München, Staatstheater am Gärtnerplatz, Ab 14.5.2021 live – Eugen Onegin und mehr, IOCO Aktuell, 12.05.2021


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

ab 14.5.2021 wieder live – EUGEN ONEGIN

 Spielbetrieb am Gärtnerplatztheater ab 14.Mai 2021

Die Wiedereröffnung der Theater, Opern-und Konzerthäuser ist nach einer langen Durststrecke, in der Kunst überwiegend im digitalen Raum stattfinden musste, endlich wieder möglich. Das Staatstheater am Gärtnerplatz hat einen Spielplan ab dem 14. Mai 2021 erarbeitet. Dieser Spielplan besticht durch die Vielfalt, die das Theater so einzigartig macht und sieht gleich zwei Uraufführungen und zwei Premieren vor.

14. Mai 2021 – Eugen Onegin – IOCO wird dabei sein und berichten

Vorverkaufsstart für die Vorstellungen vom 14.Mai bis 6.Juni ist am Dienstag,11. Mai um 10.00 Uhr. Umfassende und erprobte Hygienerichtlinien sorgen dabei für größtmögliche Sicherheit des Publikums.

Diese Maßnahmen werden ab einer 7-Tage-Inzidenz über 50 ergänzt durch Schnelltests, die vor Einlass in das Theater nachgewiesen werden müssen. Die erste Vorstellung wird am Freitag, 14. Mai 2021 um 19.30 Uhr die Oper Eugen Onegin von Peter I. Tschaikowsky sein.

Alexander Puschkin in St Petersburg © IOCO HGallee

Alexander Puschkin in St Petersburg © IOCO HGallee

Alexander Puschkins Versroman Eugen Onegin, entstanden 1823 –1830, gilt als russisches Nationalepos, das das Leben der zeitgenössischen Gesellschaft des Zarenreichs in seiner ganzen Vielfalt abbildet und den Typus des »überflüssigen Menschen« in der russischen Literatur erfindet. Ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen schrieb Peter I. Tschaikowsky zutiefst einfühlsame »Lyrische Szenen« über das Werk, die, 1879 in Moskau uraufgeführt, schnell zu einem Standardwerk auf den internationalen Bühnen wurden.

Die Titelpartien singen Mária Celeng als Tatjana und Matija Meic als Eugen Onegin. Es folgt am Sonntag, 16. Mai um 18.00 Uhr die Uraufführung der Oper Schuberts Reise nach  Atzenbrugg von Johanna Doderer in der Inszenierung von Staatsintendant Josef E. Köpplinger. Die Uraufführung von Undine – ein Traumballett von Choreograf und Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner musste ebenfalls bereits mehrfach verschoben werden, am 19. Mai um 19.30 Uhr ist nun die Premiere angesetzt. Mit dem Broadway-Musical-Hit Non(n)sens von Dan Gogg in in der Inszenierung von Staatsintendant Josef  E. Köpplinger  folgt am Samstag, 22. Mai um 19.30 Uhr eine weitere Premiere. Die himmlische Komödie, die gewissermaßen der Vorläufer des berühmten Sister Act ist, kam 1985 in New York heraus und wurde dort neun Jahre am Stück gespielt. Die Operette Der Vetter aus Dingsda in der Inszenierung von Lukas Wachernig wird am 3. Juni um 19.30 Uhr Premiere vor Publikum feiern, nachdem die Vorpremiere von Eduard Künnekes spritziger Musikkomödie bereits im Live-Stream zu erleben war.

Der Vetter aus Dingsda – auch wieder live am Gärtnerplatz Theater
youtube Trailer Staatstheater am Gärtnerplatz
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Detaillierte Informationen zu dem Spielplan und Preisen sind auf der Website des Theaters unter www.gaertnerplatztheater.de zu finden. Tickets für alle Vorstellungen vom 14.Mai bis 6.Juni 2021 sind ab 11. Mai um 10 Uhr ausschließlich telefonisch und online erhältlich unter Tel 089 2185 1960 oder www.gaertnerplatztheater.de.

—| IOCO Aktuell Staatstheater am Gärtnerplatz |—

München, Münchener Musikseminar, Natalya Boava – Susanna Klovsky – Livestream, IOCO Kritik, 04.03.2021

 Münchner Musikseminar e V / Die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchner Musikseminar e V / Die Musikschule in München © Oswald Kessler

Münchener Musikseminar e.V.

