Mannheim, Nationaltheater, Simplicius Simplicissimus – Karl A. Hartmann, IOCO Kritik, 29.06.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

Simplicius Simplicissimus  –  Oper – Karl Amadeus Hartmann

 Drei Szenen aus seiner Jugend – über den Weg in die innere Emigration

von Uschi Reifenberg

Es fühlt sich gut an, nach eine halben Ewigkeit wieder in einem Opernhaus zu sitzen, zusammen mit anderen Zuschauern in sicherer Distanz die Atmosphäre und den Raumklang zu erleben, die Wechselbeziehung zwischen Bühne und Publikum zu spüren und im real erfahrbaren Theatererlebnis selbst Teil der Aufführung zu sein.

Hineingezogen wird man coronatauglich in die Kammeroper Simplicius Simplicissimus von Karl Amadeus Hartmann (1905-1963); nach dem barocken Schelmenroman von Jakob Christoffel von Grimmelshausens (1621-1676) „Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch“ aus dem Jahre 1669, der erste Roman in Prosa, der Weltgeltung erlangte. In seinem Werk wird der Dreißigjährigen Krieg aus vielfältigen Perspektiven und aus eigenen Erfahrungen geschildert. Die Darstellungen zeigen die Grausamkeiten des Krieges teils mit voller Härte, teils auch satirisch überspitzt, was Grimmelshausen vor der damaligen Zensur schützte.

Gezeigt werden in Hartmanns Oper drei Szenen aus der Jugend des Simplicissimus, der als unwissender reiner Mensch in einer von Unterdrückung, Gewalt und Hass geprägten Umgebung aufwächst und lernen muss, sich in ihr zurechtzufinden.

In dieser Welt führen die Herrschenden Krieg, legen sie in Schutt und Asche, erniedrigen und unterdrücken die Armen und leben selbst in Saus und Braus: Jeder ist des anderen Feind.

Simplicius Simplicissimus – Einführung von Intendant Albrecht Puhlmann
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
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Angesichts der derzeitigen Weltlage könnte  die als Mahnmal zu verstehende Oper Simplicius Simplicissimus aktueller nicht sein und schlägt den Bogen zu unserer Lebenswirklichkeit in der Pandemie. Auch unsere Welt ist im Umbruch, vertraute Sicherheiten zerbrechen schlagartig, gewachsene Strukturen verlieren ihre jahrzehntelange Gültigkeit. Spaltungen in der Gesellschaft vertiefen sich, nicht selten resultieren daraus Misstrauen und Argwohn.

Gezeigt wird auch die ewige Wiederkehr des Gleichen. Geschichte, die sich wiederholt, eine zeitlose Parabel über Ungerechtigkeit und Ausbeutung.

Der bekennende Antifaschist  Karl Amadeus Hartmann ahnte 1934 die kommende Katastrophe des 2. Weltkrieges voraus und erkannte in der Nazi-Schreckensherrschaft eine Fortschreibung des ersten großen europäischen Krieges von 1669. Hartmann sah für sich in der Zeit der NS Diktatur keine andere Möglichkeit, als in die innere Emigration zu gehen, wenn er nicht als „entarteter Künstler“ gebrandmarkt werden wollte.

Als Komponist, der sich der Avantgarde verpflichtet fühlte und stilistisch unter anderem Strawinsky, Schönberg und vor allem Hindemith nahestand, verweigerte er sich komplett dem Regime, komponierte für die Schublade oder für Aufführungen im Ausland.

Die Oper Simplicissimus ist ein Werk des Widerstands mit musikalischen Mitteln, eine Anti-Kriegsoper und gleichzeitig ein uneingeschränktes Bekenntnis zu Empathie und Humanität.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Die szenische Uraufführung fand 1949 in Köln statt, 1956 überarbeitete Hartmann sein Werk, indem er die Sprech-Passagen reduzierte und fast durchweg vertonte. Diese zweite Fassung wurde 1957 am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt.

Die erste der drei Szenen spielt auf dem Hof des Simplicissimus, wo er von einem Bauern vor dem Wolf gewarnt wird. Im Traum erscheint ihm ein rätselhafter Baum, der schwer unter der Last der Personen leidet, die er tragen muss. Als die Landsknechte den Hof zerstören, flieht Simplicissimus.

In der zweiten Szene begegnet er auf seiner Flucht einem Einsiedel, der ihn aufnimmt und ihm wegen seiner Einfalt den Namen Simplicius Simplicissimus gibt. Er beschützt ihn, lehrt ihn beten sowie den Unterschied zwischen Gut und Böse. Als der Einsiedel stirbt, wird Simplicius von Landsknechten verschleppt.

Im dritten Teil befindet er sich in der Gesellschaft des Gouverneurs, wo er Ausschweifungen und lasterhaftes Treiben kennenlernt. Da Simplicius immer unverblümt die Wahrheit sagt, wird er zum Hofnarren ernannt. Seine Waffe ist die Naivität, die ihm erlaubt, in der Rolle des Narren der Welt den Spiegel vorzuhalten. Er wird – anders als Wagners Parsifal – nicht „durch Mitleid wissend“, sondern durch seine Naivität und Wahrhaftigkeit, die seine Umwelt verstört und zur Reflexion zwingt.

