Münster, Theater Münster, Konzertvorschau Oktober 2019

September 23, 2019 by  
Filed under Konzert, Pressemeldung, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Konzertvorschau Oktober 2019
Sinfonieorchester Münster


1. SINFONIEKONZERT
Dienstag, 1. Oktober, 19.30 Uhr
Mittwoch, 2. Oktober, 19.30 Uhr
Sonntag, 6. Oktober, 18.00 Uhr
Werke von Johann Sebastian Bach | Anton Webern, Bernhard Romberg und Johannes Brahms
Solist: Shenghzi Guo, Violoncello
Sinfonieorchester Münster | Dirigent: Golo Berg


GESPRÄCHSKONZERT
Samstag, 5. Oktober, 11.30 Uhr, Martinikirche
Ausschnitte aus der Sinfonie Nr. 4 e-Moll von Johannes Brahms
Sinfonieorchester Münster
Dirigent und Moderation: Golo Berg


MONDAYNIGHTMUSIC I
Montag, 7. Oktober, 19.30 Uhr, LWL-Museum für Kunst und Kultur
SWAN FAKE
Uwaga! plus Sinfonieorchester Münster
Dirigent: Stefan Veselka


1. ERBDROSTENHOFKONZERT
Montag, 7. Oktober, 20.00 Uhr
Werke von Gioachino Rossini, Franz Schubert, Carl Czerny u.a.
Kammermusik im Festsaal des Erbdrostenhofs


1. RATHAUSKONZERT
Donnerstag, 10.Oktober, 19.30 Uhr
Werke von Giacomo Puccini, Luigi Boccherini und Jean Françaix
Kammermusik im Rathausfestsaal


MÜNSTERLAND-FESTIVAL
Samstag, 12. Oktober, 20.00 Uhr, Kulturzentrum GBS Greven
Werke von Moondog, Thorsten Schmid-Kapfenburg und Volker Leiss
Solistin: Maia Shamugia, Violine
Sinfonieorchester Münster | Dirigent: Golo Berg


2. SINFONIEKONZERT
Dienstag, 29. Oktober, 19.30 Uhr
Mittwoch, 30. Oktober, 19.30 Uhr
Sonntag, 3. November, 18.00 Uhr
Werke von Moondog, Heiner Goebbels und  Richard Strauss
Solist*innen: Jocelyn B. Smith, David Moss, Stimmen
Sinfonieorchester Münster
Osnabrücker Symphonieorchester | Dirigenten: Golo Berg, Andreas Hotz


—| Pressemeldung Theater Münster |—

Bochum, Ruhrtriennale, Auftakt 2019 in der Ruhr-Universität Bochum, 21.08.2019

August 19, 2019 by  
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Ruhrtriennale

Ruhrtriennale / Auftakt-Pressekonferenz © Daniel Sadrowski/Ruhrtriennale 2019

Ruhrtriennale / Auftakt-Pressekonferenz © Daniel Sadrowski/Ruhrtriennale 2019

Ruhrtriennale 2019 –  Start 21.8.2019

Christoph Marthaler eröffnet –  Uni Hörsaal ist Bühne und Zuschauerraum

Mitte kommender Woche startet die diesjährige Ruhrtriennale mit einer Vielzahl von Ur- und Erstaufführungen in das sechswöchige Festival der Künste. Intendantin Stefanie Carp: „Ich freue mich auf neue ästhetische Erfahrungen, auf den Austausch mit dem Publikum und auf interessante Begegnungen.“

Victor Ullmann, von den Nazis ermordet - Stolperstein © IOCO

Victor Ullmann, von den Nazis ermordet – Stolperstein © IOCO

Das Festival wird mit der Premiere von Christoph Marthalers Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend  am 21. August 2019 im Audimax der Ruhr-Universität Bochum eröffnet. Der futuristische Hörsaal ist in Christoph Marthalers Kreation sowohl Bühne als auch Zuschauerraum. Die Besucher*innen finden sich in einem imaginierten Parlament wieder. In diesem erklingt die Musik von Komponisten wie Viktor Ullmann, Jósef Koffler, Szymon Laks, Pavel Haas, Fritz Kreisler und Erwin Schulhoff, die während des Nationalsozialismus deportiert, ermordet und in die Emigration gezwungen wurden. Das Ensemble u.a. mit den Schauspieler*innen Josef Ostendorf und Bettina Stucky sowie der Sängerin Tora Augestad verwebt Text und Musik zu einer dystopischen Zukunftsvision, die ein Bewusstsein für die aktuelle politische Lage in Europa schafft.

