Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – La Donna del Lago, IOCO Kritik, 13.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini

  Internationalen Maifestspiele 2019

von Ljerka Oreskovic Herrmann     

Ein musikalisches selten gespieltes Kleinod von Gioacchino Rossini präsentierten die diesjährigen Internationalen Maifestspiele in Wiesbaden – leider nur ein einziges Mal. Es war ein Gastspiel der Opéra de Lausanne in Koproduktion mit dem Nationaltheater Zagreb.

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini
youtube Trailer Opéra de Lausanne zur Inszenierung
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1810 schrieb Walter Scott The Lady of the Lake und erzielte einen weltweiten Erfolg. Gioacchino Rossini war von  dessen Gedicht aus sechs Cantos – Gesängen – so berührt, dass er daraus die Oper La Donna del Lago komponierte.  Nicht nur durch La Donna del Lago (The Lady of the Lake) führte Sir Walter Scott (1771 – 1832) die englischsprachige Literatur auch auf die italienische Opernbühne. 1819 fand in Neapel die Uraufführung statt, mit der damaligen primadonna assoluta Isabella Colbran in der weiblichen Hauptpartie. Der zunächst künstlerischen Beziehung von Rossini und Colbran folgte auch eine private Entsprechung: 1822 heirateten der Komponist und die berühmte Sängerin bei Bologna in einer Villa, die diese von ihrem Vater geerbt hatte. 1837 trennten sich die beiden, musikalisch waren sie aber bis dahin ein unschlagbares Paar. Eine „Premiere“ bot dann diese Produktion auf: die Hosenrolle des Malcolm – für eine Mezzosopranistin geschrieben – wurde von einem Countertenor übernommen. Max Emanuel Cencic, als Chevalier de L‘Ordre des Arts et des Lettres in Frankreich geehrter und verehrter österreichischer Altus, war als Malcolm zu hören.

 

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Inszenierung – Überfrachted mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“

Cencic, zugleich Regisseur dieser Inszenierung, tat sich allerdings keinen Gefallen damit, mit Freudschen Mitteln die Seele und Gelüste der Frauen erkunden zu wollen. Schon Dr. Freud hatte seine liebe Not mit der weiblichen Erotik, die er nicht zu fassen vermochte, und so blieb es auch beim Regisseur ein männlicher Blick von außen. Wobei die Grundidee, eine Frau liest ein Buch, dass sich dann als (ihr imaginiertes) Geschehen auf einer zweiten Ebene entwickelt, durchaus als  Ausgangspunkt interessant ist, aber die Überfrachtung mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“ – verkörpert durch barbusige Frauen – überladen das Stück unnötig. Wie so oft gilt der Spruch: „Weniger ist mehr.“ Die sozial unterdrückte Frau im 19. Jahrhundert zu zeigen, über die er im Programmheft räsoniert, ist zwar an löbliches Ansinnen, allerdings kein neuer, spritziger oder gar verwegener Erkenntnisgewinn. Hätte Cencic das Geschehen stärker zugespitzt und ironisch aufgeladen, um diesen männlichen Blick zu denunzieren und zu brechen, hätte seine Deutung mehr Wirkung entfalten können: Sie wäre quasi verpackt in wunderschöne Rossini-Musik glatt unter die – auch männliche – Haut gegangen. So wirkte es etwas bemüht.

Nichtsdestotrotz gelingen Cencic berührende Bilder, so z.B. das Duett von Malcolm und Elena, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen, in dem beide ihre Liebe beschwören. Ganz oben auf der Treppe sitzen sie dicht beieinander, jederzeit bereit, sofort aufzuspringen. Es ist kein geräumiger oder gar romantischer Ort, und doch erzeugt er eine innige Situation. Die glückliche Begegnung dauert nur kurz, dann trennen sich ihre Wege wieder; er entschwindet über die Balustrade, sie nach unten in den Salon. Überhaupt sind die Duette in La Donna del Lago von Rossini mit einer derartigen musikalischen Präzision der menschlichen Gefühle komponiert, dass einem der Atem stocken kann angesichts der Zartheit und Feinheit des Ausdrucks. In diesen Momenten gewinnt Cencics Personenführung deutlichere Konturen. Eingerahmt – im sprichwörtlichen Sinne – wird die Handlung von einem überdimensionalen Rahmen an der Rampe am Anfang und Ende der Inszenierung. Dahinter ist eine Art Salon mit Wendeltreppe und Möbeln im Stil des Fin de siècle des 19. Jahrhunderts zu sehen, in dem sich das Geschehen, wie in einem Kammerstück, abspielt.

