Wien, Arnold Schönerg Center, Appell und Seelenschau – Konzert, IOCO Kritik, 31.01.2019

Arnold Schönberg Wien © IOCO

Arnold Schönberg – Gedenkplastik Wien © IOCO

Arnold Schönberg Center

Appell und Seelenschau – Madison String Quartet

Arnold-Schönberg-Center – Wien

von Marcus Haimerl

Gemeinsam mit dem österreichisch-amerikanischen Bariton Steven Scheschareg, dem israelischen Pianisten Itay Goren und dem amerikanischen Dirigenten Charles Prince, gestaltete das Madison String Quartet (Evelyn Estava, Violone, Rebecca Harris-Lee, Violine, Michael Avagliano, Viola und Gerall Hieser, Violoncello), welches im Januar 2019 sein 20-jähriges Bestehen feiert, ein ebenso spannendes, wie tief berührendes Konzert mit dem Titel Appell und Seelenschau.

Am Beginn stand Dover Beach op. 3 von Samuel Barber aus dem Jahr 1931. Das Werk des gerade erst 21jährigen amerikanischen Komponisten beruht auf einem Gedicht des viktorianischen Dichters Matthew Arnold (1822 – 1888). Die pessimistische Grundhaltung des Gedichts wandelt die Schönheit der Naturbilder in ein Symbol der Wiederkehr des menschlichen Elends. Der ruhige, beinahe meditative Beginn dieses Stückes steuert auf einen Höhepunkt zu, nur um am Ende wieder in einen wellenartigen Rhythmus zurückzufallen. Mit seinem schönen, dunklen Bariton gelang Steven Scheschareg gemeinsam mit dem Madison String Quartet eine berührende Umsetzung von Samuel Barbers Werk.

Noch näher am Thema Musik und Politik befindet sich das Werk The Survivor des venezolanischen Komponisten Icli Zitella (*1966). Inspiriert durch Arnold Schönbergs A Survivor from Warsaw (1948) schrieb Zitella eine Chronik von Aufstieg und Machterhaltung des totalitären Regimes in Venezuela. Das Werk voller Zitate aus der venezolanischen Nationalhymne, dem Militärlied „Patria, patria querida“, aber auch politischen Liedern und venezolanischer Volksmusik ist ein musikalisches Porträt über die verheerenden Auswirkungen der Revolution.

Arnold Schönberg Center / Madison String Quartet © Steven Scheschareg

Arnold Schönberg Center / Madison String Quartet © Steven Scheschareg

Mit Arnold Schönbergs Fuge in e-Moll („Kristallnachtfuge“), in einem wunderschönen Arrangement für Klaviertrio, berührten Itay Goren (Klavier), Evelyn Estava (Violine) und Gerall Hieser (Violoncello) das Publikum mit dem Versuch einer Reaktion des Komponisten auf die Reichsprogromnacht.

Für ein besonderes Gänsehaut-Feeling sorgte das Madison String Quartet mit dem Stück „La vida es sueño op. 76“ (Life is a dream) des in Montevideo, Urugay geborenen, amerikanischen Komponisten Miguel del Águila. Als Einführung trug Steven Scheschareg das zu Grunde liegende Gedicht Calderón de la BarcasDas Leben ist ein Traum“ vor. Zu der Musik, vom spanischen Phrygisch zu einem lebhaften Jota-Tanz, rezitieren die Musiker die Worte Calderóns. Ein besonderes Klangerlebnis, wenn Evelyn Esteva zu Beginn des Stücks hinter dem Publikum zu spielen beginnt.

Nach der Pause folgte das Hauptwerk des Abends: Arnold SchönbergsOde to Napoleon Buonaparte op. 41“. Zu der vom Madison String Quartet und Itay Goren vorgetragenen, von Charles Prince dirigierten Musik Schönbergs, trug Steven Schechareg den Text von Lord Byrons Gedicht vor. Mühelos gelang dem Bariton ein intensiver Vortrag in dem von Schönberg exakt vorgegebenen Sprechgesang. Insgesamt war hier eine exemplarische Darbietung von Schönbergs Werk zu erleben.

