Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Agrippina – Georg Friedrich Händel, IOCO Aktuell, 19.05.2021

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

28. Mai 2021  –  Agrippina – Wiederaufnahme des Spielbetriebs

Georges Delnon und John Neumeier freuen sich bekanntzugeben, dass die Hamburgische Staatsoper mit einer starken Doppelpremiere den Spielbetrieb wiederaufnimmt. Am 28. Mai startet der Opernbetrieb mit der Premiere von Agrippina in der Inszenierung von Barrie Kosky unter der Musikalischen Leitung von Ricardo Minasi und am 29. Mai der Ballettbetrieb mit der Premiere von John Neumeiers Beethoven-Projekt II  unter der Leitung von Generalmusikdirektor Kent Nagano.

Monate lang wurde geprobt und auf diesen Moment hingearbeitet. Jetzt wird der Spielbetrieb der Hamburgischen Staatsoper mit einer starken Doppelpremiere wiederaufgenommen:

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel Grabplatte in Westminster Abbey © IOCO

Die Staatsoper Hamburg zeigt ab dem 28. Mai für vier Vorstellungen die Neuproduktion von Georg Friedrich Händels Oper Agrippina in der Inszenierung von Barrie Kosky und der Musikalischen Leitung von Riccardo Minasi. Es singen u. a. Anna Bonitatibus, Luca Tittoto, Julia Lezhneva, Christophe Dumaux, Franco Fagioli, Renato Dolcini, Vasily Khoroshev und Chao Deng. Es spielt das Ensemble Resonanz. Die Premiere wird live auf NDR Kultur im Radio übertragen.

Das Hamburg Ballett bringt ab dem 29. Mai John Neumeiers jüngste abendfüllende Kreation Beethoven-Projekt II zur Uraufführung und zeigt zwei weitere Vorstellungen an den beiden folgenden Tagen (30., 31. Mai). Die Produktion entstand im Herbst 2020 anlässlich des 250-jährigen Geburtstags von Ludwig van Beethoven. Seit der Generalprobe am 4. Dezember hat John Neumeier das Ballett choreografisch weiterentwickelt, um es zum nächstmöglichen Zeitpunkt als Live-Vorstellung zu präsentieren. Beethoven-Projekt II ist nach Turangalîla (2016) die zweite Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Kent Nagano.

John Neumeier © Steven Haberland

John Neumeier © Steven Haberland

Die Voraussetzungen unter denen ein Zutritt zu de Vorstellungen der Hamburgischen Staatsoper möglich sein wird, wird separat bekannt gegeben.

Der allgemeine Kartenvorverkauf beginnt bis auf Weiteres voraussichtlich jeweils zwei Wochen vor dem Aufführungstermin, für die ersten Vorstellungen frühestens jedoch am 20. Mai. Auch die Online-Buchung ist dann wieder möglich. Der Kartenservice ist vorrangig telefonisch (040) 35 68 68 erreichbar, daneben auch über E-Mail

ticket@staatsoper-hamburg.de

oder Fax (040) 35 68 610. Wann die Tageskasse wieder öffnen kann, hängt insbesondere von behördlichen Anordnungen ab, die derzeit noch nicht bekannt sind.

—| IOCO Aktuell Staatsoper Hamburg |—


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Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Manon – Jules Massenet, IOCO Kritik, 23.02.2021

Februar 22, 2021 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 MANON –  Jules Massenet

