritischen Aufstand aus der Kolonialabhängigkeit entlassen. Trotz der charismatischen Führungspersönlichkeit des Erzbischofs Makarios kam es auf der Insel nicht zur Kooperation der zypern-griechischen und zypern-türkischen Volksgruppen. Mehrfache Provokationen der „Mutterländer“ Griechenland und die Türkei verhinderten jegliche Ansätze einer Befriedung. Personell und materiell von der „Athener Militär-Junta“ unterstützt, putschten am 15. Juli 1974 Generale der zypriotischen Nationalgarde mit dem Ziel des Anschlusses Zyperns an Griechenland
In dieser Gemengelage verortete Olivia Fuchs ihr mutiges Konzept und brachte es konsequent auf die Bühne. Damit war vorbestimmt, dass Boitos Libretto ordentlich werde Federn lassen müssen. Verdis Musik kam aber zu voller Geltung:

Der griechische General Otello betritt das Hauptquartier der Putschisten, das Touristenhotel „Ledra Palace“, nachdem die Feuergefechte zwischen den Wachen des Erzbischofes und Staatsoberhaupts Macarios verhallt sind. Auf der Insel befinden sich noch Touristen, so dass eine makabre Situation entsteht. Während die Urlauber im hinteren Bereich der Bühne ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen, sich auch mit den putschenden Milizionären vermischen, lässt sich Otello, abgetrennt von einer Gitterstruktur feiern und beginnt seinen Stab zu ordnen. Die Benachteiligung des Iago und die daraus entstehenden Kabalen sind bekannt. Der als Regierungswachhabender abgesetzte Monsato wird im Trubel verletzt. Desdemona mausert sich zur First Lady des Putschisten-Staats.

Mit vom Triumph ob des Putscherfolges inspiriertem Duett Desdemonas und Otellos endet der erste Akt der Inszenierung der Olivia Fuchs. Die bewegliche Gitterstruktur wird als wichtiges Gestaltungselement den aufgeschlossenen Opern freund über den Abend begleiten.

Im zweiten Akt setzt sich die fragile Situation fort. Hinter den Gitterstrukturen entwickelt sich eine fröhliche Stimmung der Inselgäste. Desdemona lässt sich als Blumenkönigin feiern und bedankt sich mit freimütigem Benehmen. Nicht zuletzt um Otello eifersüchtig zu machen. Im vorderen Bühnenbereich befeuert Iago Otellos Eifersucht. Als Desdemona sich bei ihrem Mann für eine Begnadigung Cassios verwendet, weiß Iago Othellos Argwohn gegen beide wachzurufen. Mit der Verdichtung der Intrige verdichten sich auch die Gitter.

Theater Magdeburg / Otello - hier :  Desdemona laesst sich als Blumenkoenigin feiern © Nilz Boehme

Theater Magdeburg / Otello – hier : Desdemona laesst sich als Blumenkoenigin feiern © Nilz Boehme

Mit einem von höchster Leidenschaft geprägten Duett führen Otello und der intrigante Iago den zweiten Akt zu einem der musikalischen Höhepunkte. Zwischen der Handlung des zweiten und des dritten Aktes, während sich die Besucher mit einem Glas Wein oder Wasser stärken, hat es außerhalb des Hotels „Ledras Palace“ auf der „Politischen Weltbühne“ Wesentliches entwickelt:

Vorgeblich des Schutzes der türkisch-zypriotischen Minderheit und um den “Status quo ante“ der Züricher Vereinbarung wieder herzustellen, landeten ab dem 20. Juli 1974 türkische Truppen an der Nordküste Zyperns und besetzten über ein Drittel des Insel-Territoriums. Diese Invasion der Türkei aktivierte den UN-Sicherheitsrat und die NATO. Drohte doch ein bewaffneter Konflikt zwischen zwei Mitgliedern des Militärpaktes. Der internationale Druck führte zum Sturz der „Athener Militärjunta“ und zur Rückkehr der griechischen Exilregierung nach Athen.