Nun versteht er auch die Traumsymbolik des schwer tragenden Baumes, der ein Abbild der Ständegesellschaft ist, auf dessen unterster Stufe die Ärmsten und Entrechteten stehen. Er erkennt die Zusammenhänge und ruft zur Revolution auf. Marodierende Bauern erschiessen die Herrschenden, Simplicius bleibt allein zurück.

Das 80-minütige Werk wird ohne Pause durchgespielt und berührt von der ersten Minute an mit suggestiven Bildern und einer ergreifenden Personenführung. Regisseur Markus Dietz, der am NTM zuletzt Brittens Peter Grimes inszenierte, breitet ein stilistisches Panoptikum auf der Bühne aus, das mit seiner bestürzenden Aktualität mitten hineinführt in den Zustand einer Welt nach der Katastrophe. Vorangestellt an die erste Szene werden Videoeinspielungen (Mayke Hegger, Markus Dietz),  die Elend, Gewalt und Verrohung zeigen. Schonungslos. Erschütternd.

Die Menschen tragen Gasmasken, ein kleiner Junge sucht sich in seinem Überlebenskampf den Weg durch die Trümmerlandschaft, in einem Einkaufswagen führt er seine Habseligkeiten mit sich.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier :  Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier : Katharina Rehn, Thomas Berau, Astrid Kessler © Hans Joerg Michel

Mayke Hegger (Bühne/Kostüme) hat eine dunkle Einheitsbühne geschaffen, in welcher Berge von Zivilisationsmüll unseren grenzenlosen Konsum anprangern und die drei symbolstarken Szenen omnipräsent bebildern.

In der ersten Szene steht der verzweigte Ständebaum im Zentrum, in der zweiten, der Höhle des Einsiedel, ein hell erleuchtetes Kreuz mit Corpus, (Licht: Florian Arnholdt), in der dritten Szene, beim Festbankett des Gouverneurs, ein clubartiges Etablissement im Discostil, mit beweglicher Unterbühne, in Rotlicht getaucht.

Eine Klammer setzt die eindrucksvolle Sprecherin Katharina Rehn (Gast), die am Anfang und am Ende des Stückes die verheerenden Menschenverluste von „anno Domini 1648“ verkündet, sich im Stile Brechts an das Publikum wendet und die Geschehnisse um Simplicius kommentiert.

Hartmann lehnt sich dicht an die Sprache von Grimmelshausen an, die so holzschnittartig wie die Figuren ist. Ein eingefügtes Sonett von Andreas Gryphius,Tränen des Vaterlandes“, gesprochen auf die Musik, stellt eine der zentralen Anklagen des Werkes dar:   „Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod, was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: Dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen“.

Die schlimmste aller möglichen Katastrophen ist der Verlust der Humanität

Markus Dietz zeigt beklemmende Bilder von menschlichem Elend. Leichen senken sich immer wieder von der Decke herab, religiöse Symbole werden pervertiert, Simplicius wird mit Dornenkrone verhöhnt, der Gekreuzigte selbst steigt vom Kreuz herab, Gefangene hinter Glasscheiben wehren sich mit blutigen Händen.

Massaker werden verübt, Demütigung und Vergewaltigung prägen die Beziehungen der Menschen. Kein Trost, nirgends. Der Einsiedel, mit freiem Oberkörper, singt zu Beginn des 2. Bildes „Komm Trost der Welt“, eine Lichtgestalt, die freiwillig aus dem Leben scheidet.  Die Sopranistin Astrid Kessler verkörpert den kindlich-naiven Simplicius Simplicissimus idealtypisch mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung und ihrem facettenreichen Spiel.

Sie singt die schwierige Partie des reinen Toren in jeder Phrase schön, zeigt in den Höhen die Leuchtkraft ihres lyrisch-dramatischen Soprans, die Stimme trägt auch in den tiefen und mittleren Lagen. Mit vorbildlicher Diktion gestaltet sie die Textpassagen sowie den Sprechpassagen.  Anrührend wirkt Astrid Kessler in ihrem ungläubigen Staunen und ihrer Hilflosigkeit aus Angst vor der Einsamkeit: “Herzliebster Vater, nicht in den Himmel gehen! Nicht Simplicius allein in der Welt lassen!“ Eindrucksvoll durchlebt sie die Entwicklung vom „verwahrlosten, unmündigen Kind“ das durch „mühsames Lernen selbstverständlicher Dinge zum Wissen von sich selbst und von der Welt gelangt.“; Karl A. Hartmann.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel © Christian Kleiner

Jonathan Stoughton als frommer Einsiedel verfügt über eine biegsame und leicht ansprechende Tenorstimme, ausgeglichen und tragfähig, strahlend in den Höhen, heldisch, mit schönem, hellem Timbre. Bestechend plastisch auch die deklamatorischen Stellen. Der Einsiedel reibt sich auf zwischen Gottesfurcht, Bußfertigkeit und Simplicius’ Erziehung. Zu schwer trägt er an der Sündenlast der Welt, er opfert sich und geht freiwillig in den Tod.

