Johannes Martin Kränzle – ein bedeutender Sänger im Gespräch, IOCO Interview, 05.05.2020

Mai 5, 2020 by  
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Johannes Martin Kränzle © Christian Palm

Johannes Martin Kränzle © Christian Palm

JOHANNES MARTIN KRÄNZLE – im Gespräch mit Ljerka Oreskovic Herrmann

– ALLE ZIEHEN AM SELBEN MUSIKALISCHEN STRANG –

Johannes Martin Kränzle, 1962 in Augsburg geboren, ist ein international gefragter Opern- und Konzertsänger. Seine Ausbildung erhielt Kränzle  bei Martin  Gründler an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. Von 1998 bis 2016 war er Ensemblemitglied an der Oper Frankfurt, zuvor schon in Dortmund und Hannover im Festengagement. 2015 wurde bei ihm die lebensbedrohliche Knochenmarkkrankheit MDS diagnostiziert, weshalb er sich einer Stammzellentransplantation unterziehen musste. Für  herausragende sängerische Leistungen erhielt Kränzle 2011 und 2018 die Auszeichnung „Sänger des Jahres“ (Kritikerumfrage der Opernwelt). 2019 folgte der Deutsche Theaterpreis FAUST für seine darstellerische Leistung als Šiškov in Aus einem Totenhaus an der Oper Frankfurt. Das umfangreiche Opernrepertoire von J. M. Kränzle reicht von Händel bis Rihm und umfasst 120 Partien, die er an den großen Opernhäuser und Festspielen der Welt immer wieder unter Beweis stellt.

Romeo und Julia auf dem Dorfe _ an der Oper Frankfurt / hier: J. M. Kränzle - selbst Geige spielend, als Der schwarze Geiger © Barbara Aumüller

Romeo und Julia auf dem Dorfe _ an der Oper Frankfurt / hier: J. M. Kränzle – selbst Geige spielend, als Der schwarze Geiger © Barbara Aumüller

Ljerka Oreskovic Herrmann, LH:  Herr Kränzle, in einem Interview mit der Augsburger Allgemeinen Zeitung sagten Sie, „durch die Festivalkultur verkommt die ganze klassische Musik immer mehr zu einem Zirkus“, dass es einen Bildungsverlust gibt. Das vorherrschende Merkmal seien „äußerliche Reize wie langer, hoher, lauter Ton oder die Häppchenkultur“.

Johannes Martin Kränzle, JMK:  Die Überschrift ist etwas reißerischer, als ich das  im Interview  formuliert hatte, weil ich nicht grundsätzlich finde, dass Festivals ein Zirkus sind. Was mich sehr stört, sind Konzerte, bei denen nur die „Leckerbissen“ – aus einem Kontext herausgerissen – präsentiert werden. Diese Effekthascherei mag ich persönlich gar nicht. Eine Berechtigung hat es vielleicht, dass sich der ein oder andere von einem „Hit“ neu zur Klassik führen lässt. Aber inhaltlich finde ich diese Veranstaltungen hohl. Das hat sogar Frau Merkel so schön bei der Eröffnung der Elbphilharmonie bemerkt, als auch nur Häppchen (aus jedem Opus nur ein Satz) zur Aufführung kamen: ‚Ach, ich hätte gerne einfach nur ein Werk vollständig gehört.’

LH: Ist nicht jetzt eine Gelegenheit darüber nachzudenken, was Kultur im Allgemeinen und Oper/Theater im Besonderen bedeuten, sie (neu) zu definieren und mit Inhalten füllen?

JMK: Die Situation ist tatsächlich risikobehaftet. Ob sich durch die Krise das Zuhören und Zusehen verändert, wäre – glaube ich – zu idealistisch gedacht. Vor allem durch die mediale Überfrachtung und allgemeine Schnelllebigkeit, die Konzentrationsmangel zur Folge haben, ist uns bereits Vieles abhanden gekommen. Ich war einmal bei einem DaschSalon (A.d.R.:eine von Annette Dasch moderierte Fernsehsendung) zu einer Übertragung im Fernsehen engagiert, und da hieß es: ‚Ihr Lied darf nicht länger als vier Minuten sein, weil sonst die Leute abschalten`. Feige Zwänge, wenn man nur auf Quoten schielen muss! Oder ein anderes Beispiel: ganz aktuell (jetzt diesen Samstag, 2.Mai 2020) lief im Fernsehen ein Hamlet aus dem Bochumer Schauspielhaus, der eigentlich zum Berliner Theatertreffen eingeladen war. Eine hochkonzentrierte Aufführung mit einer phänomenalen Sandra Hüller in der Titelrolle. Direkt im Anschluss wird eine Banalisierung des Hamlet-Stoffes als anbiedernde Unterhaltungssendung mit etlichen Clips von zig anderen Inszenierungen im Fünf-Sekundentakt gezeigt – anstatt die große Kunst einer Sandra Hüller an diesem Abend wirken zu lassen.

Auch in der Gesangskunst ist Bildung schon über Jahrzehnte hinweg verloren gegangen . Ein Beispiel: das Wissen darum, dass es nicht auf die hohen oder lauten Töne ankommt. Die Phrasierung und Gestaltung einer Rolle wurde mal weit wichtiger genommen. Ich bin eher pessimistisch, was die Wieder-Sensibilisierung der Kultur und mancher Kulturverantwortlicher und -schaffender angeht.

LH: I Welche Rolle spielt für Sie der Dirigent? Welche Dirigenten waren für Sie wichtig? Und daran anschließend, was macht einen guten Dirigenten für Sie als Sänger aus?

JMK:  Eine entscheidende Rolle. In den vielen Jahren in denen ich singe, habe ich gemerkt, was Dirigenten bewirken können. Wenn sie an der gesamten Produktion mitwirken, bei jeder Probe da sind, wenn es z.B. um Rezitative geht, auch ihre Meinung und Erfahrung einbringen. Das war bei Così fan tutte in Frankfurt mit Julia Jones so. Auch das Zusammentreffen mit Kirill Petrenko bei Palestrina und das gemeinsame Ergründen des Werkes war für mich maßgebend. Unvergesslich war die Arbeit mit Daniel Barenboim an meinem ersten Alberich im Ring in Mailand und Berlin. Wir haben die Partie Takt für Takt am Klavier akribisch bis zur kleinsten Phrasierung und Nuancierung durchgesprochen. Eine außergewöhnliche Begegnung hatte ich erst vergangenes Jahr mit dem Dirigenten Enrique Mazzola bei Don Pasquale in Zürich. Was er aus dieser Musik herauszaubern konnte, in einer wunderbaren Atmosphäre und dabei mit imponierendem Arbeitswillen. Er hat Don Pasquale (siehe youTube Video unten)schon vorher über hundert Mal dirigiert, trotzdem hatten wir Sänger das Gefühl, er findet mit uns eine individuelle neue Lesart und alle ziehen am selben musikalischen Strang. Es gab aber auch viele erfüllende Begegnungen mit weniger prominenten Dirigenten.

Don Pasquale hier mit J.M. Martin Kränzle als Don Paquale
youtube Trailer Opernaus Zürich
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LH: Wie erarbeiten Sie sich eine Partie?

JMK:  Zuerst mental. Ich lerne den Text separat vor der Musik, weil ich so Inhalte, Betonungen und Nuancen im Wort entdecke, dem sonst von der Musik bereits eine Richtung vorgegeben wird. Manchmal kann es sogar reizvoll sein, die textliche Bedeutung gegen die musikalische Atmosphäre zu stellen. Im Anschluss beginnt die Erarbeitung mit einem Korrepetitor. Das Lernen mit einem musikalischen Partner, dessen Echo und Korrektiv ist mir persönlich sehr wichtig.

