Klagenfurt, Kärntner Sinfonieorchester, Nicholas Milton – Neuer Chefdirigent, IOCO Aktuell, 01.03.2021

Stadttheater Klagenfurt

Stadttheater Klagenfurt

Stadttheater Klagenfurt © Stadttheater Klagenfurt / Helge Bauer

Stadttheater Klagenfurt © Stadttheater Klagenfurt / Helge Bauer

Nicholas Milton – Chefdirigent des Kärntner Sinfonieorchester

Ab der Spielzeit 2021/2022 wird Nicholas Milton, *1967 in Sydney, neuer Chefdirigent des Kärntner Sinfonieorchesters. Er wird für seine herausragenden Interpretationen eines breitgefächerten Opern- und Konzertrepertoires geschätzt und ist auch Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Göttinger Symphonieorchesters. Er hat bereits Konzerte mit dem Kärntner Sinfonieorchester erarbeitet und wird die Spielzeit 2021/2022 in Klagenfurt mit Richard Wagners Die Walküre eröffnen.

Milton war von 2014 bis 2018 Generalmusikdirektor am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken. Gastengagements in den letzten Jahren führten ihn an Häuser wie die Deutsche Oper Berlin, die Komische Oper Berlin, die Volksoper Wien und Opernhäuser in Dortmund, Leipzig, Linz und Innsbruck. Zuletzt dirigierte er an der Deutschen Oper Berlin Tosca, Così fan tutte und Die Entführung aus dem Serail. Demnächst stehen La Bohème und Madama Butterfly an der Opera Australia (Sydney Opera House) und Don Giovanni an der Deutschen Oper Berlin auf dem Programm.

Kärntner Sinfonieorchester / hier die Präsentation von Nicholas Milton © Christoph Mischke

Kärntner Sinfonieorchester / hier die Präsentation von Nicholas Milton © Christoph Mischke

Im Alter von 19 Jahren zum jüngsten Konzertmeister Australiens ernannt, begann Milton zunächst eine erfolgreiche Karriere als Solo-Violinist und Kammermusiker, bevor er sich ausschließlich dem Dirigieren widmete. Er war erster Konzertmeister beim Adelaide Symphony Orchestra und Violinist des renommierten Macquarie Trios in Australien. Von 2004 bis 2010 leitete er als Generalmusikdirektor die Jenaer Philharmonie, von 2007 bis 2020 war er Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Canberra Symphony Orchestra. Seit 2001 bekleidet er das Amt des Chefdirigenten des Willoughby Symphony Orchestra (Sydney).

Studien in Australien und den Vereinigten Staaten schloss Milton mit einem Master in Violine, Dirigieren, Musiktheorie und Philosophie ab. Außerdem promovierte er an der City University New York. Nicholas Milton wurde von Jorma Panula an der Sibelius Akademie Helsinki gefördert. Als Assistent von Mariss Jansons begleitete er das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam auf einer umfangreichen Tournee durch Europa und die USA.

Nicholas Milton wurde für besondere Verdienste als Dirigent mit der Aufnahme in den Order of Australia (AM) geehrt. Seine Diskografie umfasst ca. 60 Aufnahmen. 2016 war er mit einem Album für den GRAMMY® nominiert. Mehrere CD-Aufnahmen mit dem Konzerthausorchester Berlin und der Deutschen Radio Philharmonie erscheinen demnächst bei Onyx Classics und cpo.
Nicholas Milton: „Ich freue mich sehr, mit dem Stadttheater Klagenfurt und den MusikerInnen des Kärntner Sinfonieorchesters auf diese aufregende musikalische Reise zu gehen. Die Konzerte, die wir bisher gemeinsam erarbeitet haben, sind für mich unvergesslich und ich denke, wir haben gemeinsam Momente von besonderer Schönheit geschaffen. Wir alle hoffen, dass das Stadttheater die dunklen Zeiten der Pandemie bald hinter sich lassen kann und ich freue mich darauf, eine zukunftsträchtige Grundlage zu schaffen, die unserem Publikum wieder Freude, Inspiration und Seelennahrung bringt.“

