München, Bayerische Staatsoper, Rusalka – Antonin Dvorak, IOCO Kritik, 22.07.2021

Juli 22, 2021 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Rusalka  –  Antonín Dvorák

– Das verlogene Menschenleben –

von Hans-Günter Melchior

Da sitzt eine Nixe am Rand eines Sees und will ein Mensch werden. Als ob es nicht schon schwer genug wäre, ein Mensch zu sein.

Eine Seele will sie haben und die großartige Rusalka von Kristine Opolais singt so sehnsuchtsvoll die „Mondarie“, dass man ganz ergriffen ist und für einen Moment glaubt, es gebe nichts Schöneres, als vom Nixenleben ins Menschenleben zu wechseln: vom tierhaft-glücklichen Einssein mit sich selbst und der Natur ins Zweifelsüchtige und Bedenkliche, Grausame und Komplex-Komplizierte des höheren Daseins zu wandern, als wäre der Spaziergang in eine höhere Existenzstufe eine einzige Steigerung des Lebensgefühls.

Rusalka – Antonin Dvorak
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Die Hexe Jezibaba (eindrucksvoll stimmgewaltig Helena Zubanovich) warnt sie vergebens. Eine Zauberin, die der Menschensüchtigen schließlich eine Menschenseele verschafft; freilich um den Preis der Stummheit.

Der Verlust der Sprache als Schicksal – und als Glück zugleich. Die einfachen, unmittelbaren Dinge auf den Begriff zu bringen, ist immer auch ein Teil ihrer Vernichtung. Wie soll das aber eine Nixe wissen.

Rusalka am 20.7.2021 – Bayerische Staatsoper – Inszenierung Martin Kusej, dessen Rusalka Interpretation auf dem YouTube – Video unten

Später wird die Hexe sagen, was sie sich dachte: „Ins verlogene Menschenleben hat dich die Sehnsucht gelockt…“  und: „Der Mensch wird erst dann zum echten Menschen, wenn er sich in fremdem Blut suhlt, wenn er seine schreckliche Leidenschaft durchs Blut seines Nächsten gestillt sieht.“

Rusalka will es und die Hexe ist mit einer gewissen Wollust und naturhaften Schlechtigkeit willfährig.  Ein Prinz (Dmytro Popov) tritt auf, in den sich Rusalka verliebt. Und er erwidert ihre Liebe. Sie heiraten –; und wären glücklich, wäre da nicht die Stummheit der geliebten Frau, die nicht sagen kann, was sie fühlt, dem Prinzen Anlass zu resignativer Trauer. Nicht einmal – wie etwa Goethes Tasso – kann Rusalka sagen, wie sie leidet.

Bayerische Staatsoper / Rusalka - hier : Kristine Opolais als Rusalka, Günther Groisböck als Wassermann © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Rusalka – hier : Kristine Opolais als Rusalka, Günther Groisböck als Wassermann © Wilfried Hoesl

Hätte sie nur auf den Rat des Wassermanns gehört, den Günther Groissböck höchst eindrucksvoll gesanglich und schauspielerisch verkörpert. Der Prinz wendet sich enttäuscht und in seiner Sehnsucht nach weiblicher Zuwendung der Verführerin zu, die als Die fremde Fürstin (Alisa Kolosova) auftritt und den Unglücklichen förmlich in sich hineinzieht.

Und zwar vor den Augen Rusalkas, die als Betrogene so unglücklich ist, dass sie sich ins Nixenreich zurückwünscht.

Wiederum die Hexe. Jezibaba macht das Unmögliche möglich – wir befinden uns in einem Märchen –, freilich hat dies selbst im Märchen wiederum seinen Preis: Rusalkas muss die Isolation in Kauf nehmen, sowohl von den Menschen wie von den heimatlichen Nixen. Nur „warmes Menschenblut“ könnte sie retten, verkündet Jezibaba.

Auch der Prinz ist unglücklich. Die fremde Fürstin verlässt ihn bald. Er irrt umher: direkt in die Arme Rusalkas. Die alte Liebe flammt auf, Rusalka warnt ihn jedoch: ein Kuss von ihr würde ihn töten.

Der Prinz kann nicht auf den Kuss verzichten – und stirbt.

