Osnabrück, Theater am Domhof, Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque, IOCO Kritik, 25.09.2020

September 26, 2020 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die Nacht von Lissabon  –   zum 50. Todestag von Erich Maria Remarque

– Innenansicht eines Flüchtlings –

von Hanns Butterhof

Der Westfälische Frieden, der 1648 in den Osnabrücker und Münsteraner Rathäusern den Dreißigjährigen Krieg beendete, ist das herausragende Ereignis der Stadtgeschichte. Osnabrück identifiziert sich damit heute als „Friedensstadt“ mit dem Auftrag, sich friedenspolitisch nach außen und innerhalb der Stadtgesellschaft zu engagieren. Diesem Auftrag kommt es unter vielem anderen mit der besonderen Pflege der Erinnerung an Erich Maria Remarque nach, der am 22. 6. 1898 in Osnabrück geboren wurde und am 25.9. 1970 in Locarno starb; mit seinem Anti-Kriegs-Roman Im Westen nichts Neues von 1929 erzielte er einen Welterfolg.

Die Nacht von Lissabon – Erich Maria Remarque
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Auch das Theater Osnabrück und vor allem sein Schauspiel verstehen sich ausdrücklich als politisch in diesem Sinn und setzen sich mit Remarques Leben und Werk auseinander. So beginnt die neue Spielzeit im Theater am Domhof mit Die Nacht von Lissabon, Erich Maria Remarques Exilanten-Roman von 1962. Der regieführende Schauspieldirektor Dominique Schnizer hat eine Theaterfassung erarbeitet, die auf die Erzählperspektive und die turbulenten äußeren Geschehnisse der erzählten Nacht verzichtet, aber mit den Videos von Christoph Otto einen fesselnden Einblick in das Innenleben eines Flüchtlings erlaubt.

Das Stück ist mit einem Schauspieler auf der Bühne und allen weiteren Figuren nur auf eingespielten Videos absolut coronatauglich. Es spielt größtenteils in einem Container (Bühne und Kostüme: Christin Treunert), aus dessen Ecke ein Mann (Thomas Kienast), umgeben von einem Rucksack, einem Paar Stiefel und Essgeschirr, in videogestützten Rückblicken seine Geschichte erzählt.

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon - hier :  Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an seine Rückkehr nach Osnabrück © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon – hier : Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an seine Rückkehr nach Osnabrück © Uwe Lewandowski

Es ist die Geschichte eines Deutschen, der 1933 aufgrund einer Denunziation ins KZ kam und nach seiner Entlassung 1934 in die Schweiz emigrierte. 1939 kommt er mit den Papieren eines Österreichers, der sich im Exil umgebracht hatte, als Josef Schwarz in seine Heimatstadt Osnabrück und zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) zurück. Gemeinsam fliehen sie über die Schweiz nach Frankreich, wo sie eine glückliche Zeit zusammen verleben, Nach Kriegsbeginn 1939 werden dort beide als feindliche Ausländer interniert. Doch ihnen gelingt die Flucht über Spanien bis nach Lissabon, wo seine Frau am Tag vor der Überfahrt nach Amerika stirbt.

Thomas Kienast ist ein fesselnder Berichterstatter, dem überzeugend die verschiedensten, auch jäh wechselnden Gemütszustände gelingen, von zynischer Verzweiflung bis zu liebevollen Erinnerungen an die Glücksmomente mit seiner Frau. Sie ist nur in den Videos der Erinnerung präsent, aber Monika Vivell verleiht Helen die wohl interessanteste Statur im Stück. Trotz ihrer schließlich tödlichen Krebserkrankung ist sie unbedingt lebensvoll, sogar der Flucht kann sie Abenteuercharakter abgewinnen.

Dagegen bleibt die Figur des Josef Schwarz blass. Weder wird der Grund der Denunziation noch der seines Exils ausgeführt, seine gesamte Gesinnung bleibt im Dunklen, wodurch er auf den Flüchtling an sich reduziert wird, dem unbedingtes Wohlwollen zukommt. Es sind die Videos Christoph Ottos, die mit schnellen Schnitten die traumatischen Flashbacks oder die Zeit des gemeinsamen Glücks vor Augen führen und dem Publikum effektvoll das Innenleben Josef Schwarz‘ zeigen.

