Arlene Saunders, 1930 – 2020, eine Würdigung, IOCO Portrait, 14.05.2020

Mai 13, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Portraits, Staatsoper Hamburg

Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

Arlene Saunders © Wolfgang Schmitt / Lead Technologies

ARLENE SAUNDERS – Ein Mensch – EINE KARRIERE

5. Oktober 1930 – 17. April 2020

von Wolfgang Schmitt

In den 1960er und 70er Jahren war sie die „Primadonna assoluta“ der Hamburgischen Staatsoper während der Liebermann-Ära. Nun wurde auch Arlene Saunders ein prominentes Opfer der zur Zeit grassierenden Corona-Pandemie.

Geboren am 5. Oktober 1930 in Cleveland, Ohio, als Arlene Pearl Soszynski, entdeckte sie schon als 10jährige ihre Leidenschaft für die Oper, und so studierte sie nach der High School Gesang am dortigen Baldwin-Wallace College of Arts. Ein erstes Engagement führte sie an die National Opera Company in Raleigh, North Carolina, wo sie u.a. die Rosalinde in der Fledermaus, Donna Elvira in Don Giovanni und sogar die Titelrolle in Cole Porters Musical Kiss me Kate sang.

Bei einem Wettbewerb amerikanischer Opernsänger in New York errang sie den ersten Platz und erhielt ein Stipendium, mit dem sie nach Italien ging, wo sie ihre Gesangsstudien vervollkommnete und am Mailänder Teatro Nuovo ihr Rollendebüt als Mimi in Puccinis La Boheme geben konnte. Zurück in Amerika engagierte Julius Rudel sie an die New York City Opera, wo sie als Giorgetta in Puccinis Il Tabarro debütierte und in Partien des lyrischen Sopranfachs besetzt wurde, u.a. in Charpentiers Louise. Mit der New Yorker Metropolitan Opera ging sie auf die jährliche MET-Tour quer durch die USA und sang das Evchen in den Meistersingern und Rosalinde in der Fledermaus (alternierend mit Beverly Sills).

1963 war Rolf Liebermann, Intendant der Hamburgischen Staatsoper, auf Talentsuche in New York, Arlene Saunders sang für ihn die Arie der Magda aus Puccinis La Rondine und wurde vom Fleck weg engagiert. Hamburg wurde nun ihr Zuhause und ihr künstlerischer Lebensmittelpunkt. Mit ihrem neu erworbenen weißen Karmann-Ghia liebte sie es, die Stadt und das Hamburger Umland zu erkunden. Ihre Hamburger Debüt-Partie war die Pamina in der Zauberflöte, für die sie dann auch gleich gastweise ans Staatstheater Stuttgart engagiert wurde, auch für die Mimi luden die Stuttgarter sie sogleich ein. In Hamburg folgten Rollendebüts als Marzelline in Fidelio, Marie in Die verkaufte Braut, Liu in Turandot (mit Birgit Nilsson und James McCracken), Iphis in Jephta, Antonia in Hoffmanns Erzählungen, Fiordiligi in Cosi fan tutte, und Ann Truelove in The Rake’s Progress (die Premierenserie dirigierte Igor Strawinsky persönlich).

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Arlene Saunders als Manon in Manon Lescaut 1982 © Colin Graham

Ihr Hamburger Festvertrag ließ ihr jedoch genügend Freiraum für internationale Gastspiele, und so sang sie 1965 die Micaela in Carmen (mit Marilyn Horne, Franco Corelli und Justino Diaz) in Philadelphia, 1966 die Pamina beim Glyndebourne Festival, 1967 die Marguerite in Faust (mit Alfredo Kraus) an der San Francisco Opera, dort folgten Charpentiers Louise und Freia in Rheingold. Sie gastierte als Mimi in Florenz und an der Mailänder Scala, und gab in Toronto ihr Kanada-Debüt in Glucks Orfeo ed Eurydice. An der Wiener Staatsoper debütierte sie als Marzelline in Fidelio, sang dort auch Eva und Donna Elvira.

Mit der Deutschen Oper Berlin schloß sie einen Gastvertrag und debütierte dort als Nedda in einer Neuinszenierung des Bajazzo. In Hamburg erweiterte sie ihr Repertoire um Partien wie Tatjana in Eugen Onegin, Figaro-Gräfin, Agatheim Freischütz, um mit der Elsa in Lohengrin endgültig ins jugendlich-dramatische Sopranfach zu wechseln (in dieser Premiere sang Placido Domingo seinen ersten Lohengrin). Es folgten Neuinszenierungen von Arabella, Ariadne auf Naxos (mit dieser Produktion gastierte die Hamburgische Staatsoper auch beim Edinburgh Festival), Tannhäuser / Elisabeth (in der Regie von Harry Meyen, dem damaligen Ehemann von Romy Schneider, was dem Premierenabend einen besonderen Glamour verlieh, denn auch Magda Schneider und viele andere Größen des deutschen Films waren zugegen), Die Walküre / Sieglinde, sowie ihre erste Tosca. Die Tosca sang sie kurz darauf in Cincinnati, dort auch die Mimi. Es folgte eine Arabella-Neuproduktion in Amsterdam, und an die San Francisco Opera kehrte sie zurück als Eva für eine Neuinszenierung der Meistersinger von Nürnberg (mit Theo Adam und James King als Partner). An der Oper in Boston debütierte sie als Natascha in der amerikanischen Erstaufführung von Prokoffievs Krieg und Frieden (inszeniert und dirigiert von Sarah Caldwell), und in Washington sang sie die Uraufführung der eigens für sie von Alberto Ginastera komponierten Oper Beatrix Cenci, mit der das J.F. Kennedy Center for the Performing Arts 1971 feierlich eröffnet wurde, diese Produktion wurde später von der New York City Opera übernommen.

