Ludwig van Beethoven – Die neun Sinfonien, IOCO CD-Rezension, 22.01.2021

Januar 22, 2021 by  
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Ludwig van Beethoven - an einer Pariser Hausfassade © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven – an einer Pariser Hausfassade © Peter M. Peters

Beethoven Gedenkjahr – Die neun Sinfonien

Vorstellung von zwei Gesamtaufnahmen – Menuet  – DGG

von Albrecht Schneider

Weil das Corona-Virus die Kunst nicht im Mindesten respektiert, musste auch das Beethovenjahr 2020 als Feier des zweihundertfünfzigsten Geburtstages des Komponisten Ludwig van Beethoven sich der weltweiten Diktatur der Pandemie beugen. Infolge des Ausfalls mancher Festlichkeit sollen allerdings, wie zu hören ist, die Gedächtnisfeiern ins Neue Jahr 2021 prolongiert werden. Eine gute Nachricht, auf der die Hoffnung gründet, oben im Olymp, wo die Genies wohnen, würde der große Musiker, ob der defizitären Huldigung nachvollziehbar missmutig geworden, sich letztlich doch hinreichend geehrt fühlen und wieder einigermaßen zufrieden auf die Welt herabschauen.

Nichtsdestotrotz muss bedacht werden, dass es den Ton-Titan neuerlich verdrießlich stimmen könnte, sofern gerade bei unserem mancher Muse huldigendem Kulturportal aus solchem Anlass seiner zu wenig Erwähnung getan würde. Damit es nicht dazu kommt, wollen wir ihm jetzt zumindest ein Lorbeerkränzchen flechten, und zwar ohne jede Imitation jener kundigen, im beethovenschen Oeuvre geradezu bibelfesten Rezensenten. An dieser Stelle wird ohne Anspruch auf neue Erkenntnis oder neue Einschätzung schlicht und absolut subjektiv auf zwei Gesamtaufnahmen seiner Sinfonien, die vor rund sechzig Jahren entstanden sind, aufmerksam gemacht. Vorgestellt werden folgende Sets:

  • 1  –  DGG – Sinfonien 1-9 + Ouvertüren, Orchester der Wiener Staatsoper, Dirigent Hermann Scherchen,  aufgenommen 1951 bis 1958,  7 CD’s + 1 Bonus CD erschienen bei der Deutsche Grammophon, DGG 2021, zur Zeit erhältlich
  • 2 –  Menuet – Sinfonien 1-9 + Ouvertüre zu EGMONT, Royal Philharmonic Orchestra London, Dirigent René Leibowitz, aufgenommen 1961 -1962, 5 CD’s erschienen u.a. beim Label MENUET um 1990, dort zur Zeit vergriffen; aber bei anderen Labels (u.a. Amazon) problemlos erhältlich

Die oben genannten Dirigenten fügen sich nicht recht ein in den Reigen seliger oder noch nicht ganz seliggesprochener Orchesterpäbste. An diesem Habitus mangelt es beiden, gemeinsam ist ihnen indessen die Hingabe an die Musik des Zwanzigsten Jahrhunderts, zentral an die der Zweiten Wiener Schule. (Schönberg, Berg, von Webern). Die Begegnung mit Arnold Schönbergs nicht länger tonartgebundenen Methode der Komposition mit zwölf Tönen und seinen auf dieser Basis beruhenden Arbeiten war für beide Musiker essentiell.

 Deutsche Grammophon / Beethoven - Die neun Symphonien - Hermann Scherchen © DGG

Deutsche Grammophon / Beethoven – Die neun Symphonien – Hermann Scherchen © DGG

Hermann Scherchen, 1891-1966, begann als Bratschist im Orchester, legte bald das Instrument zugunsten des Taktstocks beiseite. Bereits 1912 begleitete er Schönbergs Gastspielreise mit dessen Monodram Pierrot Lunaire und leitete sie ohne ihn zu Ende. Auf den Positionen eines Chefdirigenten, Orchesterleiters und GMD’s dirigierte er vielerorts und lebenslang den ganzen Kanon der im Konzertsaal heimischen Titel, ohne jemals das Amt eines hellhörigen Agenten der Musica Viva, der Werke seiner Zeitgenossen, zu vernachlässigen. Dass er stabil im Schatten hochgerühmter und hochgeredeter Kollegen stand, dürfte ihn kaum bekümmert haben; mit seiner Auffassung von akkurater Arbeit an und für die Musik, mit seinem Standort hinter und nicht vor dem Werk, war eine Platznahme in der Starparade der Pultlöwen aussichtslos. Etwas fabulierend ließe sich von beiden Künstlern sagen, dass die Heilige Cäcilia Gefallen an ihnen Gefallen gefunden haben dürfte, vorausgesetzt, die himmlische Chorleiterin pflegte an ihrer Orgel Kompositionen des 20. Jahrhunderts zu spielen.

Menuet - Beethoven Symphonien mit René Leibowitz © Menuet

Menuet – Beethoven Symphonien mit René Leibowitz © Menuet

Dem älteren Kollegen ähnelte der jüngere René Leibowitz, 1913-1972, was Auftreten und Denken anbelangt, in mancherlei Hinsicht. Aus einer osteuropäischen jüdischen Familie stammend, emigrierte er 1926 nach Paris und machte es zu seiner neuen Heimat. Wenn auch die Nachrichten von ihm allgemein dürftig ausfallen, ist immerhin bekannt, wie eindrucksvoll und wichtig für ihn 1931 die erste Bekanntschaft ebenfalls mit Schönbergs Pierrot Lunaire gewesen sein muss. Demgemäß zielte der Werdegang des Kunsteleven auf das Dasein eines Komponisten, dessen Werkverzeichnis am Lebensende an die hundert Nummern aufwies: Bühnenstücke, Konzerte, Kammermusik. Alle sind sie, den Begriff erfand Leibowitz, der musique serielle, einer Weiterentwicklung der Zwölftonkompositionsmethode, verpflichtet, und nahezu alle blieben sie unaufgeführt und mithin weitestgehend unbekannt.

Auf dem Markt sind zwei CD’s mit dem jüngst verstorbenen Geiger Ivry Gitlis als Protagonisten, die nebst vielem anderen das Violinkonzert des René Leibowitz anbieten. Leider ist es dem Autor bis heute missglückt, ihrer habhaft zu werden.

