Salzburg, Stiftung Mozarteum, Mozartwoche 21.1. – 31.1.2021 – Musico drammatico, IOCO Aktuell, 15.11.2020

November 15, 2020 by  
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Stiftung Mozarteum

Mozarteum Salzburg © Christian Schneider

Mozarteum Salzburg © Christian Schneider

Stiftung Mozarteum Salzburg  –  Mozartwoche 21. – 31.1. 2021

 Mozart-Festival feiert Mozarts 265. Geburtstag

Kunst, Kultur und Musik sind Lebenselixiere – gerade in diesen Zeiten. Trotz der Entwicklungen der letzten Wochen sind wir – Intendant Rolando Villazón und das gesamte Team – genau davon überzeugt und blicken mit Wachsamkeit, aber großem Optimismus auf die Mozartwoche 2021.

– Musico drammatico –
Magdalena Kozená,  Martha Argerich, Mitsuko Uchida …..

Wir werden mit Sicherheit eine besondere Mozartwoche erleben: Die Stiftung Mozarteum Salzburg verfügt über ein behördlich genehmigtes Präventionskonzept, das bereits bei vielen Veranstaltungen seine Wirksamkeit erfolgreich beweisen konnte. Aufgrund der aktuellen Sicherheitsanforderungen mussten im ursprünglich geplanten Festival-Programm einige Adaptionen vorgenommen werden. So konnten u. a. zahlreiche KünstlerInnen und Orchester dafür gewonnen werden, ihre Konzerte zweimal zu spielen. Die Mozartwoche kann und wird im Jänner als erstes Festival des Jahres in voller Länge und Umfang an elf Tagen mit 56 Veranstaltungen stattfinden.

Die Mozartwoche – Rolando Villazon stelt vor
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Musico drammatico lautet das Motto der kommenden Mozartwoche. Eine Fülle musikalischer und szenischer Projekte lassen Mozart als Musikdrammatiker lebendig werden, wie u. a. Mozart Moves! „Ewig Dein Dich Liebender…“ mit Magdalena Kožená im Zentrum. Hochkarätige KünstlerInnen und Orchester kommen nach Salzburg, die Wiener Philharmoniker unter Leitung von Alain Altinoglu, das Mahler Chamber Orchestra mit Mitsuko Uchida oder das legendäre Tastenduo Martha Argerich und Daniel Barenboim und viele mehr. Hinzu kommen noch die Uraufführung eines bislang unbekannten Mozart-Stücks (KV 626b/16) „94 Sekunden neuer Mozart“ sowie die Wiederaufführung eines historischen Konzerts vom damals erst 13-jährigen Franz Xaver Wolfgang Mozart von

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Wolfgang Amadeus Mozart in Salzburg, vor dem Festspielhaus © IOCO / Zimmermann

Stiftung Mozarteum Salzburg

Wolfgang Amadé Mozart fasziniert die Menschen in aller Welt seit mehr als 250 Jahren durch seine Werke und seine Persönlichkeit. Die Stiftung Mozarteum Salzburg ist die weltweit führende Institution zur Bewahrung und Verbreitung dieses unschätzbaren kulturellen Erbes und trägt die vielfältigen Facetten Mozarts in die Welt mit dem Auftrag, allen Menschen und Generationen den Zugang zu seiner Musik, seinem Leben und seiner Persönlichkeit zu eröffnen.

Die Stiftung Mozarteum setzt sich als Non-Profit-Organisation mit der Person und dem Werk Wolfgang Amadé Mozarts auseinander. Mit Initiativen in den drei Kernbereichen Konzertveranstaltung, Mozart-Museen und Wissenschaft schlägt sie die Brücke zwischen Bewahrung der Tradition und zeitgenössischer Kultur. Ihr Ziel ist es, wechselnde Perspektiven und neue Denkanstöße in der Auseinandersetzung mit dem Komponisten zu eröffnen. Seit 1956 veranstaltet die Stiftung Mozarteum rund um Mozarts Geburtstag im Jänner die Mozartwoche. Das Festival unter der Intendanz von Rolando Villazón lockt jedes Jahr tausende BesucherInnen aus aller Welt nach Salzburg. Mozarts Geburtshaus und das Mozart-Wohnhaus zählen zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Österreich.

Der Verein Stiftung Mozarteum Salzburg wurde 1880 von Bürgern der Stadt Salzburg als „Internationale Stiftung Mozarteum“ gegründet und hat seine Wurzeln im „Dom-Musik-Verein und Mozarteum“ von 1841. Mozarts Witwe Constanze sowie die Söhne Carl Thomas und Franz Xaver Wolfgang stifteten dem Verein den Großteil seiner persönlichen Erinnerungsstücke. Die Stiftung Mozarteum verfügt damit über die weltweit größte Sammlung an originalen Briefen, Porträts und Instrumenten der Mozart-Familie.