Intendant Aron Stiehl:Es ist uns eine große Freude, diesen international renommierten Dirigenten für unser Theater gewinnen zu können. Mit seiner reichen Erfahrung, seiner profunden und vielfältigen Repertoirekenntnis und vor allem seiner musikalischen Sensibilität wird er das KSO hervorragend leiten und inspirieren. Er hat bereits mit den MusikerInnen des KSO gearbeitet – die Chemie stimmt.“

  Das Orchester – Sinfonieorchester – Stadttheater Klagenfurt

Das Kärntner Sinfonieorchester gilt als das musikalische Aushängeschild Kärntens. Das „Orchester des Stadttheaters“ änderte in den 1990er Jahren nicht nur seinen Namen, sondern auch sein Repertoire und wurde in das  Sinfonieorchester des Landes Kärntens umgewandelt. Seitdem hat es sich, zusätzlich zum breiten Opern-, Operetten- und Musicalrepertoire ein umfangreiches sinfonisches Repertoire aufgebaut. Neben bedeutenden Dirigenten wie Bertrand de Billy, Antonello Manacorda, Lorenzo Viotti, Michael Güttler, Robin Ticciati oder Alexander Joel sind international renommierte Solisten wie Bernarda Fink, Michael Schade, Julian Rachlin oder Phillipe  Entremont musikalische Partner des Orchesters. Unter dem Chefdirigat Alexander Soddys (2013–2017) fand eine Repertoireerweiterung statt, unter anderem wurden Richard Strauss‘ Der Rosenkavalier sowie alle Brahms- Sinfonien erarbeitet. Das sinfonische Highlight der Saison 2013/2014 war die Eröffnung des neuadaptierten Großen Saales des Klagenfurter Konzerthauses mit Beethovens 9. Sinfonie. Seit dem Sommer 2015 ist das Kärntner Sinfonieorchester regelmäßig beim Carinthischen Sommer zu Gast. Seit Beginn der Spielzeit 2018/2019 steht Nicholas Carter dem Kärntner Sinfonieorchester als Chefdirigent vor.

—| IOCO Aktuell Stadttheater Klagenfurt |—

 

Wien, Volksoper Wien, Sweet Charity – Musical von Cy Colemann, IOCO Kritik, 29.09.2020

September 30, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Musical, Volksoper Wien

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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Sweet Charity – Musical von Cy Coleman

 – Charity Hope Valentine – Tänzerin in einem Nachtclub – bleibt bei allen Enttäuschungen ein optimistisch frohes Wesen –

von Marcus Haimerl

Die erste Premiere der aktuellen Saison an der Wiener Volksoper galt dem eher selten gespielten Musical Sweet Charity von Cy Coleman. Grundlage des Buchs von Neil Simon bildete Federico Fellinis Meisterwerk Die Nächte der Cabiria aus dem Jahr 1957 über die Prostituierte Maria Ceccarelli (genannt Cabiria) die trotz ständiger Demütigungen und lebensbedrohlichen Situationen durch Männer nie die Hoffnung verliert. Wie könnte man eine Saison in Corona-Zeiten besser beginnen als mit einem Stück über eine optimistische in die Zukunft blickende Frau.

Für das Musical verlegten Cy Coleman und Neil Simon die eher tragische Handlung der Filmvorlage von Rom nach New York, wo Charity Hope Valentine als Tänzerin im Nachtclub-Milieu ihr bescheidenes Leben fristet. Sie trifft auf den Filmstar Vittorio Vidal und auf den ebenso biederen wie neurotischen Oscar Lindquist, mit dem sie beinahe ihr Glück findet. Auch wenn Charity am Ende wieder positiv in die Zukunft sieht, ist ihr dennoch kein Happy End vergönnt.

SWEET CHARITY – Musical von Cy Coleman
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Der Wiener Volksoper gelingt mit dem inhaltlich doch recht gewichtigen Stück eine perfekte Umsetzung mit der Neuübersetzung von Alexander Kuchinka. Regisseur Johannes von Matuschka setzt dabei auf eine Drehbühne, bestückt mit Leuchtbuchstaben, die an die Lichter einer Großstadt erinnern sollen und auch als Möbel (ein umgelegtes „H“ als Doppelbett oder ein aufgestelltes „E“ oder „C“ als Sitzgelegenheit) oder Spielfläche dienen. Gemeinsam mit den Kostümen von Tanja Liebermann erinnern manche Szenen in ihrer Skurrilität an weitere Filme Fellinis wie „8 ½“ oder Die Stadt der Frauen. In dem eher spartanischen Bühnenbild gelingen immer wieder starke Bilder und originelle Szenen, wie die Szene im Aufzug oder in der U-Bahn. Aber auch im tristen Umfeld des Nachtclubs wird der Fokus auf die Hauptfigur der Charity Hope Valentine gelenkt.

