Hamburg, Staatsoper Hamburg, Norma – Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 10.03.2020

März 9, 2020 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

  Norma – Vincenzo Bellini

–  Norma oder Dorma – Spannungsarme Musik in rätselhaften, symbolschwangeren Bildern – 

von Patrik Klein

Vincenzo Belline in Pere Lachaise © IOCO

Vincenzo Belline in Pere Lachaise © IOCO

Nach der konzertanten Serie im Jahre 2007 mit Edita Gruberova in der Titelpartie gab es nun nach über einhundert Jahren an der Staatsoper Hamburg wieder eine szenische Umsetzung von Vincenzo Bellinis Oper Norma in der Inszenierung der Südkoreanerin Yona Kim und damit die Einleitung zu den diesjährigen „Italienischen Wochen“ der Staatsoper, die mit prominenten Besetzungen Werke von Verdi, das Requiem, Otello (mit Jose Cura), Simon Boccanegra (mit Placido Domingo) und Falstaff sowie Puccinis Tosca zeigen werden.

Eine Umbesetzung beim Dirigat vernahm der aufmerksame Beobachter des Hamburger Opernhauses inmitten der Proben für die neue Produktion. Der musikalischer Leiter des Teatro Coccia in Novara, Matteo Beltrami, springt ein für den eigentlich vorgesehenen,  erfahrenen Maestro Paolo Carignani, der bereits vielfach italienisches Repertoire in Hamburg dirigierte. Der nennenswerte Umstand ist jedoch kaum wahrzunehmen in der öffentlichen Kommunikation des Hauses. Kein Hinweis auf Besetzungsänderung auch nicht gut zwei Wochen vor der Premiere. Dann, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, verkündete die Oper den Wechsel in einer Pressemitteilung vom 21.2.2020. War da etwa mehr? Gab es etwa interne Auseinandersetzungen? Hat sich die schillernd emotionale, konfliktüberladene Stimmung in Bellinis Werk auch auf die Protagonisten übertragen?

Die mächtige Druidin im besetzten Gallien Norma soll ihr Volk mit einem Aufstand von den römischen Unterdrückern befreien. Es herrschen heftige Konflikte zwischen Mann und Frau,  um Land und Volk, um Liebe, Sex und Glauben. Doch Norma fleht  in der Dunkelheit des Waldes bei der Göttin des Mondes um Frieden. Denn sie liebt heimlich den römischen Prokonsul Pollione und hat von ihm sogar zwei Kinder, die sie versteckt. Der aber betrügt sie mit Adalgisa, einer Novizin im Tempeldienst, die sich Norma nichts ahnend anvertraut. Ein unauflöslicher Konflikt voller Wut und Verzweiflung beginnt zwischen Kopf und Herz. „Ich bin die Schuldige“, klagt Norma sich am Ende selbst an und landet auf dem Scheiterhaufen.

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Schlussszene mit Marina Rebeka, Marcelo Puente, Diana Haller © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Schlussszene mit Marina Rebeka, Marcelo Puente, Diana Haller © Hans Joerg Michel

Das Werk fungiert als Seelengemälde der wilden, gallischen Seherin, die man alle Phasen der Leidenschaft durchdringen sieht. Mit der Priesterin Norma, die ihren Göttern dient und dennoch nicht keusch leben will, die als geistliche Autorität ihrem unterworfenen Volk Orientierung gibt und zugleich zu ihrer Liebe zu einem der Besatzer steht, selbst als dieser sie verlässt, zeichnet Bellini das aufwühlende Doppelleben einer bis ins Extrem liebesfähigen Frau.

Die hochgelobte und vom Magazin „Opernwelt“ als beste Regisseurin des Jahres 2017 auserkorene südkoreanische Regisseurin Yona Kim, die bereits 2018 in Hamburg Peter Ruzickas Oper Benjamin in Szene setzte, skizzierte Norma mit ihrem Team (Bühnenbild: Christian Schmidt, Kostüme: Falk Bauer und Licht: Reinhard Traub) in symbolschwangeren dunklen Bildern, die in oft rätselhafter und gähnend langweiliger Weise versuchen, Norma als Außenseiterin und als eine Frau, die unendlich einsam ist in dieser kriegerischen, von männlicher Moral und Dominanz geprägten Welt, von Beginn an in der Ausweglosigkeit zu zeigen. Besonders im zweiten Akt gelingt es ihr nicht, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten oder gar steigernd zu formen, sondern sie lässt den Zuschauer alleine in noch unverständlicheren Bildern ihrer eigenen Betrachtung.

Vincenzo Bellinis tragische Oper (Originalbezeichnung: „tragedia lirica“) Norma wurde im Jahre 1831 an der Mailänder Scala mit Giuditta Pasta in der Titelrolle uraufgeführt. Die Uraufführung war wenig erfolgreich. Das Libretto des zweiaktigen Werkes stammt von Felice Romani und beruht auf einem Drama von Louis Alexandre Soumet.

Die ursprünglichen „Belcanto-Interpretationen“ der Oper wurden in den Jahrzehnten nach der Uraufführung mehr und mehr geprägt von denen des „Verismo“. Hierbei erfolgte eine Aufgabe bis dahin klassischer Theaterregeln und eine Fokussierung auf realistische Handlungen im niederen sozialen Milieu mit einem gewaltsamen Höhepunkt.

„Die Oper muss mit geradezu fanatischer Hingabe gesungen und gespielt, dazu von einem perfekten Chor und Orchester mit künstlerischer Integrität vermittelt, von einem Dirigent großer Autorität angeführt werden. Und jedem einzelnen Takt muss der musikalische Tribut gezollt werden, der ihm zusteht„. (Lilli Lehmann (1848-1929), eine der bedeutendsten Normas aller Zeiten)

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Marina Rebeka, Marcelo Puente, Chor © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Marina Rebeka, Marcelo Puente, Chor © Hans Joerg Michel

Eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Belcanto-Intentionen der Titelpartie, und damit eine Renaissance des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seltener gespielten Werks insgesamt, erfolgte vor allem ab 1948 durch Maria Callas, deren Interpretationen in insgesamt 89 Auftritten die weitere Sicht auf das Werk prägten. Die Callas-Norma blieb bis heute nicht nur unerreicht, sondern auch ohne überzeugende Alternative. Weitere bedeutende Interpretinnen der Rolle waren in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Leyla Gencer, Elena Souliotis, Renata Scotto, Joan Sutherland, Anita Cerquetti oder Montserrat Caballé, in jüngster Zeit Sonya Yoncheva (2009) und Edita Gruberová (2007).

