Wolfsburg, Scharoun Theater Wolfsburg, Staatsorchester Braunschweig – Istanbul, IOCO Kritik, 18.02.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 Staatsorchester Braunschweig  –  Christopher Lichtenstein

– eine Reise in den Orient – Istanbul Sinfonie von Fazil Say –

von Christian Biskup

Das Scharoun-Theater Wolfsburg ist eines der bedeutendsten Tourneetheater im deutschen Raum. Künstler wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons, Thomas Hampson oder Joan Diego Florez standen schon auf der Bühne des von Hans Scharoun entworfenen Theaterbaus der Volkswagenstadt. In der Konzertreihe war nun das Staatsorchester Braunschweig mit dem „exotisch“ klingenden Programmtitel  Istanbul mit Werken von Joseph Haydn und Fazil Say zu Gast.

Exotismus hat in der Musik schon eine lange Geschichte. Der Begriff des Exotismus bzw. des Exotischen wird erstmals in François Rabelais´ Quart livre des faictz et dictz heroiques du noble Pantagruel verwendet. Mit exotique wird dabei alles nicht-europäische bezeichnet. M. P. G. de Chabanons verwendet den Begriff Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in einem musikalischen Kontext, jedoch nicht, um auf fremdländische Elemente der eigenen Kunstmusik hinzuweisen, sondern um die „fremde“ Musikproduktion der eigenen gegenüber abzuwerten.

Als Beginn des intendierten musikalischen Exotismus wird allgemein Jean Baptist Lullys und Molieres Ballett Le Bourgeois gentilhomme (1670) bezeichnet. Entscheidende Hinweise erhielten die Komponisten der Zeit von Orientalisten, die durch authentische Berichte neben alltäglichen Erfahrungen auch Informationen über Instrumente sowie erste Reiseberichte mit orientalischen Melodiebeispielen nach Europa brachten. Anders als Bühnenwerke muss die reine Instrumentalmusik durch ihren musikalischen Gehalt, seien es Instrumente oder Melodien, exotische Atmosphäre vermitteln. In diesem Zusammenhang erwies sich im 18. Jahrhundert die türkische Musik, die als Janitscharenmusik im europäischen Rahmen in der militärischen Musik Verbreitung fand, als besonders inspirierend, so in Mozarts Entführung aus dem Serail.

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Was sich u.a. bei Giacomo Meyerbeer als „Couleur local“ in der französischen Musik niederschlug führte später durch die französische Weltausstellung 1889 mit genuin exotischer Musik auch bei Debussy, Ravel anderen Impressionisten zu Werken mit exotischen Bezügen.

Nach dem 1. Weltkrieg und der folgenden Internationalisierung von Musik, aber auch durch das Ideal einer Weltmusik galt der Exotismus als veraltet, was Komponisten wie Ludolf Nielsen oder Kurt Atterberg dennoch nicht davon abhielt, abendfüllende Bühnenwerke auf Sujets aus Fernost zu vertonen. Heute findet an ihn am ehesten in der Filmmusik.

Kein Exotismus, sondern ein eigenständiges Statement türkischer Musik und Kultur ist hingegen Fazil Says großangelegte Istanbul-Sinfonie. Das 2010 aufgeführte, eher an eine sinfonische Dichtung erinnernde Werk versucht einen Bogen von den Anfängen der Stadt bis zum heutigen Leben in all seinen Facetten zu spannen – und dies mit den Mitteln der türkischen Musik, instrumental wie melodisch traditionell verankert. Fazil Say über das Werk: „Istanbul kann man nicht erzählen mit Clustern, Atonalität und Zwölftontechnik. Istanbul muss man zum Teil romantisch oder nostalgisch erzählen. Es kommt nichts Avantgardistisches vor, aber dennoch Neues, denke ich, um diesem Brückenbau von Ost nach West gerecht zu werden.“

