Osnabrück, Theater Osnabrück, Mutter Courage von Bertolt Brecht, IOCO Kritik, 02.03.2018

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 Mutter Courage von Bertolt Brecht als Anti-Kriegs-Stück

Welt aus den Fugen

Von Hanns Butterhof

Starker Beginn im Theater am Domhof. Kaum ist das Ensemble wortlos auf die Bühne getreten, stürzen alle auf einen Schlag wie von einer Bombe dahingerafft nieder. Der Krieg ist unmittelbar verstörend und effektvoll da in Bertolt Brechts Bühnenklassiker Mutter Courage  von 1941, den Schirin Khodadadian als Anti-Kriegs.Stück inszeniert.

Theater Osnabrück / Mutter Courage hier_ Monika Vivell singt zur Musik der Band © Marek Kruszewski

Theater Osnabrück / Mutter Courage hier – Monika Vivell singt zur Musik der Band © Marek Kruszewski

Carolin Mittler hat für die 12 Bilder des Stücks eine abstrakte, sehr ausdrucksstarke Bühne gebaut. Ein verrutschter Rahmen umgibt sie vorn, weitere sind im Hintergrund gestaffelt wie Trauerränder um eine Welt, die aus den Fugen ist. Auf einer Schräge kämpft Mutter Courage mit ihrem immer unhandlicher werdenden Planwagen und ihren drei Kindern im Dreißigjährigen Krieg als Marketenderin chancenlos dagegen an, auf ihr abzurutschen.

Monika Vivell ist eine heutige, realistische Courage, wandlungsfähig von sanft säuselnd bis schneidend hart. Sie muss im Krieg und mit ihm den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder verdienen.

Die allerdings fallen dem Krieg zum Opfer. Eilif (Valentin Klos) wird zum Tode verurteilt, weil er als Soldat im Frieden das Töten nicht ließ, Schweizerkas (Niklas Bruhn), weil er als Zahlmeister die Regimentskasse vor dem Feind retten wollte, aber für deren Dieb gehalten wurde. Die stumme Kattrin schließlich wird erschossen, um sie daran zu hindern, dass sie eine Stadt davor warnt, überfallen zu werden; als der eindrucksvoll stummen Stimme der Menschlichkeit fliegen Marie Bauer die Herzen des Publikums zu.

Theater Osnabrück / Mutter Courage hier - Die Courage bangt um ihre Kinder Kattrin und Schweizerkas © Marek Kruszewski

Theater Osnabrück / Mutter Courage hier – Die Courage bangt um ihre Kinder Kattrin und Schweizerkas © Marek Kruszewski

Die Familiengeschichte der Courage und ihren Ruin erzählt Schirin Khodadadian in symbolisch zugespitzten, teilweise karikierenden Bildern und Uniformen (Kostüme: Charlotte Sonja Willi) mit Orden, groß wie Spiegeleier. Die meist von Vivell ausdrucksstark über Mikro vorgetragenen Songs, die den Erzählfaden ständig unterbrechen, kommentieren und rechtfertigen ihr Handeln und sind so gruselig nihilistisch wie realistisch.

Michael Barfuß, Mischa Vernov und Falk Zimmermann erwecken live nicht nur das provokativ Schräge der Musik von Paul Dessau mit elektronischen Verzerrungen und kräftiger Percussion zu frischem Leben. Sie halten den Krieg auch akustisch auf der Bühne gegenwärtig.

Erst gegen Ende des Stücks zeigt sich die Courage als selbstlose Mutter. Ihr finales „ich muss“ taucht ihr Gewinnstreben ins mildernde Licht der Fürsorge. Das öffnet den Blick über die effektvoll inszenierte Gratis-Verurteilung von Krieg hinaus darauf, dass es unsere Welt ist, die aus den Fugen ist und jeden Tag wie alternativlos das Einverständnis mit ihrer Unvollkommenheit fordert.

Nach gut zwei Stunden spannenden Spiels ohne Pause viel Applaus für das ganze Ensemble, vor allem Monika Vivell und Marie Bauer sowie die Musiker.

