Linz, Landestheater Linz, FIDELIO – TWICE THROUGH THE HEART, IOCO Kritik, 14.10.2020

Oktober 14, 2020 by  
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Landestheater Linz

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

Landestheater Linz / Neues Musiktheater Volksgarten © Sigrid Rauchdobler

FIDELIO   – TWICE  through the HEART

Ludwig van Beethoven  –  Mark-Anthony Turnage

von Marcus Haimerl

Für die aktuelle Saison hat Intendant Hermann Schneider das Motto „Freiheit“ gewählt und inszeniert mit der ersten Opernpremiere eben dieser Saison FIDELIO, die Freiheitsoper des Jahresregenten Ludwig van Beethoven (1770-1827)  höchstpersönlich. Allerdings beschränkt man sich in Linz nicht auf eine einfache Umsetzung der Fassung des Fidelio in der Fassung von 1814, sondern implantiert in dies Werk die knapp 30-minütige, dramatische Szene Twice through the Heart, des britischen Komponisten Mark-Anthony Turnage (*1960), die gleichzeitig ihre österreichische Erstaufführung erlebt.

Die schottische Lyrikerin Jackie Kay hat für die ursprüngliche Fassung ihres Librettos auf die Gerichtsakten des Falls der Amelia Rossiter zurückgegriffen, die nach 10-monatiger Ehe 1987 ihren gewalttätigen Mann erstochen hat.

FIDELIO – TWICE through the HEART
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Dieses Monodrama für Mezzosopran und 16 Instrumentalisten handelt – in neun Szenen –  von einer namenlosen Frau, die in ihrer Gefängniszelle sitzt und von den Misshandlungen ihres Ehemannes berichtet. Als dieser versuchte, sie zu erdrosseln, erstach sie ihn in Notwehr mit einem Küchenmesser (Szene 1 – No way out). Die Jahre ehelicher Gewalt haben die Frau isoliert. Sie schweigt vor Gericht über die Taten ihres Mannes. (Szene 2 – Inside)

Sie erinnert sich an Momente des Glücks der Ehe, aber auch über die beginnende Grausamkeit, die nach der Geburt des gemeinsamen Kindes beginnt (3. Love). Die Frau hat nie über die Gewalt gesprochen. Sie war ihrem Ehemann gegenüber immer loyal und träumte von einem gemeinsamen bürgerlichen Leben (4. By the sea). Die Scham über ihre Erlebnisse hat die Frau verstummen lassen, aber die Erinnerungen begleiten sie (5. Inside #2).

Durch die Gewalt im eigenen Haus fühlte sich auch dieses wie ein Gefängnis an. Jeder Versuch von Freiheit oder Freude wurde von ihrem Ehemann unterdrückt (6. Four Walls).
So wie ihr Ehemann nunmehr begraben ist, fühlt sich die Frau in ihrer Zelle begraben (7. Interlude / 8. Landslide). Eine Porzellantasse, aus der sie allabendlich ihren Tee trinkt, erinnert sie an zu Hause (9. China cup).

Landestheater Linz / FIDELIO - THWICE through the HEART - hier :  Katherine Lerner, Erica Eloff © Herwig Prammer

Landestheater Linz / FIDELIO – THWICE through the HEART – hier : Katherine Lerner, Erica Eloff © Herwig Prammer

Zwei Seiten einer Medaille sollen hier gezeigt werden. Einerseits die Liebe von Leonore, die ihren Ehemann aus dem Kerker befreit, andererseits die namenlose Frau, die sich durch Notwehr aus der Ehehölle befreit. Zwar ist Mark-Anthony Turnages Szene zwischen ersten und zweiten Akt eingebaut, jedoch wird die namenlose Frau bereits im ersten Akt in die Handlung integriert und bleibt auch während des zweiten Aktes dauerhaft in ihrer Zelle auf der Bühne.

Für die Regiearbeit Hermann Schneiders schuf Falko Herold (Bühne, Kostüme und Video) ein Einheitsbühnenbild, welches eine dystopische Welt darstellen soll, Cineasten aber durchaus auch an die bekannte Szene aus Carol Reeds Meisterwerk Der dritte Mann in den Kanälen Wiens erinnern könnte. In der Mitte der Bühne befindet sich eine Wasserfläche, die bei jedem Schritt entsprechend platschende Geräusche erzeugt. Seitlich, am Ende einer langen Metalltreppe befindet sich eine Art Kommandozentrale.
Ungemein erfreulich ist vor allem die musikalische Seite des Abends, auch wenn durch die Streichung sämtlicher Dialoge Beethovens Werk Schaden erleidet und auch dem Kenner der Oper das Folgen der Handlung nicht einfach gemacht wird.

