Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg, IOCO Kritik, 26.05.2018

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

 Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg –  Richard Wagner

– Gefangen im Spannungsfeld der Extreme –

Von Uschi Reifenberg

Die Tannhäuser Aufführung am Nationaltheater Mannheim (NTM) machte wieder einmal deutlich, welch außerordentlichen Rang das Haus am Goetheplatz in der Wagner-Rezeption einnimmt.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner, Bayreuth und Mannheim stehen seit etwa 150 Jahren in enger Verbindung, erfolgte doch bekanntlich die Gründung des ersten Wagner Verbandes 1871 durch den Mannheimer Musikalienhändler und glühenden Wagner Anhänger Emil Heckel (1831-1908). Bis  heute ist der Wagner Verband Mannheim-Kurpfalz einer der größten weltweit.

Aber auch als Wagner Talentschmiede ist das NTM an vorderster Stelle zu nennen, denn regelmäßig wirken Dirigenten, Sänger oder Orchestermusiker bei den Bayreuther Festspielen als unverzichtbarer Bestandteil der dortigen Besetzung mit und starten oftmals internationale Karrieren.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg ist Richard Wagners fünftes Werk und sollte  – bedingt durch vielfache  Umarbeitungen – sein Sorgenkind bleiben, denn wenige Wochen vor seinem Tod 1883 bekannte Wagner, dass er „der Welt noch den Tannhäuser schuldig“ sei.

Uraufgeführt in Dresden 1845, beschreitet Wagner mit dem Tannhäuser konsequent den Weg zum Musikdrama, auch wenn Arien und Ensembles als geschlossene Form noch erkennbar sind, aber  die dramaturgische und musikalische Verbindung der einzelnen Teile bereits auf die durchkomponierte Form hinweisen. Neben der Urfassung und der späteren Wiener- sind die Dresdner – und die Pariser Fassung von 1861 die am häufigsten gespielten Fassungen.

Die Wiederaufnahme der Inszenierung von Chris Alexander aus dem Jahre 1996 zeigt die Pariser Fassung mit der nachkomponierten Bacchanal- Musik und der Venusberg Szene von 1861. Das Walther Lied im 2. Akt der Dresdner Fassung wurde beibehalten.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Joachim Goltz, Andreas Hermann, Raphael Wittmer, Patrick Zielke, Astrid Kessler (Elisabeth), Frank van Aken (Tannhäuser r.)  © Hans Joerg Michel

Die Figur des Tannhäuser stellt sicher eine der komplexesten Charaktere im Wagnerschen Figuren Kompendium dar und ist in seiner Ambivalenz und psychologischen Vieldeutigkeit von äußerster Aktualität. Tannhäuser, der Künstler, der wie ein Getriebener sich nirgends zugehörig fühlt, der Rebell, der das eine will, aber das andere nicht lassen kann. Der die Gesellschaft der Wartburg und ihre Regeln verachtet und sich hemmungsloser Selbstverwirklichung im Venusberg hingibt, auf der Suche nach der eigenen Identität, der künstlerischen Wahrheit, der allumfassenden konkreten Liebesutopie. Der, zwischen den extremen Polen der körperlichen und vergeistigten Liebe zerrieben, als Außenseiter zum Scheitern verurteilt wird, aber am Ende durch die wahre Liebe einer opferbereiten Frau Erlösung im Tod findet.

So betrachtet steckt viel Autobiografisches in Tannhäuser – Wagner, dem Revolutionär von 1848, dem in Paris gescheiterten Musiker Wagner, dessen Hauptthema der Erlösung durch die Liebe sich durch sein Leben wie durch das gesamte Schaffen vom Holländer bis zum Parsifal zieht.

Die Inszenierung von Chris Alexander hat auch nach mehr als zwanzig Jahren nichts von ihrer Lebendigkeit und Allgemeingültigkeit eingebüßt und besticht durch ihre überzeugende Personenführung sowie der räumlichen Fokussierung auf das Wesentliche.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Franz van Aken als Tannhäuser und Heike Wessels als Venus © Hans Joerg Michel

Der 1. Akt im Venusberg ist ein weiter, klar strukturierter, dunkel gehaltener Raum (Bühnenbild: Maren Christensen), in dessen hinterem Bereich sich die Venusberg Gesellschaft in historisch vielgestaltigen Kostümen (Susanne Hubrich) in reizvollen choreografischen Formationen (Jaqueline Davenport)  erotischem Treiben hingibt. Schemenhaft ist im hinteren Raum eine Statue erkennbar, Venus – Maria? Im vorderen Teil der Bühne ist ein Bett aufgestellt, von welchem aus der Künstler Tannhäuser das dionysische Treiben unbeteiligt beobachtet. Die femme Fatale Venus gesellt sich zu ihm, wo sich vor schwarzem Vorhang ein typischer Wagnerscher Geschlechter Diskurs über Tannhäusers Freiheitsbestrebungen entspinnt. Auch unter Aufbietung ihrer sämtlichen Reize gelingt es Venus nicht, Tannhäuser zu halten. Sie verliert, er entscheidet sich gegen sie und ihre Welt. Nach seiner Flucht aus dem künstlichen Paradies des Venusbergs, findet er sich in einem frühlingshaften Tal wieder, die Statue wird nun als Marienstatue sichtbar und der Bühnenraum ist in hellem grün ausgeleuchtet (Licht: Eduard Roth).