Natalya Boeva – Susanna Klovsky – UNISONO – Livestream Konzert

Musik als wahrhaftig heilende Kunst

von Oxana Arkaeva

Seit über einem Jahr befindet sich die deutsche Kultur- und Veranstaltungsbranche in einem dauerhaften Stop-and-Go Modus. Nach dem Eintritt des ersten Lockdowns im Februar 2020 füllten sich viele große und kleine Veranstalter gezwungen, ihren Blick Richtung Internet zu werfen und Live-Stream Konzerte zu veranstalten.

So hat auch das Münchener Musikseminar e.V. im Dezember 2020 den ersten Livestream mit dem Pianisten Dmitry Mayboroda veranstaltet, siehe link HIER!, dank der großzügigen Unterstützung der Urakawa-Stiftung. Eine positive Resonanz und viel Lob vom Publikum, beachtliche Spendeneinnahmen sowie neue private Sponsoren bestärken den Veranstaltern in ihrer Idee, statt die Konzerte abzusagen, diese in Form eines Live-Streams anzubieten. Laut des Vorstands ermöglichen diese Art der Veranstaltung dem Verein während des Veranstaltungsverbots seine unmittelbaren Zwecke zu erfüllen und die Geografie sowie Zahl der Zuschauer im Publikum zu erweitern. Die Aufnahme soll anschließend für circa einen Monat, in unserem Fall bis zum 9. März auf dem YouTube-Kanal des Münchener Musiksemar e.V.  für späteren Zuhörer zugänglich bleiben.

Für den zweiten Livestream am 27. Februar hat die erste Vorsitzende Nadja Preissler eine junge russische Mezzosopranistin Natalya Boeva vom Staatstheater Augsburg eingeladen. Begleitet wurde sie von der Pianistin Susanna Klovsky, Unterstützt durch Mastermixstudion aus München, das bereits beim ersten Stream dem Verein technisch zur Seite stand, fanden sich die Veranstalter sowie Künstler vor einer Aufgabe, die logistischen Maßnahmen sowie Proben coronakonform entsprechend durchführen zu können, sowie das beste Klang- und Bildqualität zu liefern. Mehr hierzu im IOCO – Interview mit Preissler und Boeva.

Der Anspruch, die höchstmögliche Qualität bieten zu können, bildet eine enorme logistische wie technische Herausforderung für jeden Veranstalter. Wenn die großen in der Branche genügend finanziellen und technischen Mitteln besitzen, um den Stream reibungslos über die Bühne bringen zu können, stellen derartig technisch aufwendigen Aktivitäten für „kleine“ nicht staatlich subventionierte Veranstalter wie Münchener Musikseminar eV. es ist eine um so größere Herausforderung dar. Ungeachtet einer etwa unausgewogenen Balance in der Lautstärke zwischen der Sprecherin Cornelia Schweizer (schlicht, gediegen und mit warmer Stimme) und den Musikerinnen auch diesen zweiten Stream als Erfolg bezeichnen.

Unisono: Natalya Boeva und Susanna Klovsky
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Unter dem Titel Unisono erlebten mittlerweile über 400 Zuschauer ein gemeinsames Musizieren und eine klangvolle Reflexion über die Liebe, Natur und Heimat. Das 45-minütige Programm präsentierte eine harmonische, ausgewogene Mischung aus Arien und Liedern von C. Saint-Säens, S. Rachmaninow, P. I. Tschaikowsky, J. Massenet, F. Cilea, J. Brahms, R. Strauß und als Überraschung L. Bernstein. Boeva und Klovsky haben sich beim 2018 ARD-Musikwettbewerb kennengelernt, wo Boeva den 1. Preis gewonnen und mit einem Sonderpreis für die beste Interpretation der Auftragskomposition ausgezeichnet wurde. Klovsky hat die Sängerin in den Klavierrunden begleitet. Beide Künstlerinnen haben sich auf Anhieb gut verstanden, waren von Anfang an im Unisono. Die 32-jährige Mezzosopranistin aus St. Petersburg ist am Beginn ihrer Karriere. Zurzeit in ihrem Fach am Staatstheater Augsburg engagiert und sonst, bis der Ausbruch der Pandemie als Gastsängerin aktiv, weist Boeva eine junge Stimme auf, die noch reifen wird. Ihr Mezzosopran besitzt eine gute Höhe, die mitunter die Klangfarbe eines dramatischen Soprans hat. Ihre Darbietung ist durch Musikalität, Schlichtheit im Ausdruck und exzellente Aussprache ausgezeichnet. Und das in Deutsch, Italienisch, Französisch, Russisch und Englisch. Groß, schlank, im signalrotem Hosenoverall, das lange blonde Haar im Pferdeschwanz hochgebunden bildete sie einen farblichen Kontrast zu der schlichten, dunklen Aufmachung Klovskys.

