Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Salome – Richard Strauss, IOCO Kritik, 03.10.2019

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Salome – Richard Strauss

– In der Jetztzeit – Eine Familientragödie in besseren Kreisen –

von Viktor Jarosch

„Salome bringt in 100 Minuten drei Männer zur Strecke“, kündigte Mönchengladbachs OB Hans Wilhelm Reiners den gespannten Besuchern im Theater Mönchengladbach zur Saisoneröffnung und Premiere der Salome am 22.9.2019 an. OB Reiners verkündete aber auch positives: die Zuschüsse zum Theater steigen ab 2019 um Euro 2 Mio jährlich: ein starker Einstieg in die folgende Premiere der szenisch und stimmlich begeisternden Salome.

Salome, das vielleicht größte Werk von Oscar Wilde (1856-1900), entstand in Paris, wurde 1891 in London publiziert, wo  Wilde als Schriftsteller schon früh sehr erfolgreich war. Die Tragödie Salome wurde Ausdruck von Wildes gelebtem Weltbild; es galt hinfort als eine Art „Dekadenzdichtung“, welche sich gegen prüde bürgerliche und  moralische Werte der Zeit auflehnt. Durch extravagant ungewöhnlichen Lebenswandel,  große Sprachgewandtheit und hohe öffentliche Präsenz hatte sich Oscar Wilde neben Bewunderen auch viele Gegner gemacht. Die englische Gesellschaft tolerierte Wilde nicht; sie schlug zurück: mit 44 Jahren stirbt Wilde aus England vertrieben und verarmt in Paris; dort, wo die Salome 1890 entstand.

 Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier streitende Juden über Religion _ vor der Villa des Herodes © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier streitende Juden über Religion _ vor der Villa des Herodes © Matthias Stutte

Salome  entstammt dem  Matthäus Evangelium, wenn auch dort nicht namentlich genannt; in Kapitel 14 heisst es..“Herodes hat Johannes ergriffen, gefesselt und ins Gefängnis geworfen, wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist nicht recht, dass Du sie hast  .. Als aber Herodes seinen Geburtstag beging, da tanzte   die Tochter der Herodias (NB  Salome)  vor ihnen ..  Darum versprach er ihr mit einem Eid, er wolle ihr geben, was sie fordern würde ….Und sie sprach: Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers!…“

Richard Strauss beeindruckte der große öffentliche Widerhall, welchen die Premiere des Dramas Salome 1901 in Breslau, Max Reinhardt inszenierte, ausgelöst hat. In Wien war  die Premiere der Salome 1901 zuvor von der Zensur  untersagt. Alles geschah  zu einer Zeit im deutschen Kaiserreich, als Frauen dort erstmals öffentlich  um ihre Rechte kämpften. Strauss hatte zuvor das Drama  mehrfach in Berlin besucht und wusste: „das Stück schriee nach Musik“.

Salome war zentral in Strauss´ Wirken, der kompositorische Durchbruch: mit  Salome fand Richard Strauss, er war bereits 56 Jahre alt, endgültig seine künstlerische Individualität:  dreißig Leitmotive und komplexe Tonarten (so das seltene cis-Dur zur Erotik der Salome; ihre Schwärmereien über die strahlenden Haare des Jochanaans in glücklichem, walzerhaftem D-Dur, es-Dur zeichnet den Mond, Jochanaan wird mit Hörnern ein wenig majestätisch gezeichnet): zusammen bildet es ein musikalisches Fundament inmitten changierender Thematik und Harmonik

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Herodes und die ihn verspottende Stieftochter Salome © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Herodes und die ihn verspottende Stieftochter Salome © Matthias Stutte