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Auch die Kostüme verweisen auf diese Epoche, die Frauen sind frivoler gekleidet, die Männer verschanzen ihre Gefühle eher hinter Uniformen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind vertrackt, weil Elena einen anderen liebt, als ihr Vater für sie vorgesehen hat, andererseits die Politik bzw. Kämpfe zwischen König und Aufständischen in das private Leben aller Beteiligten hineinwirken. Die Handlung ist im schottischen Hochland angesiedelt, wo Elena als die „Dame vom See“ auf König Giacomo trifft, der als Uberto verkleidet, sich sofort in sie verliebt; enttäuscht muss er feststellen, dass ihr Vater Douglas zu den gegen ihn kämpfenden Rebellen gehört. Elena soll den von ihr ungeliebten Clan-Führer Rodrigo heiraten. Ihr Herz jedoch gehört Malcolm. Drei Männer, die um eine Frau kreisen, zugleich aber in die Schlacht müssen, da die Königstruppen nahen. Uberto alias König Giacomo begibt sich auf das schwierigste Kriegsfeld, nämlich das der Liebe, und öffnet Elena sein Herz. Sie kann ihn nur zurückweisen, Uberto – ganz Gentleman – verzichtet, schenkt ihr gleichwohl einen Ring, der ihr in der Stunde der Not hilfreich sein soll. Die beiden überrascht Rodrigo, und rasend vor Eifersucht fordert er Uberto zum Zweikampf auf. Das Kampfglück – Cencic hat daraus eine durchaus packende und komische Balletteinlage gemacht – hat sich gegen die Aufständischen gewendet. Rodrigo ist ums Leben gekommen, und Malcolm macht sich auf den Weg zu Elena, um ihr zur Seite zu stehen. Douglas derweil sucht König Giacomo in seinem Schloss auf, um ihn um Gnade zu bitten, doch dieser weist sein Gesuch zurück. Als aber Elena mit dem Ring erscheint und dabei erstaunt erkennt, dass sich hinter Uberto der König verbirgt, lässt sich dieser erweichen. Nun können die beiden Liebenden zueinanderfinden.

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Endlich vereint, friert das Geschehen ein, der Rahmen kündigt das Ende an. Doch zum Schluss sehen wir Elena erneut mit ihrem Buch umhergehend und ihren Zeitung lesenden Mann – der ehrbare, aber wohl wenig geliebte Rodrigo – davor. Es ist die „biedere“ Eheidylle des 19. Jahrhundert. Der Rahmen schafft eine Distanz zwischen Traum und Wirklichkeit, unerfüllten Sehnsüchten und Wünschen, überwunden wird sie allein durch die Musik: „Tanti affetti in un momento“ – so viele Gefühle in einem einzigen Augenblick! Kaum einer hätte das musikalisch treffender zum Ausdruck bringen können, als Rossini in seinem Schluss-Rondo voller brillanter Koloraturen. Eine gleichsam wunderbare Diagnose (der Zustände) und klangvolle Behauptung, der man nicht widersprechen möchte.

Für das ansprechende Bühnenbild und die Kostüme zeichnete Bruno de Lavenere, für Videoprojektionen war Étienne Guiol verantwortlich. Der Chor des Nationaltheater Zagreb unter der Leitung von Luka Vukšic zeigte sichtlich eine Spiel- und Sangesfreude, wie auch alle Solisten überragend waren: kurzum grandios. Nian Wang als Elena steigert sich im Lauf des Abends immer mehr, beide Tenöre – Daniel Behle als Giacomo V./ Uberto und Antonio Garés als Rodrigo – waren vokal wie darstellerisch glänzend aufgelegt. Die weiteren Solisten sind Sonja Runje als Vertraute Elenas – eine junge Mezzosopranistin, die bei den diesjährigen Pfingstfestspielen in Salzburg auftritt und eine beeindruckende Präsenz besitzt. Neven Palecek gibt einen sonoren und stimmgewaltigen Vater Douglas. Ivo Gamulin und Nikša Radovanovic sind die als komische Figuren angelegten Serano und Bertram. Und last but not least Max Emanuel Cencic als Malcolm, der perfekt zu dieser Rolle passte und damit einen vokalen Höhepunkt des Abends bildete.

Der junge griechische Dirigent George Petrou beweist sicheres Gespür für die Melodien, Dynamik und Rhythmik der Musik Rossinis. Nie forcierend, den Stimmen Raum zur Entfaltung lassend, nie nur schöne Begleitmusik, im Gegenteil! Petrou besitzt die Fähigkeit, Rossinis musikalische Ausdrucksfülle zum Blühen zu bringen, sie wie ein klangliches Füllhorn auszuströmen, es gelingt ihm mit dem Orchester des Nationaltheater Zagreb eine starke musikalische Interpretation. Allein schon, dieses frühe Rossinische Meisterwerk präsentiert zu haben, ist dankenswert. Das Publikum sah es genauso und belohnte Solisten und das Team mit einhelligem Applaus. Mit Rossinis Melodien im Ohr verließ man beschwingt das Hessische Staatstheater Wiesbaden.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Rheingold-Preis 2019 – Johannes Martin Kränzle, Februar 2019

