Wien, Wiener Staatsoper, Ballettdirektor Martin Schläpfer – Spielplan 2021/22, IOCO Aktuell, 19.06.2021

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 Wiener Staatsoper – mit –  neuem Management

Historie – Visionen – Spielplan 2021/22

von  Viktor Jarosch

Die Wiener Staatsoper ist mehr als unterhaltsames Musiktheater. Die Wiener Staatsoper und ihr Umfeld spiegeln, in Wien sichtbar und spürbar, erlebbar gewordene Kultur. „Kultur als Teil des Alltags von Jedermann“. So sehen es viele Wiener, wenn sie über „ihre“ Staatsoper sprechen. Mit über 600.000 Besuchern jährlich, vielen wegweisenden Produktionen, mit hoher Popularität bei Ausländern (über 25% der Besucher) und den Wiener*innen,  dazu über viele Jahre „solides“  Wirtschaften machten die Wiener Staatsoper zum weltweit bewundertem Aushängeschild Österreichs für Kultur im Leben, für frohes Leben mit  Kultur.

Mit großem Interesse kommuniziert IOCO deshalb die im Sommer 2020 in der Nachfolge von Dominique Meyer angetretene neue Leitung der Wiener Staatsoper. Heute stellt IOCO das Management und, im Besonderen, Ballettdirektor Martin Schläpfer und seinen Spielplan für die Spielzeit 2021/22 vor.

Das neue Staatsoper Management

    • Bogdan Roscic, *1964 in Belgrad, neuer Intendant der Staatsoper; in Wien „Direktor“-Titel. Zuvor leitete Roscic bei SONY MUSIK die Klassik Sparte: Ein Seiteneinsteiger ohne Vita in der Leitung großer Theater. Die Vorgabe: Dominique Meyer hinterließ ein formidable aufgestelltes, weltweit anerkanntes Staatstheater mit dauerhaft hohem Besucherzuspruch: in Zahlen, Auslastung 99%. Bogdan Roscic hat bisher keine Ambitionen geäußert, die hohen Besucherzahlen als Messlatte zu übernehmen.
    • Martin Schläpfer, *1959 in Altstätten, Schweiz, Ballettdirektor der Wiener Staatsoper. Seit 2009 leitete Schläpfer als Ballettdirektor das Ballett am Rhein Düsseldorf /Duisburg. Schläpfer löste am Rhein Youri Vámos und dessen populäres, zeitadäquat abendfüllendes Handlungsballett radikal ab. Martin Schläpfers meist spezielle Choreographien überzeugten oft künstlerisch;  der Besucher-Zuspruch  stürzte unter Martin Schläpfer  jedoch dramatisch ab. IOCO hinterfragte so seit 2011 wiederholt die niedrige  Auslastung seiner Produktionen; Schläpfer verweigerte hierzu beständig Erstmals 2020, zu einer einzelnen Schwanensee-Choreographie (Keine Schwäne: Rockerbanden kämpfen dort gegeneinander), nannte man Besucherzahlen und Auslastung: welch Wunder, diese waren ausnahmsweise hoch. IOCO publiziert so seit 2013 unwidersprochen gebliebene Auslastungs-Schätzung von 65-70%  für das Ballett am Rhein unter Schläpfer. siehe link HIER! Manuel Legris, Vorgänger von Martin Schläpfer an der Wiener Staatsoper, verabschiedete sich von der Wiener Staatsoper mit einer Auslastung „seines“ Staatsballetts von 99%. IOCO wird den Besucherzuspruch in Wien zukünftig aktiv beobachten.
    • Philippe Jordan, *1974 in Zürich, seit 2020 Musikdirektor der Wiener Staatsoper. Jordan begann seine Laufbahn als Kapellmeister am Stadttheater Ulm. 1998 wechselte er als Assistent Daniel Barenboims und Kapellmeister an die Berliner Lindenoper, 2001 bis 2004 war er Chefdirigent der Oper Graz. 2006 bis 2010 kehrte Philippe Jordan als Principal Guest Conductor an die Staatsoper Unter den Linden nach Berlin zurück. 2014 übernahm Jordan den Chefposten bei den Wiener Symphonikern.

Martin Schläpfer stellt sich vor
youtube Trailer Wiener Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Martin Schläpfer, Ballettdirektor – Spielzeit 2021/22 – Gedanken, Spielplan

»Die Programmierung einer Spielzeit – so klar und einfach sie schlussendlich idealerweise vor uns steht – ist etwas Hochkomplexes. Zum einen geht es darum, die Tänzerinnen und Tänzer künstlerisch und tanztechnisch so zu inspirieren, zu fordern und zu fördern, dass sie als Solistinnen und Solisten, aber auch als Ensemble zu glänzen vermögen, sich als Teil einer Vision verstehen und stolz auf dieses Wiener Staatsballett sein können. Dies überträgt sich dann auf unser Publikum. Dieses zu berühren und für diese großartige  Kunst, die der Tanz ist, nicht nur zu begeistern, sondern auch dazu zu bewegen, für ihn einzustehen, ist für mich ein weiterer zentraler Punkt. Und natürlich geht es auch darum, die Feuilletons und Medien zu interessieren und durch ihre Arbeit den Tanz als eine Kunstform zu reflektieren, die mitten in unserer Gegenwart angesiedelt ist. Für mich muss eine Planung so hochstehend, so vielfältig, so vielschichtig sein, dass sie international heraussticht. Erst danach frage ich mich, wie sie realisierbar ist – immer auch mit dem Blick auf die musikalischen, dramaturgischen und Design-Fragen, alles idealerweise eins auf Augenhöhe.«

Martin Schläpfer

Welche Bilder von der Welt, vom Menschen, vom Künstler, vom Körper entfaltet der Tanz? Welche Verbindungen entstehen zwischen Bewegung, Musik und Raum? Wie werden Traditionslinien weiter- oder überschrieben? Welche Impulse vermag das klassische Ballett unserer Gegenwart zu geben? Der Spielplan 2021/22 des Wiener Staatsballetts lädt zu vielfältigen Wechselspielen ein.

