Wien, Oper in der Krypta, OPERA DIVA – Soloabend Isabella KUESS, IOCO Kritik, 02.10.2019

Oktober 2, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Oper, Peterskirche

 Peterskirche  / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 OPERA DIVA –  Soloabend Isabella Kuëss

Oper in der Krypta – Peterskirche von Wien

von Marcus Haimerl

Nicht nur zahlreiche Opernaufführungen bietet Oper in der Krypta dem Publikum, auch die (Solo-)Konzerte begeistern regelmäßig das Publikum in der Krypta der Wiener Peterskirche.

In ihrem Soloprogramm OPERA DIVA singt die Wiener Sopranistin Isabella Kuëss einige der großen Arien der Opernliteratur, virtuos begleitet am Klavier von Victoria Choi. Das Motto des Abends wird hier durchaus ernstgenommen, die dramatischen Klänge der großen italienischen und deutschen Partien liegen der jugendlich-dramatischen Sängerin ideal in der Kehle und sie erweckt die unterschiedlichen Heldinnen/Diven mit viel künstlerischem Feingefühl zum Leben.

Den Abend eröffnete Antonín Dvo?áks Arie „M?sí?ku na nebi hlubokém (Mond, der Du am tiefen Himmel stehst) aus der Oper Rusalka, welche von Isabella Kuëss tieftimbriert und sehnsuchtsvoll vorgetragen wurde.

Zu ihren Paraderollen in der Krypta der Peterskirche zählt zweifelsohne jene der Floria Tosca aus Puccinis Meisterwerk Tosca. Folgerichtig durfte an diesem Abend die große tragische Arie der Tosca „Vissi d’arte“ nicht fehlen. Mit tiefer Inbrunst und schwelgend-weicher Stimme sendet Isabella Kuëss dieses Gebet zum Himmel.

Einer anderen Diva, der größten Schauspielerin ihrer Zeit, Adrienne Lecouvreur (1962 – 1730), widmete Francesco Cilea eine ganze Oper. In der Arie „Io son l’umile ancella“ beteuert Adriana Lecouvreur, nur eine Dienerin der Schauspielkunst zu sein.

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

In einem Programm mit dem Motto Opera Diva darf natürlich auch eine Arie nicht fehlen, die von allen großen Sopranistinnen interpretiert wurde, deren dazugehörige Oper jedoch leider sehr selten aufgeführt wird. „Ebben! Ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis Oper La Wally nach dem Roman Die Geierwally der aus München gebürtigen Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern. Nachdem Wally ihrem Vater, einem Gutsbesitzer, die Heirat mit dem Gutsverwalter verweigert, wird sie verstoßen und beschließt in dieser Arie, sich in die Einsamkeit der Hochalm zurückzuziehen. Diese Mischung aus Melancholie und Willensstärke weiß Isabella Kuëss in ihrer Interpretation gelungen zu vermitteln.

Mit „Pace, pace, mio Dio“, der großen Arie der Leonore aus La forza del destino widmet sich die Sopranistin schließlich dem Meister der italienischen Oper, Giuseppe Verdi. Sie beginnt das Gebet mit feinzieselierten Piani und berührender Schwermut, bis die Verfluchungen am Ende in glanzvoller Dramatik hervorbrechen und für Gänsehaut sorgen.

Der Abschluss des ersten Teils gehörte schließlich der machtgierigen Lady Macbeth. Bei „Vieni, t’affretta … Or tutti sorgete“ aus Verdis Macbeth, der wohl bekanntesten Arien zum Thema Motivation, verfärbte sich die Krypta blutrot und kurzerhand wird der Brieföffner der Lady zur gefährlichen Waffe. Hier entfaltete sich die ganze vokale Dramatik der Sopranistin zu einem fulminanten Finale vor der Pause.

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Victoria Choi erweist sich nicht nur als erstklassige Begleiterin durch den ganzen Abend, sie brilliert auch in ihren auf das Programm abgestimmten Solostücken. Mit einer feinfühligen Interpretation der Ouverture aus Verdis La Traviata beweist die Pianistin ihr Talent für Italianità ebenso, wie in der virtuos-beschwingten Ouverture zu Donizettis L’elisir d’amore.

Im zweiten Teil des Abends begeisterte Victoria Chois intensive und tiefschürfende Interpretation nochmals mit einem Klavierwerk Johannes Brahms: aus den 6 Klavierstücken Opus 118 erlebte das Publikum die Nr. 2, das Intermezzo andante teneramente in A-Dur.