Die Regisseurin Yona Kim setzt bei ihrer Interpretation dramaturgisch auf die Psychologie der handelnden Charaktere und ihrer Wechselwirkungen zueinander. Krieg und Hass ist für sie keine Lösung. Die Geschichte wird nicht erzählt, sondern die Personen handeln aus sich selbst heraus. Die kriegerischen Gallier können ihren Hass auf die römischen Besatzer mit vehementer Ungeduld und langwierigen Ritualen kaum mehr zurückhalten. Die Seherin Norma darf in diesem fanatischen Umfeld ihrer Untergebenen nur rein von banalen irdischen Bedürfnissen sein und kann sich als angebetete Mächtige keine Schwächen erlauben. Das Volk braucht diese mächtigen Vorbilder, um den Kampf gegen die Besatzer fortführen zu können. Norma ist zudem als Mutter zweier Kinder und als Geliebte des Besatzers in einer verzweifelten Lage, fast irre geworden, spielt sie mit dem Feuer in ihrem Kopf. Aus dieser inneren Verzweiflung und Gefangenschaft in der Ausweglosigkeit kann sie nicht anders, als vor ihrem gefangen genommenen untreuen Pollione sich selbst durch Feuer sinnbildlich zu erlösen.

Auf der Bühne finden diese Umstände in düsteren und meist nur mit wenigen Versatzstücken wie Mistelschale, Benzinkanister, Tische und Stühle, in fast leeren Räumen statt. Zentrales Element ist ein nach vorne offener Container, in dem Norma lebt, sie begrenzt in ihren Zwängen und Sichtweisen und unter dem in einem Verließ die beiden verhaltensauffälligen Kinder vom Liebespaar Norma – Pollione hausen müssen. In einer Ecke ein Sandkasten und an den Wänden Sehnsuchtsmalereien des Nachwuchses. Der Stoffhase wird wie im Rausch mit dem Kopf auf die Tischkante geschlagen.

Staatsoper Hamburg / Norma -hier : Marina Rebeka und ihre beiden Kinder  © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma -hier : Marina Rebeka und ihre beiden Kinder  © Hans Joerg Michel

Die Spielfläche wird mit an Wald erinnernde dunkle Prospekte begrenzt und mit Gazevorhängen szenengerecht in der Größe und Anordnung verändert. Die handelnden Akteure bewegen sich oft zeitlupenhaft in gefreezten Bildern voller rätselhafter, für den Betrachter kaum erkennbaren Details. Einige Szenen geraten zu langweiligstem Rampentheater. Die gallischen Tempeldienerinnen tragen bei ihren Ritualen leere Papierblätter vor dem Mund, drehen dazu Messer vor ihren Körpern, die Chormitglieder hantieren wie irre an den Containerwänden und am Ende muss sich Clotilde mit kleinen Papierblättern beim Anblick der symbolhaften Puppenverbrennungen im Container die Augen und den Mund bekleben. Die immer zäher werdende Abfolge der Szenen machen die Inszenierung zu einer Durchhalteprüfung für die eigenen Nerven.

Musikalisch gelang in Hamburg nicht viel mehr als eine blutleere, langweilige und feuerarme Premiere. Norma ist der Inbegriff der hochromantischen Gesangsoper, in der sich Beherrschung des italienischen Belcanto und dramatische Interpretationskunst verbinden, wodurch sich das Werk als die italienische „Primadonnenoper“ par excellence durchsetzte. Deshalb braucht die Norma eine mächtige, unbedingt kontrollierte und dunkle Sopranstimme mit bester Koloratur, mit heroischer Farbe im durchgehenden Register ohne ordinären Brustton und mit eben jener Majestät, wie sie auch die übermenschlichen Heldinnen bei Rossini zeigen.  Maria Callas war „Die Norma. Marina Rebeka, die die Partie seit 2016 fest in ihrem Repertoire hat, singt die Norma in Hamburg. Die lettische Sopranistin mit internationalen Erfahrungen und Engagements an allen großen Opernhäusern weltweit, demonstriert Emotionen und Zerbrechlichkeit mit hauchzarten Zwischentönen, die sie fein in die melodischen Bögen einwebt. Als Mutter, aber auch Tochter, verlobte Frau und Freundin, kriegerische Anführerin und Hexe zeigt sie auch begünstigt durch das getragene Dirigat gesanglich extreme Vielseitigkeit.

In ihrer Auftritts-Cavatina „Casta diva“ erbittet sie mit „Verbreite du auf der Erde jenen Frieden, den du am Himmel herrschen lässt“ mit fein geführter Stimme einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage. Sie vermittelt aber auch besonders in den fordernden letzten Minuten der Oper die dramatischen Inhalte der Partitur mit ihren detaillierten gesangstechnischen Mitteln.

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Marina Rebeka als Norma © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Marina Rebeka als Norma © Hans Joerg Michel

Der momentan sehr gefragte Tenor des treulosen Geliebten Normas, Pollione, der Argentinier Marcelo Puente, wirkte im Vergleich dazu grober und facettenärmer. Die Stimme klang wenig kontrolliert, baritonal gefärbt und mit einem etwas kehligen Timbre. Sie wurde vor allem stark vibratobehaftet, mit viel Kraft, wenig Bemühung um ein Legato und in den Spitzentönen häufig zu tief in der Tonhöhe geführt.

Die kroatische Mezzosopranistin Diana Haller, gesegnet mit einer äußerst apart hell timbrierten Stimme, zeigte als junge Nebenbuhlerin Adalgisa eine nahezu unwiderstehliche Stimmführung und wie berührend und echt Belcanto gesungen werden kann. Besonders in der Szene zum Ende des ersten Aktes, wo Pollione sie nach Rom zu locken sucht, wartet sie mit kernigem, wohltemperierten Mezzo auf, der zwischen federleicht und dramatisch variiert und mit feinstem, ergreifendem Crescendo komplettiert wird.