Je drei Premieren an der Wiener Staatsoper sowie der Volksoper Wien bringt Ballettdirektor und Chefchoreograph Martin Schläpfer 2021/22 heraus. Hinzu kommt in der Wiener Staatsoper die Nurejew-Gala sowie in der Volksoper das neue Format Plattform Choreographie.

Premieren

Martin Schläpfer © IOCO

Martin Schläpfer © IOCO

Zwei große Tanzwerke Martin Schläpfers bilden die Eckpfeiler der Saison. Seiner Uraufführung zu Haydns Oratorium Die Jahreszeiten im April 2022 steht zur Eröffnung der Spielzeit die von Jänner auf September verschobene Premiere von Ein Deutsches Requiem in der Volksoper Wien gegenüber: Zwei jeweils auch Solisten und die Chöre beider Häuser einbindende Ballettproduktionen, die eindringliche Bilder vom Menschen entwerfen und mit dem Tanz in die zentralen Fragen des Lebens vordringen. Mit Haydns Zeitgenossen Beethoven wird Martin Schläpfer sich in einer weiteren Uraufführung auseinandersetzen und die 2020 begonnene kreative Arbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern des Wiener Staatsballetts intensivieren: In Sonne verwandelt nennt er sein Ballett zu Beethovens 4. Klavierkonzert in der Volksopern­ Premiere Begegnungen.

Weitere wichtige Künstler der Gegenwart sind mit ihren Handschriften erstmals beim Wiener Staatsballett vertreten: Mit Marco Goecke konnte Martin Schläpfer einen Choreographen gewinnen, der mit seiner buchstäblich »unter die Haut« gehenden Kunst wie wenige andere in den letzten Jahren zu einem ganz eigenen Stil gefunden hat. Zu zwei Sätzen aus Mahlers 5. Symphonie stellt er im Rahmen der Premiere im siebten Himmel  sein neues Werk für das Wiener Staatsballett vor und gibt damit zugleich sein Wien-Debüt im Haus am Ring.

Erstmals sind aber auch Werke der beiden Meister der amerikanischen Postmoderne Lucinda Childs und Merce Cunningham mit dem Wiener Staatsballett zu erleben, und erstmals vertraut die große belgische Tanzkünstlerin Anne Teresa De Keersmaeker der Compagnie eines ihrer Werke an.

Andrey Kaydanovskiy, Tänzer des Ensembles und längst vielgefragter Choreograph, hat sich den Komponisten Christof Dienz als Partner für eine Uraufführung gesucht. Fortgesetzt wird die 2021 begonnene

Zusammenarbeit mit Alexei Ratmansky. Der Niederländer Hans van Manen gehört weiterhin zu den festen Säulen des Spielplans ebenso wie die beiden Neoklassiker George Balanchine und Jerome Robbins. Neben Symphony in C kehrt mit den Liebeslieder Walzern zur Musik von Brahms ein Balanchine-Werk in den Spielplan zurück, das auf unvergleichliche Weise eine Brücke zwischen der New Yorker Neoklassik und der Tanzkultur der Donaumetropole schlägt- ein Wien-Ballett in der Premiere Liebeslieder, dem Martin Schläpfer mit seiner Neueinstudierung von Marsch, Walzer, Polka in der Premiere Im siebten Himmel antwortet.

Repertoire

Aus dem Repertoire des Wiener Staatsballetts sind in der Spielzeit 2021/22 drei abendfüllende Handlungsballette auf dem Spielplan: John Crankos Onegin, Elena Tschernischovas Gise//e sowie Rudolf Nurejews Schwanensee.

Drei weitere Programme zeigen Tanzkunst des 20. und 21. Jahrhunderts: Zum Auftakt der Saison folgt die eigentliche Aufführungsserie von Tänze Bilder Sinfonien, das im Juni 2021 mit nur einer Vorstellung zur Premiere kommt. Erneut am Spielplan ist das Robbins-Balanchine-Programm A Suite of Dances. Seine Publikumspremiere wird Mahler, live mit Hans van Manens Live und Martin Schläpfers erster Wiener Arbeit 4 erleben, nachdem eine Vorstellung im Dezember 2020 nur vor Kameras stattfinden konnte.

In der Volksoper Wien kommt Vesna Orlics beliebtes Familienballett Peter Pan zurück.

Sonderprogramme

Die alle zwei Jahre stattfindende Nurejew-Gala präsentiert zum Ende der Saison einen Tanzreigen von Petipa und Balanchine bis zu Bejart, van Manen, Schläpfer sowie Leon & Lightfoot, aber auch Flamenco.