Der erste Satz „Nostalgie“ beginnt mit Meeresrauschen. Klänge der Endkantenflöte Ney (virtuos gespielt von Valentina Ballanova) mischen sich mit dem Streicherteppich und lassen den Orient direkt klanglich hörbar werden. Furios führt Say das Orchester zu den Erinnerungen an die Stadteroberung durch die Osmanen 1453. Im zweite Satz „Der Orden“ führt der bekennende Atheist Say die negativen Aspekte des Islams vor. Monoton stechend rhythmische Floskeln hämmern auf den Hörer ein, bis im dritten Satz „Die blaue Moschee“ ein Gegenbild gezeichnet wird. Wunderbar lichte lyrische Motive gipfeln in einem prächtigen Höhepunkt, das Wahrzeichen der Stadt darstellend. Als quasi Scherzo fungiert der vierte Satz „Hübsch gekleidete junge Mädchen auf dem Schiff zu den Prinzeninseln“. Leichte, tanzende Motive, Walzersequenzen und die wirbelnde Rhythmen der Darbuka (gespielt von Sebastian Flaig) lassen die Vorfreude und Feierstimmung der jungen Damen erahnen. Einzelne Tubaeinwürfe erklingen als Schiffshorn bevor der fünfte Satz „Über die reisenden auf dem Weg vom Bahnhof Haydarpasa nach Anatolien“ mit ratterndem Percussion-Ostinato eine Zugfahrt beschreibt. Ein langes, äußerst virtuoses Kanun-Solo (gespielt von Hesen Kanjo) leitet in den Höhepunkt ein – die „Orientalische Nacht“. Wild, furios, mitreißend zeichnet Say eine ausladende Festnacht, die mit mächtigen Paukenschlägen in das Finale münden, welches die nostalgische Anfangsstimmung wieder aufnimmt und mit Wellenrauschen die Reise in den Orient beendet.

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Say bedient sich im dem bemerkenswerten Werk der modernen Palette westlicher Orchesterkultur und zeigt sich als fabelhafter Orchestrierer. Tonarten, Rhythmik, Instrumentation lassen die westliche Tradition mit der des Ostens reizvoll verschmelzen. Mit sichtlicher Spielfreude nahm sich das Staatsorchester unter der versierten Leitung des ersten Kapellmeisters Christopher Lichtenstein des Werkes an. Die zahlreichen Taktwechsel und rhythmisch ungewöhnlichen Strukturen meisterte das Orchester mit Bravour, lyrische Momente kostete Lichtenstein genussvoll aus. Das Wolfsburger Theater landete mit dem Werk im Programm einen Volltreffer beim Publikum. Standing Ovations, Bravo-Rufe und viel Beifall.

Nach dieser musikalisch breit gefächerten Farbpalette gingen die Eindrücke der Sinfonie Nr. 96 D-Dur von Joseph Haydn, die vor der Pause gespielt wurde, doch etwas verloren – was jedoch nicht an der Aufführungsqualität lag. Die erste von Haydns Londoner Sinfonien trägt den Beinamen „The Miracle“, der wie so oft in der Musikgeschichte nicht vom Komponisten selbst stammt. Die Begebenheit: Bei der Uraufführung der Sinfonie fiel wohl der Kronleuchter in den Hannover Square Rooms herunter. Weil jedoch das Publikum zum Komponisten huldigend an die Bühne strömte, kam niemand zu Schaden und der Beiname wurde geboren. Ob Legende oder nicht – die Sinfonie hält einige Überraschungen parat, so der harmonisch Moll-Ausbruch in der Schlussgruppe des ersten Satzes, das walzerartige Oboensolo im Menuett oder das Perpetuum mobile im Finale – Papa Haydn weiß, wie er die Spannung aufrecht halten kann und zeigt dabei seinen überlieferten Humor. Duftig leicht, die Soli auskostend, stets den großen Bogen im Blick, gestaltet Lichtenstein die Sinfonie geistvoll und spritzig – viel Beifall!