Tannhäuser ist in der Realität angekommen. Ein schöner Regieeinfall ist, wenn der junge Hirt als Mutter mit Baby dargestellt wird und im Kreis ihrer Familie von Erneuerung und Glück singt.

Die Jagdgesellschaft um den Landgraf Hermann ist eine honorige Gruppe von Künstlern mit der  charismatischen Figur des Wolfram von Eschenbach an der Spitze. Mit der Erinnerung an Elisabeth überredet er freudig Tannhäuser zum Bleiben und die ehemaligen Sangeskollegen nehmen ihn gern wieder in die Reihen der Wartburggesellschaft auf.

Die Sängerhalle auf der Wartburg des 2. Aktes ist ganz in leuchtendem rot gehalten, seitlich sind zwei Tribünen mit ansteigenden Sitzreihen zu sehen, auf welchem die Gäste im Lauf ihres Einzugs Platz nehmen und von dort aus den Sängerwettstreit um das Thema „Liebe“ kommentieren. Diese Gesellschaft ist im Hier und Jetzt angekommen, amüsierfreudig,  und in feine Abendrobe gewandet. Chris Alexander spiegelt das Theaterpublikum, indem er die noble Abendgesellschaft den Theaterbesuchern gegenüber positioniert. Wenn Tannhäuser seinen Skandal provoziert, bewerfen sie ihn dann empört mit Programmheften.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Astrid Kessler als Elisabeth © Hans Joerg Michel

Die hingebungsvolle und aufrichtige Elisabeth – Gegenpol zur Venus -, ist eine kompromisslos liebende junge Frau, die Inkarnation des christlichen Ideals der Nächstenliebe, unverrückbar eingegliedert in das Regelwerk der Wartburgwelt. Die Demütigung, die Elisabeth durch Tannhäusers Geständnis seiner Venusbergerfahrung und der hemmungslosen Hinwendung zu Eros und Sexus erfährt, verwandelt sie gegen jeden Widerstand der Wartburggesellschaft in  Opferbereitschaft für Tannhäuser. Fortan weiht sie ihr Leben diesem selbstgewählten Erlösungsauftrag und hofft mit Tannhäuser auf Vergebung seiner Schuld durch den Papst in Rom.

Im 3. Akt sieht man Elisabeth betend an die Marienstatue angeschmiegt, „dahingestreckt in brünst‘gen Schmerzen“ wie Wolfram von Eschenbach aus schützender Distanz und wissendem Mitleid kommentiert.

Als Elisabeth klar wird, dass Tannhäuser nicht unter den heimkehrenden und erlösten Pilgern ist und sie sich für den Opfergang bereit macht, legt sich Wolfram zu ihr auf die Erde – ein schönes Bild der Entsagung und der Liebesutopie. Im Lied an den Abendstern hüllt er sich zärtlich in den Schleier  Elisabeths ein. Zum ergreifenden Höhepunkt wird die Romerzählung Tannhäusers, in welcher er das Trauma seiner Pilgerfahrt nach Rom noch einmal durchlebt. Bei der Anrufung der Venus steigen aus „milden Lüften“ rote Nebel auf und Venus erscheint in der Marienstatue aus deren Sockel sich eine Tür zum Venusberg öffnet. Wolfram kann Tannhäusers erneutes Eintauchen in die  Sinnenwelt  gerade noch verhindern, Elisabeth wird als Heiligenfigur über die Bühne getragen, Tannhäuser ist erlöst und die Pilger mit ergrüntem Bischofsstab und leuchtenden  Kerzen künden von Gnade und Erlösung in einem beeindruckenden Schlusstableau.

Frank van Aken bewältigte die extrem anspruchsvolle Partie des Tannhäuser mehr als beachtlich. Sein baritonal gefärbter Tenor ist zu groß angelegten heldischen Aufschwüngen wie zu lyrischer Verhaltenheit fähig. Er zeichnet die psychologische Zerrissenheit der Figur mit schonungsloser Emphase, geht bis an die Grenzen des Ausdrucks und findet – trotz leichter Ermüdungserscheinungen in den „Erbarm dich mein“– Rufen im 2. Akt, in der Romerzählung zu glaubhafter plastischer Darstellung und großer Intensität.

Astrid Kessler beschreitet mit der Partie der Elisabeth konsequent den Weg ins jugendlich-dramatische Sopranfach und ist in dieser Rolle eine Offenbarung. Ihr heller Sopran strahlt in der Hallenarie mühelos in jubilierende Höhen, überzeugt am Ende des 2. Aktes mit unforcierter Dramatik und besticht im Gebet mit beseelten piani und zu Herzen gehender Innerlichkeit. Ihre Rollengestaltung ist darüberhinaus durch jugendliche Natürlichkeit geprägt.