Thomas Jesatko gab in der ersten Szene dem Bauern mit seinem markantem und wohlklingenden Bass das nötige Profil und überzeugte mit klarer Diktion als verwegener Landsknecht. Thomas Berau brachte mit mächtig auftrumpfenden Bariton seine heldische Stimme bestens zur Geltung und gab der Verrohung und Zerstörungslust seines Standes glaubhaft Ausdruck.

In der dritten Szene, in welcher sich das Halbweltmilieu ein feucht fröhliches Stelldichein gibt mit Nachtclubtänzerinnen (Choreografie: Teresa Rotemberg), Ausschweifungen, viel Alkohol und Perversionen aller Art, lassen die Herrschenden ihren Exzessen ungehemmt freien Lauf. Marcel Brunner als Hauptmann im Frack singt sein frauenverachtendes Couplet „ja, lüderlich sind alle Weiber“ mit durchschlagendem Bass und aggressiver Attitüde. Den satirisch überspitzt gezeichneten Gouverneur gibt Uwe Eikötter mit gut fokussiertem, klarem, absolut höhensicheren Tenor und viel Ironie.

Am Ende verüben die Tänzerinnen das Massaker, nehmen Rache an den Figuren der Unterdrückung, und fordern die Aufhebung der Ständegesellschaft. Keiner bleibt am Leben außer Simplicius. Er preist den Richter der Wahrheit.

Die Musik des Simplicius ist vielfältig, zitatenreich und assoziativ, ein Geflecht verschiedener Genres und Stile sowie symbolischer Verweise, mit eingängiger, fast romantischer Melodik, trotz direkter Nähe zu Neutönern wie Berg oder Krenek.

Der Dirigent Johannes Kalitzke hatte sich in Mannheim für die reduzierte kammermusikalische Fassung entschieden, mit erweiterter Streicherbesetzung, einfach besetzten Holz- und Blechbläsern und ausgedehntem Schlagwerk. Es gibt Instrumentalsoli, Chöre, Tänze, melodramatische Passagen, oratorienartige Stellen, eine jüdische Trauermelodie, einen Bach Choral „Nun ruhen alle Wälder“ und ein Zitat aus Strawinskys Sacre du printemps. Songs im Kurt Weill Stil tauchen ebenso auf wie ein Foxtrott am Ende. Eine aufregende Komposition von besonderem ästhetischen Reiz. Der Dirigent Herrmann Scherchen, der Hartmann zur Komposition seiner Kammeroper anregte, charakterisierte die Vielfalt „zwischen Bänkelsang, Choral und psalmodierendem Rezitando“.

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus - hier:  Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner

NTM Mannheim / Simplicius Simplicissimus – hier: Astrid Kessler, Jonathan Stoughton als Einsiedel, Thomas Mahlert am Kreuz © Christian Kleiner

Die Ouvertüre ist Sergej Prokofieff gewidmet, die mit einem Trommelwirbel und rhythmisch markanten Bläserakkorden in motorisch-vorwärtsdrängendem Gestus beginnt. Johannes Kalitzke liefert ein fein durchgehörtes und transparentes Klangbild, sensibel klingen die depressiv anmutenden Streicherkantilenen, die mit den spannungsvollen und energiegeladenen Schlagzeugpassagen kontrastieren. Jeder einzelne Musiker gestaltete seinen anspruchsvollen Part mit einem Höchstmaß an Präzision und Intensität. Kalitzke legte die kontrapunktische Struktur der komplexen Partitur frei, dirigierte in den Gewaltdarstellungen mit kompromissloser Härte, oder fand in den Trinkliedern und dem Schlussmarsch zu unbeschwerter Leichtigkeit. Besonders innig gelangen die poetischen Momente wie der Bachchoral im Zwischenspiel zum 2. Bild, oder der jüdischen Klagegesang  in der Sterbeszene des Einsiedel.

Der Chor, (Leitung: Danis Juris), teilweise in den ersten Seitenlogen positioniert, stellte nicht nur als expressiver Sprechchor sondern auch an den zart gesummten Stellen seine herausragende Qualität unter Beweis.

Das Publikum spendete diesem außergewöhnlichen Werk und seiner bewegenden Deutung lange begeisterten Beifall.