Nicht  einfach war es, 65 Musiker der Niederrheinischen Symphoniker mit ihren teils großen Instrumente im Orchestergraben des Theater Mönchengladbach zu positionieren, um trotzdem Salome mit kammermusikalischer Kraft zu spielen. Die kammermusikalische Intonierung war für GMD Mihkel  Kütson jedoch zentral für diese Inszenierung. Richard Strauss hatte Salome in mehreren Orchester-Fassungen komponiert; in Fassungen mit bis zu 125 Musiker. In Mönchengladbach wurde die etwas „verkleinerte“ Orchesterfassung aufgeführt. Inmitten der Enge des Orchestergrabens unterlegen in der Folge des Abends denn auch wunderbar feine Klangfarben des Orchesters die komplexe Handlung  auf der Bühne. In ausdrucksstarken musikalischen Klängen werden dunkle Mächte, die Ängste und Visionen des von seinem Brudermord getriebenen Herodes, die lasziven Wünsche der jungen Salome…… sichtbar.

Regisseur Anthony Pilavachi inszeniert Salome in Mönchengladbach im modernen Gewand des Art déco der 1920er Jahre, ohne Bezug auf die judäische  Antike, ohne Tempel des Herodes.  Das Bühnenbild: Weite Treppen führen zur Fassade einer mit goldfarbenen Reliefs geschmückten die Bühne beherrschenden herrschaftlichen Villa. Durch hohe, helle Fenster erkennt man  im ersten Bild eine elegante jüdische Gesellschaft (Männer mit Kippa und Schläfenlocken in Frack, Frauen in Abendkleidern) bei einem Festmahl (Bühnenbild, Kostüme Markus Meyer). Vor dem Palast ein offener Platz, in dessen  Mitte – eine runde Zisterne: Das Gefängnis des Jochanaan.

Modernes Bühnenbild, Lichteffekte und Kostüme verleihen der Tragödie um Herodes, Salome und Jochanaan nachfühlbare Aktualität und harmonieren  mit schauspielhaft präziser Gestik und Personenführung. So bildet die Inszenierung und das moderne Libretto von Richard Strauss den  Geist der Jetztzeit, des Hier und Heute ab. Verbunden mit einem darstellerisch und stimmlich blendend aufgelegtem Ensemble waren die Besucher von Beginn an gebannt; mit Beifallstürme wurde die ergreifende Premiere der Salome  im Theater Mönchengladbach gefeiert.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Salome und Jochanaan © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Salome _ hier Salome und Jochanaan vor der Zisterne © Matthias Stutte

Narraboth (David Esteban) schwärmt mit Beginn vor der chiquen Villa eines offensichtlich gutsituierten Herodes in lyrischem Tenor in modern schwarzer Uniform: „Wie schön ist die Prinzessin Salome heute Nacht!“, derweil  uniformierte Soldaten mit turbanhafter Kopfbedeckung (Matthias Wippich, Alexander Kalina) patrouillieren und die in der Villa sichtbare Festgesellschaft beschreiben:  „Die Juden; sie sind immer so. Sie streiten über ihre Religion“.  Aus der Zisterne erklingt die Mahnung des Jochanaan: Nach mir wird einer kommen…“; dann erscheinen die Protagonisten auf der Bühne; Salome in silbrig glitzerndem Abendkleid, klagt sich auf der Zisterne räkelnd: „Ich will nicht bleiben, Ich kann nicht bleibend…“.  Inmitten des großen Ensembles gestaltet Regisseur Anthony Pilavachi für jeden Akteur einen sichtbar eigenen aber immer modernen Charakter: Herodes in lässigem Anzug seiner Stieftochter Salome nachstellend, dann, zu seinem, schon im Evangelium beschriebenen Geburtstag, mit großem Festkuchen erscheinend; der Page wird zum Dandy; der „Tanz der sieben Schleier“  der Salome in weitem, weißen Umhang und mit riesigen Schmetterlings-Flügeln berührt anmutend esoterisch und nicht – wie oft inszeniert – billig lasziv oder verführerisch überzeichnend. Mit den Befehl: „Man töte dieses Weib“, weist Herodes bekanntlich zum Ende der Oper seine Soldaten an, die Stieftocheter zu erchiessen. Doch in Mönchengladbach endet die Oper überraschend:  Als die Soldaten Salome töten wollen erschießt diese, die Oper beendend, in einer sich verdunkelnden Bühne, ihren Stiefvater Herodes; mit dem zwiespältigen Ende schafft die Inszenierung Raum für weitere Träume, Visionen.