Die südafrikanische Sopranistin Erica Eloff begeistert als Titelheldin mit unglaublich durchschlagskräftigem Sopran und einer exzellenten Nuancierung. Eine ebenso beeindruckende Leistung erlebt man von Marco Jentzsch, der mit der Strahlkraft seines kräftigen, edlen Tenors ein großartiges Rollendebüt feiern konnte.
Überzeugen konnten auch die Sänger des Linzer Opernensembles: Adam Kim als Don Pizzaro, auch wenn hier ein wenig mehr Boshaftigkeit durchklingen dürfte, Dominik Nekel als fantastischer Rocco, Martin Achrainer als luxuriös besetzter Don Fernando, sowie Mathias Frey als Jaquino und Fenja Lukas als Marzelline.

Eine ganz besondere Leistung erlebt man zweifelsohne von Katherine Lerner, deren unglaublich intensive stimmliche und darstellerische wie auch leidenschaftliche Gestaltung des Mezzoparts von Mark-Anthony Turnages Twice through the heart ein eindringliches Bild jener Frau zeichnet, die nur durch Notwehr der Hölle ihrer Ehe entfliehen kann, um dann doch wieder in Gefangenschaft zu gelangen.

Musikchef Markus Poschner gelingt mit dem Bruckner-Orchester Linz eine intensive und unglaublich lebendige Umsetzung von Beethovens Partitur. Besser hat man Beethovens Oper schon lange nicht mehr gehört. Entsprechender Jubel am Ende für einen musikalisch perfekten Abend, der noch bis Februar erlebt werden kann.

FIDELIO – TWICE through the HEART am Landestheater Linz; die nächsten Vorstellungen 17.10.; 19.10.; 23.10.; 27.10.; 1.11.; 17.11.; 29.11.; 5.12.2020 und mehr

—| IOCO Kritik Landestheater Linz |—

Graz, Schlossbergbühne Kasematten, Fidelio – „Namenlose Freude“ in berstender Musikalität, IOCO Kritik, 29.08.2020

Schloßbergbühne Kasematten

Schlossbrgbuehne Kasematten in Graz / Fidelio - hier : Dirigent Marcus Merkel, Grazer Philharmoniker und das Publikum © PhotoWerk

Schlossbrgbuehne Kasematten in Graz / Fidelio – hier : Dirigent Marcus Merkel, Grazer Philharmoniker und das Publikum © PhotoWerk

Fidelio –  Schlossbergbühne Kasematten – Graz

– „Namenlose Freude“  in berstender  Musikalität –

von Michael Stange

Mit Beethovens Fidelio fand in der Schlossbergbühne Kasematten von Graz eine der ersten österreichischen Opernproduktionen nach dem Corona-Lockdown statt. Die Grazer Kasematten sind neben Oper und Konzerthaus eine einzigartige Kulisse für Opernaufführungen. Ursprünglich Kellergewölbe des Schlosshauptmannshauses, Vorratslager und Gefängnis, dienen sie seit neunzig Jahren als Naturtheater.

 Österreichischer Corona-Musik-Lockdown endet in Graz mit FIDELIO

Die Widerbelebung der sommerlichen Opernaufführungen hat Kapellmeister Marcus Merkel und der von ihm gegründete Verein Junge Konzerte Graz initiiert. Insbesondere die Grazer Spielstätten und ihr Leiter Bernhard Rinner haben dies mit ihrem Engagement und ihrem Elan ermöglicht. Als Markus Merkel das Projekt Anfang des Jahres an Chor und Orchester herantrug verzichteten die beteiligten Musiker damals spontan sofort auf ihre Ferien und sagten ihre Mitwirkung zu. Zum Gelingen beigetragen haben ferner viele Sponsoren und unzählige Helfer, die sich mit großem Enthusiasmus in das Projekt warfen.

Schlossbergbühne Kasematten in Graz / Fidelio - hier : Dirigent Marcus Merkel, Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner © Martin Schönbauer

Schlossbergbühne Kasematten in Graz / Fidelio – hier : Dirigent Marcus Merkel, Ausstatterin Emma Hoffmann und Hausherr Bernhard Rinner © Martin Schönbauer

Den Beteiligten ist dafür zutiefst zu danken und der Erfolg war für alle Lohn und Glück zugleich. In den drei ausverkauften Aufführungen konnten Mitwirkende und über 2000 Menschen wieder eine der größten Opern der Musikgeschichte erleben. Gerade in Zeiten der Corona-Pandemie mit der aus infektiologischen Gründen erforderlichen Distanz, dem Abstandhalten und Vereinsamung, sind die Themen Liebe, Freiheit und Gemeinschaft des Fidelio ein brennendes Thema.