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Arlene Saunders als Marschallin © Seattle Opera

Auch an der Hamburger Oper wirkte Arlene Saunders bereits in zwei Opern-Uraufführungen mit, in Giselher Klebes Jakobowsky und der Oberst (Marianne) – mit der die Hamburger Staatsoper eine Gastpielreise an die New Yorker MET unternahm, gemeinsam mit The Rake’s Progress -, und in Giancarlo Menottis Hilfe, Hilfe, die Globolinks (Madame Euterpova), welche auch verfilmt wurde. Weitere Opernfilme der Rolf-Liebermann-Produktionen, in denen Arlene Saunders mitwirkt, sind Figaros Hochzeit (Gräfin), Der Freischütz (Agathe), Die Meistersinger von Nürnberg (Eva), und Arabella (bei Arthaus auf DVD erhältlich). Im Dezember 1972 gab es an der Hamburger Staatsoper die Uraufführung von Paul Burkhards Oper Ein Stern geht auf aus Jaakob, in der Arlene Saunders die Maria und Vladimir Rudzak den Josef sang, diese Oper wurde fürs Fernsehen aufgezeichnet und am Weihnachtsabend ausgestrahlt. Ein weiterer Fernsehfilm ist Carl Millöckers Gasparonemit Arlene Saunders als Carlotta, Barry MacDaniel in der Titelpartie, sowie Martha Mödl und Benno Kusche (als Zenobia und Nasoni). In dieser Zeit nahm Arlene Saunders für Philips die Operetten Der Zarewitsch und Der Graf von Luxemburg auf. Bei RCA waren bereits Mendelssohns Sommernachtstraum unter Erich Leinsdorf, und Mozarts Il Re Pastore (mit Arlene Saunders als Tamiri sowie Lucia Popp, Reri Grist und Luigi Alva) erschienen.

Auch als Konzertsängerin war Arlene Saunders stets aktiv, so sang sie u.a. Beethovens Missa solemnis unter Leonard Bernstein beim Tanglewood Festival, Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder und Franz Schrekers Lieder von Walt Whitman“ unter Erich Leinsdorf in der Berliner Philharmonie, Haydns Schöpfung unter Igor Markevitch in Monte Carlo, Beethovens Neunte in der Hamburger Musikhalle, Geoffredo Petrassis Orationes Christi unter Massimo Freccia in Berlin; auch Liederabende gab sie u.a. in Hamburg, Hannover und Oslo mit Liedern von Richard Wagner, Richard Strauss, Franz Liszt, Heitor Villa-Lobos, Silvestre Revueltas, Aaron Copland und Samuel Barber.

Die 1970er und 80er Jahre verliefen weiterhin höchst erfolgreich für Arlene Saunders: An der Hamburgischen Staatsoper folgten weitere Rollendebüts als Marschallin im Rosenkavalier, als Gräfin in Capriccio, und als Chrysothemis in Elektra. An der Opéra de Paris debütierte sie in einer Tosca-Neuinszenierung (mit Placido Domingo und Gabriel Bacquier als Partner unter der Leitung von Charles Mackerras), sang die Sieglinde in einer Neuinszenierung der Walküre in der Regie von Peter Stein, in späteren Spielzeiten dort auch die Chrysothemis / Elektra und die Marschallin. Eine besonders beachtete Produktion war die Ballett-Inszenierung von Richard Strauss‘ Vier letzte Lieder, von Maurice Béjart choreogrphiert und mit Arlene Saunders singend und agierend inmitten der Tänzerinnen und Tänzer ins Bühnengeschehen integriert. An der Seattle Opera sang sie die Marschallin in einer Neuproduktion des Rosenkavalier, diese Partie auch in Brüssel und in Stuttgart. Am Opernhaus Köln sang sie ihre erste Senta im Fliegenden Holländer sowie eine weitere Tosca-Neuinszenierung. Als Tosca war sie ebenfalls Gast am Teatro Nacional Sao Carlos in Lissabon. In Turin wirkte sie mit in einer RAI-Rundfunkproduktion von Hindemiths Cardillac (Partie der Tochter).

An die Wiener Staatsoper kehrte sie zurück als Donna Elvira und als Elsa. Es folgten Auftritte an der New Yorker Metropolitan Opera als Eva in den Meistersingern (mit Thomas Stewart und Jean Cox), und als Elsa in einer Lohengrin –Neuproduktion in Hartford (mit Karl-Walter Böhm und Mignon Dunn). Schließlich gab sie ihr Rollendebüt als Minnie in Puccinis La Fanciulla del West an der Boston Opera. Die Minnie wurde zu einer ihrer Lieblingspartien, mit der sie auch an die New York City Opera zurückkehrte und die sie 1979 ans Teatro Colón Buenos Aires (mit Placido Domingo und Gianpiero Mastromei als Partner) und schließlich 1980 ans Londoner Royal Opera House Covent Garden führte. An der English National Opera North in Leeds gastierte sie als Senta (mit Norman Bailey als Holländer) und sang dort 1982 höchst erfolgreich ihre erste Manon Lescaut. In London sang sie die Titelpartie in Richard Strauss‘ Die Liebe der Danae in einer BBC-Rundfunkproduktion unter der Leitung von Charles Mackerras, die auf CD erschienen ist. Am Grand Théatre de Genève sang sie zur Saisoneröffnung 1980-81 die Elsa im „ Lohengrin  und die Marschallin im „ Rosenkavalier. Weitere Rollendebüts gab Arlene Saunders als Nadia in der amerikanischen Erstaufführung von Michael Tippets The Ice Break in Boston, als Santuzza in Cavalleria rusticana in Buenos Aires, als Marquise in Verdis Un Giorno di Regno beim Verdi-Festival in San Diego, und als Giulietta in Les Contes d’Hoffmann an der Hamburger Staatsoper, wo sie im Rahmen ihres Gastvertrages weiterhin die Mimi, Tosca, Senta, Chrysothemis, sowie während der Weihnachtszeit stets die Gertrud in Hänsel und Gretel sang (sie war 1972 die Premieren-Gertrud).

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Arlene Saunders als Senta in Leeds © Colin Graham

Es folgten weitere interessante Engagements beim Maggio Musicale Fiorentino, Florenz, als Tannhäuser – Elisabeth (mit Wolfgang Neumann, Hermann Prey und Brenda Roberts in den anderen Hauptpartien), als Tosca am Teatro dell’Opera in Rom, als Marschallin in Neuproduktionen des Rosenkavalier in Boston, Bordeaux und Bonn sowie beim Viennese Festival in Minneapolis, und als Senta im Holländer beim Wolf Trap Festival. Ihr australisches Debüt gab sie in der Saison 1983-84 an der Oper in Sydney in ihrer Paraderolle, der Minnie in La Fanciulla del West, der Rundfunkmitschnitt dieser Premiere ist auf CD erschienen. Ihren Abschied von der internationalen Opernbühne nahm sie 1985 als Marschallin in einer Neuinszenierung des Rosenkavalier am Teatro Colón in Buenos Aires, um sich ins Privatleben zurückzuziehen, sich ihren zahlreichen Hobbies zu widmen – unter anderem der Aquarell-Malerei -, und von Hamburg nach New York umzuziehen. Dort lebte sie mit ihrem Ehemann, dem Psychologen Dr. Raymond Raskin bis zu dessen Tod 2017 in einer schönen großen Wohnung mit Blick auf den East River. Am 17. April starb Arlene Saunders, 89jährig, in einer New Yorker Seniorenresidenz. Als unvergleichliche Interpretin insbesondere von Strauss-, Wagner- und Puccini-Partien wird sie uns unvergesslich bleiben.

—| IOCO Portrait |—

 

Bayreuth, Bayreuther Festspiele, Aktuelles – Festspiele – Katharina Wagner, IOCO Aktuell, 01.05.2020

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Bayreuther Festspiele – Aktuelles – Festspielzeiten 2020 / 2021

Sorgen um Katharina Wagner

von Viktor Jarosch

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Ende März 2020 erklärten die Bayreuther Festspiele in einer Mitteilung, dass angesichts der Corona Krise die Festspiele 2020 abgesagt werden müssen:

„Angesichts der bereits jetzt eingetretenen  Auswirkungen der Corona Krise auf dem Betrieb der Bayreuther Festspiele GmbH bedauern Geschäftsführer und Gesellschafter der Bayreuther Festspiele GmbH, daß die Bayreuther Festspiele im kommenden Sommer 2020 ausgesetzt werden müssen. Dadurch müssen die nachfolgenden Festspieljahrgänge umdisponiert werden. In der Saison 2021 werden neben der vorgesehenen  Neuproduktion Der fliegende Holländer  die Wiederaufnahmen Tannhäuser  und  der Sängerkrieg auf der Wartburg, Lohengrin und drei konzertante Aufführungen der Walküre  auf dem Spielplan stehen. Die für diese Saison geplante Neuproduktion Der Ring des Nibelungen kann aus Gründen der Probenplanung voraussichtlich erst im Jahr 2022 Premiere feiern.

Grundsätzlich bleiben die bereits für 2020 gekauften Karten  für die Festspiele 2022 gültig. Zur Klärung der Modalitäten bezüglich konkreter Termine wird das Kartenbüro in den kommenden Wochen alle Kartenkäufer der Festspiele 2020 kontaktieren.

Bayern Kunstminister Bernd Sibler betont hierzu: „Als begeisterter Anhänger der Bayreuther Festspiele und der ausdrucksstarken Musik Richard Wagners bedauere ich es sehr, daß wir in dieser Jahr nicht mehr in den Genuss der Aufführungen auf dem Grünen Hügel kommen. Für das kulturelle Leben ist der Ausfall ein herber Verlust. Die lange Festspieltradition hat im bayerischen Kulturstaat einen hohen Stellenwert.“.

Bayreuth / Festspiele Bayreuth - Katharina Wagner © Matthias Balk

Bayreuth / Festspiele Bayreuth – Katharina Wagner © Matthias Balk

 2020 – Ein schlechtes Jahr für Katharina Wagner

Das Jahr 2020 trifft Katharina Wagner zusätzlich zum Ausfall der Festspiele sehr hart:   Am 19. März 2020 sollte am Gran Teatro del Liceu im Barcelona die Premiere der von ihr inszenierten Lohengrin – Produktion stattfinden: die geplante Besetzung: Klaus Florian Vogt als Lohengrin, Günther Groissböck als Heinrich der Vogler, Erin Wall als Elsa von Brabant; Evelyn Herlitzius als Ortrud   IOCO-Korrespondent  Dr. Julian Führer wäre ebenfalls zur Premiere in Barcelona gewesen: Katharina Wagner hatte Julian Führer / IOCO, auch aufgrund der Besprechung ihrer Tristan und Isolde Inszenierung in Bayreuth, link HIER, persönlich nach Barcelona eingeladen. Wegen der  Ausbreitung des Corona Virus in Spanien wurde die  Lohengrin – Premiere  abgesagt; der IOCO Besuch fiel damit leider ebenfalls aus .

Bayreuther Festspiele 2017 – hier die lebensfrohe Eröffnung mit viel Prominenz
youtube Trailer Bayreuther Festspiele
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Ende April 2020 kommt vom Grünen Hügel eine weitere schlechte Nachricht: Katharina Wagner, 42, ist längerfristig erkrankt (nicht am Corona-Virus) und zurzeit nicht geschäftsfähig. Wann sie ihre Arbeit wieder aufnimmt,  kann  zurzeit ebenfalls nicht gesagt werden.  Die Tochter von Wolfgang Wagner (1919 – 2010) und  Urenkelin Richard Wagners (1813-1883)  leitet die Bayreuther Festspiele seit 2015; der Vertrag mit ihr wurde 2019 bis 2025 verlängert.

Der Betrieb der Bayreuther Festspiele wird zurzeit neben Holger von Berg auch von Heinz-Dieter Sense geleitet. Sense, 81, wurde vom Verwaltungsrat und der Gesellschafterversammlung zum weiteren Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele bestellt; er vertritt Katharina Wagner kommissarisch. Sense ist mit dem Grünen Hügel und seinen Gepflogenheiten seit Jahren bestens vertraut.

So wünschen auch  IOCO und alle Kollegen hier und heute Katharina Wagner wie den Bayreuther Festspielen von ganzem Herzen baldige Genesung.

—| IOCO Aktuell Bayreuther Festspiele |—

Wien, Altes Rathaus, Richard Wagner-Verband – Stipendiaten-Konzert, IOCO Aktuell, 15.03.2020

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Festspielhaus Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Verband Wien

Richard Wagner-Verband Wien – Altes Rathaus Wien – Barocksaal

– Konzert der Stipendiaten –

von Elisabeth König

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Bereits zum vierten Mal präsentierte der Richard Wagner-Verband Wien seine Stipendiaten der letzten Jahre seinen Mitgliedern und dem Publikum. Die ersten drei Konzerte waren gemeinsam mit der Wiener Staatsoper in deren Räumlichkeiten präsentiert worden, das aktuelle Konzert wurde erstmals vom Verband selbst organisiert und im Barocksaal des Alten Wiener Rathauses zur Aufführung gebracht. Ehrengast des Verbandes war einer der erfolgreichsten Stars der Wiener Staatsoper, Kammersängerin Olivera Miljakovic, die sich nach dem Konzert über das hohe Niveau der Stipendiaten sehr erfreut zeigte.

Am Beginn des Konzertes stand zur Begrüßung die Hallenarie der Elisabeth („Dich, teure Halle, grüß‘ ich wieder“) aus Richard Wagners Tannhäuser, welche von Rebecca Blanz mit schönem, großem und klarem Sopran dargebracht und einfühlsam von der Pianistin Stella Marie Lorenz begleitet wurde.

Begrüßt wurde das Publikum durch das Vorstandsmitglied Marcus Haimerl, der nicht nur auf die Geschichte des Verbandes, sondern auch auf die langjährige Tradition der Jugendförderung hinwies, die dem Verband eine Herzensangelegenheit ist. Magdalena Hoisbauer, Dramaturgin der Wiener Volksoper und diesjährige Stipendiatin, moderierte den Abend souverän und versorgte das Publikum mit viel positiver Energie und Charme mit Informationen zu den einzelnen Stipendiaten und Stücken. Sowohl Magdalena Hoisbauer als auch Marcus Haimerl zeichneten auch für die anspruchsvolle Programmgestaltung und die – in Grippezeiten umso anspruchsvollere – gelungene Organisation verantwortlich.

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Akkordeonist Leo Herzog © Marcus Haimerl

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Akkordeonist Leo Herzog © Marcus Haimerl

Der kurzen Ansprache und Einführung zum Konzert folgte ein ganz besonderer musikalischer Moment: der im deutschen Pforzheim geborene Akkordeonist Leo Herzog spielte Domenico Scarlattis Sonate in F-Moll K.19 mit enormer Virtuosität. Auf ebenso hohem Niveau war im zweiten Teil des Konzerts auch seine Darbietung des 1.Satzes „Winter“ aus Antonio Vivaldis Die vier Jahreszeiten. Er bewies dabei gleichzeitig die unglaubliche Vielfalt dieses möglicherweise etwas unterschätzten Instruments wie auch seine Kunstfertigkeit. Ein Solokonzert dieses großartigen jungen Künstlers wäre wünschenswert.

Zu Beginn des zeitgenössischen teils des Konzertes standen zwei Lieder des Komponisten Carl Tertio Druml, der 2019 mit einem Stipendium den Wagner-Verband Wien bei den Bayreuther Festspielen repräsentierte.

Das erste Lied, dargeboten von einem Stipendiaten des Wagner-Verbands Linz, dem in Seoul geborenen Seho Chang, der bereits auf erfolgreiche Auftritte im Musiktheater des Landestheater Linz zurückblicken darf, war die Vertonung des Textes „A Mellow Phantom“ von Koen Kleijn. Seho Chang gestaltete dieses kurze, anspruchsvolle Lied mit kräftigem und sehr tiefem Bariton. Begleitet wurde er von Daniel Strahilevitz, der sich an dem Abend durchwegs als kongenialer Pianist und hervorragender Begleiter präsentieren durfte.

 Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : die Teilnehmer mit Vorstandsmitglied Marcus Haimerl 2 vr © Elisabeth Koenig

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : die Teilnehmer mit Vorstandsmitglied Marcus Haimerl 2 vr © Elisabeth Koenig

Besonders interessant erwies sich das zweite Lied, die Vertonung des Gedichts Abschied von Paul Celan. Gestaltet wurde dieses längere und außerordentlich anspruchsvolle Lied von Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz, die sich beide erst vier Tage vor Konzertbeginn bereit erklärt hatten, für eine erkrankte Kollegin einzuspringen und das Lied in nur zwei Tagen zu lernen. Das außerordentliche Talent der beiden Künstlerinnen und das absolute Gehör von Rebecca Blanz ermöglichten, dass dieses Lied zur Aufführung gelangen konnte. Man könnte Paul Celans Gedicht als eine Art Abrechnung mit Ingeborg Bachmann sehen, mit der er ein Verhältnis hatte. Abschiedsbriefe zwischen dem Lyriker und der Schriftstellerin gab es ja mehrere.

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz,am Fluegel © Marcus Haimerl

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz,am Fluegel © Marcus Haimerl

Carl Tertio Druml hebt in seiner Komposition zwei Geschwindigkeiten gegeneinander hervor, ein Tempo für Klavier und eines für Gesang. Nur bei einer einzigen Stelle („Oh falsches Gespiel“) finden sich die beiden Stimmen, die sich ansonsten vollkommen autonom voneinander weg oder aneinander vorbei bewegen. Ein schiefer Walzer als Illusion der Liebe, ein Furioso als ausbrechende Wut und die Rückkehr zu diesem Walzer, Resignation und Abschiednehmen. Die technische Herausforderung dieses Liedes liegt in dem gewünschten Nebeneinander, das trotz plötzlicher gemeinsamer Momente, in denen Klavier und Gesang auf demselben Ton enden, doch nie ein Miteinander wird. Die schwebende Gestaltung der Höhen unterstreicht die Fragilität des Konstrukts und der Emotionen. Ein Abschied mit Wehmut, mit Wut, aber dennoch mit Liebe. Die komplexe, tief berührende Komposition Carl Tertio Drumls wurde durch die virtuose, hochprofessionelle Gestaltung durch Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz am Klavier zu einem musikalischen Hochgenuss.

Der in Bozen geborene Manuel Zwerger war 2015 Stipendiat des Richard Wagner Verbands. Für die lyrische Koloratursopranistin Beata Beck, ebenfalls Wagner-Stipendiatin, komponierte er das Lied „Nacht wird lang sich nicht erhellen“. Beata Beck sang diese frühromantische Komposition mit schönem, schlankem Sopran, begleitet mit großer Präzision und Musikalität vom österreichischen Pianisten und Organisten Stefan Donner.

Mit dem düsteren und dramatischen Lied „Das irdische Leben“ von Gustav Mahler aus seiner Liedsammlung Des Knaben Wunderhorn konnten Rebecca Blanz und Stella Marie Lorenz noch einmal das Publikum für sich einnehmen.

Eine große Bereicherung für den Abend war auch die belgische Sopranistin Anne-Sophie Sevens, die ihr Stipendium 2019 antrat. Dem Publikum im Barocksaal des Alten Rathauses stellte sich die Künstlerin mit Elsas Arie „Einsam in trüben Tagen“ aus dem ersten Akt von Wagners Lohengrin vor und begeisterte mit ihrem großen, ausdrucksstarken Sopran das Publikum. Begleitet wurde sie von Daniel Strahilevitz, der sich auch bei dieser Arie als einfühlsamer Begleiter erwies.

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Isabella Kuess und Daniel Strahilevitz © Marcus Haimerl

Richard Wagner Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Isabella Kuess und Daniel Strahilevitz © Marcus Haimerl

Daniel Strahilevitz konnte sich gleich darauf auch eindrucksvoll als virtuoser Solist vorstellen. Mit dem meisterhaft gespielten Adagio und Presto der 2. Klaviersonate in F-Dur KV 280 von Wolfgang Amadeus Mozart bewies der junge Pianist und Dirigent seine feinsinnige Musikalität und außerordentliche Begabung und begeisterte das Publikum.

Einer großen Arie nahm sich im Anschluss Beata Beck an: die Arie der Zerbinetta „Großmächtige Prinzessin“ aus der Oper Ariadne auf Naxos von Richard Strauss. Die Sopranistin bewies in der einigermaßen umfangreichen Arie mit gelungenen Koloraturen Leichtigkeit und wurde dabei erneut von Stefan Donner ausgesprochen feinfühlig begleitet.

Zum Abschluss des ersten Teils lernte das Publikum nochmals zwei neue Künstler kennen: Mit dem kraftvollen hellen Tenor Hans-Jörg Gaugelhofers und der präzisen Begleitung Anton Brezinkas wurde die Romanze des Fenton „Horch die Lerche singt im Hain“ aus der Oper Die lustigen Weiber von Windsor von Otto Nicolai zu einem wunderschönen Abschluss des ersten Programmteils.

Nach der Pause konnte auch Stefan Donner, dessen einfühlsame Begleitung bereits im ersten Teil angenehm auffiel, sein Talent als Solist beweisen. Sein inniger und differenzierter Vortrag von drei Romanzen von Clara Schumann berührte mit zarten Farben.

Mit zwei Liedern aus den vier weißen Liedern Richard Wagners, stellte sich der Tenor Calon Danner, einer der diesjährigen Stipendiaten, dem Publikum vor.

Zu Beginn stand das Lied „Dors, mon enfant“ WWV 53 und im Anschluss „Mignonne“ WWV 57. Calon Danners schöner, eleganter Tenor eignete sich optimal für diese beiden Lieder und hinterließ gemeinsam mit dem intensiven Klavierspiel Anton Brezinkas großen Eindruck.

 Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Anne-Sophie Sevens und Daniel Strahilevitz   © Marcus Haimerl

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Anne-Sophie Sevens und Daniel Strahilevitz   © Marcus Haimerl

Der zweite Auftritt von Anne-Sophie Sevens widmete sich wieder einem Lied Gustav Mahlers:Wo die schönen Trompeten blasen“. Wie schon bei der Arie Elsas im ersten Teil des Konzerts bewies die belgische Sopranistin aufs Neue ihre Eignung für das deutsche Fach, und wurde dabei erneut mit ungeheurer Musikalität und Farbenpracht von Daniel Strahilevitz am Klavier begleitet.

Im nächsten Programmpunkt ehrte die Wiener Sopranistin Isabella Kuëss den Jahresregenten Ludwig van Beethoven zu seinem 250. Geburtstag mit der großen Arie Leonores „Abscheulicher, wo eilst Du hin?“ aus Fidelio. Mit ihrem ausdrucksvollen dramatischen Sopran ist sie im deutschen Fach perfekt besetzt und wurde von Daniel Strahilevitz eindrucksvoll und mit Brillanz begleitet. Ihre nuancenreiche Interpretation und musikalische Gestaltung vermochten Verzweiflung und Wut ebenso auszudrücken wie feingliedrige lyrische Momente treuer Liebe.

 Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert - hier : Yasuyo Segawa © Marcus Haimerl

Richard Wagner-Verband Wien / Stipendiatenkonzert – hier : Yasuyo Segawa © Marcus Haimerl

Für eine überwältigende Leistung sorgte auch die japanische Pianistin Yasuyo Segawa, die nach einem Unfall nur noch mit der linken Hand spielen kann. Mit unglaublicher Ausdruckskraft und Intensität gelang es der jungen Künstlerin mit dem „Miserere“ aus Giuseppe Verdis Il Trovatore das Publikum zutiefst zu berühren und zu begeistern.

Ein weiteres Mal bewies auch der koreanische Bariton Seho Chang sein Können und läutete mit der Arie des WolframOh, Du mein holder Abendstern“ aus Richard Wagners Tannhäuser das Finale des Abends ein. Mit seiner imposanten dunklen Stimme wurde diese romantisch-schwelgende Arie Wagners zu einem der vielen musikalischen Höhepunkte des Abends, für deren Begleitung sich erneut Daniel Strahilevitz mit seiner unglaublichen Vielseitigkeit verantwortlich zeigte.

Für die letzte Arie kehrte nochmals Isabella Kuëss auf die Bühne zurück. Mit Sentas Ballade „Johohoe! Traft ihr das Schiff im Meere an“ aus Richard Wagners Der fliegende Holländer sprang die Künstlerin nur wenige Stunden vor dem Konzert für eine erkrankte Kollegin ein. Mit nur einer kurzen Probe vor dem Konzert und einer für sie neuen Arie, konnte die Künstlerin das Publikum erneut mit ihrem beeindruckenden Sopran und ihrer Musikalität überzeugen, und sorgte gemeinsam mit ihrem virtuosen Begleiter Daniel Strahilevitz für ein imposantes Finale.

Nach dem eindrucksvollen Schluss des Konzerts stand großer Jubel für die vielen begabten Künstlerinnen und Künstler seitens des Publikums. In der Tat präsentierten sich alle StipendiatInnen auf höchstem Niveau. Mit Freude wird man ihre weitere Karriere verfolgen und es bleibt die Vorfreude auf das nächste Konzert im kommenden Jahr.

—| IOCO Aktuell Richard Wagner Verband Wien |—

Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag, IOCO Aktuell, 19.10.2019

Oktober 19, 2019 by  
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Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg CD Cover © Cappricio

Reiner Goldberg, Heldentenor, feiert 80. Geburtstag

Meisterliche Technik, Seele, Intensität
Von der Oberlausitz in die Welt

von Michael Stange

Vollendung und der Aufstieg in den Sängerolymp sind ein steiler, dorniger Weg und die lebenslange Herausforderung des Opernsängers. Die gesteigerten Anforderungen durch die Werke Verdis und Wagners im neunzehnten Jahrhundert an die Sänger haben dies noch erschwert. Ihre neue Klang- und Gesangswelten vervielfachten für ihre Interpreten die Anforderungen an Gesangstechnik und Rollengestaltungen. Dies erfordert ein stetes Feilen und Arbeiten an der Stimme, der Interpretation und der Rollengestaltung für die Sänger.

Am 17.10.2019 feierte Reiner Goldberg den 80. Geburtstag – IOCO / Michael Stange würdigt einen großen Heldentenor

Richard Wagners Opern erfordern die technische Vereinigung von Belcanto und dramatischem Ausdruck. Nur in dieser Kombination können die vor der Aufführung seiner Werke ungeahnten sprachlichen, phonetischen und gesanglichen Dimensionen ausgefüllt werden. Dafür benötigten und benötigen insbesondere die Tenöre und Soprane eine völlig neue Gesangstechnik und –kultur. Schon zu Wagners Zeiten waren rollenerfüllende Heldentenöre kaum zu finden. Die geplante Uraufführung des Tristan in Wien musste während der Proben abgebrochen werden, weil der Interpret der Titelpartie nicht imstande war, die Rolle zu singen. Deutsche Wagner-Tenöre der Bayreuther Schule, die vor mehr als hundert Jahren in New York auftraten, entsetzten das Publikum durch deklamatorischen Vortrag und fehlende Belcantotechnik (nachzuhören auf: 100 Jahre Bayreuth auf Schallplatte, Gebhardt).

Im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert besserte sich die Situation bei den Heldentenören zunehmend. Lauritz Melchior, Walter Kirchhoff, Ludwig Suthaus, Max Lorenz, August Seider, Günther Treptow, Set Svanholm, Otto Wolff, Carl Hartmann, Hans Hopf und viele andere beherrschten Wagnerrollen gesangstechnisch und interpretatorisch meisterhaft.

Auch Leo Slezak, der ein hinreißender Belcanto Sänger war, triumphierte in den für hohe Stimmen gut liegenden Wagnerrollen wie Tannhäuser, Stolzing und Lohengrin. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es mit Wolfgang Windgassen einen modernen leichten und ergreifenden Darsteller aller Wagnerrollen. Die Zahl seiner ernstzunehmenden Konkurrenten ließ sich aber spätestens ab den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an einer Hand abzählen.

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Reiner Goldberg probt © Elke Goldberg

Die Nichtexistenz und das Verblassen der Gesangstradition der großen Wagnerhelden lässt sich durch das Hören von vor 1920 und vieler seit 1970 entstandenen Wagneraufnahmen gut nachvollziehen. Die Stimmen waren nicht nur leichter geworden. Auch stimmtechnisch kämpften viele Rollenvertreter gegen die Rollenanforderungen wie Siegfried im 2. Akt der gleichnamigen Oper gegen den Drachen durch forcieren und Überanstrengen der Stimme.

Diesen Umstand kompensierten viele Musikliebhaber durch das Hören historischer Klangkonserven. Als in den siebziger Jahren in den USA eine obskure Liveaufnahme von Wagners Ring des Nibelungen aus der Mailänder Scala von 1950 unter Wilhelm Furtwängler auf Langspielplatten erschien, lag erstmals ein heute noch gültiges Zeitdokument vor, wie der Ring des Nibelungen mit großen Sängern klingen kann. Mit Kirsten Flagstad, Ferdinand Frantz und den Tenören Max Lorenz, Svet Svanholm und Günther Treptow offenbarte sich, dass die Bayreuther Rundfunkübertragungen jener Jahre mehr Wünsche offen ließen, als erfüllten.

Im Jubiläumsjahr der hundertjährigen Aufführung des Parsifal wendete sich das Blatt. Mit Reiner Goldberg betrat 1982 ein Held die Klangbühne, der alle Anforderungen Wagners erfüllte und an die Gesangstradition von Franz Völker und Max Lorenz anknüpfte. Er vereinte schon auf dieser Aufnahme die Forderungen Wagners nach „höchster Reinheit des Tons, höchster Präzision und Rundung, höchster Glätte der Passagen und höchster Reinheit der Aussprache, die das Fundament für den Gesangsvortrag bilden.“

All das brachte Reiner Goldberg mit. Stimmlich mühelos, scheinbar ohne Grenzen und mit großer innerlicher Beteiligung und Ausdrucksfähigkeit durchschritt er die Partie. Nach der heldisch gesungenen Antwort im 1. Akt, ob er den Schwan getötet habe („Gewiss, im Fluge treff ich, was fliegt“) befolgt er die Ausdrucksanweisungen (Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört) verändert, verschattet und die Stimme bei „Ich wusste sie nicht und in der Folge mit beachtlicher Feinsinnigkeit. Gleiches gilt für die Gestaltung der Rolle im 2. und 3. Akt, wo es ihm gelingt rein gesanglich durch Stimmfärbung und Tongebung die Wandlung und die emotionale Reifung Parsifal durch fein abgestimmte Stimmführung und –kolorierung in immenser Dichte und Größe im Ohr des Hörers mitreißend erstehen zu lassen.

Die Aufnahme ist nun bald dreißig Jahre alt. In dieser stimmlichen Vollendung und gestalterischen Wucht hat ihm die Rolle bis heute auf digital aufgenommenen Tonträgern Keiner nachgesungen. Auch den Vergleich mit seinen großen Vorgängern muss er nicht scheuen. Er vereint vollendete Gesangstechnik mit einer sehr seltenen Fähigkeit zur dramatischen Stimmfärbung und einer dadurch erreichten phänomenalen Rolleninterpretation auf der Klangbühne des Tonstudios.

In die Wiege gelegt war ihm dies nicht. Geboren in Crostau in der sächsischen Oberlausitz erkämpfte er sich nach einer Schlosserlehre seinen Platz auf den Bühnen der Welt. Einer seiner Leitsterne waren alte Schallplatten seiner Rollenvorgänger wie Leo Slezak, Peter Anders, Josef Traxel und Max Lorenz. Die an sich hell klingende, perfekt geführte Stimme, sein metallisches Timbre, seine leuchtende Höhe gepaart mit einer unvergleichlichen stimmlichen Gestaltung haben ihm ein riesiges Repertoire ermöglicht. Gleichzeitig war er immer auf der Suche nach Vervollkommnung und Verbesserung seiner Interpretationen und Gesangstechnik.

Zahllose Opernpartien, Oratorien und Lieder hat er in den mehr als fünfzig Jahren seiner Karriere interpretiert. Angefangen vom Max, Manrico, Cavaradossi, Florestan, Erik, Don Jose, Alfred (La Traviata) über den Hoffman (Hoffmanns Erzählungen; als Gesamtaufnahme im Rundfunk erhalten) bis zu den Werken Richard Strauss sang er auf der Bühne und im Konzert zahllose Opernpartien.

Gleiches gilt – bis auf den Tristan – für alle Heldenpartien Wagners. International wurde er insbesondere für Tannhäuser, Stolzing, Siegfried, Erik und Parsifal gefeiert. Weitere Höhepunkte waren Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Herausragend war u. a. der Aron in Schönbergs Moses und Aron, den er zuletzt 2004 in Hamburg mit fulminantem Erfolg verkörperte. Hinzu kommen der Tambourmajor, Bergs Wozzek sowie Partien in Opern von Zemlinsky, Borodin, Dvorak und zahlreiche andere Werke.

Schauspielerisch warf sich Reiner Goldberg mit immenser Verve und Ausdruckskraft in die Rollen, wie unter anderem die Bildaufzeichnungen als Max, Siegfried, Tannhäuser, Herodes und Pedro im Tiefland belegen.

Elisabeth Lindermeier, selbst eine große Sängerin, hat ihn im Jahr 1983 für die Zeitschrift Orpheus portraitiert und darauf hingewiesen, dass insbesondere Sänger in besonderem Maß Opfer ihrer Nerven, der seelischen Befindlichkeit, der Tagesform und der Gesundheit sind. Dies galt auch für Reiner Goldberg. Anders als an seinem Stammhaus Berlin fehlten andernorts Intendanten und Dirigenten, die ihn tatkräftig unterstützten. Daher kam es nicht zu der ausgedehnten Weltkarriere, die seinem stimmlichen Rang entsprochen hätte. In den entscheidenden Momenten der Karriere haben ihn Indispositionen infolge von Halsentzündungen in zurückgeworfen. Neben dem verschobenen Siegfried Debut in Bayreuth 1983 kam er daher auch an der Wiener Staatsoper und der MET in New York nur begrenzt zum Einsatz. An seinem Stammhaus, der Berliner Staatsoper Unter den Linden, in Bayreuth, Paris, New York, London, Mailand, Florenz, Rom, Zürich, Salzburg, Barcelona, Tokyo, Hamburg, München, Stuttgart und Dresden trat er unter anderem in seine Paraderollen Stolzing, Erik, Siegfried Tannhäuser, Max (Freischütz) und Herodes auf und wurde jahrzehntelang stürmisch gefeiert.

Der Qualität seiner Stimme und dem digitalen Zeitalter, das hochwertige technische Aufnahmen verlangte, verdankt er, dass er wie kaum ein Fachkollege seiner Generation in vielen verschiedenen Partien von Beethoven bis Zemlinsky auf kommerziellen Tonträgern dokumentiert ist.

Mit dem Parsifal unter Armin Jordan (heute bei Warner) hat er bis die digitale Referenzaufnahme der Partie hinterlassen, die auch „Stimmenpapst“ Jürgen Kesting für mustergültig befindet. Seine Aufnahmen unter Bernhard Haitink (Siegmund, Apoll (Daphne, EMI), sein Guntram (CBS), sein Herodes (Chandos) und sein Max (Denon) sind erste Wahl. Seine Siegfriede unter James Levine leiden trotz der Digitaltechnik unter klangtechnischen Defiziten. Sie zeigen ihn aber in insbesondere in der tontechnisch passablen Götterdämmerung in Hochform. Sein Aron in Schönberg Moses und Aron unter Herbert Kegel ist gleichfalls beeindruckend und heute noch eine Referenzaufnahme.

Am 18. Mai 2003 nahm er mit über sechzig Jahren vom Wagnerfach mit dem Tannhäuser an der Staatsoper Unter den Linden Abschied von den Wagnerrollen auf großen Bühnen. Stimmlich wie ein junger Mann gestaltet er die Partie mit einer Leidenschaft, die unvergessen ist und unvergleichlich bleibt. Fast bis zu seinem siebzigsten Geburtstag blieb er der umjubelte, stimmgewaltige Herodes der Berliner Salome und trat dort weiter auf.

Zahlreiche Liveaufnahmen aus den Tagen der großen Karriere wie seine Siegfriede aus Bayreuth, Barcelona und London, zahlreiche Tannhäuser, sein Pedro im Tiefland, sein Rienzi, seine Stolzings und vieles mehr kursieren unter Sammlern und auf YouTube. Diese Tondokumente vermitteln heute noch die ungeheure suggestive Wirkung, die er auf der Bühne entfaltete. Mitreißend, stürmisch, glühend und mit jeder Faser seines Herzens warf er sich in den Tannhäuser, Max, Erik, Stolzing und seine übrigen Partien.

Auf YouTube hat ihm ein findiger Sammler einen Geburtstagsgruß breitet und unter anderem seltene Aufnahmen des DDR Rundfunks veröffentlicht. Sehr sehenswert ist auch dort verfügbare Fernsehaufzeichnung der Meistersinger aus Tokyo.

Reiner Goldberg gibt seine Gesangstechnik und Bühnenerfahrung heute als gefragte Gesangslehrer weiter. Dies beschreibt die Berliner Sopranistin Barbara Krieger wie folgt: „Nach seiner großen Tenorkarriere ist er heute noch als Lehrer tätig und ist ein begnadeter und liebevoller Pädagoge. Seine technischen Tipps und das Auflockern und Entspannen der Stimme selbst in den kleinsten Pausen und seine übrigen Hinweise haben meine Entwicklung quasi beflügelt. Natürlich lernt man schon früh auf der Atemsäule zu singen und andere technische Grundlagen, aber daran muss man ständig arbeiten und sich fortentwickeln. Deshalb bin ich über die Begegnung mit ihm und seinen Unterricht sehr glücklich. Außerdem verstehen wir uns auch auf menschlicher Ebene sehr gut, lachen viel miteinander und nehmen das Leben nicht zu ernst.“

Am 17 Oktober 2019 feierte er seinen achtzigsten Geburtstag. Eine Jahrhundertstimme von unvergleichlicher Intensität, Gestaltungskraft und Schönheit, die berührt, unvergessen ist, in die Geschichte der Gesangskunst eingehen wird und noch in ferner Zukunft leuchten wird.

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