Frankfurt, Kammeroper im Palmengarten, 25 Jahre Kammeroper – Rainer Pudenz, IOCO Aktuell, 02.09.2019

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Kammeroper Frankfurt

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Kammeroper Frankfurt / Die verkehrte Braut © Martin Pudenz

Die Kammeroper Frankfurt – Jubiläum im Palmengarten

 Die Kammeroper und Rainer Pudenz – Ein Herz und eine Seele 

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Der Palmengarten ist ein echtes Wahrzeichen von Frankfurt am Main. Eröffnet wurde er 1871 und zählt heute mit seinen 22 Hektar zu einem der größten Gärten seiner Art in Deutschland. Seine Entstehung verdankt sich, wie so vieles in der Stadt, einer privaten, oftmals bürgerlichen Gründung. Als die freie Reichsstadt Frankfurt und Hessen-Nassau 1866 preußisch wurden, bot der depossedierte Herzog Adolf von Nassau seinen tropischen Pflanzen- und Baumbestand aus der Orangerie des Schlosses Biebrich zum Verkauf an. 1868 wurde ein Verein gegründet und der Gartenarchitekt Heinrich Siesmayer mit dem Kauf und der Leitung eines anzulegenden Gartens betraut. 1869 konstituierte sich die Palmengarten-Gesellschaft, 1871 folgte die feierliche Eröffnung des „Palmengarten“.

Nota bene – Das Schicksal sollte es doch noch gut mit Herzog Adolf von Nassau meinen: 1890 wurde er Großherzog von Luxemburg. Die Rhein-Main-Gegend verdankt ihm viel, u.a. die Förderung des Kurbetriebs in Wiesbaden, die Industrialisierung in Biebrich und Höchst und auch die Gründung der „Herzoglich Nassauischen Landes-Credit-Casse“ von 1840, aus der später die Nassauische Sparkasse hervorgehen sollte, geht auf ihn zurück.)

Kammeroper im Palmengarten / Carmen - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / Carmen – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Der Palmengarten verfügt seit den 1980er Jahren – die alten Gewächshäusern wurden saniert – über ein Tropicarium und ein Subantarktishaus. Viele Schätze lassen sich in dem Areal finden, kleine und große Entdeckungen machen und nicht alle sind grün oder pflanzlicher Natur. Hier – wie in einer „kulturellen“ Oase – befindet sich mittlerweile eine andere Frankfurter Institution: die Kammeroper Frankfurt.

Auch die Kammeroper Frankfurt verdankt sich einer Privatinitiative und feiert in diesem Jahr silbernes Jubiläum im Palmengarten – gegründet wurde sie allerdings schon 1982. Seit einem Vierteljahrhundert finden die Vorstellungen in der sogenannten Muschel statt: Eine Muschel wie in einem echten Kurpark, Bänke bieten 400 Besuchern unter freiem Himmel Platz, inmitten einer üppigen Vegetation. Nicht nur in Frankfurt ein einmaliger Ort, um Kunst entstehen zu lassen. Und der Begriff „Kammeroper“ suggeriert keineswegs „nur“ einen kleinen Rahmen oder gar „weniger“ Kunst – im Gegenteil, der Anspruch der Verantwortlichen an sich selbst ist groß und ambitioniert. Ohne diese Beharrlichkeit, das Durchhaltevermögen und den Glauben an die eignen Visionen und Fähigkeiten hätte die Kammeroper – ohne festes Ensemble, lange ohne feste Spielstätte – kaum überlebt. Und wohl auch nicht ohne die finanziellen Zuwendungen durch die Stadt Frankfurt, das Land Hessen und den drei-vier Stiftungen, denn so der Kammeropern-Gründer: „Oper ist immer eine teure Geschichte“. Rainer Pudenz, Leiter und Regisseur der Kammeroper, stets in Schwarz gekleidet dafür aber inzwischen mit weißem Haupthaar, hat seine Begeisterung und Leidenschaft für die Oper nie verloren: „Von den damaligen Mitbegründern bin nur noch ich da – von den 37 Jahren Kammeroper!“ Eine Mitstreiterin aus den frühen Kammeropern-Jahren gibt es noch: die Kostümbildnerin Margarete Berghoff.

Die Winterreise – in der Kammeroper Frankfurt
youtube Trailer von FLAME, dem Florence Art Music Ensemble
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Wenn man sich bei Pudenz nach Vorbildern erkundigt, erhält man eine dezidierte Antwort: „Walter Felsenstein!“. Der legendäre Walter Felsenstein (1905-1975), Gründer und langjähriger Intendant der Berliner Komischen Oper, bei dem er zwar nicht direkt, sondern bei einem Schüler von ihm gelernt hat:  „Das ist mein Vorbild – woran ich arbeite. Und so arbeite ich mit dem Text, mit der Logik, mit der Dramaturgie, der Musik. Die Musik an einer Oper ist Gebrauchsmusik. Da ist jeder Gang in der Musik geschrieben. Vor allem beim Don Giovanni. Das ist ein Exempel dafür, das alles ganz logisch dramaturgisch aufgebaut worden ist musikalisch.“ Und wie bei Felsenstein wird bei ihm auf Deutsch gesungen und wie dieser spricht auch Rainer Pudenz lieber von „Musiktheater“.

Pudenz ist Theatermann, durch und durch! Gespielt wird bei ihm bei Wind und Wetter, mit wenigen (finanziellen) Mitteln, aber mit großer Verve und Engagement, viel Witz und jeder Menge schräger Ideen. Das Publikum ist ihm all die Jahre treu geblieben, nimmt ohne Murren schlechtes Wetter in Kauf und geniest doch die herrlich ausgefallene Atmosphäre im Palmengarten.