„C´est la vie“ : Las-Vegas-Nachtclub  – fliegende Geldscheine – Spielautomaten

von Wolfgang Schmitt

Seit nunmehr drei Monaten befinden wir uns in diesem unsäglichen Lockdown, seit drei Monaten sind die Opernhäuser und die Theater geschlossen, und seit drei Monaten liegt die Kulturszene mehr oder weniger brach. Umso dankenswerter ist es, daß nun auch die Hamburger Staatsoper sich entschlossen hat, die geplante Premiere von Massenets  Manon auf die Bühne zu bringen und dem Publikum per Livestream und im Radio zugänglich zu machen. Massenets Opern werden hierzulande leider nicht so häufig gespielt, mal abgesehen von Werther, und so waren die Hamburger besonders gespannt auf diese Manon, bevor der Lockdown die Vorfreude erstmal zunichte machte. Doch nun hat die Hamburgische Staatsoper sich in die Liste der Opernhäuser eingereiht, die kostenfreie Streaming-Angebote liefern. Die Oper basiert auf dem Roman L’histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut des Abbé Prévost von 1731. Massenet hat sich bei seiner Komposition ziemlich an die Romanvorlage gehalten, während Puccinis Manon Lescaut sich auf die wesentlichen Szenen konzentrierte. Auch Daniel Esprit Auber schrieb 1856 seine Manon Lescaut, die jedoch auf deutschen Opernbühnen nur höchst selten zu finden war. Auch Hans Werner Henze vertonte 1951 diesen Stoff als Boulevard solitude.

Manon an der Hamburgischen Staatsoper
youtube Trailer OperaVison
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die hier besprochene Aufführung vom 24.1.2021 in der Inszenierung von David Bösch ist aufregend, spannend, intensiv und spielerisch detail-verliebt: Wenn Manon im ersten Bild ihren ersten Versuch macht, eine Zigarette zu rauchen, später mit dem Pfefferspray hantiert, oder der imaginären streunenden Katze, die irgendwie durch alle Szenen und über die Videoprojektionen zwischen den Akten schleicht, die Milchschale hinstellt und sie im Katzenkorb füttert. Später der leuchtende Mini-Eiffelturm als Symbol für die Stadt der Liebe und des Vergnügens, dessen Lichter ausgehen, wenn die erste Verliebtheit und Leidenschaft erloschen ist oder am Ende der Tod wartet.

Manon ist Elsa Dreisig, der man das 16jährige, lebendige, neugierige, lebenshungrige Mädchen durchaus abnimmt, die Freude und Spaß an ihrem

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier Elsa Dreisig als Manon © Brinkhoff / Moegenburg

Dasein haben will. Als Mädchen vom Lande kostümiert (Kostüme Falko Herold) mit blauer Strickmütze, langem blauem Schal, Ringelpullover und Schlabberkleid, ist sie sogar beeindruckt von der düsteren Spelunke (Bühnenbilder von Patrick Bannwart), in der ihr Cousin Lescaut sie erwartet, um sie ins Kloster zu bringen. Als Manon und Des Grieux einander erblicken, ist es Liebe auf den ersten Blick, und da es auch auf der Bühne aufgrund der Corona-Abstandsregelungen nicht zu Berührungen kommen darf, ist der 3 Meter lange Schal die „intime“ Verbindung der beiden. Düstere Stimmung herrscht auch im nächsten Bild, ein kleines spartanisch eingerichtetes Zimmer mit Bett und „notre petite table“, ein großes Fenster, auf welches Herzen mit „M – G“ projiziert werden. Gleißende Atmosphäre dagegen im folgenden Bild, einem Las-Vegas-Nachtclub mit üppigem Kronleuchter und Spielautomaten, im Bühnenhintergrund prangt groß und neon-beleuchtet der Schriftzug „C’est la vie“.

MANON an der Hamburgische Staatsoper

IOCO bringt Sie LIVE zur Aufführung – Klicken Sie HIER!