Mutter Courage am Theater Osnabrück; Die nächsten Termine: 9.3; 20.3.; 17.4; 22.4.2018 jeweils 19.30 Uhr.

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Osnabrück, Theater am Domhof, Unter einem Himmel – Dreiteiliger Tanzabend, IOCO Kritik, 09.02.2018

Februar 8, 2018 by  
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Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

De Candias Tanzstück „Unter einem Himmel“ fasst „Heimat“ weltweit

Die ganze Welt umarmen

Von Hanns Butterhof

Im Theater am Domhof konnte Mauro de Candias neuer, dreiteiliger Tanzabend „Unter einem Himmel“ eine viel beklatschte Uraufführung feiern. Das Spielzeit-Motto „Heimat“ interpretiert er als Aufforderung, die ganze Welt zu umarmen, die er tänzerisch und musikalisch ins Theater holt, wie auch Tanz und Musik überall in der Welt zuhause sind.
Befremdliche Reisende in sandfarbenen, mit Landkarten bedruckten Kostümen, dicken Schneebrillen und Propellerhütchen auf dem Kopf begrüßen die Zuschauer bereits beim Gang zu ihren Plätzen. Eine von ihnen (Saskia de Vries) fungiert auch als schwaches Bindeglied zwischen den drei Teilen des Tanzabends, die mit jeweils charakteristischer Musik in verschiedene geographische Gegenden führt.

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel - hier Dance Company © Joerg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel – hier Dance Company © Joerg Landsberg

Das erste Stück mit dem italienischen Titel „Branco“, Herde, führt musikalisch mit der glutvollen Zigeuner-Musik von Félix Lajkò in die Puszta. Im Halbdunkel, das manchmal durch Lichtschneisen zerschnitten wird, zeigt sich das in einheitliches Dunkelblau gekleidete Ensemble vornehmlich als Gruppe, dicht gedrängt und doch in sich individuell bewegt. Aus ihr bilden sich verschiedene Formationen, Linien, Kreise, die auszuprobieren scheinen, wie weit sich der Einzelne von der Gruppe entfernen kann, ohne ihren Schutz zu verlieren. Dazu findet de Candia die wohl schönsten Bilder des Tanzabends.

Als die Reisende dann den Bühnenvorhang hebt, eröffnet sie den Blick auf das zweite Stück, „In Transit“. Jetzt ist die Bühne hell, Das Ensemble ist in leuchtendes Rot, Blau oder Gelb gekleidet. Die Musik von Keith Jarretts „The Köln Concert“ ist intensiv, ein vom Stöhnen des Pianisten begleitetes Selbstgespräch. Und wie im Gespräch mit sich selber ziehen die je fünf Tänzerinnen und Tänzer ihre eigene Bahn über ein helles Teppichgeviert. Sie nehmen individuelle, kaum aufeinander bezogene Positionen ein, queren die Bühne schulterrollend in Zeitlupe oder führen Elemente ihrer Beweglichkeitsübungen aus. Nur am Rand kommt es zu intensiveren Beziehungen, insgesamt ein ernstes Bild der schwierigen Situation von Künstlern, die ihre stets nur vorübergehende Heimat überall neu finden müssen.

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel © Joerg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück : Unter einem Himmel © Joerg Landsberg

Das letzte Stück, „Pachuco“, handelt vom Widerstand, sich ganz der je neuen Heimat hinzugeben wie die Pachucos, Mexikaner, die in die USA eingewandert sind und ihre Eigenheit in Dialekt und Kleidung ausdrücken. So trägt das Ensemble gelbe Strümpfe zu dreiviertel-langen, schwarz gemusterten Hosen, weißen Jacketts und Reiterkappen mit gelben Propellerchen. Wie skurrile Aliens, von denen einer noch seinen Fallschirm hinter sich her schleift, scheinen sie eine fremde Welt zu besuchen. Weich hüpfen sie wie an Gummibändern oder folgen staunend den Weisungen ihres Stadt-Führers. Mit Jazz, italienischen Schnulzen und Csárdás umarmen sie musikalisch die ganze Welt. Mit „Auf Wiedersehn“ endet ihre heitere sight-seeing-tour nach neunzig Minuten unter großem Beifall und Bravos für das präzise tanzende Ensemble und seinen variantenreichen Choreographen de Candia.