In der Titelpartie der Charity ist die herausragende Lisa Habermann mit ihrer stimmlichen und darstellerischen Leistung perfekt besetzt. Fast möchte man meinen, dass sie diese innige Liebende optimistische Charity nicht spielt, vielmehr ist Lisa Habermann diese Charity

SWEET CHARITY – in the making of the production
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Als ihre große Liebe Oscar Lindquist, für den sie sogar ihren Job im Nachtclub aufgibt, brilliert Peter Lesiak. Äußerst glaubhaft gelingt ihm die Wandlung seines Charakters durch Charitys positiven Einfluss vom schüchternen Tollpatsch zum innigen Liebhaber, der am Ende an Charitys Vergangenheit doch verzweifelt. Eine ebenso großartige Leistung auch von Axel Herrig als italienischer Schauspieler Vittorio Vidal zwischen Charity und Ursula March (Ines Hengl-Pirker). Ein besonders beeindruckender und skurriler Auftritt ist jener von Drew Sarich als Daddy Brubeck als Oberhaupt der neuen „Puls des Lebens-Kirche“. Eine ebenso herausragende Leistung erlebt man von Julia Koci und Caroline Frank als Nickie und Helene, zwei Kolleginnen Charitys aus dem Nachtclub.

Möchte man auch kleinen Partien Format verleihen, braucht es den großartigen Christian Graf, dem ebendies bei der Partie des Geschäftsführers des Fandango-Ballhaus mehr als gelungen ist und bei dem Song „Ich heul auf jeder Hochzeit“ (I Love To Cry At Weddings) zur Höchstform aufläuft. Auch Jakob Semotan, Oliver Liebl, Kudra Owens und der Rest des Ensembles wissen das Publikum zu überzeugen.

Lorenz C. Aichner und dem hervorragenden Orchester der Wiener Volksoper gelingt eine optimale und brillante Umsetzung von Cy Colemans Musik. Der Jubel des Publikums am Ende beweist, dass die Volksoper Wien auch in der Sparte Musical internationalen Vergleichen durchaus standhalten kann.

Sweet Charity an der Volksoper Wien; die nächsten Vorstellungen 30.09.; 12.10.; 18.10.; 23.10.; 28.10.; 27.11.; 30.11.; 4.12.; 7.12.; 12.12.2020

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán, IOCO Kritik, 01.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

 Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán

– Der Zusammenbruch der KuK-Monarchie  als Realsatire –

von Ingrid Freiberg

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

Knapp zehn Jahre nach dem Erfolg seiner Csárdásfürstin kehrte Emmerich Kálmán kompositorisch mit Gräfin Mariza – nach Ausflügen ins kühle Holland (Das Hollandweibchen) und ins lebenslustige Paris (Die Bajadere) – in sein heimatliches Ungarn zurück. Er legte seine Operette, zusammen mit seinen Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald, die ihm mit dem Stoff zwei Jahre hinterherliefen, in die Entstehungszeit 1924, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Als gekonnt erfundene ungarische Folklore mit Foxtrott-Rhythmen, Zigeunergeigen, Grafen, Baronen, Komtessen, livrierten Dienern spielt die Geschichte auf einem Landgut: Die kaiserlich-königliche Husaren-schneidigkeit und die schillernde Welt der einstigen Donaumonarchie büßt dabei, obwohl sie bereits vor hundert Jahren zu Grunde ging, nur wenig von ihrem Charme ein. Hingegen rückt die Puszta, in Gräfin Mariza vielbeschworenes Symbol für eine heile Kindheit, das unberührte Landleben und die Ursprünglichkeit allgemein an den Rand des Reiches. Für Graf Tassilo, den verarmten Grafen, ist die Glitzerwelt schmerzlich außer Reichweite, die Besitztümer seiner Familie sind verkauft, Vergnügungen kann er sich nicht mehr leisten. Sein Leben bewegt sich zwischen Rausch und Bankrott, Liebe und verletztem Adelsstolz. Als Verwalter eines Landgutes will er nun die Mitgift für seine Schwester sichern. Kálmán karikierte eine Gesellschaft, deren Hierarchie sich neu sortieren muss. Es ist eine Realsatire, die den Zusammenbruch der Monarchie Österreich-Ungarn beschreibt, Adelsfamilien verloren ihr Vermögen und büßten zudem per Adelsaufhebungsgesetz von 1919 ihre Adelstitel – bis heute – ein.