LH: IWelche Rolle würden Sie gerne singen und als Figur darstellen?

JMK:  Ich habe Glück gehabt, dass ich schon über 120 Rollen singen durfte. Aber es gibt noch einen Wunsch: Wozzeck. In Paris konnte ich ihn in einer Wiederaufnahme – einer bestehenden spannenden Inszenierung – von Christoph Marthaler singen. Trotzdem würde ich mich gerne selber auf die Suche nach der Rolle in einer Neuinszenierung machen. Da ist der spannende Umbruch zwischen Romantik und Moderne, ebenso diese formale Strenge der Komposition Alban Bergs, die man vielleicht beim ersten Hören nicht erfassen kann, so natürlich und musikantisch erklingt sie. Büchners Vorlage ist schon exzellent. Da ist kein Wort zu viel, da stimmt jeder Punkt und jedes Komma. Und dann ist Wozzeck als Rolle auch eine, die sich über unzählige Arten erzählen lässt – schüchtern, still, aber auch aufmüpfig, rebellisch, grob. Es gibt so viele Interpretationsmöglichkeiten und es wäre mir eine Freude zu experimentieren, zu welchen Schattierungen ich gelange.

Künstler-Nöte in der jetzigen Corona-Pandemie

LH: I Sie unterrichten jetzt Online. Was möchten Sie angehenden Sängern und Sängerin vermitteln? Was ist das Wichtigste, um in diesem Beruf, der eine Berufung sein kann, zu bestehen? Sie haben in Köln, aber auch in Brasilien als Gastprofessor gearbeitet. Wie kam es dazu?

JMK:  Ach, das war ein Zufall. Ich habe zwischen Studium und den ersten Berufsjahren – quasi als Tourist – bei einigen internationalen Wettbewerben teilgenommen, so auch in Rio de Janeiro. Dort gewann ich mit meiner damaligen Glücksarie, der Cavatine des Barbiere di Siviglia, den „Ersten Großen Preis“. Daraufhin wurde ich eingeladen, in vielen brasilianischen Städten zu konzertieren, u.a. in Joao Pessoa, wo der dringende Wunsch geäußert wurde, dass ich unterrichten solle. Ich war damals 28, konnte kein Portugiesisch: Mir wurde ein Simultanübersetzer an die Seite gestellt und schon ging es los. Daraufhin ergaben sich mehrere Unterrichtsverpflichtungen in Nordostbrasilien. Letztlich hat sich dann Natal zum Mittelpunkt entwickelt, da dort für klassische Musik die nachhaltigste Infrastruktur vorhanden ist. Dort habe ich inzwischen über Jahrzehnte unterrichtet. Es ist schön zu sehen, dass die Studenten der ersten Stunde mittlerweile selbst Professoren sind. Vor einem Jahr habe ich dort ein soziales Projekt gegründet. Ich finanziere Kindern aus sehr armen Familien den Instrumentalunterricht sowie die Anschaffung der Musikinstrumente. Der größte finanzielle Aufwand geht allerdings an die Eltern, damit sie ihre Kinder nicht zum Arbeiten, sondern zum Musikunterricht schicken.

Die Zarenbraut  hier mit J.M. Martin Kränzle
youtube Trailer Teatro alla Scala
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LH:  Dürfen sich die Kinder das Instrument aussuchen?

JMK:  Da ich selbst mit Geige angefangen habe, habe ich mich für Streichinstrumente entschieden. Keine einfach zu beherrschenden Instrumente. Im Gegensatz zu Klavier, das andere Vorzüge hat, lernt man Intonation und Melodieführung, man „singt“ beinahe auf einer Geige, Bratsche oder einem Cello. Und mit dieser Instrumentenkombination können die Jugendlichen später auch zusammen musizieren.

LH:  Wann haben Sie vom Musiker zum Sänger gewechselt?

JMK:  Nach dem Abitur habe ich ein Jahr in Hamburg Musiktheaterregie studiert, was mir allerdings dort viel zu theoriebeladen war. Deshalb habe ich Aufnahmeprüfungen in ganz Deutschland in den verschiedensten Disziplinen gemacht – als Schauspieler, Geiger, Schulmusiker, sogar einmal als Dirigent. Nirgendwo war das so richtig erfolgreich, aber in Frankfurt gab es einen erfahrenen Gesangsprofessor, Martin Gründler, der mich in der Schulmusik- Aufnahmeprüfung gehört hat: „Du wirst Sänger. Bei Dir bin ich mir sicher.“ Es war ein Riesenglück, diesem wunderbaren Menschen damals begegnet zu sein.

LH: Zurück zur Ausgangsfrage nach dem Unterrichten. Sie unterrichten momentan Online? Was sind Ihre Erfahrungen? Was ist in diesem Beruf wichtig?

JMK:  In dieser Corona-Phase habe ich den ehemaligen Studenten aus meiner Zeit als Gastprofessor an der Musikhochschule in Köln angeboten, kostenlos Online-Unterricht bei mir zu nehmen. Auch sie haben momentan keine Einkünfte als Sänger. Die meisten stehen am Anfang ihrer beruflichen Karriere, sind in ersten Engagements, teilweise fest an Opernhäusern, teilweise freischaffend. Besonders für sie ist es gerade äußerst schwierig, weil die Produktionen, die schon vereinbart waren, abgesagt werden mussten und so der Berufseinstieg unterbrochen ist. Ich kann ihnen auf diese Weise wenigstens gesangstechnisches Feedback geben, da sie anderweitig kaum Rückmeldungen bekommen. Eine mentale und wirtschaftliche Durststrecke. Der Online-Unterricht ist dabei eingeschränkt befriedigend, weil die Schönheit der Stimme, der Obertonreichtum und das Timbre oft verzerrt wahrnehmbar sind. Also eine Notlösung und kein Ersatz für den realen Unterricht.

Grundsätzlich ist in diesem Beruf unabdingbar, Niederlagen wegstecken zu können und sich immer wieder neuen Aufgaben zu stellen. Notwendig ist ebenfalls, eine Sensibilität für sich und seine Möglichkeiten zu entwickeln. Wie schätze ich mich ein, was traue ich mir wann zu? Für den Sängerberuf sind diese Fragen überlebensnotwendig und bestimmen – neben gesundheitlichen Aspekten – wie lange eine Laufbahn dauert.

LH:  Es drängt sich einem der Eindruck auf, dass die heutigen jungen Sänger und Sängerinnen sehr schnell durchgeschleust werden und dann schnell verschwinden. Täuscht der Eindruck?

JMK:  Es gibt Studien die besagen, dass die heutigen Karrieren im Durchschnitt fünf Jahre dauern. Also erschreckend kurz. Die ZAV Künstlervermittlung gibt zu bedenken, dass der Sängerberuf mittlerweile ein „Teilberuf“ ist, d.h. dass man aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bis ins Rentenalter auf der Bühne stehen wird. Die Schnelllebigkeit, die ich vorher bereits angesprochen hatte, zeigt sich auch hier. Die Sänger sind aber auch für sich selbst verantwortlich. Ein festes Engagement ist sicher immer noch der beste Einstieg in den Beruf: Man hat mal eine Rolle, die einem liegt, dann eine, die einem nicht liegt, und trotzdem wird man nicht gleich rausgeschmissen. Wenn ein junger Sänger nur mit seinen drei „Schokoladenrollen“ gastiert, kann er keine Vielseitigkeit entwickeln. Er hat auch nicht die Atem-Pausen kleiner oder mittlerer Rollen. Es ist anfangs heilsam, nicht dauernd die Hauptrollen zu singen, um nicht zu schnell müde und dann durch den Opernbetrieb durchgeschleust zu werden.
Bedauerlicherweise gibt es immer seltener gestandene, erfahrene Kollegen höheren Alters, die seit Jahrzehnten in ein und demselben Ensemble sind. Teilweise gab und gibt es auch Vorgaben an die Intendanten, keine Unkündbarkeiten auszusprechen. An einigen Theatern sind so die Sänger für manche Rollen viel zu jung. Immer häufiger gibt es nur noch ein sporadisches Ensemble der jeweiligen Intendanz.