Nach der Pause widmete sich Isabella Kuëss dem deutschen Fach. Zu Beginn stand Carl Maria von Weber mit Agathens Arie „Wie nahte mir der Schlummer… Leise, leise, fromme Weise“ aus Der Freischütz. Schon bei der Interpretation dieser Arie erkennt man die besondere Eignung der Sängerin für das deutsche Fach. Auch bei Richard Wagner ist Isabella Kuëss sichtlich zu Hause. Nicht umsonst war die Sopranistin 2018 Stipendiatin des Wiener Wagner-Verbands. Mit „Stehe still!“ aus den Wesendonck-Liedern und Elsas Arie „Einsam in trüben Tagen“ aus Lohengrin konnte sie das Publikum begeistern. Sanft und wunderschön lyrisch hallt hier der Ruf nach dem ihr Rettung verheißenden Ritter in der Kuppel der Krypta wider.

Auch Richard Strauss durfte in diesem Programm nicht fehlen und was könnte besser passen, als die Arie einer Rolle, die sich im ersten Teil der Oper Primadonna nennt. Mit „Es gibt ein Reich“ aus Ariadne auf Naxos gelingt es Isabella Kuëss, die Düsternis des von Ariadne besungenen Totenreichs in der Krypta spürbar zu machen.

Der offizielle Teil des Abends endete im Grunde mit einer Begrüßung und kehrt zu Richard Wagner zurück. Mit der berühmten Hallenarie aus Tannhäuser, „Dich teure Halle grüß ich wieder“, vermag Isabella Kuëss noch einmal mit voller Dramatik und scheinbar mühelosen, glänzenden Spitzentönen zu begeistern.

Mit der ersten Zugabe kehrte die Sängerin mit einer der beliebtesten Arien aus der selten gespielten Oper Gianni Schicchi zu Puccini zurück. Ihr schmelzendes „O mio babbino caro“, voll sehnsüchtiger Legati und frischer Höhen machte diese oft gehörte Arie doch erneut zu einem Genuss.

Mit der letzten Zugabe wandte sich die Künstlerin nochmals Richard Wagner und den Wesendonck-Liedern zu. Als Studie zu Isoldes Liebestod geschrieben, erklingt „Träume“ als ein versöhnender Abschluss, sozusagen als Liebeserklärung an die Bühne.

Mit diesem positiven Grundton endete ein besonderer Konzertabend, der vom Publikum mit entsprechendem Jubel bedacht wurde.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Wien, Oper in der Krypta, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 06.11.2018

November 7, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Peterskirche

 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

  Tosca  —  Giacomo Puccini

Oper in der Krypta – Große Oper mit Kammerspiel-Charakter

Von Marcus Haimerl

Mit der am 14. Jänner 1900 in Rom uraufgeführten Oper Tosca des italienischen Komponisten Giacomo Puccini fand die erste große Opernpremiere der Saison in der Krypta der Wiener Peterskirche statt. Wo könnte man auch diesen Opernkrimi besser aufführen, als in einer Kirche. Spielt doch die Handlung im Kirchenstaat Rom im Juni des Jahres 1800 und der erste Akt in der Kirche Sant’Andrea della Valle. Giuseppe Giacosa und Luigi Illica schufen das Libretto nach dem Drama La Tosca des französischen Dramatikers Victorien Sardou, welches 1887 uraufgeführt wurde und mit Sarah Bernhardt in der Titelrolle in ganz Europa Erfolge feierte.

Zwar war auch Puccinis Werk ein Erfolg, stieß aber auch auf starken Gegenwind: in Oskar Bies Standardwerk „Die Oper“ steht: „Die Sensation schlägt durch. Ein ekelhafter Text, blutig nicht bloß im Stoff, auch in der Behandlung“. Auch über die Musik fanden sich keine lobenderen Worte: „Schlächterarbeit im Kleid des Liebenswürdigen“, und selbst die wenigen Arien seien versungen und vertan, „geopfert dem Moloch der Kinodramatik“. Aber auch bei Musikern und Musikkennern hielt sich diese Betrachtungsweise lange: „Kunstmachwerk“ (Gustav Mahler), „Affenschande“ (Felix Mottl) und von Kritikern „Folterkammermusik“ (Julius Korngold) oder „namenlose Gemeinheiten“ (Ferdinand Pohl). Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg sprach der amerikanische Musik- und Opernforscher Joseph Kerman noch vom „schäbigen Schocker“. Natürlich fand sich aber auch immer wieder sachlich fundierte Kritik an dieser dem Verismo nahestehenden Oper Puccinis und mittlerweile erfreut sich dieses Werk größter Beliebtheit.