Das gewölbeartige Backsteintheater mit seiner Gefängnishistorie bot optisch und historisch eine ideale Kulisse für den halbkonzertanten Fidelio. Unter wetterfestem Dach führte Andrea Baquero (Ausstattung: Emma Hoffmann) Regie. Klug nutzte sie den knappen Bühnenraum aus. Die Beziehungen zwischen den Figuren wurden im 1 Akt durch geschickte Positionierung auf beiden Bühnenseiten dargestellt. Dies erläuterte Handlung und die Beziehungsgeflechte der Akteure. Leonore war ein kecker, aber zugleich zurückhaltender Junge mit weißem Hemd und Schiebermütze. Florestan liegt nach der Arie wie tot auf dem Boden. Leonore und Rocco finden ihn nach Durchschreiten des Zuschauerraumes. Die Auseinandersetzung zwischen Leonore und Pizarro wird mit brennender Wucht gespielt.

Beethoven lässt seine Oper Fidelio zunächst wie ein heiteres Singspiel über Liebe und Eifersucht zwischen jungen Leuten beginnen. Erst mit dem bedrohlichen Zwischenspiel und dem Auftritt Roccos wird klar, dass sich ein großes Drama mit ungewissem Ende ausrollt.

Diese Steigerung der Dramatik, die vielschichtigen Nuancen und Wendungen mit ihrer emotionalen Wucht und die Botschaften von Liebe, Freiheit und Gemeinschaft loteten alle Beteiligten mit großer Kunst aus. So entstanden musikalisch grandiose und herausragende Fidelio Vorstellungen, die zu den Besten gehörten, die seit langem geboten wurden. Alle Beteiligten waren mit immensem Feuer und einer Hingabe bei der Sache, dass man meinte, man höre das Werk zum ersten.

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio - hier : v.l. Barbara Krieger, Marcus Merkel, Bryn Terfel © PhotoWerk

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio – hier : v.l. Barbara Krieger, Marcus Merkel, Bryn Terfel © PhotoWerk

Barbara Krieger als Leonore nahm man schon optisch mit ihrer Schiebermütze und der sportlichen Gestalt ab, dass sie sich aus Liebe zu Florestan als Mann verkleidet, um als Diener des Kerkermeisters Rocco ihren Gatten zu suchen. Stimmlich entwickelte sie die Rolle im Sinne des Dramas. Leise und verhalten nahm sie das erste Duett mit Marzelline und das Quartett. Durch Pianotöne und sinnlich verhaltenes Singen gab sie bis zum Terzett einen Kundschafter, der neues Terrain erkunden und sich den ihr unbekannten übrigen Protagonisten mit Charme, Zurückhaltung aber auch Tatkraft bei der Arbeit annähert. In der Arie Abscheulicher, wo eilst Du hin“ entfaltete sie dann endgültig ihre gesamte vokale Pracht.

Den Beginn nahm Barbara Krieger mit ergreifenden dunklen Vokalen. „Komm Hoffnung..“ begann sie mit zartem Piano das ihren ganze Erwartung und Sehnsucht nach dem Wiedersehen mit Florestan stimmlich auszudrückte. Die anschließenden hohen Töne nahm sie völlig locker und flutete die Stimme mit so großen Elan, dass ihre Arie zu einer Glanzleistungen des 1.Aktes wurde. Im 2. Akt bot sie insbesondere bei „Halt, töt erst sein Weib…“ eine Wucht und Verve, die den stimmlich und körperlich hühnenhaften Pizarro und das Publikum erstarren ließen. In dieser Leonore hat Barbara Krieger ihre herausragenden stimmlichen Mittel und ihr beeindruckendes Gestaltungsvermögen erneut unter Beweis gestellt. Wie sie ihre Emotionen durch ihre Stimmfarben ausdrückte und ihre vokalen Reserven in den dramatischen Momenten machtvolle und locker zugleich entfaltete, war staunenswert. Ein Sopran der Extraklasse. Sie riss mit und ließ durch ihre Intensität häufig erschauern.