Wie eben das Schicksal im Märchen so seine Kapriolen schlägt und das Wahrscheinliche wahrscheinlich macht. Kusej zwingt es indessen – an einigen Stellen recht gewaltsam – in die Realität. Für ihn stehen Märchen verkörpern Märchen offenbar, das menschliche Schicksal schlechthin. Er benutzt sie als Lehrbeispiele.

Rusalka – das Lied an den Mond – und die Interpretation des Regisseurs
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Im ersten Akt ist die Bühne zweigeteilt. Oben waltet das Menschenreich. Eine Gebirgslandschaft, hohe, zum Teil schneebedeckte Berge, vor denen ein See träumt. Die Landschaft ist freilich gerahmt wie ein Gemälde oder Foto: als ob bei allem Realismus noch Raum für die Illusion übrig bleiben sollte. Oder ob im Gegenteil die Illusion der herrlichen Landschaft Lügen gestraft werden sollte.

Unterhalb der Menschenwelt wabert die Welt der Nixen oder Waldnymphen (Mirjam Mesak, Daria Proszek und Alyona Abramowa). Ein düsterer, feuchter Raum mit dicken Rohren entlang der Wände, der wie ein Maschinenraum, vielleicht auch eine Art Heizkeller anmutet. Wo man im Wasser watet und der Wassermann teils mit Anzüglichkeiten auffällt, teils Ratgeber ist, auf jeden Fall ein Herrscher.

Und auch sonst geschieht Merkwürdiges, zum Teil recht Drastisches. Kusej hat Einfälle. Im zweiten Akt häuten der Förster (Ulrich Reß) und ein Küchenjunge (Yajie Zhang) ein Reh, ein Chor tritt auf, jedes Mitglied hat ein totes, aufgeschlitztes Reh in der Hand, dem die Protagnisten Blutiges entnehmen und sich in die Münder stopfen. Da machen Ästheten runde Augen.

Seltsames ereignet sich. Die sich ins Nixenreich zurücksehnende Rusalka steigt zum Zeichen ihrer elementaren Verbundenheit mit dem Wasser und offenbar in Ermangelung einer anderen Gelegenheit in eine Art Aquarium, in dem sie sich reichlich beengt krümmt.

 Bayerische Staatsoper / Rusalka - hier : Kristine Opolais als Rusalka und die Welt der Nixen und Nymphen © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Rusalka – hier : Kristine Opolais als Rusalka und die Welt der Nixen und Nymphen © Wilfried Hoesl

Und im dritten Akt bewegen sich die Waldnymphen und Rusalka in einem weißen Raum mit Stockbetten, der wohl einen Klinikaufenthalt aufzeigen soll.

Immerhin: der reuige Prinz küsst nicht nur todessüchtig und liebestrunken Rusalka, sondern stößt sich auch einen Dolch in die Brust, damit warmes Menschenblut fließe und die Geliebte erlöst werde.

Man hat verstanden. Über allem waltete indessen eine geradezu sieghafte Musik. Dvoráks Meisterstück. Liedhaftes wechselt mit Arien, eine sparsame Leitmotivik (Anleihen an Wagner) führt in bestimmte Szenen ein, gewaltig herrscht und durchherrscht ein spätromantischer, stellenweise von tragischer Größe bestimmter Grundton das musikalische Geschehen, der den Hörer nicht aus seinem Bann entlässt. Diese Oper steht ebenbürtig neben den großen Sinfonien, insbesondere der 9., von Antonin Dvorák, dem Cellokonzert und den kammermusikalischen Werken.

Robert Jindra gebot mit weit ausholenden und befeuernden Armbewegungen souverän den Klangmassen und dem bekannt hervorragenden Bayerischen Staatsorchester. Da ging keine Nuance verloren, man merkte dem Dirigat die Vertrautheit Jindras mit der Musik des Landsmannes an. Zuweilen steigerte sich die Musik ins geradezu Rauschhafte, um sich dann wieder einer für Dvorák typischen herbsüßen, lyrisch gefärbten Melancholie zu ergeben.

Begeisterter Beifall. Die Oper war nach dem „Schachbrettprinzip“  – versetzt, immer war ein Platz neben einem besetzten frei; ferner bestand Maskenpflicht.