So wird Salome wird im Theater Mönchengladbach zu einem expressiven Drama einer Familie „in heutigen besseren Kreisen“, dessen komplexes aber höchst fragiles Beziehungsgeflecht durch eine unreif junge Frau, der selbstsüchtigen Salome, zum Einsturz gebracht wird.  OB Reiners hatte dies, welch eine Überraschung, schon gewusst und angekündigt!

Dorothea Herbert, ab 2019 neues Ensemblemitglied im Theater Krefeld Mönchengladbach,  überzeugt fulminant in der großen, gestaltenden Partie der Salome: Mit guter Verständlichkeit ( zentral für alle Richard Strauss Opern) und besonders in hohen Tonlagen überwältigendem Sopran erzeugt Dorothea Herbert von Beginn an bei den Besuchern Spannung, Neugierde, Faszination. Doch auch die anderen großen Partien der Produktion sind bestens besetzt: Markus Petsch als Herodes zeichnet die Unsicherheiten („ich bin sicher, es wird ein Unheil geschehen..“) im komplexen Beziehungsgeflecht mit Herodias und Salome mit lyrisch timbriertem, sicherem Tenor. Überwältigend erneut Johannes Schwärsky, hier als Prophet Jochanaan: Schon zu Beginn, aus den Tiefen der Zisterne, klingt sein kraftvoll schwerer Bass-Bariton drohend; akustisch noch ein wenig gedeckt; doch auf der Bühne wächst Schwärsky zu einem leibhaftigen Propheten Jochanaan, der mit mächtiger Stimme und großer physischer Präsenz Salome kraftvoll verflucht und die nahende Ankunft Gottes verkündet. Eva Maria Günschmann überzeugt in diesem starken Ensemble als intrigierende Herodias in gepflegtem Abendkleid mit optisch zurückgenommener Präsenz.

Theater Mönchengladbach / Salome hier das Ensemble zum Schlussapplaus vor der herrschaftlichen Villa © IOCO

Theater Mönchengladbach / Salome hier das Ensemble zum Schlussapplaus vor der herrschaftlichen Villa des Herodes © IOCO

GMD Mihkel  Kütson zeichnet mit seinen Niederrheinischen Symphonikern  zuvorderst den kammermusikalischen Charakter  der Oper Salome, welcher in Tonarten und Leitmotiven das Unterbewusste,  Stimmungen, Ängste, Träume und Visionen der Protagonisten betont, doch dies Unterbewusste ebenso farbig ausmalt wie das wahrnehmbare, sichtbare Handeln. Ein schwieriger Spagat für großes Orchester in einem relativ kleinen Haus; den Kütson und die Niederrheinischen Symphoniker mit Kunst und Können wunderbar umsetzen.

So feierte das Publikum zum Saisonanfang  im Theater Mönchengladbacher mit viel Bravos und Beifall  eine auch uns unerwartet mitreißende Inszenierung der Salome, welche heutiges Leben im Sichtbaren und mit konspirativen, hintergründigen, versteckten Untertönen spürbar abbildete.

Salome am Theater Mönchengladbach; die nächsten Vorstellungen 8.10.; 19.10.; 9.11.; 19.12.; 27.12.2019

Krefeld, Theater Krefeld Mönchengladbach, September 2019 – Hamlet, Salome, Der goldene Drache …..

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Krefeld © Matthias Stutte

Theater Krefeld © Matthias Stutte

 Hamlet, Salome, Dreigroschenoper, Der goldene Drache ….