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser - hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Nationaltheater Mannheim / Tannhäuser – hier : Nikola Diskic als Wolfram von Eschenbach und Chor © Hans Joerg Michel

Wolfram von Eschenbachs Haltung zu Tannhäuser ist die eines verstehenden und mitfühlenden Freundes. Thomas Berau gibt dieser Figur genau jenes „mitleidvoll entsagende Wissen“, was Wolfram als reifen intellektuellen Künstler ausmacht. Sein weicher, voluminöser Bariton besticht im Minnelied des 2. Aktes durch unprätentiöse und anrührende Darstellung. Das „Lied an den Abendstern“ ist frei von Manierismen und beeindruckt durch gelungene Balance zwischen liedhafter Einfachheit und arioser Entfaltung.

Die edle Liebesgöttin von  Heike Wessels weiß mit erotisch aufgeladenen Mezzo- Tiefen und strahlenden Spitzentönen zu verführen.  Berührend ist, wenn sie im Duett mit Tannhäuser als Verzweifelte vergeblich versucht, den Geliebten an sich zu binden.

Patrik Zielke mit  wohlklingender Bass wirkt als Landgraf Hermann allerdings etwas zu distanziert. Joshua Whitener ist ein hell auftrumpfender Walther von der Vogelweide, Joachim Goltz gestaltet den Biterolf mit viel  Ausstrahlung und Kampfgeist. Ebenso glänzend besetzt sind Raphael Wittmer als Heinrich der Schreiber und Philiop Alexander Mehr als Reinmar von Zweter. Auffallend schön singt Amelia Scicolone den jungen Hirt. Gerda Maria Knauer, Angelika Krieger, Regina Kruszynski und Rica Westenberger gefallen in den Rollen der Edeldamen.

Mit seiner Interpretation des Tannhäuser hat sich Generalmusikdirektor Alexander Soddy als hervorragender Wagner Dirigent unter Beweis gestellt. Er versteht es, das Potenzial des Nationaltheater – Orchesters zu entfalten und Spielfreude und Begeisterung der Musiker zu entfesseln. In der Ouvertüre erklingt das Pilgerthema feinsinnig und introvertiert, Holzbläser und Hörner phrasieren wunderbar homogen, strukturell klar und ideal balanciert. Die Gegenwelt der Venus – Sphäre mit ihrem Klangfarbenreichtum, der Chromatik und der vorwärtsdrängenden thematischen Verdichtung, entlädt sich im hymnischen Loblied auf Venus, von  Soddy in eindrucksvoller Weise umgesetzt, ebenso das Duett Venus – Tannhäuser, welches in der Pariser Fassung deutlich Züge der Tristan Komposition trägt. Hervorzuheben sind die bestens disponierten Hörner und die elegisch zart gestaltenden Oboen.

Chor, Extrachor und Bewegungschor waren in Hochform zu erleben, lediglich der Chor der  Sirenen im 1. Akt war nicht ganz auf diesem Level.

Das Publikum im voll besetzten Opernhaus spendete nach jedem Akt heftigen Beifall und entließ am Schluss Sänger und Dirigent erst nach langen Ovationen.

Nationaltheater Mannheim – Tannhäuser: letzte Vorstellung der Spielzeit  14.6.2018

 

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Heidelberg, Stadthalle, Heidelberger Frühling – Thomas Hampson, IOCO Kritik, 28.04.2018

April 27, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken

Heidelberger Stadthalle © studio visuell

Heidelberger Stadthalle © studio visuell

Stadthalle Heidelberg

Thomas Hampson und Wolfram Rieger  – Heidelberger Frühling

 Lieder im Geist des Humanismus

Von Uschi Reifenberg

Mit ihrem programmatischen Postulat „Freiheit!“ nahmen der Bariton Thomas Hampson und der Pianist Wolfram Rieger mit ihrer Liederauswahl Bezug auf das diesjährige Motto des Heidelberger Frühling: Eigen-Arten. Fragen und Themen zu Identität, Menschenrechten, Demokratie und Freiheit folgen dem ersten Teil des Heidelberger Leitgedankens von 2017: In der Fremde. Dieser setzte sich mit der Aufklärung auseinander, mit Toleranz und dem Kampf gegen Vorurteile.

„Der Blick auf uns selbst, wer wir sind und was uns ausmacht, wirft auch einen Blick auf uns als Europäer, sowie auf unser sich stets wandelndes Verständnis von Identität“, so der Intendant des Heidelberger Frühling, Thorsten Riehle. Identitätsstiftend ist für die Universitätsstadt Heidelberg auch die Kunstform Lied mit einer Tradition, die sich vom Codex Manesse im Mittelalter über die Veröffentlichung der Liedsammlung Des Knaben Wunderhorn im 19. Jahrhundert bis zur 2018 gegründeten Festival-Akademie Neuland.Lied  erstreckt.

