Osnabrück, Theater am Domhof, Willkommen – Komödie zur Wilkommenskultur, IOCO Kritik, 11.02.2021

Februar 10, 2021 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Willkommen – Spritzige Komödie zur selbstgefälligen Willkommenskultur

Theater-Film – Stress für die Gemeinschaft der Egoisten

von Hanns Butterhof

Die Premiere von Willkommen, der Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, fiel dem ersten Lockdown im März zum Opfer und verschwand rasch im zweiten, nachdem sie im Theater am Domhof nur unter merklich strengen Hygiene- und Abstandsbedingungen stattgefunden hatte. Jetzt ist die Hauptprobe der Komödie als Video on demand zu sehen. In der Regie von Elina Finkel kratzt die Komödie unterhaltsam den gutmenschlichen Lack von der Willkommenskultur und legt darunter Egoismus und Ausgrenzung bloß.

Willkommen – Theater Osnabrück
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In dem WILLKOMMEN – Video gibt es statt der coronabedingt steifen Pressekonferenz–Aufreihung im live-Theater einen richtigen Bühnenraum für beziehungsreich lebendiges Spiel, wenn sich in ihrem Gemeinschaftsraum vor einer Kunst-Tapete mit beziehungsreich blauem Aquarium-Muster (Ausstattung: Vesna Hiltmann) eine bürgerliche Wohngemeinschaft zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen trifft. Bei reichlich Alkohol werden unter allgemeinem Wohlwollen auch anliegende Probleme besprochen. Dabei überrascht der smarte Dozent Benny (Andreas Möckel) mit der Nachricht, er werde für ein Jahr nach New York gehen und könnte sein Zimmer während dieser Zeit syrischen Flüchtlingen überlassen. Sein mit hohen Worten wie „Weltverantwortung“ und „umfassende Hilfe“ gespickter Vorschlag schreddert die schöne Harmonie in einer heftigen emotionalen Diskussion über die Haltung zu Fremden. Zusätzliche Reibung liefert der Anspruch der schwangeren Anna (Hannah Walther), Bennys Zimmer Hassan zu überlassen, dem türkischstämmigen Vater ihres Kindes.

Regisseurin Elina Finkel hat die Komödie als psychologisches Kammerspiel inszeniert. Lustvoll arbeitet sie in witzigen Szenen die Ich-Bezogenheit der sechs Charaktere und ihre verlogenen Beziehungen zueinander heraus. Benny ist ein intellektueller Schönredner, der hinten und vorne nicht hält, was er verspricht, und so wenig zu seinem Flüchtlings-Vorschlag steht wie zu seinen Liebschaften. Der biedere Bank-Betriebswirt Jonas (Stefan Haschke), den alle gern als Laufburschen benützen, will nur seine Ruhe und hält sich schön verdruckst möglichst aus allem heraus; wenn er erst fest angestellt ist, wird er sowieso in eine eigene Wohnung ziehen.

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN - die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN – die Willkommenskultur, hier : die Wohngemeinschaft ringt um ihr Verhältnis zum Fremden, vl Oliver Meskendahl, Hannah Walther, Christinaa Dom, Stefan Haschke, Andreas Möckel, Juliane Böttger und Josefine Raschle © Kerstin Schomburg

Die trinkfreudige WG-Älteste Doro (Christina Dom) lehnt die Flüchtlingsidee rundweg ab. Mit ihrem ganzkörperlichen Einsatz und kompromissloser Aufrichtigkeit für ihr Wohlbefinden ruft sie die helle Empörung der Mitbewohner hervor, die ihr den Mund mit Sprühsahne stopfen. Hannah Walther als verwirrte Studentin Anna bietet mit ihrem verheulten Hin und Her, ob Kind oder Mann oder keines von beiden, wie als Verkörperung der in der Migranten-Frage zerrissenen Mehrheitsgesellschaft Klamotte pur. Und Sophie (Josefine Raschke), hinter deren Rücken sich alle über ihre künstlerischen Ambitionen als Fotografin lustig machen, verbirgt unter ihrem weltoffenen Eintreten für Flüchtlinge unsichere Selbstsuche und fehlenden Realitätsbezug. Sie leistet sich ihre Sensibilität noch auf Kosten ihres Vaters, der ihr als Eigentümer der Wohnung rasch am Telefon die Flausen austreibt.