Unter einem Himmel im Theater Osnabrück – Weitere Vorstellungen am 9., 11. und 16.2.2018 1900, 18.2.2018 15.00 Uhr

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Osnabrück, Theater Osnabrück, Barockoper Antigona von Tommaso Traetta, IOCO Kritik, 22.01.2018

Januar 24, 2018 by  
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Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

  Barockoper  Antigona  von Tommaso Traetta

Musikalisches Manifest gegen Tyrannei

Von Hanns Butterhof

Der Barockkomponist Tommaso Traetta (1727 – 1779) war Musik-Zeremonienmeister der Zarin Katharina. Im Petersburger Hoftheater wurde 1772 mit Antigona sein Hauptwerk uraufgeführt, das sich jetzt im Theater am Domhof als überraschend aktuell erweist und einen großen Premierenerfolg feiern konnte.

Traetta und sein Librettist Marco Coltellini gehen von der über zweitausend Jahre alten AntigoneTragödie des griechischen Dichters Sophokles (496 – 406) aus. Doch statt des Konflikts zwischen persönlichem Gewissen und Staatsgesetz breitet Antigona die dramatischen Geschehnisse beim Kampf um die Herrschaft in Theben aus, um die Unmenschlichkeit einer Politik anzuklagen, die mitleidslos und kalt ihre Sachzwänge als alternativlos durchzieht.

Theater Osnabrück / Antigona - hier Tödlicher Kampf um die Krone. Kenneth Gérard, Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Antigona – hier Tödlicher Kampf um die Krone. Kenneth Gérard, Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Für „Antigona“ hat Dieuweke van Reij einen leeren, leicht altgriechisch anmutenden Saal als Einheitsbühne gebaut, den Alex Brok in das sepiabraune Licht von alten Fotos taucht. Die Kostüme verorten die Handlung in einer bäuerlichen Gesellschaft der Gegenwart.

Zur Ouvertüre zeigt Regisseur Floris Visser in knappen Szenen, wie die beiden Söhne des vormaligen Königs Ödipus erst miteinander spielen, bevor aus dem Ich-klaue-Dir-die-Krone-Spiel Ernst wird und beide sich im Kampf Mann gegen Mann töten. Die verwaist Krone fällt ihrem Onkel Kreon (Christian Damsgard) zu.

Mit seinem ersten Befehl als König gebietet der Uniform tragende Kreon ein Staatsbegräbnis für den einen seiner Neffen, Eteokles, während der andere, Polyneikes, unbestattet bleiben soll; Zuwiderhandelnden droht er mit dem Tod.

Theater Osnabrück / Antigona - hier Ismene und Haimon betrauern Polyneikes. Lina Liu, Katarina Morfa und Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Antigona – hier Ismene und Haimon betrauern Polyneikes. Lina Liu, Katarina Morfa und Kevin Ruijters (vorn) © Jörg Landsberg

Die beiden Ödipus-Töchter Antigone (Erika Simons) und Ismene (Lina Liu), auch sein Sohn Haimon (Katarina Morfa) bitten Kreon vergeblich, auch Polyneikes ehrenvoll bestatten zu dürfen. Aber nur die als einzige bürgerlich gekleidete Antigone wagt die Tat, die ihr Gewissen gebietet. Anders als bei Sophokles handelt Antigone nicht allein. Im Kreise des Volks, dem der von Markus Lafleur einstudierte, beeindruckende Chor eine starke Präsenz verschafft, verbrennt sie Polyneikes‘ Leichnam; eine Vision zeigt ihr, wie Polyneikes erlöst in die Unterwelt eingeht. Unbeeindruckt auch von den mitleidigen Bitten des Volks hält Kreon an seinem Todesurteil fest. Dass er es für alternativlos hält, treibt die ganze Tragödie an, nicht wie im griechischen Mythos ein von Göttern verhängtes Schicksal.