—| IOCO Aktuell Mozarteum Salzburg |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2020, COSI FAN TUTTE – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 11.08.2020

August 11, 2020 by  
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Salzburg Das grosse Festspielhaus / zu normalen Zeiten @ Marco Borelli

Salzburg Das grosse Festspielhaus / zu normalen Zeiten @ Marco Borelli

Salzburger Festspiele

Cosi fan tutte – Wolfgang Amadeus Mozart

100 Jahre Salzburger Festspiele – Mozart als Erfolgsgarantie

von Adelina Yefimenko

Adelina Yefimenko in Salzburg @ AYefimenko

Adelina Yefimenko in Salzburg @ AYefimenko

Im Jahr 2020 feiern die Salzburger Festspiele ihr 100-jähriges Jubiläum. Dieses Jahr wird als Pandemie-, Krisen- und tragisches Jahr in die Geschichte der Menschheit eingehen. Man sollte sich keine Gedanken darüber machen, warum Covid19 zu einer so ungünstigen Zeit einer wichtigen Würdigung in der Geschichte und Gegenwart der Salzburger Festspiele kam.

Die ganze Welt zieht den Hut und bewundert den Mut Salzburgs. Österreich ist das einzige Land, das Tag für Tag beweist, dass herausragende Festivals und musikalische Traditionen, die mit dem Genie von Wolfgang Amadeus Mozart und den drei herausragenden Gründern der Salzburger Festspiele, Richard Strauss, Hugo von Hofmannsthal, Max Reinhardt, verbunden sind, mehr gelten als Angst vor Krankheit und Tod. Das von großen Namen gekrönte Festival geht dieses Risiko ein. Die Salzburger Festspiele haben nicht aufgegeben. Das Festival findet statt. Ein Zwangsurlaub wegen Covid19 kommt nicht in Frage. Die Weltbühne Salzburg lebt, während die meisten Theater der Welt sich in einem Zustand der Lethargie befinden. Der Gefahr in Salzburg ins Auge zu sehen, ist nicht nur Mut, sondern auch eine große Verantwortung für das Leben der Kunst, der Künstler und des Publikums. Es versteht sich von selbst, dass alle Räumlichkeiten in Salzburg mit Desinfektionsmitteln ausgestattet sind.

Cosi fan tutte – eine ergreifende Einführung
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Das Festivalpersonal begrüßt die Gäste freundlich in transparenten Masken und hält vorbildlich die richtige Distanz. Und das Publikum in exklusiven Masken mit dem Logo der Salzburger Festspiele (für 10 Euro kann man im Foyer eine Maske im Ticket-Shop kaufen) dürfen Selfies mit den Stars machen, während sie auf die Vorstellungen der Festspiele warten. Alle Eintrittskarten für die Aufführungen sind jetzt personalisiert. Am Eingang zu den Sälen des Festspielhauses werden die Personalausweise geprüft. Die Forderung eine Maske in den Lobby-Räumen zu tragen, ist eindeutig, aber während der Aufführung – ad libitum. Die Zuschauer haben die Wahl, selbst zu entscheiden, wie sie sich im dicht gefüllten Saal verhalten. Trotz der versetzt angeordneten Lücken zwischen den Sitzen als Schach-Brett-Muster angeordnet, ist die Nähe der Zuschauer zu benachbarten Reihen immer noch bedenklich (da nur ca. 50 cm). Die Stille während der Aufführung ist spürbar. Anscheinend hat jeder einen Instinkt, der fünf Monate lang unter Quarantäne entwickelt wurde – in der Öffentlichkeit nicht zu husten, um den Nachbarn nicht in Panik zu versetzen. Man denkt freilich in etwa so: nicht zufällig spielen herausragende Schauspieler (auch 2020 Tobias Moretti) jedes Jahr die Jedermann -Dialoge (link hier) mit dem Tod auf dem prächtigen Domplatz der Heiligen Rupert und Virgil im Herzen der Stadt Salzburg. Und: In diesem Dom wurde auch W. A. Mozart getauft.

Die Präsidentin der Salzburger Festspiele, Helga Rabl-Stadler, und Intendant Markus Hinterhäuser haben alles Mögliche und auch Unmögliche getan, um 100 Jahre Salzburger Festspiele – die österreichische und weltweit wichtigste musik-theatralische, luxuriöse, schöpferfreie Weltbühne zu feiern. Im Ticket-Shop macht die Jubiläumsausgabe des Festivals, Weltbühne – 100 Jahre Salzburger Festspiele,  in den Bücherregalen auf sich aufmerksam. Diese solide Monographie hebt Seite für Seite den Vorhang vor der grandiosen Geschichte dieses unglaublichen Genius-Loci-Phänomens auf, analysiert seine Vergangenheit sowie Gegenwart und bringt die Persönlichkeiten der Salzburger Festspiele aus den Kulissen ans Licht. Diese Weltbühne brachte immer Hoffnung für die Zukunft, insbesondere in Zeiten globaler Kataklysmen.

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Monika Rittershaus

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Monika Rittershaus

In dieser Pandemie-Zeit sind Musiker, Schauspieler und Leiter verschiedener Projekt-Gruppen bereit, den Seelen des Publikums ihren kreativen Impuls, ihre Professionalität und ihre Inspiration einzuhauchen. Es geht nicht um das Ego, nicht um den Wunsch, sich zu etablieren oder berühmt zu werden. In diesem Sommer werden die Teilnehmer der Salzburger Festspiele 2020 der ganzen Welt beweisen, dass der 100. Jahrestag der Salzburger Festspiele das Gesicht des Lebens und die Ewigkeit der Kunst für alle Zeiten einfangen wird, nicht das Gesicht des Todes und der Verwüstung durch den Lockdown.