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Wien, Staatsoper Wien, Der Wiener Opernball – Ante Portas, IOCO Aktuell, 18.02.2020

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Wiener Staatsoper

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wien / Wiener Staatsoper © Starke

Wiener Opernball 2020 –  Ante Portas

  Weltweit geliebter Höhepunkt irdischer Lebensfreude

von Viktor Jarosch

Am kommenden Donnerstag, am 20. Februar 2020, wandelt sich die Wiener Staatsoper zum Höhepunkt der Ballsaison Österreichs und zu einem weltweit geliebten kulturellen  Mittelpunkt irdischer Lebensfreude: der Wiener Opernball findet dann zum 64. Mal nach dem Zweiten Weltkrieg statt. Zum zehnten und letzten Mal wird er von Staatsoperndirektor Dominique Meyer geleitet, der noch im Sommer 2020 an das Teatro alla Scala in Mailand wechselt. 5.500 Künstler und Gäste genießen zunächst wunderbare Kunst und feiern, tanzen dann ab 23.00 Uhr auf allen Ebenen der Wiener Staatsoper bis in die frühen Morgenstunden. Das Ereignis wird live weltweit übertragen, Millionen Zuschauer/innen begleiten das Ereignis weltweit.

Imagespot – zum Wiener Opernball
youtube Trailer Wiener Staatsoper
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Die „sternflammende“ Königin der Nacht aus Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte ist Leitthema auf diesem Opernball; sie wird omnipräsent sein, stets und auf allen Rängen der Staatsoper. In Anlehnung an ihren Nachtgarten taucht sich die Oper in dunkle Violett-Töne. Spezielle Lokale bieten dazu auf allen Rängen eigene Kunst und Köstlichkeiten:  So läutet die ie Negroni Secret Bar im Herzen der Wiener Staatsoper im Stil der 20er-Jahre das neue Jahrzehnt im Takt von Swing ein. Sämtliche Erlöse der Negroni Secret Bar gehen an die Caritas Gruft und Superar. Mindestspende pro Drink 20 Euro.

Der Wiener Opernball beherrscht seit Monaten auch die Klatschspalten von Österreichs Boulevardblätter und die Social Media. Populärster nicht-offizieller Opernball-Freund ist hier seit Jahren Richard „Mörtel“ Lugner, 87, welcher als Begleitung für seinen inzwischen 29. Opernball nach vielen  Neben- und Irrwegen  endlich eine Begleitung gefunden hat: die italienische Schauspielerin Ornella Muti (64) gefunden hat; Skistar Lindsey Vonn erteilte ihm kurzfristig eine Absage. Die von Lugner gemietete Loge kostet über €23.000. Nach Sophia Loren (1995), Claudia Cardinale (2002) und Gina Lollobrigida (2013) ist Muti die vierte italienische Filmdiva, die Lugner auf einem Opernball begleitet.
Lugner füllt so zahllose Klatschspalten in Wien und anderswo; so fragte man kürzlich hämisch, ob „Mörtel“ Lugner für diesen Wiener Opernball nun bereits in der Provinz übe. Grund: am 11. Januar 2020 erschien Lugner in Berlin auf dem 120. Berliner Presseball mit einer 46-jährigen Begleiterin Zebra“ und entbot den Berlinern leutselige Zuneigung: „Ich glaube, daß Berliner und Wiener sich generell schon mögen ….“ . Die Zeitungen und Social Media bejubelten seinen Auftritt in Berlin und berichteten überschwänglich.

Wiener Staatsoper / Wiener Opernball 2020 - Staatsopernintendant D Meyer, das Debütantenpaar Marion Moshammer und Adrian Kreuzspiegel, Maria Großbauer © Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

Wiener Staatsoper / Wiener Opernball 2020 – Staatsopernintendant D Meyer, das Debütantenpaar Marion Moshammer und Adrian Kreuzspiegel, Maria Großbauer © Wiener Staatsoper GmbH / Ashley Taylor

64.  Wiener Opernall – Donnerstag, 20.2.2020 – Programm

Um 20.40 ist an Donnerstag Einlass der Ballgäste, welche den strengen Dresscode (Damen mit großen, langen Abendkleid, Herre mit schwarzem Frack) beachten müssen. Offiziell eröffnet wird der  Opernball um  22.00 Uhr  mit der FANFARE von Karl Rosner, der österreichischen Bundeshymne, und der Europahymne von Ludwig van Beethoven. Der Einzug des des Jungdamen- und Jungherren-komitees,  144 Debütantenpaare aus elf verschiedenen Ländern, folgt  dann zu den Klängen der POLONAISE A-Dur von Frederic Chopin.