Kindsvater Achmed (Oliver Meskendahl) erfreut mit lockeren Sprüchen jenseits der verdrucksten politischen Korrektheit der Wohngemeinschaft, deren uneingestandene Vorurteile er durch sein bloßes Auftreten hervorruft. Ohne dass es jemand offen ausspricht, passt er nicht in die Gruppe hinein, und die gründlich zerrüttete Wohngemeinschaft der Egoisten findet über die Ausgrenzung auch dieses Fremden zu ihrer falschen Harmonie zurück.

Willkommen spielt satirisch die Abstufungen der Willkommenskultur durch, von der substanzlosen Großsprecherei über gutmenschliches Engagement bis zur glatten Ablehnung. Elina Finkels spritzige Inszenierung wirbt angenehm unaufdringlich und nur indirekt für weniger Egoismus und mehr aufrichtiges Willkommen. Mit klarer Filmsprache, dynamischem Spiel des Ensembles und seiner präzisen, dem pointierten Text angemessenen Sprechweise bietet Willkommen als Video fünfundachtzig fesselnde Minuten Vor-Corona-Theater, in denen jeder Zuschauer etwas von sich finden kann.

Willkommen steht als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung

—| IOCO Kritik Theater Osnabrück |—

Osnabrück, Theater am Domhof, Tänze vom Ich in die Welt – „Open Windows IX“, IOCO Kritik, 03.02.3021

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Tänze vom Ich in der Welt 

 Mauro de Candias facettenreiche Tanzproduktion „Open Windows IX“

von Hanns Butterhof

Seit Mauro de Candia Tanzchef am Theater Osnabrück ist, hat er mit „Open Windows“ einen Raum für junge Mitglieder seines Ensembles geschaffen, in dem sie sich als Choreographen erproben können. Zu Beginn der coronabedingt als Video-Premiere gezeigten „Open Windows IX“ weist de Candia voller Hochachtung auf den Umfang ihrer Aufgabe hin: Alle Choreographen sind auch für Kostüme und Bühne verantwortlich.

Die drei Tänzerinnen und zwei Tänzer, die „Open Windows IX“ gestalten, stammen aus verschiedenen Ländern. Gabriella Lemma aus Italien, Ayaka Kamei aus Japan und Laura Martín Rey aus Spanien, Ohad Caspi aus Israel und Yi Yu aus China. Doch ihr Medium Körpersprache bietet beste Voraussetzungen, trotz aller biographischen Unterschiede und durch die Hygieneverordnung eingeschränkten Bewegungsvokabulars eine gemeinsame Ebene der Verständigung auch mit dem Publikum zu finden.

Ayaka Kamei geht in ihrem Prolog-Solo „Home“ auf die Suche nach einem neuen Anfang, nachdem eine Geschichte vorher schlecht ausgegangen ist. Dazu hält es sie auf dunkler Bühne nicht auf ihrem Stuhl, von dem sie wunderbar langsam herabfließt, so sehr sie sich ihm noch anzuschmiegen sucht. Erst als ein Lichtsturm ihren bloßen, ungemein beweglichen Körper erleuchtet, kommt sie in gleißendem Gegenlicht hoffnungsvoll zur Ruhe.

Tänze vom Ich in die Welt – Open Windows IX – Tanzabend
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Dann macht Laura Martín Rey in ihrem Duo „Ònimac“ sehr subtil ihre Ansicht von Beziehung deutlich. Obwohl sie und Rosa Wijsman sich nie berühren, sprechen gleiche Bewegungen, die Betonung der im Licht strahlenden Oberkörper und Arme und andere kleine Zeichen davon, dass Beziehung und Nähe mehr sind als Wege und Orte im Raum.

