Tobias Kratzer – zu „seinem“ FIDELIO in London, IOCO Interview, 23.10.2020

Oktober 22, 2020 by  
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Tobias Kratzer - hier Regisseur im Interview mit IOCO / Adelina Yefimenko © Tobias Kratzer

Tobias Kratzer – hier Regisseur im Interview mit IOCO / Adelina Yefimenko © Tobias Kratzer

Tobias Kratzer – Regisseur des Jahres 2020

im Interview mit Dr. Adelina Yefimenko / IOCO – auch über die Regie „seines“ Fidelio am Royal Opera House in London

Im Beethoven-Jahr 2020 sollten in der ganzen Welt viele neue Fidelioaufführungen stattfinden. Die Pandemie stoppte viele dieser Pläne, das Beethoven-Jahr als „Freude, schöner Götterfunken“ zu feiern und zu würdigen.

Am Royal Opera House London jedoch fand die Premiere der Oper Fidelio kurz vor dem Covid19-Lockdown – am 1.03.2020 – statt. Alle sechs Vorstellungen, mit Weltstars auf der Bühne, siehe Video unen, in London waren lange im Voraus ausverkauft. Die Regie führte der deutsche Regisseur Tobias Kratzer. Am 17. März 2020 sollte die Aufführung live im Kino weltweit übertragen werden und es wurde auch eine DVD-Aufnahme geplant. Wegen des angeordneten Lockdowns wurde dieser Termin jedoch abgesagt, aber einige Zeit später, am 26. Juli 2020 fand doch eine BBC-Übertragung der Generalprobe statt, die im Raum Großbritannien 9 Monate lang verfügbar ist. In der Hoffnung, dass auch diese Londoner Fidelio –Inszenierung nach dem Pandemie-Ende wieder aufgeführt wird, traf   Dr. Adelina Yefimenko, Musikwissenschaftlerin und Autorin bei dem Kulturportal IOCO Kultur im Net, www.ioco.de,  den Fidelio-Regisseur Tobias Kratzer in München. Am 10.10.2020 fand die Besprechung mit dem Ideenträger und Musiktheatermacher des neuen Londoner Fidelio  statt.

Adelina Yefimenko (AY): Lieber Herr Kratzer, die zwei ersten Fragen an Sie scheinen wahrscheinlich sehr allgemein. Es ist aber wichtig sie zu stellen, bevor wir das Gespräch über Ihre Fidelio –Interpretation anfangen: 1) welche Bedeutung hat für Sie als deutscher Regisseur der Name Beethoven im Beethoven-Jubiläumsjahr 2020; 2) wann haben Sie sich mit dem Beethoven –Werk das erste Mal auseinander gesetzt?

Tobias Kratzer (TK): Beim ersten Teil ihrer Frage muss ich Sie vielleicht etwas enttäuschen. Weder Jubiläumsjahre noch die Nationalität des Komponisten oder gar meine eigene spielen üblicherweise eine Rolle, wenn ich ein Werk inszeniere. Da geht es mir zuerst einmal um die innere Struktur, die Brüche, auch die Wirkung des Stückes. Bei Wagner mag das vielleicht noch etwas anders sein, aber nicht bei einem so universellen Komponisten wie Beethoven. Wobei: vielleicht ist ja gerade auch dieser Wunsch nach Universalität, nach dem ganz großen Weltentwurf, der Fidelio kennzeichnet, wiederum etwa sehr Deutsches… Zum zweiten Teil ihrer Frage: ich kenne das Stück schon sehr lange, eigentlich schon seit meiner Kindheit. Und wenn man sich wie ich professionell mit Musiktheater beschäftigt, hat man es -zumindest geht es mir da so- auch immer im Hinterkopf. Ich halte es in dem großen Anspruch, den es für die gesamte Gattung „Oper“ formuliert, tatsächlich für eine Art Wasserscheide in der Geschichte des Musiktheaters.