Während der Deutschen Besetzung von Paris 1940-1944 musste Leibowitz als Jude untertauchen, manche seiner Familienmitglieder ermordeten die Nazis, er entging ihrem Ausrottungsfuror. Wie er nach dem Krieg auf sein Idol Arnold Schönberg traf und aus dem Particell von dessen Kantate op.46 Ein Überlebender aus Warschau die Partitur erstellte, empfand er dieses Monodram als eine eigene Schicksalsbeschreibung. Hinter die Arbeit an Kompositionen hatte die Tätigkeit des Dirigenten stets zurückzutreten, letztere ist auf Tonträgern bloß in kärglicher Zahl dokumentiert. Allein sein Name als großartiger Künstler wird kraft seines Dirigats der Beethovensinfonien die Zeiten überdauern.

Von denen sollen nicht alle neun Beachtung finden, greifen wir drei repräsentative heraus und beginnen mit der:

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 3 Es – Dur – Herrmann Scherchen
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Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op.46  – Eroica

von den zwei Einspielungen von 1951 und 1958 mit dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Hermann Scherchens Leitung vorliegen. Der Dirigent hatte die Partitur samt Metronomzahlen genau studiert, und exakt das, was dort gedruckt steht, gemäß seiner eigenen Maxime: >alles hörbar zu machen< mit dem Orchester erarbeitet. Besonders in der jüngeren Aufnahme, deren Ruf unter Musikkäuzen geradezu legendär ist, artikuliert sich eine werkgetreue Wiedergabephilosophie, die seine interpretatorischen Freiheiten niemals beengt. Mit beiden Tuttischlägen zu Beginn und dem von den Streichern angestimmten, im Crescendo zum Fortissimo im 37. Takt hin drängenden Kopfthema wissen offene Ohren, welche Stunde ihnen geschlagen hat. Scherchen liest die Vehemenz aus den Noten und zwingt sie ihnen nicht auf. Heroisch ist zunächst die Kühnheit, mit der er alle Grob- und Feinheiten der Musik dem Orchester entlockt und sie dem Hörer auf den Leib rücken lässt. In seiner Eroica (der Beiname diente damals wohl mit dem Bemühen, das Neue, Unerhörte dieser Sinfonie irgendwie zu etikettieren) galoppieren gleichsam die drei idealistischen Parolen der französischen Revolution durch die Weltgeschichte. Dergleichen Metaphorik hat für die Sprache, die oftmals bei der Beschreibung musikalischer Phänomene versagt, einzustehen! Im Trauermarsch zügeln die Reiter ihre Pferde, gemessen wie im Dressurviereck schreiten sie einher, im Scherzo tänzeln sie, schnauben geräuschvoll und schlagen mit dem Schweif, um im Allegro molto-Presto schließlich furios und in mächtigen Sprüngen zurück in den Stall zu preschen.

Ja, es sei gestanden, Scherchens klare, präzise, gleichwohl hitzige, Flammen schlagende Gestaltung verführt zu derartiger verbaler Posiererei. Nicht viel anders handelte René Leibowitz.

Mit nämlicher Achtung vor den Partiturangaben hat er sich des Werks angenommen, indessen klingen dessen Impetus und Energie gebändigter, die Form droht nicht zu zerspringen, kein Feuer lodert wie beim Kollegen Scherchen. Doch strahlt die Musik, sie glüht und reißt mit. Eine Einspielung, die jener Scherchens nahezu adäquat ist.

Beide Interpreten scheuen keineswegs Emotionen, die sie freilich nicht dazu anstiften, die vier Sätze weiter, als die Partitur vorgibt, heroisch aufzublasen: Ein Heros des Achtzehnten im Anzug eines Helden des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Die klassischen Tempovorschriften, wie Adagio, Andante, Allegro con brio und Presto erweisen sich gleich den Metronomvorschriften auf Beethovens Partituren Bernd Alois Zimmermanns als ein weites Feld, auf dem man um ihre Deutung heftig streitet, also viele Schlachten geschlagen wurden, geschlagen werden, und die auch künftig nicht fehlen dürften. Jenen Vorgaben folgend, modellierten die zwei Maestri die Werke, ohne sich deshalb als gefesselt zu betrachten, und das Resultat ihrer philologischen wie interpretatorischen Verfahrensweise beeindruckt und überzeugt bis heute.

Die 5. Sinfonie c-moll op.67, wohl das Zentralgestirn in Beethovens sinfonischem Kosmos, bleibt trotzdem abwesend. Selbst wenn solche oder ähnliche Äußerungen von ihrer Seite nicht verbürgt sind: sie möchte definitiv eine Zeitlang in Ruhe gelassen werden. Dass ihr diese Ruhe zu gönnen ist, diese Meinung dürfte die Schicksalssinfonieverehrungsgemeinde vorbehaltlos teilen. Wurde doch das wehrlose Stück bis zur Erschöpfung durch Lautsprecher und Konzertsäle getrieben, weshalb ihr eigentlich von einem musikalischmedizinischen Konsortium ein Sanatoriumsaufenthalt an geheimem Ort zwecks Regeneration zu verordnen wäre. Nicht länger würde das Schicksal in den ersten Takten des op.67 DADADA DAA an die Pforte klopfen, vielmehr rechts daneben den Klingelknopf drücken.

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 6 – Rene Leibowitz
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Vielmehr als die von der Macht des Schicksals gezeichnete Fünfte und von heroischem Geist durchwehte Dritte Sinfonie lädt die