In einem sehr musikalisch choreographierten Terzett „In Spite of me“ stellt Gabriella Lemma mit drei Situationen das Verhältnis von Ich und Welt dar. Während sich in weißem Kleid Rosa Wijsman auf weiter Flur scheinbar ihrer Freiheit erfreut, aber nicht mit ihrem Körper und den Funktionen ihrer Gliedmaßen im Einklang ist, kämpft Lemma in einem sackigen Gewand, dessen Ärmel ihre Hände nicht freigeben, um ihr Entkommen aus einem verspannten Rahmen. Dagegen will Yi Yu seinen engen Kasten nicht verlassen. Er probiert nur kraftvoll allerlei Verhaltensweisen aus, die er außerhalb sicher brauchen könnte. Wenn er sich entschlösse, wie Lemma für seine Freiheit zu kämpfen, könnten wohl alle Zufriedenheit mit sich in der Welt gewinnen, wie der Schluss mit dem Tausch der Positionen optimistisch nahelegt.

Sehr filmisch trübt Ohad Caspi diesen Optimismus dann wieder ein. Sein Duo „Surrender to pleasure“ zeigt zu dräuendem Krachen abschmelzender Arktis-Gletscher Folgen des Klimawandels. Ayaka Kamei und Marine Sanchez Egasse nehmen in schnellen Film-Schnitten mit Entsetzen wahr, dass sich erfrischendes Duschwasser in zerstörerischen Starkregen und fruchtbarer Boden in Staub verwandeln.

Vielleicht ist Yi Yus Quartett „The colour of label“ ein versöhnlicher Kommentar zu Caspis Mahnung, wenn er darin eine Lanze für Kreativität im Umgang mit festen Erwartungen und Vorurteilen bricht. Wie Gabriella Lemma, Laura Martín Rey und Rosa Wijsman Stuhl, Hocker und Rollbrett von den ihnen zugeschriebenen Funktionen befreien, kann als Muster für Beziehungen aller Art angesehen werden. Danach gibt es immer Vor-Urteile, aber niemand ist gezwungen, sie passiv hinzunehmen und bei ihnen stehen zu bleiben.

Theater Osnabrück / Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

Theater Osnabrück / Ballettchef Mauro de Candia und Dramaturgin Patricia Söckemann © Hanns Butterhof

In ihrem bedauerlich letzten „Open Windows“ Mauro de Candia und seine Dramaturgin Patricia Stöckemann verlassen zum Ende der Spielzeit das Theater Osnabrück – haben die fünf Choreographen bei aller Verschiedenheit ihrer Herkunft und ihrem tänzerischen Ausdruck mit dem Verhältnis von Ich und Welt facettenreich das Thema umkreist, das jedes Publikums bewegt.

Ab sofort steht die Aufzeichnung als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theaters www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

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Osnabrück, Theater am Domhof, Die Konferenz der Tiere – Erich Kästner, IOCO Kritik, 28.11.2020

November 28, 2020 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Die Konferenz der Tiere  – nach Erich Kästner – online Premiere

– Grüne Signale der Tiere an die Menschen –

von Hanns Butterhof

Infolge des Lockdowns konnte Die Konferenz der Tiere nach Erich Kästners 1949 erschienenem Roman bisher nicht öffentlich stattfinden. Deshalb wurde die Produktion aufgezeichnet und feierte nun als Digitales Theater seine online-Premiere.

Regisseurin Katharina Birch erzählt mit einer bunten medialen Mischung von Video-Einspielungen bis zu Zeichentrickfilmen von Jan Riesenbeck und eingebettet in die szenisch passende Musik von Lars Ehrhard turbulent eine aktualisierte Fassung der Konferenz der Tiere. Die wird von der Elefantendame Oska (Denise Matthey) im roten Kleid (Bühne und Kostüme: Georg & Paul) einberufen, weil die Menschen offenbar nichts können, als ihre Welt kaputt zu machen.

