Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán, 01.02.2020

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

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 Gräfin Mariza – Emmerich Kálmán

– Der Zusammenbruch der KuK-Monarchie  als Realsatire –

von Ingrid Freiberg

Emmerich Kalman in Wien © IOCO

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Knapp zehn Jahre nach dem Erfolg seiner Csárdásfürstin kehrte Emmerich Kálmán kompositorisch mit Gräfin Mariza – nach Ausflügen ins kühle Holland (Das Hollandweibchen) und ins lebenslustige Paris (Die Bajadere) – in sein heimatliches Ungarn zurück. Er legte seine Operette, zusammen mit seinen Librettisten Julius Brammer und Alfred Grünwald, die ihm mit dem Stoff zwei Jahre hinterherliefen, in die Entstehungszeit 1924, kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Als gekonnt erfundene ungarische Folklore mit Foxtrott-Rhythmen, Zigeunergeigen, Grafen, Baronen, Komtessen, livrierten Dienern spielt die Geschichte auf einem Landgut: Die kaiserlich-königliche Husaren-schneidigkeit und die schillernde Welt der einstigen Donaumonarchie büßt dabei, obwohl sie bereits vor hundert Jahren zu Grunde ging, nur wenig von ihrem Charme ein. Hingegen rückt die Puszta, in Gräfin Mariza vielbeschworenes Symbol für eine heile Kindheit, das unberührte Landleben und die Ursprünglichkeit allgemein an den Rand des Reiches. Für Graf Tassilo, den verarmten Grafen, ist die Glitzerwelt schmerzlich außer Reichweite, die Besitztümer seiner Familie sind verkauft, Vergnügungen kann er sich nicht mehr leisten. Sein Leben bewegt sich zwischen Rausch und Bankrott, Liebe und verletztem Adelsstolz. Als Verwalter eines Landgutes will er nun die Mitgift für seine Schwester sichern. Kálmán karikierte eine Gesellschaft, deren Hierarchie sich neu sortieren muss. Es ist eine Realsatire, die den Zusammenbruch der Monarchie Österreich-Ungarn beschreibt, Adelsfamilien verloren ihr Vermögen und büßten zudem per Adelsaufhebungsgesetz von 1919 ihre Adelstitel – bis heute – ein.

Gräfin Mariza – Emmerich Kalman
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Operettenredaktion BR-KLASSIK vergibt den „Frosch des Jahres 2018“

Die Inszenierung von Thomas Enzinger, die bereits 2014 an der Volksoper Wien zu sehen war, verbindet kunstvoll Humor, Gefühl und furiose Tanzeinlagen. Witzige, pointenreiche Dialoge wahren den Charakter der Operette, die durch das Regiekonzept an Tiefe gewinnt. Es ist spürbar, dass die scheinbare Fröhlichkeit oft ein „Lachen unter Tränen“ ist. Seinen furchtlosen Umgang mit der Gattung Operette zeichnet Enzingers handwerklich perfekte Wiesbadener Inszenierung aus. Mit viel Liebe zum Detail erzählt er die originale Geschichte. Im Prolog, noch vor der Ouvertüre, singt die Zigeunerin und Kartenlegerin Manja (Saem You) melancholisch „Glück ist ein schöner Traum“. Ihre blitzsaubere Auftrittsarie lässt aufhorchen. Ein Zigeunerprimas (Anton Tykhyy) ist zu hören – ein kleines Mädchen (Viktorine Marsolek) und Tschekko, ein alter Diener (Gottfried Herbe), der ihr einfühlsam die Liebesgeschichte von  Mariza und Tassilo erklärt, begleiten fortan die Szene. Die beiden treten einige Male aus der Operettenhandlung heraus und bilden durch die Fragen des Kindes eine erzählerische Klammer, die das Wesen der Liebe immer wieder aufgreift. Würden sich Mariza und Tassilo nur ein einziges Mal zur Aussprache treffen, wäre die Operette sehr bald erzählt. Stattdessen tanzen und sehnen sie sich zurück zu den Zeiten, in denen sie glücklich waren: „Einmal möchte‘ ich wieder tanzen, so wie damals im Mai…“ Nach diesem Duett beginnen sich ihre Gefühle wie unter einer verkrusteten, verhärteten Lavaschicht zu regen… Brillant zeichnet Enzinger die Figur des Baron Koloman Zsupan, der in einer furiosen Choreografie mit klappernden Mistgabeln rappt und an einem unsichtbaren Seil acht Doppelgänger über die Bühne zieht. Der dritte Akt mit Désirée Nick als schönheitsoperierter Fürstin Božena Guddenstein zu Clumetzund Penižek (Klaus Krückemeyer) als ehemaligem Theaterkritiker liefert überdrehtes Operetten-Kabarett. Die vorzüglichen Lichtstimmungen von Klaus Krauspenhaar und Sabine Wiesenbauer steigern verheißungsvoll den Handlungsverlauf.