 Hier feiert Manon gerade ihren 20. Geburtstag. Großartig präsentiert sich hier der Cousin Lescaut als bekiffter Rock-Star, anschließend Manon als Nachtclubsängerin, nicht unbedingt als Marilyn, sondern eher als eine Kathy-Kirby-Imitation mit blonder Perücke und weißem Pelzmantel. In Des Grieux‘ schlichter Klosterzelle dominiert das übergroße Kruzifix, auch eine Heimorgel ist vorhanden, in diesem Bild haben die noch immer Liebenden Manon und Des Grieux ihre stärksten, eindrücklichsten Momente, so daß er sein Klosterleben aufgibt und ihr in eine ungewisse Zukunft folgt. Im vierten Akt befinden wir uns in der Spielhölle des Transsylvanischen Hotels, hier dominiert der übergroße Roulettetisch, an dem sich Des Grieux nun im Glücksspiel versucht, auch russisches Roulette wird hier in dieser Inszenierung praktiziert, in dessen Verlauf schließlich Manon ihren Gönner, den Lebemann Guillot-Marfontaine erschießt, während im großen Finale des fünften Aktes Manon sich vergiftet und Des Grieux sich die Pulsadern aufschlitzt, um, wie Romeo und Julia, gemeinsam in den Tod zu gehen – ein weiterer, durchaus nicht unpassender Regieeinfall. – „C’est la vie“, „That’s Life“, „So oder so ist das Leben“.

Manon – hier Werkeinführung – David Bösch, Detlef Giese
youtube Trailer Hamburgische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In Zeiten von Corona ist es unumgänglich, sich an die Abstandsregeln zu halten, und so wurde der verkleinerte Chor, wie immer von Eberhard Friedrich auch unter diesen Voraussetzungen perfekt einstudiert, in die Logen und Ränge platziert, kleine Unstimmigkeiten zwischen Bühne, Chor und Orchester blieben daher nicht aus. Auch wurde das Philharmonische Staatsorchester unter der kompetenten Leitung von Sebastien Rouland etwas ausgedünnt – weniger Bläser, weniger Schlaginstrumente, weniger Streicher, dennoch gab es hier keinerlei nennenswerte Einschränkungen, das Orchester spielte fulminant auf, setzte dramatische Akzente oder nahm sich bei den sensiblen, anrührenden Passagen kammermusikalisch zurück, so daß trotz der reduzierten Instrumente hinsichtlich des Orchesterklangs kaum Wünsche offen blieben.

Sängerisch befand sich diese Darbietung auf allerhöchstem Niveau. Natürlich stand im Mittelpunkt eines insgesamt hochkarätigen Ensembles die junge Sopranistin Elsa Dreisig, sensationell in ihrer Darstellung dieses lebenshungrigen jungen Mädchens, ihre wunderschön timbrierte Stimme von berückender Natürlichkeit und Leichtigkeit, absolut perfekt in der Intonation, der Phrasierung und den Intervallsprüngen. Ihr zur Seite und durchaus ebenbürtig stand der junge rumänische Tenor Ioan Hotea als Des Grieux, jung und gut aussehend, etwas unbedarft und naiv, so legt er seine Partie an, sich im Verlaufe der Handlung hineinsteigernd in Stimmungsumschwünge und Gefühlsregungen zwischen Verzweiflung, Ablehnung, bis hin zu unerschütterlicher Leidenschaft und Liebe zu seiner Manon. Seine warm timbrierte Stimme verfügt über zarten Schmelz, dennoch kann er sie kraftvoll bis hin zur heldischen Leidenschaftlichkeit einsetzen.

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Staatsoper Hamburg / Manon hier: Björn Bürger als Lescaut © Brinkhoff / Moegenburg