Jan Lauwers und die Needcompany erzählen in der Uraufführung All the good am 22. August in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck biografische Geschichten um Verlust und Hoffnung. Es geht um den ehemaligen Elitesoldaten Elik Niv und die Künstlerfamilie Lauwers. Sie begegnen sich zu einem Zeitpunkt, wo Krieg und Terror eine neue Gegenwärtigkeit erlangt haben. In einem Strom aus assoziativen Bildern, Musik, Tanz, Kostümen, Masken und Sprache erforscht Jan Lauwers zusammen mit der Needcompany Techniken des autobiografischen Erzählens.

Auch Heiner Goebbels setzt sich in seiner neuen Kreation Everything that Happened and Would Happen, deren Deutsche Erstaufführung am 23. August in der Jahrhunderthalle Bochum stattfindet, mit der europäischen Geschichte der letzten einhundert Jahre auseinander. Mit einem internationalen Ensemble aus Tänzer*innen, Performer*innen und Musiker*innen verbindet der Komponist und Theatermacher in seiner multimedialen Inszenierung Patrik Ouredníks Text „Europeana“ mit unkommentierten, tagesaktuellen Nachrichtenbildern des Fernsehsenders Euronews sowie Bühnenbildfragmenten aus seiner Inszenierung Europeras 1 & 2.

Die Junge Triennale, vertreten durch das furchtlose Nachwuchskünstler*innenkollektiv Mit Ohne Alles, beschäftigt sich in diesem Jahr mit dem Thema Macht. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung sind ab dem 23. August unter #nofear: Macht den Weg frei bei PACT Zollverein in Essen zu sehen. Zusammen mit dem Theaterkollektiv Berlocken aus Berlin haben die Jugendlichen Interviews, Workshops und Begegnungen im Essener Stadtteil Katernberg zu einer Performance verdichtet.

Ruhrtriennale 2019
youtube Trailer der Ruhrtriennale
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Neben diesen neuen Kreationen bietet die Ruhrtriennale auch wieder verschiedene kostenlos zugängliche Formate an. Am 23. August eröffnet beispielsweise der Third Space auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle Bochum. raumlaborberlin hat die Teile des Transall-Flugzeugs vollkommen neu angeordnet, um einen Ort für Kunst und Begegnungen zu schaffen. Im Third Space findet während des gesamten Festivals ein vielfältiges Programm bestehend aus Workshops, Performances, Konzerten, Lesungen und Partys statt, das zu Austausch und Diskurs einlädt. Verbindendes Thema sind Dialog und Essen, was insbesondere in dem kulinarischen Format „Dialog am Schneidebrett“ mit verschiedenen Künstler*innen und Gästen zu erleben ist. Am ersten Festivalwochenende stehen raumlaborberlin beim Dialog am Schneidebrett Rede und Antwort, Eva Meyer-Keller zeigt ihre Performance „Death is Certain“ und es wird Tango Argentino getanzt. Ein weiteres Highlight ist die Cabin Crew Night Ende September in der junge Künstler*innen aus Nordrhein-Westfalen ihre Performances zeigen. Ebenfalls im Third Space ist ein Teil der Video-Installation von Barbara Ehnes Arbeit „?????????? – Archive of Messages: Words in Motion“ zu finden. Für ihre Installation hat die Künstlerin Einzelpersonen und subkulturelle Initiativen im krisenerfahrenen Griechenland und dem Ruhrgebiet zu ihrem Verständnis von Solidarität befragt. Diese Interviews sind als beständig wachsendes Archiv während des Festivals auch im Glaspavillon am Modehaus Baltz in der Bochumer Innenstadt und in der Rottstraße zu sehen. Im Dialog mit der Arbeit findet am 6. September das „Concert in Motion“ im Third Space statt, in dem das griechische Rebetiko auf Neue Musik von Eleftherios Veniadis trifft. Der Eintritt zum Third Space und allen dort stattfindenden Veranstaltungen ist frei.