Enzinger und Toto (Bühne, Kostüme) lernten sich vor 17 Jahren kennen. Es war die Geburtsstunde ihres fruchtbaren Wirkens für die Operette, die immer seltener auf den Theaterspielplänen steht. Dabei ist sie höchst anspruchsvolles Boulevardtheater: Gesang, Dialoge, Witz und Sehnsüchte müssen überzeugend zum Publikum getragen werden. Das ist den beiden wieder einmal gelungen! Gräfin Mariza besticht durch Einfallsreichtum und Dichte der Melodien. Feurige Csárdásrhythmen, melancholische Zigeunermusik und „Schlager“ sorgen für schwungvolle Unterhaltung, treiben die turbulenten Verwirrungen um die große Liebe voran. Es sind romantische Gefühle, die man im Alltag oft vermisst. Dieser Glamour und das Gefühl, von der Musik umgarnt und getragen zu sein, führt zu Hochgefühl und guter Laune! Dem Affen wird reichlich Zucker gegeben – so reichlich, dass der Zuschauer auch durch seine Lachtränen hindurch noch die Virtuosität bemerken kann, mit der Emmerich Kálmán wie auch seine beiden Librettisten ihr Métier beherrschten.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Sabina Cvilak als Gräfin Mariza © Karl und Monika Forster

Toto entschied sich für einen prachtvollen Landschlossklassizismus mit mehreren Portalen. Die Drehbühne zeigt im raschen Wechsel eine Treppenanlage, auf der sich der Chor wirkungsvoll aufstellt, wie auch einen Lustgarten mit zarten Rosen. Zu den feurigen Klängen sind elegante Damen in Abendroben mit Hut und Federboas, Herren im Frack, geigende und tanzende Zigeuner im Kaminzimmer, der Kinderstube und im Salon mit weißen Rüschen-Vorhängen zu erleben… Die eleganten Kostüme der Gräfin – im 20iger Jahre Stil, der Zeit der Uraufführung – sind farblich wundervoll auf ihr rotes Haar abgestimmt.

Tanzsequenzen von Charles Kálmán und Modetänze von  Emmerich Kálmán  choreografiert Evamaria Mayer mit Schwung und großem Einfühlungsvermögen für die Musik. Großartig ihre Übertragung vom ungarischen Csárdás ins Scat- und Rapartige! Die Operette wird von acht Tänzerinnen und Tänzern (Janina Clark, Nathalie Gehrmann, Sofia Romano, Helena Sturm, Davide de Biasi, Valerio Porleri, Manuel Gaubatz, Christian Meusel, Myriam Lifka – Dance Captain) glänzend aufgemischt. Sie sind, wie der Zigeunerprimas, ganz in schwarz gekleidet. Folkloristische Farben werden nur dezent berücksichtigt. Mal als Zigeuner, mal als Tanzensemble in eleganten Kleidern mit tanzenden Schirmen im Tabarin, wo sich die Schönen und Reichen treffen, amüsieren sie das Publikum. Ihre heißblütigen Tanznummern sind voll mitreißender Dynamik…

Thomas Enzinger erhielt für seine Inszenierung von der Operettenredaktion BR-KLASSIK den „Frosch des Jahres 2018″. Die Auszeichnung wird seit Beginn des Jahres 2016 von der Jury der Redaktion Operette verliehen und zeichnet Monat für Monat nach eigener Definition „besonders gut gemachte, zeitgemäße und frische Operettenproduktionen“ aus. Die Redaktion gratulierte auch dem Intendanten und allen Ausführenden zu diesem opulenten Operettenfest.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza - hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Gräfin Mariza – hier : Ensemble, Tänzer, Chor © Karl und Monika Forster

Es bleibt kein Auge trocken…

Mit Sinnlichkeit, Schmelz und eloquenter Deklamation gibt Sabina Cvilak eine überlegte, fein ausdifferenzierte Darstellung der Gräfin Mariza. Sie präsentiert sich mit ihrem frischen Sopran effektvoll zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlen und brilliert gleich in ihrem Auftrittslied. Mühelos setzt sie ihre Töne, frei von Übertreibung. Ihre Schönheit, ihr Reichtum und ihre Kapriolen sind eine Absage an Mitgiftjäger, die sich einschleichen wollen. Als sie sich zum wiederholten Male auch von Tassilo betrogen sieht, ohrfeigt sie ihn mit einer großen Summe Geldes.