Daniel Harding, gerade hat er in Dresden zum 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens die Sächsische Staatskapelle geleitet, dirigiert das Wiener Staatsopernorchester wenn dann das Wiener Staatsballett zu den Klängen des Abendblätter-Walzer von Jacques Offenbach tanzt, wenn die junge russische Sopranistin Aida Garifullina, international erfolgreich und seit 2014 Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und der polnische Startenor KS Piotr Beczala  erscheinen: mit  „Sempre libera“ aus La traviata von Giuseppe Verdi respektive „E lucevan le stelle“ aus Tosca von Giacomo Puccini sowie gemeinsam „Tanzen möcht’ ich“ aus Die Csárdásfürstin von Emmerich Kálmán). Das reiche Eröffnungsprogramm des Wiener Opernballes endet wie jedes Jahr gegen 23.00 Uhr mit dem Welthit-Walzer An der schönen blauen Donau.

Mit dem gemeinsamen Ausruf aller Staatsopernkünstler: „Alles Walzer!“  werden dann die Ballgäste der Wiener Staatsoper zum Tanz, zur Unterhaltung, zur Lebensfreude im Parkett und in allen Rängen aufgefordert. Um fünf Uhr am nächsten Morgen endet dann, zum Leidwesen vieler Beteiligten, aber auch dieser 64. Wiener Opernball. 

—| IOCO Aktuell Wiener Staatsoper |—

Frankfurt, Kulturkeller Höchst, BusStop – Theater gegen Rassismus, IOCO Aktuell, 14.02.2020

Februar 14, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Kulturkeller Höchst, Schauspiel

BusStop
youtube Trailer des PakBann e.V. Frankfurt am Main
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Kulturkeller Höchst

PakBann e.V. Frankfurt am Main

BusStop Frankfurt

 BusStop  – Theater gegen Rassismus

„Ich bin anders, denn… Ich bin anders, lasst uns gemeinsam anders sein“

von Ingrid Freiberg

mit diesem Satz und kleinen Erzählungen begann 2017 BusStop, Theater gegen Rassismus, die ersten Aufführungen. Akteure mit sogenanntem Migrationshintergrund und Alteingesessene, die sich in Frankfurt, im Kulturkeller Höchst  im Dalberger Haus zusammenfanden, enthüllen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die sich in alltäglichen Situationen und tätlichen Angriffen wiederfinden. Die Theatertruppe BusStop will aufmerksam machen, zum Nachdenken und zum offenen Gespräch anregen, will Grenzen einreißen und das Miteinander stärken. Gemeinsam geschriebene Theaterstücke zeigen die bedrückende politische Entwicklung. Dabei zeigte sich auch, dass es dieser „bunten Truppe“ schwerfiel, Erlebtes angesichts unterschiedlicher Erfahrungen und eigener Vorurteile in Szene zu setzen. Heftige Diskussionen, unterschiedliche Begabungen und Toleranz führten jedoch zu einer engen Gemeinschaft, die es sich zur Aufgabe macht, das allgemeine Bewusstsein für Vielfalt und Andersartigkeit zu stärken…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Dabei werden Überlegungen aufgegriffen, wie: Bin ich integriert? Werde ich angenommen? Wie kraftvoll ist meine Verbindung zu den Ahnen, zu meinem kulturellen Erbe und die zu meiner neuen „Heimat“? Kann ich Dinge radikal benennen und dennoch in mir ruhen? Die Gruppe gibt den Sprachlosen eine Stimme und Hoffnung, ihre eigene Geschichte zurückzugewinnen. Dabei vermittelt das virtuose Gitarrenspiel von Paulo Silva, ein kapverdischer SingerSongwriter, mit seinen Fuana-, Batuk- und Morna-Rhythmen zwischen den unterschiedlichen Kulturen. Das eindrucksvolle Programm beleuchtet u. a. Rassismus gegenüber Frauen und die Wertung von Homosexualität. Es geht der Frage nach, wer sind wir eigentlich, was ist ein Fremder? Es fragt nach Hoffnungen und Träumen. Die Antworten scheinen einfach: ein Leben ohne Hass und Streit, ohne Tränen, ohne Schmutz, ein Leben in Liebe, in Menschenwürde, ein Austausch auf Augenhöhe.