In Krefeld eröffnet das Schauspiel am Freitag, 20. September 2019 die Spielzeit mit Brechts Klassiker Die Dreigroschenoper und setzt damit auf eine spartenübergreifende Arbeit: Regie führt Helen Malkowsky, die sonst im Musiktheater zu Hause ist und für unser Theater u.a. die Opern Hamlet und Katja Kabanowa inszeniert hat. Schauspieldirektor Matthias Gehrt freut sich darauf, wenn Malkowskys „gebündelte Musikerfahrung und hohe bildnerische Erfahrung“ mit seinem Schauspielensemble zusammentreffen.

Im Theater Mönchengladbach wird die Spielzeiteröffnung durch das Musiktheater gestaltet:  Am Sonntag, 22. September feiert Richard Strauss‘ Musikdrama Salome in einer Neuinszenierung des international gefragten Regisseurs Anthony Pilavachi Premiere. Damit steht das Werk erstmals wieder nach 26 Jahren auf dem Spielplan des Gemeinschaftstheaters. „Wir konnten für die wahrhaft mörderische Partie der Salome Dorothea Herbert verpflichten“, erläutert Operndirektor Andreas Wendholz. Die Sopranistin gehört ab 2019/20 fest zum Ensemble des Musiktheaters. Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen unter der Leitung von GMD Mihkel Kütson.

Nach Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Der seltsame Fall des Claus Grünberg und Let’s Stop Brexit! kommt mit Der goldene Drache von Peter Eötvös am Samstag, 28. September im Theater Mönchengladbach eine weitere Musiktheaterproduktion in der Reihe on stage zur Premiere.

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

50 Schlag“instrumente“ kommen zum Einsatz

Die Zuschauer nehmen nicht, wie üblich, im Saal Platz, sondern können Darsteller und Musiker hautnah aus einer anderen Perspektive erleben, indem sie auf Tribünen auf der Bühne sitzen. Der goldene Drache, eine tragikomische, sozialkritische Geschichte aus raschen Momentaufnahmen (5 Darsteller schlüpfen in 17 Rollen), die in einem Asia-Schnellimbiss spielt, wird von Petra Luisa Meyer inszeniert. Das Publikum darf sich auf ein außergewöhnliches Musikerlebnis freuen: Insgesamt kommen ca. 50 Schlag“instrumente“ zum Einsatz, darunter auch Schnapsgläser und Wok-Kochtöpfe sowie Kochlöffel, Kochbesen und Messer… Am Dirigentenpult übernimmt Yorgos Ziavras die Regie.

Am Sonntag, 29. September feiert Michail Bulgakows Der Meister und Margarita Premiere im Theater Krefeld. Für die Bühnenfassung und bildgewaltige, poetische Inszenierung dieser russischen Faust-Variation zeichnet die armenische Regisseurin Zara Antonyan verantwortlich. Der Meister und Margarita gilt neben Doktor Schiwago als der größte russische Roman des zwanzigsten Jahrhunderts. Zwölf Jahre lang schrieb Michail Bulgakow daran, von 1928 bis zu seinem Tod im Frühjahr 1940. Das Werk vereint unterhaltsame Groteske, Liebesroman, Künstlerroman und eine vielschichtige philosophische Reflexion über die menschliche Befähigung zum Guten und Bösen…

—| Pressemeldung Theater Krefeld Mönchengladbach |—

Münster, Theater Münster, NRW-Theatertreffen – „Vorsicht, zerbrechlich“, IOCO Aktuell, 13.06.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

NRW-Theatertreffen – Teil 2 – Das Theater als menschlicher Erfahrungsraum

 Regiepreis – Schuld und Sühne von  Fjodor Dostojewski

von Hanns Butterhof

Die zweite, deutlich aktuell und politischer angelegte Halbzeit des NRW-Theatertreffens ging mit der Verleihung der Preise für die beste Regie, das beste Ensemble, den besten Schauspieler, einen Förderpreis und den Publikumspreis zu Ende. Dabei gingen die politischen Stücke nahezu leer aus.