Die angekündigte musikalische Reise bewältigte das talentierte Duo wahrhaftig im Unisono. Klovsky ist eine exzellente Pianistin und Begleiterin. Stets zusammen mit der Sängerin, wusste sie ihr Spiel vielerorts solistisch zu gestalten und war keinesfalls nur eine Begleitung, sondern eine gleichwertige Partnerin. Boeva wechselte mit Leichtigkeit von Saint-Säens zu Rachmaninow und Tschaikowsky, vom Massenet zu Cilea, Brahms und R. Strauß. Sie ist eine perfekte junge Charlotte aus Werter, zurückhaltende Dalila aus Samson et Dalia und rührende Polina aus Piqué Dame. Lieder von Tschaikowsky, Rachmaninow sowie vom Brahms eröffneten uns die Sängerin von ihrer kammermusikalischen Seite. Als Komponist aus Ariadne aus Naxos schwamm sie in der Musik Richard Strauss’ und ließ die Hoffnung aufsteigen, sie in dieser Rolle bald auf der Bühne erleben zu wollen.

Am Ende gab es ein musikalisches Schmankerl: „I am easily assimilated”. Ein „Old Lady´s Tango“ aus der Oper Candide vom L. Bernstein. Mit Kastagnetten tanzend erzählte Boeva die witzige Geschichte einer polnischen Emigrantin, die eine wahnsinnige Sprachbegabung hat und allen beibringt, wie man sich in einer neuen Umgebung am besten anpassen könnte. Spätesten hier hat junge Sängerin bewiesen, dass sie in dem, was sie tut, definatelly highly assimilated ist.

Obwohl die Pandemie der Künstler ihren verdienten großen Applaus beraubt hat, können sie sich dessen sicher sein. Der Funken ist vom Bildschirm in das heimische Wohnzimmer übersprungen. Gleichzeitig wurde es einem erneut bewusst, dass die Veranstaltungen dieser Art nur als vorübergehender Ersatz oder als zusätzliches Angebot zum Live-Programm sein können. Dass es ohne Publikum keine nachhaltige kulturelle Entwicklung und Austausch stattfinden kann. Denn die Kultur und Künstler. innen brauchen ihr Publikum: als eine Reflexion ihrer Kunst und Kreativität. Als Anerkennung und Unterstützung.

Solange es aber keine Auftritte vor Ort möglich sind, bieten Streams wie eine Chance der kulturellen Abstinenz zu entfliehen und insbesondere den jungen Musiker*innen aus dem tiefen Loch der Auftrittsleere zu verhelfen. Nebenbei erfüllt der Verein u.a. auch einer seiner Zwecke: kulturelle Bildung. Eine Win-Win Situation! Um weiterhin frei streamen zu können, um den betroffenen Künstler: innen eine Auftrittsmöglichkeit anbieten zu können, würde sich der Münchener Musikseminar e.V. über Spenden freuen: Bankverbindung: DE91 7015 0000 0013 1172 96 SSKMDEMMXXX PayPal: mail@musikseminar.eu. Betreff bitte entweder als Spende oder Eintritt kennzeichnen.

—| IOCO Aktuell Münchner Musikseminar |—

7 Deaths of Maria Callas, München – Turandot, Lviv – Opernprojekte, IOCO Essay, 18.02.2021

Opera House Lviv / Lemberg, Ukraine © Opera House Lviv

Opera House Lviv / Lemberg, Ukraine © Opera House Lviv

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7 Deaths of Maria Callas, München – Turandot, Lviv

OPERNPROJEKTE  –  SURPRISE des Jahres 2020

von Adelina Yefimenko

Die moderne Opernpraxis wird immer auffälliger und stellt das Publikum vor „neue Wahrheiten“ wie: “Wenn Sie die Oper zu einem vollwertigen und wettbewerbsfähigen Online-Produkt machen möchten, sollten Sie darauf vorbereitet sein, Ihr Verständnis zu verändern von dem, wie Oper sein kann“.