Wenn Gräfin Mariza und ihr Gutsverwalter Bela Törek, der in Wirklichkeit Graf Tassilo von Endrödy-Wittemburg ist, ihr schmachtendes „Sag ja…“ singen, wenn Marco Jentzsch mit seinem jugendlich frischen Timbre aus dem Vollen schöpft, bleibt kein Auge trocken. In sauber intonierter Entrücktheit singt er „Komm Zigan…“, „Auch ich war einst ein feiner Csárdáskavalier“. Dem melancholischen Ehrenmann kommt zugute, dass er die Ohrwürmer des Abends zu singen hat. Immer wieder schwärmt er mit tenoralem Stimmenglanz und auffallend klarer Artikulation von seinen Zeiten als fescher Reiteroffizier in der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie.

Köstlich balzend empfiehlt sich Björn Breckheimer als tragikomischer Fürst Populescu. Er bereitet die Verlobungsfeier seiner Angebeteten, Gräfin Mariza, mit dem angeblichen Baron Koloman Zsupan vor, fragt sie aber auch, ob er nicht der Glückliche sei, in den sie sich verliebt habe. Um zum Erfolg zu kommen, scheut er weder Kosten noch Mühen. Erst nach einer durchzechten Nacht gesteht er seinem Saufkumpanen Zsupan, dass er immer noch unsterblich in eine Fürstin verliebt sei, die er seit Jahren nicht gesehen hat. In der Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz erkennt er alsbald seine Jugendliebe wieder, sein „Maiglöckchen!“, dem er sofort einen Heiratsantrag macht – ihren Diener Penižek heiratet er gleich mit, weil er dessen Lächeln und Mimik in der Ehe braucht.

Björn Breckheimer, Sänger, Schauspieler und früherer Solotänzer meistert die anspruchsvolle Partie glänzend. Umwerfend, quicklebendig, mit Rampensaupotential und hoher Flexibilität präsentiert er die beredten Schattierungen seines Baritons. Grandios unterstreicht Erik Biegel als Baron Koloman Zsupan mit angenehmer Tenorbuffo-Stimme sein komisches Talent. Als vermeintlicher Baron in roter Lederjacke tobt er als Wirbelwind in einem unglaublichen Parforceritt über die Bühne, tanzt wie der Teufel… Sein köstlicher ungarischer Akzent überzeichnet humorvoll die Figur. Einer der Höhepunkte des Abends ist der bereits erwähnte Mistgabel-Rap. Wiederholt bekommt Biegel Szenenapplaus. Nach seiner zunächst tollpatschigen Annäherung an Lisa endet sein Werben mit einem berührend gesungenen „Ich möchte träumen von dir, mein Puzikam“. Die Lisa von Shira Patchornik ist eine unbekümmerte junge Frau, die unreflektiert der Handlung und ihrer Liebe zu Zsupan freien Lauf lässt. Bei ihr vereinigen sich mädchenhafte Ausstrahlung, Leichtigkeit und Klarheit der Diktion. Mühelos mit jugendlich strahlendem Sopran überzeugt sie im Zusammenspiel mit ihrem Bruder Tassilo „Brüderlein, Schwesterlein“, „Sonnenschein hüllt dich ein – O schöne Kinderzeit“ und mit Zsupan  „Junger Mann ein Mädel liebt – Behüt dich Gott komm gut nach Haus“.  Die Vertrautheit mit ihren beiden Bühnenpartnern ist spürbar. Thomas Jansen als Karl Stephan Liebenberg ist ein distinguierter Lebemann, der nicht verstehen kann, dass sein ehemals lebenslustiger Freund Tassilo seinen gesamten Familienbesitz veräußern will. Dennoch regelt er alles für ihn.

Ein weiterer komödiantischer Höhepunkt des Abends ist der Auftritt der Erbtante Fürstin Bozena Guddenstein zu Chlumetz (Désirée Nick), die auftaucht, um ihren Neffen und dessen Liebe zu retten. Im 3. Akt hat das Sprechtheater ein Übergewicht gegenüber der Musik. Ihrem Typ entsprechend erscheint die Fürstin äußerst extravagant, ganz Diva zeigt sie ihre langen Beine und rückt damit die Operette in die Nähe einer Revue. Für Désirée Nick wurde aus Kálmáns Herbstmanöver ein Entrée-Couplet eingefügt und mit einem neuen Text versehen, der den Schönheitswahn bei reifen Damen „Fünf Operationen und dann die nächste gratis…“ aufgreift. Ihr Gesicht ist nach den vielen Hautstraffungen so starr geworden ist, dass sie zum Lachen ihren schrägen Diener Penižek (Klaus Krückemeyer) braucht, der nicht nur ihrer Mimik Ausdruck verleiht, sondern auch als vormaliger Theaterkritiker, mit Sinn für Humor und Zitate aus der Literatur, das Geschehen kommentiert. Das ist grotesk komisch und gibt viel Raum für Lacher.