Björn Bürger präsentiert eine wahre Palette von Verkommenheit bis hin zum totalen Absturz, als Manons Cousin Lescaut gibt er den Beschützer, den machohaften Zuhälter, den drogenabhängigen Lebemann, und schließlich den hilflosen Junkie. Mit seinem kernigen, kraftvoll eingesetzten Bariton gefiel er insbesondere in seiner Rock-Star-Imitation im Casino-Bild des dritten Aktes. Mit seinem wohlklingenden Kavaliersbariton gab Alexey Bogdanchikov den eleganten, vornehmen Adligen Brétigny, während der Charaktertenor Daniel Kluge seine Partie des reichen Pächters und Lebemanns Guillot-Marfontaine mit Witz und Spielfreude ausstattet. Mit bassiger und gestrenger Autorität sang Dimitry Ivanshchenko den Vater Des Grieux, und auch Martin Summer als optisch Angst einflößender Wirt konnte seinen noblen Bass präsentieren. Das Trio der „leichten Mädchen“ Pousette, Javotte und Rosettein vulgärer Aufmachung mit Glitzer-Minikleidern und pastellfarbenen Perücken wurde von Elbenita Kajtaz, Narea Son und Ida Aldrian ansprechend und schönstimmig gesungen, und die beiden Gardisten Collin André Schöning und Hubert Kovalcyk rundeten dieses ausgezeichnete Ensemble ab.

Diese Manon-Inszenierung dürfte für die Hamburger Staatsoper ein großer Erfolg werden, wenn dieser Corona-Lockdown endlich vorbei sein wird und das geregelte Leben wieder beginnen kann. Wir freuen uns schon wieder auf unsere künftigen Live-Opernbesuche – hoffentlich bald !!!

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—


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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Norma – Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 10.03.2020

März 9, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

  Norma – Vincenzo Bellini

–  Norma oder Dorma – Spannungsarme Musik in rätselhaften, symbolschwangeren Bildern – 

von Patrik Klein

Vincenzo Belline in Pere Lachaise © IOCO

Vincenzo Belline in Pere Lachaise © IOCO

Nach der konzertanten Serie im Jahre 2007 mit Edita Gruberova in der Titelpartie gab es nun nach über einhundert Jahren an der Staatsoper Hamburg wieder eine szenische Umsetzung von Vincenzo Bellinis Oper Norma in der Inszenierung der Südkoreanerin Yona Kim und damit die Einleitung zu den diesjährigen „Italienischen Wochen“ der Staatsoper, die mit prominenten Besetzungen Werke von Verdi, das Requiem, Otello (mit Jose Cura), Simon Boccanegra (mit Placido Domingo) und Falstaff sowie Puccinis Tosca zeigen werden.

Eine Umbesetzung beim Dirigat vernahm der aufmerksame Beobachter des Hamburger Opernhauses inmitten der Proben für die neue Produktion. Der musikalischer Leiter des Teatro Coccia in Novara, Matteo Beltrami, springt ein für den eigentlich vorgesehenen,  erfahrenen Maestro Paolo Carignani, der bereits vielfach italienisches Repertoire in Hamburg dirigierte. Der nennenswerte Umstand ist jedoch kaum wahrzunehmen in der öffentlichen Kommunikation des Hauses. Kein Hinweis auf Besetzungsänderung auch nicht gut zwei Wochen vor der Premiere. Dann, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, verkündete die Oper den Wechsel in einer Pressemitteilung vom 21.2.2020. War da etwa mehr? Gab es etwa interne Auseinandersetzungen? Hat sich die schillernd emotionale, konfliktüberladene Stimmung in Bellinis Werk auch auf die Protagonisten übertragen?

Die mächtige Druidin im besetzten Gallien Norma soll ihr Volk mit einem Aufstand von den römischen Unterdrückern befreien. Es herrschen heftige Konflikte zwischen Mann und Frau,  um Land und Volk, um Liebe, Sex und Glauben. Doch Norma fleht  in der Dunkelheit des Waldes bei der Göttin des Mondes um Frieden. Denn sie liebt heimlich den römischen Prokonsul Pollione und hat von ihm sogar zwei Kinder, die sie versteckt. Der aber betrügt sie mit Adalgisa, einer Novizin im Tempeldienst, die sich Norma nichts ahnend anvertraut. Ein unauflöslicher Konflikt voller Wut und Verzweiflung beginnt zwischen Kopf und Herz. „Ich bin die Schuldige“, klagt Norma sich am Ende selbst an und landet auf dem Scheiterhaufen.