Bryn Terfel war ihr potenter Gegenspieler. Der walisische Bariton feierte in Graz sein Rollendebut. Die Bösartig und Grausamkeit Pizzaros füllte er mit Schauspielkunst und gesanglicher Verve aus. Stimmliche Intensität und machtvolle Tonfülle prädestinieren ihn neben seinen Wagnerrollen und dem Scarpia für den Pizarro. Sein Erschrecken über die Revision der Gefängnisse folgt bei Ha welch ein Augenblick…“ ein bebender vulkanischer Ausbruch. Eine Glanzleistung von intensiver Tiefe und Dramatik und ein eindrucksvolles Rollendebut.

Roberto Sacca war ein Florestan mit Tonfülle, Stimmkultur und Rollenidentifikation. Er bewies erneut, dass er einer der führenden europäischen Tenöre des lyrisch dramatischen Fachs ist. Die Arie „Gott welch Dunkel“ nahm er nach dramatischem Ausbruch mit dem Text folgender stimmlicher Modulation, und berückenden Pianotönen. Mit immenser Dramatik schwang er sich in ein brillant gesungenes himmlisches Reich auf. Ein Sänger von packender Wucht, der sich in seiner Karriere von Mozart bis in das dramatische Fach entwickelt und bis heute die Gesangskultur und das Timbre seiner Glanzzeit bewahrt hat.

Narine Yeghiyan war eine selbstbewusste ungemein farbenreiche, betörende Marzelline mit großen vokalen Reserven. Mit süßem, verführerischem Klang und großem Atem nahm sie ihre Arie und die Ensembles. In der Auseinandersetzung mit Jaquino durch mühellose dramatische Steigerungen wird deutlich, dass sie vom Leben einen Ehemann mit Saft und Kraft erwartet.

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio - hier: v.l. Bryn Terfel und Marcus Merkel © PhotoWerk

Graz Schlossbergbühne Kasematten/ Fidelio – hier: v.l. Bryn Terfel und Marcus Merkel © PhotoWerk

Peter Kellner hat mit dem Rocco eine seiner Glanzrollen gefunden. Sein tiefes Bassfundament, die strömende Mittellage und die federnde Höhe machen ihn zu einem der vielversprechendsten Bässe der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Mit gesanglicher Brillanz, Spielfreude und immenser Musikalität lotete er die gemütlichen Seiten aber auch den Widerstand gegen Roccos Mordpläne vielschichtig aus. Seine Arie Hat man nicht auch Gold beineben….“ sprühte vor Charme und Witz. Man sah ihn vokal förmlich mit den Münzen jonglieren. Einst Ensemblemitglied der Grazer Oper ist der Dreißigjährige nun an der Wiener Staatsoper engagiert.

Neven Crnic als Minister war eine Luxusbesetzung. Der Sechsundzwanzigjährige verströmte seinen Heldenbariton mit einer Klangschönheit und Poesie, die heute selten zu hören ist. Die Stimme sitzt perfekt, er entfaltet eine unglaubliche Wärme in der Mittellage, die er mit strahlendem Gesang in der Höhe krönt.

Mario Lerchenberger war als Jaquino gleichfalls ein Ereignis. Mit warmem, lyrischem, edel klingendem Tenor – wie geschaffen für Mozart – gestaltet er als Jüngster im Ensemble seine Rolle mit großem Einsatz und Meisterschaft.

Neben den jungen Kräften sang Tenorlegende Reiner Goldberg, der in Graz 1980 in Kreneks Johnny spielt auf, debütierte einen beeindruckenden 1. Gefangenen. Stimmklang und Timbre erinnerten an seine großen Leistungen in Bayreuth und Salzburg. Er sang seine kurze Passage mit derart blühendem Tenor und strahlendem Ton, dass man nicht glaubte dass ein Achtzigjähriger auf der Bühne stand.

Die Mitglieder des Grazer Opernchores sangen klangschön mit Vielschichtigkeit und Leidenschaft. Mit Glut, sprühender Musikalität und überirdischem Spiel bestachen die Mitglieder der Grazer Philharmoniker.

Die treibende Kraft der Aufführung war Kapellmeister Marcus Merkel. Seine Klangvorstellungen, waren von übervoller Poesie und rhythmischer Präzision. Er vermittelte sie so überzeugend, dass trotz der Spielpause eine faszinierende Symbiose aller Musiker entstand. Sein Konzept war von einer fließenden, lyrischen Intensität und dramatischen Dichte geprägt. Innigen Momenten ließ er genug Raum, düstere Passagen präsentierte er in getragenem Tempo, um dann in dramatische Attacken ein atemberaubendes Tempo vorzulegen. Dies durchzog schon das Vorspiel, das so schon dort einen Ausblick auf die kommende Handlung und seine Lesart der Partitur gab. Mit diesem Ausloten und Auskosten der Partitur wurde Fidelio zu einem spannungsgeladenen Drama. Seine phänomenalen Musikalität und seine Fähigkeit sein Gespür für die dramatischen Entwicklungen auf alle Mitwirkenden zu übertragen, sucht seinesgleichen. Klangbild und Spannungsbögen rissen von ersten bis zur letzten Minute mit. Ein Ausnahmedirigent, der fesselte und begeisterte.