Mai 2, 2019 by  
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Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle

 Johannes Martin Kränzle

Rheingold-Preis 2019   –  Richard Wagner-Verband Frankfurt

von Ljerka Oreskovic Herrmann

„Ich bin sicher, sie werden Sänger!“

Recht hatte er, Martin Gründler, „der“ große (und 2004 verstorbene) Gesangspädagoge an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt: Aus seinem „Schüler“ Johannes Martin Kränzle ist ein Sänger geworden und was für ein einer! Ein anderes denkwürdiges Zitat fiel von Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, der die Laudatio auf sein ehemaliges Ensemblemitglied hielt. Tags zuvor hatte er sich mit Antonio Pappano, Musikdirektor am Royal Opera House Covent Garden, London, getroffen und folgende Grüße von Pappano an Kränzle auszurichten: „Tell him: He’s the best!“ Und wie, um dies zu bestätigen, zählte Loebe die Partien auf, die der Bariton an der Oper Frankfurt gesungen hatte: dazu gehören u.a. Eisenstein (Die Lustige Witwe), Traveller (Tod in Venedig) oder Ford (Falstaff).

Johannes Martin Kränzle ist tatsächlich der Beste: 2018 erhielt er ein zweites Mal – nach 2011 – die Auszeichnung (Kritikerumfrage der Opernwelt) als bester Opernsänger des Jahres. In Frankfurt begann er in der Spielzeit1997/98 als Lescaut in Hans Werner Henzes Oper Boulevard Solitude, in der Regie von Nicolas Brieger. Ihm und auch Christoph Loy ist er bis heute verbunden, ja es ist sogar Freundschaft daraus geworden. Loys Inszenierung der Così fan tutte bezeichnet Kränzle als vielleicht beste Interpretation dieser Mozart-Oper, denn der Regisseur machte es eben nicht „wie alle“:

Aus einem Totenhaus – Leos Janacek
youtube TrailerOper Frankfurt – Kränzle hier als Siskov, Film Thiemo Hehl 2018
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Für Kränzle wurde Don Alfonso zur Paraderolle. Überhaupt hat er alle Mozartpartien an der Oper Frankfurt gesungen: Don Giovanni, Papageno – „nahezu unerreicht in der humanen Ausdeutung der Figur“ (Loebe) –, Conte Almaviva, Guglielmo und eben seinen unvergessenen und unnachahmlichen Don Alfonso. Aber Kränzle ist nicht nur ein gefragter Mozartsänger, sondern verbucht als Wagner-Interpret ebenso große Erfolge. Sein Beckmesser in Glyndebourne, London, an der MET in New York oder auch Bayreuth setzt durchaus Maßstäbe, als Alberich wird er in London gefeiert. Und folgerichtig erhält Johannes Martin Kränzle für seine „außerordentlichen Dienste als Wagnerinterpret und Liedsänger“ – so Dirk Jenders, Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbands Frankfurt – den Rheingold-Preis 2019 und die Ehrenmitgliedschaft im RWV Frankfurt. Die Bodenhaftung habe sich, so Jenders, diese Künstlerpersönlichkeit bewahrt. Bewahrheitet hat sich diese Aussage sogleich, denn Kränzle half ganz selbstverständlich beim Aufbau von Tisch und Stühlen für das Gespräch mit Moderatorin und Vorstandsmitglied des RWV Hannelore Schmid. Und man möchte hinzufügen, ganz beiläufig auch seinen feinen Sinn für Humor hat aufblitzen lassen.

Es war eine Veranstaltung der „Liebe“ – Liebe zur Musik. Im kurzweiligen Gespräch zwischen Hannelore Schmid und dem Preisträger zeigte sich einmal mehr, warum man ihn auswählte: Kränzle ist nicht nur ein herausragender Bariton, sondern ein Darsteller ersten Ranges, der sich seiner jeweilig neu einzustudierenden Partie allumfassend nähert: Auf  Šiškov aus Leoš Janáceks Aus einem Totenhaus, den er in der vergangenen Spielzeit an der Oper Frankfurt verkörperte und sich grandios einverleibte, hat er sich ein Jahr vorbereitet. Er ist nach Prag gefahren, hatte einen Sprachcoach und wollte wissen und verstehen, was er singt – Noten allein reichen nicht immer aus. Und Tschechisch – zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehörend – ist nun nicht so geläufig in der Opernwelt wie Italienisch. Obwohl – da gibt es doch einige Opern!

 Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus - hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus – hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Dass Kränzle ein geschätzter Liedsänger ist, konnte er dann unter Beweis stellen. Dafür hat er sich die Lieder von Bertold Brecht und Hans Eisler ausgesucht: Was wohl auch ein bisschen dem Umstand geschuldet sein könnte, dass Kränzle, als Augsburger, an dem großen Sohn der Stadt – für Kränzle der höchste Dichter deutscher Sprache – gar nicht vorbei kommen kann. Es sind gebrochene Figuren, Liebestolle oder Gescheiterte an der Liebe. Wie in der Oper, wo Kränzle die zerrissenen Figuren am liebsten verkörpert, sind diese Liebeslieder ebenso von Zwiespältigkeit gezeichnet; vielleicht können sie aber auch als Folgeerscheinung von Menschen, die ihr Leben im Exil – wie Brecht und Eisler – zubringen mussten, verstanden werden. Die Hollywood-Elegien gaukeln kein Happy End vor, vielmehr sind sie melancholisch wie die Stadt, die nach Engeln benannt wurde, oder einfach wunderbare knappe bissige Vertonungen. Kränzle weiß auch hier um den Inhalt, jedes Lied wird in seiner Darbietung zu einem eigenen kleinen Kosmos und Ereignis. Er hat dieser Lieder für ein Streichquartett bearbeitet, was auf eine weitere Bandbreite dieser Künstlerpersönlichkeit verweist: die des Komponisten.

Die zehn Lieder um Liebe für mittlere Stimme und ein Streichorchester hat der Komponist Kränzle seiner Ehefrau und Mezzosopranistin Lena Haselmann gewidmet. Für die Preisverleihung war die Fassung mit Streichquartett zu hören. Die Liedertexte stammen wieder von Brecht. Diese Lieder, so Kränzle, zeigen die lyrische, zarte Seite Brechts, der bissig-ironische Stil der Hollywood-Elegien ist zugunsten eines behutsamen, sanften Duktus’ gewichen. Der Brechtschen Sprache kommt Kränzle entgegen – ja man spürt seine Liebe zum Dichter –, lässt sie aufblühen, seine Musik klingt heiter oder zuweilen auch forsch, manchmal sind Tangoanleihen – wie in Liebeslied aus einer schlechten Zeit – zu hören. Und es ist natürlich eine Liebeserklärung an seine Frau und ihre Stimme.

Musikalisch unterstützt wurde das Ehepaar Haselmann-Kränzle von den Musikerinnen des Malion-Quartett. Das noch „junge“, 2017 gegründete Ensemble besteht aus Musikerinnen aus Frankfurt und Stuttgart: Sophia Stiehler, Jelena Galic, Ulla Knuuttila und Bettina Kessler spielten sich gleichwohl in die Herzen des vorwiegend aus Mitgliedern des Wagnerverbandes bestehenden Publikums.

Abgerundet wurde der Nachmittag mit Johannes Brahms und dem Sänger-Ehepaar Haselmann-Kränzle: Es erklangen Brahms Lieder op. 28, Nr. 2 und Nr. 3, Duette für Alt und Bariton, die der (unverheiratete) Hamburger Komponist zwischen 1860 und 1863 komponiert und ebenfalls einer Frau, Amalie Joachim, gewidmet hat. Ein schöner Abschluss, der mit viel Applaus belohnt wurde.

—| IOCO Portrait |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Der ferne Klang – Franz Schreker, IOCO Kritik, 30.04.2019

April 30, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Der ferne Klang  –   Franz Schreker

– Fritz, ein junger Mann, bricht auf, einen „fernen Klang“ zu finden –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Franz Schrekers Oper Der ferne Klang erlebte seine Uraufführung 1912 in der Frankfurter Oper. Heute heißt dieses Gebäude Alte Oper, war aber bis zum Ende des 2. Weltkriegs das Opernhaus der Stadt Frankfurt. Fast die Hälfte von Schrekers zehn Opernwerken gelangte in der Mainmetropole zur Uraufführung. Die Wiederentdeckung von „Schrecker“ – so Schrekers bei Geburt – verdankt sich insbesondere dem vor kurzen verstorbenen Dirigenten Michael Gielen (1927-2019). Ihm ist diese Aufführung gewidmet, denn er war einer der prägendsten GMDs der Nachkriegsgeschichte. Von 1977 bis 1987 wirkte Gielen in Frankfurt und hat Maßstäbe gesetzt.

Der ferne Klang  –  Franz Schreker
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Insofern kam wohl bei dem einen oder der anderen im Premierenpublikum eine gewisse Wehmut auf, die allerdings verflog, denn das, was aus dem Orchestergraben ertönte und auf der Bühne zu sehen war, überwältigte vollkommen. Gebannt und gefangen von diesem Werk, von der ersten bis zur letzten Sekunde. Schreker hat das Libretto – mit autobiografischen Bezügen – selbst verfasst, so dass sich alles fügte und zusammen gehörte. Und auch die Inszenierung war aus einem Guss. Damiano Michieletto, der Regisseur, und seinem Team (Bühnenbild: Paolo Fantin, Kostüme: Klaus Bruns, Licht: Alessandro Carletti, Video: Roland Horvath und Carmen Zimmermann, rocafilm) ist eine kongeniale Umsetzung der Musik ins Szenische gelungen: Wir sehen, was wir hören und wir hören, was wir sehen.