PERFORMANCE + OPERA + VISION ART + FASHION DESIGN = MIRACLE

Seiner Zeit weigerte sich Richard Wagner standhaft seine musikalischen Mythendramen Opern zu nennen. Stattdessen ist es jetzt umgekehrt: Alle musikalisch-theatralischen Artefakte, experimentelle Aufführungen mit einem Symphonieorchester, elektronische Musik und eine Instrumentierung aus dem Bereich der U-Musik werden als Opern bezeichnet. Die Zersetzung des Genres als barock-klassisch-romantisch-modernes Phänomen ist seit langem eingetreten. Komponisten haben zuvor der Öffentlichkeit und Musikkritikern interessante Experimente in Richtung Folk, Rock, Rap, Quasi-Opern präsentiert. Das Opern-Requiem Iyov, der Opernzirkus Babylon die Nova Opera-Formation (Roman Grygoriv, Illia Razumeiko, Vlad Troitsky), die Opernapokryphen Judas und Magdalena von Alexander Shchetynsky, der diesjährige Opernmythos von Maria Oliynyk und Ulyana Horbachevs’ka Ukraine – Terra Incognita mit einer Widmung an den ukrainischen Bariton Wassyl Slipak, der in Paris lebte, als Solist an der Pariser Nationaloper und am Bastille-Opernhaus tätig war, im 2014 zurück in die Ukraine als Soldat ging und im Krieg „Russland gegen Ukraine“ fiel (2016) – ist keineswegs eine vollständige Liste der Transformationsopern in der Ukraine vor dem Hintergrund von Regie-Artefakten der Oper in Europa.

Die Oper in der Ukraine erlebt einen wahren „Boom“ und wird zunehmend zu einem Geheimtipp. Die Einhaltung der Regeln dieses Genres – zumindest des akademischen Operngesangs – machte Platz für die Suche nach neuen Klängen, Dramaturgie und, in erster Linie, Inhalten. Zeitgenössische ukrainische Komponisten schaffen Opernartefakte, die nicht in den Rahmen eines Kanons der Gattung passen, geschweige denn rezensiert werden können. Es ist wichtig, diese Artefakte zu auszuzeichnen.

– die Oper Night (Nacht) von Maxim Kolomiiets mit Libretto von Taras Frolov – eine neue Intonationsversion des Liedes Welch eine Mondscheinnacht (Nich Yaka Misyachna),

CHORNOBYLDORF – Chernobyldorf – Opernprojekt 
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– die archäologische Oper Chernobyldorf der Komponisten Roman Grygoriv und Illia Razumeiko über die postapokalyptischen Siedlungen der Nachkommen der Menschheit auf den Ruinen der Kernkraftwerke Zwentendorf (in der Nähe von Wien) und Tschernobyl,

– die aufgrund der Pandemie auf das nächste Jahr verschobene Produktion der Oper Vyshyvanyi – Der König der Ukraine von Alla Zahaikevych mit Libretto von Serhij Zhadan über einen Erzherzog der Habsburger , den Oberst der Legion der ukrainischen Sitscher Schützen (Schützen auf der Insel Sitsch), und inoffiziellen Kandidaten für den ukrainischen Thron im Falle der Errichtung einer Monarchie,

Laniuks neue, aber noch nicht aufgeführte Oper Das fremde Gesicht – ist ein exklusives Beispiel für eine neue literarische Oper, die auf den Texten des Japaners Kobo Abe, des Deutschen Franz Kafka und des Franzosen Honoré de Balzac basiert;

– eine moderne Kinderoper von Ivan Nebesny, die auf Ivan Frankos Gedicht Der Fuchs / Mykyta zum Libretto von Vasyl Vovkun basiert.

Alle diese Experimente versprechen ein völliges Umdenken in der musikalischen und theatralischen Praxis. Es wird die Bemühungen von mehr als einer Generation von Musikwissenschaftlern erfordern, diese neuen Dimensionen und Existenzvektoren des modernen musikalischen und theatralischen Phänomens zu untersuchen, das aus Trägheit oder Bequemlichkeit auch als Oper bezeichnet wird. Spontan denkt man an das Werk Richard Wagners Musik der Zukunft und sein geflügeltes Wort „Kinder, schafft Neues„, welches von einer neuen Generation von Opernkomponisten gehört wird. Die Zeit wird zeigen, mit welchen Nominierungen im Bereich der musikalischen Kunst und insbesondere der Kunst in der Oper die zukünftigen Ratings bereichert werden (und dies ist die Motivation für junge Musikkritiker, in den kommenden Jahren über die Aufstellung von Bewertungen für Musikveranstaltungen nachzudenken).

In der Zwischenzeit biete ich Optionen für die Zusammenstellung dieses synthetischen Produkts im Opern-Rating 2020 an: PERFORMANCE + OPERA + VISIO ART + FASHION DESIGN = MIRACLE…2020.

Eine so lange und unbequeme Definition wurde auf Grund zweier Produktionen abgeleitet, die nicht in die Unterscheidung nach den vereinfachten Kriterien der Weltrangliste am besten passen, weil sie hervorragende Opernprodukte enthalten, die meiner Meinung nach dem dialektischen Hegels Gesetz der „doppelten Negation“ folgten und daher sehr interessant waren unter dem Gesichtspunkt der Untersuchung der Perspektiven dieser Phänomene sowie der Gründe für die streitbaren, manchmal gegensätzlichen Reaktionen des Opernpublikums, einschließlich der Musikkritiker.