Gräfin Mariza – Emmerich Kalman
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Operettenredaktion BR-KLASSIK vergibt den „Frosch des Jahres 2018“

Die Inszenierung von Thomas Enzinger, die bereits 2014 an der Volksoper Wien zu sehen war, verbindet kunstvoll Humor, Gefühl und furiose Tanzeinlagen. Witzige, pointenreiche Dialoge wahren den Charakter der Operette, die durch das Regiekonzept an Tiefe gewinnt. Es ist spürbar, dass die scheinbare Fröhlichkeit oft ein „Lachen unter Tränen“ ist. Seinen furchtlosen Umgang mit der Gattung Operette zeichnet Enzingers handwerklich perfekte Wiesbadener Inszenierung aus. Mit viel Liebe zum Detail erzählt er die originale Geschichte. Im Prolog, noch vor der Ouvertüre, singt die Zigeunerin und Kartenlegerin Manja (Saem You) melancholisch „Glück ist ein schöner Traum“. Ihre blitzsaubere Auftrittsarie lässt aufhorchen. Ein Zigeunerprimas (Anton Tykhyy) ist zu hören – ein kleines Mädchen (Viktorine Marsolek) und Tschekko, ein alter Diener (Gottfried Herbe), der ihr einfühlsam die Liebesgeschichte von  Mariza und Tassilo erklärt, begleiten fortan die Szene. Die beiden treten einige Male aus der Operettenhandlung heraus und bilden durch die Fragen des Kindes eine erzählerische Klammer, die das Wesen der Liebe immer wieder aufgreift. Würden sich Mariza und Tassilo nur ein einziges Mal zur Aussprache treffen, wäre die Operette sehr bald erzählt. Stattdessen tanzen und sehnen sie sich zurück zu den Zeiten, in denen sie glücklich waren: „Einmal möchte‘ ich wieder tanzen, so wie damals im Mai…“ Nach diesem Duett beginnen sich ihre Gefühle wie unter einer verkrusteten, verhärteten Lavaschicht zu regen… Brillant zeichnet Enzinger die Figur des Baron Koloman Zsupan, der in einer furiosen Choreografie mit klappernden Mistgabeln rappt und an einem unsichtbaren Seil acht Doppelgänger über die Bühne zieht. Der dritte Akt mit Désirée Nick als schönheitsoperierter Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetzund Penižek (Klaus Krückemeyer) als ehemaligem Theaterkritiker liefert überdrehtes Operetten-Kabarett. Die vorzüglichen Lichtstimmungen von Klaus Krauspenhaar und Sabine Wiesenbauer steigern verheißungsvoll den Handlungsverlauf.

Enzinger und Toto (Bühne, Kostüme) lernten sich vor 17 Jahren kennen. Es war die Geburtsstunde ihres fruchtbaren Wirkens für die Operette, die immer seltener auf den Theaterspielplänen steht. Dabei ist sie höchst anspruchsvolles Boulevardtheater: Gesang, Dialoge, Witz und Sehnsüchte müssen überzeugend zum Publikum getragen werden. Das ist den beiden wieder einmal gelungen! Gräfin Mariza besticht durch Einfallsreichtum und Dichte der Melodien. Feurige Csárdásrhythmen, melancholische Zigeunermusik und „Schlager“ sorgen für schwungvolle Unterhaltung, treiben die turbulenten Verwirrungen um die große Liebe voran. Es sind romantische Gefühle, die man im Alltag oft vermisst. Dieser Glamour und das Gefühl, von der Musik umgarnt und getragen zu sein, führt zu Hochgefühl und guter Laune! Dem Affen wird reichlich Zucker gegeben – so reichlich, dass der Zuschauer auch durch seine Lachtränen hindurch noch die Virtuosität bemerken kann, mit der Emmerich Kálmán wie auch seine beiden Librettisten ihr Métier beherrschten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Toto entschied sich für einen prachtvollen Landschlossklassizismus mit mehreren Portalen. Die Drehbühne zeigt im raschen Wechsel eine Treppenanlage, auf der sich der Chor wirkungsvoll aufstellt, wie auch einen Lustgarten mit zarten Rosen. Zu den feurigen Klängen sind elegante Damen in Abendroben mit Hut und Federboas, Herren im Frack, geigende und tanzende Zigeuner im Kaminzimmer, der Kinderstube und im Salon mit weißen Rüschen-Vorhängen zu erleben… Die eleganten Kostüme der Gräfin – im 20iger Jahre Stil, der Zeit der Uraufführung – sind farblich wundervoll auf ihr rotes Haar abgestimmt.