In Graz wurde in diesen drei Aufführungen gezeigt, dass und wie furioses Musiktheater geht und welche Begeisterungstürme es hervorruft. Hoffentlich war dies der Startschuss einer neuen Grazer Sommeroper mit vielen künftigen Auftritten aller Beteiligten.

Fidelio in der Grazer Kasematten; besuchte Vorstellung 23.8.2020

—| IOCO Kritik Schloßbergbühne Kasematten |—

Bonn, Theater Bonn, Fidelio – realer Befreiungsaufruf – für Kurden, IOCO, 04.01.2020

Januar 5, 2020 by  
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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu

Theater Bonn © Thilo Beu

Fidelio – Ludwig van Beethoven

 Beethoven-Jahr – Beginn mit real politischer Befreiungsoper

von Viktor Jarosch

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Denkmal in Bonn © IOCO

Der Weltgeist Ludwig van Beethoven, wurde vor 250 Jahren, am 17.12.1770 in Bonn geboren. Zu dieser Zeit pulsierte in Bonn das Musikleben in allen Ausprägungen; in der Hofkapelle, in Kirchen, in der Oper. Maximilian Franz (1756-1801), musikaffiner Sohn von Maria Theresia von Habsburg, kam 1784 in seine neue Residenzstadt Bonn, um dort als Kurfürst von Köln und Fürstbischof von Münster die Regierungs-geschäfte seiner Bistümer zu leiten. Beethovens Vater Vater war zu dieser Zeit Sänger am Bonner Hof, sein Großvater zuvor Kapellmeister. So wuchs Ludwig van Beethoven in eine blühende Musikkultur hinein: Orgel spielte er bereits mit 11 Jahren Orgel in Kirchen, Klavier bei den Kammermusikern des Kurfürsten, Bratsche im Hoftheater. Auch der Kurfürst lernte Beethoven früh schätzen: er sendet ihn nach Wien, um bei Joseph Haydn für die Bonner Hofkapelle musikalisch weiter ausgebildet zu werden. Doch Wien wurde für Beethoven zu seiner neuen Heimat: von persönlichen Krisen und Hörbeschwerden stark behindert, wuchs er dort zu jenem musikalischen Weltgeist, der in der Europahymne der Europäischen Gemeinschaft (Vertonung von Schillers Ode an die Freude) täglich hörbar und spürbar ist.

Fidelio am Theater Bonn – Hochpolitischer Fokus auf Kurden in der Türkei

Das Theater Bonn beginnt das Beethoven-Jahr am 1. Januar 2020 mit der Premiere dessen „Befreiungsoper“ Fidelio. Befreiungsopern waren Anfang des 19. Jahrhunderts populär. So hatte Intendant des Theater an der Wien, Peter Freiherr von Braun, hatte Beethoven den Auftrag für eine solche Oper erteilt. Die 1798 uraufgeführte französische Oper Léonore, ou L‘amour conjugal, in welcher eine Frau ihren Mann aus der Herrschaft der Jakobiner befreit, inspirierte Beethoven zu Fidelio. Die Uraufführung der ersten Fidelio-Version, 1805 im Theater an der Wien war wenig erfolgreich. Erheblich überarbeitet wurde 1814, neun Jahre später, die im Kärntnertortheater uraufgeführte dritte Fidelio-Version zum großen Erfolg: Das Allgemein-Menschliche des Handelns wird überhöht und kompositorisch herausgestellt: die große Befreiungsoper der Menschheit war geschaffen, war Grundlage für die hochpolitische Inszenierung im Theater Bonn.