Sinfonie Nr. 6 F-Dur op.68  – Pastorale

dazu ein, zu ihrem Beginn die heiteren Empfindungen auf dem Lande mit größerer Gaudi erwachen, zum Schluss den Hirtengesang mit noch fröhlicheren Gefühlen dank des abgezogenen Sturms anstimmen und mittendrin das Gewitter mit mächtigerem Blitz und Donner hereinbrechen zu lassen. Davor sind unbestritten beide Herren gefeit. Die Pastorale unter Scherchen ist ebenfalls mit zwei Aufnahmen vertreten: 1951 und 1958. Von Beethoven selbst stammen jene oben sinngemäß zitierten Charakteristika der fünf Sätze, überdies wünschte er, um nur keine falschen Vorstellungen zu wecken, auf dem Titelblatt neben der Bezeichnung Pastoralsinfonie den Hinweis: „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ gedruckt zu sehen. Außermusikalisches mittels Notenschrift zu schildern lag gewiss nicht in der Absicht des Meisters,  aber ein paar Farbstifte hat er bei der Komposition, wennschon sparsam, benutzt. Im Sog der gelösten Musik mit ihren F-Dur und B-Dur Tonarten mitsamt den 3/4, 6/8 und 12/8 Takten entwirft unser Kopf bisweilen Szenen von gutgelaunten, unbeschwerten Landleuten in schlichtbunter Kleidung, die vor einer unvergiftet grünenden Natur säen, ernten, plaudern, tanzen und sich gelegentlich vor dem Unwetter eine Weile wegducken. Wen betören denn nicht schöne Heileweltbilder, woher immer sie stammen mögen? Um dergleichen zu imaginieren wurde die Pastorale sicherlich ebenso wenig geschrieben, wie weder Scherchen noch Leibowitz sich obigem Programm unterwerfen. Das notierte erst nachträglich, was die Musik ohnehin erzählen will, und was beide Chefs ohne sonderliche Betonung des Bukolischen und Idyllischen die Orchester erzählen lassen. Der ältere der Zwei brauchte 1951 von der Ankunft auf dem Lande bis zum Ende der Hirtenmelodeien knapp vierzig Minuten, indem er 1958 dem Landleben lediglich derer fünfunddreißig einräumte. Bauersleuten wie Instrumentalisten hat er Beine gemacht, was dem Klang gut tut, der sich ob der Rasanz geschmeidiger anhört als jener infolge des gemächlicheren Tempos und der minderen Tonqualität rauere der früheren Aufnahme. Leibowitz wiederum gestattet seiner Pastorale zweiundvierzig Minuten, sein Landvolk walzt nicht ungestüm über den Bretterboden, sondern tanzt taktgenau wie schwungvoll auf dem Rasen und kommt unterdessen kaum ins Schwitzen. Die Dirigenten bürgen für eine hellwache und vitale Wiedergabe einer weitgehend unbeschwerten, zweifellos auch von den Erscheinungen der Natur inspirierten Musik.

Ludwig van Beethoven – Sinfonie Nr 9 – René Leibowitz
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Beleuchtet wird zu guter Letzt die

Sinfonie Nr.9. c-moll op.125  – Choralsinfonie

Ludwig van Beethoven in Wien © IOCO

Ludwig van Beethoven in Wien © IOCO

die im Katalog seiner Orchesterwerke neben der Missa Solemnis als das prominenteste, wenngleich wegen seiner Kündigung der traditionellen sinfonischen Form wiederkehrend konträr verhandelte Opus Beethovens rangiert. Man ist geneigt zu sagen, dessen erste drei Sätze seien lediglich Stationen auf dem Wege zu dieses Stückes höherem Zweck, nämlich dem Chorfinale. Andererseits scheint das den Freudenhymnus einleitende Bassrezitativ: „O Freunde, nicht diese Töne, sondern lasst uns angenehmere anstimmen“ die bisherige Musik als gewissermaßen vorläufig in Frage zu stellen. Lassen wir sie offen, über deren Beantwortung mögen sich dazu berufenere Köpfe die eigenen zerbrechen. An dieser Stelle hingegen wird lediglich darüber geredet, wie Scherchen und Leibowitz das nicht bloß ob des komplexen Finalsatzes sinfonische Schwergewicht stemmen.

Das Werk zu dirigieren und dabei dessen Stöhnen unter der Last ästhetischer, ideologischer oder sonstiger Debatten über sein Existenzrecht zu ignorieren, das bringen beide fertig, während sie in den ersten drei Sätze Klarheit und klassische Strenge mit dem Sinnlich-Musikalischen verbinden, deren Aggression und Pathos in Maßen zulassen, aber jederzeit die klassische Form wahren. Das gilt ebenso für die Gestaltung von Satz vier. Insofern wird nicht unbedingt offenbart, inwieweit dem einen, dem anderen oder sogar beiden Beethovens sinfonischer Entwurf (Zukunftsmusik wird Richard Wagner darin entdecken) dem eigenen Verständnis von einem klassisch-traditionellen Sinfoniemodell derart widerstrebt, um die unterschiedliche Konstitution von Choralsatz hier und den drei instrumentalen Brüdern dort als Bruch, sogar als ein das Opus.125 insgesamt denunzierendes Schisma zu empfinden. Genau besehen ist das reichlich unwahrscheinlich im Hinblick auf beider Musiker intensive Beziehung zur „Zukunftsmusik“ der Zweiten Wiener Schule, die historisch-ästhetische Formproblematikdebatten über die Sinfonie schlechthin weniger interessiert haben dürfte.

Hermann Scherchen, der sonst mit „Drive“ zu Werke geht, bewegt sich ungewohnt gemessen durch die drei ersten Sätze, so als wolle er den Einsatz zum gesungenen vierten ein bisschen länger hinausschieben. Von Anfang an jedoch gibt er dem pathossatten, hymnischen, in Musik gebetteten Gedicht des Friedrich Schiller das, was einem derartigen Text gebührt, und das bar aller Exaltation. Leider beeinträchtigt jetzt das eingeschränkte Klangbild der Aufnahme insbesondere den Part der Solisten wie des Chores. Bass und Bässe wirken mulmig und brummig, Sopran und Sopranistinnen klingen bisweilen, salopp gesagt, eine Spur hysterisch, drohen mitunter fast überzuschnappen. (Allerdings sei bloß beiläufig eine Spur gebeckmessert!) Anfangs der Fünfzigerjahre verfügten die Tontechniker halt nicht über die Möglichkeiten, die später der Aufnahme mit René Leibowitz 1962 zugute kamen. Zudem waren und sind die Meister des Remastering nicht ewig Zauberkünstler.