Liang Li, aus China stammender erfahrener und gerne in Hamburg gesehener Bass, gab den Oroveso mit dunkler und autoritärer Pracht. Gabriele Rossmanith, seit vielen Jahren festes und beliebtes Ensemblemitglied in Hamburg,  hatte viele schauspielerische Aufgaben neben ihrer Gesangsrolle zu erfüllen. Die Clotilde, Vertraute der Norma, sang sie mit gewohnt sicherer und klangvoller Sopranstimme. Dongwon Kang (Mitglied des internationalen Opernstudios in Hamburg, aus Südkorea) als Flavio komplettierte das Sängerensemble mit sicher geführter Tenorstimme.

Staatsoper Hamburg / Norma - hier : Gabriele Rossmanith, Liang Li  © Hans Joerg Michel

Staatsoper Hamburg / Norma – hier : Gabriele Rossmanith, Liang Li  © Hans Joerg Michel

Der Chor der Hamburgischen Staatsoper (Einstudierung Eberhart Friederich) konnte durch die szenische Bewegungsärme musikalisch punkten und mit hoher Präzision und Klangschönheit überzeugen.

Die Regie wollte das Feuer im Kopf der Norma zeigen. Wo blieb das Feuer in der Musik? Matteo Beltrami am Pult des Philharmonischen Staatsorchester Hamburg gelang lediglich in der Ouvertüre eine temporeiche und energiegeladene musikalische Ausrichtung des Premierenabends. Über weite Strecken wirkte seine Tempovorgabe zu gedehnt und im Kern blutleer, zu sehr auf Sicherheit bedacht, dadurch zwar sängerfreundlich, schließlich aber für den Opernbesucher langatmig und mit wenig Leidenschaft behaftet.

Das Publikum in der Generalprobe, die ich drei Tage zuvor besuchte, reagierte bereits mit einer gewissen Fassungslosigkeit auf das optisch und musikalisch Erlebte. Das Hamburger Premierenpublikum würdigte das Orchester, den Chor und die beteiligten Solisten mit freundlichem Applaus bevor dann das Regieteam die Bühne betrat und einen Sturm der Missfallenskundgebung ertragen musste. Nach insgesamt nur wenigen Minuten drängten die Parkettbesucher noch im Dunkeln aus ihren Reihen, den Zuschauersaal verlassend. Mehr Ablehnung für Yona Kims Regie-Konzept war kaum vorstellbar..

Norma an der Staatsoper Hamburg, weitere Vorstellungen: 11.3., 14.3.,  17.3., 20.3., 24.3.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Der fliegende Holländer – Alcina, Februar 2020

Februar 13, 2020 by  
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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Der fliegende Holländer –  Alcina

Letzte Chance an der Staatsoper Hamburg

Die beiden Staatsopernproduktionen Der fliegende Holländer und Alcina werden in der kommenden Aufführungsserie zum letzten Mal an der Dammtorstraße zu sehen sein.

Richard Wagners Der fliegende Holländer in der Inszenierung von Marco Arturo Marelli aus dem Jahr 1996 wird am 18., 21. und 27. Februar jeweils um 19.30 Uhr, sowie am 1. März 2020 um 17.00 Uhr, zum letzten Mal zu erleben sein und verabschiedet sich nach 80 Vorstellungen vom Spielplan der Staatsoper Hamburg. In der Titelpartie steht Andrzej Dobber auf der Bühne. Senta ist Allison Oakes, Erik Michael Schade im Rollendebüt, als Daland gibt es ein Wiedersehen mit Wilhelm Schwinghammer. In weiteren Rollen sind als Steuermann Daniel Kluge und als Mary Katja Pieweck besetzt. Am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg steht Christof Prick.

Georg Friedrich Händels Oper Alcina in der Inszenierung von Christof Loy aus dem Jahr 2002 wird ab 23. Februar 2020 für insgesamt vier Vorstellungen ebenfalls zum letzten Mal auf dem Spielplan der Staatsoper Hamburg stehen. Als Alcina gibt Layla Claire ihr Hausdebüt an der Dammtorstraße. Als Ruggiero ist Maite Beaumont wieder in Hamburg zu erleben. Ebenfalls ihr Hausdebüt gibt als Bradamante Katarina Bradic. Als Morgana gibt es ein Wiedersehen mit Julia Lezhneva. Narea Son singt und spielt Oberto, Fabio Trümpy Oronte und Nikolay Borchev gibt als Melisso sein Rollendebüt. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg wird von Christopher Moulds geleitet, der ebenfalls das erste Mal an der Staatsoper Hamburg gastiert.

Richard Wagner   –  Der fliegende Holländer

Musikalische Leitung: Christof Prick, Inszenierung und Bühnenbild: Marco Arturo Marelli, Kostüme: Dagmar Niefind-Marelli, Licht: Manfred Voss, Chor: Christian Günther

Mit: Holländer Ks. Andrzej Dobber, Senta Allison Oakes, Erik Michael Schade (Rollendebüt), Daland Wilhelm Schwinghammer, Steuermann Daniel Kluge, Mary Katja Pieweck, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Chor der Hamburgischen Staatsoper

Vorstellungen 18., 21. und 27. Februar 19.30 Uhr sowie am 1. März 2020 17.00 Uhr

Georg Friedrich Händel  –  Alcina

Musikalische Leitung: Christopher Moulds (Hausdebüt), Inszenierung: Christof Loy
Bühnenbild, Kostüme: Herbert Murauer, Choreografie: Beate Vollack, Licht: Reinhard Traub

Mit: Alcina Layla Claire (Hausdebüt), Ruggiero Maite Beaumont, Bradamante Katarina Bradic (Hausdebüt), Morgana Julia Lezhneva, Oberto Narea Son, Oronte Fabio Trümpy, Melisso Nikolay Borchev (Rollendebüt), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Vorstellungen 23. Februar 17.00 Uhr sowie 28. Februar, 3. und 7. März 2020, 18.30 Uhr

—| Pressemeldung Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Falstaff – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 21.01.2020

