Buch-Rezension, „Das Wunder von Minden“ – Ring des Nibelungen, IOCO Rezension, 28.12.2108

Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

  „Das Wunder von Minden“ –  IOCO – Buchbesprechung
 Richard Wagner Opern  am  Stadttheater Minden

Von Patrik Klein

Im September 2018 wurde am Stadttheater Minden die Produktion des Ring des Nibelungen von Richard Wagner vollendet. Das wagemutige Wagner-Projekt der Kleinstadt Minden wurde belohnt: Die Produktionen an Stadttheater Minden führten zu einem unerwarteten überregionalen Erfolg.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen -  Das Rheingold - hier :  die Rheintoechter © Dorothee Rapp

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold – hier : die Rheintoechter © Dorothee Rapp

IOCO Kultur im Netz sprang erst 2017 auf den fahrenden Mindener Kultur-Zug:  IOCO Korrespondent Guido Müller berichtete über Siegfried– link HIER, Sebastian Siercke über die Götterdämmerung – link HIER.

Die Stadt Minden besitzt ein sehr kleines Stadttheater; ohne Ensemble mit wenigen Mitarbeitern in Verwaltung und Technik. Allerdings besitzt man in Minden einen mutigen Wagner-Verband mit Visionen, ungeheurer Energie und Tatendrang. Zum größten Teil aus Spenden finanziert ging man im Jahre 2002 in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater und der Nordwestdeutschen Philharmonie das Wagnis ein, die Opern Richard Wagner in auffällig hoher Qualität, nach und nach auf die kleine Bühne des Hauses zu bringen.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - Die Walkuere © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – Die Walkuere © Friedrich Luchterhandt

Im Abstand von einigen Jahren wurden die Opern Der fliegende Holländer, Tannhäuser, Lohengrin sowie Tristan und Isolde mit beachtlichem Erfolg auf die Bühne in Minden gehoben. 2015 fasste man dann die größte Herausforderung eines Opernbetriebes überhaupt in den Fokus und plante Richard Wagners Opern-Tetralogie Der Ring des Nibelungen in den folgenden Jahren aufzuführen. Jedes Jahr im September gelang eine Premiere mit Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried und schließlich 2018 mit Götterdämmerung.

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - hier :  Die Norddeutsche Philharmonie © Christian Becker

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – hier : Die Norddeutsche Philharmonie © Christian Becker

Durch die Positionierung des Orchesters auf der hinteren Hauptbühne (man nennt es heute sogar landläufig das „Mindener Modell„) und damit der Nutzung der Spielfläche unmittelbar vor den Reihen im Parkett, gelang musikalisch ein sängerunterstreichender Klang sowie eine intime Nähe zum Publikum, die zu musikalisch aller höchster Qualität beitrug. Im Herbst 2019 sollen sogar zwei Aufführungen des kompletten Zyklus des Ringes erfolgen.

Nun erschien der in schwarzem Leinen gehaltene Bildband Der Ring in Minden des J.C.C. Bruns Verlag. So wie im Bühnenbild enthalten lugt ein großer roter Kreis als Symbol des Ringes auf der Titelseite. Darunter in Gold unterlegt befindet sich der Titel und das Logo vom Richard Wagner Verband Minden.

Der 240seitigeBildband mit vielen Informationen und reichlich Fotos der vier Produktionen wurde von Orchestergeschäftsführer Christian Becker und Doris Reckwell für die Nordwestdeutsche Philharmonie herausgegeben. Das Buch stellt auch im Besonderen eine Anerkenntnis dar für Frau Dr. Jutta Hering-Winckler, die als Vorsitzende des Mindener Wagner Verbandes und als permanenter Impulsgeber einen wesentlichen Anteil am Zustandekommen der Aufführungen hatte.