Die Geschichte selbst beginnt mit der Sehnsucht eines jungen Mannes namens Fritz, einen „fernen Klang“ zu finden und letztlich als Künstler zu reüssieren. Dabei bleibt seine „Liebe“, Grete Graumann, zurück, seine Kunstsuche geschieht zu ihren Lasten. Schreker erzählt ihr Leben als eine einzige Abwärtsspirale, ihre Liebe wird davon aber nie berührt oder gar zerstört werden. Von Fritz verlassen, versucht Grete – wohl nicht ohne Hintersinn an Fausts Margarete erinnernd –, ihrem tieftraurigen Elternhaus zu entkommen und ihn zu finden. Gefunden wird sie allerdings von einem alten Weib, das ein zwielichtiges Haus auf einer Insel bei Venedig betreibt und sie als Edelkurtisane ausstattet.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - hier : Ian Koziara als Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – hier : Ian Koziara als Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Mit einfachen, dafür um so berückenden Mitteln erzeugt Michieletto Räume, Situationen und Stimmungen. Schleierartige Vorhänge gehen auf, erzeugen neue Räumlichkeiten, erzählen eine weitere Geschichte oder Verweisen auf Zukünftiges. Seelenräumen gleich, die alle durchlaufen werden müssen. Die Harfe, die materielle Verkörperung einer nicht greifbaren Empfindung, der Musik eben, schwebt immer wieder von oben herunter – doch dieser ferne Klang“ kann nicht eingefangen werden, und wenn es gelingen sollte, dann ist es der ferne (und doch hörbare) Klang des Endes. ‚Die Harfe’ wird auch Fritz’ letztes Werk heißen.

Schon am Anfang ist die unberührte und ahnungslose Grete mit der alten Margarete konfrontiert, aber sie begegnen sich eher wie Wesen nicht von dieser Welt. Umso brutaler ist dann die Realität. Der Vater, ein Trinker, „verspielt“ seine Tochter an den Wirt des Gasthauses „Zum Schwan“. Grete, die ihrer einst patenten, nun recht hilflosen Mutter nichts vom Ring, den sie zum Abschied von Fritz erhalten hatte, erzählt, sieht sich einer „Heirat“ gegenüber, der sie um jeden Preis entfliehen will. Und so landet sie auf der Insel, im verruchten „La casa di maschere“, wo das Leben ach so bunt, glamourös und ein leichtes ist. Mitnichten, denn Fritz, den sie hier zum ersten Mal nach ihrer Trennung wiedersieht, weist sie angesichts ihrer äußeren Erscheinung und gesellschaftlichen Stellung angewidert zurück.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ian Koziara (Fritz) sowie hinter dem Vorhang Martin Georgi (Alter Fritz) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – Jennifer Holloway (Grete Graumann) und Ian Koziara (Fritz) sowie hinter dem Vorhang Martin Georgi (Alter Fritz) und Statisterie der Oper Frankfurt © Barbara Aumueller

Nur für einen kurzen Augenblick gönnt uns die Musik und die Inszenierung eine Illusion: Das wunderbare Couplet Die Blumenmädchen von Sorrent vermittelt eine musikalische Heiterkeit, und Michieletto lässt die Glitzerwelt der frühen 60er Jahre als Ahnung aufleuchten. Fast glaubt man einen Dean Martin mit seinem It’s amore auf die Bühne springen zu sehen. Aber hier ist keine Liebe. Das beinahe schlagerartige Lied ist bitter: Diese „falschen“ Blumenmädchen wollen geheiratet werden, nur sollte das ein „ehrbarer“ Mann nicht tun. Während die Gäste darüber lachen, vergeht Grete das Lachen vollends, ihr Absturz – musikalisch grandios eingeleitet – ist deshalb umso dramatischer. Kleid bzw. Seidenstrümpfe zerreißend, erinnert ihr tänzerischer „Ausbruch“ von weitem an Salome, bei dieser ist es ein lasziver Tanz – bei Grete hingegen entlädt sich die ganze Verzweiflung ihrer Seele. Sie folgt dem Grafen und verlässt die Insel, danach hält aber nichts mehr ihren freien Fall – als Straßendirne endend – auf. Wieder werden sich ihre und Fritz’ Wege kreuzen: Sie verfolgt als Zuschauerin im Theater seinen künstlerischen Zusammenbruch.