Januar 21, 2020 by  
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Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Falstaff – Giuseppe Verdi

Slapstick und surrealistische Träume in der Kneipe „The Boars Head“

von Patrik Klein

Alles ist zu Ende! Geh, geh, alter John. Lauf dahin auf deinem Weg, solange du kannst … Lustiges Original eines Schurken; ewig wahr, hinter jeglicher Maske, zu jeder Zeit, an jedem Ort!! Geh … Geh … Lauf, Lauf … Addio!!!“   Arturo Toscanini fand einen Zettel mit diesen handschriftlichen Worten Verdis in der Partitur, der in Bezug auf den Monolog Falstaffs zu Beginn des dritten Akts stand.  In Verdis Oper ist Falstaff ein Gewaltmensch und Egoist übelster Sorte, ein menschlicher Parasit, der als bedauerliches, geläutertes Wrack endet: eine heitere Boulevard-Komödie mit einer tiefen menschlichen Wahrheit.

Die Staatsoper Hamburg bescherte dem Hamburger Premierenbesucher dagegen eine menschliche Komödie und eine große knallbunte, surrealistische Show über das exzessive Leben. Calixto Bieito (und sein Team; Bühnenbild: Susanne Gschwender, Kostüme: Anja Rabes, Licht: Michael Bauer), spanischer Regisseur und Enfant Terrible für viele Opernfreunde, der bereits Verdis Otello und das Verdi Requiem in Hamburg inszenierte, lässt ein rotierendes Bühnenset aus dem vergangenen Jahrhundert demontieren und die menschlich dargestellten Figuren im Laufe des Abends sich demaskieren. Das Pendel der Inszenierung schwingt zwischen belanglosem Slapstick und genial-textgenauen Geistesblitzen. Der Titelheld soll als Poet des Lebens und als egoistischer Betrüger entlarvt werden. Am Ende sollen wir erkennen, dass Falstaff sich nicht, wie im Original, verändert, sondern mit „Licht und Schattenseiten“ als Botschafter des menschlichen Seins weiterleben wird.

Fallstaff – Proben zur Produktion
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Nach diversen Schicksalsschlägen in den ersten Jahren seines Schaffens, lehnte Verdi es lange Zeit ab, sich im komischen Genre zu versuchen. Pläne für eine Oper nach Shakespeares Der Sturm (1850 für Covent Garden) sowie für Falstaff (mit Antonio Ghislanzoni als Librettisten, 1868) ließ er schnell wieder fallen. Offensichtlich war es Arrigo Boito, der im Frühsommer 1889 die Aufmerksamkeit des inzwischen fast 76 -jährigen Komponisten wieder auf Shakespeares The Merry Wives of Windsor lenkte. Verdi war sofort begeistert von der Idee. Sie vereinbarten zunächst, die Sache im Geheimen voranzutreiben. Verdi wollte am Stück nur komponieren, um sich zu vergnügen und die Zeit zu vertreiben.

Boito verfasste die ersten beiden Akte bis Mitte November 1889, den dritten schickte er Verdi Anfang März 1890. Am 17. März 1890 berichtete Verdi, er habe den ersten Akt skizziert. Leider stand auch die Arbeit an Falstaff unter keinem guten Stern, denn im März erkrankte ihr gemeinsamer Freund, der Komponist und Dirigent der Uraufführung des Otello Franco Faccio schwer (er starb dann nach langem Leiden im Sommer 1891). Am 6. Oktober schrieb Verdi an Boito, dass er den zweiten Akt zunächst liegen gelassen und zuerst die kleine Arie Fentons zu Beginn des letzten Bildes skizziert habe. In weiteren Briefen an Boito berichtete Verdi, dass er gelegentlich immer wieder am Falstaff arbeite, aber auch tagelang nicht. Am 20. September 1892 schrieb Verdi an Boito:Ich habe dem Verleger Ricordi den dritten Akt des Falstaff übergeben. Gestern habe ich die Korrekturen für das Libretto und den Klavierauszug des ersten Aktes zurückgeschickt.“

Die Uraufführung war für Anfang Februar 1893 vorgesehen, die Proben sollten am 2. Januar beginnen. Die Uraufführung fand wie geplant am 9. Februar 1893 in Mailand, im Teatro alla Scala statt und war ein großer Erfolg.

Calixto Bieito inszeniert seinen Falstaff als menschliche Komödie mit einem realen Titelhelden voller Vitalität und vielschichtigem Charakter. Mit surrealistischen Träumen und Albträumen werden die menschlichen Charaktere und deren Bedürfnisse in der kleinstädtischen Gesellschaft in Windsor, denen des Außenseiters und adligem, übriggebliebenen Ritter aus einer vergangenen Zeit gegenübergestellt. Bieito skizziert hierbei den Wunsch eines jeden, die vorgegebene, vorhandene Ordnung aufzubrechen und die geheimen Wünsche zu träumen und zu realisieren.

Der Zuschauer wird bereits beim Eintritt ins Foyer des Hauses von einer langen Tafel, an deren Enden je ein Falstaff-Komparse mit freiem Oberkörper und Hosenträgern sowie einer Flasche Rotwein sitzt, in diese Traumwelt eingeführt.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : zwei Komparsen stimmen vor Beginn der Oper das Publikum ein © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : zwei Komparsen stimmen vor Beginn der Oper das Publikum ein © Patrik Klein

In einem realistisch anmutenden Bühnenbild steht im Zentrum der Gebäudekomplex um die spießige Dorfkneipe Windsors The Boars Head, der Kopf des Ebers, welcher sich im Laufe des Opernabends zunehmend zu einem Gebäudegerippe demontiert. Dort oder davor finden alle Handlungen statt. Damit werden Einblicke ermöglicht, die nur der Zuschauer und nicht immer die handelnden Protagonisten wahrnehmen können. Es gibt immer wieder aktuelle Bezüge, Momente, die nicht passen oder als Kontrapunkt stehen. Es erscheinen Statisten, wo man sich fragt, was sie da sollen. Häufig erkennt man jedoch auch handwerkliche Ungereimtheiten in der Personenführung. Text und Aktionen der Figuren sind nicht immer im Einklang; gewollt oder ungewollt!?