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Schlussszene mit Marina Rebeka, Marcelo Puente, Diana Haller © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Schlussszene mit Marina Rebeka, Marcelo Puente, Diana Haller © Hans Joerg Michel

Das Werk fungiert als Seelengemälde der wilden, gallischen Seherin, die man alle Phasen der Leidenschaft durchdringen sieht. Mit der Priesterin Norma, die ihren Göttern dient und dennoch nicht keusch leben will, die als geistliche Autorität ihrem unterworfenen Volk Orientierung gibt und zugleich zu ihrer Liebe zu einem der Besatzer steht, selbst als dieser sie verlässt, zeichnet Bellini das aufwühlende Doppelleben einer bis ins Extrem liebesfähigen Frau.

Die hochgelobte und vom Magazin „Opernwelt“ als beste Regisseurin des Jahres 2017 auserkorene südkoreanische Regisseurin Yona Kim, die bereits 2018 in Hamburg Peter Ruzickas Oper Benjamin in Szene setzte, skizzierte Norma mit ihrem Team (Bühnenbild: Christian Schmidt, Kostüme: Falk Bauer und Licht: Reinhard Traub) in symbolschwangeren dunklen Bildern, die in oft rätselhafter und gähnend langweiliger Weise versuchen, Norma als Außenseiterin und als eine Frau, die unendlich einsam ist in dieser kriegerischen, von männlicher Moral und Dominanz geprägten Welt, von Beginn an in der Ausweglosigkeit zu zeigen. Besonders im zweiten Akt gelingt es ihr nicht, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten oder gar steigernd zu formen, sondern sie lässt den Zuschauer alleine in noch unverständlicheren Bildern ihrer eigenen Betrachtung.

Vincenzo Bellinis tragische Oper (Originalbezeichnung: „tragedia lirica“) Norma wurde im Jahre 1831 an der Mailänder Scala mit Giuditta Pasta in der Titelrolle uraufgeführt. Die Uraufführung war wenig erfolgreich. Das Libretto des zweiaktigen Werkes stammt von Felice Romani und beruht auf einem Drama von Louis Alexandre Soumet.

Die ursprünglichen „Belcanto-Interpretationen“ der Oper wurden in den Jahrzehnten nach der Uraufführung mehr und mehr geprägt von denen des „Verismo“. Hierbei erfolgte eine Aufgabe bis dahin klassischer Theaterregeln und eine Fokussierung auf realistische Handlungen im niederen sozialen Milieu mit einem gewaltsamen Höhepunkt.

„Die Oper muss mit geradezu fanatischer Hingabe gesungen und gespielt, dazu von einem perfekten Chor und Orchester mit künstlerischer Integrität vermittelt, von einem Dirigent großer Autorität angeführt werden. Und jedem einzelnen Takt muss der musikalische Tribut gezollt werden, der ihm zusteht„. (Lilli Lehmann (1848-1929), eine der bedeutendsten Normas aller Zeiten)

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Marina Rebeka, Marcelo Puente, Chor © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Marina Rebeka, Marcelo Puente, Chor © Hans Joerg Michel

Eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Belcanto-Intentionen der Titelpartie, und damit eine Renaissance des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seltener gespielten Werks insgesamt, erfolgte vor allem ab 1948 durch Maria Callas, deren Interpretationen in insgesamt 89 Auftritten die weitere Sicht auf das Werk prägten. Die Callas-Norma blieb bis heute nicht nur unerreicht, sondern auch ohne überzeugende Alternative. Weitere bedeutende Interpretinnen der Rolle waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Leyla Gencer, Elena Souliotis, Renata Scotto, Joan Sutherland, Anita Cerquetti oder Montserrat Caballé, in jüngster Zeit Sonya Yoncheva (2009) und Edita Gruberová (2007).