Die Texte kommen von Dirigent Frank Beermann (Warum der Ring in Minden? Das Wagnerwunder an der Weser), Regisseur Gerd Heinz (Wagners Ring des Nibelungen; das Jahrhundertwerk im Mindener Modell), Bühnenbildner Frank Philipp Schlössmann (seine Maxime: „Gross kann ich, Klein ist die Herausforderung“), Video-Künstler Matthias Lippert (Die Videosequenzen; Bewegliches Licht für den Ring in Minden), Lichtdesigner und Bühnengestalter Michael Kohlhagen (Eine sportliche Aufgabe; die Lichtgestaltung beim Ring in Minden) und der Journalistin Doris Reckewell („Die Frage stell mal lieber nicht“;  Ein Gespräch mit Jutta Winckler).

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen - hier : Die Goetterdaemmerung © Christian Becker

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen – hier : Die Goetterdaemmerung © Christian Becker

In den Beiträgen werden die Konzeption des Regieteams um Gerd Heinz, die musikalischen und räumlichen Besonderheiten des Hauses und all die kleinen Widrigkeiten und Herausforderungen der Umsetzung anschaulich beschrieben. Alle Mitarbeiter an dem Projekt gehen permanent an ihre Grenzen und manchmal auch darüber hinaus. Der Geist eines gemeinsamen Erfolgswillens, den man als Außenstehender nur erahnen kann, wird hier plastisch in all seinen Formen und Farben beschrieben.

Leser des Buchs Das Wunder von Minden werden sich wünschen, an diesem  fordernden Projekt mitgewirkt zu haben. Da dies leider nicht mehr möglich ist, wird der Besuch einer für 2019 geplanten Ring – Aufführungen zum großen Wunsch. Das Buch ist mit viel Sachkenntnis, Humor und spannend geschrieben. Mit einer Portion „Schmunzeln“ kann man es in wenigen Stunden verschlingen. Eine besondere Empfehlung von IOCO Kultur im Netz.


Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen © Christian Becker

Stadttheater Minden / Der Ring des Nibelungen © Christian Becker

Der Ring in Minden, herausgegeben von der Nordwestdeutschen Philharmonie, J.C.C. Bruns Verlag, 240 Seiten, 44.90 Euro, erhältlich im Buchhandel und bei Express-Ticketservice, ISBN 978-3-00-060989-3

Der Ring des Nibelungen:  2019 am Stadttheater Minden; zwei Zyklen des Mindener Rings sind vorgesehen:

Zyklus I startet am 12. September 2019 mit Rheingold, wird am 15. September mit Walküre, 19. September mit Siegfried fortgesetzt und endet schließlich am 22. September mit der Götterdämmerung.
Zyklus II folgt am 26. und 29. September 2019 sowie am 3. und 10. Oktober.
IOCO Kultur im Netz plant vom ersten Ringzyklus im September 2019 zu berichten.

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Rostock, Volkstheater, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 13.12.2018

Dezember 16, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Volkstheater Rostock

rostock Logo_2

Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Fidelio – Ludwig van Beethoven

– Machenschaften, Wertekonflikte, Streitigkeiten – Allgegenwärtig – 

Von Thomas Kunzmann

 Die streitreiche, gebeutelte Rostocker Theaterlandschaft

Zwei Themen beschäftigte die gebeutelte Theaterlandschaft Rostock in den letzten Wochen: Der (Rechts)Streit um den ehemaligen Intendanten Sewan Latchinian ging in die letzte Runde und die Unrechtmäßigkeit der Kündigung steht nun unwiderruflich fest. Statt Abfindung nun also voller Ausgleich der Verdienstausfälle. Was der Verschleiß an Intendanten das Theater bzw. die Stadt in den letzten Jahren gekostet haben mag, spricht niemand aus. „Kosten“ sind auch das nächste Thema: nachdem Mitte des Jahres einmal die SPD kalte Füße beim Gedanken an den notwendigen Theaterneubau und seine Finanzierung bekam und über einen Volksentscheid lediglich halblaut nachdachte, hatte nun die CDU den Vorschlag eingebracht, man könne doch parallel zur Oberbürgermeisterwahl auch gleich über ein maximales Investitionsvolumen abstimmen lassen. Die Bürgerschaft entschied sich mehrheitlich dagegen. Ob damit der Weg für den notwendigen Neubau nun endgültig frei ist, steht dennoch in den Sternen.