Lieder sind nicht nur dem „Kunst-Bereich“ zuzuordnen, sie erzählen von den verschiedensten Bereichen menschlichen Lebens in unterschiedlichen Stilen und in allen Kulturen. Weltweit.

Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson © studio visuell

Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson und Wolfram Rieger © studio visuell

Thomas Hampson und Wolfram Rieger haben sich auf die Suche nach Liedern von der Romantik bis in die Gegenwart begeben, die von der Sehnsucht des Menschen nach einem freien und selbstbestimmten Leben handeln. Das preisgekrönte Lied-Duo, das mittlerweile eine fünfundzwanzig-jährige Zusammenarbeit verbindet, hat mit seinem breit gefächerten Repertoire, weltweiten Konzertauftritten und CD- Einspielungen Maßstäbe gesetzt. Auch in der Nachwuchsförderung sind die beiden Weltstars unermüdlich unterwegs. Hampson leitet seit 2011 die Heidelberger Lied-Akademie, Rieger ist Professor an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

Im ersten Teil des Programmes “Freiheit!“ kommen in erster Linie deutsche, im zweiten Teil amerikanische Lieder zur Aufführung. Einen Höhepunkt bildet der Liederzyklus „Civil Words“ der amerikanischen Komponistin und Pulitzer Preisträgerin Jennifer Higdon (*1962). Er entstand anlässlich des 150. Gedenktages des amerikanischen Bürgerkrieges (2015) und ist dem Lied- Interpreten Thomas Hampson gewidmet. Thomas Hampson innerstes Anliegen ist es, die verschiedenen Spielarten von Freiheit in seinen Liedern zu beleuchten, sei es die persönliche Freiheit des Einen, die dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt, die Freiheit der Gedanken, die Sehnsucht der Unterdrückten nach Freiheit, oder auch die politische Freiheit.

Mit der Kraft des Liedes, das lebendiger und allgemeingültiger Ausdruck menschlicher Empfindungen ist, die Welt besser zu machen, die Menschen zueinander zu führen, das ist die Botschaft des Humanisten und Sänger-Philosophen Thomas Hampson. Diese Erkenntnis bestätigte sich im Laufe des zutiefst bewegenden Abends. Hampson verlieh dieser Maxime mit seiner Stimme, seinem Charisma und seiner Wahrhaftigkeit in imponierender Weise Ausdruck.

Als kongenialer Partner stand ihm der grandiose Wolfram Rieger zur Seite und in perfekter Symbiose verwandelten  die beiden Ausnahme -Künstler das Podium der Heidelberger Stadthalle in einen Ort der Intimität und der Erschütterung.

 Gustav Mahler Gedenkplatte an der Hamburger Staatsoper © IOCO

Gustav Mahler Gedenktafel an der Hamburger Staatsoper © IOCO

Das  Konzert begann mit dem Lied des Verfolgten im Turm aus der Sammlung Des Knaben Wunderhorn in einer Vertonung von Gustav Mahler. Diese Sammlung wurde von Achim von Arnim und Clemens Brentano 1806 in Heidelberg veröffentlicht, zwölf Gedichte vertonte Gustav Mahler. Das düstere Lied führte in seiner inneren Zerrissenheit direkt hinein in die Kernbotschaft des Programms, das mit den Versen des Volksliedes beginnt: “Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten…“. Den inneren Dialog eines Gefangenen mit seiner Freiheitssehnsucht verkörperte Hampson mit nuancenreichen Farb- und Gestaltungswechseln seines weichen Baritons und mit plastischer Diktion, sprachlich detailliert ausgeleuchtet mit differenzierter Konsonantenbehandlung.

Alexander Zemlinskys Lied „Mit Trommeln und Pfeifen“ nach einem Gedicht von Detlev von Liliencron führt das Kriegsthema um gebrochene und verwundete Seelen weiter. Mit opernhafter Emphase und heldischen Aufschwüngen ging Hampson an die Grenzen des Ausdrucks und Wolfram Rieger unterstrich am Flügel mit energischen Marschrhythmen, Trillern und klarster Skalen-Trennschärfe den militärischen Gestus,  zarteste pianissimi verhauchten ins Nichts.

„Der Tambour‘gsell„ und „Revelge“, beide aus der Wunderhorn – Sammlung von Mahler, offenbarten alle Facetten unbarmherziger Kriegsszenarien wie Trostlosigkeit, Alptraum, Kampf und Tod. Diese Entwicklungen wurden von Hampson erschütternd dargestellt, jede feine Regung, jeder Gedanke hinter dem Wort fand eine eigene Entsprechung in der klanglichen Ausdeutung, ebenfalls von Wolfram Rieger am Flügel. Bassregister dröhnten in schwärzesten Farben, trügerische Hoffnung strahlte in tenorale Höhen. Der Pianist verstand es, am Flügel das ganze Spektrum orchestraler Klangfarben zu zaubern und jenseits des gewohnten Klavierklangs die dynamische Bandbreite auszuloten von leisesten pianissimi bis zu gewaltigen fortissimo Ausbrüchen, immer in idealer Harmonie mit dem gesungenen Wort.