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon - hier: Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an die Rückkehr zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / Die Nacht von Lissabon – hier: Josef Schwarz (Thomas Kienast) erinnert sich an die Rückkehr zu seiner Frau Helen (Monika Vivell) © Uwe Lewandowski

Bedauerlich sind die ungenauen Versuche einer Identifikation des Damals mit dem Heute. Funktionslose Videoeinspielungen der fiktiven Originalschauplätze Lissabon, Paris und Osnabrück, vor allem die oberflächliche Identifikation des Osnabrücker Publikums über einen Osnabrücker Protagonisten mit leibhaftigen Flüchtlingen, die im Abspann aus einem Erstaufnahmelager in der Nähe von Osnabrück zu Wort kommen, zeigen eine fatale Neigung der Regie zu erzwungener Unmittelbarkeit. Um des direkten politischen Zugriffs willen wird das Publikum entmündigt und die Aussage des Stücks unnötig plakativ auf die der Regie verengt.

Langanhaltender Beifall des coronabedingt ausgedünnten Publikums für Thomas Kienast nach einer langen Pause der Betroffenheit am Ende des Stücks, zustimmender Applaus für die Migranten. Sie scheinen am Ziel ihrer Flucht angekommen, einem Ziel, das Joseph Schwarz nach dem Tod seiner Frau dafür aufgegeben hat, in der Nacht von Lissabon seine Geschichte erzählen zu können.

Die Nacht von Lissabon am Theater Osnabrück; Die nächsten Termine: 16.,17. und 18.10.2020, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Domhof;  Karten auch unter: karten@theater-osnabrueck.de oder 0541-7600076

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater Osnabrück, Spielplan 2020/21 – Mephisto, Das Narrenschiff und viel mehr, IOCO Aktuell, 01.07.2020

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

      Theater Osnabrück –  Spielpan 2020/21 

– Ein Theater auf der Suche nach Gemeinschaft –

von Hanns Butterhof

Dr Ralph Waldschmidt © Hanns Butterhof

Dr Ralph Waldschmidt © Hanns Butterhof

In diesen Corona-Zeiten ist vieles anders als üblich, da macht auch die Vorstellung des Spielplans für die kommende Theatersaison keine Ausnahme. In gebotenem Abstand verteilt sich das Leitungsteam auf die ganze Breite der Bühne des Theaters im Domhof, während sich im Zuschauerraum ein gutes Dutzend Journalisten als „Testpublikum“ verliert, wie der gutgelaunte, zum Ende der Spielzeit scheidende Intendant Dr. Ralf Waldschmidt scherzt.

Waldschmidts sichtlich entspannter Auftritt hat mehrere gute Gründe. Zum einen ist die Finanzierung durch das Land bis 2023 gesichert, und die Zusagen der Stadt bis 2024 werden in Kürze erwartet, wie der Kaufmännische Direktor Matthias Kühn mitteilt. Zum andern kann er sich auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs mit einem durchaus ansehnlichen Programm freuen. Waldschmidt stellt es unter das Motto „Gemeinschaft suchen“, wohl nicht zuletzt wegen der unter den Corona-Bedingungen sichtbar gewordenen Spaltung der Gesellschaft.

Die erste Spielzeithälfte weist noch deutlich coronabdingte Formen auf.  Die Stücke sind nicht länger als 80 bis 90 Minuten und werden in dem etwa 600 Plätze bietenden Saal vor etwa 150 zugelassenen Zuschauern ohne Pause gespielt. Optimistisch wird für die zweite Hälfte am alten, vor Corona aufgestellten Spielplan festgehalten.