Die ebenfalls frei zugängliche architektonische Sound-Installation Bergama Stereo des türkischen Künstlers Cevdet Erek zeigt eine Nachbildung des berühmten Pergamon-Altars in der Turbinenhalle an der Jahrhunderthalle Bochum. Der monumentale Lautsprecherfries kann ab dem 25. August besucht werden. Während des Festivals findet in der Installation außerdem ein abwechslungsreiches Konzertprogramm u.a. mit traditioneller Musik aus der Region um Bergama, DJ-Sets und elektronischer Musik statt. Den Anfang machen Cevdet Erek, Gökhan Deneç und Saba Arat, die bei Bergama Stereo Variations + Davul Step 2 einen Live-Remix der über 30 Audio-Kanäle der Installation mit den Klängen der Zylindertrommel Davul kombinieren.

Mit Sound und anderen Medien beschäftigt sich auch der Künstler Tony Cokes in seiner Multimedia-Installation Mixing Plant, die am 22. August in der Mischanlage auf Zeche Zollverein in Essen eröffnet. Im Beitrag von Urbane Künste Ruhr zur Ruhrtriennale setzt sich der US-amerikanische Künstler mit den politischen Bezügen regionaler und internationaler Clubmusik auseinander und verwebt animierten Text, gefundenes Bildmaterial, monochrome Farbflächen und Popmusik zu einer Mehrkanal-Installation. Der Eintritt zur Installation und zum Rahmenprogramm sind frei.

Bis zum 29. September sind in den ehemaligen Industriehallen des Ruhrgebiets 164 Veranstaltungen zu erleben. Zu den Höhepunkten zählen unter anderem die Barockoper Dido and Aeneas, Remembered (ab 28.8.), die um eine Variation der Arie Remember me des finnischen Jazz-Gitarristen Kalle Kalima ergänzt wurde und von David Marton inszeniert wird sowie Kornél Mundruczós Interpretation von György Ligetis „Requiem“, die er gemeinsam mit den Bochumer Symphonikern, dem lettischen Staatschor und den Darsteller*innen des Proton Theaters in Evolution (ab 5.9.) realisiert.

Einige Tage vor dem Start der Ruhrtriennale ist Dr. Vera Battis-Reese, Geschäftsführerin der Kultur Ruhr GmbH, zufrieden mit dem Vorverkauf: „Wir freuen uns sehr über das große Interesse an unseren Veranstaltungen. Zu den besonders nachgefragten Produktionen gehören ‚Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend‘ von Christoph Marthaler, ‚Everything that Happend and Would Happen‘ von Heiner Goebbels, ‚Evolution‘ von Kornél Mundruczó, ‚Chapter 3‘ von Sharon Eyal und ‚Coro‘ mit Chorwerk Ruhr und den Duisburger Philharmonikern unter der musikalischen Leitung von Florian Helgath. Auch wenn einige Vorstellungen bereits ausverkauft sind, gibt es für die meisten Produktionen noch Karten.

Für die Ruhrtriennale 2019 kommen mehr als 800 beteiligte Künstler*innen aus rund 35 Ländern ins Ruhrgebiet, um 35 Produktionen und Projekte – davon 14 Ur- und Erstaufführungen – in 14 unterschiedlichen Spielstätten in Bochum, Duisburg, Essen und Gladbeck zu zeigen.