Tanzsequenzen von Charles Kálmán und Modetänze von  Emmerich Kálmán  choreografiert Evamaria Mayer mit Schwung und großem Einfühlungsvermögen für die Musik. Großartig ihre Übertragung vom ungarischen Csárdás ins Scat- und Rapartige! Die Operette wird von acht Tänzerinnen und Tänzern (Janina Clark, Nathalie Gehrmann, Sofia Romano, Helena Sturm, Davide de Biasi, Valerio Porleri, Manuel Gaubatz, Christian Meusel, Myriam Lifka – Dance Captain) glänzend aufgemischt. Sie sind, wie der Zigeunerprimas, ganz in schwarz gekleidet. Folkloristische Farben werden nur dezent berücksichtigt. Mal als Zigeuner, mal als Tanzensemble in eleganten Kleidern mit tanzenden Schirmen im Tabarin, wo sich die Schönen und Reichen treffen, amüsieren sie das Publikum. Ihre heißblütigen Tanznummern sind voll mitreißender Dynamik…

Thomas Enzinger erhielt für seine Inszenierung von der Operettenredaktion BR-KLASSIK den „Frosch des Jahres 2018″. Die Auszeichnung wird seit Beginn des Jahres 2016 von der Jury der Redaktion Operette verliehen und zeichnet Monat für Monat nach eigener Definition „besonders gut gemachte, zeitgemäße und frische Operettenproduktionen“ aus. Die Redaktion gratulierte auch dem Intendanten und allen Ausführenden zu diesem opulenten Operettenfest.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Es bleibt kein Auge trocken…

Mit Sinnlichkeit, Schmelz und eloquenter Deklamation gibt Sabina Cvilak eine überlegte, fein ausdifferenzierte Darstellung der Gräfin Mariza. Sie präsentiert sich mit ihrem frischen Sopran effektvoll zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlen und brilliert gleich in ihrem Auftrittslied. Mühelos setzt sie ihre Töne, frei von Übertreibung. Ihre Schönheit, ihr Reichtum und ihre Kapriolen sind eine Absage an Mitgiftjäger, die sich einschleichen wollen. Als sie sich zum wiederholten Male auch von Tassilo betrogen sieht, ohrfeigt sie ihn mit einer großen Summe Geldes.

Wenn Gräfin Mariza und ihr Gutsverwalter Bela Törek, der in Wirklichkeit Graf Tassilo von Endrödy-Wittemburg ist, ihr schmachtendes „Sag ja…“ singen, wenn Marco Jentzsch mit seinem jugendlich frischen Timbre aus dem Vollen schöpft, bleibt kein Auge trocken. In sauber intonierter Entrücktheit singt er „Komm Zigan…“, „Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier“. Dem melancholischen Ehrenmann kommt zugute, dass er die Ohrwürmer des Abends zu singen hat. Immer wieder schwärmt er mit tenoralem Stimmenglanz und auffallend klarer Artikulation von seinen Zeiten als fescher Reiteroffizier in der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie.