Paul Hindemiths Hymne „O, nun heb du an, dort in deinem Moor“, geriet zu einer Miniatur der totalen Verinnerlichung und zu einer Feier der piano Kultur, anrührend, weltentrückt. Ebenfalls von tiefster Empfindung durchdrungen, mit hinreißenden Legatobögen zelebriert, war das kurzfristig ins Programm aufgenommene  Lied von Michael Daugherty (* 1954) „Letter to Mrs. Bixby“.

Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson und Wolfram Rieger © studio visuell

Heidelberger Frühling / Liederabend mit Thomas Hampson und Wolfram Rieger © studio visuell

Der mit Spannung erwartete, Thomas Hampson gewidmete Liedzyklus anlässlich des 150-jährigem Endes des amerikanischen Bürgerkrieges von Jennifer Higdon „Civil Words“ erzählte in fünf Gedichten von verwundeten Seelen, vom Unrecht des Krieges, von der Trauer der Zurückgebliebenen über die Gefallenen, von Friedenssehnsucht, aber auch vom Glück des Kriegsheimkehrers. Mit dramatischer Gestaltungskraft des Opernsängers und der totalen Identifikation mit den Gequälten, führte Hampson das Publikum in die Abgründe dieses  amerikanischen Traumas. Auch die afro- amerikanischen Themen fehlten nicht, mitreißend interpretiert in den Liedern von Henry BurleighEthiopia Saluting the Colors“ und Margarete BondsThe negro speaks of rivers“, beide mit deutlichen Spiritual Anklängen.

Mit einem Bekenntnis zur Gleichberechtigung der Geschlechter und einem Aufruf zur Toleranz in dem Gedicht von Walt Whitman, vertont von Leonard BernsteinTo what you said“, endete das außergewöhnliche und ergreifende Konzert.

Das restlos begeistere Publikum entlockte den Künstlern drei Zugaben und Thomas Hampson und Wolfram Rieger ließen keinen Zweifel, dass das Lied auch im 21. Jahrhundert „Ein Fest der Feier des menschlichen Geistes“ und „Spiegel der Welt ist“.

Mannheim, Johanniskirche, Wünschewagen – Sinfonisches Blasorchester, IOCO Kritik, 18.04.2018

Johanniskirche Mannheim © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim

Der Wünschewagen  – Sinfonisches Blasorchester Mannhein

Musik im Spannungsfeld von Leben und Leid

Von Uschi Reifenberg

Zu einem Benefizkonzert zugunsten des neu gegründeten Mannheimer „Wünschewagens“ des Arbeiter und Samariterbundes, hatte das Sinfonische Blasorchester Mannheim zu einem Konzert in die Mannheimer Johanniskirche geladen.

Der Wünschewagen soll – wie der Name schon sagt- Sterbenden letzte Wünsche  erfüllen. Einmal noch das Meer sehen, weiter entfernte liebe Menschen ein letztes Mal in die Arme schließen oder noch einmal ein Konzert erleben. Für sterbenskranke Menschen sind diese einfachen und bescheidenen Dinge oft letzte Herzensangelegenheiten, die unerfüllt bleiben.  Genau hier möchte der Wünschewagen ansetzen und kostenfrei diese Wünsche erfüllen

Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim © Uschi Reifenberg

Das Sinfonische Blasorchester Mannheim, eines der beiden Grossen Ensembles und Aushängeschild der Mannheimer Musikschule, zählt ca 60 Mitglieder und setzt sich zusammen aus Schülern, Studenten, Amateuren und Profimusikern. Das Orchester und sein Leiter haben sich zum Ziel gesetzt, hochwertige Originalliteratur für Blasorchester sämtlicher Epochen und Kulturkreise zur Aufführung zu bringen. Konzertreisen führten das SBO durch ganz Deutschland, Rom, Luxemburg, Prag, Sneek (Holland). Weitere Höhepunkte waren die europäische Erstaufführung des 2. Klavierkonzerts von David Maslanka, sowie die Uraufführung mit anschließender CD Produktion des Concertino für Bassposaune und Blasorchester von Fabian Schmidt mit dem Posaunisten Prof. Thomas Leyendecker, Berliner Philharmoniker. Gründer und Leiter des Klangkörpers ist seit 2005 Tobias Mahl, einer der versiertesten Dirigenten in seinem Fach. Konzerte und Gastspiele führten ihn u.a. durch ganz Europa sowie mehrfach in die USA, zuletzt mit der United States Air Force Band.

Das Motto des Abends in der Johanniskirche lautete: Ost-West-Musik im Spannungsfeld – Gegensätze und Gemeinsamkeiten. Die erste Programmhälfte war Komponisten aus Russland und Japan gewidmet, die zweite Hälfte enthielt ausschließlich Werke aus den USA. Interessant ist auch die Tatsache, dass alle Kompositionen – mit Ausnahme von Schostakowitsch- während des Kalten Krieges entstanden sind. Tobias Mahl führte in charmanter und humorvoller Weise durch das Programm und würzte- zur Freude des Publikums- seine Moderation mit einigen amüsanten Anekdoten aus seinen reichen Konzerterfahrungen.