Cosi fan tutte mit Johannes Martin Kränzle
youtube Trailer Royal Opera House, London
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LH: Ein Publikum identifiziert sich mit den Sängersolisten.

JMK:    Absolut, es will die gleichen Sänger in verschiedenen Rollen erleben. Große Stars und neuesten Namen ersetzen keine gewachsenen Identifikationsfiguren! Die glanzvollste Zeit hatte die Wiener Staatsoper in den fünfziger und sechziger Jahren mit ihrem berühmten Mozart-Ensemble. Diese Sänger übernahmen darüber hinaus sämtliche Repertoire-Partien mit größtem Erfolg. D.h. selbst in dieser Kulturmetropole ging die Idee eines gewachsenen Ensembles blühend auf.

LH: Sie haben eine Liste erstellt, die die beispielgebenden, die freien Mitarbeiter und Gäste unterstützenden Theater in der Corona-Krise aufzählt. Wie lange ist diese Liste inzwischen geworden?

JMK:  Die Liste war mit etwa acht Theatern anfänglich kurz. Inzwischen ist sie auf mindestens sechzig Häuser europaweit angewachsen. Obendrein hat sich ein Link zu amerikanischen Veranstaltern ergeben. Ich bin auf Meldungen einzelner Betroffener angewiesen und versuche die Liste ständig zu aktualisieren. Die Liste erhebt dabei keinerlei Anspruch auf Rechtsgültigkeit. Viele zahlen ein 50%-Ausfallhonorar, wie die Staatstheater Wiesbaden und Darmstadt, dann gibt es auch 100%-Gagenauszahlung wie beispielsweise in Bremen oder Passau. Es ist erfreulich, was sich zusammengefunden hat, aber es gibt auch so inakzeptabel geringe „Hilfs“-Angebote, die nicht zu den positiven Beispielen zählen können. Ich wollte mit dieser Liste die Helfenden transparent machen und nicht die Unterlasser anprangern. So manches große – bis zur Krise wohlsituierte – Opernhaus zahlt seinen Gastsängern bisher keine Gagen-Ausfälle. Das betrifft leider auch meine sämtlichen entfallenden Engagements.

Natürlich mussten sich die Rechtsträger und Theaterleitungen nach dem ersten Schock dieser Pandemie neu orientieren. Aber jetzt, bald sechs Wochen nach Beginn der ersten Maßnahmen, müsste finanziell schon geholfen worden sein. Sechs, vielleicht noch mehr Monate ohne jede Einnahme sind für alle Freischaffenden nicht zu verkraften. Dass es für die Freiberufler noch keine Leitlinie gibt, hat auch mit dem Föderalismus zu tun. Jedes Land, ja, jede Kommune stellt eigene Regeln auf. Es darf dadurch nicht – wie vor 1848 – nach Gutsherrenart abhängig vom „Fürstenhaus“ entschieden werden, wer entlohnt wird und wer nicht. Das „Wunder“ Oper, bei dem so viele auf engem Raum zusammenkommen, wird auf nicht absehbare Zeit pausieren müssen. Da helfen keine Rollenangebote für kommende Spielzeiten, sondern ist pekuniäre solidarische Unterstützung im jetzigen Moment gefragt.

Ganz aktuell haben sich alle Stadttheater der Kurzarbeit angeschlossen und ausdrücklich werden dort die sozialversicherungspflichtigen Gäste mit einbezogen: das ist ein äußerst wichtiger Schritt mit hoffentlich bundesweiter Vorbildwirkung, auch für die Staatstheater. Kulturstaatsministerin Grütters hat ebenfalls für die Institutionen, die der Bund mitfinanziert, eine tragfähige Lösung gefunden. So hoffe ich noch immer, dass sich die letzten öffentlich subventionierten Zauderer einreihen werden.

LH: IWelche Produktionen sind für Sie weggefallen, welche davon lagen Ihnen besonders am Herzen?

JMK:  Im Mai hätte ich mehrfach den Saint François d´Assise von Olivier Messiaen in der Elbphilharmonie gesungen. Über ein halbes Jahr habe ich mich auf diese riesige und monumentale Partie vorbereitet, eine der längsten der Operngeschichte überhaupt. Es ist ein enormer Aufwand, diese Rolle überhaupt zu erfassen, bevor man sie im Detail studieren kann. Dass dieses Engagement wegfällt, ist für mich schmerzlich. Leider gibt es bislang keinen Alternativtermin. Auch andere Engagements, eine CD-Aufnahme zum Beethovenjahr mit Fidelio unter Marek Janowski in Dresden, mein erster szenischer Klingsor im Münchner Parsifal, dann auch Bayreuth – alles abgesagt.

 LH: IWas bedeutet die Situation für Ihre Frau, sie ist auch freiberuflich?

JMK:  Zwar ist sie auch freiberufliche Sängerin, hat aber eine halbe Professur für Gesang an der Hochschule Osnabrück. Insofern hat sie im Moment wesentlich Konkreteres zu tun als ich. Sie gibt regelmäßig Online-Unterricht und hält Vorlesungen zu Fachdidaktik und verschiedenen anderen Themen. Momentan alles von Zuhause aus, dadurch sind wir viel zusammen. Normalerweise sind wir meist an unterschiedlichen Orten beschäftigt, schaffen es aber auch dann, viel Zeit für uns zu organisieren – nun ist alles ohne Reisen anders, aber auch sehr schön.

LH:  Johannes Martin Kränzle, wir danken Ihnen für das anregende Gespräch. Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen gute Gesundheit und viele sängerische Erfolge

—| IOCO Interview |—

Boris Papandopulo – Komponist zwischen Tradition und Moderne, IOCO Portrait, 14.04.2020

cpo Boris Papandopulo - Klavierkonzert Nr. 2 © cpo

cpo Boris Papandopulo – Klavierkonzert Nr. 2 © cpo

Boris Papandopulo – ein Komponist zwischen Tradition und Moderne

cpo CD 3097679  – Klavierkonzert Nr. 2 

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Das Musik-Label cpo hat sich einen Namen mit „Neu- oder Wieder-Entdeckungen“ gemacht – dazu gehört auch die Veröffentlichungen von CDs mit Werken des kroatischen Komponisten Boris Papandopulo.Wer bitte soll das sein, Papandopulo ?„, mag sich der eine oder andere Leser fragen. Die Antwort: Papandopulo war der bedeutendste Komponist des 20. Jahrhunderts in Kroatien – und vor der Staatsgründung 1991/92 war er das auch im damaligen Jugoslawien. Dies markiert gleichsam auch seine Epoche. Geboren wurde Boris Papandopulo am 25. Februar 1906 allerdings in dem Rheinstädtchen Honnef, das sich ab 1960 Bad Honnef nennen darf. Sein Leben – er starb 1991 in Zagreb – umfasst nicht nur historisch nicht mehr bestehende Staaten und Kaiserreiche, es bildet zugleich eine ungewöhnliche europäische Biographie ab.