Der Vortrag zu Arnold SchönbergsOde to Napoleon Buonaparte op. 41“ durch Eike Feß brachte dem Publikum Hintergrund und Entstehung dieses Werks näher und ermöglichte bei der nachfolgenden Wiederholung des gesamten Stücks ein noch sehr viel tiefgreifenderes Erlebnis.

Auch wenn die Werke unweigerlich Betroffenheit, ja sogar tiefen Schmerz auslösen mussten, zeugte der wohlverdiente, frenetische Applaus des Publikums im gut besuchten Arnold-Schönberg-Center nicht nur von den klug gewählten Werken, sondern auch von der hohen musikalischen Qualität jedes einzelnen Künstlers.

—| IOCO Kritik Arnold Schönberg Center Wien |—

Baden bei Wien, Stadttheater Baden, Die geschiedene Frau – Leo Fall, IOCO Kritik, 30.01.2019

Januar 29, 2019 by  
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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

Baden bei Wien – Das Stadttheater am Abend © IOCO – Kultur im Netz

 Die geschiedene Frau –  Leo Fall

–  Oder: Was man macht, wenn es weder Ehe noch Scheidung gibt  –

von Marcus Haimerl

„Freiheit und Gefangenschaft“ ist das Motto der aktuellen Spielzeit der Bühne Baden. Was kann zu diesem Thema besser passen als die selten gespielte Operette Die geschiedene Frau von Leo Fall?

Die 1908 in Wien uraufgeführte Operette gilt als durchwegs modern, gab es doch zur Zeit der Entstehung in Österreich keine Zivilehe und somit auch keine Scheidung. Aus diesem Grund lassen Leo Fall und sein Textdichter Viktor Léon die Handlung in den liberalen Niederlanden spielen.

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Die Operette, die auch Bekanntheit durch die sehr freie Verfilmung Georg Jacobys aus dem Jahr 1953 mit Marika Rökk und Johannes Heesters erlangte, beginnt gleich mit dem Scheidungsprozess des Ehepaars van Lyseweghe. Jana will sich von ihrem Ehemann Karel scheiden lassen, da dieser sein Schlafwagenabteil im Expresszug von Nizza nach Amsterdam mit einer fremden Dame geteilt hat. Dieser beteuert seine Unschuld. Aus Höflichkeit wollte er sein Abteil überlassen, aus Unaufmerksamkeit des Schaffners Scrop wurde die Tür jedoch von außen verschlossen. Die besagte Dame, Gonda van der Loo, tritt als Zeugin auf und bestätigt die Unschuld Karels. Da sich diese jedoch prinzipiell zur freien Liebe bekennt und zudem allen Männern im Gerichtssaal den Kopf verdreht, sieht das Gericht den Seitensprung bestätigt. Der Gerichtspräsident Lucas van Deesteldonck spricht die Scheidung aus und übernimmt aus aufkeimender Liebe zu Gonda die Geldstrafe, zu der er sie selbst verurteilt hat.

Karel möchte Gonda heiraten, um seine gesellschaftliche Stellung wieder herstellen zu können. Auch der entlassene Schlafwagenschaffner Scrop hofft auf eine Legalisierung der Beziehung, denn so könnte er seinen Job wiederbekommen. In diese Geburtstagsfeier für Gonda platzt unangemeldet Karels geschiedene Frau Jana. Ihr korrekter Vater Pieter te Bakkenskjil, Chef der Schlafwagengesellschaft, hat seinen Besuch angekündigt. Noch ahnt niemand, dass dieser zur gleichen Zeit, ebenfalls in diesem Nachtzug, ein Techtelmechtel mit Adeline, der Verlobten des Schlafwagenschaffners hatte. Um Gonda eifersüchtig zu machen und so ihre Liebe zu gewinnen, wirbt der Gerichtspräsident um Jana, woraufhin sich Karel für Gonda entscheidet, obwohl ihm diese gleichgültig ist.

Der Gerichtspräsident hat alle Beteiligten zur Kirmes in Makkum gelockt, wo sich nach altem Brauch viele Paare trauen lassen. Der Fehltritt von Janas würdigem Vater wird offenbar und als Karel erfährt, dass Gerichtspräsident Lucas van Deesteldonck nur um Janas Hand anhielt, um Gonda eifersüchtig zu machen, finden Jana und Karel zusammen und einer gemeinsamen Hochzeit der beiden Paare steht nichts mehr im Wege.