John Dew inszeniert Fidelio am Volkstheater

Fidelio von Ludwig van Beethoven
Youtube Trailer Volkstheater Rostock
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Politische Machenschaften, künstlerische Freiheit, Wertediskussionen – was läge näher als nach mehr als 25 Jahren FIDELIO, Beethovens große Freiheitsoper, endlich einmal wieder auf die Rostocker Bühne zu bringen? Zumal nach jahrelanger Angebotsreduzierung tatsächlich nur noch große Titel zu laufen scheinen. Durch den über Jahrzehnte kultivierten Streit um das Theater statt dessen Inhalt scheint erst einmal musikalische Basisarbeit notwendig, bevor man sich wieder in Experimente stürzen kann. Operette und Musical versprechen aktuell eher eine Konsolidierung der Publikumszahlen als „schwere“ Werke der Opernliteratur. Dennoch gibt es ein eng dem Theater verbundenes, treues Publikum, das trotz jahrelanger, schrittweiser Entwöhnung mit Spannung der zweiten (und damit auch schon letzten) Opernneuproduktion der Saison entgegensah.

Volkstheater Rostock / Fidelio © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Fidelio © Dorit Gaetjen

Vor dem Hintergrund einer überhohen Mauer, lediglich mit einem Schreibtisch als Requisite (was auffällig an Mannheim 2010 erinnert), inszeniert John Dew nach seinem Motto „Die Musik trägt das“. Extrem reduziert, den Sängern Freiraum für eigene Entfaltung und Rollenentwicklung gebend. Er verzichtet auf große Gesten und plakative Übertreibungen, auf aktuellen Bezug. – und damit auf eine eigene Geschichte. Es entsteht eine kammerspielartige Atmosphäre, die die Beziehungen zwischen Leonore – alias Fidelio, Marzelline, Rocco und Jaquino eher andeuten als neu ausleuchten. Lediglich Leonores und Roccos Wissen um den eingekerkerten Florestan vermitteln das ungute Gefühl, dass neben der Dreiecksbeziehung eine tiefere Bedeutung, ja, eine Gefahr für die oberflächlich heile Welt wie ein Damokles-Schwert über allen Beteiligten schwebt. Erst Don Pizarros Auftritt, eskortiert von bedrohlich-stummen Wachen, gibt dem Unheil ein Gesicht. Lauernd wie ein Panther, taktierend, böse zischend. Unausweichlich steuert die Geschichte auf die Kerkerszene zu, in der Leonore die Hinrichtung Florestans verhindert und mit Roccos Hilfe Don Pizarro überwältigt. Vor dem opulenten Schlussbild erklingt die Große Leonoren-Ouvertüre in einer unglaublich präzisen, ergreifenden Version und spannt den Bogen zur Schlussszene, in der die Liebespaare vereint sind, sich die Freunde in den Armen liegen und der BöseWicht vertrieben wird.

Einige Erklärungen bleibt die Regie schuldig – wieso zum Beispiel Marzelline wie Liotards Schokoladenmädchen aussieht, warum Pizarro Florestan so lange leiden lässt und Mitwisser riskiert oder weshalb Don Ferrando mit einem bürgerlichen Hofstaat, der für einen Ball statt für eine Gefängniskontrolle gekleidet ist, erscheint.

Das Herzstück dieser Produktion ist jedoch die Norddeutsche Philharmonie mit einer unglaublich überzeugenden Leistung unter ihrem neuen Kapellmeister Martin Hannus. Dieser holt aus dem Orchester einen sauber abgestimmten, durchsichtigen Klang heraus, was angesichts der akustischen Schwierigkeiten des Raumes kaum hoch genug eingeschätzt werden kann.

