Osnabrück, Theater am Domhof, Das Waldhaus – Politkrimi – R. Kricheldorf, IOCO Kritik, 29.05.2021

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

      Das Waldhaus   –  Tatort im rechten Sumpf

Spannende Stream-Uraufführung von Rebekka Kricheldorfs Politkrimi

von Hanns Butterhof

Mit ihrem Theater-Film Das Waldhaus, einem Auftragswerk der Autorin Rebekka Kricheldorf, mahnt die Schauspiel-Sparte des Theaters Osnabrück erneut wegen der rechten Gefahr. Schon die letzte Produktion, Ron Zimmerings Kriegerinnen, link zur Rezension HIER, beschwor die Gefahr durch Nazi-Frauen herauf, die unbemerkt die Gesellschaft unterwandern. In Rebekka Kricheldorfs Stück tauchen gefährliche Spinner aus dem rechten Sumpf unerkannt auf und greifen aus dem Verborgenen nach der Macht in Deutschland.

Das Waldhaus ist zu einem Teil ein Krimi, den Regisseur Dominique Schnizer  in immerwährendes Dunkel taucht und Ernst Bechert elektrisierend mit musikalischer Spannung auflädt. In ihm geht es um die Hintergründe des Verkehrsunfalls, bei dem die Eltern der Studentin Nadine (Katharina Kessler) ums Leben kamen. Die überraschende Aufklärung ergibt sich bei einem Besuch Nadines mit ihrem Verlobten Marek (Philippe Thelen) bei dessen Eltern Gerhard (Ronald Funke) und Lorna (Cornelia Kempers).

Das Waldhaus – Polikrimi von R Kricheldorf
youtube Trailer Theater Osnabrück
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Die beiden wohnen in einem düsteren Haus im Wald, an den Wohnzimmerwänden neben Tierschädeln, Bildern von athletisch Freikörperkultur-Treibenden auch Portraits spiritueller Führer wie Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153), dem Paten der Tempelritter, und Jörg Lanz von Liebenfels (1874 – 1954), dem Propagandisten arischer Reinzucht; welchen Führers Portrait vor Nadines Ankunft wohl kurzfristig abgehängt wurde, darf erraten werden. Gerhard und Lorna tragen weiße, an mittelalterliche oder mönchische Tracht erinnernde Kleidung (Ausstattung: Christin Treunert), und Gerhard, ein nach eigener Aussage zwangspensionierter Professor für  Kulturgeschichte, entfaltet gegenüber Nadine rasch seine umfassend geschlossene Weltanschauung. Die ist zunächst ganz sympathisch von etwas verschrobener Naturverbundenheit, weckt aber zunehmend Nadines Skepsis, die sich bei Gerhards Rassismus zu Widerspruch steigert.

Seine Frau Lorna, die eine enttäuschende linke Biografie hinter sich hat, ist geerdeter und bremst ihn, wenn seine Thesen zu offensichtlich faschistisch sind, doch nicht, weil sie weniger fanatisch als ihr selbstgefälliger Gatte wäre. Vielmehr will sie Nadine nicht verschrecken.

Die breit geführte Konversation der Eltern mit dem Ziel, Nadine zu missionieren, ist nicht ohne Komik. Zu der trägt vor allem Ronald Funke bei, der den Gerhard als schrulligen Wirrkopf mit Hang zum Alkohol, mittelhochdeutschem Liedgut und Ritterordens-Träumen von der Rettung des Abendlandes hinreißend spielt.

Als die Missionierung jedoch scheitert, ist es vorbei mit lustig und der Elternbesuch schlägt in reinen Horror um. Nadine erfährt die Ursachen des elterlichen Unfalls und wird mit Gewalt in die Rolle gezwungen, die sie im Plan des geheimen Ordens einnimmt, dem neben seinen Eltern auch Marek angehört, der sich als Lockvogel für Nadine erweist. Die Übermacht ist groß, Rettung scheint nur durch Mareks behinderten, mild blickenden Bruder Udo (Mick Riesbeck) oder ihre übers Händy herbeigerufene Freundin Susa (Magdalena Kosch) möglich – das Ende bleibt, wohl symbolisch für die politische Zukunft Deutschlands, offen.