Köstlich balzend empfiehlt sich Björn Breckheimer als tragikomischer Fürst Populescu. Er bereitet die Verlobungsfeier seiner Angebeteten, Gräfin Mariza, mit dem angeblichen Baron Koloman Zsupan vor, fragt sie aber auch, ob er nicht der Glückliche sei, in den sie sich verliebt habe. Um zum Erfolg zu kommen, scheut er weder Kosten noch Mühen. Erst nach einer durchzechten Nacht gesteht er seinem Saufkumpanen Zsupan, dass er immer noch unsterblich in eine Fürstin verliebt sei, die er seit Jahren nicht gesehen hat. In der Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz erkennt er alsbald seine Jugendliebe wieder, sein „Maiglöckchen!“, dem er sofort einen Heiratsantrag macht – ihren Diener Penižek heiratet er gleich mit, weil er dessen Lächeln und Mimik in der Ehe braucht.

Björn Breckheimer, Sänger, Schauspieler und früherer Solotänzer meistert die anspruchsvolle Partie glänzend. Umwerfend, quicklebendig, mit Rampensaupotential und hoher Flexibilität präsentiert er die beredten Schattierungen seines Baritons. Grandios unterstreicht Erik Biegel als Baron Koloman Zsupan mit angenehmer Tenorbuffo-Stimme sein komisches Talent. Als vermeintlicher Baron in roter Lederjacke tobt er als Wirbelwind in einem unglaublichen Parforceritt über die Bühne, tanzt wie der Teufel… Sein köstlicher ungarischer Akzent überzeichnet humorvoll die Figur. Einer der Höhepunkte des Abends ist der bereits erwähnte Mistgabel-Rap. Wiederholt bekommt Biegel Szenenapplaus. Nach seiner zunächst tollpatschigen Annäherung an Lisa endet sein Werben mit einem berührend gesungenen „Ich möchte träumen von dir, mein Puzikam“. Die Lisa von Shira Patchornik ist eine unbekümmerte junge Frau, die unreflektiert der Handlung und ihrer Liebe zu Zsupan freien Lauf lässt. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und Klarheit der Diktion. Mühelos mit jugendlich strahlendem Sopran überzeugt sie im Zusammenspiel mit ihrem Bruder Tassilo „Brüderlein, Schwesterlein“, „Sonnenschein hüllt dich ein – O schöne Kinderzeit“ und mit Zsupan  „Junger Mann ein Mädel liebt – Behüt dich Gott komm gut nach Haus“.  Die Vertrautheit mit ihren beiden Bühnenpartnern ist spürbar. Thomas Jansen als Karl Stephan Liebenberg ist ein distinguierter Lebemann, der nicht verstehen kann, dass sein ehemals lebenslustiger Freund Tassilo seinen gesamten Familienbesitz veräußern will. Dennoch regelt er alles für ihn.

Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der Erbtante Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz (Désirée Nick), die auftaucht, um ihren Neffen und dessen Liebe zu retten. Im 3. Akt hat das Sprechtheater ein Übergewicht gegenüber der Musik. Ihrem Typ entsprechend erscheint die Fürstin äußerst extravagant, ganz Diva zeigt sie ihre langen Beine und rückt damit die Operette in die Nähe einer Revue. Für Désirée Nick wurde aus Kálmáns Herbstmanöver ein Entrée-Couplet eingefügt und mit einem neuen Text versehen, der den Schönheitswahn bei reifen Damen „Fünf Operationen und dann die nächste gratis…“ aufgreift. Ihr Gesicht ist nach den vielen Hautstraffungen so starr geworden ist, dass sie zum Lachen ihren schrägen Diener Penižek (Klaus Krückemeyer) braucht, der nicht nur ihrer Mimik Ausdruck verleiht, sondern auch als vormaliger Theaterkritiker, mit Sinn für Humor und Zitate aus der Literatur, das Geschehen kommentiert. Das ist grotesk komisch und gibt viel Raum für Lacher.

Gräfin Mariza und Graf Tassilo im Gespräch
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Operettenglanz  – Operettenglamour

Der Chor des Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne ist makellos einstudiert, wächst über sich hinaus und begeistert mit mitreißenden Tanznummern. „Heut‘ betrügen wir die Nacht, getanzt wird und gelacht, wenn der Champagner kracht! Heute ist uns alles ganz egal, heute schlafen wir im Nachtlokal! Heut‘, so lang die Welt noch steht, weil sie vielleicht schon morgen zum Teufel geht…“ Das alles: Gesang, Timing und Tanz bringt nostalgischen Operettenglanz und -glamour der Zwanzigerjahre auf die Bühne, wie man ihn von alten Filmen her erahnen kann. Eine tolle Leistung!