Volkstheater Rostock / Fidelio - hier : der Gefangenenchor © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock / Fidelio – hier : der Gefangenenchor © Dorit Gaetjen

Maria Hilmes gibt als Gast ihr Rollendebüt als Fidelio mit feinfühligem Sopran. In ihrer Stimme klingen ihre Selbstzweifel, ob ihre Kraft für ihr Unterfangen reicht, ebenso wie ihre unerschütterliche Entschlossenheit, und dennoch fügt sie sich so nahtlos in die Orchestrierung, als wäre sie ein Teil von ihr. Katharina Kühns Mazelline ist geradlinig, impulsiv und wie immer ein Feuerwerk an Energie auf der Bühne. Leichtfüßig, fast beiläufig gestaltet sie nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch mit ihrer Körpersprache. Oliver Weidinger fühlt sich sichtlich wohl in der grundbösen Rolle des Don Pizarro. Mit hassverzerrten Mundwinkeln intoniert er sauber und gestaltet den Intriganten überzeugend, wenngleich auch allzu leise – zumindest für den Rang. Peter Lobert als Rocco, eine Hüne, beeindruckt mit gewaltigem, dennoch warmen Bass, den er zwar zu zügeln scheint, mitunter allerdings eine Spur zu laut im Verhältnis zum restlichen Ensemble. Kaum zu glauben, dass dieser Baum von einem Kerl im Kerker Hilfe von der zarten Leonore benötigt. James J. Kee ist ein gequälter, dennoch kämpferischer Florestan, auf dem Weg zum Heldentenor. Trotz einiger Ausspracheschwierigkeiten bleibt er ausgezeichnet textverständlich. Gast Václav Vallon, dem Rostocker Publikum bereits aus dem Liebestrank bekannt hätte etwas mehr Regie verdient, sein lyrischer Tenor gerät leider etwas in den Hintergrund. Grzegorz Sobczak als strahlender Minister überzeugt wie gewohnt mit stählernem Bariton.

Insgesamt eine großartige Gesangsleistung, die deutlich die Erwartungen an ein Haus Rostocker Größe übertrifft. Nachdem das Parkett mit stehenden Ovationen die Leistung seines Ensembles feierte, wurde im Foyer ausgiebig diskutiert.

Begeisterte Stimmen trafen auf Unverständnis, schon lange wurde in Rostock nicht mehr so intensiv und kontrovers eine Inszenierung seziert. Während die einen die mangelnde Regie bedauern, schwärmen  andere von der Dichte und Fokussiertheit. Beiden Argumentationen kann man folgen. In jedem Fall dürfte dieser Fidelio das Rostocker Konzertpublikum ebenso ansprechen wie Puristen mit modernen Regiearbeiten nichts anzufangen wissen. Und selbstverständlich richtet sich dieses Angebot auch und ganz besonders an Operneinsteiger. Ein Bild sollte man sich in jedem Fall machen. Denn selbst jene, die das Geschehen auf der Bühne nicht ergreift, werden von der Musik beseelt den Abend lange in Erinnerung behalten.

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

Rostock, Volkstheater Rostock, FIDELIO – Ludwig van Beethoven, 07.12.2018

Dezember 6, 2018 by  
Filed under Oper, Premieren, Volkstheater Rostock

rostock Logo_2

Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

 FIDELIO – Ludwig van Beethoven

Text Josef Sonnleithner, Stephan von Breuning, Georg Friedrich Treitschke – frei nach Jean Nicolas Bouilly

PREMIERE Freitag, 07. Dezember 2018, 19:30 Uhr

Die Geschichte ist ein Polit-Thriller: Der Gouverneur Don Pizarro fürchtet sich vor kompromittierenden Enthüllungen des Freiheitskämpfers Florestan und hat diesen daher widerrechtlich einkerkern lassen. Florestans Frau Leonore lässt sich, als Mann verkleidet, unter dem Deckmantel Fidelio als Gehilfe des Kerkermeisters Rocco in dem Staatsgefängnis, in dem sie ihren Mann vermutet, einstellen. Sie ahnt, dass Don Pizarro Florestan heimlich ermorden will und setzt daher alles daran, zu ihrem Mann vorzudringen und ihn zu befreien. Für ihr Ziel nimmt sie selbst Todesgefahren auf sich…

Volkstheater Rostock / Fidelio - Oliver Weidinger, Opernchor© Dorit Gätjen.

Volkstheater Rostock / Fidelio – Oliver Weidinger, Opernchor© Dorit Gätjen.

Wenn am Ende des Stücks die menschenverachtenden Machenschaften Don Pizarros ans Licht kommen und ein rechtsstaatlich gesinnter Minister in Florestan seinen tot geglaubten Freund erkennt, werden alle politisch Gefangenen aus dem Kerker befreit – Traum oder Wirklichkeit?