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Ambrogio Maestri als Sir John Falstaff © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Ambrogio Maestri als Sir John Falstaff © Monika Rittershaus

Zu Beginn und Minuten vor dem Einsatz der ersten Takte sitzt Falstaff alleine auf offener Bühne in seinem Sessel vor dem Restaurant, presst Zitronen aus über einem auf seinem Schoß liegenden Tablett und schlürft Auster um Auster. Die leeren Schalen fallen krachend in einen Sektkühler. Ein Genussmensch stellt sich vor.

Der noch komplette Gebäudekomplex fährt sich drehend nach vorne, aus dessen Seitentüre Bardolfo, Pistola und Dr. Cajus fallen. Die Wirtin schleicht als stumme Figur um sie herum. In turbulenten Szenen erlebt der Sonderling Falstaff von Anfang an Zusammenstöße mit der kleinbürgerlichen Gesellschaft Windsors. Die beiden Ganoven Bardolfo und Pistola haben ihn scheinbar ausgenommen. Er ist Pleite und braucht einen Plan. Erste Teile der Bühnenkonstruktion werden entfernt. Die Wirtin macht sich mit den Briefen an die beiden zum Stelldichein eingeladenen Damen auf. Diese agieren ebenso vor dem Restaurant und lesen sie gemeinsam. Sie freuen sich sogar zunächst über die erhaltenen Briefe, bis sie merken, dass sie identischen Inhalts sind. Aus einem geöffneten Fenster lugen Falstaff und später auch seine beiden Komparsen aus der Foyereingangsszene. Im ständig rotierenden Bühnenbild kommen die fünf Herren dazu und die zweifachen Rachepläne werden geschmiedet.

Im zweiten Akt wird die Kulisse mittig geöffnet und lässt Blicke ins Innere zu. In der Kneipe mit kitschweihnachtsbaumbehaftetem Tresen und Barhockern mieft es nach Kleinbürgertum. Auf einer Tafel steht mit Kreide geschrieben „Buy one beer for the price of two and get the second beer for free“. Über der Kneipe schaut man auf einen spartanisch eingerichteter Gastraum mit Doppelbett und 60er Jahre Mustertapete.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Bardolfo und Pistola sind zurück und verfolgen Falstaffs Kochkünste hinter der Theke, die sogar live im Fernsehen übertragen werden. Quickly erscheint im kurios anmutenden Boxertrainingsoutfit und gibt ihr handlungstreibendes „Reverenza“ zum Besten. Falstaff füttert sie mit Leckereien ab. Im dunklen Mantel mit Fellkragen und Sonnenbrille platzt Ford/Fontana in die Kochshow. Zum Schluss bleibt Ford nach Rache sinnend alleine liegend vor der Theke zurück.

Die vier Damen skandieren ein großes Banner mit der Parole „Fette Steuern für die Fetten“. Das Gebäude dreht sich, fährt nach vorne und offenbart die weiter entblößte Kneipenfront mit darüber liegendem Gastraum. Nun laufen die Intrigen der Damen Alice Ford und Meg Page sowie Ford/Fontanamit seinen beiden Helfern zusammen. Die Fäden sind gesponnen. Falstaff erscheint pfeifend mit selbstgekochten Leckereien auf dem Silbertablett. In der ersten Etage vergnügen sich Nannetta mit Fenton zunächst noch brav in Schuluniform gekleidet und später sich im Doppelbett unter einem Laken liebend. Das Stelldichein mit Alice entwickelt sich zum Spiel im Spiel, zum Theater auf dem Theater unter der Regie der beiden aufgebrachten Damen. Problematisch wird es jedoch, weil der Gatte Ford tatsächlich vor der Türe steht und die Damen improvisieren müssen. Im Finale dieses Bildes ersetzt eine gelbe Mülltonne den sonst üblichen Wäschekorb, aus dem Ford auf der Suche nach Falstaff zunächst Müll herausreißt und sogar später kopfüber darin von den Damen versenkt werden soll. Falstaff versteckt sich naiv unter einem für ihn viel zu kleinen Lampenschirm. Quickly verschnürt ihn zusätzlich noch mit dem entsprechendem Kabel. Fontana entdeckt unter der Decke des Bettes in der ersten Etage nicht seine Frau „in flagranti“, sondern Töchterlein mit Fenton. Die Szenerie wird zunehmend durch beobachtende hereinschleichende, kriechende und später in wilder Hektik Fontana auf der Suche nach Ergebnissen hinterherstürmende Herrenchormitglieder gefüllt, bevor Falstaff endgültig im aufgeklappten Kellerboden verschwindet. Ein Kübel mit dunkelbrauner Flüssigkeit landet auf seinem Kopf.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : das Ensemble © Monika Rittershaus

Im dritten Akt schließlich sitzt der Titelheld im noch übrig gebliebenen Gebäudegerippe fäkalienüberströmt, Wein aus dem Tetrapack trinkend auf der für alle sichtbaren Toilette und philosophiert über die Schlechtigkeit der Welt. Aus dem Off erscheinen alle Darsteller wie in Zeitlupe. Schnell wird es hecktisch und unübersichtlich. Ein negativer Schwangerschaftstest der mittlerweile auf der Toilette sitzenden Nannetta beruhigt das junge Paar. Unter der Offenbarung der bemalten Klowand mit dem Motto „Fuck my dick“ wird nun auch dieser Teil der Kulissen weggefahren. Fenton stochert mit Taschenlampe suchend im Keller des „Eberkopfes“. Schließlich schlurft Falstaff erneut hereingefallen auf die Verlockungen der Intriganten mit kleinem Weihnachtsbäumchen in der Hand über die fast leere Bühne.