Die Regisseurin Yona Kim setzt bei ihrer Interpretation dramaturgisch auf die Psychologie der handelnden Charaktere und ihrer Wechselwirkungen zueinander. Krieg und Hass ist für sie keine Lösung. Die Geschichte wird nicht erzählt, sondern die Personen handeln aus sich selbst heraus. Die kriegerischen Gallier können ihren Hass auf die römischen Besatzer mit vehementer Ungeduld und langwierigen Ritualen kaum mehr zurückhalten. Die Seherin Norma darf in diesem fanatischen Umfeld ihrer Untergebenen nur rein von banalen irdischen Bedürfnissen sein und kann sich als angebetete Mächtige keine Schwächen erlauben. Das Volk braucht diese mächtigen Vorbilder, um den Kampf gegen die Besatzer fortführen zu können. Norma ist zudem als Mutter zweier Kinder und als Geliebte des Besatzers in einer verzweifelten Lage, fast irre geworden, spielt sie mit dem Feuer in ihrem Kopf. Aus dieser inneren Verzweiflung und Gefangenschaft in der Ausweglosigkeit kann sie nicht anders, als vor ihrem gefangen genommenen untreuen Pollione sich selbst durch Feuer sinnbildlich zu erlösen.

Auf der Bühne finden diese Umstände in düsteren und meist nur mit wenigen Versatzstücken wie Mistelschale, Benzinkanister, Tische und Stühle, in fast leeren Räumen statt. Zentrales Element ist ein nach vorne offener Container, in dem Norma lebt, sie begrenzt in ihren Zwängen und Sichtweisen und unter dem in einem Verließ die beiden verhaltensauffälligen Kinder vom Liebespaar Norma – Pollione hausen müssen. In einer Ecke ein Sandkasten und an den Wänden Sehnsuchtsmalereien des Nachwuchses. Der Stoffhase wird wie im Rausch mit dem Kopf auf die Tischkante geschlagen.

Staatsoper Hamburg / Norma -hier : Marina Rebeka und ihre beiden Kinder  © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma -hier : Marina Rebeka und ihre beiden Kinder  © Hans Joerg Michel

Die Spielfläche wird mit an Wald erinnernde dunkle Prospekte begrenzt und mit Gazevorhängen szenengerecht in der Größe und Anordnung verändert. Die handelnden Akteure bewegen sich oft zeitlupenhaft in gefreezten Bildern voller rätselhafter, für den Betrachter kaum erkennbaren Details. Einige Szenen geraten zu langweiligstem Rampentheater. Die gallischen Tempeldienerinnen tragen bei ihren Ritualen leere Papierblätter vor dem Mund, drehen dazu Messer vor ihren Körpern, die Chormitglieder hantieren wie irre an den Containerwänden und am Ende muss sich Clotilde mit kleinen Papierblättern beim Anblick der symbolhaften Puppenverbrennungen im Container die Augen und den Mund bekleben. Die immer zäher werdende Abfolge der Szenen machen die Inszenierung zu einer Durchhalteprüfung für die eigenen Nerven.

Musikalisch gelang in Hamburg nicht viel mehr als eine blutleere, langweilige und feuerarme Premiere. Norma ist der Inbegriff der hochromantischen Gesangsoper, in der sich Beherrschung des italienischen Belcanto und dramatische Interpretationskunst verbinden, wodurch sich das Werk als die italienische „Primadonnenoper“ par excellence durchsetzte. Deshalb braucht die Norma eine mächtige, unbedingt kontrollierte und dunkle Sopranstimme mit bester Koloratur, mit heroischer Farbe im durchgehenden Register ohne ordinären Brustton und mit eben jener Majestät, wie sie auch die übermenschlichen Heldinnen bei Rossini zeigen.  Maria Callas war „Die Norma. Marina Rebeka, die die Partie seit 2016 fest in ihrem Repertoire hat, singt die Norma in Hamburg. Die lettische Sopranistin mit internationalen Erfahrungen und Engagements an allen großen Opernhäusern weltweit, demonstriert Emotionen und Zerbrechlichkeit mit hauchzarten Zwischentönen, die sie fein in die melodischen Bögen einwebt. Als Mutter, aber auch Tochter, verlobte Frau und Freundin, kriegerische Anführerin und Hexe zeigt sie auch begünstigt durch das getragene Dirigat gesanglich extreme Vielseitigkeit.