Theater Osnabrück / Das Waldhaus, ein Politkrimi © Maria Koltschin

Theater Osnabrück / Das Waldhaus, ein Politkrimi © Maria Koltschin

Das alles ist vom Ensemble sehr überzeugend gespielt und als Theaterfilm mit seiner Steigerung von sympathisch skurril über menschenfeindlich hin zu gefährlich auch fesselnd gemacht. Wenn man sich auf einige Unwahrscheinlichkeiten in der Vorgeschichte einlässt, hat Das Waldhaus in der Regie Dominique Schnizers sehenswert unterhaltsames „Tatort“- Format.

Auf dem Altar der Unterhaltsamkeit opfert das Stück viel von seiner politischen Botschaft, indem es mit seiner Warnung vor der rechten Gefahr weit offene Türen einrennt. Die Gerhards und Lornas in ihrer  Rettet-das-christliche-Abendland-Spinnerei sind eine obskure, aber wahrscheinlich ungefährliche Blüte im rechten Sumpf. Gegen die kann sich das Publikum umstandslos mit der von Katharina Kessler sympathisch als junge Frau von heute gezeichneten Nadine solidarisch fühlen, ohne dass sie ihre Lebenseinstellung wesentlich rechtfertigen muss. Wenn Susa dann in einem etwas angehängten Monolog Nadine vorhält, dass sie und ihresgleichen durch abgehobene Diskurse und elitäre Besserwisserei das Volk den Rechten in die Arme treiben, spricht sie wohl eine größere Gefahr an, von der auch manche gut gemeinte Warnung im Kulturbetrieb nicht frei ist.

Ab sofort steht der Theater-Film „Das Waldhaus“ als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

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Osnabrück, Theater am Domhof, Willkommen – Komödie zur Wilkommenskultur, IOCO Kritik, 11.02.2021

Februar 10, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Willkommen – Spritzige Komödie zur selbstgefälligen Willkommenskultur

Theater-Film – Stress für die Gemeinschaft der Egoisten

von Hanns Butterhof

Die Premiere von Willkommen, der Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, fiel dem ersten Lockdown im März zum Opfer und verschwand rasch im zweiten, nachdem sie im Theater am Domhof nur unter merklich strengen Hygiene- und Abstandsbedingungen stattgefunden hatte. Jetzt ist die Hauptprobe der Komödie als Video on demand zu sehen. In der Regie von Elina Finkel kratzt die Komödie unterhaltsam den gutmenschlichen Lack von der Willkommenskultur und legt darunter Egoismus und Ausgrenzung bloß.

Willkommen – Theater Osnabrück
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In dem WILLKOMMEN – Video gibt es statt der coronabedingt steifen Pressekonferenz–Aufreihung im live-Theater einen richtigen Bühnenraum für beziehungsreich lebendiges Spiel, wenn sich in ihrem Gemeinschaftsraum vor einer Kunst-Tapete mit beziehungsreich blauem Aquarium-Muster (Ausstattung: Vesna Hiltmann) eine bürgerliche Wohngemeinschaft zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen trifft. Bei reichlich Alkohol werden unter allgemeinem Wohlwollen auch anliegende Probleme besprochen. Dabei überrascht der smarte Dozent Benny (Andreas Möckel) mit der Nachricht, er werde für ein Jahr nach New York gehen und könnte sein Zimmer während dieser Zeit syrischen Flüchtlingen überlassen. Sein mit hohen Worten wie „Weltverantwortung“ und „umfassende Hilfe“ gespickter Vorschlag schreddert die schöne Harmonie in einer heftigen emotionalen Diskussion über die Haltung zu Fremden. Zusätzliche Reibung liefert der Anspruch der schwangeren Anna (Hannah Walther), Bennys Zimmer Hassan zu überlassen, dem türkischstämmigen Vater ihres Kindes.