Das gilt auch für das unter der Musikalischen Leitung von Christoph Stiller subtil und schmissig aufspielende Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Stilistisch wendig und hochengagiert bringt das Orchester den Charme der Partitur und weitere Klangdelikatessen zum Leuchten. Den Musikern wird eine enorme Fülle an Artikulationsweisen entlockt, mit viel Atem für die liedhaften Rundungen der Form. Das ergibt einen vollsüffigen Mix aus Foxtrott und Walzer, Csárdás und Blues, Slowfox und Boston, Wiener Operettenso und und pseudoungarischer Folklore. Die Stunden vergehen  im Flug.

Sehr viel Zwischenapplaus und Standing Ovations! Wer diese Aufführung nicht bester Laune verlässt, dem ist nicht zu helfen.

Gräfin Mariza am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 1.2.; 18.6.; 26.6.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wien, Volksoper, Brigadoon – Musical – Alan J. Lerner, IOCO Kritik, 12.12.2019

Dezember 11, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

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Brigadoon – Musical – Alan J. Lerner & Frederick Loewe

…  ein Dorf in den schottischen Highlands, von Nebeln verschluckt …

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung des am 13. März 1947 am Broadway uraufgeführten Musicals Brigadoon von Alan J. Lerner und Frederick Loewe (My fair Lady, Camelot, Gigi) gelang der Volksoper Wien erneut eine Erfolgsproduktion auf die Bühne zu bringen.

Die Grundlage zu Brigadoon, dem sagenhaften schottischen Dorf, das nur alle hundert Jahre für einen Tag zum Leben erwacht, geht auf Ludwig Bechsteins Sagenschatz des Thüringerlandes (1937) zurück. Die Sage wurde von Friedrich Gerstäcker 1860 für seine Erzählung Germelshausen aufgegriffen. Traurig endet jedoch die Geschichte um den jungen Maler Arnold, der dem Mädchen Gertrud im Wald begegnet und sich in sie verliebt, nämlich mit der Trennung der beiden.

Brigadoon eine Einführung
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Da zwei Jahre nach Kriegsende ein in Deutschland spielendes Broadway-Musical undenkbar gewesen wäre, verlegte Alan J. Lerner die Handlung in die schottischen Highlands und ermöglichte ein Happy-End.

Die beiden New Yorker Freunde Tommy Albright und Jeff Douglas verlaufen sich auf einem Jagdausflug in den schottischen Highlands und landen in einer Ortschaft, die auf keiner Landkarte zu finden ist: Brigadoon. Auf dem Marktplatz treffen die beiden inmitten der traditionell bekleideten Einheimischen auch auf Andrew McLaren und seine beiden Töchtern Fiona und Jean. Letztere soll noch an diesem Tag mit dem jungen Charlie Dalrymple vermählt werden, worüber der in sie verliebte Harry Beaton verzweifelt. Fiona hingegen will warten, bis ihr der Richtige begegnet. Während Tommy sich sofort zu Fiona hingezogen fühlt, hat das Milchmädchen Meg Brockie ein Auge auf Jeff geworfen. Die beiden Amerikaner verstehen nicht, wo sie da hingeraten sind, warum es hier kein Telefon gibt und warum Charlie sich freut, dass das Wunder für ihn verschoben wurde.

Volksoper Wien / Brigadoon - hier : das Wiener Staatsballett und Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Brigadoon – hier : das Wiener Staatsballett und Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das Geheimnis von Brigadoon liegt 200 Jahre zurück. Als die Highlands von bösen Zauberern heimgesucht wurden, überlegte der Dorfpriester namens Forsythe wie er seine Gemeinde schützen könnte und bat Gott um ein Wunder: Brigadoon möge mitsamt seinen Bewohnern vom Nebel des Hochlands verschluckt werden und alle hundert Jahre soll das Dorf für einen Tag erwachen. Kommt ein Fremder in den Ort und liebt jemanden genug, kann er bleiben, verlässt jedoch ein Bewohner Brigadoon, würde das Dorf einschlafen und niemals mehr erwachen.