Das Orchester – aus etwa fünfundzwanzig Personen bestehend – ist mitsamt seinem Dirigenten vor der Muschel postiert, in ihr befindet sich die Bühne, auf der die Akteure auftreten. Als Zuschauer ist man vereint mit beiden Ensembles, der Blick auf ihr Wirken und Agieren ist durch keinen Graben getrennt, die Distanz zur „hohen“ Kunst fast aufgehoben. Alles wirkt unmittelbar und gehört zusammen. „Es war mir alles zu groß an den großen Häusern. Ich wollte Intimität schaffen mit meinen Opern. Ich wollte maximal 400-500 Besucher haben, damit die Intimität einer Kammer gewährleistet ist.“ Außerdem, fügt er an, „braucht jede große Stadt eine kleine Opera buffa oder komische Oper, hat jede große Stadt, die etwas auf sich hält.“

Kammeroper im Palmengarten / La Traviata - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / La Traviata – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Auch das ist sicherlich eine Erklärung, warum die Kammeroper über eine eingeschworene Fan-Gemeinde verfügt; der intime Rahmen – und Picknick-Charakter der Umgebung – schafft eine Gemeinschaft, die sich in ihrer Leidenschaft für die Kunstform Oper mit den Machern vereint sieht. Und für Wiederentdeckungen und Raritäten gut ist. Immer wieder gelingt Rainer Pudenz eine Ausgrabung aus dem unendlichen Fundus der Opernliteratur. Werke, die als verstaubt gelten oder längst vergessen sind, in den großen Opernhäuser vielleicht sogar mit ein bisschen Naserümpfen als zurecht vergessen erachtet werden. Jedenfalls sind sie dort kaum auf den Spielplänen zu finden. Es ist nicht nur eine geschickte „Marktlücke“, die Pudenz für sich und sein Haus (im Freien) gefunden hat, sondern echte Liebe und, so muss wohl hinzugefügt werden, Überzeugungsarbeit an der Kunstform Oper – insbesondere an der Opera buffa. Er möchte Werken zu neuem Bühnenleben verhelfen, die sonst nie zur Aufführungen gelangen. Denn nirgendwo sonst, wird man Stücke zu sehen und hören bekommen, die einen langen Dornröschenschlaf hielten oder ganz in den Orkus der Operngeschichte verschwinden sollten.

So erblickte zum silbernen Jubiläum eine Rossini-Oper zum ersten Mal das Licht der Öffentlichkeit in Frankfurt: Die verkehrte Braut. (Bei Pudenz verlängerte sich das Rossini-Gedenkjahr etwas.) Als dramma giocosa schrieb der damals erst 19jährige und noch wenig bekannte Gioacchino Rossini seine L’Equivoco stravagante, wie die Oper im Original heißt, und prompt wurde das sich um die damalige Political Correctness wenig scherende Werk von der Zensur verboten. Ernestina, die belesene und nach intellektuellem Tiefgang strebende Heldin und „verkehrte Braut“ der Oper, rettet sich vor der geplanten Verheiratung mit dem unbedarften Stutzer Buralicchio in den Soldatenanzug. Außerdem liebt sie den armen Hauslehrer Ermanno, den ihr Vater – der neureiche Bauer Gamberotto – selbstverständlich als Schwiegersohn ablehnt.

Dem gezielt gestreuten Gerücht, sie sei eigentlich gar keine Frau, sondern ein Kastrat, der vor dem Militärdienst flieht, sitzt der einfältige Buralicchio vollends auf und lässt sie daraufhin verhaften. Das ist er seiner Ehre schuldig, aber Ermanno befreit seine Ernestina und am Ende gibt es das wohlverdiente Happy End. Rossinis Musik ist berauschend, das Libretto herrlich anstößig oder vielmehr erstaunlich modern, nimmt es doch unsere heutige Suche nach Geschlechteridentität oder die nach medialer Aufmerksamkeit drängenden Geld- und Geschmacksfragen fast prophetisch vorweg. Kurz: eine wunderbar subversive Komik und ganz nach dem Geschmack von Pudenz: „Viele Libretti sind zu unrecht verurteilt worden. Es ist wirklich keine literarische Geschichte, die da passiert. Wie geht es weiter im Gesang?! Das ist die interessantere Frage für mich. Die Musik führt’s weiter.“

Kammeroper im Palmengarten / Don Giovanni - im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Kammeroper im Palmengarten / Don Giovanni – im Palmengarten in der Muschel © Wolfgang Fuhrmannek

Wie nebenbei gelingt es der Kammeroper, Werke, nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten in Archiven oder Schubladen der Vergessenheit zu entreißen, sie vom Staub und Schlack der historischen Einschätzung zu befreien und zu neuem Bühnenleben zu verhelfen. Eine enorme Leistung, die Anerkennung verdient. Und so ist sein Verdienst ein doppelter: Neues Leben für alte, nicht mehr oder selten aufgeführte Stücke und in Rossinis Fall, einen Komponisten (oder vielmehr sein Oeuvre) zu erleben, der leider immer noch gerne auf nur wenige – meist eingängige – Opernwerke reduziert wird. Pudenz kann seine nimmermüde Begeisterung für das Groteske und Urkomische an den Mann und die Frau bringen; das Jubiläum bestritten unter seiner Regie: Dzuna Kalnina, Thomas Peter, Timon Führ, Ralf Simon, Louise Fenbury, Ilja Aksionov und Harald Mathes sowie der zwar kleine doch spielfreudige Chor. Für das Bühnenbild sind Frank Keller und Mateo Vilagrasa, für die Kostüme ist Claudia Kraspe verantwortlich gewesen. Vilagrasa – Bühnenbildner und Künstler und ebenso prägende Gestalt der Kammeroper – ist vergangenes Jahr gestorben. Dirigent dieser Produktion ist Daniel Stratievsky. Er wurde 1986 in Leningrad geboren und stammt aus einer Musikerfamilie. Aktuell ist er am Theater und Orchester GmbH Brandenburg/Neustrelitz als 2. Kapellmeister und Solorepetitor engagiert. Für viele erwies sich die Kammeroper als Sprungbrett für etwas Größeres – auch dem jungen Dirigenten Stratievsky wäre es zu wünschen.