Gräfin Mariza und Graf Tassilo im Gespräch
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Operettenglanz  – Operettenglamour

Der Chor des Hessischen Staatstheater Wiesbaden unter Leitung von Albert Horne ist makellos einstudiert, wächst über sich hinaus und begeistert mit mitreißenden Tanznummern. „Heut‘ betrügen wir die Nacht, getanzt wird und gelacht, wenn der Champagner kracht! Heute ist uns alles ganz egal, heute schlafen wir im Nachtlokal! Heut‘, so lang die Welt noch steht, weil sie vielleicht schon morgen zum Teufel geht…“ Das alles: Gesang, Timing und Tanz bringt nostalgischen Operettenglanz und -glamour der Zwanzigerjahre auf die Bühne, wie man ihn von alten Filmen her erahnen kann. Eine tolle Leistung!

Das gilt auch für das unter der Musikalischen Leitung von Christoph Stiller subtil und schmissig aufspielende Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Stilistisch wendig und hochengagiert bringt das Orchester den Charme der Partitur und weitere Klangdelikatessen zum Leuchten. Den Musikern wird eine enorme Fülle an Artikulationsweisen entlockt, mit viel Atem für die liedhaften Rundungen der Form. Das ergibt einen vollsüffigen Mix aus Foxtrott und Walzer, Csárdás und Blues, Slowfox und Boston, Wiener Operettenso und und pseudoungarischer Folklore. Die Stunden vergehen  im Flug.

Sehr viel Zwischenapplaus und Standing Ovations! Wer diese Aufführung nicht bester Laune verlässt, dem ist nicht zu helfen.

Gräfin Mariza am Hessischen Staatstheater; die weiteren Termine 1.2.; 18.6.; 26.6.2020

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wien, Volksoper, Brigadoon – Musical – Alan J. Lerner, IOCO Kritik, 12.12.2019

Dezember 11, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

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Brigadoon – Musical – Alan J. Lerner & Frederick Loewe

…  ein Dorf in den schottischen Highlands, von Nebeln verschluckt …

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung des am 13. März 1947 am Broadway uraufgeführten Musicals Brigadoon von Alan J. Lerner und Frederick Loewe (My fair Lady, Camelot, Gigi) gelang der Volksoper Wien erneut eine Erfolgsproduktion auf die Bühne zu bringen.

Die Grundlage zu Brigadoon, dem sagenhaften schottischen Dorf, das nur alle hundert Jahre für einen Tag zum Leben erwacht, geht auf Ludwig Bechsteins Sagenschatz des Thüringerlandes (1937) zurück. Die Sage wurde von Friedrich Gerstäcker 1860 für seine Erzählung Germelshausen aufgegriffen. Traurig endet jedoch die Geschichte um den jungen Maler Arnold, der dem Mädchen Gertrud im Wald begegnet und sich in sie verliebt, nämlich mit der Trennung der beiden.

Brigadoon eine Einführung
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Da zwei Jahre nach Kriegsende ein in Deutschland spielendes Broadway-Musical undenkbar gewesen wäre, verlegte Alan J. Lerner die Handlung in die schottischen Highlands und ermöglichte ein Happy-End.

Die beiden New Yorker Freunde Tommy Albright und Jeff Douglas verlaufen sich auf einem Jagdausflug in den schottischen Highlands und landen in einer Ortschaft, die auf keiner Landkarte zu finden ist: Brigadoon. Auf dem Marktplatz treffen die beiden inmitten der traditionell bekleideten Einheimischen auch auf Andrew McLaren und seine beiden Töchtern Fiona und Jean. Letztere soll noch an diesem Tag mit dem jungen Charlie Dalrymple vermählt werden, worüber der in sie verliebte Harry Beaton verzweifelt. Fiona hingegen will warten, bis ihr der Richtige begegnet. Während Tommy sich sofort zu Fiona hingezogen fühlt, hat das Milchmädchen Meg Brockie ein Auge auf Jeff geworfen. Die beiden Amerikaner verstehen nicht, wo sie da hingeraten sind, warum es hier kein Telefon gibt und warum Charlie sich freut, dass das Wunder für ihn verschoben wurde.

Volksoper Wien / Brigadoon - hier : das Wiener Staatsballett und Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Brigadoon – hier : das Wiener Staatsballett und Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das Geheimnis von Brigadoon liegt 200 Jahre zurück. Als die Highlands von bösen Zauberern heimgesucht wurden, überlegte der Dorfpriester namens Forsythe wie er seine Gemeinde schützen könnte und bat Gott um ein Wunder: Brigadoon möge mitsamt seinen Bewohnern vom Nebel des Hochlands verschluckt werden und alle hundert Jahre soll das Dorf für einen Tag erwachen. Kommt ein Fremder in den Ort und liebt jemanden genug, kann er bleiben, verlässt jedoch ein Bewohner Brigadoon, würde das Dorf einschlafen und niemals mehr erwachen.