—| Pressemeldung Ruhrtrienale |—

Giessen, Stadttheater Giessen, Heiner Goebbels – „mit einem Namen aus einem alten Buch“, IOCO Kritik, 24.05.2018

Stadttheater Giessen

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Gießen © Rolf K. Wegst

– mit einem Namen aus einem alten Buch –

Szenisches Konzert von Heiner Goebbels

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

Ein ungewöhnlich, aber poetisch anmutender Titel für ein Stück, das in gewisser Weise keines ist und schon gar keine beschauliche, gute alte Zeit beschwört. Soviel vorneweg und doch entsteht im Laufe des Abends, der gut 90 Minuten dauert, eine dramaturgische Kraft, Theater im besten Sinne. Oder wie es im Programmheft steht: „Eine Sinnlichkeit, die das, was sinnig erscheint, überhaupt erst zum Tragen bringt.“ Unterteilt wird der Abend in sechs musikalisch-szenische Kompositionen mit Texten von Rainald Goetz, Alain Robbe-Grillet, Heiner Müller, Hugo Hamilton und Nicolas Poussin. Die Musik stammt von Frédéric Chopin, Franz Schubert und Heiner Goebbels.

Es beginnt mit Befreiung, nach einem Text von Rainald Goetz aus Krieg, und einer Auftragsarbeit für die Alte Oper Frankfurt zur 200. Wiederkehr der Französischen Revolution. Aber 1989 ist nicht nur ein Revolutionsgedenkjahr (mit Musik), sondern für Goebbels eher die Abkehr von „abgedroschenem Revolutionsvokabular“ angesichts der Umwälzungen, die sich dann in der DDR oder Rumänien vollziehen sollten.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : Lisa Friedrich © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : Lisa Friedrich © Rolf K. Wegst

Lisa Charlotte Friederich in weißer Bluse und schwarzer Hose steht zu Beginn ganz wie im Konzert üblich seitlich vor den Musikern und dem Dirigenten. Am Ende des ersten Stücks, wenn die Musik und Friederich verstummen, fährt der Orchestergraben mit ihnen nach unten, während sich die Bühne bis zur Hinterbühne weitet. Dort sitzt ein Mann an einem langen rechteckigen Tisch mit dem Rücken zum Publikum vor einem Bücherarrangement. Links und rechts des Tisches hängen rote Vorhänge, während auf der vorderen Drehbühne zwei Flügel im Dunkel wahrnehmbar werden. Langsam drehen sie sich, je nachdem welcher im Einsatz ist und auch die Rezitatorin wieder erscheint.

Während Lisa Charlotte Friederich rhythmisch-preschend, beinahe atemlos ihren Text vorgetragen hat, bleibt die Stimme – wir sehen zunächst nur seinen Rücken – von David Bennent ruhig, gleichmäßig im Klang und Ausdruck. Ein schöner Kontrast, nicht nur der beiden Protagonisten, sondern auch der Texte. Hier Revolution, die keine mehr sein sollte, dort das quasi-persönliche Moment während einer Theaterprobe (Text von Alain Robbe-Grillet), in der Bennent minutiös beschreibt, was wir sehen – eben eine Szene.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : Lisa Friedrich und MusikerInnen © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : Lisa Friedrich und MusikerInnen © Rolf K. Wegst

Es folgt Herakles 2 für fünf Blechbläser, Schlagzeug und Sampler. Ursprünglich ohne Text konzipiert, hat Goebbels für dieses szenische Konzert einen Text von Heiner Müller als Ausgangspunkt bzw.  die „Architektur des Textes als Anlass für die Struktur“ seiner Musik genommen. Wieder zieht die Musik an, es ist der Kampf des Herakles gegen die Hydra, in der er zur Kampfmaschine wird. Die Musiker sitzen auf der Drehbühne, die durch ihre wiederholten Drehungen diesen Eindruck noch verstärkt.

Mit La jalousie folgt ein leiser, beinahe filmischer Teil (die Zeit der Nouvelle Vague-Filme und des Nouveau roman erweckend, dessen exponierter Vertreter Robbe-Grillet ist), der mit der Doppeldeutigkeit des französischen Wortes spielt: Es werden „Jalousien“ als Projektionen gezeigt: Durchsichtigkeit oder Verdecken, Sichtbarkeit oder Verstecken sind möglich – auch der Emotionen. Womit wir bei der zweiten Bedeutung wären: „jalousie“ meint ebenso die Eifersucht, die als solche nie ausgesprochen wird, aber mit 16 Musikern ein relativ groß besetztes Stück und damit dem Ungenannten einen großen musikalischen Rahmen bietet.