Tatsächlich entpuppt sich die Kammeroper immer wieder als ein Sprungbrett. Und Pudenz zählt gleich einige auf: „Ja, ja, es gab ein paar große Karrieren. Roberto Saccà war das seinerseits. Martin Kränzle, der Sänger ist. Martin Kränzle hat bei uns im Orchester gespielt – Geige hat er gespielt. Roland Böer, der hier am Haus war. Dann war es Zoran Todorovich.Barbara Zechmeister, die fast gleich von unserer Produktion an die Oper Frankfurt gegangen ist. Johannes Kösters, für uns ein Großer, aber den habe ich nicht rausgebracht, das war kein Sprungbrett. Er war ein wichtiger Mann auch für uns. Beate Bilandzija, die an die Wiener Staatsoper gegangen ist – um nur einige zu nennen.“ Für die Produktionen gibt es immer ein Vorsingen, so dass sich junge Talente bei ihm präsentieren können. Das Orchester hat sich relativ stabil gehalten, aber natürlich kann er allen – ob auf oder vor der Bühne – nicht so viel zahlen, wie es an großen Häusern üblich ist.

Nur einmal berührten sich Kammeroper und Oper Frankfurt: 1993 führte Rainer Pudenz Regie auf der großen Opernbühne. Er inszenierte die bis in die fünfziger Jahre nicht sehr häufig gespielte Oper Die heimliche Ehe von Domenico Cimarosa. Es war eine bunte, schrille Angelegenheit, die damals viele Opernbesucher zu irritieren vermochte. Aus heutiger Sicht war es eher eine harmlose, natürlich überzogene, den Witz des Stückes überdehnende Interpretation – aber fordern heutzutage manche Inszenierungen das Publikum nicht vielmehr heraus?! Bei dieser einmaligen Arbeit auf der großen Opernbühne ist es bis heute geblieben. Pudenz bedauert das nicht, denn schließlich ist er in der Kammeroper sein eigener Herr und die beiden Institutionen stehen sowieso nicht in Konkurrenz zueinander.

Der Kammeropern-Chef liebt seine Stücke und das Theater. Es ist ihm wichtig, dass der Text verstanden und an den entsprechenden Stellen gelacht wird – nicht erst, wenn die Übertitel die Übersetzung angezeigt haben, und so wird bei ihm auf Deutsch gesungen. „Übertitel mag ich nicht“, sagt Pudenz trocken (Was aufgrund der architektonischen Gegebenheiten sowieso nicht möglich wäre.) Nicht nur die Musik, auch Sprache transportiert für ihn Emotion und muss deshalb verständlich sein. „Die Texte sind keine literarischen Großwerke“, so Pudenz, „aber ich entwickle eine Oper anhand des Texts. Man soll ja wissen, was man singt.“

Und das Publikum soll es ebenfalls verstehen können. Text und Musik bilden für ihn eine Einheit, der unbedingte Glaube, dass sich noch für jedes – meist komisch-absurd-subversive – Libretto eine theatralische Umsetzung konzipieren lässt, erweist sich als goldrichtig. Die gängige Auffassung und somit Trennung von auf der einen Seite wunderbaren Musik und auf der anderen Seite verschwurbeltem, nicht aufführbarem Inhalt hat für Pudenz keinen Bestand. Dass verlangt für die Übersetzung philologische Arbeit am Libretto – natürlich die deutsche Sprache bis zum Äußersten ausreizend und auskostend bis hin zum Grotesken –, zugleich muss sie so gelingen, dass der deutsche Text singbar ist. Dafür ist seit einigen Jahren Thomas Peter, selbst Sänger, zuständig, der die Sprache „vom zuckrigen Guss“ der Übersetzungen aus den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts befreit.

In gewisser Weise ist Rainer Pudenz seinem Idol Felsenstein nahe gekommen, ihm fast ebenbürtig geworden, denn die Kammeroper wird nun endlich ein richtiges Haus erhalten – ein „200-Mann-Theater“, wie er es nennt. Der intime Rahmen bleibt, hinzukommen wird ein Dach über dem Kopf und damit die Unabhängigkeit vom Wettergott – kurzum ein richtiges Theater. Auch IOCO – Kultur im Netz gratuliert  zum 25jährigen Jubiläum der Kammeroper im Palmengarten und für die Zukunft weiterhin: toi, toi, toi.

—| IOCO Aktuell Kammeroper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, The Medium – Satyricon, IOCO Kritik, 27.07.2019

Juli 27, 2019 by  
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Oper Frankfurt

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

Bockenheimer Depot © Staedtische Buehnen Frankfurt / PMG

The Medium – Gian Carlo Menotti : Satyricon – Bruno Maderna

 – Erstaufführungen der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Ein Ort, der Theatergeschichte geschrieben hat, bietet den passenden Raum für zwei jeweils gut einstündige Opernwerke: The Medium von Gian Carlo Menotti und Satyricon von Bruno Maderna sind erstmals zusammen zu hören und zugleich auch Frankfurter Erstaufführungen. Menotti (1911-2007) und Maderna (1920-1973) waren Zeitgenossen und doch unterscheiden sich ihre Kompositionsweisen und Werke erheblich. Auch in der Thematik gehen diese beiden Komponisten mit italienischen Wurzeln getrennte Wege.

 Oper Frankfurt / The Medium - hier : Meredith Arwady als Madame Flora © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / The Medium – hier : Meredith Arwady als Madame Flora © Barbara Aumueller