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Stadttheater Baden bei Wien / Die geschiedene Frau © Christian Husar

Leonard Prinsloo, der sich auch für die Choreografie verantwortlich zeigt, inszeniert Leo Falls Operette rasant und mit viel Humor im etwas surrealen, an Salvador Dalí erinnernden, Bühnenbild von Su Pitzek. Der Gerichtssaal, bestehend aus schrägen Holzpaneelen mutet bedrohlich an, das Haus Karels mit seinen trapezförmigen, zerfließenden Fenstern wirkt wiederum fast traumhaft. Die sehr klassischen Kostüme von Mareile von Stritzky und die weiß bemalten Gesichter der Darsteller vermitteln das Gefühl einer alten Filmproduktion.

Mit der hervorragenden Besetzung war man in Baden auch musikalisch auf der sicheren Seite. Oliver Ostermann am Pult des Orchesters der Bühne Baden setzte nicht nur Leo Falls komplexe Partitur hervorragend um, sondern sorgte auch für eine gehörige Portion Schwung. Die Schweizer Sopranistin Maya Boog, die vergangenen Sommer bereits als Hanna Glawari in der Lustigen Witwe in Baden reüssierte, zieht auch in Leo Falls Operette alle Register ihrer Kunst. Der slowenische Tenor Matjaž Stopinšek verfügt über eine wunderschöne Strahlkraft in der Höhe und überzeugt auch darstellerisch in der Partie des Karel von Lyssweghe. Auf ebenso hohem Niveau agiert Martha Hirschmann als makellose Gonda van der Loo, mit ihrem schönen, warmen Mezzo und klarer Höhe.

Mit Charme und Witz verkörpert Artur Ortens den Gerichtspräsident Lucas van Deesteldonck. Als Schlafwagenconducteur Scrop begeistert Robert R. Herzl das Publikum. Mit einer gehörigen Portion Slapstick und Körpereinsatz verleiht er der Partie auch charakterliche Tiefe, wenn er seine Verlobte Adeline (herrlich: Gabriele Kridl) beim Fremdgehen ertappt und in Folge verlässt. Aber auch die kleineren Rollen sind gut besetzt: Thomas Malik und Sylvia Rieser als witziges Fischerehepaar Willem und Martje, dem wunderbaren Peter Horak als Janas Vater Pieter te Bakkenskjil, Franz Josef Koepp als Rechtsanwalt, Florian Resetarits und Jan Walter als Gerichtsbeisitzer und Robert Kolar und Robert Sadil als Sachverständige.

Auch wenn die Thematik von Leo Falls Operette mittlerweile an Brisanz verloren hat, gelang der Bühne Baden dieses zu Unrecht in Vergessenheit geratene Werk wieder erfolgreich aufzuführen. Die Künstler und das Leading Team wurden vom begeisterten Publikum entsprechend bejubelt.

—| IOCO Kritik Bühne Baden |—

Wien, Theater an der Wien, Guillaume Tell – Gioacchino Rossini, IOCO Kritk, 01.11.2019

November 2, 2018 by  
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Theater an der Wien

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

Theater an der Wien / Linke Wienzeile © IOCO

 Guillaume Tell  –  Gioacchino Rossini

Von Elisabeth König

Guillaume Tell ist Rossinis letztes Bühnenwerk und wurde 1829 als französische Grande Opéra in Paris zur Uraufführung gebracht. Die Ouvertüre ist wohl eine der berühmtesten Melodien Rossinis, und das gewaltige, gut vierstündige Werk hält sich auf den Spielplänen der Opernwelt nicht zuletzt aufgrund seiner unglaublichen Lyrik, die über Rossinis Zeit hinausweist. Auch die Thematisierung eines Freiheitskampfes gegen eine unterdrückende Herrschaft trug gewiss immer schon zur Beliebtheit der Oper bei.

Theater an der Wien / Guillaume Tell - hier :  Ensemble © Moritz Schell

Theater an der Wien / Guillaume Tell – hier : Ensemble © Moritz Schell

Die Geschichte des Wilhelm Tell, seines Apfelschusses und seines Kampfes gegen Geßler kennen wir alle aus Friedrich Schillers gleichnamigem Drama. Auf diesem baut die Oper auf und fügt sich hiermit in die Reihe der Opernstoffe, mit denen das Theater an der Wien in dieser Saison den Fokus auf Schiller als Libretto-Quelle legt.