Der Drive nimmt weiter zu, das Spannungsgefüge auch. Wie zwei Klaviere und ein Schlagzeug – für diesen Abend von Goebbels als neue Version erarbeitet – das 1994 für großes Orchester komponierte Surrogate Cities zusammen mit der expressiv agierenden und sprechenden Friederich als rastlos rasendes, rhythmisches Stück den ganzen Zuschauerraum elektrisieren, ist unglaublich. Es basiert auf Hugo Hamiltons Roman Surrogate City, in dem dieser seine Erfahrungen als Fremder in den 70er Jahren des vergangen Jahrhunderts in Berlin schildert.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : Lisa Friedrich und David Bennent © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : Lisa Friedrich und David Bennent © Rolf K. Wegst

Bennent umkreist die Bühne, kommt nach vorne zu den heruntergelassen Säulen auf der Drehbühne. Darauf werden die Übersetzungen seines französisch vorgetragenen Textes projiziert. Was den Effekt des gesprochenen noch verstärkt, ihm eine Intensität verleiht. Den Songs of wars I’ve seen/Nr. 26, dem letzten Teil des Konzerts, liegt ein Brieftext des Barockmalers Nicolas Poussin zugrunde, in dem dieser zuvorderst sein ästhetisches Verständnis von Bildkompositionen verhandelt. Vom Text- zur Klangfläche führt uns Goebels zu einem Trompetensolo, womit er das Konzert ausklingen lässt: Die Musiker sitzen im Halbkreis, nur noch ein den Drehbühnenkreis erleuchtendes Licht von oben, strahlt auf sie herab und erlischt mit dem langsamen Verhallen des Trompetenklangs.

Das Konzert kreist immer wieder um die Frage nach der Zuverlässigkeit von Wahrnehmung. In verschiedenen szenisch-musikalischen Anordnungen hat Goebbels auszuloten versucht, ob jemals eine vage Annäherung oder gar Sicherheit diesbezüglich überhaupt erreicht werden kann. Aber so wie der Text flüchtig ist, ist es auch die Musik, nur der Raum – der Theaterraum – bleibt eine verlässliche(re) Konstante. Diesen setzt Goebbels ein und bringt ihn vollkommen zur Geltung: Mit dem leeren  Bühnenraum, der Verwendung der Drehbühne, den Projektionen und wenigen Mitteln (wie Säulen, Vorhänge, Tisch) und Licht erweckt er eine Welt, die weitere Assoziationen eröffnet, mit Text und Musik Verbindungen eingeht oder auch Irritationen zulässt. Und damit erneut bei Poussins Frage nach der Bildkomposition unweigerlich anlangt, die gerade im Theater, nicht nur im Gießener, Abend für Abend jeweils aufs Neue beantwortet werden muss und wird. Im Stadttheater Gießen, soviel steht fest, ist die Antwort gelungen.

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch - hier : David Bennent © Rolf K. Wegst

Stadttheater Giessen / mit einem Namen aus einem alten Buch – hier : David Bennent © Rolf K. Wegst