Rusalka an der Bayerischen Staatsoper: zur Zeit sind keine Vorstellungen geplant

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—


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München, Bayerische Staatsoper, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.07.2021

Juli 15, 2021 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Tristan und Isolde  –  Richard Wagner

– Szenischer Flickenteppich in musikalischem Ozean –

von Konstantin Parnian

Als seine letzte Premiere im Nationaltheater München setzte noch-Intendant Nikolaus Bachler Tristan und Isolde auf den Spielplan der Bayerischen Staatsoper. In den Titelpartien debütierten Jonas Kaufmann und Anja Harteros – beide seit mehreren Jahren Stammgäste des Hauses. Mit Kirill Petrenko am Pult sind die Umstände ideal: Stets lässt er dem Gesang Raum, zügelt das Volumen des Orchesters und streicht schier endlose Klangflächen aus. Unter seiner Leitung bringt das Staatsorchester den Saal energetisch zum beben, hüllt alles in einen ekstatisch pulsierenden Hauch und zaubert fein-zarte musikalische Mikrokosmen aus der uferlos verästelten Partitur.

Tristan und Isolde – Richard Wagner
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Fließen, schweben, nicht schwimmen – einer der lose eingestreuten Assoziazionspunkte der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski ist formaler Natur. Spielen sich in den Videos von Kamil Polak nicht gerade Szenen der beiden Hauptfiguren ab, erscheinen Animationen schwer schaukelnder Meereswellen oder psychedelisch sich rankender Paisleymuster. Tempo und Rhythmus halten sich organisch an die Musik, doch mancher Stelle rauben sie ihre Wirkung. Geworfen an das von Malgorzata Szczesniak schlicht gehaltene holzgetäfelte Bühnenbild bilden die parallel laufenden Projektionen ein Fenster in eine andere Erzählebene – wie bei einem Kaleidoskop verschiebt sich hier die Wahrnehmung. Partiell klärt das den Blick, wenngleich Gedanken immer nur vage angedeutet weden: Entsteht dieses Liebes-Dilemma tatsächlich durch gesellschaftliche Hindernisse? – die Unmöglichkeit ihrer Vereinigung scheint tiefer verankert zu sein, ja allgegenwärtig, wenn Tristan und Isolde reglos nebeneinander liegen. Kaum dazu fähig sich anzunähern, halten sie gerade mal in wenigen Momenten der Berührung Händchen.

Aktion und Szene davor bleiben über weite Strecken statisch; so lassen sich immerhin viele stimmliche Nuancen der großen Partien ausspielen. Anja Harteros verleiht der Isolde eine ganz eigene Note, gestaltet mit vielseitiger Sprachbehandlung und breiter Klangpalette. In der Höhe oft hell spart sie insgesamt an großen Ausbrüchen – so entfalten Stellen wie der „Rache“-Ausruf im 1. Aufzug ganz besondere Wirkung. Gerade dieser erlesene Umgang mit musikalischen Möglichkeiten macht die Interpretation interessant. An ihrer Seite verkörpert Jonas Kaufmann mit seiner markanten dunklen Stimmfärbung einen herausragenden Tristan. In Topform meistert er die Ausnahme-Partie, lädt jede Bewegung mit Spannung auf und strahlt durch seine Präsenz. Spürbar funkelt ein Band zwischen Petrenko und der Bühne, wenn Instrumental- und Gesangsstimmen in brillanter Abstimmung verschmelzen und sich der wohlgeformte Klangschleier wabernd in den Saal ergießt.

Bayerische Staatsoper / Tristan und Isolde – hier : vl Jonas Kaufmann als Tristan und Anaja Harteros als Isolde © Wilfried Hoesl

Gefährlich rauschhaft bis zur Überwindung des Lebens selbst – subtil verweist die Inszenierung auf die werkinhärente Todessehnsucht. Begeisterung für den Trank: Schöner als allein zu sterben ist einzig das gemeinsame Ende. Gelingt dies nicht, kommt Tristan der Degen Melots gelegen – enthusiastisch stürzt er sich hinein. Schließlich folgt sogar der Griff zur Giftspritze, um sich ultimativ vom Licht des Tages zu befreien und endlich dem lieblichen Taumel der Nacht hinzugeben.