Der Vorhang eröffnet den Blick auf eine nebelschwadenverhangene Winterlandschaft, in deren eisiger Atmosphäre während der sehr zurückhaltenden Ouvertüre der Guerillakampf im unwirtlichen Schnee inmitten alptraumhaft wiedererwachter Toter gezeigt wird.

Die kühle, etwas sterile Inszenierung von Torsten Fischer erzählt nicht unbedingt nur die Geschichte eines Volkes, das seine Freiheit zurückfordert, sondern schildert einen Bürgerkrieg in einer blanken, geradezu anonymisierten Welt, die nahezu überall stattfinden könnte. Dabei gelingen ihm regelmäßig bemerkenswerte Bilder, die sich aus dem grauen Hintergrund abheben.

Theater an der Wien / Guillaume Tell  - hier : Mathilde und Arnold Melcthal © Moritz Schell

Theater an der Wien / Guillaume Tell – hier : Mathilde und Arnold Melcthal © Moritz Schell

Dem Regisseur gelang es in Kombination mit der Choreographie von Karl Alfred Schreiner, unter regem Einsatz der Drehbühne ein bewegte Chorregie zu schaffen, die vor allem in den Marschszenen Eindruck hinterlässt. Der Einsatz greller Videoeinspielungen von Jan Frankl gelang als vielfach bewährte Methode, Realitätsebenen zu kombinieren und diente als emotionales Reizmittel.

Die blanke Kargheit des Bühnenbildes von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos mit seiner industriellen Knappheit vermochte es, die Aufmerksamkeit bei den Sängern zu behalten und gleichzeitig starke Momente einprägsam zu vermitteln. So wird die Hebebühne einerseits zu einem zweiten Handlungsspielraum, andererseits jedoch zum Symbol der Unterdrückung, unter dem das Volk symbolträchtig zermalmt wird. Ausstattung und Kostüme waren der Schlichtheit der Bühne angepasst und spiegelten die Schmucklosigkeit und Häuslichkeit auf der einen Seite wieder, während auf der anderen Seite Uniformen und allgegenwärtige Maschinengewehre die Diktatur und ihre Handlanger kennzeichneten.

Musikalisch war es ein Abend der feinen Zwischentöne und soliden Gestaltung. Die Wiener Symphoniker unter der musikalischen Leitung von Diego Matheuz spielten sicher und genau, der Schönberg-Chor war wie immer fantastisch einstudiert und motiviert.

Die SolistInnen waren – wie immer am Theater an der Wien- mit Bedacht gewählt und überzeugten mit durchwegs tollen Leistungen. Als väterliche Hauptfigur des Guillaume Tell zeigte Christoph Pohl große Eleganz in seiner Darstellung und wusste mit seinem weichen Bariton ausdrucksvoll zu überzeugen. An seiner Seite ist Marie-Claude Chappuis eine Hedwige mit emotionaler Tiefe und kampfesmutiger Stärke.

Theater an der Wien / Guillaume Tell - hier :  Ensemble © Moritz Schell

Theater an der Wien / Guillaume Tell – hier : Ensemble © Moritz Schell

Eine der berührendsten Leistungen des Abends war Anita Rosati als Tells rebellischer Sohn Jemmy. Mit einer emotionalen Stimmigkeit und ungebrochener Leidenschaft, sowie einem glockenhellen Sopran kaufte man ihr den jungen Knaben in jedem Moment ab.

John Osborn als Arnold Melcthal war eine weitere beeindruckende Performance des Abends. Mit dramatischen Höhenflügen und strahlender Tenorstimme weiß er die halsbrecherische Partie des zwischen Liebe und Vaterland zerrissenen Arnold mit Bravour zu meistern.

Ihm ebenbürtig war Jane Archibald als Habsburger-Prinzessin Mathilde zu hören, deren Mitleid mit ihrem Volk und Liebe zu Arnold für ergreifende Momente sorgte. Sie beeindruckte mit ihrer ersten Arie und im Liebesduett mit Arnold ebenso wie durch eine glasklare Höhe und berührende Piani.