Oper in der Krypta Wien / Tosca  - hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Tosca  – hier : Florian Pejrimovsky als Scarpia,  Isabella Kuess als Tosca,  Pavel Kvashnin als Cavaradossi  © Marcus Haimerl

Die Oper, die zwischen kantabler Lyrik und eruptiv ausbrechender Dramatik schwankt, bedarf großer darstellerischer Intensität in ihren Protagonisten und einen Regisseur, der es versteht, zwischen eiskaltem Machtmissbrauch und lodernder Dramatik die Ehrlichkeit und Menschlichkeit der Charaktere herauszuarbeiten. Für Oper in der Krypta konnte man hierfür keinen besseren Regisseur finden, als den künstlerischen Leiter selbst, den Amerikaner Joel Wolcott. Der vielseitige Künstler überzeugt die zahlreichen Besucher mit einer packenden und wohldurchdachten Personenführung. So gerät der zweite Akt zu einem explosiven, tiefergreifenden und verstörenden Kammerspiel zwischen Scarpia und Tosca, das von der Chemie der Darsteller auf der Bühne lebt und das Publikum emotional sichtbar aufwühlte.

Auch mit dem Bühnenbild werden starke Akzente gesetzt: Für das Innere der Kirche Sant’Andrea della Valle, wird die bereits sakrale Umgebung durch ein beeindruckendes steinernes Weihwasserbecken mit Madonnenstatue ergänzt. Für den verhängnisvollen dritten Akt reduziert sich die Kulisse auf ein schlichtes Podest, auf welchem sich das letale Finale der Oper in intensivem, blutrotem Licht abspielt. Dass Floria Tosca sich am Ende mit einer Pistole das Leben nimmt, ist den baulichen Gegebenheiten der Krypta geschuldet, erweist sich aber als durchaus gelungene Alternative zum herkömmlichen Finale der Oper.

Isabella Kuëss erlebt man in der Titelpartie der Opernsängerin Floria Tosca. Und es handelt sich hier in der Tat um ein Erlebnis, denn die österreichische Sopranistin lebt diese Partie in allen Facetten aus. Sie ist große Diva, zärtliche Geliebte, verzweifelte Mörderin und leidende Frau in Einem. Ihr Ringen um Leben, Liebe und Würde geht unter die Haut. Dazu bedarf es nicht immer großer Gesten; schon ein Blick oder eine kaum merkliche Bewegung sorgen für Gänsehaut und der ins Gesicht geschriebene Ekel bei den Zudringlichkeiten Scarpias lässt niemanden kalt. Ihr voller dramatischer Sopran mit schöner, breiter Mittellage und strahlender Höhe ist ebenso zu lodernden dramatischen Ausbrüchen fähig, wie zu warmen, lyrischen Piani und hinterlässt großen Eindruck. Ihr „Vissi d’arte“, in der von Maria Jeritza eingeführten liegenden Position, geriet zum Bravourstück.

In Florian Pejrimovsky findet Isabella Kuëss einen Gegenspieler auf Augenhöhe. Der österreichische Bassbariton setzt in der Partie des Scarpia neue Maßstäbe. Nicht nur seine Darstellung des brutalen und gnadenlosen Polizeichefs überzeugte das Publikum, auch mit seinem stimmgewaltigen Bassbariton hinterlässt er nachhaltig Eindruck.

Der junge russische Tenor Pavel Kvashnin überzeugt als Maler Mario Cavaradossi, der mit kräftigem Tenor und unglaublicher Strahlkraft dieser Partie neue Akzente verleiht. Er gestaltet seine Arie „È lucevan le stelle“ mit enormer Emotionalität und schmelzenden Zwischentönen und findet in den Szenen mit Tosca eindringliche Momente.

Oper in der Krypta -  Wien / Tosca - hier :  Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta – Wien / Tosca – hier : Pavel Kvashnin als Cavaradossi, Daniel Valero als Mesner © Marcus Haimerl

Auch die kleineren Partien sind exzellent besetzt: In der Partie des Mesners erlebt man den mexikanischen Bariton Daniel Valero, der es versteht, die humorige Seite dieser Rolle fein herauszuarbeiten, aber später auch als düsterer Gendarm Sciarrone zu überzeugen weiß. Regisseur Joel Wolcott schlüpft auch in die Rolle des Spoletta und der deutsche Bariton Michael Pinsker verlieh der kurzen Partie des Cesare Angelotti Bedeutung. Auch der Chor In höchsten Tönen!, die Sopranistinnen Naomi Montfort, Shabnam Najafi, Natalia Leal, Sofija Jankovic, Johanna Kloser, Djurfjica Gojkovic und der Tenor Rafael Diaz Marenco, ermöglichten ein hervorragend gelungenes Te Deum am Ende des ersten Aktes.

Die musikalische Leitung liegt wieder in den Händen von Ekaterina Nokkert, die mit viel Liebe zum Detail Puccinis Musik packend wiedergibt und das Sängerensemble sicher durch alle Klippen der Oper leitet.

Mit dieser Produktion hat sich Oper in der Krypta erneut einen Erfolg beschert. Am Jubel des Publikums gemessen, wird sich Puccinis Tosca mit Sicherheit noch lange im Repertoire halten und für ausverkaufte Vorstellungen sorgen.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—