Regisseurin Elina Finkel hat die Komödie als psychologisches Kammerspiel inszeniert. Lustvoll arbeitet sie in witzigen Szenen die Ich-Bezogenheit der sechs Charaktere und ihre verlogenen Beziehungen zueinander heraus. Benny ist ein intellektueller Schönredner, der hinten und vorne nicht hält, was er verspricht, und so wenig zu seinem Flüchtlings-Vorschlag steht wie zu seinen Liebschaften. Der biedere Bank-Betriebswirt Jonas (Stefan Haschke), den alle gern als Laufburschen benützen, will nur seine Ruhe und hält sich schön verdruckst möglichst aus allem heraus; wenn er erst fest angestellt ist, wird er sowieso in eine eigene Wohnung ziehen.

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN - die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN – die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Die trinkfreudige WG-Älteste Doro (Christina Dom) lehnt die Flüchtlingsidee rundweg ab. Mit ihrem ganzkörperlichen Einsatz und kompromissloser Aufrichtigkeit für ihr Wohlbefinden ruft sie die helle Empörung der Mitbewohner hervor, die ihr den Mund mit Sprühsahne stopfen. Hannah Walther als verwirrte Studentin Anna bietet mit ihrem verheulten Hin und Her, ob Kind oder Mann oder keines von beiden, wie als Verkörperung der in der Migranten-Frage zerrissenen Mehrheitsgesellschaft Klamotte pur. Und Sophie (Josefine Raschke), hinter deren Rücken sich alle über ihre künstlerischen Ambitionen als Fotografin lustig machen, verbirgt unter ihrem weltoffenen Eintreten für Flüchtlinge unsichere Selbstsuche und fehlenden Realitätsbezug. Sie leistet sich ihre Sensibilität noch auf Kosten ihres Vaters, der ihr als Eigentümer der Wohnung rasch am Telefon die Flausen austreibt.

Kindsvater Achmed (Oliver Meskendahl) erfreut mit lockeren Sprüchen jenseits der verdrucksten politischen Korrektheit der Wohngemeinschaft, deren uneingestandene Vorurteile er durch sein bloßes Auftreten hervorruft. Ohne dass es jemand offen ausspricht, passt er nicht in die Gruppe hinein, und die gründlich zerrüttete Wohngemeinschaft der Egoisten findet über die Ausgrenzung auch dieses Fremden zu ihrer falschen Harmonie zurück.

Willkommen spielt satirisch die Abstufungen der Willkommenskultur durch, von der substanzlosen Großsprecherei über gutmenschliches Engagement bis zur glatten Ablehnung. Elina Finkels spritzige Inszenierung wirbt angenehm unaufdringlich und nur indirekt für weniger Egoismus und mehr aufrichtiges Willkommen. Mit klarer Filmsprache, dynamischem Spiel des Ensembles und seiner präzisen, dem pointierten Text angemessenen Sprechweise bietet Willkommen als Video fünfundachtzig fesselnde Minuten Vor-Corona-Theater, in denen jeder Zuschauer etwas von sich finden kann.

Willkommen steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung

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Osnabrück, Theater am Domhof, Tänze vom Ich in die Welt – „Open Windows IX“, IOCO Kritik, 03.02.3021

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Tänze vom Ich in der Welt 

 Mauro de Candias facettenreiche Tanzproduktion „Open Windows IX“

von Hanns Butterhof

Seit Mauro de Candia Tanzchef am Theater Osnabrück ist, hat er mit „Open Windows“ einen Raum für junge Mitglieder seines Ensembles geschaffen, in dem sie sich als Choreographen erproben können. Zu Beginn der coronabedingt als Video-Premiere gezeigten „Open Windows IX“ weist de Candia voller Hochachtung auf den Umfang ihrer Aufgabe hin: Alle Choreographen sind auch für Kostüme und Bühne verantwortlich.