Lisa Charlotte Friederich und David Bennent bilden einen spannenden Gegensatz zueinander und zur Musik: Friederichs eindringliche gesprochene, ja agitatorische Intensität auf der einen, die ruhige, souveräne Präzision und Klarheit Bennents auf der anderen Seite. Unter der Leitung von Pablo Druker demonstriert das Philharmonische Orchester Gießen eindrücklich, wie eine Klangarchitektur, die keine lineare Geschichte erzählt, eine Stimmung erzeugt und das (junge) Publikum zu packen vermag. Und dazu tragen die Gastmusiker ihren nicht minder wichtigen Teil ebenso bei: allen voran die beiden Pianisten Neus Estarellas (auch Sampler) und Evgeni Ganev sowie Špela Mastnak am Schlagzeug. Die anderen sind: Emi Ohi Resnick (Violine), Tiberu Idvorean und Konstantin Jochim (Viola), Attila Hündöl und Torsten Oehler (Cello), Pierre Dekker (Bass), Carol Brown und Kirsten Mehring (Flöte), Gottfried Köll (Oboe), Thomas Orthaber (Bassklarinette), Mareike Hoffmann und Maria Plümacher-Oliveira (Fagott), Victor Lozano Mariano (Horn), Rike Huy und Johannes Osswald (Trompete 1 und 2), Maximilian Winter und Kurt Förster (Bassposaune 1 und 2), Ruben Durá (Tuba) sowie Florian Zenker, Josef Müksch und Steffen Ahrens (E-Gittare).

Ein nachhallender, wirkmächtiger Theaterabend, das ein begeistertes Publikum mit einhelligem Applaus belohnt.

mit einem Namen aus einem alten Buch – Stadttheater Giessen: Die nächsten Termine: 8.6.; 9.6.; 10.6.2018

—| IOCO Kritik Stadttheater Giessen |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Surrogate Cities / Götterdämmerung, IOCO Kritik, 19.09.2017

September 22, 2017 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Surrogate Cities / Götterdämmerung von Heiner Goebbels

 Ruppig – Glattes Stadtleben: Goebbels, Wagner, Gospel

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal zeigt mit Surrogate Cities / Götterdämmerung innovatives Musiktheater: Es verwebt in dem Stück glattes wie kantiges Alltagsleben einer Stadt mit der Sagenwelt Richard Wagners, um in groovigem Gospel spektakulär zu enden. Stampfende, stoßende Musik von Heiner Goebbels öffnet den Abend, wechselt zu Richard Wagners Götterdämmerung um sich in den lyrisch dramatischen Horatian Songs von Heiner Goebbels überraschend mit packender Synthese aufzulösen.

Surrogate Cities hat den ambivalenten Charakter städtischen Lebens zum Thema; neben anregenden Themen auch das, was eine Großstadt mit seinen Widersprüchen nicht bieten kann. Es geht mir … darum, mit der glatten, abweisenden Oberflächlichkeit … auch an tiefere Schichten von Stadtgeschichte zu kommen“, so Heiner Goebbels wenig konkret über sein Werk, welches er mit Dramaturgen, Bühnenbildnern, Lichtgestaltern, Sounddesignern umsetzt. Heiner Goebbels (*1952), Regisseur, Komponist und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft, komponierte, produzierte Surrogate Cities 1994, zur 1200 – Jahrfeier Frankfurts. Inzwischen ist Surrogate Cities ist inzwischen ein herausragendes Werk postdramatischer Musik. 2014, zum Ende von Goebbels Amtszeit als Leiter der Ruhrtriennale, fand in Duisburg eine choreographisch-szenische Neuproduktion von Surrogate Cities Ruhr statt. Im Mai 2017 war Surrogate Cities bei den KunstFestSpielen Herrenhausen zu erleben.

Für die Oper Wuppertal verbindet der amerikanische Regisseur Jay Scheib das Werk von Heiner Goebbels mit Musik, Themen und Personen aus dem 3. Akt von Richard Wagners Götterdämmerung. Eine Verbindung, die Goebbels überraschend differenziert sieht: „Mich interessiert an Wagner eher seine Musik und weniger die Narrationen“. Jay Scheib dazu: „Städte geraten außer Kontrolle, werden kurzsichtig … Surrogate Cities verbinde ich mit einem Zustand der Ortslosigkeit … öffnet eine Welt der Spekulation ohne Halt … ist, wie Götterdämmerung, eine Fundgrube für Unterschiede, unangenehme Wahrheiten, Einsamkeit und der Innovation.