Als diktatorischer Gesler (Französisch: mit nur einem S) zeigte Ante Jerkunica einen profunden, volltönenden Bass. Edwin Crossley-Mercier gibt einen elegant zurückhaltenden Walter Fürst, dessen Rolle als Spion am Ende die Fortführung der Unterdrückung mit anderen Mitteln symbolisiert. Jérôme Varnier gibt den Melcthal mit feurigem Eifer und patriotischer Intensität. Sam Furness war ein Rudolphe, der überzeugend zwischen Gewissensbissen und Schmierigkeit schwankte, Lukas Jakobski als Leuthold von beeindruckender Bühnenpräsenz und Stimmgewalt.

Alles in allem war es ein Abend voller großartiger künstlerischer Leistungen, der trotz vieler interessanter Regieeinfälle nicht immer die Spannung brachte, die das Werk durchaus bietet

—| IOCO Kritik Theater an der Wien |—

Wien, Wiener Staatsoper, Premiere LES TROYENS – Hector Berlioz, 14.10.2018

Oktober 2, 2018 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

LES TROYENS –  HECTOR BERLIOZ

Premiere 14. Oktober 2018


Zur Premiere und Produktion


Les Troyens eröffnet am Sonntag, 14. Oktober 2018 den Premierenreigen in der Spielzeit 2018/2019 an der Wiener Staatsoper: Nach fast 40 Jahren kehrt Hector Berlioz’ Grand Opéra in fünf Akten in der Produktion von David McVicar und unter der musikalischen Leitung von Alain Altinoglu zurück auf die Bühne des Hauses am Ring.

Berlioz komponierte die Oper in den 1850er Jahren. Für den antiken Stoff von Vergil – für den Helden Aeneas, seine Flucht, für Kassandra und Dido begeisterte er sich seit seinen Jugendtagen und auch das Libretto zu Les Troyens schuf der Komponist selbst, basierend zum Großteil auf Passagen ausVergils Aeneis und einer Szene aus Shakespeares Der Kaufmann von Venedig. Es entstand kein gewöhnliches Opernwerk, sondern ein radikaler und in seinem Umfang überaus mutiger Entwurf mit einem antik-epischen Umfang. Nur wenige Opernhäuser können sich heute an das Werk heranwagen, zu groß ist der Aufwand, zu gewaltig sind die Anforderungen, die sich stellen – rund 100 Choristen, 85 Orchestermusiker, Statisten, ein Kinderchor, ungewöhnlich viele Gesangsrollen, Tänzer. Schon in seiner Entstehungs- bzw. Uraufführungszeit war Les Troyens alles andere als ein Repertoirestück und so sind auch heutzutage die internationalen Premieren eher dünn gesät, wie Staatsoperndramaturg Oliver Láng im Monatsmagazin Prolog erläutert. 1863 wurde in Paris erstmals der zweite Teil der Oper gespielt – es kam zu keiner kompletten Uraufführung, der erste Teil folgte erst 1879 – zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten. An der Wiener Staatsoper wurde Les Troyens bisher nur neunmal in doppelteiliger Form gespielt (Österreichische Premiere und Erstaufführung 1976 unter Gerd Albrecht in einer Inszenierung von Tom O’Horgan, mit Guy Chavet, Christa Ludwig und Helga Dernesch), ab den 1980er-Jahren spielte man fünf Mal den zweiten Teil – zuletzt am 26. April 1981.