Dem choreographischen Nachwuchs gibt Martin Schläpfer mit dem neuen, vom Ballettclub Wiener Staatsballett unterstützten Format Plattform Choreographie Raum zur Entwicklung eigener Ideen – vier bis sechs Miniaturen, choreographiert von Tänzerinnen und Tänzern des Wiener Staatsballetts, die in der Volksoper Wien zu sehen sein werden.

Ensemble

Im Ensemble des Wiener Staatsballetts gibt es zwei große Veränderungen unter den Ersten Solotänzer*innen: Nina Polakova übernimmt ab der kommenden Spielzeit die Leitung des Slowakischen Nationalballetts, Robert Gabdullin hat sich entschieden, seine aktive Tänzerkarriere zu beenden und seine Erfahrungen fortan als Tanzpädagoge an junge Tänzer*innen weiterzugeben.

Auf ihre Positionen ist es Martin Schläpfer gelungen, zwei herausragende und vielseitige Erste Solisten zu verpflichten: Aus dem Stuttgarter Ballett wechselt Hyo-Jung Kang, aus dem Bayerischen Staatsballett München Alexey Popov nach Wien.

Neu im Corps de ballet sind in der Wiener Staatsoper Gaia Fredianelli und Victor Cagnin – beide Absolventen der Ballettakademie der Wiener Staatsoper. Ins Ensemble zurück kommt Alaia Rogers-Maman, die bereits von 2014 bis 2020 Mitglied des Wiener Staatsballetts war und in der vergangenen Saison beim Royal Swedish Ballet tanzte.

Aus der Jugendkompanie wechseln ins Corps de ballet der Volksoper Wien Barbara Brigatti und Marta Schiumarini, neu sind außerdem Vivian de Britta Schiller und Ginevra Ferratis.

Premieren

 

EIN DEUTSCHES REQUIEM

Martin Schläpfer

      1. September 2021, Volksoper Wien

IM SIEBTEN HIMMEL

Marsch, Walzer, Polka Martin Schläpfer Uraufführung

Marco Goecke Symphony in C George Balanchine

      1. November 2021, Wiener Staatsoper

LIEBESLIEDER

Other Dances Jerome Robbins Concerto Lucinda Childs

Liebeslieder Walzer George Balanchine

      1. Jänner 2022, Wiener Staatsoper

BEGEGNUNGEN

24 Preludes Alexei Ratmansky Uraufführung

Andrey Kaydanovskiy

In Sonne verwandelt (Uraufführung) Martin Schläpfer

      1. Februar 2022, Volksoper Wien

DIE JAHRESZEITEN (URAUFFÜHRUNG)

Martin Schläpfer

      1. April 2022, Wiener Staatsoper

KONTRAPUNKTE

Große Fuge

Anne Teresa De Keersmaeker Duets

Merce Cunningham Four Schumann Pieces Hans van Manen

      1. Juni 2022, Volksoper Wien

  Sonderprogramme

PLATTFORM CHOREOGRAPHIE
      1. & 19. Juni 2022, Volksoper Wien

NUREJEW-GALA

George Balanchine, Maurice Bejart, David Coria, Sol Le6n & Paul Lightfoot, Hans van Manen, Marius Petipa, Martin Schläpfer u.a.

      1. Juni 2022, Wiener Staatsoper

Repertoire

TÄNZE BILDER SINFONIEN

George Balanchine / Alexei Ratmansky / Martin Schläpfer

ab 17. September 2021, Wiener Staatsoper

A SUITE OF DANCES

Jerome Robbins / George Balanchine ab 12. Oktober 2021, Wiener Staatsoper

ONEGIN

John Cranko

ab 23. Dezember 2021, Wiener Staatsoper

PETER PAN

Vesna Orlic

ab 21. Jänner 2022, Volksoper Wien

GISELLE

Elena Tschernischova

nach Jean Coralli, Jules Perrot & Marius Petipa ab 15. Februar 2022, Wiener Staatsoper

SCHWANENSEE     –   Rudolf Nurejew

nach Marius Petipa & Lew lwanow ab 13. März 2022, Wiener Staatsoper

MAHLER, LIVE

Hans van Manen/ Martin Schläpfer Premiere vor Publikum: 2. April 2022

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Wien, Volksoper, Into the Woods – Musical Stephen Sondheim, IOCO Kritik, 04.06.2021

Juni 3, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Musical, Volksoper Wien

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

volksoper_wien.JPG

Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Into the Woods –  Stephen Sondheim / James Lapine

Rotkäppchen, Aschenputtel, Rapunzel, Hans, Hexe …. Alle haben Wünsche, die sie sich erfüllen möchten

von Marcus Haimerl

Mit pandemiebedingter Verspätung fand die Premiere von Stephen Sondheims Erfolgsmusical Into the Woods erfreulicherweise noch in dieser Spielzeit statt.

Nach der erfolgreichen Zusammenarbeit von Stephen Sondheim und James Lapine bei Sunday in the Park with George schlug Sondheim ein Musical im Stil von Der Zauberer von Oz, hier link zur Volksopern Produktion, vor. Entstanden ist ein abendfüllendes Stück in der Tradition eines klassischen Märchens. Die Uraufführung fand am 4. Dezember 1986 statt, die Erstaufführung am Broadway am 5. November 1987.