Theater Bonn / Fidelio - hier : Marzelline und Jaquino auf der Bühne, unten, im Media-Markt oben © Thilo Beu

Theater Bonn / Fidelio – hier : Marzelline und Jaquino auf der Bühne, unten, im Media-Markt oben © Thilo Beu

Filmset – Moderne Videotechnik verbindet die Bühne mit Weltgeschehen

Regisseur Volker Lösch ergänzt auf der Bühne die dramaturgische Authentizität von Beethovens Fidelio um die Befreiung des in Isolationshaft gehaltenen politischen Gefangenen Florestan mit einer Dokumentation über verfolgte Kurden in der Türkei. Die Bühne (Carola Reuther) ist als Nachrichtenstudio / Filmset gehalten, ohne alle Kulissen, vollständig grün ausgekleidet. Diese Greenscreen-Technik (Videodesign Chris Kondek und Ruth Stofer) verbindet im Theater Bonn Beethovens bekannte Oper über zahlreiche Videos und Zeitzeugen auf der Bühne (beständig gefilmt von zwei Live-Kameras) mit der Kurdenproblematik in der Türkei. Unruhen, kriegerische Gewalt, aktuelle Hintergründen oder Filmaufnahmen aus Istanbul, Ankara werden auf eine 10 x 5 Meter große Leinwand projiziert. Das beständige Zusammenspiel von Beethovens Komposition mit Badestrand, Krieg und Elend in der Türkei geben dem Besucher das ungewohnte Gefühl, das moderne Werk eines zeitgenössischen Komponisten zu erleben. Das komplexe Regie-Konzept fordert Besucher, Darsteller, Orchester und Regie gleichermaßen: Doch Volker Lösch und sein Team beschreiten mit dieser Inszenierung neue Wege: ein ernsthaftes Experiment, welches mitreißt und gelungen ist.

Beethoven Haus in Bonn © IOCO

Beethoven Haus in Bonn © IOCO

Beethovens Komposition wird im Theater Bonn ungestrichen gespielt; die offene Struktur der Fidelio-Handlung wird jedoch von fünf in Deutschland lebenden kurdischen ZeitzeugInnen immer wieder aufgebrochen; auf der Bühne oder an einem Tisch neben dem Filmstudio sitzend, wird von konkret Erlebtem erzählt, von grausamer Folter, von Frauen, die an den Haaren aufgehängt wurden, von Zerstörung, Krieg, Gefängnissen; befragt werden dabei die ZeitzeugInnen von „Filmregisseur“ Matthias Kelle. Prominentester Zeitzeuge auf der Bühne war der in Köln lebende Schriftsteller Dogan Akhanli, der in einem Buch seine Verhaftung und Folter in der Türkei beschrieben hatte. Differenzierende, allgemeine Betrachtungen greift in diesen Darstellungen nicht!  Aktuelles, von den Individuen auf der Bühne konkret erlebtes und deren Sehnsucht nach einem friedvollen Leben sind Fokus der Inszenierung.. Der Mut der Darsteller auf der Bühne, ihre persönlichen Erfahrungen in der Türkei mit den Besuchern des Theater Bonn zu teilen, sich deshalb,außerhalb des Theaters vielleicht mit der Aggressivität radikaler Andersdenkender auseinanderzusetzen zu müssen, ist allein beeindruckend.

Theater Bonn / Fidelio - hier : Der Gefangenenchor, unten, auf der Leinwand Fotos Gefangener, Misshandelter © Thilo Beu

Theater Bonn / Fidelio – hier : Der Gefangenenchor, unten, auf der Leinwand Fotos Gefangener, Misshandelter © Thilo Beu

Zur kurzen Ouvertüre des hochgefahrenen Orchesters leuchtet auf der Leinwand auf der Bühne in großen plakativen Lettern: KOMMANDO BEETHOVEN „zur Sichtbar-machung von politischen Gefangenen in der Türkei“. Es folgen Videos über die Stadt Istanbul, politischen Massenjubelfeiern dort, Flüchtlingstrecks, der Pegida in Leipzig, Merkels umstrittenes „Wir schaffen das“ und Erdogans drohendes „Hey, Europäische Union, reißt euch zusammen…“. In den folgenden Szenen werden die Darsteller auf der Bühne von Video-Sequenzen auf der Leinwand begleitet, das Orchester ist heruntergefahren. Marzelline (Marie Heeschen in hellem, frischem Sopran) und ihr Jaquino (Kieran Carrel) laufen streitend und ,eingespielt, wie sie mit Einkaufstüten durch den Media Markt (Foto oben). Die „angenehme“ friedliche Seite der Türkei erscheint: Badestrände, Yachten, spielende Kinder.

In späteren Videos reißt Leonore (Martina Welschenbach (weich, wohl timbrierten Sopran) in ihrer Arie „Komm, o Hoffnung“, als Racheengel mit gestrecktem Arm und geballter Faust durch die Luft fliegend, die Mauern aller Gefängnisse niederreißt, während Marzelline auf rotem Sofa vom geordneten bürgerlichen Leben träumt. Zur mächtigen Gold-Arie des Rocco („Hat man nicht auch Gold beineben, Kann man nicht ganz glücklich sein..“,  Karl-Heinz Lehner kraftvoll und gut verständlich) fliegen er und Marzelline auf der Leinwand auf einem Euro-Schein dahin: Live-Kameras filmen die Darsteller beständig auf der Bühne, hinter der Bühne werden diese Aufnahmen mit anderen Filmen „gemischt“ und auf die große Leinwand projiziert.