Ein Glücksfall ist der Aufführungsort Kulturkeller Höchst im Dalberg Haus, ein alter Gewölbekeller, der Menschen zusammenbringt und erlaubt, bei Wein und Käse bereits vor Vorstellungsbeginn ins Gespräch zu kommen. Besonderer Dank gilt den Gastgebern Petra und Gerhard Klumpp, der auch die Technik übernimmt. Sie engagieren sich für BusStop weit über das Übliche hinaus. Ihnen liegt deren Themen sehr am Herzen. Nur durch ihre Unterstützung sind derartige Theaterabende möglich!

Fremde und Fremdes

„Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“, heißt ein vielzitierter und hochphilosophischer Satz aus dem Dialog Die Fremden von Karl Valentin. Vielzitiert ist dieser Satz wohl deshalb, weil er, wie kaum ein anderer, alles in sich birgt, was das Thema „Fremde und Fremdsein“ bedeutet, nämlich die einfache und zugleich ungeheuer komplizierte Tatsache, dass jeder gleichzeitig irgendwo fremd ist und irgendwo zu Hause. Einzig auf den Standort und die Perspektive kommt es an. Fremd ist das, was man nicht kennt, was einem nicht vertraut ist.

Die Themen sind erschreckend alltäglich

Die Bushaltestelle, Namensgeber und Bühnenbild, lässt Raum für Phantasie und für die Auseinandersetzung mit dem Anderssein in einer neuen, nicht immer selbst gewählten Umgebung. Diese Haltestelle mit einer kleinen Bank und einem Fahrkartenautomaten ist ein Ort, an dem es immer wieder zu Rassismus in vielfältiger Form kommt. Hier nun eine Wiedergabe auf das Wesentliche konzentriert: Mit Laternen, sich an den Händen haltend, träumen alle Mitwirkenden von einer Welt ohne Hass, frei von Unterdrückung. Polizisten, die nicht präzise fragen, behandeln völlig respektlos eine Frau mit sogenanntem Migrationshintergrund… Auf ein „Grüß Gott“ von einer Iranerin, antwortet der Hinzugekommene „...jetzt sind wir schon so durchmischt, dass man die Deutschen nicht mehr erkennt!“... Ein Penner, der hinter dem Fahrkartenautomat hervorkommt, pöbelt eine Dame an. Als sie daraufhin angewidert aufschreit, „Jetzt stell dich nicht so an, Baby! Ich hab gepisst, du blöde Hure!“…

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Zwei ältere Damen auf der Bank: „Wie die unsere Mädchen ansehen, die denken, sie sind Freiwild, sie vergewaltigen sie, und wenn sie nicht wollen, haben alle ein Messer im Sack und stechen zu. Die gehören alle rausgeschmissen!.“.  Äußerst berührend und leider kein Einzelfall in der heutigen Zeit ist die Erzählung einer türkischen Putzfrau über ein altes Nachbar-Ehepaar: Oma alt im Altenheim. Opa allein zu Hause! „Opa wie geht’s?“ Opa: „Es muss!“ Manchmal ich Suppe kochen, Opa bringen. Einmal von der Arbeit kommen, Opa nicht sehen, Opa nicht hören. Andere Tag Suppe kochen, Opa klingeln klopfen. „Opa, Opa ich Suppe bringen!“ Ich große Sorgen, Polizei anrufen. Opa tot! Nix glauben ich. Ich weinen. Andere Tag Tür klingeln. Groß chic mit einem Strauß Blumen, er sagen: „Ich Opas Sohn!“. Ich nicht wissen, Opa Sohn haben. Warum jetzt kommen – zu spät? Opa wie mein Vater!…