Harry Beaton stört die Hochzeitsfeier und verkündet, dass er Brigadoon verlassen will. Die Männer von Brigadoon verfolgen Harry, der auf seiner Flucht tödlich verunglückt. Fiona ist Tommy nachgeeilt und gesteht ihm ihre Liebe. Tommy ist verunsichert und gesteht Fiona, dass er trotz seiner Gefühle für sie nicht bleiben kann, doch sie weiß, dass sie ihn immer lieben wird.

Zurück in den USA kann Tommy Fiona immer noch nicht vergessen. Er kehrt zurück nach Brigadoon, um immer mit Fiona zusammen zu sein.

Rudolf Klaban (szenische Einrichtung), Florian Hurler (Choreografie) und Doris Engl (Kostüme) zeichnen sich für die großartige Umsetzung dieser weit mehr als nur halbszenischen Aufführung verantwortlich.

Volksoper Wien / Brigadoon - hier vorne: Peter Kirk als Charlie Dalrymple, hinten Vernon Jerry Rosen als Andrew MacLaren, Wiener Staatsballett, Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Brigadoon – hier vorne: Peter Kirk als Charlie Dalrymple, hinten Vernon Jerry Rosen als Andrew MacLaren, Wiener Staatsballett, Chor © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit dem hervorragenden Ensemble der Volksoper ist aber auch die musikalische Umsetzung auf allerhöchstem Niveau. Gesungen wird in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln, zusätzlich führt Christoph Wagner-Trenkwitz als Erzähler durch den Abend.

Eine bessere Besetzung als die texanische Sopranistin Rebecca Nelsen kann man sich für die Partie der Fiona McLaren eigentlich nicht wünschen. Mit Intensität und Leidenschaft gestaltet sie die Rolle der Fiona mit ihrem schönen, klaren Sopran und findet damit in Ben Connor mit seinem wohlklingenden, dunklen, warmen Bariton als Tommy Albright ihren kongenialen Partner. Besonders intensiv erlebt man beide Sänger bei ihrem gemeinsamen Duett im zweiten Akt („From this day on“). Auf ebenso hohem Niveau erlebt man das zweite Paar: Juliette Khalil ist eine hinreißende, berührende Jean McLaren, der britische Tenor Peter Kirk beeindruckt als Charlie Dalrymple. In der Rolle des unglücklichen Harry Beaton brilliert Oliver Liebl nicht nur gesanglich und darstellerisch, sondern begeistert auch mit seiner großartigen Tanzleistung beim Schwerttanz. Optimal besetzt ist die Rolle von Tommy Albrights Freund Jeff Douglas mit dem vielseitigen amerikanischen Tenor Jeffrey Treganza, der in der austrialischen Mezzosopranistin Jessica Aszodi als Meg Brockie seine ideale Partnerin findet. Höchstes Lob auch für die kleineren Partien: Vernon Jerry Rosen als Andrew McLaren, Jakob Semotan (Stuart Cameron), Maximilian Klakow (Sandy Dean), Lauren Urquhart (Jane Ashton), Sarah Weidinger (Kate) und Mila Schmidt (Maggie).

BrigadoonEin Musical
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Eine hervorragende Leistung erlebt man auch vom Chor der Volksoper Wien (Choreinstudierung Thomas Böttcher). Mit viel Schwung und Eleganz läuft das Orchester der Volksoper Wien unter Lorenz C. Aichner zur Höchstform auf. Ganz besonderen Eindruck hinterließen aber auch Irmgard Foglar und Saskia Konz (Dudelsack) und Julia Nusko (Trommel), die nicht nur beim Leichenzug von Harry Beaton, sondern schon vor Vorstellungsbeginn in den Gängen und Foyers der Volksoper mit schottischen Klängen für die richtige Stimmung sorgten. Das Publikum dankte mit kaum enden wollendem Jubel. Am Ende sagt Christoph Wagner-Trenkwitz die berührenden Worte „Wenn Du jemanden wirklich liebst, ist alles möglich.“. Dem möchte man nichts mehr hinzufügen, außer der leisen Hoffnung, dass es keine hundert Jahre dauert, bis Brigadoon wieder auf einer österreichischen Bühne aus den schottischen Hochlandnebeln aufsteigt.

Brigadoon an der Volksoepr Wien; die weiteren Termine 13.12.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wien, Volksoper Wien, Das Gespenst von Canterville – Marius Felix Lange, IOCO Kritik, 14.11.2019

November 14, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Volksoper Wien bei Nacht Foto IOCO

Das Gespenst von Canterville –  Marius Felix Lange

– Komödie über einen Gespenst, dem der Zeitgeist suspekt ist –

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung von der Familienoper Das Gespenst von Canterville von Marius Felix Lange gelang der Volksoper Wien erneut ein veritabler Erfolg mit dem Potenzial das Repertoire langfristig zu bereichern.