Für Leibowitz ist wohl das Chorfinale die raison d’ être des sinfonischen Dramas in d-moll. Hörbar zielstrebiger denn sein Kollege durchmisst er in angezogenem Tempo und mit Verve den ersten Satz, demonstriert dessen zerklüftetes Terrain mit den Tonsäulen der Bläser und flirrenden Streichern, ihren gemeinsamen Stürzen in die Tiefe und wieder hochsteigenden Skalen. Noch vorwärtsdrängender geht es zu im zweiten Satz mit den heftigen Dialogen zwischen den Instrumentengruppen, alle Aspekte der Partitur werden aufgedeckt auf dem schier unaufhaltsam forschen Marsch zum Freudenhymnus. Doch dann im dritten Satz entspannt sich die Musik, holt Atem, der Dirigent lässt dem B-Dur Adagio der Streicher ebenso alle Ruhe wie dem eingeschobenen, im Dreiertakt schwingenden nächsten Thema. Erst viele Takte danach durchbricht eine Tuttifanfare die harmonische Kontemplation und bereitet auf das Finale vor, dessen Einsatz ein schneidender Bläser- und Paukenakkord markiert. Solisten mitsamt Chor jubeln sich durch die Ode, dass es wirklich eine wahre Freude ist. Mit Contenance beschwört Leibowitz Wucht und Feuer dieses überschäumenden Gesangs, unvorstellbar, davon nicht berührt zu werden.

Gearbeitet hat Scherchen bei seinen Einspielungen ausschließlich mit Chor und Orchester der Wiener Staatsoper. Unter dem Namen wirken bekanntlich die Wiener Philharmoniker im Opernhaus am Ring. Und anderswo ebenfalls. Aus welchen Gründen sie nicht als Philharmoniker bei der Gesamtaufnahme erscheinen, erlaubt Spekulationen. Hat der Dirigent sie zu arg gepiesackt, weil er mit seinem Begehren nach Tempo, Stringenz und Dynamik die Musiker aus der Trägheit der Tradition >so hammers immer gmacht< derart peinigend aufscheuchte, um mittels Verweigerung des glorreichen Titels dem Pultdiktator den Schmerz heimzuzahlen? Dessen Anspruch brachte bei der Eroica 1958 die Wiener Musiker – Frauen wurden seinerzeit bei ihnen nicht geduldet – gelegentlich ins Stolpern, an der Brillanz und Einmaligkeit der Aufnahme indessen ändert sich deswegen nicht das Geringste.

Mit ihnen verglichen ist das Royal Philharmonic Orchestra London ein um Etliches jüngeres Ensemble, 1946 von Sir Thomas Beecham ins Leben gerufen. Seinen Rang, seine Qualität hat es unter Leibowitz perfekt unter Beweis gestellt, wer Ohren hat zu hören, der wird es hören.

Konklusion: Mit der Vorstellung obiger Gesamtaufnahmen von Beethovens Sinfonien soll der Rang der anderen bald dreißig auf dem Markt präsenten Boxen nicht infrage gestellt werden. Die subjektive Auswahl der beiden geschah, da nach des Autors Ansicht deren Meriten hervorzuheben die hierfür Verantwortlichen allemal verdient haben.

—| IOCO CD-Rezension |—

Wien, Wiener Staatsoper, Wiener Opernball 2021 – auch abgesagt – eine Aufmunterung, IOCO Aktuell, 18.01.2021

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

 65. Wiener Opernball 2021 – abgesagt – Eine  IOCO Aufmunterung

Irdische Lebensfreude – in kulturellem Großereignis – wird wieder kommen

Auch der für den 11. Februar 2021 geplante 65. Opernball der Wiener Staatsoper wurde aufgrund der aktuellen COVID-19 Sitiuation abgesagt. Der neue Direktor der Staatsoper, Bogdan Roscic, erklärte dazu: : »Es tut uns allen sehr leid, dass der Opernball, der im Jahreskreislauf der Wiener Staatsoper einen solchen Fixpunkt darstellt, aufgrund der aktuellen Lage abgesagt werden musste. Diese Absage betrifft natürlich auch die traditionell im umgebauten Saal stattfindende Zauberflöte für Kinder, bei der   insgesamt 7.000 junge Besucherinnen und Besucher bei uns sind………

W.A.Mozart: DIE ZAUBERFLÖTE FÜR KINDER
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Doch Erinnerungen an den auf der Welt einzigartigen Opernball der Wiener Staatsoper leben zur Zeit umso aktueller. IOCO  stellt deshalb seinen Besuchern, welche zur Zeit oft  „einsam in trüben Tagen“  Inspirationen, Normalität suchen, den Opernball der Wiener Staatsoper und seine Historie vor. Der vielfach als „Höhepunkt der Ballsaison“ bezeichnete Wiener Opernball  fand 2020 zum 64. Mal nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Der 65. Opernball im Februar 2021 ist abgesagt, doch, die Inspiration, das Schöne, der Geist des Wiener Opernballes als Inbegriff von Lebensfreude wird wieder kommen! Genießen Sie also den hier folgenden Opernabll 2020!

Der 64. Wiener Opernball – Tempi passati
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Der letzte Operbanll, der  64. Wiener Opernball am 20.2.2020 war wie jedes Jahr für 5.150 Ballgäste, für Millionen Zuschauer in aller Welt geliebter Höhepunkt irdischer Lebensfreude. Karten für dies kulturelle Großereignis waren wie jedes Jahr seit Monaten ausverkauft: eine einfache Eintrittskarte kostete €315. Eine Bühnenloge für 12 Personen und freiem Blick auf das „Tanzparket“ war kein „für ein Schmankerl“: €23.600. Die Kleiderordnung gilt schon immer für alle Besucher: für Damen ist ein „großes, langes Abendkleid“, für Herren ein Frack vorgeschrieben. Junge Wiener gedachten den Ballabend mit einem Schmäh ein wenig aufzumischen und entsandten Darth Vader, natürlich mit Helm und Umhang, in original Star War-Kostüm zum 64. Wiener Opernball. Doch selbst der außerirdische Darth Vader, weil ohne Frack, schaffte es nicht, in die Staatsoper eingelassen zu werden.

Die lange Liste offizieller Prominenz auf dem Opernball führte Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen an; der ehemalige, nun an das Teatro alla Scala gewechselte Operndirektor Dominique Meyer, Kulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek, die niederösterreichische Landeshauptfrau (Ministerpräsidentin) Johann Mikl-Leitner, Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck, Finanzminister Gernot Blümel, Europaministerin Karoline Edtstadler, griechischer Vizepräsident der EU-Kommission, Salzburgs Landeshauptmann  Wilfried Haslauer, Wiens Bürgermeister Michael Ludwig begleiteten van der Bellen.  Richard „Mörtel“  Lugner, 87, alljährlich geliebtes Objekt der Boulevardpresse, wurde  begleitet von der italienischen Schauspielerin  Ornella Muti begleitet. Viele andere Wiener Prominente wie 2020 der Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky, Zauberkünstler Magic Christian, Alexandra Swarovski, Klemens Hallmann sind jedes  Jahr auf diesem Höhepunkt der Wiener Ballsaison anzutreffen.