Mit Dmitri Schostakowitschs Volkstänzen – Satz einer Suite aus Das Vaterland,  startete das Orchester schwungvoll in die erste Programmhälfte und präsentierte sogleich die ganze Bandbreite seiner excellenten Klangkultur. Mit überbordender Spielfreude und tänzerischer Leichtigkeit setzte Tobias Mahl ganz auf Transparenz und Klarheit.

Die 3. Sinfonie des Komponisten Boris Kozhevnikov, die Slawische führt mit vier Sätzen durch Höhen und Tiefen der russischen Seele und kann als eine der anspruchsvollsten Werke für Sinfonisches Blasorchester bezeichnet werden. Die melancholische Grundstimmung manifestierte sich in jedem der Sätze. Weiche Holzbläser-Schattierungen wurden flirrenden Piccoloflötensoli entgegengesetzt, homogene Register- und Tempowechsel unterstrichen die Lebendigkeit und Vielseitigkeit der Komposition. Kleine Unsauberkeiten im tiefen Blech (Tuba, Euphonien) taten der überzeugenden Interpretation keinen nennenswerten Abbruch.

 Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim und Tobias Mahl © Uschi Reifenberg

Johanniskirche Mannheim / Sinfonisches Blasorchester Mannheim und Tobias Mahl © Uschi Reifenberg

Der japanische Komponist Bin Kaneda verarbeitete in seiner 3-sätzigen Suite in jedem Satz ein japanisches Kinderlied. Im ersten Satz begleitete das Schlagwerk die melodische Linienführung des Blechs, den 2. Satz eröffnete ein wunderschönes Flötensolo, das vom gesamten Holzregister weitergeführt wurde, im 3. Satz stand -typisch japanisch-  pentatonische Melodik im Vordergrund. Nach der Pause wurde man in die Welt der US-amerikanischen Klangsprache des 20. Jahrhunderts entführt. Dafür eignete sich Robert Jagers  Sinfonia nobilissima, in bester Weise. Ganz besondere Affinität zeigte Tobias Mahl für diese spezielle Idiomatik der amerikanischen Tonsprache. Effektvoll witzige Passagen und weit geschwungene, typisch pathetische Melodik gipfelten in einer effektvollen Steigerung.

Claude Thomas SmithsSymphony Nr. 1 for Band atmete in jedem der 4 Sätze Optimismus und Lebensfreude. Orientiert an der klassisch sinfonischen Form, stand hier der Kontrapunkt im Fokus. Technisch brillant ordneten sich die einzelnen Register der strengen Form unter, ohne den übergeordneten Gedanken zu vernachlässigen. Die Soli in den einzelnen Instrumenten waren wunderbar aufeinander abgestimmt, auch wenn kleine „Wackler“ dem vertrackten Rhythmus geschuldet waren. Der letzte Satz, mit jazzigen Elementen angereichert, verströmte dennoch jede Menge „barocken  Swing“ und gipfelte in einer mitreißenden  Schlussapotheose.

Als  letztes Werk des Abend erlebte man eine kompositorische Kostbarkeit, A Musical Toast des Ausnahmemusikers Leonard Bernstein, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert. Flash-artig, wie eine flüchtige Erscheinung leuchtete dieses stark zwei minütige  Streiflicht kurz Höhen und Tiefen des Daseins aus und gipfelte in den vom Orchester inbrünstig gesungenen Silben Happy Birthday Bernstein !

Das  zahlreiche Publikum spendete enthusiastischen Beifall und forderte 2 Zugaben, eine davon war Sergej Prokofievs mit Schwierigkeiten gespickter Marsch op 99, in dem das Orchester noch  einmal alle Parameter seines Könnens präsentierte. Nach langem Beifall entließen Dirigent und Orchester das beglückte Publikum in den lauen Mannheimer Frühlingsabend.

—| IOCO Kritik Johanniskirche Mannheim |—

Baden – Baden, Festspielhaus – Osterfestspiele 2018, Parsifal von Richard Wagner, IOCO Kritik, 03.04.2018

logo_baden_baden

Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Parsifal von Richard Wagner

Glanzvoller Abschied in Grau

Von Uschi Reifenberg

Mit Richard Wagners Weltabschiedswerk, dem Bühnenweihfestspiel Parsifal, nahm auch Sir Simon Rattle, scheidender Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Abschied von den Osterfestspielen Baden-Baden. Sechs Jahre lang verwandelten der Stardirigent und das Weltklasse Orchester alljährlich zur Osterzeit die Stadt an der Oos in ein glanzvolles Mekka für Festivalbesucher aus aller Welt. Einmalig an den Osterfestspielen in Baden-Baden ist, dass die Berliner Philharmoniker über eine Woche lang quasi omnipräsent in vielfältigsten Besetzungen an unterschiedlichen Spielorten die ganze Stadt bespielen und in Kammermusikbesetzungen, Kinderoper, Sinfoniekonzerten oder großer Oper zu hören sind.