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

7 Deaths of Maria Callas – Marina Abramovic – Bayerische Staatsoper

ist ein Opernprojekt der weltberühmten Performerin Marina Abramovic, in dem die Musik von Bizet, Verdi, Donizetti, Puccini und dem jungen talentierten serbischen Komponisten Marko Nikodievich eine Hintergrundrolle spielt, während das Interieur-Design und die Kostüme von Burberry – einer Marke britischer Luxusmode – die letzten 24 Stunden im Leben der legendären Operndiva Maria Callas präsentieren und klar prägen.

7 Deaths of Maria Callas – Maria Abramovic
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Das Bühnenkonzept der Performerin ist nicht neu – die Verschmelzung von Archetypen von Frauen und Männern (Callas – Onassis, Willem Dafoe-Maria Callas). Das Wesen des sogenannten Opernprojekts im Sinne der „doppelte Negation“ ist jedoch tatsächlich innovativ. Und ohne Zweifel wurde das Ziel der offensichtlich gut durchdachten Aktion der Künstlerin – das Publikum zu enttäuschen, Opernliebhaber und Musikkritiker zu verärgern – erfolgreich erreicht. Die, die eine radikale Aufführung erwarteten (typisch für Abramovic), sowie diejenigen, die auf einen Opernabend in der Zeit von Maria Callas hofften, waren enttäuscht. Die ursprünglichen Genres des Projekts – Oper und Performance – kollidieren, konfrontieren, erleben Vereinigung und sterben. Der erotische Akt der Vereinigung von Oper und Performance offenbart sich siebenmal (Marina Abramovic betont die „heilige“ Bedeutung der Zahl „7“), ein künstlerisches Phänomen des langen pathetischen Sterbens mit Musik- und Videoclips Begleitung.

  • Adelina Yefimenko, Autorin dieses Berichts, Professorin, lehrt als Musikwissenschaftlerin an der Nationalen M.-V.-Lysenko-Musikakademie Lviv (Lemberg) und der Ukrainischen Freie Universität München (UFU)

Die Protagonisten sterben unter Hit-Arien aus dem Callas-Repertoire und Fragmenten von Filmclips in verschiedenen Genre-Versionen vom Thriller bis zur Fantasy. Das lebensspendende Innere der radikalen Performerin, die verschiedene Phasen des Opernhasses durchlief (sic!) und diesen Hass übrigens in fast jedem Interview gestand, entschloss sich plötzlich, der Welt ihre langjährige (seit dem 14. Lebensjahr) verborgene Herzensverbindung mit der Oper zu eröffnen. Während ihres bewussten Lebens verdrängte die Künstlerin diese Liebe brutal (ebenso wie die Liebe zum Performancekünstler Ulay), aber dies gelang ihr nicht… ebenso wie Maria Callas – einer großartigen Frau, einer großartigen Opernsängerin, einer großartigen Performerin.

Eine Szene aus 7 Deaths of Maria Callas ist besonders beeindruckend: Die Heldin (drei in einer: Abramovic-Callas-Norma) geht zu den Flammen Hand in Hand mit einem Feuerengel – Willem Dafoe in einem luxuriösen Lurexkleid von Burberry. Am Ende findet nicht der Liebestod statt, sondern die vollständige Dialektik der Negation der Negation – der Tod des Todes nach dem Bild der auferstandenen Callas – Abramovic in eben diesem lodernden Kleid.

Bayerische Staatsoper / 7 Deaths of Maria Callas © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / 7 Deaths of Maria Callas © Wilfried Hoesl

Währenddessen ertönt wie vom Himmel die Stimme der echten CallasCasta Diva – unter der Decke des halbleeren Saales der Bayerischen Staatsoper. Der Komponist Illia Razumeiko beschrieb den Prozess vom Tod des Todes so genau, dass er den ersten Platz im Rating der Texte in den Rezensionen der Musikkritiker für diese Veranstaltung erreicht hätte, falls ein solches Rating überhaupt existieren würde.