Im Zeitraffer – Die vorbereitung fü den Wiener Opernball
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Die Gestaltung der Staatsoper zum Opernball  bestimmt jedes Jahr ein Leitthema: 2020 war es die „sternflammende“ Königin der Nacht aus Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte; sie war omnipräsent, im Parkett, auf der Bühne und in allen Rängen der Staatsoper. In Anlehnung an ihren Nachtgarten taucht sich die Oper in dunkle Violett-Töne. Spezielle Lokale bieten dazu auf allen Rängen eigene Kunst und Köstlichkeiten:  Die Negroni Secret Bar im Herzen der Wiener Staatsoper im 20er-Jahre-Stil gestaltet mit SWING-Musik  das neue Jahrzehnt ein.  .

Um 20.40 war Einlass der Ballgäste, welche den strengen Dresscode (Damen mit großen, langen Abendkleid, Herren mit schwarzem Frack) beachten müssen. Offiziell eröffnet wird der  Opernball um  22.00 Uhr  mit der FANFARE von Karl Rosner, der österreichischen Bundeshymne, und der Europahymne von Ludwig van Beethoven. Der Einzug des des Jungdamen- und Jungherren-komitees,  144 Debütantenpaare aus elf verschiedenen Ländern, folgt  dann zu den Klängen der POLONAISE A-Dur von Frederic Chopin. Erstmals auf dem Ball der Bälle tanzte unter großem Medieninteresse auch ein gleichgeschlechtliches Debütant/innenpaar aus Baden-Württemberg, Iris Klopfer und Sophie Grau zur Eröffnung mit: Sophie Grau in männlicher Kleidung, Iris Klopfer zog das weiße Ballkleid vor; beide erhoffen sich, dass in Zukunft mehr Paare in anderen Konstellationen auf dem Opernball zugelassen werden.

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—

Dortmund, Theater Dortmund, Weihnachtsprogramm – Online,24.12.2020 – 01.01.2021

Dezember 21, 2020 by  
Filed under Konzert, Livestream, Oper, Pressemeldung, Theater Dortmund

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Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Opernhaus Dortmund © Theater Dortmund

Theater Dortmund  –  Frohe Kunde: Weihnachten findet statt!
Weihnachtsprogramm – 24. Dezember 2020 bis 1. Januar 2021

Damit Weihnachten in Zeiten des Lockdown nicht allzu melancholisch ausfällt, startet das Theater Dortmund vom 24. Dezember 2020 bis zum 01. Januar 2021 das große Online-Weihnachtsprogramm. Große Opern, bezaubernde Ballette, majestätische Konzerte, extravagante Schauspiele und anarchisches Kinder- und Jugendtheater können kostenlos und gemäß der Corona-Schutzbestimmungen unter www.theaterdo.de/weihnachten gestreamt werden.

Das Publikum kann dieses Jahr sogar mitmachen – und zwar als Weihnachtsmann. Beschenkt wird in diesem Jahr die Obdachlosenhilfe „Gast-Haus e.V.“ Spenden können auf das Konto des Theater Dortmund unter IBAN DE32 440501990001050060, SWIFT-BIG DORTDE33XXX, Sparkasse Dortmund, eingezahlt werden.

Mit dem traditionellen Heiligabendkonzert der Dortmunder Philharmoniker, mit Werken u.a. von Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven und Wolfgang Amadeus Mozart, beginnt am 24. Dezember 2020 um 14 Uhr das Online-Weihnachtsprogramm des Theater Dortmund. Noch kurz vor der Bescherung präsentiert das Kinder- und Jugendtheater das diesjährige Weihnachtsmärchen DIE SCHÖNE UND DAS BIEST.

Besonders festlich wird die große WEIHNACHTSGALA am 25. Dezember 2020 um 17 Uhr. Zu sehen sind u.a. Daniel Behle mit der Gralserzählung aus der Oper Lohengrin von Richard Wagner, gefolgt von einer klassisch weihnachtlichen Ensemble-Szene aus dem Ballett  Der Nussknacker von Peter I. Tschaikowsky. Zusammen mit dem Opernchor bringen die Dortmunder Philharmoniker die Weihnachtsouvertüre Vom Himmel hoch von Otto Nicolai. Das Kinder- und Jugendtheater schickt alle Ensemble-Mitglieder ins Weltall, um sich vor dem Corona-Virus zu verstecken und die Akademie stellt unterschiedliche Projekte ihrer Fellows vor. Um 19 Uhr offenbart das Schauspiel einen weiteren Einblick in das Leben und Wirken der Kunstsparte mit der Filmreihe „Abgedreht“.

Das Theater Dortmund lädt alle Besucherinnen und Besucher ein, für die Obdachlosenhilfe „Gast-Haus e.V.“ zu spenden. Spenden für die Obdachlosenhilfe „Gast-Haus e.V.“ werden erbeten auf das Konto des Theater Dortmund: Sparkasse Dortmund, Stichwort: „Weihnachtsspende“
IBAN DE32 440501990001050060, SWIFT-BIG DORTDE33XXX


Das Gesamtprogramm stellt sich wie folgt dar:


24.12.2020

–        14 Uhr:        Heilig-Abend-Konzert (Philharmoniker)
–         16 Uhr:         Weihnachtsmärchen „Die Schöne und das Biest“ (Kinder-    und Jugendtheater)


25.12.2020

–        11 Uhr:         Chorprobe zum Mitmachen (Oper)
–        17 Uhr:         Weihnachtsgala
•        Oper: Daniel Behle in „Lohengrin“ (Gralserzählung)
•        Oper: Opernchor mit „Va pensiero“ aus „Nabucco
•        Ballett: Pas de deux aus „Der Nussknacker
•        Ballett: Ensemble-Szene aus „Der Nussknacker“
•        Philharmoniker: Weihnachtsouvertüre „Vom Himmel hoch
•        Schauspiel: Weihnachtslieder auf der Ukulele
•        KJT: Einzelsequenzen aller Ensemble-Mitglieder
•        Akademie: Projekte der Fellows

–        19 Uhr:        „Abgedreht“ (Schauspiel)


