Dortmund, Theater Dortmund, Faust II – Ballett von Xin Peng Wang, IOCO Kritik, 30.06.2018

Juli 1, 2018 by  
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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

 FAUST II – Erlösung – –  Ein Tanz- und Bilderrausch

– Getanzter Appell an die Menschlichkeit –

Von Hanns Butterhof

Xin Peng Wang, der chinesische Direktor des Dortmunder Balletts, hat sich nach Goethes Faust I an dessen Alterswerk Faust II gewagt. Das Wagnis besteht darin, dass das Stück als ziemlich unaufführbar gilt und Goethe mehr hineingerätselt hat, als sich in einem Tanzabend konzise darstellen ließe.

Wang beleuchtet denn auch nur einige Faust – Szenen schlaglichtartig, um mit Faust II – Erlösung einen getanzten Appell an die Menschlichkeit zu richten. Dass Faust am Ende seiner Tage neues Land für viele Millionen schaffen will, verschränkt Wang mit dem Versuch von Flüchtlingen und Migranten, in Europa eine neue Heimat zu finden. Der Appell stützt sich auf die Hoffnung, dass das Publikum, wie Faust, sich in seinem Inneren des rechten Weges letztlich wohl bewusst ist.

Wie als utopischen Vorschein auf das Gelingen flicht Wang eine dritte, relativ unabhängige Ebene von Tanz-Inseln ein, in denen die Tänzer ganz bei sich sind, jenseits des Kampfes um Leben und Überleben. So tanzt einmal das Corps de Ballett, in fleischfarbenen Ganzkörper-Trikots (Kostüme: Bernd Skodzig) wie nackt, unbeschwert paar-, aber auch wechselweise frei und losgelöst miteinander.

Theater Dortmund / Faust II - hier : Lucia Lacarra als Helena, Dann Wilkinson als Mephisto, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Theater Dortmund / Faust II – hier : Lucia Lacarra als Helena, Dann Wilkinson als Mephisto, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Sehr klar charakterisiert Wang die Ausgangslage im Faust, das Verhältnis Fausts (Marlon Dino) zu seinem diabolischen Helfer Mephisto (Dann Wilkinson). Der weißgekleidete Faust behält liegend das Licht einer an langem Kabel herabhängenden Glühbirne fest im Blick, auch wenn der in schwarzes Leder wie ein Punker gekleidete Mephisto sie mit raschen Bewegungen weit über die ganze Bühne schwingen lässt, um ihn von seinem rechten Weg abzubringen.

Doch wer nicht mit Goethes Text vertraut ist, wird von den folgenden Faust II – Szenen der Kaiserlichen Pfalz, dem Erscheinen Helenas und des Homunculus wenig verstehen können. Es bleiben beeindruckende tänzerische Leistungen und schöne Bilder, wenn in der Pfalz die beschwingt und präzise Pirouetten drehenden Tänzerinnen in tellerartig abstehenden Tutus von weißgekleideten Herren umschwärmt werden und Mephisto als Zeremonienmeister finstere Tänzer in schwarzen Tutus dirigiert. Oder wenn Homunkulus (Giacomo Altovivo), wie aus dem Geist der von einer Cellistin erzeugten Musik geboren, sich in einem Käfig aus türkisen Laserstrahlen müht, aufrecht ins Leben zu finden.

Und hinreißend sind die beiden großen Pas de deux von Faust und Helena (Lucia Lacarra). Die beiden Gasttänzer vom Bayerischen Staatsballett, die geschmeidige, wie schwerelose Lucia Lacarra und der elegante Marlon Dino, sind ein wie von Phidias gemeißeltes klassisches Tanz-Traumpaar und rufen die Sehnsucht nach der alle menschlichen Schwächen versöhnenden Kraft der Liebe herauf.

Nur eher assoziativ mit dem Faust-Stoff verbunden, dafür aber optisch überwältigend sind die Flüchtlingsszenen. An Europas humanistische Tradition wird, wenn auch mit leisen Zweifeln, gemahnt, wenn die Fäuste zur „Internationale“ gereckt werden und das Orchester Beethovens „Neunte“ anklingen lässt, aber Mephisto zum allgemeinen „Oh my God“ ein Europafähnchen schwingt.