Der Steuermann trägt Augenbinde: Einen Abschied vom Bewusstsein fordert die verführerische Melancholie – toxisches Potenzial. Die Idee einer glücklichen Vereinigung im Leben besteht nur noch als leere Hülle eines Versprechens, das längst vergessen kryptisch in Symbolen verborgen liegt. Maskierte Doubles verweisen darauf, dass das Paar allmählich der Realität entgleitet, ihr Geist sich einer Traumwelt zukehrt. Mimischer Ausdruck fehlt – körperliche Identitäten lösen sich auf. Zwischen einer Schar ebenso gesichtsloser Kinderfiguren verschieben sich die Ebenen der Existenz Tristans im Fiebertraum. Das hier abgebildete glückliche Leben kann nur als Lüge bestehen, als Gegensatz zur menschlichen Natur. Hingegen weilen die Anderen noch in der realen Welt, der eigentlichen Scheinwelt – sie sind noch nicht so weit.

Bayerische Staatsoper / Tristan und Isolde – hier Jonas Kaufmann © Wilfried Hoesl

Mika Kares zeichnet einen umsichtigen König Marke, der sein Lamento ehrlich erschüttert anstimmt, mit väterlicher Wärme sich sorgt, aber ebenso seine Autorität zelebrieren kann. Auch die Sänger der Gefolgsleute glänzen: Mit Sean Michael Plumb als Melot, Dean Power als Hirte, Christian Rieger als Steuermann und Manuel Günther als Seemann lässt die Besetzung keine Schwächen offen, sondern trumpft auch in den musikalischen Nebenschauplätzen noch auf. Den Kurwenal gibt Wolfgang Koch kraftvoll mit kämpferischem Duktus, wenn auch teils etwas roher Stimmgebung. Besonders beeindruckt Okka von der Damerau als Brangäne: perfekt dosierter Atem spannt makellose Bögen — lebhafter Fokus führt zielsichere Gesten.

Schlussendlich bleibt die Regie unbestimmt. Während der musikalische Strom in all seinen Läufen und Bewegungen verwoben ist, franzt das inszenatorische Gebilde aus, ehe Bezüge stark genug geknüpft sind. Damit sind komplexere Zusammenhänge kaum erzählbar. Ein so viel rezipiertes Werk bedarf einer strukturierten Anlage, denn viele der Assoziationen aus dem Flickenteppich sind schon etliche Male bemüht worden. Unter den verschwommenen Ansätzen am meisten von Interesse dürfte der Antagonismus zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit sein: Dass Potenzial in diese Richtung im Werk selbst steckt, wird spätestens deutlich, wenn die Hirtenweise erklingt – so fein und klar von Simone Preuin auf der Bühne gespielt. Doch was bildet hier den Gegensatz der Künstlichkeit? Im Anschluss an den Liebestod sinken alle zu Boden, doch in der Projektion schlagen Tristan und Isolde schlagen die Augen auf! Ob sie nun doch irgendwo vereint sind, ob in einem spirituellen Jenseits oder gar in einer virtuellen Realität?

Bayerische Staatsoper / Tristan und Isolde - hier: Anja Harteros © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Tristan und Isolde – hier: Anja Harteros © Wilfried Hoesl

Inwiefern die Inszenierung vieldeutig oder nichtssagend ist, darf zum Abschluss der Spielzeit ein noch weitaus größeres Publikum beurteilen. Denn am  31. Juli um 17 Uhr wird die Vorstellung über die Website der Bayerischen Staatsoper übertragen.

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—


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München, Münchner Kammerspiele, Die Politiker – eine gesprochene Symphonie, IOCO Kritik, 07.07.2021

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Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Die Politiker   –  Schauspiel von Wolfram Lotz

 – Eine gesprochene Symphonie –

von Hans-Günter Melchior

Ist schon alles gesagt? Ist die Sprache bei der Musik angekommen und hat sie damit genug?