26.12.2020

–        11 Uhr:         „Tschaikowsky“ aus „Rachmaninow I Tschaikowsky”   (Ballett)
–        17.00 Uhr:         „Exsultate, jubilate“ von W.A. Mozart  (Philharmoniker / Oper)


 27.12.2020

–        11.00 Uhr:         Hörspiel „Das Gespenst von Canterville“ (KJT)
–        15.00 Uhr:         „Homewalk – Eine Reise durch Wohnanien“ (KJT)
–        17.00 Uhr:         „Madama Butterfly“ – Ausschnitte G. Puccini (Oper)


28.12.2020

–        11.00 Uhr:         Weihnachtslieder – gesungen vom Opernchor
–        15.00 Uhr:         „Homewalk – Eine Reise durch Wohnanien“ (KJT)
–        17.00 Uhr:         Hörspiel „Fighting Depression“ (Schauspiel)


29.12.2020

–        11.00 Uhr:         Weihnachtslieder – gesungen vom Ensemble der Oper
–        15.00 Uhr:         „Homewalk – Eine Reise durch Wohnanien“ (KJT)
–        17.00 Uhr:         Symphonie KV 319 B-Dur von W.A. Mozart (Philharmoniker)


30.12.2020

–        11.00 Uhr:         5 aus „17×1“ (Schauspiel)
–        17.00 Uhr:         „Schwanensee“ von P.I. Tschaikowsky (Ballett)
–        18.00 Uhr:         „Homewalk – Eine Reise durch Wohnanien“ (KJT)


31.12.2020

–        18.00 Uhr:         „Homewalk – Eine Reise durch Wohnanien“ (KJT)
–        20.00 Uhr:         „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman (Ballett)


01.01.2020

–        19.00 Uhr:         „Abgedreht“ (Schauspiel)


—| Pressemeldung Theater Dortmund |—

Meiningen, Meininger Staatstheater, BEETHOVEN-JUBILÄUM – live aus dem Staatstheater, IOCO Aktuell, 08.12.2020

Meininger Staatstheater

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

Meininger Staatstheater © Marie Liebig

ALLES GUTE, LUDWIG!  –  Konzert zum Beethoven-Jubiläum

17. Dezember 2020 – zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Das südthüringische Meininger Staatstheater hat eine beeindruckende Theatertradition: Die  erste Theaterspielstätte, im großen Saal des Schlosses Elisabethenburg in der Altstadt von Meiningen, wurde bereits 1776 mit dem Trauerspiel Die Gunst des Fürsten von Christian Heinrich Schmidt  begründet. Eine reiche kulturelle Geschichte machte das Meininger Staatstheater  bis heute zu einem kulturellen Mittelpunkt in der theaterreichen Region Thüringen / Sachsen.

  17.12.2020 – Beethovens 250. Geburtstag – erlebbar im Meininger Staatstheater –    QChamberstream 

Gemeinsam mit dem auf Konzertübertragungen spezialisierten, international agierenden Anbieter QChamberStream gelang es damals, ein starkes musikalisches Zeichen aus Meiningen zu senden. Am 31. Mai 2020 war das erste Konzert aus dem Foyer des Meininger Staatstheaters zu erleben, IOCO berichtete – link HIER – passend zu dem Ort mit Kammermusik von Johannes Brahms, gespielt von Mitgliedern der Meininger Hofkapelle. Im Juni folgte ein Solorezital des Pianisten Xinyuan Wang vor historischer Kulisse – einem Bühnenprospekt des SOMMERNACHTSTRAUMS aus dem historischen Fundus des Theaters.

Staatstheatr Meinigen / Meininger Hofkapelle © Marie Liebig

Staatstheatr Meinigen / Meininger Hofkapelle © Marie Liebig

Nun, im Kultur-Lockdown im Winter 2020, setzt das Meininger Staatstheater die erfolgreiche Zusammenarbeit mit QChamberStream fort. Mit einem Festkonzert der Meininger Hofkapelle unter Leitung ihres GMD Philippe Bach wird am 17. Dezember 2020 der 250.Geburtstag des auch in der Meininger Musikgeschichte so zentralen Komponisten Ludwig van Beethoven gefeiert. Als Solist*innen wirken der Pianist Alexander Krichel, die Sopranistin Monika Reinhard und der Schauspieler Michael Jeske (Rezitationen) mit. Das Konzerterlebnis von  ALLES GUTE, LUDWIG! ermöglicht das Meininger Staatstheater als Geschenk für alle Klassikfreunde und Beethoven-Liebhaber als kostenlosen Live-Stream. Bis zum 31. Januar 2021 steht das Programm zum Abruf „on demand“ zur Verfügung auf www.qchamberstream.com.

BEETHOVENS WERKE IN MEININGEN

Herzog Georg II, der Meininger „Theaterherzog“, schätzte neben dem Sprechtheater vor allem sinfonische Werke und Werke der Wiener Klassik. Sein Lieblingskomponist war unumstritten Ludwig van Beethoven.

Als 1880 Hans von Bülow die Meininger Hofkapelle übernahm, stand eine ausgewiesene Instanz in Sachen Beethoven an der Spitze des Orchesters. Eine Beethoven-Sinfonie, schrieb er einmal an Herzog Georg II, sei „ein Drama für die hörende Phantasie“ und brachte damit Georgs Sinn für das Theatralische mit dem Musikerlebnis geschickt in Verbindung. Gleich sein Antrittsprogramm sollte Meiningen in „Beethovenopolis“ verwandeln. Neben Klavierkonzerten erarbeitete er alle Sinfonien mit den Meiningern.

„Die Leute haben geschluchzt und gejubelt. Mehr kann ein Anstifter nicht verlangen“, resümierte Bülow zufrieden.   Die Kraft zum (politischen) Bekenntnis blieb den Beethoven-Werken stets erhalten. Inder Weimarer Republik etwa war die Neunte DAS Silvester-Programm schlechthin – am besten so eingerichtet, dass der Choreinsatz zu Mitternacht erklang, sodass die Worte „Seid umschlungen Millionen“ das neue Jahr begrüßten. Dass diese Tradition während der Nazidiktatur ein jähes Ende fand, lässt sich denken.