Das Bockenheimer Depot verfügt über den kleinen, keineswegs weniger bedeutenden, dafür aber intimen Rahmen. Das Depot, das im Frankfurter Stadtteil Bockenheim liegt, ist ein Relikt aus vergangenen Tagen: ein Betriebshof und Hauptwerkstatt der Straßenbahn Frankfurt. Entstanden ist das unter Denkmalschutz stehende Gebäude 1900, um die elektrifizierten Straßenbahnen beherbergen zu können, doch 1966 war damit Schluss. Nach diversen Nutzungen – so auch von Zirkus Roncalli 1986 – musste nach dem Opernbrand von 1987 das Schauspielhaus, das seine Bühne der Oper zur Verfügung stellte, ins Bockenheimer Depot ausweichen. Der Umbau in ein Theater mit etwa 400 Sitzplätzen rechnete sich langfristig, denn von 1985 bis 2004 residierte dort das legendäre Theater am Turm –  kurz TAT. Dieses musste seinen angestammten Platz am Eschenheimer Turm, der ihm auch den Namen eintrug, verlassen – und mit ihm ging auch ein Stück Frankfurter und deutsche Theatergeschichte verloren. Bis heute nutzen sowohl das Schauspiel- als auch das Opernhaus der Städtischen Bühnen diesen ungewöhnlichen Theaterraum. Und ein weiterer Großer der Frankfurter Theatergeschichte gehört dazu: William Forsythe, der dem Ballett Frankfurt zunächst als künstlerischer Direktor und dann als Intendant zwei Jahrzehnte bis 2004 vorstand, gab bis 2015 mit seiner Forsythe Company dort regelmäßig Ballettvorstellungen Die Nachfolgekompanie gastiert noch heute im Bockenheimer Depot.

Oper Frankfurt / The Medium - hier : v.l. Louise Alder als Monica, Meredith Arwady als Madame Flora, Marek Löcker als Toby © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / The Medium – hier : v.l. Louise Alder als Monica, Meredith Arwady als Madame Flora, Marek Löcker als Toby © Barbara Aumueller

In The Medium sehen wir einen dunklen Raum, rechts mit einer Treppe zu einer Tür nach oben führend. Links steht der Tisch für anstehende spiritistische Sitzung bereit. Es ist ein klaustrophobischer Ort, es gibt zwar Türen links und oben, aber sie bieten keinen Ausweg – zumindest nicht für die Bewohner, wie sich später zeigen wird, stattdessen wird alles noch düsterer werden. Die Séance verspricht den Besuchern Kontakt zu ihren zu früh Verstorbenen herzustellen. Da sind das Ehepaar Gobineau, das über den Tod ihres kleinen Sohnes nach all den Jahren nicht hinwegkommen ist, und Mrs. Nolan, die eine fast schon erwachsene Tochter verloren hat. Aber auch die Bewohner dieses okkulten Ortes tragen ihre Päckchen: Madame Flora – Meredith Arwady – ist eine Wucht und die zentrale Figur dieser Oper – trinkt, ist unbeherrscht und kann brutal werden; wie sie das darstellt und mit allen Facetten ihrer Stimme operiert – von beinahe nicht geglaubter Sanftheit bis zu scharfen Tönen – ist sie der Höhepunkt des Abends. Insbesondere gegen ihren stummen „Ziehsohn“ Toby richtet sich ihre Wut und auch hier gilt: großartig gespielt von Marek Löcker. Monica, die Tochter und von Louise Alder als liebenswürdige Antifigur zu ihrer Bühnenmutter dargestellt, versucht den Ausgleich zwischen beiden. Sie mag Toby, und sie gibt ihm die Wärme, die er sucht, aber sie wird ihn nicht retten können. Ihre Figur und ihre berührende glockenklare Stimme sind nicht nur dramaturgisch, sondern auch musikalisch der Kontrast zu Madame Flora und ihrem schroffen Wesen.

Während die Gobineaus schon erfahrene Teilnehmer sind, ist Mrs. Nolan unsicher, ob der Kontakt zu ihrer toten Tochter gelingen kann und ihr Frieden bringen wird. Die Sitzung beginnt wie immer: Der Kontakt zum kleinen Sohn der Gobineaus erfolgt sofort, und auch Mrs. Nolan, skeptisch und etwas irritiert über die Aussagen ihrer Tochter, scheint überzeugt. Bis Madame Flora vermeintlich von einer unsichtbaren Hand berührt wird. Jetzt kippt alles. Die Séance-Teilnehmer werden nach Hause geschickt, Toby für die mysteriöse Hand verantwortlich gemacht. Wie eine Furie wütet diese Frau, die doch alles im Griff zu haben schien, und tappt in ihre eigene Falle. Als sie erneut kommen, will sie ihnen vorführen, dass das alles nur Tricks waren: Monica ist über einen Spiegel als die tote Tochter Mrs. Nolans erschienen, auch die Gobineaus habe sie nur betrogen. Doch sie glauben ihr die Wahrheit nicht. Sie trinkt, hetzt gegen Toby, am Ende ist ihre Wut sein Tod: Er erhängt sich und baumelt vom angedeuteten Dachboden, wohin er sich immer vor ihr geflüchtet hat, herunter. Ein ausgezeichnetes Sängerensemble, das fein aufeinander abgestimmt ist: Barbara Zechmeister und Dietrich Volle sind ein bewährtes Team, das die Eltern eines toten Kindes bis in jedes Detail sehr gut spielen und singen. Kelsey Lauritano beeindruckt mit schöner Stimme und ebenso versiertem Spiel. Louise Alder ist der Halt bzw. der optimistische Teil, der Hoffnung aufzeigt, so dass man geneigt wäre zu glauben, es wird noch eine Wendung zum guten Ende geben. Marek Löckers Rolle ist zwar stumm, aber seine Präsenz ist so grandios, dass er allen ein ebenbürtiger Partner ist. Und natürlich die alles umwerfende Meredith Arwady,: wie wenige andere ist sie in der Lage von Zärtlichkeit – in Stimme und Haltung – zu Wut und Aggression zu wechseln.

Hans Walter Richter zeigt ein stimmiges Kammerspiel, indem sich das Drama langsam abzeichnet und am Ende fürchterlich kulminiert. Ihm zur Seite stehen: der Bühnenbildner Kaspar Glarner, die Kostümbildnerin Cornelia Schmidt und Jan Hartmann, der für das entsprechende Licht sorgte. Ein rundes, gelungenes Werk zu dem das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der souveränen Leitung von Kapellmeister Nikolai Petersen hervorragend beiträgt. Belohnt wurde nicht nur das Regieteam, sondern auch das Sängerensemble mit großem Applaus; Meredith Arwady ist die überragende Sängerin des Abends, die vom Publikum dafür begeistert gefeiert wurde.