Die Salzburger Festspiele 2020 wurden mit zwei Opernpremieren eröffnet – Elektra von R. Strauss und Cosi fan tutte von W. A. Mozart. Diese sind die einzigen Opernaufführungen, die dem neuen Kurzprogramm erhalten geblieben sind. Von den früher für 2020 geplanten Aufführungen wurden die Zauberflöte von W. A. Mozart, Tosca von G. Puccini, Boris Godunov von M. Mussorgsky, Don Giovanni in der Version von Romeo Castellucci gestrichen. Auch Raritäten wie Intolleranza von L. Nono und Neither von M. Feldman finden nicht statt.

Mozart Skulptur - auch in St. Petersburg @ IOCO HGallee

Mozart Skulptur – auch in St. Petersburg @ IOCO HGallee

Die verbleibenden Aufführungen des Programms reichten jedoch aus, damit die Salzburger Festspiele ihr 100-jähriges Jubiläum mit Würde und Freude feiern. Beide Premieren endeten mit überwältigendem Erfolg. Die Freude des Publikums, das nach Live-Streaming einen echten Hunger auf Bühnenaktionen bekommen hat, ist verständlich. Es ist nicht leicht, sich fünf Monate lang nur mit Videosendungen zufrieden zu geben. Aber der Hauptgrund des großen Erfolgs ist vor allem der exzellenten Qualität der Vorstellungen zu verdanken, dem brillanten Casting, den hervorragenden Interpretationen der Dirigentin Joana Mallwitz und dem Dirigenten. Franz Welser-Möst, die die ständigen Begleiter der Salzburger Festspiele – die Wiener Philharmoniker – leiteten.

Die Salzburger Festspiele 2020 haben an Videosendungen nicht gespart. Auf ORF, Arte Concert, 3Sat werden fast täglich alle Festivalveranstaltungen und Konzerte ausgestrahlt, begleitet von interessanten Programmen: von dokumentarischen Rückblicken zum Thema „Salzburg: Geschichte und Gegenwart“ bis zu Talk-Shows.

Als Augen- und Hörzeugin der Opernpremiere Cosi fan tutte am zweiten Tag der Salzburger Festspiele (08.02.2020), sogar wenn es um eine gekürzte Fassung der Dirigentin Joana Mallwitz und des Regisseurs Christoph Loy geht, kann ich behaupten, dass die Sendung nicht einmal einen Bruchteil meiner Eindrücke einer echten Vorstellung erfüllen konnte. Eine Livesendung kann die einzigartige Synergie aus echtem Orchester-Klang und echten Solisten-Stimmen leider nicht wirklich wiedergeben. In der Fernseh-Sendung geht auch die ganzheitliche Wahrnehmung der Bühneninteraktion verloren. Ersatzklänge plus Ersatzperformance erzeugen das Ersatzphänomen des Musiktheaters. Man spürt den nicht behebbaren Verlust dann besonders stark, wenn man die Übertragung gleich am nächsten Tag nach der Aufführung anschaut, während einem das Live-Ereignis immer noch nachklingt.

Salzburger Festspiele 2020 – Cosi fan tutte
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Aufgrund der Fülle an Nahaufnahmen ist es in der Sendung nicht möglich, die gesamte Bühnenaktion abzudecken und das erfindungsreiche Schauspiel zwischen den Sängern genau zu beobachten. Deren Bewegungen und Gesten verlieren manchmal ihre Bedeutung ohne eine ganzheitliche Abdeckung des Bühnenraums. Und die unvollkommenen Grenzen digitaler Geräte werden wahrscheinlich nie die notwendige Balance zwischen Gesang und Orchester einfangen und wiedergeben können. Feinste Dynamik- und Tempo-Nuancen, aufregende Appelle von Solisten, synchronisierte Atmung von Orchestern und Sängern – all dies ging in der Sendung, wenn nicht ganz verloren, so wurde es höchstens gedämpft wahrgenommen, wenn nicht sogar völlig farblos, reduziert und flach. Und wenn die Vokalensembles ihre Schönheit und Harmonie behaupteten, haben doch manchmal die Soli, verstärkt und hervorgehoben durch Mikrofone, teilweise eine gewisse Rauheit in der Intonation gezeigt. Dies machte sich besonders in der für die Sopranistin schwierigsten Partie der Fiordiligi bemerkbar, während in der Live-Wahrnehmung war so etwas nicht zu hören.

Im Gegenteil, die bewundernswerte Solidarität der Sänger, die klare Balance mit dem Orchester ermöglichten es nicht nur, die schönen Klangfarben der jungen Stimmen zu genießen (Elsa Dreisig – Fiordiligi, Marianne Krebassa – Dorabella, Ferrando – Bogdan Volkov, Guglielmo – Andre Schuen, Despina – Lea Desandre, Johann Martin Kränzle – Don Alfonso), sondern auch aufrichtige Bewunderung zu erzeugen. Alles erklang hier: fliegende Virtuosität, die kontemplative Schönheit der lyrischen Momente (Bogdan Volkov führte perfekt Ferrandos Arie Un’aura amorosa), klare Artikulation in den Rezitativen und die Fantasie der szenischen Improvisation. Das Orchester führte und spielte mit, voller Tempowechsel, überraschenden Pausen und vor allem, faszinierender Lebensenergie, der kluge Wechsel zwischen Vorder- und Hintergrund des Klangkörpers in der Interaktion mit jedem der sechs Protagonisten – auch das war ein Plus der minimalistischen Regie von Christophe Loy.