Gespräch des Sohnes mit seiner Schulfreundin: „Wirft mir die Blumen vor die Füße! Wie die da stand mit ihrem Kopftuch und ihrem gebrochenen Deutsch! Die hat Zeit, zu ihren Eltern zu gehen, geht schwarz putzen, bekommt unsere Sozialhilfe!“… Ein Ehepaar mit fremdartigem Aussehen, sichtbar auf der Durchreise, wird wie folgt beurteilt: „Jetzt guck sich mal Aaner die feine Pinkel an, die Ausländer verprassen unser Geld und kriegen alles in‘n Arsch geblasen!“... Eine Dame, die das beobachtet, schämt sich und hat das Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen, weil es ihr trotz Bemühen misslingt, mit dem Ehepaar ins Gespräch zu kommen. Auf der Bank sitzend trägt eine Frau sehr melodische persische Lyrik vor. Dem Hinzugekommenen, der die Worte nicht versteht, gefällt es so sehr, dass er mehr darüber wissen will, und bittet sie, noch ein paar Zeilen hören zu dürfen…

People of Color:  einer durch die Sonne des Maghreb, andere durch Bluthochdruck

Müll an der Haltestelle ist immer wieder zu finden: „Freundsche, du kannst nicht einfach deinen Müll hier ablade, wie de willst!“ Ali und Hermann haben vieles gemeinsam: Sie können sich nicht leiden. Der eine spricht Deutsch seit Jahrzehnten, der andere seit Generationen. Beide sind People of Color , „der eine durch die Sonne des Maghreb, der andere durch Bluthochdruck“…  Erich Kästners Gedicht „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt“, das den Menschen mit seinem tierischen Erbe konfrontiert, ist eine ausgefeilte Skizze: „So haben sie mit dem Kopf und dem Mund den Fortschritt der Menschheit geschaffen. Doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet, sind sie im Grund noch immer die alten Affen!“... Schwarze Männer sind sexy!

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt - Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Kulturkeller Höchst / BusStop Frankfurt – Theater gegen Rassismus © Ingrid Freiberg

Eine feine Dame im besten Alter mit Hut, Minirock und ausgesprochen schönen Beinen flaniert mit einem gutaussehenden Afrikaner an der Haltestelle entlang. Die Verliebte sagt zu ihm: „Es ist so schön, dich bekommen zu haben, wenn es auch viel Arbeit gemacht hat.“ Ein anwesendes Pärchen beobachtet die Szene: „Das war die Edith mit ihrem Neger, den hat sie aus Kenia mitgebracht. Letztes Jahr war sie dreimal da, die alte Schabracke! Er wartet nur bis er einen deutschen Pass hat!“ Darauf er: „Schatz können wir nicht ein Taxi nehmen, sonst komme ich zu spät und bekomme meinen Pass wieder nicht!“ Gespräch zwischen Mann und Frau: „Du bist ja so viel schlauer als wie ich!“ „Was ist Intrigation?“ „Es heißt Integration!“ „Über die Intrigation da soll es sogar Kurse geben! Wo kann man das Intrigieren lernen, was muss man da lernen?“ „Zuerst die deutsche Sprache!“ „Da werde ich nie intrigiert! Wenn ich doch alles gelernt habe, bin ich dann Reichsbürger?“ „Das sind doch Nazis!“ „Ja, da gabs mal Aaner, der ist aber schon lange tot! Die AFD – Adolfs Freunde Deutschland – sind nur besorgte Bürger!“ „Aber es sind die, die es uns Ausländern gerne besorgen würden!“...

Zwei elegante Damen treffen sich an der Haltestelle Höchst: „Höchst ist kein Vergleich zu Bad Homburg. Früher war das besser!“ „Meine Bekannte ist hier in der Klinik. Schrecklich, alles voller Ausländer!“ Ein Schwuler betritt die Szene und bringt ein Plakat an. Die eine: „Trotz meines Alters habe ich nichts gegen die, sie sind doch auch Menschen wie du und ich!“ Die andere: „Grüßen Sie ganz herzlich Ihren Sohn von mir!“ „Ach, das ist ja so peinlich! Mein Sohn hat sich kürzlich geoutet. Jetzt kennt die meinen Sohn und womöglich kennt ihn meine Herzsportgruppe auch. Mein Mann ist ja sehr konsequent. Unsere Möbelfabrik wird er nicht übernehmen. Wir könnten Kunden verlieren! Mit seinem Mann, offenbar ein Ausländer, hat er seine Mitte gefunden. Wenn er normal geworden ist, kann er jederzeit nach Hause kommen. Ich habe nichts dagegen!“… „Schatzi, es war sehr schön im Urlaub!“ Er: „Und das Essen, große Portionen, das hat mir gefallen, besonders die leckeren Schnitzel!“ „Mallorca und Schnitzel!?“