Simplicius Simplicissimus – Nationaltheater Mannhein; der nächste Termin: So, 04.07.2021, 19.30 – 21.00 Uhr

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—


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Mannheim, Musikalische Akademie, 8. Akademiekonzert – 22. Juni 2021, IOCO Aktuell, 18.06.2021

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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

8. AKADEMIE-KONZERT – Musikalische Akademie – 22. Juni 2021

Das 8. Akademiekonzert 2020/21 der Musikalischen Akademie des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. findet als Hybrid-Veranstaltung statt: Nicht nur wird das Konzert am 22. Juni 2021 um 20 Uhr live aus dem Mannheimer Rosengarten übertragen; aufgrund sinkender Inzidenzzahlen darf die Akademie zusätzlich 250 Abonnentinnen und Abonnenten im Saal willkommen heißen. Zu Gast ist Weltklasse-Geiger Augustin Hadelich, der unter der Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy Sergej Prokofjews zweites Violinkonzert präsentieren wird. Zudem darf das Publikum vor Ort und Zuhause auf Strawinskys Dumbarton Oaks sowie Prokofjews erste Symphonie gespannt sein.

IOCO berichtete über das 7. Akademiekonzert – link HIER!

»Als Orchester freuen wir uns selbstverständlich sehr, dass die Ränge im nächsten Konzert nicht gänzlich leer bleiben müssen. So viele tolle Möglichkeiten das Digitale birgt: Die Energie des Publikums hat uns Musikerinnen und Musikern über die Schließzeit ungemein gefehlt«, kommentierte der Akademiepräsident Fritjof von Gagern. »Zugleich ist es sehr bedauernswert, dass bei der Personenbeschränkung in Innenbereichen nicht feiner differenziert wird die im Rosengarten durchgeführte Aerosolstudie hat bereits vor einigen Monaten eindrücklich dargestellt, dass eine Belegung von 50 % des Mozartsaals unter Einhaltung der gängigen Abstands- und Hygieneregeln als vollkommen sicher einzustufen ist. Die 250 verfügbaren Plätze für dieses Konzert haben wir nun unter unseren über 2.000 Abonnentinnen und Abonnenten ausgelost und hoffen, im Rahmen des nachgeholten 2. Akademiekonzerts Ende Juli allen Interessenten ein sanaloges Angebot: machen zu können.«

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Der Livestream beginnt am Dienstag, 22. Juni 2021, 20 Uhr auf

www.musikalische-akademie.de/digital.

Die Liveaufnahme des Konzerts steht bis einschließlich Donnerstag, 24. Juni 2021 auf der Webseite der Musikalischen Akademie zur Verfügung. Einzeltickets für den Livestream können über die Musikalische Akademie für 15 erworben werden. Abonnentinnen und Abonnenten der Akademiekonzerte erhalten kostenlos Zugang. 0 zahlen Schüler und Schülerinnen, Studierende sowie Menschen mit geringem Einkommen nach erfolgter Anmeldung über die Musikalische Akademie.

Musikalische Akademie – Nationaltheater-Orchester Mannheim e. V.

Die in der Musikalischen Akademie organisierten Mitglieder des Nationaltheater-Orchesters Mannheim e. V. sind seit über 240 Jahren Veranstalter der Konzertreihe „Akademiekonzerte“. Unter den Theater- und Symphonieorchestern sind die demokratische Struktur der Akademie und ihre damit verbundene programmatische sowie finanzielle Eigenständigkeit einzigartig. Sie sind entscheidend für die künstlerische Identität und das Selbstbewusstsein der Musikerinnen und Musiker. In üblicherweise acht Doppelkonzerten pro Spielzeit präsentiert sich heute das Orchester, das sonst im Operngraben erklingt, im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens.

—| IOCO Aktuell Musikalische Akademie Mannheim |—


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Mannheim, Musikalische Akademie, 7. Akademiekonzert – Berg, Haydn, Mahler, Schreker, IOCO Kritik, 08.06.2021

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Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

7. AKADEMIE-KONZERT  –  Musikalische  Akademie
des Nationaltheater Orchester Mannheim  –
31.5. – 2.6.2021 – livestream aus dem Mannheimer Rosengarten

von Uschi Reifenberg

Allmählich entspannt sich die Corona Situation im Land, erste Öffnungen von Theatern und kulturellen Einrichtungen mit Live Publikum zeigen endlich Licht am Ende des Tunnels.

Werke von  –  Alban Berg (1878-1935), Joseph Haydn (1732-1809)
Gustav Mahler (1860-1911), Franz Schreker (1878-1934)

Die Musikalische Akademie des Nationaltheater Orchesters Mannheim konnte auch in ihrem 7. Akademiekonzert wieder mit einem spannenden und klug zusammengestellten Konzertprogramm im Livestream-Format überzeugen, das rundum Freude bereitete.

Auf große Orchesterbesetzungen und entsprechende Literatur muss zur Zeit noch verzichtet werden, einzelne Orchestermusiker und Solisten aus den eigenen Reihen können wieder in Kammerbesetzungen ihre herausragende Qualität unter Beweis stellen.

Darüberhinaus kommt das Publikum in den Genuss, eher selten gespieltes Repertoire in besonderen Konstellationen kennenzulernen.