In der Zwischenzeit zitiere ich zur Unterstützung meiner Auszeichnung der 7 Todesfälle von Maria Callas Auszüge aus Illia Razumeikos Text, der auf seiner FB-Seite veröffentlicht wurde: „Die Performance, die dabei war, in den letzten 40 Jahren das Theater zu retten, ‹…› stirbt anderthalb Stunden lang im Ketchup auf der Bühne der Bayerischen Oper‹…›: In theater, blood is ketchup; in performance, everything’s real. Theatre is fake… The knife is not real, the blood is not real, and the emotions are not real. Performance is just the opposite: the knife is real, the blood is real, and the emotions are real. Müde von der Performance stirbt seine Göttin und Urmutter sieben Mal in München im besten Theater selbst. In den Video-Episoden ihres Todes fließt dieser Ketchup und das Acryl, mit denen sie ihre ganze schwierige Karriere zu kämpfen hatte, aus ihrem Gesicht. ‹…› Ketchup tropft auffällig von der verwundeten Carmen, die verrückte Lucia schmiert Ketchup über ihr Gesicht. Sieben „tödliche“ Opernarien, die von sieben Solisten aufgeführt werden, wurden in der Originalform in das Stück aufgenommen, damit die Opernkritiker etwas zu schreiben haben und das bürgerliche Publikum der Münchner Dauerkarten beim üblichen italienischen Belcanto-Material verbleibt. Artist is still present. Performance is dead.

  Turandot  –  Giacomo Puccini – Opera House Lviv

im Rahmen des Projekts Ukrainischer Durchbruch von Vasyl Vovkun und der Lviv National Opera Solomiya Krushelnytska.

Tudandot am Opera House Lviv
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Die erste Inszenierung von Turandot auf der Bühne in Lviv scheint traditionell. In der Tat ist die Oper aus der Kategorie des Repertoirekanons der Welttheater unter der Regie des Polen Michal Znaniecki ein helles, farbenfrohes und luxuriöses Artefakt, als stünde er in der Tradition der „Museumsproduktionen“. Aber es nicht alles so einfach. Der „technologische Durchbruch“ ist ebenfalls offensichtlich, aber nach den visuellen Attraktionen der katalanischen Gruppe La Fura dels Baus ist es wahrscheinlich schwierig, jemanden zu überraschen. Spektakuläres Lichtdesign, die Maschinerie, farbenfrohe Landschaften – das alles gab es schon. Warum fielen dann 7 Deaths of Maria Callas und Turandot in dieselbe Kategorie, wie können wir überhaupt die Opernprojekte von Marina Abramovic und Vasily Vovkun vergleichen?

Die Frage ist alles andere als rhetorisch. Es ist kein Zufall, dass beide Aufführungen als PROJEKT bezeichnet worden sind. Offensichtlich, wenn auch nicht auf den ersten Blick, skizzieren beide Produktionen eine der modernen Tendenzen der totalen, sich manchmal gegenseitig ausschließenden Synthese, gefolgt von einem Fragezeichen (?). Und dies ist schon eine Intrige aus dem Blickwinkel des weiterführenden Konflikts zwischen Destruktion und Anti-Destruktion in modernen Opernproduktionen. Was passiert nach einer Reihe von der „doppelten Negation“ von Opernprojekten-Performance-minus-Oper oder Vision-Art+Plus+Fahsion-Design? Erinnern wir uns an den zutreffenden Satz der ukrainischen Sängerin, Solistin der Wiener Volksoper Zoryana Kushpler: “Die zeitgenössische Oper lebt von der Aura der Performance“.

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Was bedeutet das? Erstens die Beteiligung berühmter Künstler an der Opernproduktion, die die verschiedenen Arten der Kunstsynthese auf der Weltbühne umfassend ausprobiert haben, zum Beispiel herausragende Designer von Mode, Licht und Interieur. Dies ist kein neuer, sondern schon weit verbreiteter europäischer Trend, der von verschiedenen Opernhäusern getestet wurde. Der Gründer der italienischen Marke Valentino, Valentino Garavani, nähte persönlich die Kostüme für die Produktion der römischen La Traviata von Sofia Coppola, die japanische Modedesignerin Rai Kawakubo (Modelabel Comme des Garçons) stattete in Wien die Protagonisten der Oper Orlando von Olga Neuwirth aus, der niederländische Modedesigner Jan Taminiau (der Lieblingsdesigner der niederländischen Königin Máxima und von Lady Gaga) erfand die Kostüme zur Oper Ritratto des niederländischen Komponisten Willem Jeths und britische Modedesigner Gareth Pugh phantasierte die avantgardistische Kollektion zur Francesco Cavallis Eliogabalo. Und für die letzte Neuinszenierung Pelléas et Mélisande im Grand Theatre de Genève arbeitete Marina Abramovic als Regisseurin mit der niederländischen innovativen Modedesignerin Haute-Couture-Designerin Iris van Herpen zusammen. Die pompösen Kostüme für das Stück Turandot, die jedes für sich zu einem eigenen Kunstobjekt werden und die Museen und Laufstege der Modenschauen schmücken könnten, wurden von der berühmten polnischen Künstlerin Malgorzata Sloniowska entworfen.
Interessanterweise fuhr die britische Marke Burberry, deren Visitenkarte unter anderem farbige „karierte“ Regenschirme sind, ganz ohne „Karos“ zum Turandot nach Lviv, sondern mit malerischen chinesischen Papierschirmchen.