Eine Zigeunerin tritt auf. „Da siehst du, was da alles reinkommt. Früher hat‘s geheißen, die Wäsche rein, die Zigeuner kommen!“ „Die sollen doch in ihren Drecksländern bleiben! Die schmeißen den Müll aus dem Fenster heraus!“ Die Zigeunerin zeigt einen Zettel: „Hallo ich kann nicht lesen, ich nix verstehn!“ Die beiden antworten: „Wir haben keine Brille!“ Wortlos gehen sie. Im Weggang verliert die Frau ihr Portemonnaie. Die Zigeunerin eilt hinterher, übergibt es. „Die wollte uns beklauen!“ „Hallo Frau, ich nix klauen, du arme Leute, du keine Brille haben!“…

Jenseits der Muttersprache

„Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt, nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund, der Koffer aufgerissen fallen alle meine Wörter heraus. Buchstaben, auf dem Boden zerstreut, wie die Gedärme aus meinem Leib, sie werden zerquetscht unter den Passantenfüßen, meine Stimme verschwunden im Lärm. Die verletzten Buchstaben zärtlich in den Koffer eingepackt, mich weitergeschlichen, Lippen aufeinandergepresst, ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt über die Grenzen und gefallen hier in die Ecke. Den Koffer auf dem Schoß, gebückt am Rande dieser Stadt, namenlose Gesichter eilen vorbei, werfen mir fremde Wörter zu, meine bleiben liegen. Die fremden Wörter verschlungen, hungrig in mich hineingestopft heruntergewürgt, bilden eine Kugel, unverdaulich und schwer, ausgeschwitzt aus meinen Poren. Meine Gedärme brechen heraus, formlose Geschichten schreien aus meiner Kehle, meine bleiben liegen. Ausgespuckt aus der Heimat, ausgespuckt nur mit einem Koffer voller Wörter, bin weggelaufen, gelaufen gesprungen hoch und höher über die Grenzen und gefallen mitten auf den Mund.“

Mit dem beschwörenden Schlusschor „Ausblick“ verabschieden sich die bewegend aufspielenden Laien-Darsteller:  Amir Mansoor (Regie), Klaus Baumgarten, Claudia M. Berrang, Herta-Konstanze Braun, Maria Buttiglieri, Joachim Hossbach, Fariba Khadivi, Karin Kühn, Michaeö Langer, Justin Yao Lassana, Behjat Mehdizadeh, Paulo Silva (Gitarre), El Houari Slimi, Mehret Woldal

Nach anfänglicher Stille endet der Applaus in Jubelstürmen!

Danach gab es Gelegenheit, nicht nur untereinander zu diskutieren, sondern sich auch mit den Mitwirkenden über die teils erschütternden Szenen auszutauschen, die Zuschauer erinnerten sich an eigene Erfahrungen und wurden nicht mit ihren Gedanken und Bildern alleine gelassen.

 Es wird weitere Vorstellungen geben, mehr unter  www.busstop-frankfurt.com

—| IOCO Kritik Kulturkeller Höchst |—

Osnabrück, Theater Osnabrück, Ulrich Mokrusch – Neuer Intendant ab 2021, IOCO Aktuell, 13.02.2020

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Ulrich Mokrusch –  Intendant Theater Osnabrück ab 2021

Unter 38 Bewerbungen hatte die Findungskommission den richtigen Bewerber herauszusuchen, der ab der Spielzeit 2021/22 verantwortlich für die Geschicke des Theater Osnabrück wie der Städtischen Bühnen Osnabrück ist. Für die richtige Wahl hat die aus 18 Mitgliedern bestehende Kommission zwei Bewerbungsrunden gebraucht. Am  9. Dezember hat der Aufsichtsrat der Städtischen Bühnen mit Ulrich Mokrusch den Nachfolger von Dr. Ralf Waldschmidt gewählt.