In ihrer Auftritts-Cavatina „Casta diva“ erbittet sie mit „Verbreite du auf der Erde jenen Frieden, den du am Himmel herrschen lässt“ mit fein geführter Stimme einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage. Sie vermittelt aber auch besonders in den fordernden letzten Minuten der Oper die dramatischen Inhalte der Partitur mit ihren detaillierten gesangstechnischen Mitteln.

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Marina Rebeka als Norma © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Marina Rebeka als Norma © Hans Joerg Michel

Der momentan sehr gefragte Tenor des treulosen Geliebten Normas, Pollione, der Argentinier Marcelo Puente, wirkte im Vergleich dazu grober und facettenärmer. Die Stimme klang wenig kontrolliert, baritonal gefärbt und mit einem etwas kehligen Timbre. Sie wurde vor allem stark vibratobehaftet, mit viel Kraft, wenig Bemühung um ein Legato und in den Spitzentönen häufig zu tief in der Tonhöhe geführt.

Die kroatische Mezzosopranistin Diana Haller, gesegnet mit einer äußerst apart hell timbrierten Stimme, zeigte als junge Nebenbuhlerin Adalgisa eine nahezu unwiderstehliche Stimmführung und wie berührend und echt Belcanto gesungen werden kann. Besonders in der Szene zum Ende des ersten Aktes, wo Pollione sie nach Rom zu locken sucht, wartet sie mit kernigem, wohltemperierten Mezzo auf, der zwischen federleicht und dramatisch variiert und mit feinstem, ergreifendem Crescendo komplettiert wird.

Liang Li, aus China stammender erfahrener und gerne in Hamburg gesehener Bass, gab den Oroveso mit dunkler und autoritärer Pracht. Gabriele Rossmanith, seit vielen Jahren festes und beliebtes Ensemblemitglied in Hamburg,  hatte viele schauspielerische Aufgaben neben ihrer Gesangsrolle zu erfüllen. Die Clotilde, Vertraute der Norma, sang sie mit gewohnt sicherer und klangvoller Sopranstimme. Dongwon Kang (Mitglied des internationalen Opernstudios in Hamburg, aus Südkorea) als Flavio komplettierte das Sängerensemble mit sicher geführter Tenorstimme.

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Gabriele Rossmanith, Liang Li  © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Gabriele Rossmanith, Liang Li  © Hans Joerg Michel

Der Chor der Hamburgischen Staatsoper (Einstudierung Eberhart Friederich) konnte durch die szenische Bewegungsärme musikalisch punkten und mit hoher Präzision und Klangschönheit überzeugen.

Die Regie wollte das Feuer im Kopf der Norma zeigen. Wo blieb das Feuer in der Musik? Matteo Beltrami am Pult des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg gelang lediglich in der Ouvertüre eine temporeiche und energiegeladene musikalische Ausrichtung des Premierenabends. Über weite Strecken wirkte seine Tempovorgabe zu gedehnt und im Kern blutleer, zu sehr auf Sicherheit bedacht, dadurch zwar sängerfreundlich, schließlich aber für den Opernbesucher langatmig und mit wenig Leidenschaft behaftet.

Das Publikum in der Generalprobe, die ich drei Tage zuvor besuchte, reagierte bereits mit einer gewissen Fassungslosigkeit auf das optisch und musikalisch Erlebte. Das Hamburger Premierenpublikum würdigte das Orchester, den Chor und die beteiligten Solisten mit freundlichem Applaus bevor dann das Regieteam die Bühne betrat und einen Sturm der Missfallenskundgebung ertragen musste. Nach insgesamt nur wenigen Minuten drängten die Parkettbesucher noch im Dunkeln aus ihren Reihen, den Zuschauersaal verlassend. Mehr Ablehnung für Yona Kims Regie-Konzept war kaum vorstellbar..