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Opera House Lviv / Turandot © Ruslan Lytvyn

Gleichzeitig ist die Idee des Bühnenbildes mit Sonnenschirmen (Luigi Scolio) eine erfolgreiche Anspielung sowohl auf ethnisch-chinesische Landschaftsrelikte als auch auf eine rein lvivische Sommerstraßengestaltung in der Copernicus-Straße. Parallelen und Assoziationen können fortgesetzt werden, zum Beispiel sah das Dekor der Terrakotta-Armee großartig aus. Letzteres war oft ein Element der Bühnenlandschaft, aber ich erinnere mich nicht an Produktionen, bei denen es so organisch zum Leben erweckt worden ist, dank der originellen Entscheidung des Regisseurs für dieses Mise-en-scène mit dem Chor.

So ist die Essenz beider Opernprojekte einerseits eine komplexe Herangehensweise an die pompösen Darstellungen der historischen dekorierten und kostümierten Operntraditionen, aber schon unter Verwendung der neuen Techniken (Dariusz Albricht, Alexander Mezentsev) – andererseits ist es eine exklusive Show mit Hollywoodfilmen, Modenschauen, Lichtdesign usw. Am wichtigsten war jedoch in beiden Produktionen die Pietät gegenüber der phänomenalen Operntradition – der lange und theatralische Tod, der in beiden Produktionen als totale Verschmelzung von Oper und Performance wie von Körper und Seele als integraler Bestandteil des Musiktheaters herausgearbeitet wurde. Beide Projekte – 7 Deaths of Maria Callas und Turandot – sind eine Hommage an Ihre Majestät die Oper und an ihre Opfer in der Realität und auf der Bühne – Maria Callas und Liu.

Marina Abramovic verkörpert in ihrem Projekt buchstäblich den Tod und die Ewigkeit der Operndiva, bei Turandot erinnert die Darstellung des Opernsterbens der Liu an die Negation der Negation Puccinis selbst – und dieses Geheimnis des letzten Opus des Komponisten ist interessanter als alle drei Geheimnisse von Turandot zusammen. Das Geheimnis des unvollendeten Meisterwerks bleibt ungelöst. In seiner letzten Oper bleibt der Komponist an der Schwelle zur traditionellen lieto fine stehen.

Puccini hat es zeitlich nicht mehr geschafft (oder wollte er es nicht mehr schaffen?), das Glück und die Liebe von Turandot mit dem Kalafen nach Lius Tod zu besingen. Und der Tod in der neuen Produktion von Turandot sowie in 7 Deaths of Maria Callas war und bleibt pathetisch.

Seit jeher zelebrieren sowohl Künstler als auch Publikum den langen, expressiv theatralischen Tod des Todes in der Oper. Aber, brauchen wir dieses Pathos noch heute? Sicherlich: um in der Seele eines jeden Menschen die Angst und den Schmerz über die unvermeidliche Näherung an das Nichtsein, an das persönliche Ende zu lindern.

—| IOCO Essay |—

München, Münchner Kammerspiele, Flüstern in stehenden Zügen – Live-Film, IOCO Kritk, 11.02.2021

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele @ Gabriela Neeb

Münchner Kammerspiele

Flüstern in stehenden Zügen – Theater-Live-Film von Visar Morina

– Notrufe ins All –

von Hans-Günter Melchior

Kahlköpfe haben es gut. Denn die Friseure sind allenthalben im Gespräch, die sie, die Kahlköpfe, nicht brauchen.

Wenn nur die Friseure wieder öffnen könnten, heißt es landauf landab und manche nehmen eine Reise von 140 km in Kauf. nur der Haartracht wegen. Und dann kommen sie zurück und man sieht ohnehin nur die Haare, darunter die Maske im Seeräubergesicht und das wars wieder einmal. War ja auch Zeit. Als hätte die Welt allein oder vor allem auf diese Zu-richtung des Kopfes gewartet.