Die Findungskommission unter Vorsitz der Aufsichtsratsvorsitzenden Brigitte Neumann umfasste 18 Personen, darunter als externe Experten Intendantin Nicola May vom Theater Baden-Baden und Intendant Markus Dietze vom Theater Koblenz. Unterstützt wurde die Findungskommission erstmals durch Prof. Dr. Uwe Kanning, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück.

Neumann freut sich über die Wahl: „Sein Interesse auch spezifische Osnabrücker Themen in seine künstlerischen Pläne aufzunehmen, hat mich besonders überzeugt. So seine Idee ein Werk von Preisträgern des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis in regelmäßigen Abständen in den Spielplan aufzunehmen oder auch seine Überlegungen    für das Jahr 2023 und damit die 375-Jahrfeier Westfälischer Frieden“.

 Theater Osnabrück / Ulrich Mokrusch - kommender Intendant des Theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

Theater Osnabrück / Ulrich Mokrusch – kommender Intendant des Theater Osnabrück © Uwe Lewandowski

Erster Stadtrat Wolfgang Beckermann sagt: „Mich hat Ulrich Mokrusch besonders dadurch überzeugt, dass er die Vernetzung des Theaters in der Stadt noch viel breiter aufstellen möchte. Das ist zum Beispiel die stärkere Kooperation mit zahlreichen innerstädtischen Partnern und zu unseren ausländischen Mitbürgern durch die Einführung eines Gastlands pro Spielzeit. Außerdem bin ich sehr erfreut, dass er Erfahrungen mit großen Theatersanierungen aus seinen Stationen vor Bremerhaven, nämlich aus Bielefeld und Mannheim mitbringt, was uns angesichts dieser großen Aufgabe helfen wird.“         Der Kulturdezernent berichtet, dass die Findungskommission Ulrich Mokrusch als den geeigneten Intendanten ansieht, der sowohl die hohe Auslastung mit einem vielfältigen Spielplan aufrechterhalten kann als auch mit außergewöhnlichen Projekten die überregionale Wahrnehmung des Theaters sicherstellen wird.

Geister – Theater Osnabrück
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Geister – Uraufführung am Theater Osnabrück – IOCO Rezeption

Ulrich Mokrusch, Jahrgang 1963, ging nach der Schauspielausbildung in Paris an der école Jacques Lecoq zunächst für drei Jahre als Regisseur und Schauspieler an das Rheinische Landestheater Neuss. Als freier Regisseur arbeitete er an diversen Bühnen in Deutschland insbesondere für Oper und Schauspiel. Parallel zu seinen künstlerischen Arbeiten studierte er Kulturmanagement an der FU Hagen und Betriebswirtschaftslehre, die er mit dem Diplom beendete. Später unterrichtete er als Dozent nebenberuflich Theatermanagement u.a. an der LMU, München sowie an der Hochschule Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig.  2001 wechselte er an das Theater Bielefeld, wo er als stellvertretender Intendant bis Sommer 2005 engagiert war. Von 2005 bis Ende 2009 war er Stellvertretender Generalintendant am Nationaltheater Mannheim.

Ulrich Mokrusch ist seit August 2010 Intendant des Stadttheater Bremerhaven. Bereits nach dem ersten Jahr seiner Intendanz wurde das Stadttheater Bremerhaven in der Kritikerumfrage der Deutschen Bühne 2011 als bestes Theater abseits der Zentren ausgezeichnet. 2015 erhielt das Theater den erstmals verliehenen Theaterpreis des Bundes. 2019 wurde das Theater nominiert für den International opera award in London, für die Wiederentdeckung des Jahres „the lodger“ von Phyllis Tate.

Mokrusch beobachtet die Entwicklung der Städtischen Bühnen schon seit Jahren und ist sich sicher, trotz der bevorstehenden Sanierung des Hauses auch künstlerisch neue Akzente zu setzen: „Ich freue mich, in Osnabrück ein Theater für und mit der Stadt zu gestalten, die Öffnung des Theaters weiter voran zu treiben und mit einem künstlerisch abwechslungsreichen Programm auch neue, diverse Besuchergruppen zu erreichen.

—| IOCO Aktuell Theater Osnabrück |—

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