Wagners letztes Werk, sein „Opus summum“ und wohl auch sein vielfältigstes und rätselhaftestes, ist ein einzigartiges Konglomerat aus philosophischen, weltanschaulichen und religiösen Thesen und in seiner Vieldeutigkeit durchlässig für die unterschiedlichsten Deutungen.Die Welt in ihrer existenziellen Ausweglosigkeit wird geschildert mit Fragen zu Leid, Vergänglichkeit, Tod, aber auch zu Erneuerung und Erlösung, Wagners Lebensthema.

Nach Wagners Auffassung hatte die Religion ihre Funktion in der säkularisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eingebüßt und nun sollte an ihre Stelle die Kunst treten, um die metaphysischen Bedürfnisse als Sinn- und Deutungslieferant zu bedienen. Wagner schreibt 1880: „Man könnte sagen, dass da, wo die Religion künstlich wird, der Kunst es vorbehalten ist, den Kern der Religion zu retten…“ Wagner als Religionsstifter und Parsifal als Kunstwerk, das die erlösungsbedürftige Menschheit zu erneuern im Stande wäre. 1882 wurde der Parsifal im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt. Wagner verfügte, dass sein Werk nur dort zur Aufführung kommen sollte. 30 Jahre lang sollte es auch so sein.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Stephen Gould als Parsifal und Ruxandra Donose als Kundry © Monika Rittershaus

Der verdeckte Orchestergraben, der sogenannte “mystische Abgrund“, erzeugt jenen einzigartigen Mischklang, der nur in Bayreuth zu erleben ist und für welchen Wagner den Parsifal geschaffen hat. Im Festspielhaus Baden-Baden, dem größten Opern- und Konzerthaus Deutschlands, gelingt Sir Simon Rattle auch ohne verdeckten Orchestergraben ein Klangwunder der besonderen Art. Sir Simon näherte sich – wie er in einem Interview erwähnte – der Parsifal Partitur sozusagen retrospektiv aus der Sicht des Komponisten Claude Debussy, der sich, gemäß dem traditionellen Tonsatz, ein Orchester ohne Bass- Fundament wünschte.

Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere

Gleichsam gelingt dem Dirigenten und seinem Orchester ein impressionistisches Klanggemälde, befreit von jeder Erdenschwere, weich strömend und mit sensibelster Ausbalancierung. Samtige Streicherklänge, ätherische Holzbläsersoli scheinen aus dem Nichts zu entstehen und sich wieder zu verflüchtigen, Linien bis in feinste Verästelungen durchgehört. Transparenz und kammermusikalische Ausformung sind Rattles besonderes Anliegen. Manchmal scheint die Musik aber auf der Stelle zu treten und man hätte sich mehr Stringenz und Zielorientiertheit, mehr dramatischen Zugriff und Auskostung der wagnerischen Höhepunkte gewünscht.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Franz-Josef Selig als Gurnemanz © Monika Rittershaus

Für die Inszenierung konnte die 82-jährige Regie-Legende Dieter Dorn gewonnen werden. Der mit Preisen hochdekorierte, ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, inszenierte bereits 1990 in Bayreuth (Der fliegende Holländer), 1993 an der MET ( Tristan und Isolde) und 2014 in Genf ( Der Ring des Nibelungen). Dieter Dorn bleibt mit seiner Parsifal Inszenierung nah am Text und erzählt die Geschichte linear als eine zeitlose Parabel, ohne ihr gewaltsam eine Deutung aufzuzwingen, aber auch, ohne Antworten zu geben. Im Zentrum der Handlung steht für ihn Kundry, Wagners ambivalenteste Frauenfigur, die schon während des Vorspiels einsam am Boden kauert. Als ihr von seltsamen Gestalten verschiedene weibliche Requisiten angeboten werden, Symbole für unterschiedlichste Identitäten, lehnt sie ab. Am Ende bleibt sie als Einzige vor dem geschlossenen Vorhang zurück und blickt fragend ins Publikum. Gefangen im ewigen Kreislauf, ausgesperrt und auf Erlösung hoffend?

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Büste in Bayreuth © IOCO

Für das Gralsgebiet im 1. und 3. Akt finden Dieter Dorn und seine Bühnenbildnerin Magdalena Gut einen offenen, werkstattartigen Raum, der an eine Probebühne erinnert, in welcher riesige Holzplatten und Rampen aufgebaut sind. Auf den Holzplatten sind skizzierte Landschaften zu erkennen, sie werden von gesichtslosen Gestalten in grauen, zerlumpten Gewändern (Kostüme: Monika Staykova), hin- und hergeschoben.
Die vorherrschende Farbe für alle 3 Akte ist grau in verschiedenen Abstufungen (Lichtregie: Tobias Löffler). Die Gralsgemeinschaft scheint eine Gesellschaft der Kraftlosen, Ziellosen zu sein, in Auflösung begriffen, unfähig zur Erneuerung, in Beckettscher Manier in der ewigen Wiederkehr des Gleichen verharrend. Ein schöner Regieeinfall ist der Tod des textgetreu auftretenden Schwanenpaares, der, vom sich ins Gralsgebiet verirrenden, unwissenden, reinen Toren Parsifal absichtsvoll verursacht wird.