Das Gespenst von CantervilleMarius Felix Lange
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Vorlage des gelungenen Librettos von Michael Frowin ist die gleichnamige Erzählung und Gesellschaftssatire des irischen Schriftstellers Oscar Wilde (1854-1900), der bereits mit der Vertonung seines Dramas Salome durch Richard Strauss Operngeschichte schrieb.
Die Geschichte des Gespenstes Sir Simon von Canterville, der am modernen amerikanischen Zeitgeist scheitert und selbst Angst vor den neuen Bewohnern des Schlosses bekommt, wurde von Maris Felix Lange und Michael Frowin in die Gegenwart geholt.

Aus der Familie des amerikanischen Gesandten Hiram B. Otis rückt die Familie des Immobilien-Unternehmers Georg König in den Mittelpunkt der Handlung. Dieser kauft das Schloss Canterville und zieht mit seinen drei Kindern, der Tochter Virginia und den Brüdern Leon und Noel (ein gelungenes Wortspiel), im Anwesen ein. Mit von der Partie ist auch die Assistentin und neue Liebe Frauke-Beeke Hansen, sehr zum Leidwesen von Tochter Virginia, die den Tod der Mutter noch nicht verkraftet hat. Mit der Familie König hat weder das Gespenst Sir Simon noch Mrs. Cecilia Umnay, die Haushälterin des Schlosses, gerechnet.

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville - hier : Morten Frank Larsen als Sir Simon von Canterville © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville – hier : Morten Frank Larsen als Sir Simon von Canterville © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der 400 Jahre alte Blutfleck wird von Frauke-Beeke einfach mit einem Universalreiniger entfernt und der in der Nacht herumgeisternde Sir Simon wird von Georg König kurzerhand aufgefordert seine Ketten zu ölen und mit Zahnpasta seinen Mundgeruch zu beseitigen. Obwohl am nächsten der Tag der Blutfleck zurück ist, diesmal grün, ist Frauke-Beeke gut gelaunt. Der Kaufvertrag ist bestätigt, dem Umbau steht nichts im Wege und auch Mrs. Umnay und ihr Sohn David sollen nun aus dem Schloss geworfen werden. Virginia ist entsetzt, als sie dies hört und Sir Simon beschließt, die lästigen Bewohner schon tagsüber zu erschrecken, was einen hysterischen Anfall Frauke-Beekes nach sich zieht.

Sir Simon belauscht ein Gespräch zwischen Georg König und Virginia, der die Mutter fehlt. Auch möchte Virginia verhindern, dass die Umbaupläne durchgeführt werden. In Gedanken hört Virginia die Stimme ihrer Mutter, die sie in den Schlaf singt. Im Traum sieht sie, wie das Gespenst einst seine Frau getötet hat. Als sie erwacht, steht Sir Simon vor ihr und sie geraten in Streit über diese Untat. Doch schon erscheinen die beiden Brüder und misshandeln das Gespenst erneut. Sir Simon flieht über den Kamin zurück in sein Bild.

Volksoper Wien / Das Gespenst von Canterville – hier : Rebecca Nelsen als Frauke-Beeke Hansen, Regula Rosin als Mrs. Cecilia Umney, Paul Schweinester als David Umney © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Am nächsten Tag reist Georg König ab, nicht ohne sich vorher von Frauke-Beeke versprechen zu lassen, die Hotelpläne zu verwerfen. Doch kaum ist er weg, lässt sie die Bauarbeiter für die Vorbereitungen zum Abriss des Schlosses zur Tür herein. Entstehen soll ein Halloween-Event-Hotel mit echtem Schlossgespenst. Die Kinder, Mrs. Umnay und ihr Sohn David verschwören sich gegen Frauke-Beeke, packen sie in eine Umzugskiste und lassen sie abtransportieren. Sir Simon, der sich seit 400 Jahren nach Schlaf sehnt, vertraut sich Virginia an, die bereit ist ihm zu helfen, den Fluch zu brechen. Der zurückgekehrte Georg König erfährt vom erlösten Gespenst und der entsorgten Assistentin und möchte nur noch das Schloss rasch sanieren und verkaufen. Doch da erfährt er von Mrs. Umnay, dass der Kaufvertrag gegenstandslos ist, denn die Grafen von Canterville sind gar nicht ausgestorben…

Regisseur Philipp M. Krenn lässt die Handlung im Eingangs- und Wohnbereich des Schlosses (Bühnenbild Walter Schütze) spielen, welches über eine zentrale Wendeltreppe zur Ahnengalerie und den Schlafräumen verfügt. Mit kluger Personenführung und den erstklassigen Videos von Roman Hansi, welche die Zuseher schon zu Beginn auf eine spannende und rasante Reise durch einen Wald in Richtung Schloss mitnimmt und im Anschluss den Ahnen in den Gemälden Leben einhaucht, gelingt es Philipp M. Krenn, die Mischung aus Ironie und tiefen Emotionen hervorragend herauszuarbeiten. Das Ergebnis ist eine Inszenierung, die nicht nur dem jungen Publikum große Freude bereitet.