Beethovens einzige, 1805 uraufgeführte Oper ist eines der spannendsten, aufwühlendsten Werke des Musiktheaters – und bis heute ein Fanal, sich gegen politischen Machtmissbrauch zu erheben, wo auch immer Menschen zu Unrecht inhaftiert sind, gefoltert oder ermordet werden.

Volkstheater Rostock / Fidelio - Judith Oesterreicher, Peter-Lobert, Maria-Hilmes © Dorit Gätjen.

Volkstheater Rostock / Fidelio – Judith Oesterreicher, Peter-Lobert, Maria-Hilmes © Dorit Gätjen.

Musikalische Leitung: Martin Hannus / Inszenierung: John Dew / Bühne und Kostüme: Hartmut Schörghofer / Choreinstudierung: Frank Flade

Mit: Grzegorz Sobczak, Oliver Weidinger, James J. Kee, Maria Hilmes, Peter Lobert, Katharina Kühn/Judith Österreicher, Václav Vallon, Geunjin Song, Olaf Lemme, Opernchor des Volkstheaters Rostock, Singakademie Rostock, Norddeutsche Philharmonie Rostock

Volkstheater Rostock / Fidelio - Ensemble © Dorit Gätjen.

Volkstheater Rostock / Fidelio – Ensemble © Dorit Gätjen.

PREMIERE
Freitag, 07. Dezember 2018, 19:30 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus

WEITERE TERMINE im Dezember
Sonntag, 09. Dezember 2018, 15:00 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus
Samstag, 15. Dezember 2018, 19:30 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus
Freitag, 21. Dezember 2018, 19:30 Uhr, Volkstheater Rostock – Großes Haus

—| Pressemeldung Volkstheater Rostock |—

Rostock, Volkstheater Rostock, La Cenerentola von Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 10.09.2017

Oktober 10, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Volkstheater Rostock

rostock Logo_2

Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

Volkstheater Rostock © Dorit Gaetjen

 La Cenerentola / Aschenputtel von Gioacchino Rossini

Wahrlich märchenhafter Saisonstart in Rostock

Von Thomas Kunzmann

„Damit endet die Kräfte zehrendste Probenzeit meiner gesamten Sänger-Laufbahn. Aber ich bin sehr stolz und dankbar, diesem tollen Team anzugehören. Was für eine geile Produktion!“ schreibt Don Magnifico Oliver Weidinger, der dienstälteste Sänger im Ensemble im Sozialen Netzwerk und lässt damit bereits im Vorfeld den immensen Aufwand und Detailreichtum erkennen, mit dem Anja Nicklich aufwarten wird. In ihrer dritten Rostocker Produktion nimmt sie sich eines Märchenstoffs an und unterlegt die zauberhaft schöne Musik dieser Belcanto-Oper mit einer feinsinnig überarbeiteten Handlungslinie. In den Obertiteln werden lediglich einige kommentierende Zeilen eingeblendet. Das stört nicht, gedanklich spinnt man sogar die Sätze, vom Bühnengeschehen befeuert, zum vollständigen Märchen.

Volkstheater Rostock / Anja Nicklich mit Team bei Regiearbeiten zu Aschenputtel © Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock / Anja Nicklich mit Team bei Regiearbeiten zu Aschenputtel © Volkstheater Rostock

Im Hause des verarmten Don Magnifico lebt Angelina, genannt Cenerentola. Gedemütigt, vom Vater verleugnet und misshandelt, zur Hausarbeit verdammt und geplagt mit zwei eitlen Stiefschwestern, die sich geradezu manisch nach Reichtum und gesellschaftlicher Anerkennung sehnen. Als einzigen Freund stellt ihr die Regisseurin anstelle der fleißigen Täubchen eine Maus zur Seite. Die ist zwar nicht ganz so fleißig, aber voller Hingabe, Witz und natürlich höchst loyal.