Oper Frankfurt / Satyricon - hier : Peter Marsh als Trimalchio und Ensemble © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Satyricon – hier : Peter Marsh als Trimalchio und Ensemble © Barbara Aumueller

Der Raum ist bei Satyricon geweitet, alles ist offen und scheinbar heiter, heller, ein wahres optisches Kontrastprogramm zu The Medium. Auch musikalisch – die Leitung hat Simone di Felice übernommen – bietet es eine andere Klangwelt. Es ist eine musikalische Collage, die kräftig aus der Musikliteratur zitiert – von Tschaikowski bis Wagner, ebenso Tango und Jazz. Aber, wie Simone di Felice im Gespräch mit der Regisseurin Nelly Danker im Programmheft erläutert: „In ihren vielen kleinen Fragmenten ist die Musik absolut als eine italienische erkennbar. Für Maderna sind Instrumente wie Stimmen in einem Dialog, sie sprechen und streiten miteinander, wie Personen.

Tatsächlich findet ein ständiger „Dialog“ nicht nur der Instrumente, sondern auch der Protagonisten statt, den nachzuvollziehen aufgrund des überbordenden Bühnengeschehens und der gleichzeitigen Aktionen nicht unbedingt erleichtert wird. Bei Satyricon handelt es sich um ein Werk, das in unterschiedlicher Fassung bzw. Folge der sechzehn verschiedenen Szenen aufgeführt werden kann und soll. In fünf Sprachen wird das Gastmahl des Trimalchio gefeiert, eine Episode aus dem in Latein verfassten Romanfragment Satyricon von Petronius Arbiter aus dem 1. Jahrhundert zu Zeiten Kaiser Neros. Trimalchio, ein ehemaliger Sklave, ist zur Reichtum gekommen und gibt wieder eine Party, allerdings soll auf dieser seine eigene Beerdigung und sein letzter Wille verkündet und gefeiert werden. Natürlich kann das nur schrill und überzogen sein, und so lässt die Regisseurin Nelly Danker ein Laufband hinter der rechts stehenden Halbtreppe ständig neue Präsente auffahren, die kaum alle sinnvoll genutzt werden können – außer den Protz des Gastgebers zu demonstrieren. So wie auch die links freistehende Badewanne eher Lustspielen als ihrem eigentlichen Zweck dient. Überhaupt ist die Akrobatik ein nicht unwesentlicher Bestandteil dieser Inszenierung: Scintillas Gesang ist ebenso artistisch wie ihre körperlichen Verrenkungen, einer Trapezkünstlerin gleich hängt sie im und am weißen von der Decke baumelnden Tuch. Die weiteren Gäste dieser makabren Feier sind Habinnas, ihr Gatte, sowie Criside und Eumolpus. Auch die Sklaven Niceros, Philargyros und Cairo sind nur Staffage, einzig da, ihren Herren zufrieden zu stellen und dabei auch die Attacken seiner Frau Fortunata abzumildern. Da es kein richtig oder falsch bei diesem Werk gibt, ist Flexibilität von Musikern und Mitwirkenden gefordert. Simone di Felice, seit 2017/18 Kapellmeister an der Oper Frankfurt, bringt es präzise auf den Punkt: „Das ist wie beim Festessen einer italienischen Familie. Drei Stunden lang sprechen alle laut durcheinander, und keiner hört zu. Es gibt eigentlich keinen Dialog, sondern viele Monologe gleichzeitig und trotzdem haben am Ende alle eine gute Zeit – meistens.“  Leider hat das die Regisseurin allzu sehr beherzigt, so dass das Stück eher disparat wirkt und im optischen Overkill untergeht. Mehr Schein als Sein hat sie ihren Figuren – insbesondere dem Gastgeber Trimalchio bescheinigt –, so dass alles nur Oberfläche bleibt, von der von ihr beschriebenen „bissigen Gesellschaftssatire“ Bruno Madernas ist wenig zu spüren. Schade, denn sie hätte durch eine stringentere Erzählweise genau das zeigen können.

Oper Frankfurt / Satyricon - hier : Ensemble © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Satyricon – hier : Ensemble © Barbara Aumueller

Die Leistung aller Mitwirkenden kann gar nicht genug gelobt werden, das Publikum sah es ähnlich und belohnte die Mitwirkenden mit großem Applaus. Allen voran Peter Marsh als Trimalchio, der nicht nur mit den verschiedenen Sprachen hantieren muss, sondern musikalisch als ein mit Halbwissen um sich werfender in Gold gekleideter Gockel auftritt – mit großen Witz stattet er diesen über alle Epochen und Zeiten immer wiederkehrenden Zeitgenossen aus. Susanne Gritschneders eher geerdete oder berechnende Fortunata bildet einen schönen Kontrast dazu. Ambur Braid ist Scintilla, ihr zynisch angehauchter Mann Habinnas wird von Theo Lebow verkörpert. Criside, von Karen Vuong, und Eumolpus, von Mikolai Trabka, sind das andere Gästeehepaar. Die drei Sklaven werden von Kamil Mrozowski, Michael Gross und Manuel Gaubatz dargestellt. Unter Simone di Felice spielt ein fabelhaft aufgelegtes Frankfurter Opern- und Museumsorchester. Für Bühnenbild zeichnet Kaspar Glarner, für Kostüme Cornelia Schmidt, für Licht Jan Hartmann und für Video Sami Bill verantwortlich.

Die Verschränkung der Stücke wirkt durchaus interessant, am Ende jedoch kann man sich nicht erwehren, nach der Sinnhaftigkeit der Verknüpfung zu fragen. Nichts verbindet sie, weder musikalisch noch inhaltlich – am ehesten noch, dass sie ein jeweils spezifisches gesellschaftliches Miteinander porträtieren und musikalisch erklingen lassen. Vielleicht hätte man beide Werke einer einzigen regieführenden Person überlassen sollen, so zerbröselte der Abend nach dem packenden ersten Teil zwar etwas, entwickelt aber insgesamt eine spannende, inspirierende Nachwirkung.