Im Schauspiel steuern Direktor Dominique Schnizer und Jens Peters weiter ihren „Kunst-muss-politisch-bleiben“-Kurs. Am Großen Haus bieten sie mit Klaus Manns Mephisto, Katherine Anne Porters Das Narrenschiff und Erich Maria Remarques Die Nacht von Lissabon gleich drei Roman-Adaptionen an, dazu Lutz Hübners und Sarah Nemitz‘ Komödie„Willkommen“ sowie Rebekka Kricheldorfs Krimi Das Waldhaus, der ins Milieu von Verschwörungstheoretikern führt.

Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

Nur Digitales gibt es vorerst im emma-theater, Goethes Götz von Berlichingen und die  Krimi-Serie Tödliche Entscheidung, bei der das Publikum am Ende jeder Folge über den Fortgang mitbestimmen kann. Erst für das kommende Jahr sind mit Die Osnabrück-Bücher von Hélène Cixous,  Kriegerinnen von  Ron Zimmering und Julian Mahid Carly-Hossains Stück Verbindungsfehler analoge Projekte vorgesehen.

Für das Musiktheater lobt GMD Andreas Hotz an den Einschränkungen, dass sie kürzere Werke ins Licht rücke, die sonst selten zu erleben und hygienekonform in kleiner Besetzung aufführbar sind. Man darf sich auf Henry Purcells Barockoper Dido und Aeneas, Franz von Suppés Operette Die schöne Galathea und Leonard Bernsteins Musical Trouble in Tahiti freuen. Für Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg ist im März 2021 dann wieder großes Orchester vorgesehen.

Giselle – Uraufgeführt im Theater Osnabrück – wieder auf dem Spielplan
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Im Tanztheater macht Tanzchef Mauro de Candia mit seiner Uraufführung Kunstraub die für den ganzen Kunst-Betrieb extrem hinderlichen Abstands- und Hygieneregeln zum Thema. Ein Höhepunkt wird Mozarts Requiem sein, bei dem Dance-Company, Oper, Schauspiel und das Osnabrücker Symphonieorchester zusammenwirken.

GISELLE _ hier die Rezension von Hanns Butterhof / IOCO

Mitglieder der Dance-Company werden sich wieder in Open Windows 9 als Choreografen präsentieren, und Vasna Aguilar und Fernando Melo steuern als Gäste den Doppelabend „Beginning / After“ bei. Mit der 2. Tanzwoche und der abschließenden 8. Tanzgala endet auch für Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckemann nach neun sehr erfolgreichen Spielzeiten ihre letzte am Theater Osnabrück.

Für die zehn Konzerte hebt Andreas Hotz Weltstars als Gäste wie auch die inhaltliche Öffnung hin zur Weltmusik hervor. Dazu verweist er auf das vielfältige weitere Angebot, von der Kammermusik-, Schloss- und der Familienkonzert-Reihe bis zu den Kleinst-Kind-Konzerten. Das Publikum kann sich auf eine in vielerlei Hinsicht spannende Spielzeit 20/21 freuen.

Das Heft zur Spielzeit 2020/21 und eine  Spielplan-Präsentation als Video gibt es unter www.theater-osnabrueck.de

—| IOCO Aktuell Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Giselle – Ballett – Mauro de Candia, IOCO Kritk, 04.03.2020

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Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Giselle – Dance Company – Mauro de Candia

– Tödlich zerstörtes Vertrauen –

von Hanns Butterhof

Giselle ist eine Ikone des romantischen Balletts. 1841 wurde es am Königlich Akademischen Musiktheater in Paris zu dem Libretto Vernoy de Saint-Georges und anderer zur Musik von Adolphe Adam uraufgeführt. Im Theater am Domhof hat es jetzt Mauro de Candia entromantisiert und aus der feudalen Gesellschaft mit ihren Standesunterschieden in eine zeitlose Gegenwart versetzt. Mit dem live vom Osnabrücker Symphonieorchester unter Daniel Inbal musikalisch unterstützten und begeisternd tanzenden Ensemble der Dance Company hat de Candia einen wunderbaren Tanzabend geschaffen.