Into the Woods – Sondheims so menschliches Werk
youtube Trailer Volksoper Wien
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

„Es war einmal…“ ein Bäcker und seine Frau, Rotkäppchen, Aschenputtel, Rapunzel, Hans (und die Bohnenranke), zwei Prinzen und eine Hexe: alle haben sie  Wünsche, die sie gerne erfüllt hätten. Am Ende des ersten Akts erfüllen sich diese Wünsche, im zweiten Akt haben die Charaktere mit den Konsequenzen ihrer Handlungen zu kämpfen. Aschenputtel möchten zum königlichen Gala-Ball gehen, Hans und seine Mutter wünschen sich, dass ihre Kuh Milchweiß endlich wieder Milch gibt, und der Bäcker und seine Frau wünschen sich ein Kind. Die Hexe von nebenan erscheint und verheißt den Bäckersleuten ein Kind, sofern sie ihr eine Kuh so weiß wie Milch, ein Mäntlein so rot wie Blut, Haar so gelb wie Mais und einen Schuh aus purem Gold bringen. Und so machen sich alle, auch Rotkäppchen, auf den Weg in den Wald. Nach einer ereignisreichen Suche und vielen Verwicklungen gelingt dem Bäcker und seiner Frau die Aufgabe.

Volksoper Wien / Into the Woods hier Juliette Khalil als Rotkäppchen, Oliver Liebl als Hans © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Into the Woods hier Juliette Khalil als Rotkäppchen, Oliver Liebl als Hans © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Hexe wird wieder jung und hübsch, Aschenputtel und Rapunzel bekommen ihre Prinzen, die Bäckersleute bekommen das ersehnte Kind und Hans und seine Mutter sind reich, aber niemand bemerkt die zweite Bohnenranke, die in den Himmel wächst. „Es war einmal, später“ und alle Charaktere haben neue Wünsche: der Bäcker und seine Frau wollen ein größeres Haus, Aschenputtel langweilt sich im Luxus und Hans sehnt sich nach dem Reich der Riesen. Plötzlich fällt das Haus der Bäckersleute in sich zusammen und ein riesiger Fußabdruck verwüstet den Garten der Hexe. Auch Rotkäppchens Haus ist zerstört, sie will zurück zum Haus der Großmutter. Schließlich ist auch das Königsschloss zerstört und alle gehen wieder in den Wald. Die Witwe des Riesen, ihr Gatte stürzte nach dem letzten Diebeszug von Hans in seinen Garten, sinnt auf Rache. Sie fordert die Auslieferung von Hans, die Hexe opfert den Erzähler, der Kammerdiener des Prinzen erschlägt die aufbegehrende Mutter von Hans und Rapunzel gerät auf der Flucht unter den Fuß der Riesin. Währenddessen verführt Aschenputtels Prinz die Bäckersfrau, die auf dem Rückweg von einem Baum erschlagen wird. Nachdem Hans, der Bäcker, Aschenputtel und Rotkäppchen die Riesin besiegt haben, ermutigt die Erscheinung seiner Frau den Bäcker, die Geschichte seinem kleinen Sohn zu erzählen…

Olivier Tambosi und Simon Eichenberger lassen in ihrer Inszenierung (Kostüme Lena Weikhard) keine Wünsche offen. Dominiert wird das Bühnenbild Frank Philipp Schlößmanns von mehreren verschieden großen Märchenbüchern die immer wieder als Kulisse zwischen den Stämmen des Waldes dienen. Für die Begegnung zwischen Rotkäppchen und dem bösen Wolf tut sich mitten im Wald ein rauschhaftes Blumenmeer auf und im Hintergrund eindrucksvolle Videos, für die sich Roman Hansi verantwortlich zeigt, der seine beeindruckende Kunst bereits bei der Volksoper-Produktion von Marius Felix Langes Oper Das Gespenst von Canterville, link HIER!, unter Beweis stellen konnte.

Into the Woods – vier Zutaten fürs Glück
youtube Trailer Volksoper Wien
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Auch die Besetzung hätte nicht besser gewählt werden können. Die sicherlich beeindruckendste Leistung ist jene von Oliver Liebl in der Partie des Hans, der vor allem mit seinem Song „Riesen über uns“ und seiner Darstellung des naiven Burschen nachhaltig begeistert. Eine sensationelle Leistung auch von Laura Friedrich Tejero als liebenswertes, sympathisches Aschenputtel mit schöner Stimme. Als Hans‘ Mutter beweist Ursula Pfitzner Mut zur Hässlichkeit. Auch das Bäckerehepaar ist mit Peter Lesiak und Julia Koci optimal besetzt und überzeugen gesanglich ebenso wie darstellerisch. Großartig Juliette Khalil als resolutes und stimmgewaltiges Rotkäppchen, das nachhaltig in Erinnerung bleibt. Über eine ebenso gewaltige Stimme verfügt die besonders sexy Hexe von Bettina Mönch, besonders beeindruckend bei ihrem gewaltigen Abgang („Mitternachtsstunde“). Als Aschenputtels Stiefmutter konnte Martina Dorak ebenso überzeugen wie Elisabeth Schwarz (Florinda) und Theresa Dax (Lucinda) als ihre vom Schicksal gebeutelten Stiefschwestern. Regula Rosin begeistert sowohl als Rotkäppchens Großmutter als auch in der Partie von Aschenputtels Mutter. Drew Sarich, als Wolf überzeugender denn als Aschenputtels Prinz, löste beim Publikum Jubel aus. Weitaus überzeugender in seiner royalen Rolle ist Martin Enenkel als Rapunzels Prinz, der besonders im Prinzen-Duett („Liebesqual“) glänzt. Als Rapunzel kann Lauren Urquhart begeistern. Besonders luxuriös Erika Pluhar als die vom Band eingespielte Stimme der Riesin. Christian Graf verleiht der eher kleinen Partie des Kammerdieners auf humorvolle Weise eine nachhaltige, enorme Bühnenpräsenz. Und last but not least Robert Meyer der sowohl als Erzähler als auch als geheimnisvoller Mann mit trockenem Humor voll in seinem Element ist.