Statt bei der Eiche zur Mitternacht wird das nun folgende Shakespearsche Sommernachtstraumambiente vor das restliche blanke Gerippe des „Boars Head“ verlegt. Nachdem das Sextett der vier Damen mit Ford und Falstaff beendet ist, erscheint bei völlig leerer Bühne im Hintergrund nebelverklärt der Chor und an der Rampe Falstaff, umringt von den Damen des Chores. Falstaff wird wie ein Rollmops oberkörperfrei am Boden malträtiert. Die Handlung mutiert zur finalen, streng musikalischen Fuge mit Handlungsstillstand, in der der Chor mit Gürteln peitschenknallähnlich den Rhythmus betont. Rollwagen werden auf die Bühne gezogen und Sektflaschen um den am Boden liegenden Falstaff aufgestellt. Alle sind betrogen außer Fenton und Nannetta, die bereits im Hochzeitskleid erscheint und für Ford fälschlicherweise dem unwürdigen Gatten Fenton in die Arme fällt. Ford würgt wutentbrannt an seiner Alice. Falstaff reißt seine Perücke vom Kopf und knallt sie auf ein silbernes Serviertablett. Es löst sich alles auf und es bleibt nur Leere. Ist Falstaff, der das langweilige Leben satt hatte, wirklich der sympathische Gewinner, der sich traute zu tun, wovon die anderen nur träumten?

In seiner letzten Oper kann der Komponist aus seinem reichhaltigen musikalischen und persönlichen Erfahrungsköcher eine Vielzahl an Impulsen einfließen lassen. Verdi hat mit dem Falstaff ein sprühendes Ensemblestück komponiert, in dem alles vom spontanen, kommunikativen Moment abhängt. Der musikalische Ideenreichtum ist enorm, Verdis Meisterschaft im künstlerischen Schaffen ist über jeden Zweifel erhaben! Das alte Genie macht was es will, Verdi inszeniert eine kontrollierte Abfolge von Explosionen mit „eingeplanten“ Lachern. In manchen Höhepunkten fliegt einem das Stück musikalisch geradezu um die Ohren. Alles dreht sich in Sekundenschnelle von einem Extrem ins andere, und trotzdem verlieren die Zuhörenden dabei nicht die Übersicht.

Der Beginn und das Ende der Oper steht in C-Dur, also in der direktesten Tonart in der Musik. Die ersten beiden Akte sind eine quirlige Darstellung des Ensemblestücks. Im ersten Bild des zweiten Aktes gibt es so etwas wie eine personale Konzentration auf die Titelfigur des Sir John Falstaff. Nehmen wir es vorweg: Ambrogio Maestri, der aus Italien stammende vielbeschäftigte Bariton an allen großen Opernhäusern des Globus, der bereits mehrfach in Hamburg in Rollen seines Fachs zu hören war, gilt wohl als der derzeit beste Falstaff überhaupt. Am Premierenabend stellt er das beeindruckend unter Beweis. Dieser stimmgewaltige Hüne als veritables Bariton-Übergewicht tummelt sich mal mehr oder weniger geschickt in seiner Karikatur des einsamen Ritters, sich oft selbst spielen dürfend. An zwei Stellen sogar ins etwas schräge Falsett einsetzend, lässt er die Zuhörerschaft seine prachtvolle Stimme, die geprägt ist von schier unvorstellbaren Kraftreserven, einer wirklich italienisch geführten „Verdi-Stimme“ mit „gespuckten“ Silben, feinstem Legato und einer überragenden farbenreichen Gestaltung, über drei Akte genießen.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble © Patrik Klein

Mit einer tiefen Verbeugung überreicht Miss Quickly ihm die Einladung zum Stelldichein. Dieses „Reverenza“ wird im Verlauf des Stücks zu einer unverwechselbaren, sofort wiedererkennbaren Geste, gesungen auf ein einziges Wort. Nicht mehr und nicht weniger! Nadezhda Karyazina, die aus Moskau stammende junge Mezzosopranistin, die seit mehreren Jahren festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg ist und bereits in einigen Hauptrollen glänzen konnte, singt Mrs Quickly mit dunkelst gefärbten Mezzotimbre, einer sofort wiedererkennbaren komfortablen Stimmführung besonders in den tiefen und mittleren Lagen.

Der Gesang der jungen Liebenden etwa, und auch die folgende Begegnung mit Ford, der sich als Signor Fontana ausgibt, hinterlässt tiefe Spuren beim Zuhörer. Ford/Fontana muss sich schreckliche Sachen über sich und seine Ehefrau und das anstehende Rendezvous zwischen ihr und Falstaff anhören. Er ist am Boden zerstört, sein Monolog durchbricht die heitere Konsistenz der Komödie. Markus Brück, Kammersänger und Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, der bereits mehrfach Rollen seines Baritonfachs an der Staatsoper Hamburg inne hatte, glänzt als Ford mit bestechend farbenreicher und sicher sitzender Stimme, die ein wenig an den langjährigen ehemaligen Hamburger Hausbariton Franz Grundheber erinnert. Seine Gattin Alice Ford wird gesungen und gespielt von Maija Kovalevska, der international erfahrenen Sopranistin aus Lettland. Sie gibt die Ehefrau des rasenden Ford mit großer Glaubwürdigkeit, strahlendem dramatischen Kern bei sicherster Höhe.

Im zweiten Bild des zweiten Aktes wird das Treffen bei Alice jäh unterbrochen noch ehe es begonnen hat. Der gut informierte Ford und seine Mannen stürmen den Ort des Geschehens. Dort werden Fenton und Nannetta aufgespürt. Das ärgert nun wiederum Ford, der andere Heiratspläne mit seiner Tochter hat. Das Finale ist ein großes schillerndes durchkomponiertes aber organisiertes Chaos. Hier entpuppen sich alle Stimmen zu gleichwertigen und gleichgewichtigen Hauptrollen. Elbenita Kajtazi, die aus dem Kosovo stammende Sängerin mit internationaler Erfahrung und mittlerweile Ensemblemitglied in Hamburg, singt Nannetta mit fein geführtem Sopran, herrlicher Phrasierung und variantenreichen Färbungen. Von den Damen erntet sie dann auch verdient den herzlichsten Applaus des Publikums.

Ihr zur Seite steht Oleksiy Palchykov, der ukrainische Tenor, der seit der vorletzten Saison fest im Ensemble der Staatsoper Hamburg verweilt und Erfolge als u.a. Lensky, Nemorino und Ottavio feierte. Er gibt den jungen Fenton mit warmem samtigen Timbre, hell strahlender und fein fokussierter Stimme.