Hector Berlioz © IOCO

Hector Berlioz – Paris © IOCO

Musikalisch geleitet wird die Premierenserie von Alain Altinoglu. Der französische Dirigent, Musikdirektor des Théâtre de la Monnaie in Brüssel, debütierte 2011 mit Roméo et Juliette an der Wiener Staatsoper und dirigierte hier weiters noch Vorstellungen von Don Carlo, Don Giovanni, Falstaff, Faust, Salome und Simon Boccanegra, Le nozze di Figaro beim Oman-Gastspiel der Wiener Staatsoper 2013 sowie die Premieren von Macbeth (2015) und Pelléas et Mélisande (2017). Les Troyens dirigiert er nun an der Wiener Staatsoper zum ersten Mal. Im Gespräch mit Dramaturg Andreas Láng für das Staatsopernmagazin Prolog beschreibt er das Stück so: Les Troyens ist die größte und gewaltigste französische Oper, quasi – ohne sie formal, inhaltlich oder stilistisch vergleichen zu wollen – die französische Götterdämmerung. […] In diesem Werk manifestiert sich – zwar auf wunderbare Weise, aber dennoch – der gesamte Größenwahn und die besondere Verrücktheit von Hector Berlioz. Diesen Größenwahn Berlioz’ findet man nicht nur in den Trojanern, sondern „nahezu in seinem kompletten Œvre: Er liebte ganz einfach riesengroße Orchesterbesetzungen, eine Vielzahl an Solisten und Statisten, überdimensionale Chöre.“ Bis auf kleine Striche in den Ballettnummern wird Les Troyens in dieser Premierenproduktion im Haus am Ring komplett gezeigt.

„Die Trojaner-Partitur lebt jedenfalls von diesen kreativen Klangfarben- und Instrumentenkombinationen, die Berlioz zu entwickeln imstande war. […] Atmosphäre, Stimmungen, Lokalkolorit, Charakteristika durch Klänge zu zaubern, darin war Berlioz ein nicht zu übertreffender Meister“, charakterisiert der Dirigent die Partitur und betont schlussendlich auf die Frage, ob Les Troyens die Entwicklung der Operngeschichte beeinflusste: „Hector Berlioz hat mit anderen Werken sicherlich Einfluss auf die Musikgeschichte genommen, aber mangels einer bald einsetzenden gewichtigen Rezeptionsgeschichte – zumal in Frankreich – konnten die Trojaner nicht wirklich große Veränderungen hervorrufen oder gar den Beginn einer neuen Tradition markieren. Und so steht diese Oper wie ein – riesiger – Diamant vor uns.“

Sir David McVicar inszeniert – er brachte diese Produktion, die die Wiener Staatsoper als Koproduktion mit dem Londoner Royal Opera House, der Mailänder Scala und der San Francisco Opera zeigt – 2012 in London heraus und entwickelt seine Regie nun für Wien weiter. Les Troyens ist nach Tristan und Isolde, Adriana Lecouvreur, Falstaff und zuletzt Ariodante seine fünfte Arbeit am Haus am Ring. Im Konzeptionsgespräch betonte er die Majestät und Schönheit dieser Oper, die er als ungewöhnliches und sehr individuelles Werk der Operngeschichte sieht. Die zentrale Geschichte über Krieg und Auswirkungen von Krieg, das Zusammenprallen der Ereignisse der Geschichte mit den persönlichen Schicksalen Einzelner zeigt eine Form der Hoffnungslosigkeit. Das ganze Stück ist durchzogen von einer pessimistischen Einstellung, die durch große Freude und große Liebe kurz aufgehellt wird.

Die Produktion ist im 19. Jahrhundert angesiedelt und bezieht sich auf Kriege, die zu dieser Zeit – also zur Zeit Berlioz’ – stattgefunden haben. Troja erinnert hier stark an eine Stadt des 19. Jahrhunderts, und auch die Kostüme – geschaffen vom deutschen Kostümbildner Moritz Junge – erinnern an das zweite französische Kaiserreich. Das Karthago der Dido wiederum ist eine eher mythische Welt, die in der Produktion David McVicars an den Nahen Osten erinnert – auch diese wurzelt aber im 19. Jahrhundert. Im Schlussbild erscheint ein riesiges Kriegerstandbild auf der Bühne, das quasi aus den Ruinen des trojanischen Pferdes entstanden ist – aus den Ruinen des Krieges wird ein neuer Krieg entstehen.

Das Bühnenbild für Les Troyens stammt von Es Devlin. Mit Les Troyens ist erstmals eine ihrer Arbeiten an der Wiener Staatsoper zu sehen. In Österreich ist die international gefragte englische Künstlerin u. a. für ihr Bühnenbild für die aktuelle Carmen-Produktion der Bregenzer Festspiele bekannt.

Für das Lichtdesign zeichnen Wolfgang Goebbel und Pia Virolainen verantwortlich, die Choreographie kreierte Lynne Page.