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Götterdämmerung - Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Götterdämmerung – Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Die schwer greifbare Einführung zu Surrogate Cities mag den Besucher noch verunsichern. Faszination, Spannung greift jedoch mit dem Betreten des Zuschauerraumes, mit dem ersten Blick auf die Bühne (Kathrin Wittig). Die Bühne, der Orchestergraben ist hoch gefahren, ist in drei Segmente geteilt: Das große, 80–köpfige Orchester ist geteilt: Vorne die Streicher und zwei Harfen; die Bläser und Schlagwerker im hinteren Teil der Bühne. In der Bühnenmitte, die beiden Orchesterteile trennend, ein fünf Meter breiter Streifen. Hier findet die Handlung statt: Links ein langer, festlich gedeckter Tisch, darunter eine Hochzeitstorte. Offensichtlich hatte eine Hochzeit, ein Fest stattgefunden. Rechts daneben eine kleine Kammer mit Sitzecke, Waschbecken, Dusche, Mikrowelle. Ein kleiner Monitor in der Kammer zeigt während der 2,5 stündige Aufführung in Endlosschleife einen fliegenden Raben. Zwei 10 x 4 Meter große Leinwände über und neben der Bühne kündigen Live-Video-Techniken an. Eine Frau (Hannah Usemann) bewegt sich während der Vorstellung mit großer Kamera auf der Bühne; filmt die Handlung und überträgt sie auf die großen Bildschirme. So pendelt, jagt der Blick des Besucher immer gebannt von Orchester oder Bühne oder Projektionen auf den Leinwänden. Unverstellt von gewohnten Ritualen (Dramaturgie Jana Beckmann).

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Die Festgesellschaft - Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Die Festgesellschaft – Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Die gut sichtbaren Musiker wirken modern, sympathisch, werden Teil der Inszenierung, Teil der Festgesellschaft: Männer in gepflegten weißen Dinner-Jackets mit Fliege, Frauen in hellen Abendkleider. Sie beginnen den Surrogate Cities Abend mit stampfender Musik von Heiner Goebbels. Dann die Handlung: Ein Mann in Helm und verschmutzter Motorradkleidung betritt, frustriert, wütend wirkend die Bühne, geht in die kleine Kammer, sein Apartment. Er zieht Helm, Kluft und Kleidung aus, duscht sich, zieht sich wieder an. Dann wäscht er Hemd und Hose, steckt diese in einen Plastikbeutel: setzt vor seiner Kammer Blumen ein, findet dort in einem Schlammhäufchen ein Ring (erster, zarter Bezug zu Wagner), sucht in seinen Schallplatten, legt Rheingold auf. Das Orchester springt kurz von Goebbels Stakkati zum Reingold-Motiv. Eine Stimme: „Wer in einer Stadt lebt, sollte nichts für selbstverständlich nehmen.“ Als um seine Existenz kämpfender Städter wird in so Wuppertal in dunkler Kleidung als Hagen (Lucia Lucas) wahrnehmbar; er nimmt einen Speer von der Wand.. In den benachbarten Festraum „schwebt“ nun in elegantem Abendkleid eine sichtbar von Albträumen geplagt wirkende junge „Lady“, in den benachbarten Festraum. Sie betrachtet ein Schwert welches an der Wand hängt. Dazu die Stimme: „Sie ist gerannt! Warum? Wenn du rennst, siehst du aus wie….!“ Festgäste, Choristen in weißen Anzügen. Trommelwirbel, vielschichtige Klangbilder Heiner Goebbels wie Projektionen machen Frust, seelische Zerrissenheit sichtbar. Die Live-Kamera überträgt Mimik, Sandhäufchen, Frust oder Akteure; wirft alles vergrößert auf die riesigen Leinwände. Städtischer Alltagsfrust wird in lebendiger Dramatik sichtbar.