Immer mehr wird die Handlungsebene auf der Bühne nach hinten verschoben, am Anfang vorne, als alles möglich und noch rein schien, auf der mittleren Ebene das überbordende Edelbordell und hinten das Ende im Theater bzw. Krankenbett – wobei sich alles miteinander verwebt, von den Schleiern verbunden oder getrennt wird. Auch die Projektionen verstärken die Eindrücke. Der alte Fritz, nach wie vor seinen fernen Klang suchend, inzwischen von Krankheit und Lebenserinnerungen geplagt, kann nur noch sterbend feststellen, dass er den letzten Akt seines Werkes ‚Die Harfe’ – aber vielleicht meint er auch sein eigenes Leben – für verfehlt hält. Nun hat er ihn – den musikalischen Ausdruck – gefunden, und wenn fast alle Orchesterinstrumente von oben herunterschweben ist das ein überwältigendes Bild, aber es ist zu spät. Die ebenfalls gealterte Grete, das verschmutzte Kleid hat seinen einstigen Glanz längst eingebüßt und ist äußeres Sinnbild ihres Niedergangs, findet endlich ihre Liebe. Es ist die finale Begegnung der beiden, und nun ist es Fritz, der sie braucht und sie so annehmen kann, wie sie ist – und sie ist für ihn da. Alle sind an ihrer Misere schuld, gesellschaftlich missachtet, ist sie die einzig Aufrechte – vom Leben gebeutelt nicht gebrochen. Grete ist eine Opernheroine ersten Ranges, Seit an Seit mit Alban Bergs Lulu und Richard Strauss’ Salome und das eigentliche Zentrum dieser Oper.

Oper Frankfurt / Der ferne Klang - hier : Martin Georgi als Alter Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Der ferne Klang – hier : Martin Georgi als Alter Fritz, Jennifer Holloway als Grete Graumann © Barbara Aumueller

Der Chor unter der Leitung Tilman Michael zeigt wie immer eine bravuröse Leistung bis hin zu den Chorsoli. Auch das Orchester entwickelt eine sogartige Wirkung, die die ganze Klangarchitektur des Werkes unter der souveränen musikalischen Leitung von GMD Sebastian Weigle zur Geltung und vollkommenen Entfaltung bringt. Exemplarisch für alle Protagonisten seien hier Jennifer Holloway und Ian Koziara als Grete und Fritz genannt. Sie vollbringen Glanzleistungen – wie sie sich als junges Paar immer mehr dem alten (stumm: Steffie Sehling und Martin Georgi) annähern und damit nicht nur äußere, sondern auch innere Wandlungen durchlaufen, ist einfach großartig anzuhören und anzusehen. Auch die jeweilige Einzelleistung der insgesamt herausragenden Ensemblesolisten kann nicht genug gewürdigt werden. Es sangen und spielten: Anthony Robin Schneider (Wirt des Gasthauses „Zum Schwan“), Iurii Samoilov (Schmieren-schauspieler), Magnús Baldvinsson (Der alte Graumann/ 2. Chorist), Barbara Zechmeister (Seine Frau), Dietrich Volle (Dr. Vigelius), Nadine Secunde (Ein altes Weib), Julia Dawson (Mizi), Bianca Andrew (Milli/ die Kellnerin), Julia Moorman (Mary), Kelsey Lauritano (eine Spanierin), Gordon Bintner (der Graf), Ian MacNeil (der Baron), Theo Lebow (der Chevalier/ 1. Chorist), Sebastian Geyer (Rudolf), Hans-Jürgen Lazar (ein zweifelhaftes Individuum) und Anatolii Suprun (ein Polizeimann/ ein Diener).

Bei dieser Inszenierung stimmt alles. Regisseur Damiano Michieletto ist so ein fulminanter Einstand in Frankfurt gelungen. Das Publikum belohnte ihn, sein Team und alle Mitwirkenden mit lang anhaltendem Applaus.

Der ferne Klang an der Oper Frankfurt;  weitere Vorstellungen 26.4.; 28.4.; 9.5.; 11.5.2019

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Giessen, Stadttheater Giessen, La Resurrezione – Die Auferstehung, IOCO Kritik, 17.04.2018

April 17, 2019 by  
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Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

La Resurrezione – Die Auferstehung
Oratorium von Georg Friedrich Händel

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Alles ist grau, nüchtern, der Leichnam liegt noch zugedeckt auf dem Seziertisch, dazu die normale Geschäftigkeit der dort arbeitenden Menschen – die Pathologie eben. Dann erscheint ein schwarz gekleideter Mann, deckt den Kopf des Toten auf, um „die“ Dornenkrone darauf zu legen. Bis zu diesem Bild hätte es eine Geschichte von heute sein können, fast wie in einem dieser Endloskrimis im Fernsehen, doch spätestens als die Bühne dreht und eine Gruppe weißgekleideter Männer eine Treppe heruntersteigt, erhält das Geschehen eine religiöse Dimension.