Morten Frank Larsen glänzt in der Partie des Sir Simon, dem Gespenst von Canterville und spukt mit seinem wohltönenden Bariton mit vollem Körpereinsatz. Aber auch in den ernsten Momenten der Oper vermag er in seinem Leid zutiefst zu berühren. Ideal besetzt ist die Rolle der empathischen Virginia mit der Wiener Sopranistin Anita Götz, die nicht nur mit der notwendigen jugendlichen Frische überzeugt, sondern vielmehr auch musikalisch zu begeistern vermag. Die beiden Hausdebütanten Lukas Karzel und Stefan Bleiberschnig als ihre Brüder Leon und Noel erfreuen mit ihrer unerschöpflichen Energie das Publikum ebenso wie mit der kleinen Rap-Einlage im zweiten Teil.

Das Gespenst zwischen Ironie und Innigkeit
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Mit der fordernden Partie der Mrs. Umnay brilliert Regula Rosin, langjähriges Ensemblemitglied der Volksoper, musikalisch auf höchstem Niveau und ist auch in ihrer Darstellung als steife britische Haushälterin unübertroffen. Eine hervorragende Leistung auch von Paul Schweinester als ihr wunderbar schüchterner Sohn David.
Brillant auch die vielseitige Sopranistin Rebecca Nelsen als zickig-böse Assistentin Frauke-Beeke Hansen, die hier nicht nur ihre darstellerischen Qualitäten, sondern erneut ihr großes Talent für zeitgenössische Werke aufs Neue beweist. Als Einspringer zeigt Reinhard Mayr, dass er die Rolle des Georg Königs seit der Uraufführung 2013 immer noch mit Leichtigkeit bewältigen und das Publikum begeistern kann.

Großartig auch der Chor der Volksoper Wien (Choreinstudierung Thomas Böttcher), der in dieser Inszenierung über eine Vielzahl von gruseligen Charakteren verfügt. Ein Idealfall auch Dirigent Gerrit Prießnitz am Pult des Orchesters der Volksoper Wien. Mit unglaublicher Dynamik lässt Gerrit Prießnitz die Partitur von Marius Felix Lange zwischen kammermusikalischen Momenten, Filmmusik und Moderne, akustisch in den intensivsten Farben erstrahlen.

Mit wohlverdientem Jubel bedachte das Publikum eine Produktion die, wie die Bezeichnung „Familienoper“ schon ausdrückt, Jung und Alt gleichermaßen begeisterte.

—| IOCO Kritik Volksoper Wien |—

Wien, Volksoper Wien, Cabaret – Inspirationen bei Revue und Ragtime, IOCO Kritik, 27.09.2019

September 27, 2019 by  
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Volksoper Wien

 Volksoper Wien bei Nacht © IOCO

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 Cabaret  –  Inspirationen bei Ragtime und Revue

– in Fräulein Schneiders Berliner Pension kulminieren Träume –

von Marcus Haimerl

Grundlage für das im November 1966 in New York uraufgeführte Musical Cabaret von John Kander und Fred Ebb bildet das Theaterstück I am a camera (verfilmt 1955 mit Julie Harris und Laurence Harvey) nach den beiden autobiographischen Romanen Mr. Norris steigt um (Mr. Norris changes trains, 1935) und Leb wohl, Berlin (Goodbye to Berlin, 1939). Die New Yorker Uraufführung sangen Jill Haworth (Sally), Bert Convy (Cliff), Lotte Lenya (Fräulein Schneider) und Joel Grey als Conférencier, jener Rolle, die er auch in der Verfilmung mit Liza Minelli 1972 übernommen hat.

Cabaret – Musical an der Volksoper Wien
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Die Handlung spielt zu Beginn der 1930er Jahre in Berlin. Der junge amerikanische Schriftsteller Cliff Bradshaw reist nach Berlin, um einen Roman zu schreiben und landet in der Pension einer älteren Dame, Fräulein Schneider. Über seine Bekanntschaft mit Ernst Ludwig lernt er auch den Kit-Kat-Club samt seinem Star, der englischen Sängerin Sally Bowles, kennen. Nach ihrer Entlassung aus dem Club sucht sie Zuflucht in Cliffs Zimmer in Fräulein Schneiders Pension. Die beiden werden ein Paar. Aber auch Fräulein Schneider begegnet das Glück: Herr Schultz, ein weiterer Bewohner der Pension, kann ihr Herz erfolgreich erobern. Als sich auf der Verlobungsfeier jedoch herausstellt, dass Ernst Ludwig Nationalsozialist und Herr Schultz Jude ist, auf dessen Obstgeschäft ein antisemitischer Anschlag verübt wird, erkennt Fräulein Schneider die Konsequenzen einer solchen Ehe und löst die Verlobung. Herr Schultz verlässt die Pension und auch Cliff möchte Deutschland verlassen, aber Sally träumt weiter von einer Karriere in Berlin. Als sie aber das gemeinsame Kind abtreiben lässt, hält Cliff nichts mehr. Nach einem letzten Zusammentreffen in der Pension flieht Sally in den Kit-Kat-Club, Cliff verlässt Berlin.