Die drei Tänzerinnen und zwei Tänzer, die „Open Windows IX“ gestalten, stammen aus verschiedenen Ländern. Gabriella Lemma aus Italien, Ayaka Kamei aus Japan und Laura Martín Rey aus Spanien, Ohad Caspi aus Israel und Yi Yu aus China. Doch ihr Medium Körpersprache bietet beste Voraussetzungen, trotz aller biographischen Unterschiede und durch die Hygieneverordnung eingeschränkten Bewegungsvokabulars eine gemeinsame Ebene der Verständigung auch mit dem Publikum zu finden.

Ayaka Kamei geht in ihrem Prolog-Solo „Home“ auf die Suche nach einem neuen Anfang, nachdem eine Geschichte vorher schlecht ausgegangen ist. Dazu hält es sie auf dunkler Bühne nicht auf ihrem Stuhl, von dem sie wunderbar langsam herabfließt, so sehr sie sich ihm noch anzuschmiegen sucht. Erst als ein Lichtsturm ihren bloßen, ungemein beweglichen Körper erleuchtet, kommt sie in gleißendem Gegenlicht hoffnungsvoll zur Ruhe.

Tänze vom Ich in die Welt – Open Windows IX – Tanzabend
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Dann macht Laura Martín Rey in ihrem Duo „Ònimac“ sehr subtil ihre Ansicht von Beziehung deutlich. Obwohl sie und Rosa Wijsman sich nie berühren, sprechen gleiche Bewegungen, die Betonung der im Licht strahlenden Oberkörper und Arme und andere kleine Zeichen davon, dass Beziehung und Nähe mehr sind als Wege und Orte im Raum.

In einem sehr musikalisch choreographierten Terzett „In Spite of me“ stellt Gabriella Lemma mit drei Situationen das Verhältnis von Ich und Welt dar. Während sich in weißem Kleid Rosa Wijsman auf weiter Flur scheinbar ihrer Freiheit erfreut, aber nicht mit ihrem Körper und den Funktionen ihrer Gliedmaßen im Einklang ist, kämpft Lemma in einem sackigen Gewand, dessen Ärmel ihre Hände nicht freigeben, um ihr Entkommen aus einem verspannten Rahmen. Dagegen will Yi Yu seinen engen Kasten nicht verlassen. Er probiert nur kraftvoll allerlei Verhaltensweisen aus, die er außerhalb sicher brauchen könnte. Wenn er sich entschlösse, wie Lemma für seine Freiheit zu kämpfen, könnten wohl alle Zufriedenheit mit sich in der Welt gewinnen, wie der Schluss mit dem Tausch der Positionen optimistisch nahelegt.

Sehr filmisch trübt Ohad Caspi diesen Optimismus dann wieder ein. Sein Duo „Surrender to pleasure“ zeigt zu dräuendem Krachen abschmelzender Arktis-Gletscher Folgen des Klimawandels. Ayaka Kamei und Marine Sanchez Egasse nehmen in schnellen Film-Schnitten mit Entsetzen wahr, dass sich erfrischendes Duschwasser in zerstörerischen Starkregen und fruchtbarer Boden in Staub verwandeln.

Vielleicht ist Yi Yus Quartett „The colour of label“ ein versöhnlicher Kommentar zu Caspis Mahnung, wenn er darin eine Lanze für Kreativität im Umgang mit festen Erwartungen und Vorurteilen bricht. Wie Gabriella Lemma, Laura Martín Rey und Rosa Wijsman Stuhl, Hocker und Rollbrett von den ihnen zugeschriebenen Funktionen befreien, kann als Muster für Beziehungen aller Art angesehen werden. Danach gibt es immer Vor-Urteile, aber niemand ist gezwungen, sie passiv hinzunehmen und bei ihnen stehen zu bleiben.

Theater Osnabrück / Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

In ihrem bedauerlich letzten „Open Windows“ Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckemann verlassen zum Ende der Spielzeit das Theater Osnabrück – haben die fünf Choreographen bei aller Verschiedenheit ihrer Herkunft und ihrem tänzerischen Ausdruck mit dem Verhältnis von Ich und Welt facettenreich das Thema umkreist, das jedes Publikums bewegt.