Oper Wupptertal / Surrogate Cities - Götterdämmerun - Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Oper Wupptertal / Surrogate Cities – Götterdämmerun – Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Doch nun wird die Sagenwelt Wagners deutlich: Die Rheintöchter (Woglinde Ralitsa Ralinova, Wellgunde Liliana de Sousa, Floßhilde Arina Lucas) erscheinen als verarmte Stadtbewohner. Mit abgebrochenen Zähnen und in billig wirkender Goldlametta-Kleidung, Zigarette in der Hand, suchen sie den Festraum offensichtlich nach Mitnehmbarem ab, lyrisch verzweifelt singend: „Rheingold! Klares Gold! Wie hell du uns einstens strahlest, hehrer Stern der Tiefe!“ Endgültig mitreißend wird Wagners Götterdämmerung als Siegfried (Ronald Samm, Foto) in der Festgesellschaft von Surrogate Cities ankommt. Siegfried begegnet den Rheintöchtern (Wellgunde Ein goldner Ring ragt dir am Finger..“) mit heldisch starkem Tenor und prächtiger Präsenz packend und durchgehend sicher: „Denn giert ihr nach dem Ring, euch Nickern geb ich ihn nie!“

Götterdämmerung, die Komposition Wagners und ein starkes Ensemble bestimmen nun musikalisch. Johannes Prell führt das Sinfonieorchester Wuppertal in nicht erwartete Sinnlichkeit, gibt ihm und dem Ensemble Raum für Gestaltung und Dramatik. Hagen (Lucia Lucas) mit mächtigem Bariton lebt in seiner Partie: „So singe, Held!“; Siegfried reißt mit, sorgt für Staunen: „Mime hieß ein mürrischer Zwerg, in des Neides Zwang zog er mich auf..“. Das junge Ensemble und Orchester machen Surrogate Cities zu einem in dieser Kraft unerwarteten Stimmfest, alle Partien sind blendend besetzt: Annemarie Kremer als Brünnhilde mit leuchtendem Sopran, Jenna Siladie als Gutrune in wunderbarer Lyrik und Sebastian Campione als Gunther, wenn er mit viel Präsenz auf der Riesenleinwand und gut sitzender Stimme wenigstens etwas Mitgefühl für den sterbenden Siegfried ausdrückt. Siegfried stirbt ermordet unübersehbar auf dem Festtisch. Doch die Festgesellschaft feiert, mit Champagner, in weißen Smoking. Die Live-Kamera zeigt dazu statisch eine umgefallene Kaffeetasse auf der riesigen Leinwand. Die Feiernden interessiert Sterben und Kämpfen nicht; gelangweilt schlendern sie am toten Siegfried vorbei nach draußen.  Pause.

Oper Wuppertal / Surrogate Cities - Götterdämmerung - Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cities – Götterdämmerung – Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Surrogate Cities / Götterdämmerung verläuft auch weiterhin faszinierend wie überraschend: Die Rheintöchter töten Wagner-treu Hagen, entreißen ihm den Ring, die letzten zarten Töne der Götterdämmerung erklingen. Die Bühne leert sich, auf der Leinwand die Musiker in ihren weißen Gewändern. Stille, Ende? Das Publikum möchte klatschen, doch, Musik von Heiner Goebbels erklingt wieder. Die amerikanische Soul- und Gospelsängerin Elisabeth King erscheint und singt in coolem Outfit und mächtigem, unter die Haut gehendem Timbre (man glaubt Mahalia Jackson zu hören) die von Heiner Goebbels komponierte Parabel aus der römisch antiken Welt, die Three Horatian Songs. Surrogate Cities schließt in dieser Parabel einen Kreis der zeigt, auch in einem Leben voller Oberflächlichkeit und Unrecht bestehen die universalen ethischen Grundsätze  der Menschheit. Auch wenn man sie nicht immer sieht oder umsetzt.

Surrogate Cities / Götterdämmerung ist eine ungewöhnliche Produktion der Oper Wuppertal. Mut und Können beweist Intendant Berthold Schneider, ein solch komplexes, schwer umsetzbares Stück auf den Spielplan seines Hauses zu setzen. Nicht nur IOCO war begeistert über das von Jay Scheib umgesetzte Werk. Auch das Publikum feierte Surrogate Cities / Götterdämmerung, Inszenierung, Ensemble und Orchester ausgiebig und lautstark.

Surrogate Cities / Götterdämmerung an der Oper Wuppertal: Weitere Vorstellungen 1.10.2017, 14.10.2017

 

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