Nach dem Finale des zweiten Aktes, welches einem Feuerwerk gleicht, fragt man sich, wie das eigentlich noch weitergehen kann und soll. Verdi zeigt im dritten Akt, dass er der drohenden dramaturgischen Kälte gewachsen ist. Er zeigt, dass nach dem Finale des zweiten Aktes noch ein anderes Ende ganz am Schluss möglich ist. Dieser letzte Akt übertrifft das Ganze nochmals in allen Belangen der musikalischen Kompositionskunst. Der große Monolog des gekränkten Falstaff ist ein Moment der Steigerung. Die erneute Einladung der Quickly klingt da wie Hohn. Alles wird gut, denn alles auf Erden ist Narretei, so lautet die schlussfugierte musikalische Botschaft.

Die weiteren Rollen sind mit Jürgen Sacher, Daniel Kluge (unlängst neues Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg), Tigran Martirossian und Ida Aldrian komfortabel besetzt.

Der Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich), der je einen Auftritt am Ende des zweiten und des dritten Aktes hat, wirkt besonders in der quirligen Schlussszene noch etwas szenisch unterprobt leicht unpräzise und uneinheitlich, was sich gewiss im Laufe der kommenden Aufführungen noch entwickeln wird.

Staatsoper Hamburg / Falstaff - hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble und Chor © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Falstaff – hier : Schlussapplaus mit dem Ensemble und Chor © Patrik Klein

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg hat unter der Leitung von Axel Kober, des erfahrenen Dirigenten und Generalmusikdirektors der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, einen überdurchschnittlichen Abend. Kober lässt die Musik Verdis differenziert, farbenreich und mit hoher Sängerfreundlichkeit erklingen. Gelegentlich wirkt es jedoch sicherheitsbetont zu tempoarm. Prägnant werden die feinen Nuancen in den leicht überbordenden, turbulent und laut geratenen Chor- und Ensembleszenen herausgearbeitet. Den musikalische Höhepunkt bildet die präzise geratene Schlussfuge der Oper.

Das Publikum an diesem Premierenabend ist sich ungewöhnlich einig und feiert das Solistenensemble, den Chor und das Orchester mit warmem, herzlichen Beifall. Die Abendspielleitung lässt das Regieteam, wohl ahnend, was auf es zukommt, recht spät auf die Bühne. Weitgehend einhellig erschallen heftige Missfallenskundgebungen aus allen Rängen und viele Zuschauer aus dem Parkett verlassen umgehend hanseatisch leise ihren noch dunklen Platz. Die wenigen Bravos scheinen im Keim zu ersticken.

Falstaff an der Staatsoper Hamburg, weitere Vorstellungen: 22.1., 25.1., 28.1., 4.2., 8.2., 25.3., 28.3.2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Lohengrin – Staatsoper Hamburg

Kultinszenierung – Seit 21 Jahren an der Staatsoper

von Christian Biskup

Lohengrin im Klassenzimmer? Was Traditionalisten vehement verneinen würden, läuft in Hamburg seit nun 21 Jahren und hat Kultstatus. Kein Wunder also, dass das Werk in der Inszenierung von Peter Konwitschny auch am zweiten Weihnachtstag für ein fast ausverkauftes Haus sorgt, wozu auch sicher Klaus Florian Vogts Engagement für die Titelrolle in der diesjährigen Wiederaufnahme maßgeblich beiträgt.

Die Handlung: Friedrich von Telramund bezichtigt Elsa von Brabant, ihren Bruder Gottfried um die Ecke gebracht zu haben. Im Gottesgericht soll vor König Heinrich ihre Schuld festgestellt werden. Ein Ritter erscheint, von einem Schwan gezogen, an Elsas Seite. Er – eigentlich ein Traumobjekt Elsas – kämpft für sie, gewinnt, und verschont doch Telramunds Leben. Elsa soll als Dank seine Frau werden, jedoch nie nach seiner Herkunft fragen. Doch Telramund und seine Frau Ortrud, die letzte eines heidnischen Fürstengeschlechts, intrigieren. Sie weckt in Elsa das Gift der Neugierde und des Misstrauens, sodass diese in der Brautnacht schließlich die entscheidende Frage stellt. Der Ritter versucht sich zu winden, doch als Telramund ihn in der Nacht überfällt, der dabei getötet wird, ist der Moment der Offenbarung gekommen. Als Lohengrin, Sohn des Gralskönigs Parsifal, gibt er sich zu erkennen. Das Wissen um seinen Namen zwingt ihn jedoch zur Rückkehr nach Montsalvat. Während er geht, kehrt Gottfried zurück. Er war Lohengrins Schwan, von Ortrud verzaubert. Elsa stirbt, doch der Weg für den neuen Herrscher ist frei.

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Richard Wagners Werk, entstanden im Vormärz der Revolution, ist nicht nur der Mythos. Es thematisiert Auflehnung, Auflehnung gegen Staaten, gegen Gebote, gegen Autoritäten. Dies findet man in Telramund und Ortrud, aber natürlich auch in Elsas Misstrauen in das mächtige Frageverbot. In der Auflehnung sieht Regisseur Peter Konwitschny etwas typisch Pubertäres, typisch jugendlichen Widerstandsgeist. Deshalb verlegt er die Handlung vom sagenhaften Brabant in ein Klassenzimmer zur Zeit des letzten Kaisers (Bühne und Kostüme: Helmut Brade) – was erstaunlich gut funktioniert. Hier haben Träume Platz und werden lebendig. Der Klassenbeste darf die Königskrone tragen, sein Kumpan wird dessen Heerrufer und Elsas Traum vom starken Ritter wird ebenfalls zur Wirklichkeit. In dieser jugendlichen Schuldimension werden die Träume greifbarer, alltäglich, etwas, was ein jeder im Publikum noch nachspüren kann. Welche Frau träumt denn nicht von einem großen, starken Mann (der auch noch gut singen kann…)?