Die Polyphonie der Timbre-Linien in den Ensembles und der Chor hinter den Kulissen klangen ebenfalls wunderschön. Sogar die Kürzungen in der Partitur, die durch die Länge der Aufführung sogar ein Spiel ohne Pause erzwangen, empfand man als natürlich. Der einzige erfahrene Bühnenmeister im jungen Solistenensemble war Johannes Martin Kränzle – ein wunderbarer Sänger und Schauspieler, ein Star nicht nur für Salzburg, sondern auch für Bayreuth. Leider gelang es mir nicht, die Essenz seines Protagonisten in dieser Produktion zu enträtseln, um die Frage zu beantworten, warum er immer mit Tränen in den Augen einen Witz über junge Liebende machte und sie zur Untreue aufrief. Ob diese Antworten dem Interview mit dem Regisseur oder dem Programmheft zu entnehmen sein werden? A. Kränzles Stimme- und Bühnen-Präsenz waren so einzigartig, dass sein Don Alfonso als neue Referenz bei der Interpretation dieser Rolle gelten sollte.

Auf dem Plakat der Vorstellung Cosi fan Tutte verschlüsselt Christophe Loy im Porträt von Berenice AbbottMan Ray – amerikanischer Fotograf, Filmemacher, surrealistischer, dadaistischer Künstler) eine interessante Idee. Abbott ist ebenfalls Amerikanerin und Fotografin, aber die erste Frau, die in diesem männlichen Beruf (nach alter Tradition) Ruhm und Anerkennung erlangte. Anscheinend deutete der Regisseur mit diesem Porträt nicht Mozarts Protagonistinnen an, die ihre verkleideten Geliebten nicht erkennen, sondern auf seine Produktionskollegin Joana Mallwitz – eine junge, energische, höchst talentierte, souveräne und außergewöhnliche Dirigentin, die dieses Jahr erneut für den Preis „Dirigentin des Jahres“ nominiert wurde und ihn ohne Zweifel wieder verdient. Ihre erste Würdigung als „Dirigentin des Jahres 2019“ hat sie mit 33 Jahren erhalten. Darüber hinaus ist Mallwitz die erste Frau, die nach Salzburg eingeladen wurde, um die Hauptproduktion der Salzburger Festspiele Cosi fan tutte zu leiten. Nach dem Vor-Pandemie-Plan A sollte Mallwitz ursprünglich die Wiederaufnahme von Zauberflöte leiten (Produktion des Jahres 2018 von Lydia Steier). Mit Ausbruch der Pandemie wurde ein Plan B aufgesetzt. Mallwitz wurde die verantwortungsvolle Aufgabe zuteil, die Original Mozart-Partitur zu bearbeiten. Diese kann man als Corona-Redaktion bezeichnen, die sie brillant umgesetzt hat. Natürlich erzwang die Pandemie eine Reduzierung des Mozartschen Originals.

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Marianne Crebassa als :Dorabella, Lea Desandre als Despina, Johannes Martin Kränzle: als Don Alfonso, André Schuen als Guglielmo, Bogdan Voklov als Ferrando, Elsa Dreisig als Fiordiligi @ Marco Borelli

Salzburger Festspiele 2020 / Cosi fan tutte, hier Schlussapplaus vl Lea Desandre als Despina, Andrè Schuen als Guglielmo, Elsa Dreisig als Fiordiligi, Bogdan Volkov als Ferrando, Marianne Crebassa als Dorabella, Hans Martin Kraenzle als Don Alfonso  @ Marco Borelli

Die Aufführung dauerte nur 2:15 Stunden, ohne Pause. Chöre und Rezitative wurden teilweise beschnitten, jeweils eine Arie von Despina, Guglielmo und Ferrando. Natürlich waren und sind Musikwissenschaftler Gegner solcher chirurgischen Eingriffe im „lebenden Körper“ der Originalpartitur. Zur Verteidigung einer solchen außergewöhnlichen Maßnahme kann man jedoch ein starkes Argument anführen. Der Name des zweiten Opern-Titanen der Salzburger Festspiele 2020 – Richard Strauss, dessen Elektra die Salzburger Festspiele 2020 eröffnete, wird hier als Fürsprecher erwähnt. Bekanntlich erregte die Partitur von „domeneo Ende der 1920er Jahre die Aufmerksamkeit des Komponisten. 1931 schuf Strauss in Wien, genau 150 Jahre nach der Uraufführung der Originalpartitur, seine eigene Version von Mozarts Meisterwerk: Er änderte das Libretto, die Reihenfolge der Auftritte und die Orchestrierung. So erschien eine neue Partitur Idomeneo– eine der ungewöhnlichsten Beispiele der Operngeschichte. Auf die Kritik seiner Mozart-Redaktion antwortete Strauss etwa so: „Ich kenne Mozart zehnmal besser als sie (die Kritiker), und ich liebe ihn hundertmal mehr.“ Der Komponist benannte Mozarts Elektra willkürlich in Ismene, da er den Namen der Protagonistin seiner eigenen Oper nicht wiederholen wollte. Der Auftrag zur Redaktion Idomeneo stammte nicht von den Salzburger Festspielen, sondern von der Wiener Staatsoper. Während der Premiere wurde Strauss nicht nur als Maestro, sondern auch als Mozart Co-Autor gewürdigt. Auch wenn diese Geschichte nicht die aktuellen Salzburger Festspiele betrifft, ist sie immer noch beachtenswert und lehrreich.