Für die Gralsenthüllung im 1. Akt werden die Holzgerüste zu einer Art Theater- Zuschauergalerie zusammengeschoben, auf welcher die Gralsritter wie Theaterbesucher Platz nehmen und der qualvollen Zeremonie des leidenden Amfortas unbeteiligt beiwohnen. Der Gral ist ein strahlend weiß leuchtender Kelch, der in einem Holzschränkchen hereingetragen wird. Anschließend werden Brot und Wein verteilt wie bei einer Armenspeisung. Das Zauberschloss im 2. Akt wird dargestellt durch riesige Zinnen, auf welchen Klingsor in eine weiße Kristallkugel starrt. Dieses Tableau ist in blaues Licht getaucht und lässt kurzzeitig Raum für Magie und Mystik. Die Blumenmädchen mit ihren grell bunten Blumen Accessoires – der einzige Farb Lichtblick dieser Inszenierung – werden nun wieder von der Einheitsfarbe grau kontrastiert. Kundry versucht als blonde Diva in weiß Parsifal zu verführen, der Speerwurf Klingsors wird durch einen gelungenen Lichteffekt in Szene gesetzt.

Im 3. Akt befinden wir uns wieder im Werkstatt Provisorium, in welchem nun die Holzgerüste genauso beschädigt wirken wie die Bewohner und von diesen noch ziel- und planloser hin und her geschoben werden. Gurnemanz, nun lemurenhaft- gespenstisch wirkend, holt Kundry ins Leben zurück, indem er sich ihr erotisch nähert. Parsifal findet als schwarzer Ritter in voller Rüstung zurück ins Gralsgebiet und der Karfreitagszauber erblüht lediglich im Orchestergraben, vom Schnürboden weiße Papierschnipsel herunterwehen und von Erneuerung und Erlösung künden. Die Zusammenführung von Speer und Kelch, Amfortas‘ Heilung und Parsifals Enthüllung des Grals als neuer Heilsbringer, kann die Gralsgemeinschaft aber scheinbar nicht in jene Zukunft führen, die der in ihren Grundfesten erstarrten Gesellschaft die erlösende Erneuerung bringen könnte.

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal - hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Festspielhaus Baden-Baden / Parsifal – hier: Gerald Finley als Amfortas © Monika Rittershaus

Gesungen wird in dieser Produktion wie erwartet auf hohem Niveau. Franz – Josef Selig ist ein Bilderbuch Gurnemanz mit hell timbriertem, in allen Lagen ausgeglichenem Bass, idealer Textverständichkeit und ohne Ermüdungserscheinungen. Zeigt er sich im 1. Akt noch als viril-jugendlicher Lehrmeister, so findet er im 3.Akt zu jenem schmerzvoll- resignativen Weltwissen, das den reifen Wagner Helden Ihre jeweils ureigene Prägung verleiht. Steven Gould, einer der besten Wagner Tenöre unserer Zeit, präsentiert sich in der Rolle des Parsifal in Bestform. Als jugendlich- naiver reiner Tor bis zum mitleidvoll- Wissenden schlägt er einen glaubhaften Entwicklungsbogen und lässt die große Erweckungsszene im 2. Akt mit heldischer Strahlkraft und erschütternder Intensität zu einem Höhepunkt werden. Die Figur der Kundry – Wagners komplexe Frauengestalt- wird von Ruxandra Donose in der Herzeleide-Erzählung mit schönem lyrischen Timbre und feinen Legatobögen versehen. Die dämonisch-zwielichtige Seite, die Zerrissenheit dieser erlösungssüchtigen Verführerin bleibt Donose in ihrer Interpretation allerdings schuldig.
Evgeny Nikitin im Rocker Outfit ist als bezopfter Klingsor eine Idealerscheinung. Mit schneidender Diktion und stählernem Bariton versprüht er jede Menge Dämonie und lässt an stimmlicher Ausstrahlung nichts zu wünschen übrig. Gerald Finley als Amfortas ist in der Darstellung seines Leidens ein idealer Schmerzensmann mit exemplarischer Textausdeutung und perfekter Phrasierung. In seiner großen Klage im 1. Akt kann er allerdings mit seinen Erbarmen- Rufen wenig Mitleid hervorrufen.

Robert Lloyd als siecher Gralskönig Titurel ist mit immer noch mächtigem Bass eine Idealbesetzung und die perfekt ausbalancierten und herrlich singenden Blumenmädchen sind eine pure Freude. Der Philharmonia Chor Wien (Leitung: Walter Zeh) wartet mit mächtiger Klangkultur auf.

Das Publikum spendete begeistert Beifall und stehende Ovationen nach dieser letzten Parsifal Vorstellung, vor allem für Orchester und Dirigent und freut sich auf ein Wiedersehen mit den Berliner Philarmonikern im nächsten Jahr.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Baden-Baden |—

Nächste Seite »