Norma an der Staatsoper Hamburg, weitere Vorstellungen: 11.3., 14.3.,  17.3., 20.3., 24.3.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—


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Hamburg, Staatsoper Hamburg, Der fliegende Holländer – Alcina, Februar 2020

Februar 13, 2020 by  
Filed under Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Der fliegende Holländer –  Alcina

Letzte Chance an der Staatsoper Hamburg

Die beiden Staatsopernproduktionen Der fliegende Holländer und Alcina werden in der kommenden Aufführungsserie zum letzten Mal an der Dammtorstraße zu sehen sein.

Richard Wagners Der fliegende Holländer in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli aus dem Jahr 1996 wird am 18., 21. und 27. Februar jeweils um 19.30 Uhr, sowie am 1. März 2020 um 17.00 Uhr, zum letzten Mal zu erleben sein und verabschiedet sich nach 80 Vorstellungen vom Spielplan der Staatsoper Hamburg. In der Titelpartie steht Andrzej Dobber auf der Bühne. Senta ist Allison Oakes, Erik Michael Schade im Rollendebüt, als Daland gibt es ein Wiedersehen mit Wilhelm Schwinghammer. In weiteren Rollen sind als Steuermann Daniel Kluge und als Mary Katja Pieweck besetzt. Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg steht Christof Prick.

Georg Friedrich Händels Oper Alcina in der Inszenierung von Christof Loy aus dem Jahr 2002 wird ab 23. Februar 2020 für insgesamt vier Vorstellungen ebenfalls zum letzten Mal auf dem Spielplan der Staatsoper Hamburg stehen. Als Alcina gibt Layla Claire ihr Hausdebüt an der Dammtorstraße. Als Ruggiero ist Maite Beaumont wieder in Hamburg zu erleben. Ebenfalls ihr Hausdebüt gibt als Bradamante Katarina Bradic. Als Morgana gibt es ein Wiedersehen mit Julia Lezhneva. Narea Son singt und spielt Oberto, Fabio Trümpy Oronte und Nikolay Borchev gibt als Melisso sein Rollendebüt. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg wird von Christopher Moulds geleitet, der ebenfalls das erste Mal an der Staatsoper Hamburg gastiert.

Richard Wagner   –  Der fliegende Holländer

Musikalische Leitung: Christof Prick, Inszenierung und Bühnenbild: Marco Arturo Marelli, Kostüme: Dagmar Niefind-Marelli, Licht: Manfred Voss, Chor: Christian Günther

Mit: Holländer Ks. Andrzej Dobber, Senta Allison Oakes, Erik Michael Schade (Rollendebüt), Daland Wilhelm Schwinghammer, Steuermann Daniel Kluge, Mary Katja Pieweck, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Chor der Hamburgischen Staatsoper

Vorstellungen 18., 21. und 27. Februar 19.30 Uhr sowie am 1. März 2020 17.00 Uhr

Georg Friedrich Händel  –  Alcina

Musikalische Leitung: Christopher Moulds (Hausdebüt), Inszenierung: Christof Loy
Bühnenbild, Kostüme: Herbert Murauer, Choreografie: Beate Vollack, Licht: Reinhard Traub

Mit: Alcina Layla Claire (Hausdebüt), Ruggiero Maite Beaumont, Bradamante Katarina Bradic (Hausdebüt), Morgana Julia Lezhneva, Oberto Narea Son, Oronte Fabio Trümpy, Melisso Nikolay Borchev (Rollendebüt), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Vorstellungen 23. Februar 17.00 Uhr sowie 28. Februar, 3. und 7. März 2020, 18.30 Uhr

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—


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