The Medium – Satyricon:  weitere Aufführungen im Bockenheimer Depot zur Zeit nicht auf dem Spielplan der Oper Frankfurt

 

—| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Maifestspiele 2019 – La Donna del Lago, IOCO Kritik, 13.06.2019

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini

  Internationalen Maifestspiele 2019

von Ljerka Oreskovic Herrmann     

Ein musikalisches selten gespieltes Kleinod von Gioacchino Rossini präsentierten die diesjährigen Internationalen Maifestspiele in Wiesbaden – leider nur ein einziges Mal. Es war ein Gastspiel der Opéra de Lausanne in Koproduktion mit dem Nationaltheater Zagreb.

La Donna del Lago – Gioacchino Rossini
youtube Trailer Opéra de Lausanne zur Inszenierung
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1810 schrieb Walter Scott The Lady of the Lake und erzielte einen weltweiten Erfolg. Gioacchino Rossini war von  dessen Gedicht aus sechs Cantos – Gesängen – so berührt, dass er daraus die Oper La Donna del Lago komponierte.  Nicht nur durch La Donna del Lago (The Lady of the Lake) führte Sir Walter Scott (1771 – 1832) die englischsprachige Literatur auch auf die italienische Opernbühne. 1819 fand in Neapel die Uraufführung statt, mit der damaligen primadonna assoluta Isabella Colbran in der weiblichen Hauptpartie. Der zunächst künstlerischen Beziehung von Rossini und Colbran folgte auch eine private Entsprechung: 1822 heirateten der Komponist und die berühmte Sängerin bei Bologna in einer Villa, die diese von ihrem Vater geerbt hatte. 1837 trennten sich die beiden, musikalisch waren sie aber bis dahin ein unschlagbares Paar. Eine „Premiere“ bot dann diese Produktion auf: die Hosenrolle des Malcolm – für eine Mezzosopranistin geschrieben – wurde von einem Countertenor übernommen. Max Emanuel Cencic, als Chevalier de L‘Ordre des Arts et des Lettres in Frankreich geehrter und verehrter österreichischer Altus, war als Malcolm zu hören.

 

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Inszenierung – Überfrachted mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“

Cencic, zugleich Regisseur dieser Inszenierung, tat sich allerdings keinen Gefallen damit, mit Freudschen Mitteln die Seele und Gelüste der Frauen erkunden zu wollen. Schon Dr. Freud hatte seine liebe Not mit der weiblichen Erotik, die er nicht zu fassen vermochte, und so blieb es auch beim Regisseur ein männlicher Blick von außen. Wobei die Grundidee, eine Frau liest ein Buch, dass sich dann als (ihr imaginiertes) Geschehen auf einer zweiten Ebene entwickelt, durchaus als  Ausgangspunkt interessant ist, aber die Überfrachtung mit Psychologie und „Femme fatale-Mythen“ – verkörpert durch barbusige Frauen – überladen das Stück unnötig. Wie so oft gilt der Spruch: „Weniger ist mehr.“ Die sozial unterdrückte Frau im 19. Jahrhundert zu zeigen, über die er im Programmheft räsoniert, ist zwar an löbliches Ansinnen, allerdings kein neuer, spritziger oder gar verwegener Erkenntnisgewinn. Hätte Cencic das Geschehen stärker zugespitzt und ironisch aufgeladen, um diesen männlichen Blick zu denunzieren und zu brechen, hätte seine Deutung mehr Wirkung entfalten können: Sie wäre quasi verpackt in wunderschöne Rossini-Musik glatt unter die – auch männliche – Haut gegangen. So wirkte es etwas bemüht.

Nichtsdestotrotz gelingen Cencic berührende Bilder, so z.B. das Duett von Malcolm und Elena, bei ihrem ersten Aufeinandertreffen, in dem beide ihre Liebe beschwören. Ganz oben auf der Treppe sitzen sie dicht beieinander, jederzeit bereit, sofort aufzuspringen. Es ist kein geräumiger oder gar romantischer Ort, und doch erzeugt er eine innige Situation. Die glückliche Begegnung dauert nur kurz, dann trennen sich ihre Wege wieder; er entschwindet über die Balustrade, sie nach unten in den Salon. Überhaupt sind die Duette in La Donna del Lago von Rossini mit einer derartigen musikalischen Präzision der menschlichen Gefühle komponiert, dass einem der Atem stocken kann angesichts der Zartheit und Feinheit des Ausdrucks. In diesen Momenten gewinnt Cencics Personenführung deutlichere Konturen. Eingerahmt – im sprichwörtlichen Sinne – wird die Handlung von einem überdimensionalen Rahmen an der Rampe am Anfang und Ende der Inszenierung. Dahinter ist eine Art Salon mit Wendeltreppe und Möbeln im Stil des Fin de siècle des 19. Jahrhunderts zu sehen, in dem sich das Geschehen, wie in einem Kammerstück, abspielt.

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago - eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Hessisches Staatstheater/ La Donna del Lago – eine Produktion der Opéra de Lausanne © Opéra de Lausanne / Alain Humerose

Auch die Kostüme verweisen auf diese Epoche, die Frauen sind frivoler gekleidet, die Männer verschanzen ihre Gefühle eher hinter Uniformen. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind vertrackt, weil Elena einen anderen liebt, als ihr Vater für sie vorgesehen hat, andererseits die Politik bzw. Kämpfe zwischen König und Aufständischen in das private Leben aller Beteiligten hineinwirken. Die Handlung ist im schottischen Hochland angesiedelt, wo Elena als die „Dame vom See“ auf König Giacomo trifft, der als Uberto verkleidet, sich sofort in sie verliebt; enttäuscht muss er feststellen, dass ihr Vater Douglas zu den gegen ihn kämpfenden Rebellen gehört. Elena soll den von ihr ungeliebten Clan-Führer Rodrigo heiraten. Ihr Herz jedoch gehört Malcolm. Drei Männer, die um eine Frau kreisen, zugleich aber in die Schlacht müssen, da die Königstruppen nahen. Uberto alias König Giacomo begibt sich auf das schwierigste Kriegsfeld, nämlich das der Liebe, und öffnet Elena sein Herz. Sie kann ihn nur zurückweisen, Uberto – ganz Gentleman – verzichtet, schenkt ihr gleichwohl einen Ring, der ihr in der Stunde der Not hilfreich sein soll. Die beiden überrascht Rodrigo, und rasend vor Eifersucht fordert er Uberto zum Zweikampf auf. Das Kampfglück – Cencic hat daraus eine durchaus packende und komische Balletteinlage gemacht – hat sich gegen die Aufständischen gewendet. Rodrigo ist ums Leben gekommen, und Malcolm macht sich auf den Weg zu Elena, um ihr zur Seite zu stehen. Douglas derweil sucht König Giacomo in seinem Schloss auf, um ihn um Gnade zu bitten, doch dieser weist sein Gesuch zurück. Als aber Elena mit dem Ring erscheint und dabei erstaunt erkennt, dass sich hinter Uberto der König verbirgt, lässt sich dieser erweichen. Nun können die beiden Liebenden zueinanderfinden.