Harry Beaton stört die Hochzeitsfeier und verkündet, dass er Brigadoon verlassen will. Die Männer von Brigadoon verfolgen Harry, der auf seiner Flucht tödlich verunglückt. Fiona ist Tommy nachgeeilt und gesteht ihm ihre Liebe. Tommy ist verunsichert und gesteht Fiona, dass er trotz seiner Gefühle für sie nicht bleiben kann, doch sie weiß, dass sie ihn immer lieben wird.

Zurück in den USA kann Tommy Fiona immer noch nicht vergessen. Er kehrt zurück nach Brigadoon, um immer mit Fiona zusammen zu sein.

Rudolf Klaban (szenische Einrichtung), Florian Hurler (Choreografie) und Doris Engl (Kostüme) zeichnen sich für die großartige Umsetzung dieser weit mehr als nur halbszenischen Aufführung verantwortlich.

Volksoper Wien / Brigadoon - hier vorne: Peter Kirk als Charlie Dalrymple, hinten Vernon Jerry Rosen als Andrew MacLaren, Wiener Staatsballett, Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Brigadoon – hier vorne: Peter Kirk als Charlie Dalrymple, hinten Vernon Jerry Rosen als Andrew MacLaren, Wiener Staatsballett, Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit dem hervorragenden Ensemble der Volksoper ist aber auch die musikalische Umsetzung auf allerhöchstem Niveau. Gesungen wird in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln, zusätzlich führt Christoph Wagner-Trenkwitz als Erzähler durch den Abend.

Eine bessere Besetzung als die texanische Sopranistin Rebecca Nelsen kann man sich für die Partie der Fiona McLaren eigentlich nicht wünschen. Mit Intensität und Leidenschaft gestaltet sie die Rolle der Fiona mit ihrem schönen, klaren Sopran und findet damit in Ben Connor mit seinem wohlklingenden, dunklen, warmen Bariton als Tommy Albright ihren kongenialen Partner. Besonders intensiv erlebt man beide Sänger bei ihrem gemeinsamen Duett im zweiten Akt („From this day on“). Auf ebenso hohem Niveau erlebt man das zweite Paar: Juliette Khalil ist eine hinreißende, berührende Jean McLaren, der britische Tenor Peter Kirk beeindruckt als Charlie Dalrymple. In der Rolle des unglücklichen Harry Beaton brilliert Oliver Liebl nicht nur gesanglich und darstellerisch, sondern begeistert auch mit seiner großartigen Tanzleistung beim Schwerttanz. Optimal besetzt ist die Rolle von Tommy Albrights Freund Jeff Douglas mit dem vielseitigen amerikanischen Tenor Jeffrey Treganza, der in der austrialischen Mezzosopranistin Jessica Aszodi als Meg Brockie seine ideale Partnerin findet. Höchstes Lob auch für die kleineren Partien: Vernon Jerry Rosen als Andrew McLaren, Jakob Semotan (Stuart Cameron), Maximilian Klakow (Sandy Dean), Lauren Urquhart (Jane Ashton), Sarah Weidinger (Kate) und Mila Schmidt (Maggie).

BrigadoonEin Musical
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Eine hervorragende Leistung erlebt man auch vom Chor der Volksoper Wien (Choreinstudierung Thomas Böttcher). Mit viel Schwung und Eleganz läuft das Orchester der Volksoper Wien unter Lorenz C. Aichner zur Höchstform auf. Ganz besonderen Eindruck hinterließen aber auch Irmgard Foglar und Saskia Konz (Dudelsack) und Julia Nusko (Trommel), die nicht nur beim Leichenzug von Harry Beaton, sondern schon vor Vorstellungsbeginn in den Gängen und Foyers der Volksoper mit schottischen Klängen für die richtige Stimmung sorgten. Das Publikum dankte mit kaum enden wollendem Jubel. Am Ende sagt Christoph Wagner-Trenkwitz die berührenden Worte „Wenn Du jemanden wirklich liebst, ist alles möglich.“. Dem möchte man nichts mehr hinzufügen, außer der leisen Hoffnung, dass es keine hundert Jahre dauert, bis Brigadoon wieder auf einer österreichischen Bühne aus den schottischen Hochlandnebeln aufsteigt.

Brigadoon an der Volksoepr Wien; die weiteren Termine 13.12.

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