Die Besetzung


Alle Solistinnen und Solisten geben in der Premiere ihr Staatsopern-Rollendebüt:

Den Enée verkörpert Brandon Jovanovich. Les Troyens ist nach seinem Debüt 2016 als Don José (Carmen) und Auftritten als Sergej (Lady Macbeth von Mzensk) die erste Staatsopern-Premiere des US-amerikanischen Tenors. Sein Rollendebüt als Enée – zugleich seine erste Berlioz-Partie – gab er 2016 in San Francisco: „Das Werk und die Rolle sind umwerfend schön […]. Und je länger ich mich in das Stück vertiefte, umso deutlicher sind die Kostbarkeiten hervorgetreten.“ Im Interview mit Andreas Láng für den Prolog erzählt er zur Aktualität der in der antiken Sagenwelt verorteten Handlung: „Genau genommen werden sogar die ganz wesentlichen Themen und Konflikte der Menschheit durchdekliniert: Der Umgang mit den Hilfesuchenden […], dann die Einstellung zu einer – möglicherweise – vermeintlichen Bestimmung, es geht um Liebe in vielerlei Hinsicht und um Opfer, die man zu bringen müssen glaubt. Viele von den hier angesprochenen Themen wirken in unser privates Leben hinein.“

Dem österreichischen Publikum ist Brandon Jovanovich weiters durch Auftritte als Sergej und Hermann (Pique Dame) bei den Salzburger Festspielen und Cavaradossi (Tosca) bei den Bregenzer Festspielen bekannt. An der Wiener Staatsoper wird er im November 2018 noch den Prinzen in Rusalka sowie im April/Mai 2019 den Florestan in Fidelio verkörpern.

Als Didon singt Joyce DiDonato ihre erste Premiere im Haus am Ring. An der Wiener Staatsoper war sie bisher erst an zwei Abenden zu erleben: Als Rosina in Il barbiere di Siviglia 2009 sowie mit einem Solistenkonzert 2016. Ihre erste Begegnung mit der Didon hatte sie im Zuge einer Gesamteinspielung für Warner Records. „Mir war zudem klar, dass ich sie dann aber unbedingt auch szenisch verkörpern wollte – schließlich handelt es sich bei Didon um eine vollblütige tragische Figur – sowohl in ihrer Position als Königin als auch als Frau – deren Umsetzung auf der Bühne eine wunderschöne und zugleich lohnende Herausforderung darstellt. […] Didon ist schließlich ein derartig profunder und komplexer Charakter, dass ich wohl bei jeder Auseinandersetzung mit ihr, ja bei jeder Vorstellung neue Eindrücke gewinnen werde. Berlioz gelang mit Didon durch seine unglaublich reiche Partitur das Porträt einer zutiefst menschlichen Gestalt, die nie vollständig zu erforschen sein wird.“ Auch sie sieht die Aktualität des Stoffes: „Ich glaube, dass dieses Sujet kaum aktueller sein könnte! Es geht um ein Volk, das aus seiner Heimat fliehen musste und um Asyl ansucht – es geht um Flüchtlinge. Didon erkennt heldenmütig, dass diejenigen, die das Leid erfühlen, jenen niemals den Rücken kehren können, die Hilfe benötigen. Ich finde, es geht um eine Einstellung, die man sich immer wieder neu vor Augen führen sollte.“

Als Cassandre ist Anna Caterina Antonacci zu erleben – ihr Staatsoperndebüt gab sie 1999 als Donna Elvira in Don Giovanni (Festwochen-Vorstellungen im Theater an der Wien). Die aus Ferrara (Italien) stammende Sängerin debütierte als Rosina (Il barbiere di Siviglia) in Arezzo und eröffnete damit eine Weltkarriere: Auftritte führten sie u. a. an die Mailänder Scala, das Royal Opera House Covent Garden, das Teatro Comunale in Bologna, das Teatro Colón in Buenos Aires, das Teatro dell’ Opera in Rom, an die San Francisco Opera, zum Glyndebourne Festival, an die Bayerische Staatsoper, nach Paris. Aktuelle Projekte umfassen u. a. Charlotte in Valencia und Barcelona, Elle (La Voix humaine) in Bologna, San Francisco, Turin, Liège, Susanna (Sancta Susanna) in Paris, Cassandre (Les Troyens) an der San Francisco Opera, Carmen in Turin, Chimène (Le Cid) in Paris, Iphigénie (Iphigénie en Tauride) in Hamburg.