Gustav Mahler Gedenken vor der Hamburger Staatsoper © IOCO

Gustav Mahler Gedenken vor der Hamburger Staatsoper © IOCO

GMD Alexander Soddy hatte mit Joseph Haydn,  Gustav Mahler, Franz Schreker und Alban Berg Komponisten ausgewählt, die eine Klammer setzen von Haydn als Repräsentanten der ersten Wiener Schule bis zu Alban Berg, zur zweiten Wiener Schule im 20. Jahrhundert. Die Werke sind -bis auf Haydns Trompetenkonzert – alle in einem engen Zeitraum, von 1916 bis 1928 entstanden. Diese Komponisten verbindet nicht nur eine gemeinsame Tradition, sie standen auch in engem Kontakt zueinander, inspirierten sich gegenseitig und entwickelten ihre ästhetischen Konzepte weiter. Gleichzeitig verbindet sie Wien als Wirkungsstätte, das in dieser Zeit der Aufbruchsstimmung kulturelles Zentrum und einzigartiger künstlerischer Kristallisationspunkt von Musikern, Malern und Literaten war.

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Musikalische Akademie Mannheim © Christian Kleiner

Als „kleines Denkmal einer großen Liebe“ bezeichnete Alban Bergs seine „Lyrische Suite“ für Streichquartett, von dem er 1928 drei Sätze für Streichorchester bearbeitete. Dieses Stück wurde  zu einem seiner Meisterwerke, voller geheimer Programmatik und opernhafter Bezüge, aufgrund der autobiografischen Verflechtungen, die Berg in dieses Stück hineinwebte. Berg thematisiert seine Liebe zur verheirateten Hannah Fuchs-Robettin, einer Schwester des Dichters Franz Werfels. Das Werk spiegelt die Zerrissenheit von Bergs Seelenzuständen und die Aussichtslosigkeit dieser Beziehung, das Tristan Zitat im letzten Satz des Streichquartetts verweist in tragischer Weise auf die Liebe-Tod Thematik.

Alban Berg verwendet hier die Zwölftontechnik Schönbergs zum ersten Mal und erzielte damit ein Maximum an Dichte und Expressivität. Es entstehen starke Spannungsmomente und  verblüffende, sinnliche Streicher- Klangfarben.

Soddy arbeitete die komplizierten Strukturen dieses atonalen Machwerks sorgfältig heraus,  verblieb jedoch nie im Abstrakten, sondern setzte den hochemotionalen Gehalt dieser Musik frei und erzeugte ein Höchstmaß an Ausdruck. Die rondohaft wiederkehrenden Themen im „Andante amoroso“ erklangen verhalten, mit äußerster Zartheit, die Soddy mit Hingabe zelebrierte.

Das „Allegro misterioso“ geht unter die Haut mit seinen aufregenden Streicher-Spieltechniken, flirrenden, rastlosen  Sechzehntelbewegungen, die eine unterschwellige brodelnde Unruhe transportieren, fast durchweg im piano gehalten. Tragik vermittelt Soddy im „Adagio appassionato“, das als tönendes Abbild eines leidenschaftlichen Liebesdialogs gedacht ist. Schwermütiges Melos in den tiefen Streicherlagen, jähe Aufschwünge, dazwischen einsame Zitate der Solobratsche und -violine. Der Schluss verhaucht ins Leere…

Mit Joseph Haydns Trompetenkonzert in Es-Dur setzte Lukas Zeilinger, Solotrompeter im Nationaltheater Orchester, einen ersten strahlenden Höhepunkt.

Dieses Instrumentalkonzert, das als eines der Standardwerke für Trompete gilt, schrieb Haydn 1786 für die von Anton Weidinger neu erfundene Klappentrompete, welche die frühere Naturtrompete ablöste, mit der man nur die Naturtöne, nicht aber chromatische Töne blasen konnte.

Musikalische Akademie / Solotrompeter Lukas Zeilinger © Zeilinger

Musikalische Akademie / Solotrompeter Lukas Zeilinger © Zeilinger

Lukas Zeilinger brillierte mit einem schwebenden und warmen Trompetenklang, idealer Technik und viel stilsicherem Feingefühl. Unprätentiös und mit innerer Freude gestaltete er das Thema des ersten Satzes mit seinen Verzierungen und feinen dynamische Abstufungen. Stets spürte er sensibel und mit elastischer Tongebung dem Haydn‘schen Melos nach, in der Kadenz erfreute er mit seinem glasklaren, leichten Ansatz, mühelosen Koloraturen, und strahlenden Spitzentönen. Das NTO und Lukas Zeilinger befanden sich in bestem Dialog, Alexander Soddy sorgte jederzeit für die perfekte klangliche Balance.

Dem  wiegenden Charakter des Andante Themas gab er weichen Schmelz, ließ die Kantilenen schön aufblühen und beeindruckte mit seiner ausgereiften Phrasierungskunst.

Den Rondo- Satz ging er leichtfüßig und tänzerisch an, schwungvolle Läufe, Intervallsprünge und schmetternde Fanfaren setzten im Finalsatz einen virtuosen Schlusspunkt.