Auf der Suche nach der rechten Frau für seinen Prinzen findet Alidoro in Cenerentola das gutherzige, aber schüchterne Mädchen, das ihm passend erscheint und beginnt, sie auf ihrem Weg mit allerlei Zauberei zu unterstützen. So lässt er drei Kürbisse mit fantastischem Inhalt erscheinen, führt ihr den Prinzen zur Erlösung zu, hält die zanksüchtigen Stiefschwestern so gut es geht im Zaume und ist auch sonst immer rechtzeitig zur Stelle, wenn die Handlungsträger drohen, sich in die falsche Richtung zu bewegen. Dass dabei Don Ramiro seinen Dandini auffordert, bei der Prinzen-Darstellung zu übertreiben, macht diesen zwar besonders plakativ, zeigt aber auch, wie sein Umfeld den Regenten sieht: als Spieler, selbstverliebt und eitel. Und so verwundert es nicht, dass die zur selbstbestimmten Frau gereifte Magd am Ende denn doch eine unerwartete Entscheidung trifft.

Volkstheater Rostock / La Cenerentola_ Tisbe und Clorinda mit ihren zahlreichen Verehrern © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola_ Tisbe und Clorinda mit ihren zahlreichen Verehrern © Thomas Häntzschel

Die Inszenierung sprudelt regelrecht über vor kleinen und großen Ideen, Slapstick, literarischen und cineastischen Zitaten von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ über „Feivel“, „Die Schöne und das Biest“ bis hin zu „Der Bachelor“. Nicht lose aneinandergefügt oder platt, sondern verwoben zu einem eigenen, konsistenten Opernmärchen-Universum, das einen von der ersten bis zur letzten Note im Bann und die Darsteller in permanenter Bewegung hält. Weidinger hat nicht zu viel versprochen.

Der Bühnenhalbkreis von Antonia Mautner Markhof mit dem abgeblätterten Charme früheren Reichtums überrascht immer wieder mit Türen, Öffnungen und Mauseloch und verbessert die Akustik des Hauses deutlich. Er steht sowohl für Magnificos Herrenhaus als auch des Prinzen Schloss – offensichtlich ist es um dessen Reichtum nicht so gut bestellt. Auch der in die Jahre gekommene Intarsienfußboden, der an Tanzsäle in Disney-Märchen erinnert, birgt einige Überraschungen. Die liebevollen Kostüme von ländlich schlicht bis aufwendig verspielt, verwegen bis dandyhaft charakterisieren die Protagonisten, ohne sie unangenehm zu überzeichnen – ein Märchen eben!

Volkstheater Rostock / La Cenerentola findet ihren Prinzen © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola findet ihren Prinzen © Thomas Häntzschel

Manfred Hermann Lehner dirigiert die Norddeutsche Philharmonie sicher und mit Schwung durch die anspruchsvolle Partitur und lässt den Sängern genügend Platz, sich zu entfalten. Lediglich ein Holzbläser setzt die Stimmungsschwankungen auf der Bühne auch im Orchester eigenwillig um. Gesanglich bietet das Volkstheater eine sehr ausgeglichene Leistung mit eigenem Ensemble und Gästen, aus denen sich besonders der stählerne Bass-Bariton des Alidoro als ruhender Pol hervorhebt. Der Don Ramiro des Tschechen Václav Cikánek (für den erkrankten Theodore Browne) besticht durch Sicherheit in den anspruchsvollen Höhen, lässt ansonsten allerdings etwas Kraft vermissen. Von überzeugender Leichtigkeit und darstellerischer Vielfalt geprägt führt Eloïse Cénac-Morthé die Angelina liebevoll durch die Handlung. Die stumme Rolle des Marco Geisler als Maus avanciert binnen Sekunden mit perfekter Pantomime zum unbestrittenen Publikumsliebling, während Tisbe und Clorinda in wunderbarer Expressivität ihre immer neuen Gemeinheiten ausleben dürfen und darin ebenso viel Spielfreude versprühen wie Grzegorz Sobczak als Dandini.

Standing Ovations am Ende, ein wohlverdienter, lang anhaltender Applaus, der mit dem Auftritt des Regie-Teams nochmals anschwillt und hoffentlich im Königreich nachhallt.