Den Chorèbe verkörpert Adam Plachetka – dem Staatsopernpublikum als langjähriges Ensemblemitglied bestens bekannt durch seine Auftritte u. a. als Masetto und Don Giovanni (Don Giovanni), Guglielmo (Così fan tutte), Figaro und Conte d’Almaviva (Le nozze di Figaro), Dulcamara (L’elisir d’amore) und Malatesta (Don Pasquale). Les Troyens ist bereit seine siebte Premiere im Haus am Ring nach Don Apostolo Gazella (Lucrezia Borgia), Melisso (Alcina), Masetto (Don Giovanni), Publio (La clemenza di Tito), Hercule (Alceste) und Harlekin (Ariadne auf Naxos).

Seine zweite Premiere im Haus am Ring singt der italienische Tenor Paolo Fanale, der in Les Troyens als Iopas zu erleben sein wird. An der Wiener Staatsoper debütierte er 2016 als Fenton in der Falstaff-Premiere (in der Inszenierung von David McVicar) und sang hier weiters den Nemorino (L’elisir d’amore).

In den weiteren Partien sind Jongmin Park als Narbal, Rachel Frenkel als Ascagne, Benjamin Bruns als Hylas, Alexandru Moisiuc als Priam, Orhan Yildiz als Griechischer Heerführer, Marcus Pelz und Ferdinand Pfeiffer als Erster bzw. Zweiter trojanischer Soldat, Igor Onishchenko als Soldat/Mercure und Donna Ellen (anstelle von Jane Henschel) als Hécube zu erleben.

Les Troyens ist außerdem die erste Premiere dreier neuer Ensemblemitglieder der Wiener Staatsoper: Szilvia Vörös verkörpert (anstelle von Margarita Gritskova) die Anna – sie debütierte kürzlich als Flora in La traviata im Haus am Ring, Peter Kellner den Panthée und Lukhanyo Moyake den Hélénus. Als Schatten des Hector stellt sich außerdem Anthony Schneider dem Staatsopernpublikum vor.

Es spielt das Orchester der Wiener Staatsoper, es singen der Chor der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Thomas Lang sowie der Slowakische Philharmonische Chor, es tanzt das Wiener Staatsballett.

Les Troyens „live at home“ sowe im Radio
Radio Ö1 (+ EBU) strahlt Les Troyens am 20. Oktober 2018 ab 19.30 Uhr aus, aufgezeichnet am 14. und 17. Oktober 2018 in der Wiener Staatsoper.
Die Vorstellung am 4. November 2018 (anstelle der Premiere, wie ursprünglich angekündigt) wird via WIENER STAATSOPER live at home weltweit in höchster Ton- und Bildqualität übertragen.


Kurzinhalt


Das trojanische Volk freut sich, nach langen Jahren der Belagerung, über den unerwarteten Abzug der Griechen. Das zurückgelassene riesige Holzpferd wird, entgegen aller Warnungen der Seherin Kassandra, in die Stadt gebracht. Diesem entsteigen in der Nacht griechische Soldaten – die Stadt Troja fällt. Aeneas, von Hecors Schatten angeleitet, gelingt mit einigen Getreuen und dem Schatz Trojas die Flucht. Er soll, so die Vorgabe, in Italien ein neues Reich gründen.

Karthago, von der verwitweten Königin Dido beherrscht, lebt in Wohlstand. Aeneas und seine Krieger treffen – zunächst inkognito – ein. Aeneas hilft den Karthagern im Kampf gegen Rebellen und erobert das Herz der Dido. Doch die Liebe der beiden wird durch die Pflicht der Weiterreise nach Italien gestört. Aeneas, bedrängt von allerlei geisterhaften Aufforderungen, verlässt Dido, die sich mit dem Ausruf „Unsterbliches Rom!“ das Leben nimmt. Die Karthager schwören dem Volk des Aeneas ewigen Hass.

—| Pressemeldung Wiener Staatsoper |—

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