Das Theatertreffen bot viel und tolle Schauspielkunst. Wie eine Würdigung der Jury für alle Schauspieler galt der Preis für das beste Ensemble dem des Schlosstheaters Moers, das in der Regie von Ulrich Greb fulminant Zur schönen Aussicht Ödön von Horváths aufgeführt hatte: bankrotte, wertevergessen kriminelle Europäer, zusammengedrängt in den Speisesaal eines Hotels und umgeben von einer mitverschuldeten Katastrophe, in der die einzig Entkommene nur im Schutzanzug überleben konnte.

Bei aller fesselnden Dynamik des Spiels konnte Zur schönen Aussicht kaum berühren, zu statisch und comicmäßig verfremdet war der böse Blick auf das sterbende Europa. Zu statisch war auch Thomas Melles  Bilder von uns des Schauspiels Wuppertal in der Regie von Henri Hüster. Sehr aktuell geht es um Missbrauch durch katholische Patres. Doch die Opfer werden nur in ihren verschiedenen Abwehrposen gezeigt, nicht in ihrem inneren Prozess zu diesen hin. Da bleiben ihre Masken undurchdringlich und die Gesichter dahinter kommen nicht nahe. Das gleiche Ergebnis hat Heiner Müllers Hamletmschine, das Nava Zuckerman für das Theater Krefeld und Mönchengladbach inszeniert hat. Selbst wenn sich die Schauspieler als Privatpersonen in die Aufführung einbringen und das Publikum mehrfach die Spielstätte wechseln muss, bleibt das Gefühl, die eigene Geschichte werde behandelt, bis auf wenige bewegende Szenen aus.

Theater Münster / NRW Theatertreffen 2019 - hier :  Preisverleihung © Oliver Berg

Theater Münster / NRW Theatertreffen 2019 – hier :  Preisverleihung © Oliver Berg

Mit Heinrich von Kleists Lustspiel Der zerbrochene Krug (youtube Trailer unten) gelang Laura Linnenbaum vom Düsseldorfer Schauspiel fesselnd, das Publikum mit irrer Komik in die Verdrängung des Missbrauchs hineinzuziehen, den das Stück verhandelt. Erst der drastische Schluss mit einem weiteren Missbrauch lässt das Lachen im Halse stecken und das Publikum betroffen zurück.

Dass Unterwerfung nach Michel Houellebecq vom Schauspiel Bochum in der Regie von Johan Simons ein fesselndes, berührendes Stück ist, liegt nicht nur an dem blendend aufspielenden Ensemble und der passend vermüllten Bühne. Die Erfahrungen, Werte und Zweifel des Protagonisten werden die des Zuschauers, der  aus den eigenen Gewissheiten heraus- und umgetrieben wird. Das Aktuell-Politische ist nicht der Handlung aufgepfropft oder auf Figuren verteiltes Statement, sondern Selbstbefragung des Publikums. Theater wird so nicht auf Mehrheiten ausgerichtet demokratischer, sondern menschlicher Erfahrungsraum.

Der zerbrochene Krug  –  Heinrich von Kleist
youtube Trailer Schauspielhaus Düsseldorf
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Unter viel Beifall ging der Preis der Jugendjury für das beste Stück an Der Theatermacher vom Schauspiel Dortmund mit dem von der Fachjury, bestehend aus der Kulturjournalistin Natalie Bloch, der Autorin Svenja Viola Bungarten, der Intendantin des Landestheaters Schwaben, Dr. Kathrin Mädler, dem Feuilleton-Redakteur bei den Westfälischen Nachrichten, Harald Suerland, sowie dem Theaterkritiker Sascha Westphal.  als bester Schauspieler gekürten Andreas Beck. Den Preis für die beste Regie erhielt Bert Zander vom Theater Oberhausen für Schuld und Sühne. Der Förderpreis ging an Julia Sylvester von der  Burghofbühne Dinslaken für ihre berührende Rolle als Oskar in Extrem laut und unglaublich nah, dem auch der Publikumspreis zugesprochen wurde.