In der längeren Umbaupause interviewte die Harfenistin des NTO, Nora von Marschall, den Solisten Lukas Zeilinger und GMD Alexander Soddy, was sich im Online- Format als eine hervorragende Gelegenheit erweist, die Künstler hautnah im Anschluss an ihre Auftritte zu erleben. Das Publikum lernt auf diese Weise „seine“ Musiker näher kennen und erfährt beispielsweise manch interessantes Detail über deren Werdegang oder zukünftige Pläne.      Eine wunderbare Bereicherung der Programmgestaltung.

Gustav MahlersLieder eines fahrenden Gesellen“ in der reduzierten Bearbeitung von Arnold Schönberg von 1920 für Streichquartett, Flöte, Klarinette, Klavier, Harmonium und Schlagwerk, fügt sich perfekt in die Dramaturgie des Konzertabends ein.

Mahler verarbeitet in diesen vier Liedern eine eigene unerfüllte Liebe und schrieb selbst den Text, der an die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ angelehnt ist. In diesen autobiografisch aufgeladenen Liedern sublimiert Mahler nicht nur seine unbewältigten Erfahrungen, sie sind auch eine Huldigung an die Natur, die hier als Gegenwelt und Sehnsuchtsort erscheint. Das Thema des 2. Liedes „Ging heut morgen übers Feld“ verwendete Mahler in seiner 1. Sinfonie, die wenig später entstand. Er überschrieb sie mit „Wie ein Naturlaut“. Die intime Instrumentierung intensiviert die Innenschau des zwischen Hoffnung und Aussichtslosigkeit, Realität und Traum getriebenen Gesellen und wirft ein eher indirektes Licht auf die einzelnen Stationen.

Musikalische Akademie / Bariton Thomas Berau © Desirèe Schmitt

Musikalische Akademie / Bariton Thomas Berau © Desirèe Schmitt

Der Bariton Thomas Berau, ebenfalls ein renommierter hauseigener Solist, nahm sich den Liedern des unglücklich liebenden Wanderers an und wurde dessen wechselvollen Seelenzuständen mit seiner suggestiven Gestaltungskraft in höchstem Maße gerecht. Mit klarer Diktion und vorbildlicher  Textausdeutung füllte er jede Phrase mit Leben, sein Bariton überzeugt sowohl in den lyrischen Naturbetrachtungen als auch in den heldischen, opernhaften Aufschwüngen.

Beklemmend gerieten im 3. Lied „Ich hab ein glühend Messer in meiner Brust“ die „Oh weh!“ Rufe, hochexpressiv und mit ausladender Gebärde. Stärker könnte der Kontrast nicht sein beim Wechsel von der ersten zur zweiten Strophe „Wenn ich in den Himmel seh“. Hier verleiht Thomas Berau  seiner Stimme zarten Schmelz und Innigkeit, wird die Phrase in matten Klang getaucht, schmerzerfüllt und anrührend.

Die  selten aufgeführte Kammersinfonie von Franz Schreker ist eine wahre Entdeckung. Der österreichische Komponist war vor allem bekannt geworden durch seine Oper „Der ferne Klang“, von 1912. Seine Kammersinfonie für 23 Musiker schrieb er mitten im Ersten Weltkrieg 1916, ein spätromantisch anmutendes Werk voller Farbenreichtum und Klangsinnlichkeit. Schreker war neben Richard Strauss wohl einer der wichtigsten und außergewöhnlichsten Opernkomponisten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der die Linie von Gustav Mahler fortführte und zwischen Moderne und Tradition vermittelte. Die Nazis verhinderten 1934 seinen weiteren beruflichen Aufstieg, woran er kurze Zeit später zerbrach. Noch 1938 wurde er auf die Liste der verfemten Komponisten gesetzt.

Franz Schreker ist ohne Zweifel ein Meister der Instrumentierung. Alexander Soddy und das Nationaltheater Orchester tauchten in die erotisch aufgeladene Musik Schrekers ein, die mit ihrem umarmenden Klang betörende Stimmungen evozierte.

Soddy kontrollierte mit idealer Balance die verführerischen Klangbilder und ließ magische Momente entstehen. Die Orchestermusiker setzten solistische Glanzpunkte, wunderbare Flöten- und Oboensoli kontrastierten mit süffigen Streicherwogen, die fast hypnotische Wirkung entfalteten. Hinreißend die Farbwerte von Klavier, Harfe, Celesta und Harmonium.

Ein hochemotionales Hörerlebnis aus dem Rosengarten von Mannheim!

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie Mannheim |—


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Mannheim, Musikalische Akademie, 6. Akademiekonzert – Mozart, Ibert, Mendelssohn, IOCO Kritik, 20.04.2021

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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

 Nationaltheater Orchester Mannheim – 6. Akademiekonzert

Aus dem Mannheimer Rosengarten –  Mozart, Ibert, Mendelssohn

von Uschi Reifenberg

Die ursprünglich geplante 5. Sinfonie von Anton Bruckner, die im Rahmen des Bruckner Zyklus im 6. Akademiekonzert aufgeführt werden sollte, musste aktuell leider der geforderten Orchester-Besetzungsgrösse geopfert werden. Stattdessen präsentierte die Musikalische Akademie des Nationaltheater Orchester am 12. April 2021 im Mannheimer Rosengarten nun Werke von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791), Jaques Ibert (1890 – 1962) und Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 -1847).