La Cenerentola am Volkstheater Rostock;  weitere Termine 14.10.2017, 10.11.2017, 25.11.2017, 14.12.2017, 27.12.2017, 6.1.2018, 14.1.2018, 2.2.2018

Silberlinge, viele, für das Volkstheater Rostock ?

Apropos Königreich: anders „märchenhaft“ geht es einmal mehr in der Rostocker Kulturpolitik zu. Der Theaterneubau ist schon lange beschlossen und nun ward auch ein Ort für die Errichtung des Kulturtempels gefunden. Beim Blick ins Stadtsäckerl strahlten mögliche 25 Millionen Silberlinge aus der Zukunft, denn die Stadt wird bald nicht nur schuldenfrei sein, sondern ordentliche Überschüsse erwirtschaften. Weitere 25 Millionen sollen aus dem Lande hinzufließen.

Volkstheater Rostock / La Cenerentola - Marco Geisler als Maus und Aschenputtel Eloise Cénac-Morthé © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola – Marco Geisler als Maus und Aschenputtel Eloise Cénac-Morthé © Thomas Häntzschel

Da kam ein Baumeister des Wegs – offensichtlich nicht in Diensten des Königs – und plante und rechnete und kam zu dem Ergebnis, dass das Wunschschlösschen doppelt so viel kostet, als wie Silberlinge in der Kasse gezählt wurden. „Das ist aber gemein!“, dachte sich der König, der das alles sowieso nicht wollte, „aber wenn wir nun ganz woanders bauten, dann könnten wir noch einmal rechnen?“ und bringt ein Gebiet jenseits des großen Flusses, da, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, ins Gespräch. Das wären zwar nicht gleich „Sieben auf einen Streich“, aber doch so … drei oder vier? Ein Theater – womöglich sogar ein kritisches, passte nämlich so gar nicht in sein Konzept einer idyllischen maritimen Linie an seinem Hafen. Und er müsste auch keinen Aufstand der fahrenden Gesellen befürchten, denen er dafür den Rummelplatz wegnähme. Und toll sieht es auch aus. So aus der Ferne. Vielleicht kannte er das vom Königreich im Norden? Dort gab es einen großen, guten Zauberer, der der Königsstadt ein Theater schenkte und auf die andere Flussseite stellte.

Mürrisch mochte der alternde König womöglich sein, weil sich seine Regentschaft dem Ende neigt und er noch immer keine Halle zu seinem Gedächtnis erschaffen hatte. Und wohl auch, weil ihm sein Volk per Abstimmung bei der Verlegung eines Schiffes in seinen Stadthafen einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Und dass die Kapelle seines Schrumpftheaters so hartnäckig auf die Einhaltung früherer Versprechen pocht, das nervt ihn auch.

Volkstheater Rostock / La Cenerentola - Aschenputtel - Ensemble © Thomas Häntzschel

Volkstheater Rostock / La Cenerentola – Aschenputtel – Ensemble © Thomas Häntzschel

Plötzlich trat ein junger Ratsherr mit der Idee aus dem Schatten seiner Bedeutungslosigkeit und meinte, man könne ja einmal prüfen, ob nicht das alte Gemäuer neu angestrichen werden könne oder alternativ vielleicht eine abseitige Werfthalle ein dauerhafter Ersatz wäre. Eine böse Fee hatte ihm scheinbar einen Vergessenstrank gereicht, denn seit über fünf Jahren schrieb er sich auf die Standarte, der Neubau solle doch bis zum 800-jährigen Jubiläum des Königreiches fertig gestellt sein. Diese tolle Idee seines Ratsherren freut bestimmt den König, denn er weiß, dass die Farbe nicht reicht. Und die Halle kann er selbst nicht ungestraft ins Spiel bringen, profitierten doch seine Herzöge am meisten davon. Jetzt müsste eigentlich Alidoro auftreten, der die Guten unterstützt und die Bösen im Zaume hält. Aber das Märchen ist ja auch noch nicht zu Ende.

Und der augenscheinliche Unterschied beider Märchen? Anja Nicklich hat eine schöne Vision, setzt sie konsequent um – und alle haben Freudentränen in den Augen.

—| IOCO Kritik Volkstheater Rostock |—

 

Nächste Seite »