Maja de Strozzi, die Mutter von Boris Papandopulo, war Sopranistin, sein Vater ein russischer Baron mit griechisch-jüdischen Wurzeln aus Stawropol im Nordkaukasus, der Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen  Kaiserreich weilte. In Wiesbaden erhielt Maja de Strozzi ihr erstes Fest-Engagement und gab in Daniel-François-Esprit Aubers Oper Fra Diavolo als Zerline ihr Debüt. Sie entstammte einer angesehen Künstlerfamilie aus Zagreb, welche wiederum Verbindungen zu der alten Florentiner Patrizierfamilie Strozzi aufweist. Zu dieser Zeit gehörte Zagreb, wie auch die restlichen Landesteile, zuu Österreichisch-Ungarischen Monarchie; Kaiser Franz Josef I. herrschte noch über den Vielvölkerstaat. Auch Konstantin Papandopulo lebte in einer Monarchie – dem Zarenreich unter Nikolaus II. Die Verwerfungen, die später fast alle herrschenden Monarchien in Europa hinwegfegen sollten, kündigten sich noch nicht an. Unter diesen scheinbar gegeben anmutenden Umständen lernten sich Maja de Strozzi und Konstantin Papandopulo in Honnef kennen; sie war zur Kur dort, er lebenslang ein kränklicher Mann, benötigte intensivere medizinische Betreuung. Schon bald wurde geheiratet, Boris kam zur Welt und die Familie kehrte nach Stawropol zurück. Doch Konstantin starb, der Sohn war mit zwei Jahren Halbwaise, so dass seine Mutter nur einen Ausweg sah: zurück nach Kroatien. Dort erhielt Boris Papandopulo seine erste musikalische Ausbildung – auch in Komposition –, später ließ er sich dem Ratschlag des Familienfreundes Igor Strawinsky folgend in der Meisterklasse von Dirk Fock am Neuen Wiener Konservatorium zum Dirigenten ausbilden.

Boris Papandopulo  © Boris Papandopulo 

Boris Papandopulo  © Boris Papandopulo

Eine musikalische Nähe zu seinem „väterlichen Freund“ Strawinsky ist musikalisch nicht eindeutig auszumachen, doch hat Papandopulo immer wieder alle künstlerischen Strömungen verfolgt und aufgegriffen. So wurde er schon 1947 als bedeutendster Komponist Jugoslawiens nach Darmstadt zu den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik eingeladen. Papandopulo ist aber stets seinen eigenen Weg gegangen, der von der Dodekaphonie, über neoklassizistische Ansätze, dem Aufgreifen von Jazz- oder Tango-Elementen bis hin zur regionalen Volksmusik reicht – mit regional ist nicht nur das damalige Jugoslawien gemeint. Diese Bereitschaft für Musik jeglicher Ausprägung offen zu sein und Liebe zu den traditionellen Volksmusikformen haben viele Kritiker im Westen, salopp formuliert, als irgendwie nicht so richtig„salonfähig“ bewertet, weil es ja keine hohe Kunst sein könne. Doch auch ein Komponist wie Béla Bartók, der tatsächlich einen Einfluss auf das kompositorische Schaffen Papandopulos’ ausübte, war sich nicht zu „fein“, Volksmusiktraditionen aufzunehmen – im Gegenteil. Dass sich Bartók immer wieder für die bulgarische Volksmusik interessierte und sie einsetzte, bezeugt ein Blick in sein Werk; seine Leidenschaft für Melodien der Region, d.h. auch der slawischen  Bevölkerung in der alten k.u.k. Doppelmonarchie, belegen die 14.000 von ihm akribisch gesammelten und transkribierten Melodien. Diese beinahe schon wissenschaftliche Sammelleidenschaft entfalte Papandopulo nicht, aber er schätze gleichfalls die Volksmusiktradition – seine Neigung besaß zudem eine persönlich Note und das im wörtlichen Sinn: die Opernsängerin Jana Puleva, seine damalige Frau, stammte aus Bulgarien. Den Beweis für seine Kenntnisse, wie auch Affinität zum jahrhundertealten Liedgut, liefert diese in jeder Hinsicht geglückte CD-Einspielung.

papandopulijana - logo © papandopulijana

papandopulijana – logo © papandopulijana

Der Pianist Oliver Triendl hat eine beachtliche – mehr als 100 Einspielungen – Diskographie vorzuweisen, ist Gründer und bis 2018 Leiter des Internationalen Kammermusikfestivals Classix Kempten in Kempten im Allgäu gewesen – nicht nur dort hat er sein ausgesprochen feinfühliges Händchen für Ausgrabungen und Neuentdeckungen unter Beweis stellen können. Zusammen mit den Zagreber Solisten (Zagreb Soloists) hat er das Konzert für Klavier und Streichorchester Nr. 2 eingespielt. Dieses Werk entstand 1947, ist technisch anspruchsvoll und verknüpft das bereits erwähnte Liedgut Bulgariens mit der klassischen dreisätzigen Gestaltung eines Klavierkonzerts. Überhaupt verlangen Papandopulos Stücke viel Virtuosität und Können ab, und Oliver Triendl ist – nicht nur in Bezug auf Papandopulos Klavierkonzert – ein ausgezeichneter Interpret. Der erste Satz beginnt mit einer Prelude, con brio und Triendles ausdrucksstarkes Spiel kontrastiert und hält zugleich Zwiesprache mit den Streicherpassagen, und endet in immer kürzen werdenden Abständen zwischen Solist und Ensemble. Der Concerto grosso Charakter am Anfang, die Abwechslung zwischen dem Soloinstrument und den Tutti wie in einem barocken Musikstück, zeugen von Papandopulos’ Kenntnis der klassischen Musikliteratur und doch schlägt er eine andere Richtung an, insbesondere im zweiten und dritten Satz.

Der mittlere Satz (Andantino con moto) beginnt mit einer kreisenden, intensiver werdenden Streichersequenz, die dunkle Farben enthält ohne jedoch düster zu wirken, mit dem Klavierpart setzt auch die Volksmusik, auf dem Lied Bogdane, bog da te ubije (Bogdan, Gott töte dich) basierend, ein. Auch hier ist der Dialog zwischen Solist und Ensemble vom Komponisten beeindruckend gelöst worden; fungiert das Klavier beim Lied als Begleiter, wird es hier zum vorrangigen Ausdruckmittel, während die Liedmelodie den einzelnen Stimmen der Streicher überantwortet wird, um am Ende zusammenzuströmen und in einer überbordenden Aufwallung der Gefühle zu enden. Im dritten Satz (Allegretto vivace) dienen sogar zwei Volkslieder (Zalibil e mlad gidija, deutsch: Ein Jüngling verliebte sich, aus Bulgarien und Dafino vino crveno, deutsch: Dafina, Rotwein, aus Mazedonien bzw. heute Nordmazedonien) als musikalische Bausteine, die miteinander verschränkt werden und ein einzigartiges Strukturgeflecht erzeugen. Nicht nur im Hinblick des Verfahrens, im Textbuch wird dafür der Begriff „Filmmontagetechnik“ verwendet, sondern auch wegen der unterschiedlichen Rhythmen – 5/8 der bulgarische, 3/8 der mazedonische Takt – beider Lieder eine Herausforderung. Der bulgarische Takt gehört zu den sogenannten „unsymmetrischen“ oder wie Bartók sie einfach nannte „bulgarische Taktarten“, was für manche europäische Ohren etwas ungewohnt klingen mag. Papandopulo verknüpft beide nahtlos zu einem musikalisch runden und einheitlichen Ganzen.