Eigentlich hätte der britische Dirigent James Holmes die Premierenserie dirigieren sollen, als gleichwertiger Ersatz fand sich Wolfram-Maria Märtig, dessen erstklassiges Dirigat das Orchester der Wiener Volksoper zu Höchstleistungen antrieb.

Ein musikalisch herausragender Abend, der vom Publikum mit entsprechendem Applaus honoriert wurde und so viel Vergnügen macht, dass man nicht einmal das ständige Tragen einer FFP2-Maske bemerkt.

Wer sich dieses bis in die kleinste Partie gut besetzte Musical nicht entgehen lassen möchte, hat dazu im Juni 2021 noch fünf Mal die Gelegenheit; hoffentlich auch in der kommenden Saison.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Wien, Oper in der Krypta, DON GIOVANNI  –  Wolfgang Amadeus Mozart, IOCO Kritik, 26.05.2021

Mai 25, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 DON GIOVANNI  –  Wolfgang Amadeus Mozart

20. Mai 2021 – Wiedereröffnung – OPER IN DER KRYPTA  –

von Marcus Haimerl

Nach der Corona-Pandemie bedingten Schließung aller Opern- und Theaterhäuser über mehr als ein halbes Jahr in Österreich, feierte auch Oper in der Krypta, gelegen tief unten in der Peterskirche von Wien, am 20.Mai 2021 seine feierliche Wiedereröffnung: mit  Mozarts Don Giovanni in einer neuen Inszenierung von Magdalena Renwart-Kahry, die dem Publikum des Hauses bereits aus zahlreichen Aufführungen von Madama Butterfly bis zur Senta in Richard Wagners Der fliegende Holländer bekannt ist. So fanden sich auch, wie die Intendantin Dorothee Stanglmayr in ihrer Ansprache erwähnte, ausschließlich Freunde und Stammgäste in der ausverkauften Krypta, die auf Grund der gesetzlichen Vorgaben derzeit nur wesentlich weniger Plätze anbieten kann, als Nachfrage besteht.

Aus einem ursprünglich geplanten Konzert mit Ausschnitten aus Mozarts Don Giovanni entwickelte sich bald eine Inszenierung die, ebenfalls auf Grund der Pandemie mit nur fünf Sängern ihr Auslangen findet.

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni  - hier :  Namil Kim als Don Ottavio, Minsoo Ahn als Don Giovanni, Seongchan Bahk als Commendatore und Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni – hier : Namil Kim als Don Ottavio, Minsoo Ahn als Don Giovanni, Seongchan Bahk als Commendatore und Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

Magdalena Renwart-Kahry befasste sich mit der Figur des Don Giovanni und vermutet in ihm eine Abstammung des griechischen Eros. Nicht jenem pfeilschießenden Kind, sondern der verkörperten Zeugungskraft und dem Willen zum Leben selbst. Durch die von der Kirche zur Sünde erklärten Sinnlichkeit, entspringt die Figur des Don Giovanni den kirchlichen Verboten selbst, weil an ihm gezeigt werden soll, was für ein schreckliches Schicksal jene erwarten, die diese Grenzen überschreiten.

Um damit eine pandemietaugliche Inszenierung auf die kleine Opernbühne zu bekommen, verschmelzen die Figuren des Don Giovanni und Leporello und jener der Donna Anna und Donna Elvira zu jeweils einer Figur.

Magdalena Renwart-Kahry dazu im Vorwort des Programms:  Leporellos Identifikation mit seinem Herrn ist so ausgeprägt, dass ich mich gefragt habe, was er tatsächlich an seiner Stelle machen würde, könnte er wirklich ganz Don Giovanni sein, statt nur ständig dessen Platz einnehmen zu müssen, wenn dieser sich wieder einmal aus dem Staub machen will. Daraus ist die Idee entstanden, die Oper so auf die Bühne zu bringen, dass sowohl Don Giovanni und Leporello als auch Donna Anna und Donna Elvira zu verschiedenen Aspekten jeweils einer Persönlichkeit verschmelzen, während Don Ottavio, Komtur und Zerlina ihrem jeweiligen Charakter treu bleiben. (…)

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni - hier:  vl Minsoo Ahn als Don Giovanni, Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Don Giovanni – hier: vl Minsoo Ahn als Don Giovanni, Masetto, Magdalena Renwart-Kahry als Donna Anna und Donna Elvira © Marcus Haimerl