Da steigt ein Thema auf, bricht ab, ein neues Thema beginnt, kontrapunktisch, im Stakkato, wird erneut abgelöst, Wortfetzen, Sinninseln, zuweilen Witzchen – und immer wieder: die Politiker, die Politiker, die Politiker …

Geradezu manisch bleibt das Stück Die Politiker von Wolfram Lotz in der – eindrucksvollen – Inszenierung von Felicitas Brucker bei diesem Wort, dem kleine Sätze, Gedanken unterlegt werden. Streckenweise, als folgte das Stück dem musikalischen Prinzip der Wiederholung. Im immer durchgehend schnellen Rhythmus, dass man sich von einer Aussage zur nächsten hangelt und im Denken und Zuhören ein wenig außer Atem kommt.

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz - hier :  TS Schmauser © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz – hier : TS Schmauser © Judith Buss

Banales im altertümelnden, fast kalauernden Stil springt Tiefsinnigem gleichsam in den Nacken, macht zunichte, was sich zu bedeutungsvoll gebärdet und glaubt, am Ziel zu sein. „Die Politiker haben Schuhe um die Füss von Banani und wir tragen höchstens Bruno Armani, Ach Wolfram – heißt es da im Stil des epischen Theaters, wenn der Autor sich selbst ermahnt und aus dem Rahmen fällt –  hör doch endlich mit dem Sozialneid auf Hör doch mit dem Sozialneid auf Und mit dem sozialen Neid auch Mit dem sozialen Neid auch Das ist jetzt vorbei Das ist jetzt vorbei…“

Das Perseverierende macht an manchen Stellen den Text auf geradezu beklemmende Weise eindringlich…“Die Arbeitslosen sammeln den Müll Die Arbeitslosen sammeln den Müll im Auftrag des Staates ein Die Arbeitslosen sammeln den Müll im Auftrag des Staates ein Die Politiker wollen es nicht so Die Politiker wollen es nicht so…“, und so weiter.

Felicitas Brucker hat den faszinierenden Einfall, die Schauspieler (Katharina Bach, Svetlana Belesova, Thomas Schmauser) in voneinander abgegrenzten und dennoch durchlässigen Räumen / Vierecken auftreten zu lassen, sie sprechen manchmal synchron, manchmal einzeln, immer in diesem an ein Symphonieorchester gemahnenden Tonfall aufsteigender und fallender, selten abgeschwächter, meist sich steigernder Eindringlichkeit. Dabei geht, was der Aufführung keineswegs schadet, zuweilen der Text an die Musikalität des Sprachduktus verloren, zieht den Hörer jedoch mit in den Strom der Wortkaskaden und erzeugt eine geschärfte Spannung.

„Die Politiker sagen Dies ist ein beharrlicher Sturm alles alles nimmt er fort Und dann drehen sich die Politiker auf ihren Absätzen um und gehen hinaus…“ Oder: „Die Politiker sind mittel bis groß nein nein klein sind nur die kleinen Leute streichen um das Haus passt auf!  Den Politikern sind die kleinen Leute egal und mir und euch doch auch!“

Da kommt diese intellektuelle Schärfe in den Text, hämmernd kommt das Stakkato, während Svetlana Belesova olympiareife Turnübungen vollführt –, und wieder nimmt sich der Autor selbst am Kragen (mal angenommen, er meint sich selbst – und natürlich uns alle): „Die Politiker fragen Wolfram wie oft rufst du deine Mutter an? Wie oft rufst du deine Mutter an? Und es stimmt, ich tue es fast nie Ich tue es fast nie (Dabei weiß ich, dass es ihr nicht gut geht) Aber die Politiker Aber die Politiker rufen meine Mutter an Die Politiker rufen meine Mutter an Die Politiker rufen meine Mutter an Sie kehren den Flur mit einem riesigen Besen“

Immer wieder diese gewisse Schärfe der archaisch wirkenden Selbstbefragung im auf- und absteigenden Themenverlauf, diese fast brucknersche Beharrlichkeit und Schmerzlichkeit, aufsteigend, in Schichtungen –, bis das Thema ermüdet absinkt und neuen Gedanken Platz macht.

Die Anklage: „Die Politiker denken an die Armen mit Verachtung Ai Weiwei, oh my!“ (bayerische Einlage: O mei).