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle - hier : Giselle und Albrecht sind verliebt - Marine Sanchez Egasse, Hampus Larsson © Joerg Landsberg

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle – hier : Giselle und Albrecht sind verliebt – Marine Sanchez Egasse, Hampus Larsson © Joerg Landsberg

Auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne mit ihrer kargen Kulisse von einigen Birken konzentriert sich de Candia auf die vier Protagonisten des  Balletts, Albrecht (Hampus Larsson), seine Verlobte Bathilde (Ana Torre), Giselle (Marine Sanchez Egasse) und Hilarion (Neven Del Canto).

Zu Beginn sieht man Albrecht, einen schönen Mann, und die herbe Bathilde beim zärtlichen Liebesspiel. Doch bei einem Volkstanz verliebt sich Albrecht in Giselle, ein elfenhaftes Mädchen in schlicht graugrünem Kleid. Sie hatte gerade die aufdringlichen Annäherungsversuche von Hilarion zurückgewiesen und gibt sich nun vertrauensvoll Albrecht und seinen eindringlichen Liebesbeteuerungen hin.

Voller Eifersucht entschleiert daraufhin Hilarion die Gebundenheit Albrechts an Bathilde, und Giselle zerbricht an dem zerstörten Vertrauen. Alles ist jetzt gebrochen; die Musik setzt aus, Tanzschritte werden nicht zu Ende geführt, nichts fügt sich mehr. Giselles Freundinnen versuchen noch sie aufzurichten und gegen Albrecht abzuschirmen, der es dann vergeblich wieder mit Bathilde versucht. Aber Giselle kann sich fast nur noch auf dem Boden winden. Sie steht nur noch auf, um im unschuldig weißen Unterkleid berührend ins gleißende Licht, in den Tod zu gehen.

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle - hier : Marine Sanchez Egasse ist Gislle. © Joerg Landsberg

Theater am Domhof Osnabrück / Giselle – hier : Marine Sanchez Egasse ist Gislle. © Joerg Landsberg

Intime Szenen mit werbendem Umtanzen, weite Sprünge des sich Produzierens und zärtlichste Nähe mit weicher Hingabe wechseln sich mit dynamischen, kraftvollen und bis zum Artistischen gehenden Volksszenen ab. De Candia erweist sich dabei als einfühlsamer Psychologe, der die inneren Zustände und die äußeren Beziehungen wortlos deutlich in Tanz, Raumaufteilung und Licht zum Ausdruck bringt.

Das Ensemble der Dance Company leistet in der ersten, schon mit großem Beifall bedachten Stunde sowie in den vierzig folgenden Minuten des zweiten Aktes Schwerstarbeit. Es verdient sich mit der ergreifend tanzenden Marine Sanchez Egasse, Hampus Larsson, Ana Torre und  Neven Del Canto den dankbaren, schließlich stehend dargebrachten Beifall des Premierenpublikums.

Der galt auch dem Osnabrücker Symphonieorchester, mit dem Daniel Inbal die ganze Breite des von Adolphe Adam aufgebotenen musikalischen Materials von knalligem Offenbach bis ätherischem Wagner passend zum Ballett entfaltete.

Mit Giselle hat de Candia eine eigenständige, im tänzerischen Ausdruck ihrer psychologischen Wahrheit absolut zeitgemäße Fassung des phantastischen Balletts choreographiert, das wunderbar neben dessen klassischen Formen bestehen kann.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Geister – Tanzabend – Ben J. Riepe, IOCO Kritik, 10.12.2019

Dezember 10, 2019 by  
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Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

  Geister  – tanzen auf dem Vulkan

– Spaßgesellschaft auf dem Weg in den Untergang –

von Hanns Butterhof

Der Düsseldorfer Choreograph Ben J. Riepe zeigt mit der Dance Company Theater Osnabrück die Uraufführung des eindringlichen Tanzabends Geister (Say Goodbye). Es ist ein starkes Stück über den Untergang der Welt, wie wir sie kennen, und stellt im Theater am Domhof etwas plakativ unsere Geisteshaltung dar, die daran Schuld ist.