Georg Friedrich Händel, Westminster Abbey © IOCO

Georg Friedrich Händel, Westminster Abbey © IOCO

Die Auferstehung – Die Nacht des Karsamstag auf Ostersonntag

Abgespielt hat sich die Geschichte zu dieser Grablegung vor 2000 Jahren: Jesus, der Sohn Gottes, stirbt am Kreuz, wird zum Begründer der christlichen Glaubenslehre und das Kreuz zu ihrem Symbol. Es ist die Nacht von Karsamstag auf Ostersonntag – der höchste christliche Feiertag im Kirchenjahr. Für diesen Tag hat der noch junge Georg Friedrich Händel, in Rom weilend, sein Oratorium um die AuferstehungLa Resurrezione di Nostro Signor Gesù Cristo (HWV 47) – geschrieben, am 8. April 1708 wurde es uraufgeführt. Überliefert ist, dass das geistliche Oratorium szenische umgesetzt wurde, was dem Verbot von Theater- und Opernaufführungen in der Fastenzeit durch Papst Clemens XI. gerade noch entsprach. Tatsächlich erinnert das Werk an eine Oper, deren Inhalt auf mehreren Ebenen geschildert werden kann, was der Gießener Regisseur Balázs Kovalik sehr geschickt und packend umsetzt. Und dabei, wie selbstverständlich die Frage nach der Bedeutung von Glauben in unserer heutigen Welt stellt und nach der Haltung zum Tod aufwirft.

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel - hier :  Samuel Mariño als Engel_ Angelo © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel – hier : Samuel Mariño als Engel_ Angelo © Rolf K Wegst

Den Kampf um den finalen, vermeintlich nicht revidierbaren Abschied, tragen zunächst Luzifer und ein Engel aus. Für Lucifero, den gefallenen Engel, ist es ein Triumph, denn Gottes Sohn ist tot, während der Engel bzw. Angelo – mit berückenden Höhen und heiterer Gewissheit – dem toten Jesus nicht nur behutsam die Dornenkrone abnimmt, sondern seine Auferstehung prophezeit. Sebastian Ellrich, für Bühne und Kostüme verantwortlich, hat die beiden Protagonisten entsprechend komplementär auftreten lassen: Der Engel, eine wahrhaft cherubinische Erscheinung, trägt weiße modische Kleidung und wird von weiteren Engeln begleitet; einer trägt sogar die Osterkerze, das Symbol schlechthin. Und der Countertenor mit der atemberaubenden Höhe heißt: Samuel Mariño. Entsprechend dazu ist Lucifero, wie bereits erwähnt, in schwarz gekleidet, nur die roten Sohlen auf seinen Schuhen und die kleinen, unter einem Hut versteckten, roten Hörner weisen ihn als Herrn der Hölle und damit des Bösen aus. Der Bariton Grga Peroš tritt stimmgewaltig und machtvoll auf, aber letztlich wird er klein beigeben bzw. in der sprichwörtlichen Versenkung verschwinden müssen. So will es die Dramaturgie und die Religion – beide kommen hier zur perfekten Deckung.

Auch die Musik arbeitet mit kontrastierenden Klangwelten und GMD Michael Hofstetter lässt Händels Musik leuchten, das bildlich Komplementäre entspringt der musikalischen Entsprechung: das helle Dur des Engels kontrastiert das dunkle Moll Luzifers. Das Philharmonische Orchester schlägt eine Brücke zwischen damals, als Frömmigkeit und Glauben im wahrsten Sinne des Wortes noch einen anderen Klang hatten, und heute, indem wir Händels frühes Stück als ein der römischen Operntradition zugehöriges Werk annehmen. Seine fulminanten Arien, seine subtile Charakterisierung der Figuren, sein reicher musikalischer Ausdruck – all das ist in Gießen zu hören. Und gilt gleichermaßen für das insgesamt gute, sehr spielfreudige und junge Sängerensemble. Dazu gehören neben den oben genannten: die Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli als Maddalena, die Mezzosopranistin Marie Seidler als Cleofe, der Tenor Aco Bišcevic als Giovanni sowie der Bariton Kyung Jae Moon als Corista. Die Bewältigung der Konfliktebenen im musikalischen Dialog wie auch der Übergang zwischen den Erzählebenen gelingt allen sehr eindrucksvoll.