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz - hier :  Bach, Belesova, Schmauser © Judith Buss

Münchner Kammerspiele / Die Politiker von Wolfgang Lotz – hier : Bach, Belesova, Schmauser © Judith Buss

Und eine Art eingestreutes Nonsensgedicht, das scheinbar herunterzieht, was zu hoch hinaus wollte: „Ästlein, brich nicht ab vom Baum Ästlein, brich nicht ab vom Baum die Politiker pluggen den butt! Die Politiker pluggen den butt!“ „Die Politiker schrizzlen und wizzlen Könnt ihr sie denn nicht hizzlen? Die Politiker gehen am Stadtrand  durch die Nacht suchend suchend suchend aber sie finden nur Verwizzle“

Oder: „Die Politiker sagen ich bin da, ich bin fresh! Ich lese dir vor aus dem Epos von Gilgamesch!“

Und dann wiederum selbstkritisch, sich und die eigene Arbeit hinterfragend und kryptisch zugleich: „Dein Gedicht ist gar nicht dicht und trotzdem steht es hier Dein Gedicht ist total krumm Im Sturm knickt jedesmal des Schilfgras um Dein Gedicht ist total krumm Im Sturm knickt jedesmal das Schilfgras um“

Und dann wieder sowas:Die Politiker die Politiker die Politiker tun die Aprikosen verlosen Die Politiker Die Politiker tun die Aprikosen Die Politiker Hosen Die Politiker Kurze Hosen Die Politiker Sehr kurze Hosen tragen…“

Als wolle der Autor das allzu wertvolle Porzellan seiner Sprach- und Gedankenwelt zerschlagen und seine Witzchen darüber machen. Den hohen Ton vom Podest stoßen. Glaubt euch nur nicht im Besitz der letzten Weisheiten, wenn ihr das hier hört, macht er uns klar.

Und mal ehrlich: Was bleibt uns schon nach all den Denkversuchen anders übrig als die Wiederholung des Immergleichen. „Die Dinge sind alle allein“, heißt es am Schluss.  Aber wo sie sind, weiß man nie. Immer noch nicht.

Sei´s drum. Vielleicht ist am Ende doch bereits alles gesagt und jedes weitere Wort überflüssig? So dass sich das Theater selbst auf den Arm nehmen muss?  Und vielleicht ist die Musik die einzige, weil höhere und wahrere Sprache? Felicitas Brucker stellt uns diese Frage.

Und.   Fragen darf man ja!

Wie auch immer und noch einmal: Die sprachsymphonische Durchgestaltung des Textes ist ein überzeugender Einfall. Und er wird von den drei glänzend aufgelegten Schauspielern virtuos vorgetragen. Das können nur Meister ihres Faches.

Darüber vergisst man fast die Zeit. Das Stück rauscht durch den Kopf, ist leider schon vorbei. Ein gelungener Abend.

Großer anhaltender Beifall im coronabedingt leider schütter besetzten Theater.

—| IOCO Kritik Münchner Kammerspiele |—

 


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München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Josef E. Köpplinger – Intendant bis 2027, IOCO Aktuell, 02.07.2021

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Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

 Josef E. Köpplinger – am Staatstheater bis 2027

Das Staatstheater am Gärtnerplatz im München ist ein Haus mit breitem Profil und über 150jährigen Tradition. „Musikalisches Unterhaltungstheater“ steht mit seinen reichen Facetten im Zentrum der Spielplangestaltung. Mit der in München und bundesweit „tonangebenden“ Bayerischen Staatsoper formt das Staatstheater am Gärtnerplatz massgeblich den „Klangkörper München“. 1865 wurde das Haus mit dem allegorischen Festspiel »Was wir wollen« von Herman Schmid und Georg Kremplsetzer eröffnet. 1800 Plätze und hohe Auslastung machen das Staatstheater zu einem führenden Theater im deutschen Sprachraum. Josef E. Köpplinger, *21.7.1964, leitet das Theater als Nachfolger von Dr. Ulrich Peters seit 2012.