Salzburger Festspiele 2020 / hier Joana Mallwitz @ Lutz Edelhoff

Salzburger Festspiele 2020 / hier Joana Mallwitz @ Lutz Edelhoff

Und die Geschichte der neuen Salzburger Produktion Cosi fan tutte von W. A. Mozart ist wie folgt. Die neue Interpretation Joana Mallwitz wurde von Kritikern nicht nur einfach gelobt, sondern in ekstatischen Dithyramben gehuldigt. Ihr Dirigat wurde zum Höhepunkt des modernen Verständnisses von Mozarts Stil. Sie selber wurde als „Herz der Aufführung“ und „Sternstunde in Sachen Mozart-Interpretation“ (von Friedemann Leipold an BR-Klassik) wahrgenommen, die mit „geschmeidiger Eleganz und nie nachlassender Energie dem Puls der Musik“  folgte und weit gespannte Bögen im Voraus durchdachte.

Sie ist wirklich phänomenal in ihrer Selbstverständlichkeit, mit der sie Mozarts musikalischen Kosmos interpretiert. Die Wiener Philharmoniker haben zusammen mit Joanna Mallwitz ein einzigartiges Ereignis der Salzburger Festspiele geschaffen. Tatsache ist, dass das 100-jährige Jubiläum eine der besten Interpretationen von Mozart in den letzten Jahren schuf. Dies ist ein sehr gutes Zeichen, das die Hoffnung und das Vertrauen in den erfolgreichen Abschluss und der weiteren Entwicklung des herausragenden Festivals fördert.

Wie der legendäre italienische Regisseur Giorgio Strehler, der auch Cosi fan tutte inszenierte, einmal sagte: „Ich weiß sehr gut, dass das Leben aus Menschen gemacht ist…“

—| IOCO Kritik Salzburger Festspiele |—

Salzburg, Salzburger Festspiele 2020, JEDERMANN – Terassentalk mit den Darstellern, IOCO Aktuell, 06.08.2020

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Salzburger Festspiele

Salzburg / Domplatz - Jedermann © Tourismus Salzburg

Salzburg / Domplatz – Jedermann © Tourismus Salzburg

Jedermann – Inbegriff der Salzburger Festspiele

Ein Terassentalk der  Beteiligten vor der Festspieleröffnung

Die Salzburger Festspiele finden auch 2020 statt: Vom 5. August – 20. August. Kurz vor der ersten Aufführung des Jedermann, Regie Michael Sturminger, Choreographie Joe Monaghan, trafen sich die Darsteller/nnen zu einem Terassentalk. Bühne und Tribüne sind fertig aufgebaut, die erste Probe auf dem Domplatz war angesetzt. Die Vorbereitungen für Hugo von Hofmannsthals Jedermann sind sehr gut gestartet und scheinbar wie in den Sommern zuvor. Und dennoch ist alles anders in diesem speziellen Jahr 2020:

Jedermann 2020 – Tobias Moretti ist Jedermann

Salzburger Festspiele 2020 – Jedermann – hier die Generalprobe 2020
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Wir haben uns am ersten Tag ein bisschen wie eine Schulklasse gefühlt, weil uns gesagt wurde, was wir alles nicht dürfen“, sagt JedermannDarsteller seit 2017, Tobias Moretti. Es sei plötzlich eine seltsame Distanz da gewesen mit Kolleginnen und Kollegen, mit denen man eigentlich beim Proben intimsten Kontakt hätte. Aber gerade die komplexen Maßnahmen des Corona-Präventionskonzeptes würden ihm nun die Sicherheit geben, dass er auf der Bühne nicht mehr über dieses Thema nachdenken müsse. Dass der Jedermann in diesem Jahr stattfinden könne, sei eine Erbauung für die Kultur und er habe sich nie ausmalen können, dass das Grundthema des Jedermann gerade im 100. Jahr der Festspiele so nahe rücken würde. „Vielleicht bekommt man gerade nach dieser Apathie eine Ahnung, wie sich die Menschen vor hundert Jahren gefühlt haben müssen. Der Krieg war gerade vorbei und die spanische Grippe gegenwärtig. Für die Menschen von damals war das Sterben etwas anderes als die individuelle Abholung des Todes von Jedermann“, sagt Tobias Moretti.

Auch Caroline Peters, die in diesem Jahr zum ersten Mal die Buhlschaft spielt, pflichtet bei, dass die Sätze im Stück in diesem Jahr einen ganz anderen Nachhall bekommen haben. „Dass die Buhlschaft den Tod so vehement ablehnt, wirkt nun umso realer, denn nichts anderes haben wir in den vergangenen Wochen getan: Uns mit der Frage beschäftigt, wie wir mit dem Tod umgehen“, sagt sie. Sie selbst habe noch nie im Leben eine solch lange Pause von ihrem Beruf gemacht und sei nun vor den ersten Proben ziemlich aufgeregt gewesen.