Die Konferenz der Tiere – nach Erich Kästner
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Als Beleg dient ihnen das Fortdauern von Krieg, Armut und Hunger, obwohl die Menschen reihenweise Konferenzen dazu abhalten; aktuell kommen, von Kästner noch nicht vorhergesehen, Umweltzerstörung und Klimakatastrophe dazu. So kann anders als in der Romanfassung der Eisbär Paul (Lukas Metzinger) den Ort der Konferenz nicht erreichen, denn die Eisscholle, auf der er anreisen wollte, ist schon unter ihm weggeschmolzen.

Die Menschen, das sind im Stück vor allem der ordenbeladene General Zornmüller (Johannes Bussler) und der devote Minister (Klaus Fischer). Sie sind nicht nur unwillig, ihre soundsovielten Konferenzen zu einem gedeihlichen Ende zu führen. Bussler gibt, satirisch großartig überspitzt, einen derart ekelhaft aufgeblasenen, menschenverachtenden Politiker, dass man für ihn ein Gefängnis im Hochhaus der Tiere wünscht, gleich neben dem für Tierquäler. Mit der brachialst pauschalen Beschimpfung als unfähige Bürokraten sind sie noch gut bedient.

Theater Osnabrück / Konferenz der Tiere © Kerstin Schomburg

Theater Osnabrück / Konferenz der Tiere © Kerstin Schomburg

Den Menschen gegenüber sind die Tiere echte Humanisten, vor allem Oska, die zusammen mit der Giraffe Lulu (Hannah Hupfauer) aus Oskar und Leopold umgegendert wurde. Denise Matthey als Oska ist stimmlich und darstellerisch selbst unter dem schönen Elefantenkopf gewinnend ausdrucksstark. Partick Bredow als Leopold besticht mit originalem Löwengebrüll, wenn er sich über die Menschen natürlich grün ärgert. Nur sie können, ist sich Oska sicher, mit ihrer Konferenz die Welt in Ordnung bringen – sie sind ja schließlich keine Menschen.

Die Anklage des Stücks ist so aktuell wie eh und je. Doch wenn Oskas Diagnose stimmt, woher sollen dann die Menschen kommen, die sich für Frieden, Umwelt- und Klimaschutz, zu Beseitigung der Grenzen und aller Not einsetzen und ihre Kinder in diesem Sinn erziehen? Da kommt dann wohl das Theater ins Spiel: Im Vertrauen auf seine Kraft als moralische Anstalt sendet Die Konferenz der Tiere dem Publikum jeden Alters ein märchenhaft grünes, oft ausgesprochen witziges Signal, mutig gegen die Trägheit des Herzens anzugehen.

www.theater-osnabrueck.de

Die Premiere auf der Bühne wird zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt. Ab sofort steht die Aufzeichnung als Video on demand (mit Bezahl-Schranke) auf der website des Theater Osnabrück, www.theater-osnabrueck.de zur Verfügung.

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Osnabrück, Theater am Domhof, Willkommen – Komödie über Willkommenskultur, IOCO Kritik, 01.11.2020

November 2, 2020 by  
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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 Willkommen – Komödie wirbt für mehr Willkommenskultur

– Die Gemeinschaft der Egoisten –

von Hanns Butterhof

Nachdem die Premiere von Willkommen, der Komödie von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, dem Lockdown im März zum Opfer gefallen ist, konnte sie nun im Theater am Domhof unter merklich strengen Hygiene- und Abstandsbedingungen stattfinden. In der Regie von Elina Finkel wirbt die Komödie für weniger Egoismus und mehr Willkommenskultur.

An einem langen Tisch quer über die Bühne (Ausstattung: Vesna Hiltmann), trifft sich eine bürgerliche Wohngemeinschaft, coronabedingt durch Plexiglas-Scheiben voneinander getrennt und durch Mikrofone verbunden, zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen, bei dem auch anliegende Probleme besprochen werden. Dabei überrascht der Anglistik-Dozent Benny seine Mitbewohner mit der Nachricht, er werde für ein Jahr nach New York gehen. Sein Vorschlag, sein geräumiges Zimmer während dieser Zeit syrischen Flüchtlingen zu überlassen, löst eine heftige emotionale Diskussion aus. Sie wird noch verschärft durch den Anspruch der schwangeren Mitbewohnerin Anna, in dieses Zimmer Hassan, den türkischstämmigen Vater ihres Kindes einzuquartieren.