NTM Nationaltheater - Orchester / Musikalische Akademie © Minna Jung

NTM Nationaltheater – Orchester / Musikalische Akademie © Minna Jung

 Ausgelassenheit und Lebensfreude kämpfen gegen Tristesse

Antonello Manacorda konnte aufgrund situationsbedingter Terminverschiebungen die Leitung des Konzertes nicht übernehmen, für ihn dirigierte nun der italienische Shooting Star Jader Bignanini das exzellent ausgewählte Programm mit Mozarts 29. Sinfonie, Iberts Divertissement und Mendelssohns  4. Sinfonie, die Italienische.

Die drei Meisterwerke aus drei Jahrhunderten verbindet nicht nur der Ausdruck von purer Lebensfreude und Optimismus. Sie setzen mit ihrer Unbeschwertheit auch ein Zeichen der Hoffnung in einer als lähmend und trostlos erlebten Gegenwart, in der Kunst und Musik ihren essentiellen Platz verloren haben und Kulturschaffende sich immer mehr in ihrer Existenz bedroht sehen.

Allen Beteiligten gebührt größte Anerkennung und Respekt für die Durchführung dieses Konzerts  im gespenstisch leeren Mozartsaal mit seinen 2.500 Plätzen im Mannheimer Rosengarten.  Dirigent Jader Bignanini und das Nationaltheater Orchester (NTO) musizierten dennoch voller Inspiration und Spielfreude, so dass der Funke auch im Live Stream mühelos übersprang.

Mozarts 29. Sinfonie KV 201 aus dem Jahr 1774 weist nicht nur in der Tonart A-Dur Parallelen zu Mendelssohns Italienischer Sinfonie auf, konnten doch beide Komponisten auf bereichernde Erfahrungen einer vorangegangenen Italienreise zurückblicken, die in ihren Werken nachhaltige Spuren hinterließ.

Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart © IOCO

Der 18-jährige Mozart erweitert in diesem Sturm-und Drang Werk seine Ausdruckspalette, er ergänzt die Sinfonie um einen vierten Satz, die Einzelsätze wiederum sind thematisch aufeinander bezogen. Dramatik, Kontrapunktik und Freiheit in der individuellen Themenbehandlung lassen dieses geistreiche Werk zu einem Höhepunkt in Mozarts frühem sinfonischem Schaffen werden. Einflüsse der berühmten „Mannheimer Schule“, die wesentliche Impulse zur Weiterentwicklung der Sinfonie im 19. Jahrhundert beisteuerte, sind im letzten Satz mehrfach zu hören wie die „Mannheimer Rakete“, eine schnelle aufsteigende Tonfolge mit deutlichem Crescendo.

Jader Bignanini, der mit Atemschutzmaske dirigierte, und das NTO boten einen in zarten Farben leuchtenden Mozart, elegant, präzise und inspiriert. Er setzt mit kammermusikalischer Sensibilität und stets weicher Phrasierung ganz auf einen abgerundeten und eher kontrastarmen Mozartklang. Verhalten beginnt er das Hauptthema mit seinem charakteristischen, rhythmisch markanten Oktavsprung, das sich kanonartig zu einem ersten Höhepunkt steigert. Der zweite Andante-Satz atmet die typische mozartsche Gefühlstiefe, die Streicher entfalten gedämpft-gelassene Heiterkeit, seelenvolle Bläsereinsätze fügen sich ins homogene Klangbild und machen Mozarts genialen melodischen Einfallsreichtum beglückend erfahrbar.

Das Menuett mit seinen punktierten Rhythmen und fast schon „ruppigen“ Akzenten blieb eher leichtgewichtig. Mit Spritzigkeit und pulsierender Energie ging Bignanini den letzten Satz an, der mit  temperamentvoll vorwärtsdrängendem Gestus, seiner Dramatik und den „Mannheimer Raketen“ fast schon an Rossini erinnerte.

Hoang Nguyen, Cellist des NTO, erläuterte zur Pause das nächste Stück: Jaques Iberts Divertissement, ein musikalisches Unterhaltungsstück, auf höchstem Niveau komponiert. Neben der kleinen Orchesterbesetzung  sind Klavier, Celesta, Tamburin und sogar eine Trillerpfeife vorgesehen.

Vorgestellt: Die Musikalische Akademie im Mannheimer Rosengarten
youtube mcon Mannheim
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Ibert komponierte 1930 die Bühnenmusik zu einer Komödie von Eugène Labiche und extrahierte daraus sechs Sätze, die in einer ausgelassenen „Vergnügungstour“ ein funkelndes Kaleidoskop der 1920er Jahre vorbeirauschen lassen.

Da sprudelt es nur so von Zitaten, Parodien und vielfältigsten Verweisen. Jeder einzelne der achtzehn Musiker gestaltet seinen Part hochvirtuos und mit spürbarem Vergnügen an diesem „respektlosen Divertissement“, das von humorvollen Einfällen und schroffen Wechseln nur so strotzt.