Theater Dortmund / Faust II - hier : Lucia Lacarra als Helena, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Theater Dortmund / Faust II – hier : Lucia Lacarra als Helena, Marlon Dino als Faust © Battina Stöss

Es kann als Folge der diabolischen Kaiserhof-Party mit ihrer inflationären Papiergeldschwemme angesehen werden, dass die scheinbar nackten Flüchtlinge immer wieder gegen Wände rennen und unter dem Sirenengeheul der Musik zusammensinken. Oder dass sie in einer fast zu schönen Laserprojektion von Meereswogen des Licht-Designers Li Hui nahezu pantomimisch gegen das Ertrinken ankämpfen, aber immer wieder untergehen. Das gipfelt im Bild eines Kindes (Ava Jahnke), das vor den vom Schnürboden herabgelassenen Trümmern eines Bootes tot am Strand angespült wird. Dahinter kämpft eine Gruppe gegen den Widerstand an, den die Musik mit Trommelschlägen wie Schüssen malt. Doch jetzt geben die Gestrandeten ihre individuelle Flucht auf, sie fassen sich an den Händen und bilden einen Kreis, zu dem Faust mit Helena hinzutritt. Er nimmt das Kind in einer rührenden Geste auf, reicht es Helena weiter, und sie gehen, nachdem Faust mit seiner menschlichen Tat noch Mefisto das Lebenslicht ausgeblasen hat, voran in einen ins Meer führenden Laser-Licht-Tunnel, hoffentlich auf dem rechten Weg.

Ein Künstler muss keine Lösungen für politische Fragen parat haben, nicht einmal Empfehlungen wie die von Faust II nahegelegte, Raum für Menschen zu schaffen, die keinen eigenen Platz mehr in der Welt haben. Aber die Mitmenschlichkeit beim Publikum anzurühren, ästhetisch an sein Mitgefühl bei der Lösung dieser Fragen zu appellieren, das kann die Kunst, und Xin Peng Wang ist das mit Faust II – Erlösung eindringlich gelungen, musikalisch differenziert begleitet von den Dortmunder Philharmonikern unter der souveränen Leitung von Philipp Armbruster.

Es lohnt sich, den Tanz- und Bilderrausch von Faust II – Erlösung noch einmal am 10.7.2018, 20.00 Uhr in München zu genießen.

Faust II – Ballett von Xin Peng Wang: weitere Vorstellung 10. Juli 2018  München, Gasteig,  Carl-Orff-Saal

—| IOCO Kritik Theater Dortmund |—

 

München, Gärtnerplatztheater, Choreografische Uraufführung LA STRADA, 12.07.2018


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

LA STRADA  –  Ballett von Marco Goecke

Nach dem gleichnamigen Film von Federico Fellini, Buch von Federico Fellini und Tullio Pinelli, Musik von Nino Rota

Musikalische Leitung   Michael Brandstätter, Choreografie   Marco Goecke, Bühne und Kostüme   Michaela Springer, Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Choreografische Uraufführung 12. Juli 2018 um 19.30 Uhr, Ballettsoiree 2. Juli 2018 um 18.00 Uhr, Weitere Vorstellungen  Juli 14 / 15 / 17 / 23

Staatstheater am Gärtnerplatz / Proben: - La Strada - Thomas Martino, Roberta Pisu © Marie-Laure Briane

Staatstheater am Gärtnerplatz / Proben: – La Strada – Thomas Martino, Roberta Pisu © Marie-Laure Briane


Das Ballett LA STRADA von Marco Goecke feiert seine Choreografische Uraufführung am 12. Juli. Eine spannungsgeladene Dreiecksbeziehung bildet den dramatischen Mittelpunkt von Fellinis »Oscar«-prämiertem Filmklassiker »La Strada«. Der italienische Star-Regisseur arbeitete eng mit dem Komponisten Nino Rota zusammen, der die Filmmusik zu »La Strada« schuf. Rota arbeitete sie zu einer Ballettsuite für Orchester um, die das Gärtnerplatztheater als deutsche Erstaufführung präsentiert. Diese Fassung bildet für Choreograf Marco Goecke die Grundlage zu einem mitreißenden Ballettabend über den Widerstreit menschlicher Urtriebe wie Liebe, Hass und Eifersucht.

Vor der Premiere laden wir Sie am 2. Juli um 18.00 Uhr zur Ballettsoiree ein, einem exklusiven Probenbesuch, wo Sie unseren Tänzerinnen und Tänzern direkt bei der Erarbeitung des neuen Tanzstückes auf der großen Bühne zusehen können. In Gesprächen mit Dramaturg Daniel C. Schindler und beteiligten Künstlerinnen und Künstlern erhalten Sie zudem Einblicke in den Entstehungsprozess der Neuproduktion.