Ab sofort steht die Aufzeichnung als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

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Osnabrück, Theater am Domhof, Die Konferenz der Tiere – Erich Kästner, IOCO Kritik, 28.11.2020

November 28, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Schauspiel, Theater Osnabrück

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die Konferenz der Tiere  – nach Erich Kästner – online Premiere

– Grüne Signale der Tiere an die Menschen –

von Hanns Butterhof

Infolge des Lockdowns konnte Die Konferenz der Tiere nach Erich Kästners 1949 erschienenem Roman bisher nicht öffentlich stattfinden. Deshalb wurde die Produktion aufgezeichnet und feierte nun als Digitales Theater seine online-Premiere.

Regisseurin Katharina Birch erzählt mit einer bunten medialen Mischung von Video-Einspielungen bis zu Zeichentrickfilmen von Jan Riesenbeck und eingebettet in die szenisch passende Musik von Lars Ehrhard turbulent eine aktualisierte Fassung der Konferenz der Tiere. Die wird von der Elefantendame Oska (Denise Matthey) im roten Kleid (Bühne und Kostüme: Georg & Paul) einberufen, weil die Menschen offenbar nichts können, als ihre Welt kaputt zu machen.

Die Konferenz der Tiere – nach Erich Kästner
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Als Beleg dient ihnen das Fortdauern von Krieg, Armut und Hunger, obwohl die Menschen reihenweise Konferenzen dazu abhalten; aktuell kommen, von Kästner noch nicht vorhergesehen, Umweltzerstörung und Klimakatastrophe dazu. So kann anders als in der Romanfassung der Eisbär Paul (Lukas Metzinger) den Ort der Konferenz nicht erreichen, denn die Eisscholle, auf der er anreisen wollte, ist schon unter ihm weggeschmolzen.

Die Menschen, das sind im Stück vor allem der ordenbeladene General Zornmüller (Johannes Bussler) und der devote Minister (Klaus Fischer). Sie sind nicht nur unwillig, ihre soundsovielten Konferenzen zu einem gedeihlichen Ende zu führen. Bussler gibt, satirisch großartig überspitzt, einen derart ekelhaft aufgeblasenen, menschenverachtenden Politiker, dass man für ihn ein Gefängnis im Hochhaus der Tiere wünscht, gleich neben dem für Tierquäler. Mit der brachialst pauschalen Beschimpfung als unfähige Bürokraten sind sie noch gut bedient.

Theater Osnabrück / Konferenz der Tiere © Kerstin Schomburg

Theater Osnabrück / Konferenz der Tiere © Kerstin Schomburg

Den Menschen gegenüber sind die Tiere echte Humanisten, vor allem Oska, die zusammen mit der Giraffe Lulu (Hannah Hupfauer) aus Oskar und Leopold umgegendert wurde. Denise Matthey als Oska ist stimmlich und darstellerisch selbst unter dem schönen Elefantenkopf gewinnend ausdrucksstark. Partick Bredow als Leopold besticht mit originalem Löwengebrüll, wenn er sich über die Menschen natürlich grün ärgert. Nur sie können, ist sich Oska sicher, mit ihrer Konferenz die Welt in Ordnung bringen – sie sind ja schließlich keine Menschen.

Die Anklage des Stücks ist so aktuell wie eh und je. Doch wenn Oskas Diagnose stimmt, woher sollen dann die Menschen kommen, die sich für Frieden, Umwelt- und Klimaschutz, zu Beseitigung der Grenzen und aller Not einsetzen und ihre Kinder in diesem Sinn erziehen? Da kommt dann wohl das Theater ins Spiel: Im Vertrauen auf seine Kraft als moralische Anstalt sendet Die Konferenz der Tiere dem Publikum jeden Alters ein märchenhaft grünes, oft ausgesprochen witziges Signal, mutig gegen die Trägheit des Herzens anzugehen.

www.theater-osnabrueck.de

Die Premiere auf der Bühne wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt. Ab sofort steht die Aufzeichnung als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theater Osnabrück, www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

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