Dirigent Jader Bignanini ist in diesem Stilmix bestens zu Haus, jedem der sechs Sätze gibt er die jeweilige   Charakteristik und wechselt souverän und mit Augenzwinkern zwischen Ironie und Tiefgang. Wähnt man sich im ersten Satz noch in einer Opéra comique, so findet man sich später in einem Stummfilmkino, dann wieder in einem französischen Salon wieder. Im 2. Satz, der „Cortège“ hört man neben jazzigen Elementen Mendelssohns Hochzeitsmarsch“ parodistisch aufblitzen.

Auch die Schattenseiten der so genannten „Belle Époque“ finden Einlass in dieses surreal anmutende Spektakel, namentlich die Gräuel des 1.Weltkriegs, die Ibert selbst hautnah miterleben musste. Im „Nocturne“ mit seiner düsteren Einleitung schlägt das Spiel plötzlich in Ernst um, der aber nicht lange währt. Im 4. Satz, dem „Valse“ wirbeln diverse Spielarten des Tanzes vorüber, mal wienerisch, mal krass verfremdet. Militärparaden ziehen vorbei, das Klavier persifliert in wilden Clustern die Avantgarde und deren Atonalität, bis die Trillerpfeife dem immer überschwänglicheren Treiben ein Ende setzt. Ein hinreißender musikalischer Spaß!

Der Geiger Arne Roßbach erläuterte in der zweiten Umbaupause die Entstehung von Felix Mendelssohns Bartholdys wohl populärster Sinfonie, der Italienischen.

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Felix Mendelssohn Bartholdy © IOCO

Der junge Mendelssohn begab sich 1830 auf Kultur- und Bildungsreise in die wichtigsten europäischen Städte, um seinen Horizont zu erweitern und neue Eindrücke für seine künstlerische Arbeit zu gewinnen.

In Weimar traf er Goethe, in London wurde er zu seiner Schottischen inspiriert, während seines Italienaufenthaltes zwischen Rom und Neapel begann er dann mit der Komposition der Italienischen. Die Uraufführung fand 1833 unter Mendelssohns Leitung in London mit großem Erfolg statt. Insgesamt arbeitete er acht Jahre an seiner 4. Sinfonie, mehrere Fassungen entstanden, die letzte setzte sich in der Konzertpraxis durch, die auch an diesem Abend gespielt wurde.

Die Städte Italiens, die historische Architektur, vor allem Rom machen großen Eindruck auf den jungen Mann. Mendelssohn ist begeistert von der italienischen Landschaft und Lebensart, in einem Brief schreibt er: „Die italienische Symphonie macht gute Fortschritte, sie wird das lustigste Stück, das ich je gemacht habe“.

Diese „unbeschwerte Leichtigkeit des Seins“ kommt vor allem in den Ecksätzen zum Ausdruck, der 2. und 3. Satz sind von leichter Melancholie überzogen, die an die deutsche Romantik im Stile Schuberts oder Webers erinnert.

Bignanini zelebriert das berühmte Hauptthema des 1.Satzes, dessen jubilierende Violinen sich  über den pulsierenden Holzbläser-Repetitionen emporschwingen. Das ist präzise, lebendig und durchsichtig musiziert und weckt zahlreiche Assoziationen an südliches Flair, aber auch die Sehnsucht wie sie Goethe vor seiner ersten Italienreise empfunden haben musste, als er aufbrach, das „Land mit der Seele zu suchen“.

Der 2. Satz erinnert mit seinem Hauptthema an das Lied „Der König in Thule“, von Goethe gedichtet, von Zelter vertont. Das Zitat könnte auch als doppelte Referenz an die beiden Meister verstanden werden, zum einen an Goethe, mit dem Mendelssohn freundschaftlich verbunden war und an Karl Zelter, seinen 1832 verstorbener Kompositionslehrer.

Weich geschwungene, schön phrasierte Holzbläserkantilenen unterstrichen mit sattem pastosen  Klangspektrum die untergründig fahle Stimmung, dazu erzeugte der rhythmisch strenge Streicher- Kontrapunkt große Spannungsmomente.

Im 4.Satz, dem „Saltarello“, einer typischen Italienischen Tanzweise, hält der neapolitanische Karneval Einzug mit ausgelassenem Treiben und leidenschaftlicher Vehemenz.

Dennoch steht der Finalsatz in a-Moll, nicht in der Ausgangstonart A-Dur, was in der damaligen Zeit als äußerst ungewöhnlich galt. Bignanini mobilisiert in dieser „Tarantella“ alle Reserven des  kraftvoll und begeistert aufspielenden Orchesters. Mit einem glanzvollen Eröffnungsakkord  beginnt der Presto Satz, wie entfesselt stürzen sich die Musiker in die federnden Tanzrhythmen, dennoch immer fein artikuliert und durchsichtigdie stetig anschwellenden Streicherphrasen mit überschäumender Energie in ein strahlendes Finale überleiten.

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie |—


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