Der dritte Akt sieht einen nachdenklichen Otello am inzwischen Touristen-freien Hotel, als ihm die Ankunft eines Beamten aus Athen angekündigt wird. Offenbar ist dem General bewusst geworden, wie sich „seine Sache„ entwickelt hat. So begrüßt er seine Gattin zunächst zwar mit ironischer Galanterie. Als diese erneut für Cassio bittet, macht sich seine Spannung frei und sein Zorn wallt auf. Er trifft allerdings auf eine selbstbewusstere Desdemona. Zu Boden geworfen, sendet sie Otello verachtende Blicke. Der auftretende Athener Abgesandte übermittelt Otello den Befehl, unverzüglich nach dem Mutterland zurückzukommen. Der angestrebte Anschluss Zyperns an Griechenland ist abgebrochen

Die Persönlichkeit des Otello ist gescheitert: Politisch/militärisch und als Ehemann. Damit bleibt dem vierten Akt der Oper nur noch eine „Verwaltung der Katastrophe“. Die Bühne zeigt die dreigeteilten Räume des Paares. Über dem Gebäude das Gitterwerk, allerdings über dem Bad der Dame zerstört. Desdemona, höchstnervös, muss sich erbrechen und singt zwischen Toilettenbecken und Ehebett ein makaber-verstörendes „Lied an die Weide“. Otello befindet sich in einer psychisch ausweglosen Verfassung und kann eigentlich nur seine Spannung lösen, indem er Desdemona erschießt, sich selbst ersticht. Für Zypern war das Ergebnis des Putschversuchs, dass die Insel und Seine Hauptstadt Nikosia bis heute geteilt bleiben.

Etwa 120 000 Menschen flohen nach dem südlichen Teil der Insel. Umgekehrt verließen 65 000 Angehörige der türkisch-zypriotischen Bevölkerung den südlichen Teil Zyperns. Auch die seit 1959 auf Zypern stationierten 2700 UN-Soldaten konnten diese Entwicklung nicht verhindern.

Theater Magdeburg / Otello - hier :  Isabel Stueber Malagamba als Emilia ueber der erschossenen Desdemona © Nilz Boehme

Theater Magdeburg / Otello – hier : Isabel Stueber Malagamba als Emilia ueber der erschossenen Desdemona © Nilz Boehme

Als Stütze und Gerüst des „Pseudo-Premierenabends“ erwies sich die frisch aufspielende Magdeburgische Philharmonie. Der Generalmusikdirektor Kimbo Ishii nimmt Verdis wuchtige Dramatik wie ein Monument an, um in kleinen Oasen umso überraschender wundervolle Poesie erblühen zu lassen. Dabei sind die Musiker hervorragende Sängerbegleiter, loten die ständigen Kontrast glänzend aus und sind den von Thomas Ziesch recht aggressiv vorbereiteten Chören des Theater Magdeburg, der Magdeburger Singakademie sowie des Opernkinderchors des Georg-Philipp-Telemann-Konservatoriums adäquate Partner.

Dazu der fragilen Situation angepasst das wunderbare Bühnenbild von Yannis Thavoris. Selten erlebt man die Beziehung von Otello und Desdemona in mitten des Kampfgeschehens so ausweglos und zugleich berührend, wie in der Inszenierung der Olivia Fuchs. Der australische Gastsänger Aldo di Toro meistert die Titelrolle mit einem warmen dunkel gefärbten Tenor, der durchaus auch mühelos strahlende dramatische Ausbrüche ermöglicht. Dabei spart er auch nicht in den Schluss-Szenen am schluchzenden Pathos.

Für die erkrankte Raffaela Lintl sang die aus den Niederlanden stammende und im Essener Otello agierende Gabrielle Mouhlen die Desdemona. Bei aller Fraulichkeit symbolisierte ihre Darstellung keine typische Desdemona, sondern nimmt eher eine Außenseiterrolle ein. Gesanglich bietet sie Außerordentliches. Ein Erlebnis der besonderen Art war der Iago des georgischen Bassbaritons Gocha Abuladze. Seine dunkle flexible den Raum füllende Stimme verfügt für diese Hauptpartie über das notwendige Volumen. Noch etwas Schliff, und er wird alle großen Rollen seines Faches singen können. Auch darstellerisch konnte er dem hinterhältigen Bösewicht ordentlich Statur verleihen.

Cassio sang der gleichfalls dem Aalto-Theater Essen entliehene Carlos Cardose hell, klangschön und mit grazilem Schmelz. Der Tenor Benjamin Lee bot mit schöner Klangfarbe und guter Darstellung einen ordentlichen Roderigo, während der Bassist Paul Sketris dem Montano eine bemerkenswerte Intensität gab. Von der Emilia der stimmschönen Altistin Isabel Stüber Malagamba und dem würdevoll-expressiven Gesandten Lodovico des Johannes Stermann hätte man gern noch mehr gehört.

Obwohl in der Pause wenige Besucher das Opernhaus verlassen hatten, gaben die Verbliebenen den Agierenden und dem Inszenierungsteam einen stürmischen Applaus ohne ein einziges „Buh“.

Otello am Theater Magdeburg; die weiteren Vorstellungen 8.3.; 23.3.; 7.4.; 26.4.; 19.5.; 1.6.2019

—| IOCO Kritik Theater Magdeburg |—

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