 Theater Bonn / Fidelio - hier : Aufruf zum Ende der Vorstellung  © Thilo Beu

Theater Bonn / Fidelio – hier : Aufruf zum Ende der Vorstellung  © Thilo Beu

Der Gefangenenchor ist ein Höhepunkt jeder Fidelio-Inszenierung. Im Greenscreen-Studio des Theater Bonn erscheinen die Gefangenen als grün verhüllte Wesen, in gesucht überhöhtem Ausdruck menschlichen Leids und Elend, als unterdrückte seelenlose Masse; als nicht-menschliche Wesen. Dieser optisch quälende Anblick wandelt sich ergreifend zu dem sich von sanfter Wehmut in kraftvolle Emphase wandelndem Chor „O welche Lust, in freier Luft, den Atem leicht zu heben! Nur hier, nur hier ist Leben..“; (Einstudierung Marco Medved); die nicht-menschlichen Wesen werden  zu Individuen, Menschen, wenn sie sich langsam ihre grünen Hüllen entledigen. Während-dessen die Leinwand über ihnen beständig Fotos zahlreicher in der Türkei Gefangener zeigt. Florestans Arie „Gott, welch Dunkel hier…“, von Thomas Mohr zu Beginn nahezu unsichtbar in einer Kiste liegend lyrisch ausdrucksstark vorgetragen, spiegelt die Qualen des Individuums, des Einzelnen: Beethovens Postulat an die Menschheit.

So endet Fidelio am Theater Bonn mit dem Freiheitsruf auf der Leinwand: FREE THEM ALL und dem am Bühnenrand stehenden Ensemble, welches auf Plakaten die Freiheit in der Türkei inhaftierter fordert.

Beethoven Grab in Wien © IOCO

Beethoven Grab in Wien © IOCO

Der große Erfolg der vielschichtig polarisierenden Inszenierung hängt maßgeblich auch „in den Händen“ von GMD Dirk Kaftan und dem Beethoven Orchester Bonn. Die beständige Abstimmung von Beethovens Komposition mit den vielen Facetten von Volker Löschs spezieller Regie, den Erzählern und der Video-Flut auf der Leinwand ist für Dirigent und Orchester äußerst anspruchsvoll. Zwar reduziert die Inszenierung Beethovens Komposition ein wenig in ihrer Größe. Umso größer ist unsere Referenz vor Dirk Kaftan Ditigat und dem Beethoven Orchester für ihr sängerfreundliches und ausdrucksvolles Klangfestival.

Der Beifall für die auffällige, kontroverse, Widersprüche herausfordernde Fidelio-Inszenierung am Theater Bonn war überraschend positiv, frenetisch. Orchester, Ensemble und Chor wurden ebenfalls gleichermaßen anhaltend und begeistert gefeiert.

Aufforderung an Alle: Nehmt Teil an dem Befreiungs-Postulat

Postkarten, nach der Vorstellung im Theater – Eingang für die Besucher ausgelegt: gerichtet an Politiker und Inhaftierte, so auch an: „Lieber Selahattin Demirtas, wir sind tief besorgt, daß Sie und Tausende von Menschen in der Türkei inhaftiert sind, weil Sie von Pressefreiheit Gebrauch machen wollten…“.

Fidelio am Theater Bonn; die weiteren Vorstellungen 4.1.; 16.1.; 24.1.; 2.2.; 9.2.; 15.2.; 14.3.; 27.3.2020

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Chemnitz, Theater Chemnitz, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Fidelio – Ludwig van Beethoven

Florestan, ein Mitglied der Oberklasse, ist verschwunden ….

von Thomas Thielemann

Die Oper Chemnitz hatte zur zweiten Aufführung der leider wenig beachteten klugen und sensiblen Inszenierung des Fidelio von Ludwig van Beethoven eingeladen. Auch um das desaströse Bild der Stadt in den Medien etwas gerade zu rücken. Eventuell wollte das Haus einen Beitrag zur Deutung des eigentlich unmöglichen Wahlverhaltens der Sachsen am letzten Wochenende leisten.