Auf der ausgeräumten, tiefschwarzen Bühne ist das elfköpfige Ensemble in weißen Kostümen (Bühne und Kostüme: Ben J. Riepe und Gwen Wieczorek) ständig präsent. Alle sind einzeln, nie kommt es zu unisono Bewegungen, und uniform sind sie verschieden, ohne dass die Kostümierung sie besonders charakterisieren würde.

Geister – Tanz von Ben J. Riepe
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Eine Figur (Laura Martin Rey) etwa ist mit Flügeln ausgestattet. Ob sie ein Engel ist oder nur sein will, bleibt offen. Vielleicht ist sie auch eine Urlauberin, die mit einem Billigflug die schützende Ozonschicht ruiniert, so wälzt sie sich lächelnd über einen großen Ball, der die Erde sein könnte.

Ähnlich unbestimmt ist die Gestik der Einzelnen. Begleitet von der Musik Misagh Azimis, die mit schmerzenden Streicher-Glissandi beginnt, im Verlauf des Abends elektronischer, lauter und dringlicher wird, exponieren sich die Tänzer wie auf einer Party. Ihre Bewegungen sind grotesk und unharmonisch, einzelne Körperteile werden isoliert. Wer hervortritt und sich als Individuum kenntlich machen will, tut dies in einer fremden Sprache. Zudem wird er vom nächsten übertönt, der ebenso vergeblich seine Besonderheit darstellen möchte. Um diese Figuren herrscht absolute Einsamkeit; sie selber aber tragen ständig ein demonstratives Lachen im Gesicht.

Mehrmals quert eine Polonaise die Bühne von hinten rechts nach vorne links. Wer vorne angekommen ist, reiht sich hinten wieder ein, so dass eine unendliche Menschenkette entsteht, die sich lachend oder mit gierig aufgerissenen Mündern nur an sich selbst erfreut: ein gespenstisches Bild der verantwortungslosen Spaßgesellschaft auf ihrem Weg in den Untergang, der ein Tänzer (Neven Del Campo) auf hohen Plateauschuhen steif und unerbittlich kreisend die verrinnende Zeit abzählt.

Theater am Domhof / Geister - Tanzabend -hier : die Horde lagert in Resten der Zivilisation © Joerg Landsberg

Theater am Domhof / Geister – Tanzabend -hier : die Horde lagert in Resten der Zivilisation © Joerg Landsberg

Als aus dem Schnürboden rote Baumgerippe und drei Monitore herunterfahren, auf denen in Endlosschleife Wälder brennen und Indios vergeblich gegen die Zerstörung ihres Lebensraums protestieren, legen die Tänzer ihre Kostüme ab. Darunter erscheint die nackte Bestialität. Unter schrillem Kreischen beschaut sich ein Menschenaffe (Hampus Larson) Posen schamloser Paarungsbereitschaft der Gruppe, die inzwischen den aufrechten Gang aufgegeben hat. Wenn dann alle schreiend einstimmen, klingt das nicht nach glücklicher Befreiung aus gesellschaftlichem Zwang, sondern wie Wehgeheul.

Am Ende wird das Licht warm, das Ensemble lagert (Foto oben)  in Trümmern der Zivilisation harmonisch wie eine zufriedene Löwenhorde – eine Utopie des Zurück zur Natur oder das, was nach uns übrig bleibt?

Hier hätte Mauro de Candias kurzes Vorspiel Traum im Traume eine Antwort sein können: Die Schatten, die er hinter einem fast blickdichten Vorhang herumgeistern lässt, sind wohl das, was von uns bleiben wird.

Nach gut achtzig Minuten intensiven Tanztheaters langdauernder Beifall des betroffenen, aber kaum ergriffenen Publikums für das Ensemble, das die ihm fremde Tanzsprache Ben J. Riepes bravourös zum Ausdruck gebracht hatte.

Geister, Tanzabend im Theater am Domhof, Osnabrück; die nächsten Termine: 14. und 26.12. jeweils 19.30 Uhr, am 29.12. um 15.00 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

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