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

München, Gärtnerplatztheater, Spielzeitpremiere DON PASQUALE, 29.04.2018


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

DON PASQUALE von Gaetano Donizetti

Gärtnerplatztheater / Don Pasquale - Anja-Nina Bahrmann als Norina, Mathias Hausmann als Malatesta © Thomas Dashuber

Gärtnerplatztheater / Don Pasquale – Anja-Nina Bahrmann als Norina, Mathias Hausmann als Malatesta © Thomas Dashuber

Gaetano Donizettis Komische Oper DON PASQUALE feiert Spielzeitpremiere am 29.4.2018. Brigitte Fassbaender inszenierte die bekannte Geschichte vom alten Grantler, der von einer jungen Frau erbarmungslos an der Nase herumgeführt wird, die musikalische Leitung hat Michael Brandstätter.

Innerhalb von kaum elf Tagen hatte Gaetano Donizetti die Oper als Auftragswerk für das Pariser Théâtre-Italien auf ein zusammen mit Giovanni Ruffini erstelltes Libretto komponiert, das wiederum auf einer Vorlage von Angelo Anelli beruht. Das Publikum liebte die Musik von praller Komik im Stile der Commedia dell’arte bis hin zu wunderschön lyrischen Momenten sofort und hatte seinen Spaß mit der altbekannten Geschichte vom alten Grantler, der von einer jungen Frau erbarmungslos an der Nase herumgeführt wird. Schnell verbreitete sich das humorvolle Stück über die Bühnen der Welt. In der erfolgreichen Inszenierung von Brigitte Fassbaender ist der schrullige Alte am Gärtnerplatztheater zu erleben!  Hoch geht es her, wenn ein alter Hagestolz heiratet. Eigentlich soll die Hochzeit nur dazu dienen, dem Neffen Ernesto das Erbe zu vermiesen. Doch die falsche Braut Norina macht dem alten Onkel ganz gehörig die Hölle heiß.

Das Gärtnerplatztheater zeigt das humorvolle Stück mit Musik von praller Komik im Stile der Commedia dell’arte bis hin zu wunderschön lyrischen Momenten am 29.4.; 2., 5., 8. und 18 Mai 2018.


Gärtnerplatztheater / Don Pasquale - Mathias Hausmann als Malatesta, Marco Filippo Romano als Don Pasquale, Anja-Nina Bahrmann als Norina, Bogdan Mihai als Ernesto © Thomas Dashuber

Gärtnerplatztheater / Don Pasquale – Mathias Hausmann als Malatesta, Marco Filippo Romano als Don Pasquale, Anja-Nina Bahrmann als Norina, Bogdan Mihai als Ernesto © Thomas Dashuber

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

 

München, Theater am Gärtnerplatz, My fair Lady von Frederick Loewe, IOCO Kritik, 13.03.2018


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

Gaertnerplatztheater München © Christian Pogo Zach

 My fair Lady von Frederick Loewe

Von Ovid über Shaw über Loewe nach München

Von Daniela Zimmermann

Ein Musical-Klassiker: 1956 schufen Frederick Loewe und  Alan Jay Lerner das Musical My fair Lady. Ihre Vorlage: Die 1913 entstandene Komödie Pygmalion von Georg Bernard Shaw. Die Vorlage für Georg Bernard Shaw wiederum waren die Metamorphosen des Ovid (43 v. Chr. – 17 n.Chr.), der sich in seinen jungen Jahren  mit Liebesgeschichten befasste. My fair Lady: Abendländische Kultur von über 2.000 Jahren!

Josef E.Köpplinger drückt als Regisseur des Stückes aufs Tempo und erreicht eine lebendige Bühnenatmosphäre, die sich auf das Publikum überträgt. Köpplinger hat My fair Lady nicht zum ersten Mal inszeniert. Er bringt die Erfahrung und Professionalität  mit, dies herrliche alte Musical in München zu einem großen Publikumserfolg zu machen.