Erstmalig nahm sich die Volksoper Wien nun dieses Musicals an und konnte damit erwartungsgemäß dem Repertoire einen neuen Erfolg hinzufügen. Regisseur Gil Mehmert schuf in seiner Regiearbeit einen Tanz auf dem Vulkan im schillernden Berlin der ´“Roaring Twenties“ mit seinem berühmt-berüchtigten Nachtleben auf der einen und dem bürgerlichen Leben auf der anderen Seite, am Vorabend der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Dazu schuf Heike Meixner ein Bühnenbild auf einer Drehbühne, das wie zwei Seiten einer Medaille funktioniert: Hier die biedere Pension Frau Schneiders mit dem biederen Leben der Kleinbürger auf zwei Wohnebenen, dort der Kit-Kat-Club mit einem überdimensionalen, schrägen Klavier als Bühne mit schrägen,  schillernden, kaum noch Geschlechterrollen beachtenden Gestalten.

Als zentrale Figur geistert der Conférencier durch die gesamte Handlung. Neben seiner Aufgabe im Kit-Kat-Club, wo er mit übergroßen Händen Sänger dirigiert oder am Klavier begleitet, agiert er auch in kleinsten Rollen und ist somit auf der Bühne beinahe allgegenwärtig.

Volksoper Wien / Cabaret - hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Volksoper Wien / Cabaret – hier : Jörn-Felix Alt als Clifford Bradshaw und Bettina Mönch als Sally Bowles © Barbara Palffy / Volksoper Wien

Da man Joel Grey, den überaus charismatischen Conférencier der Verfilmung, nur schwer vergessen kann, setzte Regisseur Gil Mehmert mit einem weiblichen, fast schon androgynen Conférencier, Ruth Brauer-Kvam, einen Kontrapunkt. Aber auch sonst war Mehmert durchaus einfallsreich: Bei dem Song „Two Ladies“ wird die besungene Dreierbeziehung politisch umfunktioniert. Der Conférencier wird kurzerhand zum neuen deutschen „Führer“ und bekommt zwei Figuren, die Mussolini und Stalin darstellen, zur Seite gestellt. Für den Song „Money“ ließ sich Kostümbildner Falk Bauer von einer Figur aus George GroszStützen der Gesellschaft“ (1926) inspirieren: Einem Bankier mit goldenem Gehirn und vergoldeten Gedärmen, die aus seinem Bauch – einem Tresor – entnommen werden. Ein besonders intensives Bild gelingt, als nach der ersten Darbietung des Liedes „Der morgige Tag ist mein“ der immer dem Publikum den Rücken zuwendende Conférencier sich umdreht und ein Totenkopfgesicht enthüllt.

Cabaret – Zwei Traumrollen auf der Bühne
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Neben der gelungenen Regiearbeit kann man auch von einem Erfolg der Künstler sprechen. Der gebürtigen Münchnerin Bettina Mönch gelingt es zweifelsfrei, in ihrer Partie der Sally Bowles aus dem Schatten von Liza Minelli herauszutreten und mit ihrer Darstellung nicht nur zu überzeugen, sondern auch mit ihrer enormen Stimmgewalt der Partie eine neue Intensität zu verleihen.  Als Conférencier setzt Ruth Brauer-Kvam neue Maßstäbe in der Interpretation dieser Figur und bleibt auch vokal mitreißend bei all ihren Songs. Fantastisch auch Dagmar Hellberg als Fräulein Schneider, sie berührt in ihrer Melancholie zutiefst. Neben diesen Damen haben es die Herren des Abends nicht ganz so leicht: Jörn-Felix Alt gibt sein Volksopern-Debüt in der Partie des sympathischen Schriftstellers Clifford Bradshaw. Auch Volksoper-Hausherr Robert Mayer tritt in Cabaret auf, als Herr Schultz. Peter Lesiak als Ernst Ludwig überzeugen in ihren Partien, müssen sich aber rollenbedingt dennoch anstrengen, um mit den Damen mithalten zu können.

Am Pult des hervorragenden Orchesters der Volksoper gestaltet Lorenz C. Aichner die Hits dieses Musicals zwischen Ragtime, Jazz und Revue.

Keine Überraschung, dass am Ende dieses Abends zwischen Freude und Beklemmung fast nicht endenwollender Jubel des Publikums stand. Eine präzise Punktlandung bereichert das Repertoire der Wiener Volksoper.

 

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