Josef E. Köpplinger im Staatstheater zur aktuellen Corona-Krise
youtube Trailer Staatstheater am Gärtnerplatz
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Josef E. Köpplinger – Intendanzvertrag bis 2027 verlängert

„Der Vertrag mit Josef E. Köpplinger als Intendant des Staatstheater am Gärtnerplatz wird um weitere vier Jahre bis Ende August 2027 verlängert. Das sind ausgezeichnete Nachrichten für das Gärtnerplatztheater und die gesamte Theaterwelt im Freistaat!«, gab Kunstminister Bernd Sibler heute in München bekannt. »Das Gärtnerplatztheater hat unter der Leitung von Josef E. Köpplinger große künstlerische Erfolge erzielt. Durch die gelungene Mischung von klassischen Opernproduktionen, Operetten, modernen Musicals und experimentierfreudigem Tanztheater auf höchstem künstlerischen Niveau genießt das Gärtnerplatztheater große Beliebtheit bei einem breiten Publikum. Köpplingers eigene Inszenierungen bestechen durch gekonntes Bühnenhandwerk und großen Einfallsreichtum und werden auch regelmäßig mit Publikums-und Kritikerpreisen gewürdigt. Ich freue mich, dass wir diese Erfolgsgeschichte weiterschreiben können«, so der Minister.

»Die Gewissheit, einem so großartigen Haus wie dem Staatstheater am Gärtnerplatz weiter vorstehen zu dürfen, inspiriert und verpflichtet zum Halten und Steigern der Qualität und der innovativen Projekte, die wir gemeinsam bis dato unserem Publikum präsentiert haben.«, äußert sich Josef E. Köpplinger. »Ich freue mich sehr über die einstimmige Verlängerung. «

Staatstheater am Gärtnerplatz / Josef E. Köpplinger © Robert Brembeck

Staatstheater am Gärtnerplatz / Josef E. Köpplinger © Robert Brembeck

Seit dem 1. September 2012 leitet Josef E. Köpplinger das Staatstheater am Gärtnerplatz und führte das Haus durch die fünfjährige Umbauzeit. Er wurde regelmäßig mit Preisen bedacht: 2013 erhielt er den Kulturpreis Bayern, 2018 wurde Köpplinger der Preis der Bayerischen Landesstiftung verliehen, 2019 gewann seine Inszenierung »Drei Männer im Schnee« drei Preise beim Deutschen Musical Theater Preis, darunter die Auszeichnung für die Beste Regie. Mit Kooperationen wie mit dem Gran Teatre del Liceu in Barcelona, dem Théâtre du Capitole Toulouse, der Semperoper Dresden, der Deutschen Oper am Rhein, der Volksoper Wien sowie dem Teatro del Maggio Musicale Fiorentino in Florenz festigte er den Ruf des Gärtnerplatztheaters als Opernhaus von europäischem Rang.

Nicht nur als Theaterleiter sondern auch als Regisseur steht er exemplarisch für die Selbstverständlichkeit der Verbindung von anspruchsvollem, zeitgenössischem Musiktheater mit der Pflege von musikalischem Unterhaltungstheater.

2020 erhielt er die »ORPHEUS-Nadel für besondere Verdienste um das Genre Operette«. In den letzten 10 Jahren positionierte Josef E. Köpplinger das Haus mit international beachteten Uraufführungen in allen Genres als eines der führenden Opernhäuser Europas.

Josef E. Köpplinger –  Daheim in der Welt des Theaters

Josef E. Köpplinger wurde 1964 geboren und studierte an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und war davor Laureat des Bösendorferstipendiums. Weiterbildende Studienaufenthalte führten ihn nach New York und London. Nachdem er zunächst eine freie Gruppe geleitet hatte, war er an den Städtischen Bühnen Regensburg engagiert und ist seit 1988 als freischaffender Regisseur international tätig. Köpplinger ist sowohl in Oper, Operette und Musical als auch im Schauspiel ein international gefragter Regisseur, der an einer Reihe von Bühnen inszeniert, u.a. Opéra national du Rhin, Volkstheater Wien, National Opera Tokyo, Volksoper Wien,Berliner Kammerspiele, Deutsche Oper am Rhein, Staatsoper Wien, Staatsoper Hamburg, Theater in der Josefstadt (Wien), Staatstheater Nürnberg oder der Semperoper Dresden.

Für das Musicalfestival Schloss Prugg wurde er 1999 zum jüngsten Intendanten Österreichs berufen. Von 2004 bis 2007 war er Schauspieldirektor am Theater in St. Gallen und begründete dort die St. Galler Festspiele mit. Von 2007 bis 2012 war Josef E. Köpplinger Intendant des Stadttheaters Klagenfurt

—| IOCO Aktuell Staatstheater am Gärtnerplatz |—


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