Anlässlich des 250. Geburtstags von Beethoven am 17. Dezember 2020 sieht sich die Meininger Hofkapelle nachgerade in der Pflicht, den Komponisten mit einem Festkonzert zu ehren. Und weil das Feiern in diesem Jahr anders ist als sonst, wünschen GMD Philippe Bach, die Meininger Hofkapelle mit den Solist*innen Monika Reinhard (Sopran), Michael Jeske (Sprecher) und Alexander Krichel (Klavier) via Live-Stream auf dem Streaming-Portal QChamberStream:

Ludwig van Beethoven - an einer Hausfassade © Peter M. Peters

Ludwig van Beethoven – an einer Hausfassade © Peter M. Peters

DAS PROGRAMM:

„Alles Gute, Ludwig!“

LUDWIG VAN BEETHOVEN: 5. KLAVIERKONZERT OP. 73, ES-DUR

„Beethovens letztes Klavierkonzert von 1809 beginnt mit einem heroisch anmutenden Charakter, der von drei Schlägen des vollen Orchesters und bravourösen Kadenzen des Soloinstruments gezeichnet wird. Nicht umsonst erhielt es in Großbritannien den Bei-namen „Emperor Concerto“. Dabei überrascht es aber auch mit ganz sanften, ja intimen Momenten. Es sind genau diese Kontraste, die das Werk für Interpreten so reizvoll und so herausfordernd machen. Als wolle sich der Pianist aus der lauten Realität zurückziehen, träumt er sich bis in entfernte Tonarten hinein. Im zweiten Satz scheint das Orchester zu seinem freundlichen Begleiter zu werden, bevor eine unerwartete Wendung dasFinale einleitet. Dieses überrascht mit seinem tänzerischen Übermut und bildet damit den Gegenpol, in dem die ernste Schwere des Anfangs nun ein Gegengewicht erhält,“       Corinna Jarosch

MAGNUS LINDBERG:  ABSENCE  – DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG

Anmerkungen des Komponisten Wie nähert man sich Ludwig van Beethoven in einem Dialog? Ich für meinen Teil entschied, ihm nicht zu verschüchtert oder gar überwältigt gegenüberzutreten. Um einen Ausgangspunkt für die „Unterhaltung“ zu finden, wählte ich die gleichen orchestralen Kräfte, derer sich auch Herr van Beethoven in seinen Sinfonien bediente – doppelte Holzbläser, zwei Hörner, zwei Trompeten, Pauke und Streicher – ich konnte so das gleiche Alphabet benutzen. Was mir beim Lesen von Beethovens faszinierenden Konversationsheften auffiel, war, wie Themen, die den Haushalt betrafen oder der Überlegung entsprangen, wo man das beste Kaffeehaus findet, übergingen zu philosophischen Fragen.

In diesen scharfen Kontrasten lebte er, immer bereit, von einer Stimmung in die andere zu kippen. Beethoven schien prädestiniert dafür: der Wechsel von einem Unerwarteten zu dem nächsten Unerwarteten schien ganz in seiner Natur zu liegen. Das inspirierte mich dazu, Kontraste einzubeziehen und nicht zu vermeiden, scharfe Brüche nicht zu scheuen.

Meininger Staatstheater / Monika Reinhard Sopran © Sebastian Stolz

Meininger Staatstheater / Monika Reinhard Sopran © Sebastian Stolz

Es war nicht, und hätte nie die Absicht sein können, für mich als Komponist des 21. Jahr-hunderts, im Stile eines von Beethovens Meisterwerken zu schreiben. Das wäre geradezu lächerlich. Aber was möglich war, waren Beethoven-Zitate einzubringen, so wie man es macht, wenn man einen weitaus erfahreneren Kollegen höflich nach einer Idee fragt, die er aufgebracht hat. Was bedeutet dieses Zitat eigentlich und wie kann es interpretiert werden?

Ich wollte nur wenige musikalische Zitate verwenden, namentlich den elften Takt im langsamen Satz der Klaviersonate „Les Adieux“ op. 81a, die erstaunliche Phrase am Ende des ersten Satzes der Zweiten Sinfonie mit der chromatisch ansteigenden Basslinie, die über die ganze Oktave geht, und den Eröffnungsakkord im Finale der Neunten Sinfonie. Die offensichtlich modernen Dissonanzen sprechen für sich und die Konversation findet in der Musik statt. Wo sonst.        Magnus Lindberg (August 2020)

LUDWIG VAN BEETHOVEN: EGMONT OP. 84, SCHAUSPIELMUSIK

Mit einem Text von Giuliano Musio

Text im Auftrag des Berner Kammerorchesters. UA 1.11.2019 Casino Bern  „…Sie werden nächstens die Musik zu Egmont (…) erhalten, diesen herrlichen Egmont, den ich, indem ich ihn eben so warm als ich ihn gelesen, wieder durch Sie gedacht, gefühlt und in Musik gegeben habe – ich wünsche sehr Ihr Urteil darüber zu wissen, auch der Tadel wirdmir für mich und meine Kunst ersprießlich sein und so gern wie das größte Lob aufgenommen werden – Euer Excellenz Großer Verehrer”   Beethovens Brief an Goethe verrät seinen tiefen Respekt, ja sogar seine Ehrfurcht für das Schaffen des großen Dichters, dessen Held Egmont ihn für seine Schauspielmusik inspirierte. Komponiert 1810, nach der EROICA, dem CORIOLAN und nach den ersten Versuchen mit LEONORE – Werke, die ebenfalls den Aufruhr und den turbulenten Geist der Zeit widerspiegeln – stellt EGMONT ein persönliches Statement dar, indem er sich an den spätaufklärerischen Diskurs über Freiheit anknüpft. Gleichzeitig beweist diese Partitur sein wachsendes Verständnis für das Verhältnis von Musik, Bühne und Narration: zwischen den Noten hat Beethoven Stichworte, Regieanweisungen und stilistische Merkmale genau aufgeschrieben und dadurch mit musiktheatralischen Gattungen experimentiert, deren Vielfalt völlig erschöpft wird: neben der abschließenden Siegessinfonie gibt es Lieder, Melodram und Zwischenaktmusik.