Erika Simons ist mit ihrem klaren, koloratursicheren Sopran eine starke Antigone mit berührenden Tönen der Todessehnsucht, während Lina Liu mit ihrem tragenden, wandelbaren Sopran eine der Welt mehr zugewandte, furchtsame Ismene singt, die sich erst spät dazu durchringt, mit Antigone zu sterben. Entschlossener ist Haimon, Antigone in den Tod zu begleiten; in der für einen Kastraten vorgesehenen Partie ist Mezzosopranistin Katarina Morfa selten so überzeugend wie in ihrer flammenden Rachearie. Christian Damsgard stellt mit solidem Tenor einen soldatisch strengen Kreon dar, der sich, an seiner eigenen Härte zerbrochen, am Ende vor dem Wahnbild Polyneikes‘ hinter dem Volk verkriecht.

Die Geschichte ist nicht ohne Längen, aber Regisseur Floris Visser findet für sie schöne, der Musik gemäße Bilder. Nur das in Regievollmacht gesetzte Ende nicht schlüssig: Er folgt Traetta bis zu Kreons Einsicht und reuiger Verzweiflug, streicht dann aber das mindestens ebenso unwahrscheinliche happy end. Dabei ist das eine wie das andere die von Hoffnung getragene Botschaft der Oper, dass Politik ihre Beschlüsse nicht für alternativlos halten soll; sonst wäre sie Tyrannei.

Theater Osnabrück / Antigona - hier Erika Simons in der Titelrolle der Oper Antigona © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Antigona – hier Erika Simons in der Titelrolle der Oper Antigona © Jörg Landsberg

Andreas Hotz am Pult und das Osnabrücker Symphonieorchester bringen den großen Farbenreichtum im barocken Klang der Partitur zum Leuchten. Sie machen es aber den Sängern nicht leicht, sich dagegen zu behaupten.

Bravos und Ovationen nach drei Stunden italienisch gesungener, deutsch übertitelter Musik für alle Beteiligten, vor allem Christian Damsgard und Erika Simons, den Chor, Andreas Hotz und das Osnabrücker Symphonieorchester sowie das Regieteam um Floris Visser.

Antigona ist eine Koproduktion des Theater Osnabrück mit der Amsterdamer Opera Trionfo. Am 10. 2. 2018 wird die Premiere an der Stadsschouwburg Amsterdam stattfinden. Die nächsten Termine am Theater Osnabrück: 26. und 30.1., 2.und 13.3.2018, jeweils 19.30 Uhr.

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Osnabrück, Theater am Domhof, Tanzstück „Home sweet home“ von Mauro de Candia, IOCO Kritik, 22.11.2017

November 22, 2017 by  
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Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Mauro de Candia vertanzt Kafkas Brief an den Vater

Albtraum vom trauten Heim

Von Hanns Butterhof

Sicher nicht zufällig in dieser Zeit der Unsicherheit mit ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit, Heimat und einer starken Führung durch die Unübersichtlichkeit hat Osnabrücks Tanzchef Mauro de Candia Franz Kafkas düsteren „Brief an den Vater“ zum Anlass für sein neues Tanz-Stück  Home Sweet Home  genommen. Es zeigt einen Albtraum.

Der Titel „Home Sweet Home“ ist reine Ironie. Der eineinhalbstündige Tanzabend zeigt statt einer wohligen Heimstatt das quälend enge Beziehungsgefüge einer Familie, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Zu Beginn steht Marine Sanchez Egasse im dunkelroten Kleid am Fenster und schaut lange hinaus. Sie ist die Mutter, und schon sie deutet eine verhohlene Sehnsucht an, hinauszukommen aus dem noch im Dunkel liegenden Raum, dessen immer wieder verführerisch glänzende Tür nach draußen weit hinten liegt (Bühne, Kostüme, Licht: Mauro de Candia).