Die Sinfonietta für Streichorchester, op. 79, bei Schott Mainz verlegt, entstand 1938 in einer Zeit, in der eine Pluralität der Stile charakteristisch für die Zwischenkriegszeit war. Es gab den rhythmisch akzentuierten Neoklassizismus, die Neue Sachlichkeit, die um Schönberg etablierte Wiener Schule oder auch die Synthese verschiedenster Stile und Richtungen, um nur einige zu nennen. Papandopulo – durchaus mittendrin in den künstlerischen Strömungen – bediente sich der vielfältigen Neuerungen und Ausdrucksmöglichkeiten. So wird der erste Satz, Intrada, von einem Marsch „mediterraner Prägung“ bestimmt, während der zweite, Elegie, Anlehnung an die barocke Da-Capo-Arie, vor allem in der neapolitanischen Barockoper, findet – was die „mediterrane“ Stimmung beibehält und unterstreicht. Diese erfährt eine weitere Öffnung über das Folklorehafte hinaus, in der die orientalische Musik als Hintergrundquelle aufzuleuchten scheint. Der dritte Satz, eine „Toccata furiosa“, unablässig pulsierende Sechzehntel – nicht zufällig ist der Satz mit Perpetuum mobile überschrieben –, greift zwar im Schlussteil die Intrada vom Anfang kurz auf, um dann doch schwungvoll und heiter zu enden.

Die Pintarichiana für Streichorchester, 1974 entstanden, widmete der Komponist den Zagreber Solisten. Gegründet wurde das bis heute existierende Ensemble 1953 von Antonio Janigro; dieser war ein aus Italien stammender geschätzter Cellist und Dirigent, der die Streicherformation zu internationaler Größe und Bekanntheit führte. Berühmt ist ihre Aufnahme mit Alfred Brendel, der übrigens selbst seinen ersten Musikunterricht in Zagreb erhalten hatte. Sreten Krstic, Konzertmeister des Ensembles und seit 1982 Erster Konzertmeister der Münchener Philharmoniker, hat mit vielen namhaften Dirigenten gearbeitet – stellvertretend soll hier nur Sergiu Celibidache genannt werden, der das Münchner Orchester entscheidend geprägt hatte.

Der Namensgeber des Stückes Fortunat Pintaric (1798-1867), ein Franziskanermönch, schrieb neben liturgischer Musikliteratur auch Miniaturen für Tasteninstrumente. Auf diese Werke greift Papandopulo zurück, wobei seine Bearbeitung und Neuschöpfung als eine Hommage an beide – Pintaric wie die Zagreber Solisten – verstanden werden kann; zugleich ist es auch eine Verbeugung vor der Wiener Klassik. Leichtigkeit und Freude vermittelt dieses 10minütige Stück – eine Einstellung, die dem Werk Papandopulos inhärent ist – rundet diese Einspielung ab.

Bewundern konnte man dieses Werk im vergangenen Jahr – im August 2019 – bei dem zwar kleinen, künstlerisch aber anspruchsvollen Festival – der Papandopulijana in Tribunj – mit den Zagreber Solisten. Dieser kleine Ort in der Nähe von Šibenik, in Mitteldalmatien, war fast siebzehn Jahre lang das Zuhause von Boris Papandopulo, und nur wenige Meter von seinem damaligen Wohnhaus entfernt erklang auf der Freilichtbühne diese musikalische Miniature – seine Witwe, Zdenka Papandopulo, saß als Ehrengast wie schon die Jahre zuvor im Publikum. Hier komponierte er sein Alterswerk, schrieb für Musikzeitschriften und hörte den Klapa-Gesängen (ursprünglich männliche A-Cappella-Formationen in Dalmatien) mit großen Vergnügen zu. Bei der Papandopulijana erklingt nicht nur Musik des Namensgebers, vielmehr ist seine Musik ein Ausgangspunkt, der vergangene und zeitgenössische Musik verbindet, und dabei u.a. auch jungen angehenden Profimusiker/innen Gelegenheit gibt, ihr Können unter Beweis zu stellen. Papandopulo hat seinen Humor nie verloren, seine Musik strahlt(e) immer Lebensfreude und Zuversicht aus und ist (nicht nur in dieser pandemiewütigen Zeit) ein guter musikalischer Begleiter. Er sagte von sich selbst: „Es ist meine Aufgabe Musik zu schreiben und nicht über einen eigenen Stil nachzudenken. Ich setze mich hin und schreibe und philosophiere nicht, das erscheint mir am charakteristischsten. (…) Musik muss für sich selbst sprechen.“ Sie soll wirken.

Lassen wir uns deshalb von Boris Papandopulo, von seiner Begeisterungsfähigkeit mittels dieser wunderbaren CD 3097679  und dem Klavierkonzert Nr. 2  anstecken.

—| IOCO CD-Rezension |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 29.01.2020

Januar 29, 2020 by  
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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

 Tristan und Isolde – Richard Wagner

 Tristan – ein Abbild menschlicher Abgründe

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Im Entwurf vom Juli 1870 findet sich im sogenannten Braunen Buch von Richard Wagner ein Entwurf für eine Beethoven-Schrift, in der dieser schreibt: „Die Wirkung des Schönen ist erst die Bedingung für den Eintritt der wahren Wirkung des Kunstwerkes, nämlich der erhabenen. In der Musik wird die erste Wirkung sofort und durchgehend durch ihre Form erreicht, eben weil sie reine Form ist. – Führt es nicht zur erhabenen Wirkung, so ist überhaupt das Schöne nur Spielerei.“ (Für schöne Spielerei waren weder Beethoven noch Wagner zu haben.) Geschrieben hat Wagner diese Gedanken anlässlich des 100. Geburtstags des von ihm verehrten Komponistenkollegen, dessen „Musik in Begriffe umgesetzt“ Philosophie ergäbe, und zwar die von Schopenhauer. Nun wird dieses Jahr erneut ein Ludwig van Beethoven-Jubiläum, inzwischen der 250. Geburtstag, gefeiert und so erklingt Wagners Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt – und eignet sich vielleicht gerade deshalb gut, die „erhabene Wirkung“ von Kunst zu überprüfen, geht es doch um das größte aller Themen: das risikobeladene Wagnis der Liebe. Apropos Beethoven: Gibt es vielleicht Fidelio als Abschluss des Gedenkjahres? Um Liebe – allerdings erfüllte – geht es auch bei ihm.

Tristan und Isolde – Oper Frankfurt
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Wagner nennt seine Oper im Untertitel „Handlung in drei Aufzügen“ und nicht „Drama“. Nicht das äußere Geschehen bestimmt die Handelnden, sondern ihre inneren Empfindungen. Doch aus der Selbstbeschäftigung und Seelenausleuchtung kann pathetische Überhöhung, statt Erhabenheit, werden – in diese Falle wollte Katharina Thoma, die Regisseurin, nicht tappen, stattdessen arbeitet sie mit größtmöglicher Reduktion. Die Kostüme von Irina Bartels sind dunkel, schwarz, nur die beiden Frauen – Isolde im kupfer-golden Jumpsuit, Brangäne im Kleid-Mantel-Ensemble und Hut in Petrol früherer Stewardessen gleich, als Fliegen noch etwas Besonderes und ja „Erhabenes“ war – erhalten farbige Kleidung und dunkles Rot der Tristan-Verräter Melot. Das Bühnenbild von Johannes Leiacker lässt nur schwarz-weiß Kontraste, dagegen das Licht von Olaf Winter farbliche Gestaltung zu; eine – nicht nur farblich – ansprechende Szene, als Brangäne im zweiten Aufzug die Liebenden vor der Gefahr warnt: Wir hören sie, das Licht, grünlich wie ihre Kleidung, kündigt sie an, (von der Zinne kommt sie natürlich nicht mehr, sondern hinter dem schwarzen Rechteck hervor), doch erst nach einigen Takten wird sie zu sehen sein: Ihr „Habet acht“ kommt zu spät.