Der Berner Autor Giuliano  Musio schuf über die unsterblichen Worte Goethes hinauseine eigene Erzählung und einen vollkommen neuen dramaturgischen Rahmen; mit seinem pulsierenden, lebhaften Text und einer moderneren, jedoch zeitlosen Sprache, verselbstständigt sich sein EGMONT von der Vorlage und dadurch wird die Geschichteneu beleuchtet.         Savina Kationi

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DIE MEINIGNER HOFKAPELLE

Die Gründung der Meininger Hofkapelle geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Das Ensemble lag dann u.a. in Händen wie denen des „Meininger Bachs“, Johann Ludwig Bach. Das hoheNiveau der Kapelle bewog später Richard Wagner, sich den Stamm seines Bayreuther Festspielorchesters unter den „Meiningern“  zu suchen. Mit Hans von Bülow kam 1880 frischer Wind und internationales Flair nach Südthüringen. In unermüdlicher Probenarbeit entwickelte er die Meininger Hofkapelle zu einemeuropäischen Eliteorchester und zum Zentrum der Brahms-Pflege, wurde doch dessen4. Sinfonie hier aus der Taufe gehoben. 1885 überließ Bülow sein Amt seinem Assistenten, dem 21-jährigen Richard Strauss. Seinem Nachfolger Fritz Steinbach ist die Wiederbelebung der Bachpflege zu verdanken, was dem 1911 engagierten Max Reger zu dem Ausspruch veranlasste: „Es gibt nur ein Orchester, das ich haben möchte: Meiningen.“

Im Jahr 1914 musste mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges zeitweise an die Auflösung der Kapelle gedacht werden. Nach Kriegsende ging die Hofkapelle in den Besitz des Landes Thüringen über.2001 machte die Theaterstadt mit einer Aufführung des gesamten RINGS unter Kirill Petrenko von sich reden. Die neu angetretene Intendantin Christine Mielitz inszenierte im Bühnenbild des Bildhauers Alfred Hrdicka und was vorsichtig als „Wagnis Wagner“ angekündigt war, entwickelte sich zur Sensation. Anlässlich des 175-jährigen Bestehens des Meininger Theaters wurde das Orchester des Meininger Theaters wieder in „Meininger Hofkapelle“ umbenannt, um der großen Tradition Rechnung zu tragen, der man sich verbunden und verpflichtet fühlt. Seit Ende 2010 ist Philippe Bach Generalmusikdirektor des Klangkörpers. In der Spielzeit2015/16 feierte die Meininger Hofkapelle ihr 325-jähriges Bestehen, u.a. mit Meininger Erstaufführungen der Opern CAPRICCO (Richard Strauss) und POWDER HER FACE(Thomas Adès) sowie mit einem reichen Konzertprogramm als Ausdruck der Vermittlung zwischen Tradition und Moderne.

GMD PHILIPPE BACH

Philippe Bach wurde 1974 in Saanen, in der Schweiz, geboren. Zunächst studierte er an der Musikhochschule Bern und am Conservatoire de Genève Horn, ehe er dann ein Dirigier-Studium an der Musikhochschule Zürich bei Prof. Johannes Schlaefli begann und am Royal Northern College of Music in Manchester bei Sir Mark Elder fortsetzte. Seit 2012 ist er Chefdirigent des Berner Kammerorchesters, seit 2016 zudem Chefdirigent der Kammerphilharmonie Graubünden.

 Meininger Staatstheater / Alexander Krichel © Oliver Mark

Meininger Staatstheater / Alexander Krichel © Oliver Mark

 

ALEXANDER KRICHEL

Pianist und ECHO Klassik-Preisträger Alexander Krichel ist bekannt für seine fesselnden Interpretationen der anspruchsvollsten Werke der Klavierliteratur. Von Beethoven über Liszt bis Rachmaninow und Prokofiev – Alexander Krichel glänzt nicht nur mit seinen technischen Fertigkeiten, er lässt die Musikvollkommen von sich Besitz ergreifen und überträgt ihre Energie auf sein Publikum. Effektvollen Tastendonner mit sanft leuchtenden Kantilenen zu kontrastieren ist eines der Markenzeichen des 1989 in Hamburg geborenen Pianisten, der seine Ausbildung bei zwei der größten russischen Pianisten der Gegenwart genoss. In Hannover war er der letzte Student von Vladimir Krainev bevor er am Royal College of Music in London bei Dmitri Alexeev mit höchstem Prädikat abschloss.

Alexander Krichel ist jedoch nicht nur auf der Bühne präsent, er ist ebenso Mitbegründer und künstlerischer Leiter des preisgekrönten Festivals Kultur Rockt sowie künstlerischer Leiter der exklusiven Konzertreihe Kammermusik am Hochrhein. Seit 2018 ist er außerdem festes Jurymitglied des Fanny Mendelssohn Förderpreises. Abseits des Klaviers engagiert sich Alexander Krichel in Projekten, die Kindern und Jugendlichen Zugang zur klassischen Musik verschaffen, und setzt sich in der Hospizarbeiin Hamburg ein

DAS VOLLSTÄNDIGE PROGRAMM

          • LUDWIG VAN BEETHOVEN: 5. Klavierkonzert op. 73, Es-Dur
            1. Satz, Allegro, Es-Dur
            2. Satz, Adagio un poco mosso, H-Dur
            3. Rondo. Allegro, Es-Dur
          • MAGNUS LINDBERG: Absence (deutsche Erstaufführung)
          • LUDWIG VAN BEETHOVEN: EGMONT op. 84, Schauspielmusik

        Mit einem Text von Giuliano Musio,  Text im Auftrag des Berner Kammerorchesters. UA 1.11.2019 Casino Bern
        1. Ouvertüre. Sostenuto, ma non troppo – Allegro
        2. Lied: Die Trommel gerühret
        3. Zwischenakt I: Andante
        4. Zwischenakt II: Larghetto
        5. Lied: Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein
        6. Zwischenakt III: Allegro
        7. Zwischenakt IV: Poco sostenuto e risoluto
        8. Musik, Clärchens Tod bezeichnend: Larghetto
        9. Melodram: Poco sostenuto
        10. Siegessymphonie: Allegro con brio

        MITWIRKENDE
        Meininger Hofkapelle
        MUSIKALISCHE LEITUNG: GMD Philippe Bach
        SOLIST*INNEN: Alexander Krichel (Klavier) Monika Reinhard (Sopran) Michael Jeske (Sprecher)

        Live-Mitschnitt aus dem Meininger Staatstheater
        qchamberstream.com am 17. Dezember 2020, 17 Uhr
        danach on demand bis 31.01.2021  –  Der Zugang zum Stream ist kostenlos

—| IOCO Aktuell Meininger Staatstheater |—

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