Salzburger Festspiele / JEDERMANN - hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft @ SF Mathias Horn

Salzburger Festspiele / JEDERMANN – hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft @ SF Mathias Horn

„Allein diesen Geruch der Probebühne wieder zu haben, hat sich angefühlt, wie wenn man nach langer Zeit unter Wasser endlich wieder auftauchen und Luftholen konnte“, sagt Pauline Knof, die zum ersten Mal die Rolle Des Schuldknechts Weib übernimmt. Nachdem sie 16 Jahre lang in Wien gelebt und gearbeitet hatte, ist sie genau während der Corona-Zeit umgezogen nach Berlin. „Das war ein wirklich schwieriger Abschied. Ich hatte keine letzte Vorstellung im Theater an der Josefstadt und stand dann allein mit meinen zwei Koffern am Hauptbahnhof und musste mich verabschieden“, sagt sie.

Kaum angekommen in Berlin, kam der Anruf von Schauspielchefin Bettina Hering, ob sie beim Jedermann mitmachen wolle. „Das Land lässt mich nicht los“, sagt sie lächelnd. „Aus Berliner Sicht ist es faszinierend, was in Österreich an Kultur möglich ist, was in Berlin im Moment noch schwierig ist.“  Der Umstieg einiger Kollegen auf den digitalen Vortrag sei zwar schön gewesen, aber sie vermisste schon sehr das Live Erlebnis Kultur. Caroline Peters pflichtet ihr bei. „Es war erschreckend zu sehen, wie wenig die Kultur auf einmal wert zu sein schien.“ Aber gestern Abend bei der Probe, beim gemeinsamen Spielen von all diesen Schauspielpersönlichkeiten mit den Tänzerinnen und Tänzern, Musikerinnen und Musikern, habe sie plötzlich wieder diese Magie gespürt, die eben nur entstehen und existieren kann, wenn man live zusammenkommt.  .

Das Geheimnis des ewigen Jedermanns, das liege, laut Regisseur Michael Sturminger, in der sich immer weiterentwickelnden Inszenierung.

Auch in diesem Jahr 2020 gebe es allein durch die Neubesetzungen einen Zauber. An manchen Stellen werde sich seine Inszenierung deutlich verändern, an anderen Stellen nur im Detail, sagt er. Und nein! – Das Corona-Thema habe er nicht eingebaut. Es sei doch schön, auch mal knappe zwei Stunden nicht daran zu denken. Im Gegenteil, er habe eher die heitere und komödiantische Kraft des Stückes herausgestrichen. Es sei wichtig für die Seele, auch manchmal glücklich zu sein und er wolle dem Publikum die Möglichkeit bieten, auch mal zwei Stunden die schwierige Zeit zu vergessen.

Gustav Peter Wöhler ist ebenfalls neu im Ensemble und wird in diesem Jahr den Dicken Vetter spielen.  Die Jedermann-Bühne aber ist ihm nicht so fremd, denn er hat 1999 bereits den Gesellen von Jedermann Ulrich Tukur (1999–2001) gespielt. „Es ist mir nicht nur eine große Freude nach Salzburg zurückzukehren, ich sehe es auch als Wiedergutmachung!“, sagt er. Denn 1999 habe es viel geregnet… Nun sei er aber in ein fantastisches Team gekommen und die neue Rolle mache ihm riesigen Spaß.

Salzburger Festspiele / JEDERMANN - hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft und Ensemble @ SF Mathias Horn

Salzburger Festspiele / JEDERMANN – hier : Tobias Moretti als Jedermann und Caroline Peters als Buhlschaft und Ensemble @ SF Mathias Horn

Dass nun am 1. August bei der Premiere erstmals nach dem Corona-Lockdown eine größere Gemeinschaft zusammenkommen könne, um an einem künstlerischen Erlebnis teilzuhaben, sieht Michael Sturminger als Zeichen für die Kultur. „Ich ziehe dankbar den Hut vor dem Direktorium, dass sie den Mut hatten, für uns zu kämpfen“, sagt er. „Ich sehe es nicht nur als unsere gesellschaftliche Pflicht, die Schulen und Krankenhäuser wieder zu öffnen, sondern auch die Kunstausübung wieder zu ermöglichen.“ Es sei Bürde und Lust und eine Herausforderung in diesem Jahr zu spielen, sagt Tobias Moretti. Er möchte dieses Jahr auch besonders bewusst wahrnehmen, weil es sein letztes Jahr als Jedermann-Darsteller sein wird, verrät er. Über den Abschied möchte er allerdings noch nicht sprechen, denn im Moment stehe die Euphorie vor der Premiere im Vordergrund.

Und eine letzte Frage noch: Das Kostüm der Buhlschaft… – „Das“, so unterbricht Caroline Peters sofort mit einem breiten Grinsen, „ist bis zur Premiere ein großes Geheimnis.“

—| IOCO Aktuell Salzburger Festspiele |—

Salzburg, Festspielhaus, Ungebaute Feentempel in Salzburg – eine Story, IOCO Aktuell, 06.08.2020

August 5, 2020 by  
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Das Salzburger Festspielhaus bei Nacht - ein Künstlerplakat @ SF / Luigi Caputo

Das Salzburger Festspielhaus bei Nacht – ein Künstlerplakat @ SF / Luigi Caputo

 „Der Traum von einem Feentempel“  

Ideen und Pläne –  Nie gebaute Salzburger Festspielhäuser

Ein zerknittertes Blatt Papier am Wegesrand, ein riesiger weißer Tisch mitten im Buchenwald, gestempelte Pflöcke im Nashorngehege des Hellbrunner Zoos in Salzburg und ein golden lackierter Portalrahmen im Mirabellgarten – all diese Kunstwerke im Grünen erinnern ab heute an verworfene Ideen und Pläne zur Erbauung eines Festspielhauses in Salzburg. Von Anfang an war die Idee von Festspielen eng verbunden mit der Idee, ein Festspielhaus zu errichten. In den vergangenen 130 Jahren sind zahlreiche Bauplätze und Planungen angedacht worden. Vier dieser historischen Bauplätze wurden nun durch künstlerische Interventionen im Zuge des 100-Jahr-Jubiläums der Salzburger Festspiele wiederbelebt.