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Gioacchino Rossini Pere Lachaise © IOCO

Endlich vereint, friert das Geschehen ein, der Rahmen kündigt das Ende an. Doch zum Schluss sehen wir Elena erneut mit ihrem Buch umhergehend und ihren Zeitung lesenden Mann – der ehrbare, aber wohl wenig geliebte Rodrigo – davor. Es ist die „biedere“ Eheidylle des 19. Jahrhundert. Der Rahmen schafft eine Distanz zwischen Traum und Wirklichkeit, unerfüllten Sehnsüchten und Wünschen, überwunden wird sie allein durch die Musik: „Tanti affetti in un momento“ – so viele Gefühle in einem einzigen Augenblick! Kaum einer hätte das musikalisch treffender zum Ausdruck bringen können, als Rossini in seinem Schluss-Rondo voller brillanter Koloraturen. Eine gleichsam wunderbare Diagnose (der Zustände) und klangvolle Behauptung, der man nicht widersprechen möchte.

Für das ansprechende Bühnenbild und die Kostüme zeichnete Bruno de Lavenere, für Videoprojektionen war Étienne Guiol verantwortlich. Der Chor des Nationaltheater Zagreb unter der Leitung von Luka Vukšic zeigte sichtlich eine Spiel- und Sangesfreude, wie auch alle Solisten überragend waren: kurzum grandios. Nian Wang als Elena steigert sich im Lauf des Abends immer mehr, beide Tenöre – Daniel Behle als Giacomo V./ Uberto und Antonio Garés als Rodrigo – waren vokal wie darstellerisch glänzend aufgelegt. Die weiteren Solisten sind Sonja Runje als Vertraute Elenas – eine junge Mezzosopranistin, die bei den diesjährigen Pfingstfestspielen in Salzburg auftritt und eine beeindruckende Präsenz besitzt. Neven Palecek gibt einen sonoren und stimmgewaltigen Vater Douglas. Ivo Gamulin und Nikša Radovanovic sind die als komische Figuren angelegten Serano und Bertram. Und last but not least Max Emanuel Cencic als Malcolm, der perfekt zu dieser Rolle passte und damit einen vokalen Höhepunkt des Abends bildete.

Der junge griechische Dirigent George Petrou beweist sicheres Gespür für die Melodien, Dynamik und Rhythmik der Musik Rossinis. Nie forcierend, den Stimmen Raum zur Entfaltung lassend, nie nur schöne Begleitmusik, im Gegenteil! Petrou besitzt die Fähigkeit, Rossinis musikalische Ausdrucksfülle zum Blühen zu bringen, sie wie ein klangliches Füllhorn auszuströmen, es gelingt ihm mit dem Orchester des Nationaltheater Zagreb eine starke musikalische Interpretation. Allein schon, dieses frühe Rossinische Meisterwerk präsentiert zu haben, ist dankenswert. Das Publikum sah es genauso und belohnte Solisten und das Team mit einhelligem Applaus. Mit Rossinis Melodien im Ohr verließ man beschwingt das Hessische Staatstheater Wiesbaden.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

Wiesbaden, Rheingold-Preis 2019 – Johannes Martin Kränzle, Februar 2019

Mai 2, 2019 by  
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Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle © Barbara Aumüller

Johannes Martin Kränzle

 Johannes Martin Kränzle

Rheingold-Preis 2019   –  Richard Wagner-Verband Frankfurt

von Ljerka Oreskovic Herrmann

„Ich bin sicher, sie werden Sänger!“

Recht hatte er, Martin Gründler, „der“ große (und 2004 verstorbene) Gesangspädagoge an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt: Aus seinem „Schüler“ Johannes Martin Kränzle ist ein Sänger geworden und was für ein einer! Ein anderes denkwürdiges Zitat fiel von Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, der die Laudatio auf sein ehemaliges Ensemblemitglied hielt. Tags zuvor hatte er sich mit Antonio Pappano, Musikdirektor am Royal Opera House Covent Garden, London, getroffen und folgende Grüße von Pappano an Kränzle auszurichten: „Tell him: He’s the best!“ Und wie, um dies zu bestätigen, zählte Loebe die Partien auf, die der Bariton an der Oper Frankfurt gesungen hatte: dazu gehören u.a. Eisenstein (Die Lustige Witwe), Traveller (Tod in Venedig) oder Ford (Falstaff).