—| IOCO Aktuell Theater Münster |—

Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Nabucco – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 26.06.2018

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias Stutte

NABUCCO  –  Giuseppe Verdi

„All wars start at home

Von Viktor Jarosch

Mit der Uraufführung von Nabucco am 9. März 1842 am Teatro alla Scala in Mailand wurde Giuseppe Verdi über Nacht berühmt. Der Erfolg bedeutete auch das Ende einer tiefen Schaffenskrise und Depressionen, in welche Verdi zuvor gestürzt war: Zuvor waren seine Frau Margherita und seine zwei Kinder gestorben; seine die Oper Un giorno di regno war durchgefallen. So sagte Verdi später über sich selbst: „Nabucco ist die Oper, mit der in Wahrheit meine künstlerische Laufbahn beginnt“. Nabucco und der alttestamentarische Auszug der Hebräer aus babylonischer Gefangenschaft wird bis heute oft für die patriotische Gesinnung Verdis gesehen, als nationales Erweckungserlebnis der Italiener oder gar Ursprung der italienischen Einigung und rührt bis heute patriotisch gesinnte Italiener oft zu Tränen. Aufwendige, klassische Nabucco – Inszenierungen sind seither Privileg großer Bühnen, von Verona bis zur Bayerischen Staatsoper. Kleinere Theater zeigen Nabucco meist in modernen, zeitgemäßen Interpretationen; wie nun auch, in einer gelungenen Interpretation, das Theater Krefeld Mönchengladbach.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Nabucco - hier : Nabucco, das Oberhaupt der Grossfamilie mit Abigaille und Fenena © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Nabucco – hier : Nabucco, das Oberhaupt der Grossfamilie mit Abigaille und Fenena © Matthias Stutte

Regisseur Roman Hovenbitzer zeigt in seinem Mönchengladbacher Nabucco auch keinen biblischen Zwist von Babyloniern und Hebräern, keinen babylonischen König. Hovenbitzer interpretiert Nabucco stattdessen modern: „All wars start at home“: Seine Inszenierung transportiert die im heutigen, realen Alltag, auf der Strasse, zu Hause oft spürbare Aggressivität, Feindschaft. Nabucco im Theater Mönchengladbach zeigt eine sich, wie die Hebräer und Babylonier, bekämpfende, hassende moderne auseinander gebrochene Großfamilie.  Hovenbitzer transportiert die archaische Beziehung von Nabucco, Fenena und Abigaille in die heutige Zeit, der Verbindung eines Vaters zu seinen zwei Töchtern. Das Großformat der Oper von Babyloniern und Hebräern spiegelt Hovenbitzer in ein Alltagsformat zweier heutiger aufs Blut zerstrittener, rücksichtsloser Familien der Jetztzeit, worin der totale Machmensch, Nabucco, das Familienoberhaupt, in seinem überzogenem Machtanspruch verfällt und letztlich reift.

Zur Ouvertüre zeigt eine Rückblende die frühe Zeit der Großfamilie, welche, Nabucco und Zaccaria sind noch Kinder, die Saat für Streit, Geld- und Machtgier legt. Das Bühnenbild (Roy Spahn) zeigt zum ersten Bild einen großen hohen Versammlungsraum (der Salomonische Tempel) in welchem sich der eine Teil der Großfamilie (die Hebräer) in moderner Kleidung (Kostüme Magali Gerberon) trifft, berät, lebhaft diskutiert. Die Dramatik des Familienkonflikts wird sichtbar, als Zaccaria (Matthias Wippich) Nabuccos gefangene Tochter Fenena (Eva Maria Günschmann) gefesselt, den Kopf von einer Papiertüte verhüllt, hereinführt, die Tüte vom Kopf reißt, ihr ein Schild  „Feind“ umhängt. Mit seiner ersten großen Arie „Sperate, o figli! Iddio Del suo poter diè segno“ („Hofft, dass sich unser Trübsal ende“) setzt Matthias Wippich als Zaccaria dann mit gewaltiger und doch lyrisch timbrierter Stimme eine großartige Vorgabe für den Premierenabend.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Nabucco - hier : Zaccaria und Fenena, die Gefangene © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Nabucco – hier : Zaccaria und Fenena, die Gefangene © Matthias Stutte