Feentempel Moenchsberg / hier : zerknitterte Vorlagen dazu vl Mayr, Stocker, Lasinger, Rabl-Stadler vorne @ SF / Anne Zeuner

Feentempel Moenchsberg / hier : zerknitterte Vorlagen dazu vl Mayr, Stocker, Lasinger, Rabl-Stadler vorne @ SF / Anne Zeuner

Schlosspark Hellbrunn, Mönchsberg, Kapuzinerberg, Mirabellgarten

Den ältesten dieser Entwürfe haben das seinerzeit führende, auf Theaterbauten spezialisierte Architekturbüro  Fellner und Helmer (sie erbauten 48 Theater, ua in Wien, Rijeka, Wiesbaden, Bratislava, Prag, Salzburg, Gießen) im Jahr 1890 erdacht. Am Mönchsberg hätte ein Mozart-Festspielhaus als Gegenentwurf zum Wagner-Weihetempel Bayreuth fern vom Lärm der Stadt entstehen sollen. Künstlerin Esther Stocker hat an eben dieser Stelle eine dreiteilige Knitterskulptur erschaffen. Wie achtlos zerknülltes Papier liegen die Skulpturen aus Aluminium in der Wiese; auf ihnen zu sehen sind der überdimensionierte Grundriss des Festspielhausentwurfes, eine weitere Seite aus der Broschüre des ActionsComites.

Das Mozart-Festspielhaus in Salzburg von 1890 und dessen Deckblatt. „Ich habe mit dieser Utopie und mit dieser visionären Idee künstlerisch gespielt. Mich hat vor allem die Frage beschäftigt, was von dieser Idee heute übrig geblieben ist und was weitergewandert ist“, sagt Esther Stocker. Die Hingabe, mit der die Schrift verfasst wurde, habe sie besonders fasziniert, das internationale Denken der Architekten und deren Wunsch, schon so früh eine Einladung an die Welt auszusprechen. Die Blätter, so nennt sie die Skulpturen, bestehen aus Aluminium, die oberste Schicht aus einer bedruckten Außenplane. Die Knitterung verkörpere, dass mit den Ideen gearbeitet wurde, sie aber am Ende wieder verworfen wurden. Überresten gleich liegen sie nun wie zufällig hingeworfen auf der Wiese und sollen die Menschen, die daran vorbeilaufen, zum Nachdenken anregen.

Der Theatermagier und Festspielmitbegründer Max Reinhardt schwärmte bereits in seiner Denkschrift zur Errichtung eines Festspielhauses in Hellbrunn 1917 von einem durch die Trambahn gut erschlossenen Ort „abseits vom städtischen Alltagsgetriebe“. In der südlichsten Kurve des Hellbrunner Parks gehen heutzutage Menschen spazieren oder betätigen sich sportlich. Wären die damaligen Pläne des Berliner Architekten Hans Poelzig umgesetzt worden, stünde man an dieser Stelle mitten im Orchestergraben des Festspielhauses. Die Architekten Maria Flöckner und Hermann Schnöll haben zusammen mit Projektleiter Norbert Mayr eine sehr konkrete Intervention geschaffen, die dem heutigen Besucher auf direktem Weg die Ausmaße des Bauvorhabens vor Augen führt. Über 1000 Pflöcke haben sie per Hand gestempelt (Foto unten) und damit die Umrisse des 160 Meter langen und 110 Meter breiten Gebäudes markiert. Darauf zu lesen sind Zitate aus der Rede Poelzigs, die er vor der Festspielhaus-Gemeinde in Salzburg gehalten hat. Die Pflöcke dürfen im Übrigen als Erinnerungsstücke mitgenommen werden. Das Konzept der Architekten sieht die schrittweise Auflösung des Projektes im Laufe des Jahres vor, sodass nur die Achse in Erinnerung bleibt.

Feentempel in Hellbrunn / hier : die Markierungen im Park @ SF / Anne Zeuner

Feentempel in Hellbrunn / hier : die Markierungen im Park @ SF / Anne Zeuner

Sogenannte „Platzanweiser“ (Foto) geben auf der Längsachse an, wo im Haus man sich befunden hätte. Der Eiserne Vorhang wird durch einen 24 Meter langen Bretterstapel verortet, der die Besucher wie eine Bank zum Verweilen einlädt. „Wir wollten die Ausmaße und Dimensionen dieses Gebäudes zeigen und darstellen, welche Auswirkungen der Bau letztendlich auf das Parkgelände hier gehabt hätte“, sagt Hermann Schnöll.Das Projekt arbeitet mit Elementen der Baustelleneinrichtung, beispielsweise Vermessungspflöcken für das erste Einmessen des Gebäudeumrisses“, ergänzt Maria Flöckner. Es habe damals noch eine Grundsteinlegung gegeben, Gelder wurden gesammelt, aber die Inflation habe letztlich dazu geführt, dass das Projekt nicht umgesetzt werden konnte. Die gelben Platzanweiser führen nicht nur durch den südlichsten Teil des Hellbrunner Parks, sie ragen hinein bis ins heutige Nashorngehege des Hellbrunner Zoos. Wo heute Nashörner, Gazellen und Zebras leben, hätten sich der Eingang und das Foyer des Festspielhauses befunden,.