Im ersten Akt „schwebt“ Isolde auf einem schwarzen Rechteck herunter, in der ebenfalls schwarzen Barke neben ihr liegt Tristan. Später – wie um das Liebesglück zu unterstreichen – wird das Boot weiß sein und das aufgerichtete Rechteck in der Mitte stehen. Es teilt nicht nur die Bühne, sondern ist zugleich eine zeitliche Mauer: Zurück können die beiden Liebenden nicht mehr, und Melot, Tristans Freund, wird die beiden – trotz dieses Schutzwalls –  enttarnen.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : oben Rachel Nicholls als Isolde, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Thomas Ansatz, das „Erhabene“ dieser aufwühlenden und letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebe auf ein menschliches Maß zurückzuführen, gräbt den (menschlichen) Abgrund aller aber umso tiefer. Und der Wagnersche Text verlangt umso mehr nach umsetzbarer Darstellung. Tristan ist ein unbeholfener Mann, abweisend bis schroff, der die Liebe nicht sucht und Isoldes Wüten über seinen Verrat, erst ihren Verlobten getötet zu haben, um sie anschließend als Brautwerber zu König Marke zu führen, gar nicht begreift. Begreifen bedeutet ein grundsätzliches Problem für diesen Helden, doch nicht nur für ihn. Zu verstrickt ist er in seine eigene Lebensgeschichte, eine Todessehnsucht peinigt ihn, in den Tod will und wird ihm Isolde jedoch nicht folgen – trotz Liebestrank und anfänglichem Wunsch.

Das schwarze Rechteck, die Schiffsplanken, berühren den Boden nicht, es schwebt immer über ihm, wie auch das Verhältnis von Tristan und Isolde; nur langsam kommen sie sich näher, als der Liebestrank endlich wirkt und sie für das Publikum etwas verborgen, dem ersten Liebesüberschwang erleben. Brangäne hat die mitgeführten Zauber-Getränke vertauscht und etwas ist gekippt, das Rechteck ragt nun steil nach oben. Thoma beweist sicheres Feingespür für die kleinen Momente, es gelingt ihr die musikalische Zartheit in berührender Weise in Szene zu setzen: Ganz vorsichtig sind Hände oben auf dem Rechteck zu erkennen, tastend suchen sie nach der Hand des bzw. der Anderen – Tristan und Isolde haben sich gefunden, doch sie halten einander nicht, stattdessen werden sie zu Schiffbrüchigen, die sich verzweifelt an die Planken klammern.

 Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Rachel Nicholls als Isolde, Claudia Mahnke als Brangäne; über sie gebeugt © Barbara Aumüller

Das heimliche Liebesrauschen ist jedoch immer bedroht, die Aufdeckung nah, das inzwischen weiß gestrichene Boot – im dritten Aufzug ist es wieder schwarz –, Unschuld suggerierend, wird daran nichts ändern. Isolde hüpft im zart-rosa Jungmädchenkleid beglückt umher, Tristan hat währenddessen seine schwarze Lederjacke zugunsten einer Weste, weißem Hemd und Hose getauscht, seine ganze Haltung bedeutet mehr Selbstgewissheit – eine trügerische Heiterkeit strahlen sie aus. Vielleicht auch, weil sie uns heutigen Menschen darin gleichen, immer irgendwie aneinander vorbeireden bzw. singen. Was der eine anstrebt, wird die andere nicht fassen, die einzige Lösung wird und kann nur der Tod sein. Und Melot, der Vertraute Tristans, wird die vage Ahnung und zugleich reale Befürchtung Brangänes erfüllen, den Verrat aufdecken und sühnen.

Eine weitere fesselnde Szene ist mit dem Auftritt von König Marke verbunden. Als eine distinguierte Erscheinung in Mantel und Hut, tritt er an Tristan heran, dann sitzend, ihm gegenüber, um seine Enttäuschung Aug in Aug kundzutun, während dieser sich windet und alle anderen wie eingefroren verharren. Man hält den Atem an und spürt förmlich die Verletzung Markes, der sich selbst auf ein Wagnis mit der Ehe einließ, auch für ihn wird nichts mehr so sein wie zuvor –  alles ist ein einziger seelischer Scherbenhaufen, später kommt der echte hinzu.

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde - hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Tristan und Isolde – hier : Andreas Bauer Kanabas als König Marke, Vincent Wolfsteiner als Tristan © Barbara Aumüller

König Marke – so hat ihn die Regisseurin als Figur angelegt – ist der Gegenentwurf zu Tristan. Andreas Bauer Kanabas spielt ihn beeindruckend, einnehmend, gepaart mit einem eindringlichen und schönen Bass, „sein“ Marke wird zur überragenden Gestalt.

Vincent Wolfsteiner verkörpert den auf sich selbst zurückgeworfenen Tristan und steigert sich im Laufe des Abends immer mehr. Seine Verzweiflung ob der viel zu früh verlorenen Eltern – schwarz und mit Masken treten sie stumm und wie Gespenster im dritten Aufzug auf –, seine Unfähigkeit überhaupt Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, tritt hier anschaulich zutage. Das Rechteck liegt wie ein Trümmerhaufen unter ihm – wahrlich kein guter Ort zum Sterben, doch der äußere Ausdruck seiner Schwermut und Aussichtslosigkeit. Einzig die Musiker verbreiten etwas Trost, dafür hat Thoma zwei auf der Bühne auftreten lassen: Romain Curt, der gekleidet wie ein Klezmer-Musiker die traurige Weise anstimmt und Tristans Trümmerberg umkreist, und Matthias Kowalczyk nicht minder berührend die Holztrompete ertönen lässt.

Die beiden Baritone Christoph Pohl und Iain MacNeil überzeugen stimmlich wie darstellerisch. Pohl besitzt eine klare und deutliche Diktion, und ist als Tristans treuer Freund Kurwenal eine hervorragende Besetzung. Auch MacNeils forscher Melot hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Claudia Mahnke als Brangäne erntet (nicht zu Unrecht) zusammen mit Andreas Bauer Kanabas den größten Applaus; ihr zuvor schon erwähnter Wächterruf geht unter die Haut, ihre Bühnenpräsenz ist immer ein Ereignis. Rachel Nicholls als Isolde überzeugt vor allem darstellerisch: Wie sie einsam – der tote Tristan entschwindet mitsamt seinem schwarzen Trümmerberg in das Dunkel der Hinterbühne – auf der leeren und hell erleuchteten Bühne singt, zeitlos in weißer Hose und Pulli, könnte sie auch als Filmdiva durchgehen. Nur in den Tod folgt sie Tristan nicht.

Die kleineren Nebenrollen waren ebenso gut besetzt; dazu gehören Michael Porter mit seinem schönen Tenor (ein junger Seemann zu Beginn), ebenso Tianji Lin (als Hirte im dritten Aufzug) und Liviu Holender (ein Steuermann). Für den satten Klang des  Männerchors war zuverlässig Chordirektor Tilman Michael verantwortlich. Nicht unerwähnt bleiben sollen die Musiker und Musikerinnen, die unter der Leitung von Lukas Rommelspacher für die Bühnenmusik zuständig waren. Es spielen Trompete: Friederike Huy, Michael Schmeißer und Peter Hársaniy (Gäste); Posaune: Christian Künkel und Andreas Weil (Gäste) sowie Rainer Hoffmann (Orchestermitglied); Horn: Pedro Rodriguez (Gast), Stef van Herten, Silke Schurack und Claude Tremuth (Orchestermitglieder) sowie Martin Walz (Gast).

Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester – selbstverständlich steht GMD Sebastian Weigle am Pult – erwies sich als kongenialer Begleiter der Szenerie; zurückgenommen, jedoch ohne Klangverlust, nie flach werdend, keinem aufgeladenen und überbordenden musikalischen Rauschzustand sich hingebend, der ohnehin nicht zu dieser zurückgenommenen Inszenierung gepasst hätte. Auch bei Wagner kann der simple Spruch „weniger ist mehr“ zur Wahrheit werden. Weigle holte alle Orchestermitglieder auf die Bühne – nicht nur an diesem Abend haben sie es verdient, oben zu stehen und aus dem Zuschauerraum mit großem Applaus belohnt zu werden. Ihrer Leistung ist es ebenfalls zu verdanken, dass es ein durchaus gelungener und interessanter Premierenabend wurde – auch wenn in anderer Hinsicht die Meinung des Publikums geteilt war.