Licht und Dunkelheit bestimmen nicht nur den Gesang und Kleidung, sondern stehen insgesamt für die Pole dieser Auseinandersetzung: um Glauben oder Nichtglauben, letztlich um unsere Sehnsucht nach Ewigkeit und höherer Bedeutung als das kurze Erdenleben. Die anderen Protagonisten, die drei Sterblichen, die um den Toten weinen, treten zuerst in grauer, später schwarzer Trauerkleidung auf. Regisseur Kovalik zeigt, was früher „normal“ war, vielen Zeitgenossen heutzutage nur „merkwürdig“ anmutet, zumindest nicht mehr vertraut ist: das rituelle Betrauern, das Waschen und Einkleiden eines Verstorbenen.

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel - hier :  Aco Biscevic, Grga Peros, Francesca Lombardi Mazzulli © Rolf K Wegs

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel – hier :  Aco Biscevic, Grga Peros, Francesca Lombardi Mazzulli © Rolf K Wegs

Leben und Tod bildeten immer die zwei Seiten einer Medaille, den Tod und das Bewusstsein um die eigene Endlichkeit hat der moderne Mensch fast gänzlich aus dem Alltag verbannt. Diese zweite, alltägliche Ebene – in der wir sogar den Sarg in den Flammen im Krematorium verschwinden sehen – verzahnt der Regisseur auf eindringliche Weise mit der Erzählung von der Auferstehung Jesus Christus’. Dies entspricht tatsächlich dem Konzept des „katholischen Oratoriums“ zu Händels Zeiten in Rom: Es wird nicht bloß eine „geschichtliche Legende“ präsentiert, es werden vielmehr allgemeine Positionen verhandelt – das Oratorium wird somit zum großartigen allumfassenden Welttheater. Und doch zeigt es ein Ereignis, das sich jeden Tag so irgendwo auf der Welt zutragen könnte: Eine Mutter (eine stumme Rolle) beklagt den Tod ihres erwachsenen Sohnes. Von einer „Öffentlichkeit“ wird er ebenfalls betrauert: Es sind Giovanni, Maddalena und Cleofe. Sie erscheinen zugleich als alltägliche Gestalten unserer Zeit und biblische Figuren von einst. Und als Menschen sind sie uns nahe.

Maddalena (mit Kind), die biblische Maria Magdalena, steht dem einstigen Rabbi Jesus nahe. Cleofe, (in der durchaus ketzerischen Deutung Kovaliks), wiederrum ist wohl von diesem schwanger, wird aber von Giovanni getröstet, doch dieser erweist sich als erster Vertreter der neuen Religion. In seiner schwarzen Priesterkleidung ist er über das Trauern bereits hinaus: Er wacht über das Erbe des Verstorbenen und kündet von seiner Auferstehung. Privates und Privatheit haben da keinen Platz mehr, obwohl die Drehbühne durch die wechselnde Atmosphäre (Licht: Jan Bregenzer) und die sich ändernden Räumlichkeiten, wie z.B. beim Traueressen am Esstisch oder dem Vorbereiten für die Totenmesse in der Kapelle, intime Momente, sogar Heimsuchungen (bei Giovanni) erzeugen und persönliche Begegnungen zulassen.

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel - hier :  Aco Biscevic als Giovanni © Rolf K Wegst

Stadttheater Giessen / La Ressurrezione von Georg F Haendel – hier :  Aco Biscevic als Giovanni © Rolf K Wegst

Jesus, das vermeidet nicht nur die Inszenierung, sondern das Oratorium selbst, wird nie als lebendiger Mensch gezeigt – nur die Projektionen zeigen ihn am Ende als „Auferstandenen“. Hier erscheint der Einsatz von Videoprojektionen (Martin Przybilla) nicht nur sinnfällig, sie erhalten eine (vielleicht unbeabsichtigte) religiöse Dimension: als Projektion in der wahrhaftigen Bedeutung des Wortes – auf diesen christlichen Messias werden alle Hoffnungen bis heute „projiziert“. Im Finale singen alle gemeinsam, geeint um das Wissen bzw. den Glauben an ein Leben danach. Aber können wir gegenwärtig damit etwas anfangen? Oder sollten wir uns Ernst Blochs Aussage in Erinnerung rufen: „Nur ein Atheist kann ein guter Christ sein. Nur ein Christ kann ein guter Atheist sein.

Wohl in diesem Bewusstsein hat auch Kovalik das Ende konzipiert, geweitet um die individuelle Beantwortung dieser Frage: Das Seelenheil katholischer Lesart, so wir daran glauben, hängt zwar von Gott ab. Doch unser eigener Beitrag ist nötig, oder wie es auf der Wand hinter den Protagonisten aufleuchtet: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben können“. Jeder, jede kann und muss für sich entscheiden, ob Glauben noch Gewicht hat. Und in diesem Sinne weist auch dieses Oratorium über die reine Nach-Erzählung hinaus. Das dankbare Publikum revanchierte sich mit überwältigendem Applaus.

—| IOCO Kritik Stadttheater Giessen |—

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