In einem abstrakten geometrischen Raum setzt Magdalena Renwart-Kahry Mozarts Meisterswerk in Szene und visualisiert große Themen und Konflikte der Oper. So weicht beispielsweise der Geist des toten Commendatore nicht von der Seite seiner Tochter und steht als stille aber immer präsente Mahnung und Aufforderung zur Rache zwischen Donna Anna und Don Ottavio. Hier erklärt sich auch die immer wieder kehrende Abkehr der trauernden Donna Anna von ihrem Verlobten und ihr Kippen in die Rolle der Donna Elvira, die verzweifelt die Beziehung zu Don Giovanni sucht. Aber auch in witzigen Kleinigkeiten zeigt sich die liebevolle Umsetzung des Werkes: so ist beispielsweise der „catalogo“ mit Don Giovannis Eroberungen ein Fotobuch, in welchem sich ausschließlich Fotos von Magdalena Renwart-Kahry befinden, die sich nicht nur für die Regie verantwortlich zeigt, sondern vielmehr auch die beiden Rollen der Donna Anna und Donna Elvira übernommen hat. Da der Commendatore im ersten Akt auch die Partie des Masetto übernommen hatte, musste dieser auch im zweiten Akt der Bühne fernbleiben. Mit einem eleganten Trick singt Don Giovanni vor Zerlinas Arie „Vedrai carino“ die Arie „Donne mie, la fate a tanti“, der Arie des Guglielmo aus Così fan tutte. Dieser kleine Eingriff fügte sich so gut ein, dass niemand im Publikum die Änderung bemerkte.

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © Daniela Zimmermann

Wolfgang Amadeus Mozart hier vor dem Salzburger Festspielhaus © IOCO Daniela Zimmermann

Neben der spannenden Regiearbeit ließ aber auch die musikalische Seite keine Wünsche übrig. In der Partie der Donna Anna und Donna Elvira erlebte das Publikum Magdalena Renwart-Kahry in stimmlicher Höchstform. Mit klarem, kräftigem Sopran und sicherer Höhe bewältigt sie die beiden anspruchsvollen Partien mit Leichtigkeit und überzeugt auch darstellerisch.

Die junge russische Sopranistin Katharina Schamschula ist eine bezaubernde Zerlina die mit glockenhellem Sopran begeistert.

Die Herrenpartien lagen in dieser Produktion fest in koreanischer Hand. Mit seinem schönen tiefen, besonders intensiven Bassbariton ist Minsoo Ahn eine ideale Besetzung sowohl für die Partie des Don Giovanni als auch jene des Leporellos. Namil Kim, der das Publikum der Krypta schon in der Partie des Alfredo in Verdis Traviata zu begeistern wusste, ist mit der Strahlkraft seines Tenors optimal in der Partie des Don Ottavio. Auf ebenso hohem Niveau gestaltet Seongchan Bakh die Partien des Commendatore / Masetto.

Die musikalische Leitung lag bei Maximilian Schamschula, der den Sängern nicht nur ein erstklassiger Begleiter war, sondern vielmehr der Musik Mozarts mit unglaublicher Leichtigkeit und Präzision Leben einhauchte.

Das Publikum danke den Künstlern für diesen unglaublichen Abend mit langanhaltendem Applaus. Am 27.5.2021 gibt es eine Wiederholung dieses Abends. In weiterer Folge dürfen die Besucher mit vielversprechenden Konzertabenden rechnen; bis Ende Juli 2021 wird die nächste Neuproduktion – Vincenzo Bellinis Norma, mit Magdalena Renwart-Kahry in der Titelpartie – auf dem Spielplan von Oper in der Krypta stehen.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Wien, Staatsoper Wien, L’incoronazione di Poppea – Gedanken von Olivier Fourés, IOCO Aktuell, 23.05.2021

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

wien_neu.gif

Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

L’INCORONAZIONE DI POPPEA –  Gedanken von Olivier Fourés

„Eine Originalfassung wäre utopisch“

Premiere am 22.5.2021:  Musikalische Leitung Pablo Heras-Casado, Inszenierung Jan Lauwers, Nerone Kate Lindsey, Poppea Slávka Zámecníková, Ottone Xavier Sabata, Ottavia Christina Bock, Seneca Willard White, Virtù / Drusilla Vera-Lotte Boecker


Die Handlung der Oper

Prolog

Fortuna und Virtù, die Göttinnen des Glücks und der Tugend, zanken sich, wer von ihnen die mächtigere ist. Amor, der Gott der Liebe, tritt dazwischen und beansprucht für sich den obersten Rang.

1. Akt
Ottone treibt die Sehnsucht zu Poppea. Als er vor ihrem Haus zwei schlafende Soldaten antrifft, wird ihm klar, dass seine Geliebte schon Besuch hat: Kaiser Nerone ist bei ihr. Die Soldaten erwachen und beschweren sich über Nerones Affären und seinen fahrlässigen Umgang mit der Macht.Nerone verabschiedet sich von Poppea. Ehe er nicht Kaiserin Ottavia verstoßen hat…….