Doch die Inszenierung zeichnet nicht allein Hochmut und Fall Nabuccos in farbenreicher Choreographie. Zur glitzernden „Krönungsfeier“ der Abigaille als neuer Familienlenkerin („Der Thron ist mehr als der verlorene Vater…“) blinken Börsenkurse und vermitteln den  Untergang aller moralischen Werte. Ebenso expressiv choreographiert Hovenbitzer den berühmten Gefangenchor der Oper, eine der ergreifendsten Werke der Musikgeschichte: Bis 10 Meter in den Bühnenhimmel ragen Stockbetten; auf ihnen liegen, sitzen, stehen die Verlierer einer Gesellschaft, Arme, Kranke, Hilflose, sichtbar Leidende. In zarten Piani beginnend (Musikalische Leitung Diego Martin-Etxebarria und die Niederrheinischen Sinfoniker) erklingen Chor und Extrachor mit dem ergreifenden „Va‘, pensiero, sull’ali dorate. Va‘, ti posa sui clivi, sui coll …..“ (Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht, lass’dich nieder in jenen Gefilden). Ergriffenheit und Spannung beim Publikum war ebenso spürbar wie beim Autor dieser Rezension.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Nabucco - hier : die Krönungsfeier der Abigaille © Matthias Stutte

Theater Krefeld Mönchengladbach / Nabucco – hier : die Krönungsfeier der Abigaille © Matthias Stutte

Johannes Schwärsky als Nabucco, Oberhaupt der zerstrittenen Großfamilie, die tragende Partie der Komposition wie der Inszenierung. Seine Herrschaft bildet auch ein großes Gemälde ab, welches ihn, Nabucco, stolz auf einem Hengst zeigt. In langem braunem Ledermantel mit Pelzkragen entwickelt Schwärsky mit bleibend kraftvollen, schwerem Bassbariton die große Partie des Nabucco; auch darstellerisch stets präsent: Die Wandel vom aggressiven Machtmensch zum verwirrten menschlichen Wrack und letztlich zum verzeihenden, geläuterten Wesen. Doch auch die weiteren großen Partien der Premiere sind ansprechend besetzt: Kairschan Scholdybajew mit hellem Tenor als Ismaele und Lydia Easley mit dramatischem Sopran als Abigaille und Eva Maria Günschmann mit eher lyrischem Timbre als Fenena runden der Produktion mit wohlklingendem und farbenreichem Ausdruck ab.

Hovenbitzers moderne Interpretation zu Verdis Nabucco„All wars start at home“ – in ihren vielen choreographischen Facetten die Jetztzeit realistisch abbildend, besitzt großen Charme, ergriff das Publikum. Nostalgische Wehmut, Wünsche nach einer klassischen Interpretation war nicht zu hören. Diego Martin-Etxebarria, die Niederrheinischen Sinfoniker, Johannes Schwärsky als Nabucco und Matthias Wippich als Zaccaria und das starke Ensemble wurden vom Publikum lebhaft gefeiert. Kritische Befragungen des Publikums zur Inszenierung durch den Autor führten zu einem eindeutigen Ergebnis: Einhellige, begeisterte Zustimmung.

Nabucco im Theater  Mönchengladbach: 30.6.; 11.7.; 15.7.; 28.9.2018 und mehr

—| IOCO Kritik Theater Krefeld Mönchengladbach |—

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