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Dramaturgin Patricia Stoeckemann und Tanzchef Mauro de Candia © Hanns Butterhof

Dort sitzt der Vater im grauen Anzug am Kopfende eines Tischs, der stocksteife Oleksandr Khudimov, der mit militärisch ruckartigen Bewegungen die Familie dirigiert, ab und zu mild gebremst von seiner Frau. Links von ihm, an der Längsseite, sitzt seine Tochter, die ängstlich verdruckste Cristina Commisso. Lennart Huysentruyt ist der Sohn, das Ich des Stücks, dessen Perspektive erzählt wird. Er liegt in Jeans und einem gelben Rollpullover abseits des Tisches auf dem Boden, während von überall her Stimmen auf ihn eindringen. Wenn er sich geduckt an den Tisch setzt, erscheint ihm der gegenüber sitzende Vater wie ein Raubtier, das zum Sprung auf ihn gespannt ist.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier vlnr Oleksandr Khudimov, Marine Sanchez Egasse, Cristina Commisso, Lennart Huysentruyt © Jörg Landsberg

Es wird für den unter der Dominanz des Vaters leidenden Sohn keinen Ausweg geben, so sehr er sich quält. Auch wenn der Vater Gesten, Ansätze der Beziehungsaufnahme zeigt, zieht er die krampfenden Hände doch wieder zurück. Er demonstriert stattdessen mit kraftvollem Ausschreiten des Raums im Marschtakt seinen Anspruch auf die Herrschaft und verdrängt den Sohn sogar von der Türe, bis der sich Schutz suchend unter dem Tisch verbirgt.
Eifersüchtig und gedemütigt beobachtet er, wie der Vater mit der Mutter tanzt und dabei seine männliche Überlegenheit herauskehrt.
Nur in einer Szene nähert sich die Schwester zaghaft, auf Umwegen, dem verloren dasitzenden Bruder. Sie lockt ihn aus seiner Apathie, indem sie den Platz des Vaters und so dessen Bild verdeckt. Erst da lässt er ihre Nähe zu, und sie kommen für einen Moment zu einem wunderbar ruhigen Duett zusammen.

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home - hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Theater Osnabrück / Tanzstück Home sweet home – hier Drückende Dominanz des Vaters Lennart Huysetruyt und Oleksandr Khudimov © Jörg Landsberg

Zu meist quälend atonaler Musik von Alfred Schnittke bis zu György Ligeti wiederholt sich mit wechselndem tänzerischen Ausdruck das Ertragen dieser unerträglichen Beziehungen, denen der Tanz in seiner Wortlosigkeit genau entspricht.

Da ist nur zu verständlich, dass sich das Bewusstsein des Sohns aus der Wirklichkeit in eine Phantasiewelt verabschiedet. Zu Vogelgezwitscher tauchen ganz in Schwarz gekleidete, gesichtslose Gestalten (Dance Company) auf, die sich bewegen wie er, die ihn schützend umringen, ihn tragen, auf den Kopf stellen und schließlich seine Welt mit Wänden von seinem untrauten Heim abtrennen, aus dem es für ihn kein Entkommen gibt.
Vielleicht hätte de Candia nicht auf Kafkas „Brief an den Vater“ als Anlass für seinen Tanzabend hinweisen sollen. Dieser Hinweis verengt leicht den Blick auf das Stück und lenkt ihn auf die mehr oder weniger genaue Umsetzung der persönlichen Umstände Kafkas. Andernfalls käme die allgemeine Aussage des Stücks deutlicher in den Blick, dass die Sehnsucht nach Geborgenheit im trauten Heim, nach fester Führung durch den guten Führer zumeist nicht in eine Phantasiewelt, sondern in den Albtraum führt.

Nach anderthalb Stunden pausenlosen Tanzes gab es anhaltenden Beifall des Premierenpublikums für die ausdrucksstarken Tänzerinnen und Tänzer wie auch Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckelmann.

Tanzstück Home sweet home im emma-Theater des Theater Osnabrück: Die nächsten Termine:22., 24., 26. und 30.11.2017, jeweils 19.30 Uhr

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