L’incoronazione di Poppea – Gedanken von Olivier Fourés

Olivier Fourés hat gemeinsam mit Pablo Heras-Casado, Dirigent der Produktion an der Wiener Staatsoper, die musikalische Fassung für die Wiener L’incoronazione di Poppea erarbeitet. Hier seine Gedanken zur Oper wie der Produktion,  von der Wiener Staatsoper veröffentlicht:

»Die Zukunft ist nichts als die Folge des Dialogs zwischen Gegenwart und Vergangenheit.«       Paul Morand

Olivier Fourés: Häufig wird behauptet, dass Monteverdis Poppea, uraufgeführt am Teatro S. Giovanni e Paolo in Venedig im Karneval 1642/43 (möglicherweise Ende Januar 1643, wenige Monate vor dem Tod des Komponisten), seine problematischste Oper sei. Wir kennen zwei musikalische Quellen, die erheblich voneinander abweichen: eine venezianische aus dem Jahr 1646 und eine neapolitanische von 1651. Und auch wenn ihre Szenenfolge dem anlässlich der Uraufführung gedruckten Scenario dell’opera reggia intitolata La coronatione di Poppea – welches anhand von Zusammenfassungen der einzelnen Szenen durch die Handlung führt – weitgehend entspricht, so stimmt doch keine der beiden Partituren mit einer der gedruckten Librettofassungen vollkommen überein.

Einführungsmatinee zu L´incoronazione di Poppea
youtube Wiener Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Da die musikalischen Quellen posthum erstellt wurden, ist die Annahme berechtigt, dass in ihnen Monteverdis Uraufführungsversion verändert wurde. Dennoch offenbart ihre Gegenüberstellung einen wichtigen gemeinsamen Kernbestand, der vermutlich der Originalversion entspricht, sowie die Tatsache, dass die Poppea schon bei der Uraufführung als Pasticcio aus Kompositionen verschiedener Musiker konzipiert war, zu denen offenbar Francesco Cavalli (Monteverdis Assistent und Hauptkopist der venezianischen Abschrift), Francesco Sacrati oder Benedetto Ferrari zählten; letzterer könnte Autor des berühmten Schlussduetts »Pur ti miro« sein, das erstmals in seinem Pastor Reggio (Venedig, 1640) erschienen war.

Wenn also die authentische Zuschreibung der Kompositionen voller Rätsel bleibt (und für die damalige Zeit keinerlei Bedeutung besaß) und Monteverdi also richtiger als Werkstatt-Leiter oder -Meister anzusehen ist, so sind die echten Probleme einer heutigen Wiedergabe vielmehr mit den musikalischen Quellen verknüpft: die venezianische stellt offenbar eine Cembalo-Stimme dar, sie enthält nur sehr wenige Angaben zu den Orchesterstimmen und umfasst zahlreiche Streichungen und Zusätze; die neapolitanische ist ordentlich kopiert und die Stimmen der Orchester-Ritornelle sind in der Regel ausgeschrieben, aber mehrere Passagen sind unleserlich geworden und in zahlreichen Takten blieben Basslinie oder Textunterlegung unausgeführt. Keine der beiden Quellen bietet eine präzise Instrumentierung.

Welchen Anspruch kann eine Wiederaufführung der Poppea heute stellen? Wenn auch eine Wiederherstellung der »Originalfassung« eindeutig trügerisch und utopisch wäre, laden die Solidität des Librettos und die Qualität und Menge der Musik dennoch dazu ein, diese Oper als Ganzes zum Leben zu erwecken. Man sollte aus der Not eine Tugend machen und sich die besondere Situation zunutze machen – die nur dann stört, wenn man ein musikalisches Werk zwingend als definiertes, erstarrtes und von einem Autor signiertes Endprodukt versteht –, um sich über die Natur (und die Reize) der venezianischen Oper des 17. Jahrhunderts klar zu werden.

Ehe man die Lösung der praktischen Probleme angeht, muss man sich den Kontext klarmachen, in dem die Uraufführung der Poppea stand. In ihrer Eigenschaft als Pasticcio und durch ihre unterschiedlichen Versionen offenbart diese Oper von Beginn an die Elastizität des venezianischen drama in musica. Aus Manuskripten und Zeugnissen späterer Opern von Pallavicino, Ristori oder Vivaldi weiß man, dass es nie zwei identische Vorstellungen gab: Am Tag der Aufführung konnten Zwischenspiele eingefügt werden (als musikalische, theatralische oder getanzte Darbietung, oder auch in Gestalt einer Tombola oder einer Tierausstellung!), um von der Anwesenheit oder Verfügbarkeit bestimmter Künstler oder Persönlichkeiten zu profitieren. Die Zwischenspiele hatten auch das Ziel, die Aufmerksamkeit eines Publikums wachzuhalten, das sich unterhielt, Karten spielte, aß und trank oder die Logen-Vorhänge zugezogen hatte, um der Ruhe zu pflegen. Impresarios, Sänger und Musiker mussten sich also gewandt und flexibel an die sich wandelnden Kontexte anpassen. So erklärt sich auch die Wichtigkeit der Improvisation bei der Interpretation dieser Musik (Poppea enthält einen ciaccona-Bass à la mode, oder passacagli, die das Orchester auffordern »da ballo« zu improvisieren).