Johannes Martin Kränzle ist tatsächlich der Beste: 2018 erhielt er ein zweites Mal – nach 2011 – die Auszeichnung (Kritikerumfrage der Opernwelt) als bester Opernsänger des Jahres. In Frankfurt begann er in der Spielzeit1997/98 als Lescaut in Hans Werner Henzes Oper Boulevard Solitude, in der Regie von Nicolas Brieger. Ihm und auch Christoph Loy ist er bis heute verbunden, ja es ist sogar Freundschaft daraus geworden. Loys Inszenierung der Così fan tutte bezeichnet Kränzle als vielleicht beste Interpretation dieser Mozart-Oper, denn der Regisseur machte es eben nicht „wie alle“:

Aus einem Totenhaus – Leos Janacek
youtube TrailerOper Frankfurt – Kränzle hier als Siskov, Film Thiemo Hehl 2018
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Für Kränzle wurde Don Alfonso zur Paraderolle. Überhaupt hat er alle Mozartpartien an der Oper Frankfurt gesungen: Don Giovanni, Papageno – „nahezu unerreicht in der humanen Ausdeutung der Figur“ (Loebe) –, Conte Almaviva, Guglielmo und eben seinen unvergessenen und unnachahmlichen Don Alfonso. Aber Kränzle ist nicht nur ein gefragter Mozartsänger, sondern verbucht als Wagner-Interpret ebenso große Erfolge. Sein Beckmesser in Glyndebourne, London, an der MET in New York oder auch Bayreuth setzt durchaus Maßstäbe, als Alberich wird er in London gefeiert. Und folgerichtig erhält Johannes Martin Kränzle für seine „außerordentlichen Dienste als Wagnerinterpret und Liedsänger“ – so Dirk Jenders, Vorsitzender des Richard-Wagner-Verbands Frankfurt – den Rheingold-Preis 2019 und die Ehrenmitgliedschaft im RWV Frankfurt. Die Bodenhaftung habe sich, so Jenders, diese Künstlerpersönlichkeit bewahrt. Bewahrheitet hat sich diese Aussage sogleich, denn Kränzle half ganz selbstverständlich beim Aufbau von Tisch und Stühlen für das Gespräch mit Moderatorin und Vorstandsmitglied des RWV Hannelore Schmid. Und man möchte hinzufügen, ganz beiläufig auch seinen feinen Sinn für Humor hat aufblitzen lassen.

Es war eine Veranstaltung der „Liebe“ – Liebe zur Musik. Im kurzweiligen Gespräch zwischen Hannelore Schmid und dem Preisträger zeigte sich einmal mehr, warum man ihn auswählte: Kränzle ist nicht nur ein herausragender Bariton, sondern ein Darsteller ersten Ranges, der sich seiner jeweilig neu einzustudierenden Partie allumfassend nähert: Auf  Šiškov aus Leoš Janáceks Aus einem Totenhaus, den er in der vergangenen Spielzeit an der Oper Frankfurt verkörperte und sich grandios einverleibte, hat er sich ein Jahr vorbereitet. Er ist nach Prag gefahren, hatte einen Sprachcoach und wollte wissen und verstehen, was er singt – Noten allein reichen nicht immer aus. Und Tschechisch – zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehörend – ist nun nicht so geläufig in der Opernwelt wie Italienisch. Obwohl – da gibt es doch einige Opern!

 Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus - hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Aus einem Totenhaus – hier : Joachim Martin Kränzle als Siskov © Barbara Aumüller

Dass Kränzle ein geschätzter Liedsänger ist, konnte er dann unter Beweis stellen. Dafür hat er sich die Lieder von Bertold Brecht und Hans Eisler ausgesucht: Was wohl auch ein bisschen dem Umstand geschuldet sein könnte, dass Kränzle, als Augsburger, an dem großen Sohn der Stadt – für Kränzle der höchste Dichter deutscher Sprache – gar nicht vorbei kommen kann. Es sind gebrochene Figuren, Liebestolle oder Gescheiterte an der Liebe. Wie in der Oper, wo Kränzle die zerrissenen Figuren am liebsten verkörpert, sind diese Liebeslieder ebenso von Zwiespältigkeit gezeichnet; vielleicht können sie aber auch als Folgeerscheinung von Menschen, die ihr Leben im Exil – wie Brecht und Eisler – zubringen mussten, verstanden werden. Die Hollywood-Elegien gaukeln kein Happy End vor, vielmehr sind sie melancholisch wie die Stadt, die nach Engeln benannt wurde, oder einfach wunderbare knappe bissige Vertonungen. Kränzle weiß auch hier um den Inhalt, jedes Lied wird in seiner Darbietung zu einem eigenen kleinen Kosmos und Ereignis. Er hat dieser Lieder für ein Streichquartett bearbeitet, was auf eine weitere Bandbreite dieser Künstlerpersönlichkeit verweist: die des Komponisten.

Die zehn Lieder um Liebe für mittlere Stimme und ein Streichorchester hat der Komponist Kränzle seiner Ehefrau und Mezzosopranistin Lena Haselmann gewidmet. Für die Preisverleihung war die Fassung mit Streichquartett zu hören. Die Liedertexte stammen wieder von Brecht. Diese Lieder, so Kränzle, zeigen die lyrische, zarte Seite Brechts, der bissig-ironische Stil der Hollywood-Elegien ist zugunsten eines behutsamen, sanften Duktus’ gewichen. Der Brechtschen Sprache kommt Kränzle entgegen – ja man spürt seine Liebe zum Dichter –, lässt sie aufblühen, seine Musik klingt heiter oder zuweilen auch forsch, manchmal sind Tangoanleihen – wie in Liebeslied aus einer schlechten Zeit – zu hören. Und es ist natürlich eine Liebeserklärung an seine Frau und ihre Stimme.

Musikalisch unterstützt wurde das Ehepaar Haselmann-Kränzle von den Musikerinnen des Malion-Quartett. Das noch „junge“, 2017 gegründete Ensemble besteht aus Musikerinnen aus Frankfurt und Stuttgart: Sophia Stiehler, Jelena Galic, Ulla Knuuttila und Bettina Kessler spielten sich gleichwohl in die Herzen des vorwiegend aus Mitgliedern des Wagnerverbandes bestehenden Publikums.

Abgerundet wurde der Nachmittag mit Johannes Brahms und dem Sänger-Ehepaar Haselmann-Kränzle: Es erklangen Brahms Lieder op. 28, Nr. 2 und Nr. 3, Duette für Alt und Bariton, die der (unverheiratete) Hamburger Komponist zwischen 1860 und 1863 komponiert und ebenfalls einer Frau, Amalie Joachim, gewidmet hat. Ein schöner Abschluss, der mit viel Applaus belohnt wurde.

—| IOCO Portrait |—

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