Fidelio –   Ludwig van Beethoven
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In einer beliebigen Bananenrepublik unserer Tage ist das Mitglied der Oberklasse, Florestan, verschwunden. Seine Ehefrau Leonore nutzt skrupellos alle Möglichkeiten, um ihren Mann aufzuspüren und der Gesellschaft zurückzugeben. Da ist für sie auch legitim, in der Verkleidung als Fidelio die Treuherzigkeit des Gefangenenwärters Rocco zu missbrauchen, seine Tochter Marzelline verliebt zu machen und sogar eine Eheschließung vorzubereiten.

Theater Chemnitz / Fidelio - hier : Guibee Yang  als Marzelline © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Fidelio – hier : Guibee Yang  als Marzelline © Nasser Hashemi

Soweit ist die Inszenierung von Robert Lehmeier mit ihrer guten Personenführung fast konventionell. Den ersten Akt mit der Vorbereitung einer Grillparty zu verbinden, bis dann die robusten Personenschützer des Pizarros die Bühne übernehmen, ist nicht besonders originell. Auch dass Lehmeier die Geschichte aus der Sicht Marzellines erzählen lässt, fand ich als Zuhörer angenehm. Denn die oft von Sängern gestammelten Rezitative und Dialoge zwischen den Musiknummern waren gestrichen. Stattdessen wurden die Reflexionen der jungen Frau von der guten Schauspielerinnenstimme Christine Gabsch „aus dem Off“ (so die nette die Einführung Vortragende) eingesprochen.

Lehmeiers Inszenierung schien sich damit auf die eigentlichen Verlierer des Geschehens Marzelline, Rocco und Jaquino zu bewegen, als die Robert-Schumann-Philharmonie unter der beeindruckenden Leitung des „assistierenden Kapellmeiste“ Jakob Brenner mit der Leonoren Ouvertüre Nr.2 (von 1805) mit einem musikalischem Höhepunkt des Abends das Finale vorbereitete.

Der Vorhang öffnete sich: statt der bis zu dieser Phase des Geschehens dunklen Farben über-raschte Robert Lehmeier sein Publikum mit einem vorwiegend vertikal angeordnetem gewaltigen Statisterie Aufgebot in bunter „Verkleidung“, fast regungslos nur mit einer der Pantomime entlehnten Armbewegung.

Vor diesem offensichtlich desinteressierten aber auch unbeachteten statischen Winke-Volk lässt Lehmeier die berühmte Schlussszene als „Friede-Freude-Eierkuchen“ in zugegebenermaßen hoher musikalischer Qualität ablaufen, indem sich der Minister, Leonore, Florestan mit Chorbegleitung gegenseitig befeiern. Dazu am rechten Bühnenbereich die „Verlierer“ Marzelline, Rocco, Jaquino.

Theater Chemnitz / Fidelio - hier : Siyabonga Maqungo als Jaquino, Magnus Piontek als Rocco, Pauliina Linnosaari als Leonore © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Fidelio – hier : Siyabonga Maqungo als Jaquino, Magnus Piontek als Rocco, Pauliina Linnosaari als Leonore © Nasser Hashemi

Ein Opernschluss, der regelrecht im Halse stecken geblieben ist, denn, sind nicht die wahren Verlierer Jene, die nicht aus ihrer Beteiligungslosigkeit herausfinden? Mit jedem unserer Abstecher nach Chemnitz hat uns die Qualität, wie dort musiziert und gesungen wird, gefallen. Die Robert-Schumann-Philharmonie als guter Sinfoniker und Sänger-begleiter über-zeugte diesmal mit der aufmerksamen Leitung des „assistierenden Kapellmeisters“ Jakob Brenner.

Eine sängerisch-schauspielerisch auch emotional bewegende Leistung bot die Koreanerin Guibee Yang vom Hausensemble als Marzelline. Spröder und gewollt distanzierter war eine stimmgewaltige Leonore der finnischen Sopranistin Pauliina Linnosaari zu erleben. Der Petersburger Viktor Antipenko ist seit seinen Einsätzen im Ring für das Haus ein häufiger und zuverlässiger Tenor-Gast. Stimmgewaltig erwies sich gleichfalls der ungarische Gast Kristián Cser in der Rolle des Pizarro. Über derart zuverlässige Ensemblemitglieder, wie Magnus Piontek (Rocco) und Siyabonga Maqungo (Jaquino), verfügt auch nicht jedes Opernhaus. Florian Sievers als erster Gefangener und André Eckert sowie Andreas Beinhauer vervollständigten die Sänger-Riege.

 Fidelio am Theater Chemnitz; die weiteren Vorstellungen 15.6.; 23.6.2019

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