Willkommen – Komödie zur Willkommenskultur
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Regisseurin Elina Finkel hat die Komödie weniger politisch und mehr als psychologisches Kammerspiel inszeniert. Lustvoll arbeitet sie die sechs nicht sehr differenzierten Charaktere und ihre verqueren Beziehungen heraus. Der Benny  Andreas Möckels ist ein weichlicher, verantwortungsloser Schönredner, der so wenig zu seinem Flüchtlings-Vorschlag steht wie zu seinen Liebschaften. Stefan Haschke als biederer Bank-Betriebswirt Jonas hält sich schön verdruckst weitgehend aus allem heraus; wenn er erst fest angestellt ist, wird er sowieso in eine eigene Wohnung ziehen.

Ganz anders treten die Frauen für ihre Positionen ein. Christina Dom als trinkfreudige Verwaltungsangestellte Doro lehnt die Flüchtlingsidee rundweg ab. Sehr bühnenpräsent überzeugt sie mit der zynischen Aufrichtigkeit, mit der sie vor allem die mittelalterliche Frauenverachtung arabischer Männer schmäht. Hannah Walter als verwirrte Studentin Anna will Hassan nur vielleicht und bietet köstlich mit ihrem verheulten Hin und Her, Kind oder Mann oder keines von beiden Klamotte pur. Und Juliane Böttger als feinfühlige Fotografin Sophie zeigt schmerzlich, dass unter ihrem gutmenschlichen Eintreten für Flüchtlinge in der Wohnung unsichere Selbstsuche und fehlender Realitätsbezug stecken. Sie leistet sich ihre Sensibilität noch auf Rechnung des Vaters, der ihr als Wohnungsbesitzer rasch am Telefon die Flausen austreibt.

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN - Komödie zur Willkommenskultur - hier : Die Wohngemeinschaft ist zum Meeting versammelt; vl Christina Dom, Andreas Möckel, Juliane Böttger, Hannah Walther, Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / WILLKOMMEN – Komödie zur Willkommenskultur – hier : Die Wohngemeinschaft ist zum Meeting versammelt; vl Christina Dom, Andreas Möckel, Juliane Böttger, Hannah Walther, Stefan Haschke © Uwe Lewandowski

Als Achmed, Mitarbeiter einer Fahrradwerkstatt, erfreut Oliver Meskendahl durch authentisches Auftreten und mit lockeren Sprüchen jenseits der verdrucksten politischen Korrektheit der Wohngemeinschaft. So passt er da nicht hinein, und wenn am Ende nach einem Zeitsprung von zwei Jahren die WG wieder zu ihrem allmonatlichen gemeinsamen Essen genau wie zu Beginn des Stücks zusammensitzt, fehlt er entsprechend.

Elina Finkels Inszenierung tut nirgends wirklich weh. Sie wirbt nur indirekt für weniger Egoismus und mehr Willkommenskultur mit der Selbstentblößung einer Wohn-Gemeinschaft in komfortabler Lage, die sich letztlich eigensüchtig gegen das Elend in der Welt abschottet. Wenn am Schluss plakativ die Flagge der EU auf den Bühnenvorhang projiziert wird, wird deutlich, dass mit der WG die EU als eine Gemeinschaft der Egoisten gemeint ist.

Viel Beifall nach neunzig unterhaltsamen Minuten für Ensemble und Regieteam

Willkommen am Theater Osnabrück; die für November geplanten Termine fallen aus; weitere Termine: 2.1.; 5.1.; 9.1.; 13.1.2021, jeweils 19.30 Uhr im Theater am Domhof

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