Tristan und Isolde an der Oper Frankfurt; die weiteren Termine 1.2.; 9.2.; 14.2.; 23.2.; 29.2.; 12.6.; 20.6.; 28.6.; 2.7.2020

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Mainz, Staatstheater Mainz, Zanaida – Johann Christian Bach, IOCO Kritik, 19.11.2019

November 18, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatstheater Mainz

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Staatstheater Mainz

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

Staatstheater Mainz © Andreas Etter

ZANAIDA  –  Johann Christian Bach  (1735-1782)

  – ein interplanetarischer Krieg um Wasserressourcen –

von  Ljerka Oreskovic Herrmann

Eine Opernrarität steht auf dem Programm im Kleinen Haus des Staatstheater Mainz, das sich in dieser Hinsicht schon einige Meriten erworben hat und neben traditionellem Opernrepertoire auch unbekannte Stücke aufbietet. So auch dieses Mal mit Johann Christian Bachs zweiter Oper Zanaida, die er in London für das King’s Theatre Haymarket komponierte.

Zanaida, Gualberto Bottarellis Libretto ist eine Adaption von Pietro Metastasios erstem Libretto Siface re di Numidia, erlebte die Uraufführung 1763 und war ein Erfolg. Danach, so die gängige Erzählung, verschwand sie – das Libretto, die Ouvertüre und einige Arien blieben überliefert – von den Bühnen dieser Welt bis zur Wiederentdeckung des Autographen 2010 in der privaten Sammlung des Musikwissenschaftlers Elias N. Kulukundis und befindet sich als Dauerleihgabe im Bach-Archiv Leipzig Johann Christian Bach erhielt zunächst von seinem Vater, Johann Sebastian, Musikunterricht, später in Bologna lernte er Kontrapunkt bei Padre Giovanni Battista Martini. Er galt als Londoner oder englischer Bach und als „schwarzes Schaf“ der Familie, nicht nur weil er geografisch und musikalisch andere Wege betrat, sondern vor allem deswegen, weil er in Italien zum Katholizismus konvertierte. In England ließ er sich ab 1762 dauerhaft nieder, erteilte Queen Charlotte, einer geborenen Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz, Musikunterricht. Zu seinen wichtigsten Freunden gehörte der ebenfalls aus Deutschland stammende Maler Johann Zoffany. Es war eine Freundschaft die auch in schwierigen Zeiten Bestand hatte, denn Bach erlebte nach anfänglichen Höhenflügen auch den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Niedergang.

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Ein unbekannte Oper einem größeren Publikum näherzubringen, und damit Zanaida zu neuem Leben zu verhelfen, ist lobenswert. Allerdings hat man in Mainz eine Neudichtung, das italienische Textbuch ins Deutsche übertragen, Figuren gestrichen und damit auch Veränderungen in der Handlung vorgenommen. Ein Eingriff in ein Stück kann Früchte tragen und Erfolg verheißen, dabei muss aber eine Voraussetzung beachtet werden: das Grundvertrauen in ein Werk. Dieses scheint aber bei den Opernmachern nicht zur Gänze bestanden zu haben, andernfalls hätte man nicht derart das Geschehen verändert, Musikteile dazugeschrieben, einen Mädchenchor hinzugefügt und aus einer Tenorpartie eine Sprechrolle gemacht. Aber Johann Christian Bach, der neben anderen Komponisten dieser Epoche als ein Bindeglied zwischen der Musik Händels und Mozarts fungiert, kommt in dieser Hinsicht nicht zum Tragen. Warum er für „Amadé“ so wichtig war, welche Verbindungslinien sich zwischen den beiden ziehen lassen und dass ebenjener Wolfgang Amadeus Mozart beim Tod Bachs von einem großen Verlust für die Musikwelt sprechen konnte, erfährt man durch diese Neubearbeitung leider nur in Ansätzen. Dabei handelt es sich hierbei nicht um eine akademische Diskussion, wo und wie dieser Bach musikhistorisch zu verankern ist – er gilt als Wegbereiter der Wiener Klassik –, sondern auch für die musikalische Struktur und das Hörverständnis ergeben sich aus den Überarbeitungen Konsequenzen.

Allein die andere Sprache – Italienisch – erzeugt, nein beschwört einen anderen Klang. (Erwähnt seien hier nur die in Italienisch gesungenen Werke: Philippe Jarousskys Aufnahme La dolce fiamma von J. Chr. Bachs Kastratenarien oder die ZanaidaProduktion 2011 im Goethe-Theater Bad Lauchstädt von David Sterns Ensemble Opera fuoco als Höhepunkt im Rahmen der Bach-Festspiele Leipzig gefeiert, liegt auch auf CD vor.) Dagegen bedeutete die deutsche Sprache für das Gesangsensemble eine außerordentliche Herausforderung, die viel abverlangte und insgesamt bravurös bewältigt wurde: „Wo vorher ausschließlich ein Vokal gesanglich variiert wurde, gibt es nun meistens vollständige Sätze und ich musste in einem regelrechten ‚Phrasen-Tetris’ Wörter gezielt platzieren, um die Vokale und Endungen an den richtigen Stellen zu haben“, so die Texterin Doris Decker. Dass die Produktion einen enormen Aufwand bedeutete und dieser ihr anzusehen ist, steht außer Frage. Und dass sie – trotz aller Vorbehalte – zu beeindrucken vermag, ist ein Verdienst der Mitwirkenden, aber auch, weil die Regie von Max Hopp konsequent bei ihrer (futuristisch-witzigen) Lesart bleibt.

Die Geschichte spielt sich nicht mehr – wie bei Bach und Bottarelli – zwischen Türken und Persern ab, sondern ist vom Regisseur in eine ferne Zukunft als interplanetarischer Krieg um Wasserressourcen zwischen Punia und Numidien transferiert worden. (Heißt nicht eine spätere Oper Mozarts Die Entführung aus dem Serail, die sich der damals „orientalischen Mode“ und Geschichten über Janitscharen bedient?) Zu Anfang hören wir zunächst in einer nicht verständlichen Sprache und ohne Bühnengeschehen aus unsichtbaren Raumschiffen gesprochene Dialoge und erfahren dann, dass Zanaida, das Spiel beginnt nun, mitsamt ihrem Gefolge eintrifft. Sie wurde von ihrem Vater Soliman, König des Planeten Punia, nach Numidien entsandt, um die getroffenen Friedensvereinbarungen durch die Heirat mit König Tamasse zu besiegeln. Ihr zur Seite stehen der punische Botschafter Mustafa, der ehemalige Kriegsherr Gianguir und ein Mädchenchor. Nur ist König Tamasse überhaupt nicht bereit diese Ehe einzugehen, er möchte vielmehr die Tochter Mustafas, Osira ist bereits als Geisel in Numidien, heiraten. Die beiden Frauen werden zu Konkurrentinnen, befördert von Talasses Mutter Roselane, die den Zwiespalt sät und die leicht zu manipulierende Osira bevorzugt.

 Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Alin Deleanu als Tamasse, Philipp Mathmann als Cisseo © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Alin Deleanu als Tamasse, Philipp Mathmann als Cisseo © Andreas Etter

Damit sein Vorhaben gelingen kann, bittet Tamasse seinen Bruder Cisseo – im Originallibretto ist er ein Höfling – um Hilfe. Er soll Zanaida verführen, um einen Grund für die Absage der Hochzeit vorweisen zu können, doch auch dieser liebt (heimlich) Osira. Die Herstellung von neuen Verwandtschaftsbeziehungen erzeugt ein anderes Konfliktpotential, das so nicht angelegt war. Aber es stellt durchaus komische Situationen her: Die Brüder verhalten sich in Liebesdingen eher wie pubertierende Jünglinge, die nur um ihr eigenes Liebesglück kreisen, anstatt sich um Verträge, Politik im weitesten, und damit um die Geschicke ihres Reiches zu kümmern. Hier seien die sorgfältig gewählten, an die Zeit Bachs angelehnten, Kostüme erwähnt: Tamasse in Gold und mit Gold behangen auf seinem Thron eher schräg als angemessen sitzend, Cisseo in edlem leuchtenden blau, wie es Königen damals vorbehalten war, gekleidet. Warum der Königsbruder ein an der linken Hand verkrüppelter Mann sein muss, erschließt sich allerdings nicht – es sein denn man denkt an Kaiser Wilhelm II., doch verbindet ihn nichts mit diesem Bach-Sohn, nur die Tatsache, dass er mit der englischen Verwandtschaft später über Kreuz und im Krieg lag, könnte als ein übertriebener Wink mit dem Zaunpfahl verstanden werden.

Roselane zieht die Strippen im Hintergrund und nicht von ungefähr erinnert sie an die „Königin der Nacht“ aus Mozarts Zauberflöte. Ihr machtvolles Auftreten, ihr obschon weniger zorngeladener, aber dennoch eindrücklicher Ausbruch verweist auf Zukünftiges: Sie will die ganze Welt (hier wohl Galaxie) beherrschen, ganz egal, was ihre Söhne veranstalten mögen und so lässt sich auch Osira davon einnehmen und glauben machen, dass sie zu Höherem bestimmt sei. Mustafa dagegen betrachtet das Vorgehen seiner Tochter als illoyal und verlangt von ihr, nicht weiter gegen die Hochzeit von Tamasse und Zanaida zu agitieren. Doch die Intrige, mittels derer Roselane und Tamasse hoffen, sich der ungeliebten Königstocher entledigen und trotzdem die Friedensverhandlung fortführen zu können, entfaltet ihre Wirkung: Ein Brief, angeblich von Zanaidas Hand, in dem sie einen Mordanschlag auf ihren zukünftigen Mann plant, dient zu ihrer Verhaftung, von Cisseo nur widerwillig und mit Unbehagen ausführt. Der perfide Plan geht noch weiter: Ausgerechnet Mustafa soll den Schuldspruch sprechen, und so geht er scheinbar auf das Spiel ein und verurteilt den Verfasser des Briefes zum Tode. Zanaidas Getreue – ob Giangiur und der Mädchenchor wollen ihr beistehen –, sie lehnt ab und ist bereit in den Tod zu gehen. Erst im letzten Moment wird Tamasse davon ergriffen und reicht Zanaida die Hand.

Das Sängerensemble – alle Mitwirkenden spielen übrigens barfuß – zeigt sich insgesamt sehr sanges- und spielfreudig. Alexandra Samouilidou als beherzte und würdevolle Zanaida, die gegen alle Widrigkeiten ankämpft, Hege Gustava Tjønn intensiv als Roselane und beeindruckendes und heimliches Zentrum der Inszenierung. Brett Carter ist ein herrlicher zwischen Tochter und Landeswohl hin- und hergerissener Mustafa. Der Altus Alin Deleanu als Tamasse zeigt einen schwankenden, von Gefühlen geleitenden König, der noch ein bisschen am Rockzipfel seiner Mutter hängt, während Dorin Rahardjas Osira einen Emanzipationsversuch unternimmt und als Gegenentwurf zur stolzen Zanaida erscheint. Philipp Mathmann, Countertenor, erhielt eine Ansage zu Beginn der Vorstellung, da seine Stimmbänder noch immer entzündet seien; davon aber war wenig zu merken, so dass er als geplagter und verzweifelter Cisseo überzeugen konnte.

 Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach - hier : Brett Carter als Mustafa, Dorin Rahardja, David Bennent als Gianguir, Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Staatstheater Mainz / Zanaida von Johann Christian Bach – hier : Brett Carter als Mustafa, Dorin Rahardja, David Bennent als Gianguir, Alexandra Samouilidou als Zanaida © Andreas Etter

Weitere Mitwirkende waren die Tänzerin Ageliki Gouvi und ihr Partner Yuya Fujinami, deren Tanz sich als Kommentierung der Vorgänge einfügte, und die Mitglieder des Mädchenchors am Dom und St. Quintin. Diese sangen u.a. das „Ave generosa“ von Hildegard von Bingen und ließen sich in ihren weißen Kleider durchaus mit Nonnen assoziieren, waren jedoch als aletheiische Muse an den Chor aus der griechischen Tragödie und die Göttin der Wahrheit, Aletheia, angelehnt. Für den Chor waren Michael Kaltenbach und Jutta Hörl, für die Choreografie Martina Borroni verantwortlich.

Gianguir, ursprünglich eine Tenorrolle, wurde zu einer Sprechrolle als ehemaliger Kriegsherr und Beschützer Zanaidas umgedeutet und einem Schauspieler mit „unverwechselbarer Stimme“ (Dirigent: Adam Benzwi) angetragen: David Bennent. Die von ihm vorgetragenen Texte stammen von Pico della Mirandolas Über die Würde des Menschen, Ernst Jüngers In Stahlgewittern, Ronald Steckels Hörstück Durchbrüche sowie weitere Passagen aus Bhagavad Gita und Texten von Regisseur Max Hopp. Die zwei wunderbar vorgetragenen Monologe zeigen David Bennents gestalterische Kraft und Präsenz, eine übergroße Projektion seines Oberkörpers war deshalb unnötig – David Bennent ist ein großer Schauspieler.

Die phantasievolle Ausstattung von Madis Nurms erzeugt stimmungsvolle Momente, so die bereits erwähnten Kostüme, die irgendwie ein bisschen an Star Wars – die Numidier tragen Kopfschmuck aus Hörnern, während die Punier ein drittes Auge besitzen – erinnern, aber die Konfliktparteien kennzeichnen. Auch die Bühne wechselt effektvoll – mal sind es Treppen, die nach hinten aufsteigen, mal ist der Bühnenraum flach und mit Flamingos bevölkert und einen Garten darstellend, dann wiederum kommt der Thron von oben herunter; für das Licht sorgte René Zensen. Schauspielregisseur Hopp zeigt eine gute Personenregie, hat ein Händchen für Situationskomik und vermag – zusammen mit dem Ausstatter Nurms – kraftvolle Bilder zu erschaffen. Adam Benzwis Leitung des Philharmonischen Staatsorchester Mainz war souverän, beschwingt und flott trieb er die Musik voran. Er sah sich als „Gestalter von Musik“, wie er es im Programmheft beschrieb, und blieb in der Umsetzung seinem Motto, dass „die Geschichte interessant, mit dramaturgischem und musikalischen Sog erzählt wird“ treu. Hopp und Benzwi schwebte wohl eher eine an das „Singspiel“ angelehnte Version des Stückes, fröhlich und von heiterem Format, und weniger ein „dramma per musica“ vor.

Zum Schlussvorhang erschien übrigens auch der Dirigent ohne Schuhe. Belohnt wurde er, wie alle Mitwirkenden, mit großem Applaus.

Zanaida im Staatstheater Mainz; die weiteren Vorstellungen 20.11.; 2.12.; 21.12.; 27.12.2019; 7.01.; 25.01.; 5.02.2020 und mehr …

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