Verdammt – wo leben wir eigentlich? In welcher Scheinwelt der Scheinwichtigkeiten?
Und die armen Theater?!   Die Theater, die wir brauchen.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Da rennt eine einsamer Mann (Bekim Lahiti) in diesem Behelfsstück, das sich Theater-Live-Film nennt, Flüstern in stehenden Zügen in einem dürftig beleuchteten Bühnenraum, einem Zimmer, von einer Ecke in die andere, hakelt sich turnerisch an einer Art Deckenlampe (?) in die Höhe und redet und redet wie nur Einsame reden: unzusammenhängend, sich selbst mit gutturalen Lauten unterbrechend und man versteht: der Typ sucht Anschluss. Telefonisch. Hallo, hallo, ist da jemand? Ein Notruf in der Not. Der Theaternot. Und manchmal antwortet ihm eine stilisierte Puppe, die eigentlich eine Frau ist (Leoni Schulz), aus einer Plastikhülle heraus mit gestanzten Sprüchen.

Und so geht es immer weiter, der Mann ruft an und bittet um Antwort, und manchmal wird ein Passwort von irgendwoher von ihm verlangt. In einer gestanzten Welt mit gestanzten Wichtigkeiten braucht man Passwörter. Und Sicherheitscodes, die sich vor die persönliche Kontaktaufnahme stürzen, als gelte es, sie zu verhindern.

Und ganz am Ende, o Wunder, tritt die Frau als lebendige Person auf und redet ein wenig mit ihm –, aber das Stück schon zu Ende. Gerade hat der Mann noch Zeit zu fragen, ob man das bemerkt habe: in stehenden Zügen fangen die Leute auf einmal an, miteinander zu flüstern.

Da ist richtig beobachtet. Und richtig ist auch, dass der Mann die Not des Theaters in Corona-Zeiten verkörpert: den Wegfall der Kommunikation. Denn Theater ist ein lebendiger Organismus. Autor, Schauspieler und Zuschauer sind eine Einheit.. Die einen sagen etwas und die anderen nehmen es in sich auf, denken darüber nach und überdenken es und atmen schneller oder belästigt, dass der Darsteller sich bald bestätigt fühlt, bald abgelehnt und in einen stummen Dialog gezwungen wird.

Corona lässt das nicht zu. Und so ist der einsame Telefonierer in diesem Stück die Verkörperung des gegenwärtigen Notfalls. Und man leidet mit ihm, freilich nur ein wenig, weil man nicht bei ihm ist im Theater, sondern nur bei ihm im Live-Film, und deshalb leidet man so wenig, wie man beim Anschauen eines alten traurigen Films leidet. Denn Theater ist leibliche Gegenwart, man muss dabei sein, lachen oder das Gesicht verziehen können, immer ist Theater auch ein Versuch der Überredung, der sugges-tiven Beeinflussung.

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Münchner Kammerspiele / Flüstern in stehenden Zügen © Katarina Sopcic

Ach ja, die Zeiten sind nicht so. Der Soziologe Armin Nassehi, der an LMU in München lehrt, sagt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung: „Und die Belastung für viele Gruppen der Gesellschaft, Eltern, Kinder, psychisch Kranke, Hilfsbedürftige, ist dramatisch. Aber diese Diag-nose sagt ja nicht gleichzeitig, dass das Virus dadurch ungefährlicher ist.“

Das ist so richtig wie verhängnisvoll. Er hat die Theater vergessen. Sicher aber auch gemeint. Er vertritt ein „systemtheoretisches Gesellschaftsmodell“, wohl in Anspielung auf Niklas Luhmann, nach dessen Theorie jede gesellschaftliche Gruppe ein spezifisches, in sich geschlos-senes System darstellt und Gesellschaft erst durch die Interaktion zwi-schen den Systemen entsteht. Der junge und recht forsche Philosoph Markus Gabriel zeichnet in seinem Werk „Fiktionen“ nicht unähnlich eine Wirklichkeit, die lediglich aus sogenannten „Sinnfeldern“ besteht, die Welt an sich, das heißt als Ganzes, gibt es für ihn gar nicht.

Gerade sie aber will das Theater wiederherstellen. Den Kosmos der An-schauungen und Gefühle in der unmittelbaren Gegenwart der Zeugenschaft durch anwesende Zuschauer Die Welt als Ganzes, mag sie auch eine Fiktion sein. Weil wir gerade in dieser Welt leben. Ein wenig hat die ersatzweise gebotene Konfektionsware etwas von einer Speise, die vor sich hin verdirbt.

Dennoch: es ist der Versuch, den Kopf oben zu behalten. Im stehenden Zug ist das Flüstern ein Lebenszeichen. Immerhin.

—| IOCO Kritik Münchner Kammerspiele |—

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