Claudio Monteverdi Grabplatte in Venedig © IOCO

Claudio Monteverdi Grabplatte in Venedig © IOCO

Darüber hinaus muss man sich daran erinnern, dass Monteverdi damals ein ungewöhnlich anerkannter Musiker war (seit 30 Jahren Kapellmeister der Basilika von San Marco). Seine Oper musste also ein außerordentliches Ereignis darstellen, mit all dem Prachtaufwand, der damit verbunden war. Das 1638 eröffnete Theater von San Giovanni e Paolo (auch Grimani genannt) galt als das schönste und komfortabelste Theater der Stadt und muss über weitläufige Räumlichkeiten verfügt haben. Nachdem es 1654 von Carlo Fontana umgebaut wurde, bot es nicht weniger als 900 Zuschauern Platz bei einer Portalbreite von ca. 15 Metern. Diese Dimensionen verlangten nach einer deutlich größeren Orchesterbesetzung, als wir heute allgemein annehmen. Nicht vergessen darf man zudem, dass Monteverdi in San Marco gewohnt war, mit großen Instrumentalensembles zu arbeiten, die er selbst erweiterte und koloristisch bereicherte. So kaufte er beispielsweise 1642 zwei Psalterien (metallisch klingende Zupfinstrumente) oder setzte »violini di rinforzo« ein, zusätzliche Spieler, die bei besonderen Anlässen die Klanggewalt des Orchesters verstärkten. Und wenn man an den Apparat denkt, den Monteverdi in Mantua anlässlich der Uraufführung seines Orfeo eingesetzt hatte (etwa 30 Musiker), in einem klein dimensionierten Theater (dessen szenische Beschränkungen eine Anpassung des Librettos in letzter Minute erzwangen), so dürfte sein Orchester im Grimani kein kleines gewesen sein.

Auch für unsere Neuproduktion der Poppea an der Wiener Staatsoper wollte die überwältigende, facettenreiche und spektakuläre Dimension seiner Musik berücksichtigt sein. Die Instrumentierung wurde inspiriert von der seiner Opern Orfeo und Ulisse, unter Berücksichtigung der Traditionen in San Marco (Einsatz von Psalterien, Raumklangeffekte, violini di rinforzo). Monteverdi war zudem ein großer Kolorist: Den Einsatz sämtlicher Streichinstrument-Familien ergänzte er durch zahlreiche Blas- und Zupfinstrumente, Tasteninstrumente sowie antikes, modernes und sogar exotisches Schlagwerk. Die musikdramatische Struktur unserer Fassung orientiert sich im allgemeinen am Kernbestand beider Versionen, der venezianischen und der neapolitanischen, und macht sich auch ihre Abweichungen zu Nutze: So kann man über einer gleichbleibenden Basslinie zwei unterschiedliche und gleichwohl originale Instrumentierungen genießen, ebenso beide sinfonie, die das Werk eröffnen, so wie auch den musikalischen Höhenflug der letzten, der Hochzeits-Szene, die in der neapolitanischen Version besonders ausgearbeitet ist. Wir profitieren von der evidenten Mitwirkung der Trompeten, indem wir zu Beginn dieser Szene eine Fanfare von Fantini einfügen, so wie es im 17. Jahrhundert gewiss üblich war, als die Trompeter nicht auf den Komponisten angewiesen waren, um ein Ereignis dieser Art musikalisch zu illustrieren.

Die oft fehlende Orchestration haben wir aus den Instrumentalstimmen entwickelt, dabei gleichfalls verschiedenen historischen Traditionen folgend: Harmonisierung der Basslinie, Entwicklung der Ritornelle, Wiederholungen eines Themas mit verkürzten Notenwerten (was beide Quellen auch vorführen), Schaffung obligater Instrumentalparts zu rezitativischen Passagen, Zuordnung von colla parte-Instrumentalstimmen, deskriptive Effekte sowie Ausgestaltung des Continuo unter Berücksichtigung der Akustik der Staatsoper.

Wie der ehemalige Staatsoperndirektor Gustav Mahler sagte: „Tradition ist nicht Anbetung der Asche, sondern Weitergabe des Feuers.“ Wenn die Manuskripte der Poppea wie Skelette anmuten, möge man sich in Erinnerung rufen, dass bereits die italienischen Komponisten selbst ihre Partituren als »scheletri« bezeichneten, denen man Fleisch und Geist hinzufügen und Leben einhauchen müsse. Sie hatten ein erhöhtes Bewusstsein davon, dass Musik nur über den Umweg ihrer Interpretation existiert und dass eine kompositorische Idee gewiss originell, instruktiv und stimulierend sein muss, ihre Kommunikation jedoch ebenso entscheidend ist. Die venezianische Schule von Gabrieli bis Vivaldi, Treffpunkt sakraler, profaner, volkstümlicher, choreographischer oder theoretischer Traditionen, hat zwei Jahrhunderte lang Europa fasziniert, weil es hier wichtiger war, musikalische Wunder zu ermöglichen, als sie zu formalisieren. Die Devise der Academia degli Incogniti (deren Mitglied Monteverdi war) lautete Ex Ignoto Notus („Das Wissen erwächst aus dem Unwissen“) und ihr Emblem war der Nil (ein antiker Fluss, dessen Quelle unbekannt war und der die Ebenen fruchtbar machte). Ebenso laden uns die Geheimnisse der Poppea ein, Fragen zu stellen, zu forschen und Gegenwart und Vergangenheit zu beobachten, um schließlich festzustellen, dass sie uns weniger fremd sind, als wir glauben.

Olivier Fourés

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung