Wolfsburg, Scharoun Theater, Staatsorchester Braunschweig – „Verklärte Nacht“, IOCO Kritik, 29.09.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Staatsorchester Braunschweig –  Verklärte Nacht

Prachtvolle Streicherklänge schweben im Scharoun Theater

von Christian Biskup

Die Corona-Krise macht den Theatern zu schaffen. So auch dem Scharoun Theater Wolfsburg, welches am 18.09.2020 nach langen Monaten als beliebtes Gastspieltheater wieder geöffnet ist:  offen für Künstler  und Produktionen aus aller Welt. Traditionell finden jährlich in dem Haus zehn Sinfoniekonzerte statt, welche die stets gut verkaufte Konzertreihe des Hauses begründen. Das Staatsorchester Braunschweig eröffnet im Scharoun Theater die Spielzeit 2020/21: ein reich-buntes Kultur-Angebot, zu dem auch Stummfilmkonzerte und hochkarätige Solistenkonzerte gehören.

Dass die Corona-Krise auch eine Chance sein kann, bewies das Staatsorchester Braunschweig am 25.09 bei seinem Gastspiel im Wolfsburger Theater. Denn wann sonst, außer jetzt, hat man in Volkswagen-Stadt Musik nur für Streichorchester gehört?  Es dürfte lange her sein. Und wenn dann auch noch ein unbekanntes wie hochinteressantes Konzert, wie das für Altsaxophon und Streichorchester von Alexander Glasunow auf dem Programm steht, ist der Abend auch in dieser Weise als besonders zu betiteln.

Das Staatsorchester Braunschweig und das Scharoun Theater Wolfsburg verbindet schon eine lange Freundschaft. Ob mit Opernproduktionen oder mit Konzerten – das Braunschweiger Ensemble ist häufig zu Gast im bekannten Scharoun Theater. So auch in dieser Spielzeit 2020/21, wo sie die Konzertsaison mit Werken von Schönberg, Glasunow und Dvorak eröffnen.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig und Verklärte Nacht © Björn Hickmann Stage Picture

„Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain; der Mond läuft mit, sie schaun hinein“ – diese berühmten Zeilen des Dehmel-Gedichtes Verklärte Nacht inspirierten Arnold Schönberg zu einem seiner bekanntesten Werke. Das Werk um eine Frau, die ihrem Liebhaber gesteht, dass sie von jemand anderem ein Kind erwartet und dessen Verständnis erhält, war – wie so vieles von Schönberg – am Beginn unverständlich, sinnlos und schlichtweg nicht relevant. Heute ist das Werk längst akzeptiert und eines der meistgespielten Werke des Avandgardisten. So manch einer mag verwirrt fragen warum Schönberg eine Abkehr von der süffigen, expressiven Spätromantik genommen hat, dies sei ja viel verträglicher für die Ohren – doch wenn man genau hinhört stellt man schnell fest, das Schönberg auch schon hier sehr stark an den tonalen Grenzen komponiert. Das Werk, welches wie eine Stummfilmmusik über das Geschehen berichtet, eckt stets an und rüttelt an dem Zuhörer; besonders wenn die Ausführung so expressiv, detailliert und klangvoll wie mit dem Staatsorchester unter der Leitung von Srba Dinic gelingt. Flirrende Soli, irrisierende Klangschichten – es gab Musik in bester Fin de siécle Manier.

Ein Kontrast dazu bildete das Konzert für Altsaxophon und Streichorchester des russischen Komponisten Alexander Glasunow. Zu Lebzeiten einer der berühmtesten Komponisten seines Landes, ist er – wie zum Beispiel auch Anton Rubinstein – fast gänzlich von den Konzertprogrammen verschwunden. Zu unrecht, wie die Ausgrabung des Abends zeigte. Das Saxophonkonzert, ist das letzte größere Werk des Komponisten, der zwei Jahre nach dessen Entstehung 1934 verstarb. Nachdem ein Saxophonquartett als Vorgängerwerk zur Erprobung des, damals in Russland noch relativ unbekannten, Instrumentes gelten kann, sollte dem ein richtiges Konzert folgen. Unverhohlen romantisch, russisch melancholisch, überzeugt das Werk nicht nur durch seine melodischen und rhythmischen Raffinessen, sondern auch durch den wirklich gelungenen Saxophon-Part, den Maike Krullmann (Foto unten) bestens gestalten konnte. Von schwelgenden breiten Phrasen hin zu aberwitzig schnellen Läufen und Tonsprüngen – alles meisterte die Solistin mit Bravour.

 Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig - hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Scharoun-Theater Wolfsburg / Staatsorchester Braunschweig – hier : Altsaxophonistin Maike Krullmann © Michael Jungbluth

Besonders beeindruckend gelang der langsame zweite Satz, der zum Teil pianissimo in höchster Lage erfordert und von intimer Schönheit ist. Insgesamt war das Werk ein großes Plädoyer für das Instrument Altsaxophon, welches in seiner ganzen Klangschönheit selten so zu hören ist. Obgleich das Werk mit seinen zahlreichen Rubati sicherlich nicht leicht zu begleiten ist, erwies sich das Staatsorchester unter Srba Dinic jedoch als idealer Partner. Viel Applaus!

Am Schluss des rund 90-minütigen Konzertabends stand die Streicherserenade in E-Dur von Antonin Dvorak. Die Legende berichtet, er habe das Werk innerhalb von nur 12 Tagen komponiert, was angesichts des fruchtbaren Jahres 1875 eventuell gar nicht so weit hergeholt ist. Letztlich ist dies auch nicht relevant, herausgekommen ist jedenfalls ein lebensbejahendes, vitales Werk voller Schönheiten. Herrlich ist der erste Satz mit seinem, aus dem Nichts entstehenden, dahinfließenden Hauptthema, welches sich lyrisch breit entfaltet. Nicht minder schön ist der zweite Satz. Der melancholischer Walzer voll slawischer Schwermut und heiter-volkstümlichen Anklängen ist eine der bekanntesten Melodien Dvoraks und wird elegant wie sehnsuchtsvoll vom Staatsorchester interpretiert. Auch die scheinbar von böhmischen Volkstänzen inspirierten Sätze drei und fünf gelangen äußerst mitreißend und beschlossen den Konzertabend. Obgleich man teils recht deutlich merkte, dass besonders der Glasunow und Schönbergs Verklärte Nacht geprobt wurde, gelang eine musikalische packende Interpretation:

… die dem Wolfsburger Publikum teils auch sichtbar Freude bereitete. Viel Applaus für den gelungenen Auftakt der Konzertsaison.2020/21 im Scharoun Theater

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wolfsburg, Scharoun-Theater, Intendant Lattemann – Spielplan 2020/21, IOCO Aktuell, 08.07.2020

Juli 8, 2020 by  
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Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 2020/21: Dido and Aeneas, Schwanensee und viel mehr  ..

 Intendant  Dirk Lattemann, ein Tourneetheater, über 100.000 Besucher

von Christian Biskup

Das modern wirkende Scharoun-Theater Wolfsburg, ein Tourneetheater ohne eigenes Ensemble, wurde 1973 neu eröffnet. Es ist benannt nach seinem Architekten Hans Scharoun. Mit der Spielzeit 2020/21 ändert sich einiges im Scharoun-Theater: Eine Ausstellungseröffnung, die Verabschiedung einer verdienten Mitarbeiterin, ein neuer Intendant und, natürlich, ein spannender Spielplan für 2020/21.

Rainer Steinkamp, Intendant des Wolfsburger Scharoun-Theater seit 2008, gibt zur Spielzeit 2020/21 die Intendanz an Dirk Lattemann (*1976) ab. Als Schauspieler und guter Kenner des Veranstaltungssektors, kennt Lattemann die Gegebenheiten des Theater Wolfsburg gut. Und so liegt mit dem Spielplan 2020/21 (link HIER) auch ein vielversprechendes Programm für die Stadt und den Kreis Wolfsburg vor. Lattemann möchte zukünftig auch außerhalb „seines“ Theaters mehr der Stadt Wolfsburg spürbar sein, plant Veranstaltungen in kleinen Spielstätten und mit dem Wolfsburger Kunstmuseum.zu gemeinsamen „neuen Ufern“ finden.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, Intendant Dirk Lattemann rechts © Marc Angerstein

Steinkamp, der seit 2008 als Nachfolger von Hans Thoenies das Programm quantitativ verkleinerte jedoch qualitativ steigerte, kann auf 12 erfolgreiche Jahre in Wolfsburg zurückblicken. Sein guter Kontakte zu Schulen, sowie eine enge Bindung zu anderen Bildungsinstitutionen in Wolfsburg, machten ihn zu einem gern gesehenen Gast in jeglichen Belangen. Zeitgleich mit Rainer Steinkamp, verlässt auch Marita Stolz das Scharoun-Theater. Über vierundzwanzig Jahre prägte Marita Stolz das Theater hinter der Bühne; zuerst als Veranstaltungsplanerin, dann in der Pressearbeit. Obgleich die Verabschiedung beider durch die Corona-Situation kleiner als geplant ausfallen musste, muss man ihnen für ihre Verdienste danken. Vor dem Abschied verwirklichten sie noch eine Neugestaltung des Theaterfoyers. Fotografien des Wolfburger Fotografen Heinrich Heidersberger zieren nun die Wände; sind als Dauerausstellung für Besucher zugänglich.

Scharoun-Theater Wolfsburg – Der Spielplan 2020/21 und mehr –  HIER

Das Scharoun Theater ist seit jeher ein Tourneetheater und bot schon zahlreichen Künstlern, darunter auch Weltstars wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons oder Christian Thielemann eine Bühne. Auffällig: das Konzertprogramm wird weitgehend vom Orchester des nahe gelegenen Staatstheater Braunschweig und dem Staatstheater verbundenen Künstlern bestritten. Highlights des Spielpan 2020/21 dürften das Gastspiel von Albrecht Mayer und I musici di Roma am 9. Oktober 2020 und am 23. Januar 2021 ein Konzert mit der Radiophilharmonie Hannover unter Andrew Manze sein.

Im Musiktheater wird zu Beginn der Spielzeit 2020/21 auf größere Aufführungen verzichtet. Mit Dido and Aeneas von Henry Purcell (13. November 2020) und Der Apotheker von Joseph Haydn (27. Februar 2021) wurden Werke gewählt, die auch unter den Corona-Vorschriften funktionieren sollten. Ab März stehen mit La Traviata (17. März 2021), Jesus Christ Superstar (27. und 28. April 2021) und Puccinis Turandot (27.05.2021) wieder große Werke des Musicals und der Oper mit viel Chor auf der Bühne. Freunde des Tanzes können sich über zwei Gastspiele des Russischen Nationalballett freuen: Giselle von Adolphe Adam wird am 07. Dezember 2020, Schwanensee am  08. Dezember 2020 gespielt.

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Scharoun Theater Wolfsburg / hier : Jahrespressekonferenz, hier die Verabschiedung von Marta Stolz © Scharoun Theater / Maedler

Illustre Gäste erwartet die Besucher des Scharoun Theater im Schauspiel: Der mehrfache Grimme-Preisträger und Tatort-Kommisar Jörg Schüttauf spielt am 26. September 2020 in der Revue Paul Abraham – Operettenkönig von Berlin den von rauschendem Erfolg, Vertreibung und Wahnsinn getriebenen „Titelheld“. In der reizvollen Komödie Monsieur Pierre geht online (24. Oktober 2020) wird der aus Film und Fernsehen bekannte Bürger Lars Dietrich auftreten. Mit Boris Aljinovic steht am 24. November 2020 ein weiterer Tatort-Kommisar in der Komödie Nein zum Geld auf der Wolfsburger Bühne. Ein Angriff auf die Lachmuskeln dürfte auch das Stück Komplexe Väter von René Heinersdorff sein. Mit Hugo Egon Balder und Jochen Busse darf sich das Publikum auf zwei Urgesteine des Humors freuen.

Nicht weniger unterhaltsam werden die Abende mit Götz Alsmann (28. Februar 2021) und Dominique Horwitz (24. März 2021), in welchen Kunst und Komik gleichsam bedienen werden.

Auch die A-Capella-Gesangskunst steht erfreulicherweise unter der neuen Intendanz wieder auf dem Programm. In der Chorstadt Wolfsburg zeigte sich dieses Angebot in den vergangenen Jahren als perfekt zugeschnitten auf die Gäste des Scharoun Theater. Neben Delta Q (30. September 2020) und Voices of the North (05. November 2020), sind auch Stammgäste wie Maybebop (03. Dezember 2020) und Vocaldente (13. Januar 2021) zu erleben.

Die kleine Meerjungfrau – ein Kinderstück aus dem Jahr 2017
youtube Trailer Scharoun Theater Wolfsbrug
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Auch für das junge Publikum bietet das Scharoun-Theater 2020/21 pannendes: So schon am 20. und 21.9.2020:  Zinnober in der grauen Stadt heißt das Stück für Kinder ab 4 Jahren, nach dem Buch von Margret Rettich.  Die Handlung: Alles ist grau in der Stadt des Malers Zinnober: Häuser, Straßen, Spielplätze, Plüschtiere, Erdbeerkuchen, Weihnachtsbäume, Luftballons, Sommerkleider – einfach alles ist immer nur grau. Dabei liebt Zinnober Farben! Zusammen mit den Kindern Paula und Jonas entwirft er einen großen Plan: Die Stadt soll bunt werden, vielfältig, sie soll leuchten! Und siehe da: Es ist ansteckend!

Dirk Lattemann und sein Team haben für die Spielzeit 2020/21 ein vielseitiges und vielversprechendes Programm entworfen. Man muss nun hoffen, dass die Corona-Krise die Spielzeit nicht zu sehr durcheinanderbringt wenn es heißt: Bühne frei!

—| IOCO Aktuell Scharoun Theater Wolfsburg |—

Braunschweig, Staatstheater Braunschweig, Faust – Charles Gounod, IOCO Kritik, 24.12.2019

Dezember 24, 2019 by  
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Staatstheater Braunschweig

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

Staatstheater Braunschweig © Stefan Koch

Faust – Charles Gounod

–  Faust folgt dem Satan ….  Spannungsreiche Inszenierung –

von Christian Biskup

Das Staatstheater Braunschweig kann seit der Uraufführung des Faust I. am 19. Januar 1829 im alten Hagenmarkttheater eine besondere Faust-Tradition aufweisen. Während Charles Gounods Oper als Margarethe bis zum zweiten Weltkrieg regelmäßig auf den Plänen des Theaters stand, so war das Stück danach nur noch selten zu sehen. Nun steht das Werk nach einem Libretto von Jules Paul Barbier und Michel Florentin Carré in einer temporeich-amüsanten Inszenierung wieder auf dem Spielplan.

Die Handlung ist schnell erzählt: Faust ist seines Lebens überdrüssig, er sehnt sich nach der Jugend und will sein Dasein mit einem Giftbecher beenden. Er hadert mit Gott, ruft Satan zu sich, der ihm Marguerite in einer Vision erscheinen lässt. Bei einem Volksfest unterstellt Valentin seine Schwester Marguerite dem Freunde Siebel, da er in den Krieg ziehen muss. Zur allgemeinen Erheiterung will Wagner ein Lied anstimmen, doch Méphistophélès unterbricht ihn und verkündet die tragischen Kriegsschicksale einiger anwesender Männer und höhnt Marguerites Schönheit. Valentin will ihn bekämpfen, doch Satans Macht ist stärker und die Menge geht auseinander. Nun hat Faust freie Bahn zu Marguerite, doch sie lehnt seinen Arm ab.

Faust Charles Gounod
youtube Trailer des Staatstheater Braunschweig
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In Marguerites Haus: Siebel bringt Blumen, Méphistophélès jedoch ein prächtiges Schmuckkästchen, welches Marguerite und Marthe in Begeisterung versetzt. Während Méphistophélès Marthe umspielt, kann sich Faust dem Objekt seiner Sehnsucht nähern und erlangt mit Satans Hilfe schließlich ihre Liebe. Ein Jahr später ist Marguerite jedoch allein – Faust hat sie verlassen, sie ihr gemeinsames Kind getötet. In der Kirche sucht sie Schutz, doch statt Gottes Trost verflucht Méphistophélès ihr Leben. Faust jedoch empfindet Reue, kehrt zu ihrem Haus zurück, wird dort von Valentin empfangen, den er im Duell tötet. Seine letzten Worte verfluchen seine Schwester. Faust und Méphistophélès zieht es zum Hexensabbat auf den Blocksberg. Faust jedoch will zu Marguerite, die auf ihr Richturteil wartet. Sie verzichtet auf Rettung durch den Satan. Während er sie verdammt, verkündet ein himmlischer Chor ihre Erlösung.

Auf dieses Bühnenwirksame Libretto komponiert Gounod eine Partitur, die ganz in der Tradition der Opéra-comique steht, jedoch auch schon einige Wagnerismen enthält. Die Inszenierung von Markus Bothe überzeugt durch eine lebendige Personenführung, großen Detailreichtum, raffinierte Nutzung der Drehbühne und ein hohes Tempo. Den ersten Akt verlegt Bothe von Fausts Studierstube in ein Krankenhaus, wo Faust in einem Bett zuckend vor sich hin siecht und schließlich zum Giftbecher (hier mit Schlaftabletten gefüllt) greifen möchte. Auf seinen Ruf „Satan erwache“, springt Satan hinter einem Vorhang hervor, der Faust mit ein paar pyrotechnischen Effekten von seinen übernatürlichen Kräften überzeugt. Gemeinsam ziehen sie in leicht morbides Wirtshaus, in dem fröhlich gezecht und gefeiert wird. Mit dem „Rondo vom goldenen Kalb“ merkt der Besucher spätestens, dass Méphistophélès im Fokus der Inszenierung steht und dass er alle Fäden der Handlung in der Hand hält. Er lässt die Feiergesellschaft – toll choreografiert – herumzucken und schließlich in der zweiten Strophe in eine große Prügelei übergehen. Weitere kleine Zaubertricks, wie die Verwandlung von Bier in Wein oder die Entwaffnungen Valentins, lassen auch die Gesellschaft erfahren, mit wem sie es zu tun haben. Faust und Marguerite rücken dabei etwas in den Hintergrund und können sich erst zum Ende des Aktes in den Vordergrund spielen.

Staatstheater Braunschweig / Faust - hier :Valentin Anikin als Mephitopheles, Kwonsoo Jeon als Faust © Bettina Stoess

Staatstheater Braunschweig / Faust – hier :Valentin Anikin als Mephitopheles, Kwonsoo Jeon als Faust © Bettina Stoess

Der dritte Akt spielt in Marguerites Zimmer. So unschuldig wie ihre Seele ist das Zimmer gestaltet (Bühne Robert Schweer). Weiß-hellblaue Tapeten, weiße Holzvertäfelungen, ein Kruzifix an der Wand, ein Fenster zum Park raus. Wie romantisch gelingt der Auftritt Siebels mit Blumenstrauß durch das Fenster, wie glänzend das Anlegen des Schmuckes, aus dem innerlich leuchtenden Schmuckkästchen! Doch auch hier zeigt der Regiesseur seinen Humor – direkt nach Méphistophélès Auftritt, hängt dieser seine Jacke über das Kruzifix. Durch stetige Auf- und Abtritte der Personen, aber auch durch die Allgegenwärtigkeit Méphistophélès, der gestisch das Geschehen im Zimmer auch von außerhalb kommentiert, wird der lange dritte Akt keinen Moment langweilig. Besonders sein Spiel mit Marthe ist an Komik kaum zu übertreffen. Trotzdem bleiben auch die Gefühle, auch Dank schöner Lichtregie, beim Zusammenkommen der beiden Protagonisten nicht auf der Strecke!

Umso krasser wirkt die Trostlosigkeit des Raumes im vierten Akt – fahles Licht, ein fast leerer Raum. Dazu passt auch der moderne Kircheninnenraum der Kirchenszene. Geradezu widerwärtig, lässt Markus Bothe Méphistophélès hinter dem Altar erscheinen, sich über diesen zu Marguerite emporräkeln, um in einem Höhepunkt seine Arme verfluchend um sie, von einem bedrohlich maskierten Chor umgeben, zu schlingen.

Der letzte Akt ist im Vergleich zu den vorherigen starken Akten etwas schwach geraten. Während der Bacchanal-Musik von Louis Schindelmeisser räumen Bühnenarbeiter die Bühne leer und geben den Blick auf ein gigantisches Skelett im Bühnenhintergrund frei, dessen Bedeutung sich dem Autoren nicht erschließt – Marguerite steht, von Leere umgeben alleine in der Mitte, Faust kann nicht richtig zu ihr vordringen. Die Szene wird so aufgelöst, dass Marguerite in den Hintergrund geht, der himmlische Chor schirmt ihn von seiner Geliebten ab.

Neben der starken Regie, ist auch die teils überragende Leistung des Ensemble ein Grund die Produktion zu sehen. Mit Ekaterina Kudryavtseva stand der Publikumsliebling der Braunschweiger als Marguerite zur Verfügung. Mit ihren langsam zum dramatischen neigenden, flexiblen Sopran konnte Sie das Publikum schnell für sich gewinnen. Anmutig, schlicht und anrührend gestaltete sie das Lied des „Königs von Thule“, wenige Minuten später mit gezielten Spitzentönen und flüssigen Koloraturen die Juwelenarie. Ihr unschuldiges Spiel ist glaubhaft, umso stärker wirkt ihre Verzweiflung, die sie auch stimmlich in dramatischen Ausbrüchen umsetzen kann. Das Publikum dankte mit viel Applaus und Bravo-Rufen.

Staatstheater Braunschweig / Faust - hier : Valentin Anikin als Mephitopheles, Ekaterina Kudryavtseva als Marguerite

Staatstheater Braunschweig / Faust – hier : Valentin Anikin als Mephitopheles, Ekaterina Kudryavtseva als Marguerite

Als Faust agierte der Koreanische Tenor Kwonsoo Jeon. Sein stimmliches Material, seine gute Diktion, aber auch sein Spiel, überzeugte. Seine Höhe hat strahlkraft und beeindruckt besonders durch die scheinbare Mühelosigkeit, die selbst beim hohen C der Kavatine „Salut, demeure chaste et pure“ keine große Anstrengung verrät. Dennoch bleibt er aufgrund der satanistischen Überpräzens etwas blass.

Valentin Aniken singt als Méphistophélès  und besonders spielt die komisch-bösartige Figur so stark, dass man sich wahrscheinlich keinen besseren Darsteller mehr vorstellen kann. Groß, schlaksig und mimisch enorm wandlungsfähig füllt er die Rolle köstlich aus. Das er nicht nur die zahlreichen kleinen Gags des Regisseurs, sondern auch dämonische Boshaftigkeit kann, zeigt das Ende des dritten Aktes: Faust erringt Marguerite und Satan hat seinen Vertrag erfüllt – dämonisches Lachen!

Stimmlich verfügt Aniken über einen voluminösen, volltönenden Bass mit starker Tiefe und baritonal glänzender Höhe. Leider ist seine Diktion und Aussprache teilweise so ungenau, dass man gar nicht feststellen kann, in welcher Sprache die Oper gerade gegeben wird. Dennoch wird das „Rondo vom goldenen Kalb“ nicht nur szenisch, sondern auch gesanglich ein Fest für die Ohren.

Neben den drei Hauptpersonen, konnten auch die Sänger der kleineren Rollen – übrigens wurden sämtliche Rollen aus dem Ensemble besetzt – überzeugen. Wunderbar naiv in ihrer Hosenrolle gestaltete Milde Tubelyté die Partie des Siebel. Zachariah N. Kariithi übernahm die Rolle des Valentin, die er besonders beim Verfluchen des Schwester ausdrucksstark auszufüllen vermochte. Beim Gebet des Valentin blieben die Emotionen aufgrund des etwas übermäßigen Vibratos zum Teil auf der Strecke. Weniger überzeugen konnte Zhenyi Hu als Marthe, was sicherlich auch an der etwas undankbaren Partie lag. Jisang Ryus wohlgeformt-klare Bassstimme konnte man in der kleinen Partie des Wagner hören.

Ebenfalls zum Erfolg des Abends trug das Staatsorchester Braunschweig unter Leitung des 1. Kapellmeisters Christopher Lichtenstein bei. Nachdem es bei der recht schwachen Ouvertüre noch zaghaft zuging und ein wenig im Zusammenspiel wackelte, änderte sich der Klang ab der ersten Gesangsnummer. Französische Leichtigkeit, Eleganz aber auch duftige Harfenarpeggien erfüllten den Theatersaal. Gerade kirchlich anmutende Elemente kostet er aus. Das Zusammenspiel zwischen Bühne und Graben war einwandfrei. Lichtenstein dirigiert sängerfreundlich, die Balance ist stets gegeben, wobei er dem Temperament auch freien Lauf ließ. Das orchestrale Highlight war dabei sicher das mitreißende Bacchanal von Schindelmeisser in der Walpurgisnacht. Der Chor (Einstudierung Georg Menskes) agierte bestens disponiert und mit großes Spielfreude!

Das Publikum dankt allen Mitwirkenden mit großem Applaus.

Besprochene Vorstellung  vom 20.12.2019 19.30 Uhr

Faust von Charles Gounod am Staatstheater Braunschweig; letzte Vorstellung dieser Spielzeit am 28.12.2019Vorstellungen

—| Pressemeldung Staatstheater Braunschweig |—

Münster, Theater Münster, „Nice to meet you?“ – Tanzabend, IOCO Kritik, 26.06.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

„Nice to meet you?“ – Tanzabend

– Kontaktrituale –  Fesselnd getanzt um jene gläserne Wand –

von Hanns Butterhof

Einmal in jeder Spielzeit überlässt Hans Henning Paar, Chef des Tanztheaters Münster, sein Ensemble einem Gastchoreographen, diesmal dem Portugiesen Tiago Manquinho. In seinem Tanzabend „Nice to meet you?“, der am Staatstheater Braunschweig 2017 uraufgeführt wurde, spielt er alltägliche Rituale von Nähe und Distanz fesselnd durch.

Tiago Manquinho –  mit fesselnden Kontaktritualen

„Nice to meet you?“ beginnt im Kleinen Haus des Theaters Münster schon im Foyer. Tänzerinnen und Tänzer gehen unauffällig durch die auf Einlass wartenden Besucher, treten auf jemanden zu und blicken ihn mit ruhiger Mine lange und ausdruckslos an. Ein ins Visier genommener Mann weicht irritiert zur Seite, als könne er nicht gemeint sein, vielleicht jemand hinter ihm? Eine Frau errötet heftig; nett, sie getroffen zu haben?

 Theater Münster / Nice to meet you - Tanzabend -  hier :  Matteo Mersi und Adam Dembczynski © Oliver Berg

Theater Münster / Nice to meet you – Tanzabend – hier : Matteo Mersi und Adam Dembczynski © Oliver Berg

Tiago Manquinho, der in klassischem und modernem Tanz in Lissabon ausgebildet wurde, interessiert sich in „Nice to meet you?“ für die Distanz-Möglichkeiten, die sich hinter der leicht dahergesagten Kontakt-Floskel auftun. Er bleibt dabei ohne bemühte Aktualisierung dem Alltag erfreulich nahe.

In vielerlei Variationen umkreist das Ensemble auf der schmucklos schwarzen Bühne in dunkler Kleidung (Bühne und Kostüme: Imme Kachel) die gläserne Wand, die in allen Kulturen gegenüber dem unbekannten Anderen existieren. Sehr eindringlich macht die erste Szene deren hemmende Seite deutlich. In ihr begegnen sich eine Tänzerin und ein Tänzer, strecken nach erstem Abwenden dem Anderen doch die Hände entgegen, werden aber wie durch eine unsichtbare Barriere daran gehindert, sich zu berühren.

Ihre suchenden Bewegungen wiederholen sich in den Ensembles, in denen die geschlechtlichen Stereotypen aufgelöst sind; auch die Paare von Männern oder Frauen sind den gleichen Hemmnissen unterworfen, wenn sie sich in immer schneller werdendem Wechsel dem Gegenüber zu nähern suchen. Selten kommt es zu parallelen Gruppen-Bewegungen, kurzzeitig findet sich auch Nähe, in der aber niemand zur Ruhe kommt.

Theater Münster / Nice to meet you - Tanzabend © Oliver Berg

Theater Münster / Nice to meet you – Tanzabend © Oliver Berg

Manche Soli, fremdartige Musikarrangements, die Kombination von Percussionsgewitter und Ziehharmonika erzeugen eher das Gefühl von Distanz, als dass sie diese Distanzierung verständlich machten. Als eine Tänzerin mitten im Publikum ihre schönen Locken schüttelt und zu fernöstlichen Klängen mit ausholenden Gesten und flatternden Händen ihre Geschichte mitzuteilen versucht, wird bloß die gläserne Wand zwischen ihr und den Zuschauern spürbar.

Auch Nähe ist nicht unbedingt schön und bleibt nicht immer nett, wie schon das Fragezeichen im Titel nahelegt. Im Rahmen einer der packend dynamischen Ensembleszenen entwickelt sich erschreckend ein Kontakt zum Kampf. Es sieht anfangs nach Zärtlichkeit aus, wenn einer den Kopf seines Partners streichelt. Doch dann wird dessen Berührung immer herrischer, der Kopf wird brutal gepackt, der Tänzer zu Boden geschleudert, bis er sich, mühsam wieder aufgerichtet, schon vor dem bösen Blick des Anderen niederwirft. Da wird bei allem Entsetzen auch etwas vom Segen kultureller Distanz spürbar.

Großer Applaus für das ausdrucksstarke Ensemble nach siebzig durchgetanzten Minuten.

„Nice to meet you?“, Tanzabend am Theater Münster; der nächste Termin: 29.6.2019 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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