 Feentempel auf dem Kapuzinerberg / hier : die Markierungen im Park @ SF / Lukas Pilz

Feentempel auf dem Kapuzinerberg / hier : die Markierungen im Park @ SF / Lukas Pilz

Ausgangspunkt der Intervention von Werner Feiersinger ist das Gipsmodell für das – in ein größenwahnsinniges Gauforum integriertes – Festspielhaus von Architekt Otto Reitter aus der Sammlung des Salzburg Museum, das den vorletzten Projektstand 1942 zeigt. Adolf Hitler hatte 1942 bei der projektierten Gauanlage auf dem Salzburger Kapuzinerberg entschieden, dass eine neue Lage für das Festspielhaus zu erarbeiten sei. So sollte dieses seinen Platz gegenüber dem von Architekt Otto Strohmayr entworfenen Gauhaus auf dem südöstlichen Abschluss des massiven Verbauungskomplexes bekommen. Otto Reitter richtete die Gebäudeachse auf die Festung Hohensalzburg aus, um damit die Präsenz der NS-Diktatur im Stadtbild zu erhöhen. „Ich wollte diesem gigantomanischen Entwurf ein möglichst kleines Modell entgegensetzen“, sagt Werner Feiersinger. Mit dieser bewusst einfachen und reduzierten Arbeit habe er die kritische Auseinandersetzung mit dem Projekt ausdrücken wollen, um der Falle einer Legitimierung aus dem Weg zu gehen. Der Tisch gebe dem Modell die entsprechende Bühne und lade gleichzeitig Besucher zum Verweilen ein. Die Oberflächengestaltung spiele eine große Rolle in seiner Arbeit, sagt der Künstler. Nichts sei glatt und perfekt, er spricht von einer Orangenhaut, an der auch im Laufe der Zeit die Natur anhaften darf.

„Ich wollte meine Arbeit nicht am markantesten Punkt präsentieren“, sagt Werner Feiersinger. „Ich war öfter hier oben am Kapuzinerberg, ehe ich die für mich passende Stelle entscheiden konnte.“ Ein permanentes Ausprobieren, ein Vor und Zurück, so beschreibt er seine Arbeitsweise. Sowohl die Frage, wo der Tisch situiert sein solle als auch die Frage, wo auf dem Tisch das Modell stehen solle, habe er nicht mit intellektuellen Überlegungen beantwortet, sondern durch fortwährendes Ausprobieren. Er habe eine Arbeit schaffen wollen, die gleichzeitig kritisch ist, aber dennoch anziehend wirkt, eine offene Arbeit, die verschiedene intuitive Zugänge ermögliche.

Salzburger Feentempel hier : im Mirabellgarten_isa-rosenberger @ SF / Anne-Zeuner

Salzburger Feentempel hier : im Mirabellgarten_isa-rosenberger @ SF / Anne-Zeuner

Der Entwurf für die künstlerische Intervention am Rosenhügel im Mirabellgarten greift Clemens Holzmeisters Überlegungen zur Einheit von Bühne und Zuschauerraum und zur Überwindung der Grenze zwischen Natur und Architektur auf. Mit ihrem dreiteiligen, gold lackierten Portalrahmen abstrahiert die Künstlerin Isa Rosenberger die Umrisse jener HinterbühnenPortale, die Holzmeister für ein Festspielhaus am Rosenhügel geplant hat: Der Blick über den Mirabellgarten und auf die Festung Hohensalzburg wird „gerahmt“. Die Stadt wird damit selbst zur Bühne, so wie es sich Festspielgründer Max Reinhardt immer gewünscht hat.

Der Rosenhügel hätte für den Bau abgetragen werden müssen. Isa Rosenberger berechnet diesen Faktor in ihr Kunstwerk mit ein: Ihr Rahmen ist 19,5 Meter breit und 7,5 Meter hoch, der Holzmeister-Bau wäre 9,5 Meter hoch geworden (also minus die 2 Meter des Rosenhügels). Der Firma Stahlbau Ziegler, langjähriger Partner der Salzburger Festspiele, ist es zu verdanken, dass der Portalrahmen nun in den Originaldimensionen (entsprechend dem geplanten Bau von Holzmeister) realisiert werden konnte. Das Festspielhaus von Holzmeister wäre nur 10 Meter vom Schloss Mirabell entfernt gewesen; vom Portalrahmen aus hätte sich der Bau 110 Meter nach hinten bis zur Auerspergstraße hin erstreckt. „Der Portalrahmen soll eine Einladung an die Besucher zur Selbstinszenierung sein“, sagt die Künstlerin. Die Position habe sie so gewählt, dass das klassische Salzburg-Bild geframed wird. Sie hoffe dadurch verschiedene Sichtweisen auf die Stadt möglich zu machen.

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