Staatstheater am Gärtnerplatz/ My fail Lady - hier Friedrich von Thun als Oberst Pickering, Nadine Zeintl als Eliza Doolittle, Michael Dangl als Professor Henry Higgins © Marie-Laure Briane

Staatstheater am Gärtnerplatz/ My fail Lady – hier Friedrich von Thun als Oberst Pickering, Nadine Zeintl als Eliza Doolittle, Michael Dangl als Professor Henry Higgins © Marie-Laure Briane

Der allseits bekannte Inhalt –  Eine Wette. Mr. Higgins, der berühmte  Phonetik-Professor, smart und  arrogant, vor allem aber gegenüber dem weiblichen Geschlecht, wettet mit seinem Freund Oberst Pickering, der gesellschaftlichen Unterschicht entstammenden   Eliza allein durch den richtigen Gebrauch von Sprache, zu einer wahren Dame zu machen; was Higgins natürlich gelingt. Doch erkennt Higgins in dem „Objekt Eliza“ erst zum Ende des Stückes den „Menschen Eliza“. Nun erst entwickelt er „zarte“  Gefühle zu einer inzwischen erfolgreichen und  selbstbewussten Eliza. Und entlarvt damit seine frühere Blindheit und chauvinistisch interlektuelle Arroganz für den Menschen Eliza.

Optisch ist die Inszenierung des Gärtnerplatztheaters in London angesiedelt. Das einfache Volk spricht ordinäres, leider oft schlecht zu verstehendes Bairisch (nicht Bayerisch);  verglichen mit dem feinen Hochdeutsch der gehobenen Klasse. Ein Bühnenbild um London und Ascot hat Rainer Sinell entwickelt. Die Kostüme, ganz traditionell dem 19. Jahrhundert angepasst stammen von Marie-Luise Walek. Sinells Bühne dreht sich beständig, und offenbart immer wieder, passend zum Tempo dieser rasanten Inszenierung, immer wieder neue Blickwinkel.

Auf der Bühne läuft ein mit Bühnenstars gespicktes Festival der guten Laune ab. Der Salzburger Michael Dangl als Mr. Higgins ist genauso fernsehbekannt wie Friedrich von Thun als Oberst Pickering, sein Counterpart und  Wettfreund auf der Bühne. Herr von Thun ist ruhig charmanter Pol dieser Aufführung, gut zu verstehen; er ergänzt sich optisch wie stimmlich bestens mit dem strengen Professor Mr. Higgins. Nadine Zeitl, eine Österreicherin, ist Eliza. Sie muss die Wandlung vom Straßen-Kind zur Dame der Gesellschaft glaubhaft darstellen. Doch Zeitl ist ein bereits bekannter  Musicalstar und beherrscht ihr Metier perfekt. Sie kann deftig herumschreien, ausgelassen singen und schafft ausdrucksstark den Spagat zur Dame. Robert Meyer als Alfred Doolittle, Elizas Vater, ist als großartiger Burgschauspieler und derzeitiger Intendant der Wiener Volksoper allererste Empfehlung für dies Musical! Dagmar Hellberg als Mrs. Pearce, ebenfalls allseits bekannt.

Staatstheater am Gärtnerplatz/ My fair Lady - hier Cockneys tanzen mit Eliza © Marie-Laure Briane

Staatstheater am Gärtnerplatz/ My fair Lady – hier Cockneys tanzen mit Eliza © Marie-Laure Briane

Mr. Doolittle, Elizas Vater singt, tanzt und unterhält seine ganzes, malerisch gekleidetes Umfeld. Stimmungsfrohe und schwungvolle Höhepunkte der Produktion  sind als  „es grünt so grün wenn  Spaniens Blüten blühen“  und Elizas Einführung in die vornehme Gesellschaft von Ascot. Cornelia Froboess spielt hier eine wunderbare  Mutter Higgins. Ihre markante Stimme wieder zu hören macht allein schon Freude. Amüsiert, charmant distinguiert wie  skeptisch spielt sie ihre  diese Mutterrolle glaubhaft überzeugend.  In Ascot verliebt sich der junge Adlige Freddy unsterblich in Eliza. Maximilian Meyer als Freddy singt perfekt und umtanzt mit jugendlichem Elan den Laternenmast in seiner totalen Verliebtheit. Wem Eliza letztlich ihr Herz schenkt, Prof. Higgins oder Freddy bleibt, wie man weiß, auf der Bühne offen. Aber eben nur auf der Bühne.

Im Graben begleiten Andreas Kowalewitz und das Orchester des Staatstheaters  mit Schmiss, Tempo aber auch mit Zartheit die schöne Inszenierung. Das Publikum war begeistert. Karten für My fair Lady sind bis Juni 2018 nur schwer zu erhalten; der beste Beweis für den Erfolg dieser Inszenierung.

My fair Lady am Gärtnerplatztheater: Die nächsten Vorstellungen 16.3.; 18.3.; 25.3.; 6.4.; 7.4.; 14.4.; 15.4.; 1.6.2018 und mehr.

—| Pressemeldung Staatstheater am Gärtnerplatz |—

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