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO _ Rainer Maass

Konwitschnys Inszenierung besticht durch eine enorm vielfältige und detailreiche Personenführung. Häufig neigt der Lohengrin-Chor ja eher zur Steh-Rum-Staffage – nicht jedoch bei Konwitschny. Tische werden beklettert, Schwämme und Papierflieger geworfen, es wird gerangelt, gekämpft, aber auch individuell mit den Protagonisten agiert, so wunderbar lebendig bei Elsas Brautzug. Der strahlend helle Auftritt Lohengrins – er wird samt mit den Armen wedelnden Schwan/Gottfried aus dem Bühnenboden hochgefahren – ist die Erfüllung von Elsas Traum. Das Klassenzimmer wird allgemein zum Ort des Träumens. Bahnt sich der Kampf an, ordnen die Teenies ihre überdimensionalen Tische zur Arena an. Ist die Hochzeit angesetzt, wird wieder neu formatiert und romantisch eingedeckt. Fantasiewelten sind schnell geschaffen. Wie poetisch es dabei im Klassenzimmer zugehen kann, zeigt der Brautgang, eingebettet in eine Unterrichtsstunde über den Aufbau eines Münsters. Jubelnde Klassenkameraden, frisches Grün und bunte Papierschnipsel statt Reis und Rosenblüten erfüllen den Saal – ein wirklich schönes Bild. Genauso ästhetisch gelingt der Sonnenaufgang im zweiten Akt, der sich durch die Fenster zeigt. Was zu Zeiten Meyerbeers eine Theaterrevolution war, überzeugt auch noch heute und beendet das scheinbar nächtliche Nachsitzen Ortruds und Telramunds. Die Brautnacht Elsas und Lohengrins wird in den Sexualkundeunterricht eingebettet. Doch in diesem endet der Traum. Nach Telramunds Tod schließt die Oper auf offener Fläche. Der Hintergrund ist schwarz, Lohengrin muss gehen, die Teenie-Klamotte ist vorbei.

Was sich nach oberflächlichen Theaterspaß anhört, geht doch auch in die Tiefe. Gerade durch die Nahbarkeit der Inszenierung entstehen anrührende, intime Momente. Die Gralserzählung wird zu einem Moment der Trostlosigkeit. Übermenschliches und Menschliches kann nicht zusammen kommen, zumal Lohengrin als Gralsritter keusch zu leben hat. Gottfried gibt – stark gerüstet – nun zurückverwandelt – zumindest Hoffnung für Brabant.

Musikalisch war der Abend sehr gut bis durchwachsen. Am meisten konnte Andrzej Dobber in der Rolle des Heerrufers überzeugen. Kraftvoll strotzend, durchdringend und in allen Lagen sicher sowie spielerisch hervorragend, ist er eine Luxusbesetzung für die Rolle. Auch Tanja Ariane Baumgartners Ortrud konnte sich hören lassen. Sehr textverständlich und stets zwischen Dämonie und heuchlerischer Freundlichkeit spielt und lebt sie die – im Schulkontext – Klassenzicke. Ihre Stimme hat Durchschlagskraft, ihre dunkle Tiefe wie auch die gewaltigen Spitzentöne beeindrucken. Da hatte es ihr Partner Wolfgang Koch als Telramund schon schwerer. Schauspielerisch absolut glaubhaft, konnte er stimmlich mit seinen männlichen Kollegen nicht mithalten. Teilweise überforcierend und mehr sprechend als singend versucht er zwar expressiv die Verzweiflung darzustellen, was jedoch zu Lasten der Musik und Noten geht.

Staatsoper Hamburg / Lohengrin - Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Staatsoper Hamburg / Lohengrin – Kultinszenierung der Staatsoper © Arno Declair

Christof Fischesser als König Heinrich hingegen gelingt der Spagat zwischen größtmöglichem Ausdruck und getreuer Musikgestaltung. Sein flexibler Bass hat nicht das größte Volumen, kann sich aber doch stets dem Orchester gegenüber behaupten. Besonders seine leisen Stellen wie „Gott laß mich weise sein“ gelingen wunderbar sanft und sind hervorragend geführt. Simone Schneider legt ihre Elsa eher lyrisch an. Ihr runder Sopran neigt nicht so sehr zu dramatischen Ausbrüchen, sondern kann mit Schönklang punkten. Spielerisch bleibt sie eher blass. Bleibt noch Klaus Florian Vogt. An seinem Gesang scheiden sich die Geister. Sein sehr kopfiger Tenor ist purer Schönklang, strahlend hell, ideal für die Rolle des Parsifal, die er auch in Bayreuth schon mehrfach gesungen hat. Sein Lohengrin ist ebenfalls sehr lyrisch gehalten. Dramatische Ausbrüche fehlen fast völlig, auch macht sich die fehlende Tiefe teils bemerkbar. Ein paar Phrasen gestaltet er glaubhaft expressiv, doch ist er mehr lichte Traumgestalt als ein krafttrotzender Held, was aber im Zusammenhang der Inszenierung nicht stört, sondern gut passt. Seine Gralserzählung wird zum Gänsehautmoment obgleich einige Phrasen unglücklich gestaltet wurden.

Das Orchester unter Kent Nagano ist der Schwachpunkt der Produktion. Nagano hält das Orchester stets neutral, kostet nicht den Klang aus, Pathos wird ausgelassen wo es geht. Dies ist gerade auf dem Höhepunkt des Vorspiels zum ersten Akt schade, welches dymanisch zudem sehr eigenwillig gestaltet ist. Während die Geigen zu Beginn wunderbar aus dem Nichts erklingen, entwickelt sich einfach zu wenig, auf dem Höhepunkt nimmt Nagano den Klang gar zurück. Auch das geniale Vorspiel zum dritten Akt vermisst jeglichen Überschwang. Die ganz leisen Stellen sind am stärksten, aber das ist bei Lohengrin einfach zu wenig. Das Zusammenspiel zwischen Bühne und Graben ist einwandfrei, die Chöre agieren mit großer Spielfreude und guter Textverständlichkeit.

Das Publikum spendet besonders Klaus Florian Vogt und Tanja Ariane Baumgartner viel Applaus, der in seiner Begeisterung Bayreuth-Ähnliche Ausmaße zeigte!

Besuchte Vorstellung – 26.12.2019 – 16.00 Uhr

Lohengrin an der Staatsoper Hamburg, letzte Vorstellung der Spielzeit 03.01.2020

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