AY:: Ist „Fidelio“ in London Ihre erste Inszenierung dieser Oper? Warum haben Sie entschieden, Beethovens „Fidelio“ im Royal Opernhaus in London und nicht in einem Opernhaus in Deutschland auf die Bühne zu bringen?

TK: Ich habe Fidelio schon einmal im Schwedischen Karlstad inszeniert, damals als dritter Teil einer Revolutions-Trilogie. Das Stück folgte dabei auf den Barbier von Sevilla und auf Le nozze di Figaro und der Clou bestand darin, dass die meisten Personen in Fidelio dadurch eine Vorgeschichte hatten. Wer im Figaro noch unter der Herrschaft des Grafen stand, hatte jetzt, nach der Revolution, plötzlich eine neue Funktion. Aus dem Gärtner Antonio bei Mozart wurde so beispielsweise der Kerkermeister Rocco, aus seiner Tochter Barbarina wurde Marzelline, die sich ähnlich wie Barbarina in Cherubino nun schon wieder in eine Figur mit geschlechtlicher Ambivalenz verliebte. Vor allem aber saßen Graf und Gräfin bei mir als Gefangene der Revolution im Gefängnis und sangen die Rollen, die hier üblicherweise Chorsoli übernehmen. Für London habe ich das Stück nun noch einmal autonom gedacht. Meine Entscheidung, nach der Sie fragen, war aber wie so oft vor allem der Angebotslage geschuldet. Es gab eine Anfrage aus London, die Besetzung war toll und ich hatte Zeit. So habe ich zugesagt. Hätte ich ein spannendes Angebot aus Deutschland für dieses Stück gehabt, hätte ich darüber natürlich auch nachgedacht, es aber sicherlich ein wenig anders inszeniert. Nicht nur die Regietradition allgemein, sondern auch die Rezeptionsgeschichte des Werkes ist ja von Land zu Land sehr unterschiedlich.

AY: : Fidelio ist die einzige Oper Beethovens und eines der wichtigsten Kompositionen im Gesamtwerk des deutschen Genies. Dieses Werk offenbart viele Botschaften für die Gegenwart und Zukunft, in denen die Oper die Schattenseiten der Revolution, die Machtgier und die schmähliche Rolle politischer Manipulation zeigt. Was ist die Botschaft Ihrer Inszenierung? Welche Fragen stellt Ihr Konzept neu in dieser „Befreiungsoper“?

TK:  An einer „Botschaft“, noch dazu im Singular, bin ich im meinen theatralen Arbeiten meistens nicht so interessiert. Viel spannender sind ja die Ambivalenzen und Paradoxien eines Stückes und auch das Nebeneinander verschiedener Haltungen. Bei Fidelio war es mir einerseits wichtig, auch die Nebenfiguren, die im 2. Akt oft vergessen werden, genauer zu betrachten. Leonore und Florestan erscheinen ja manchmal fast wie Allegorien, als larger than life. Aber welche Auswirkungen hat das Vorbild Leonores auf Marzelline, auf Jacquino? Ist die Empathie, die Leonore zeigt, wirklich an „Gattenliebe“ gebunden, so wie es der Untertitel des Stückes nahelegt? Oder müsste sie nicht eigentlich weiter reichen – so wie es Leonore im 2. Akt selbst formuliert, wenn sie singt: „wer Du auch seist, ich will dich retten“. Andererseits hat mich auch die Rolle des Chores besonders interessiert, der ja immer auch als eine Art Spiegelbild der Zuschauer funktioniert. Auch hier stellt sich die Frage danach, was Leonores Tat eigentlich für Auswirkungen hat. Brauchen oder missbrauchen wir sie nur als eine Art Symbolfigur, die uns gewissermaßen freispricht von der Notwendigkeit eigenen Handelns? Oder müsste sie sich nicht, wie das ja auch musikalisch geschieht, gleichsam in einem Kollektiv von Handelnden auflösen?

AY:  Wie genau erarbeiten Sie die dramaturgisch unbequeme Konstruktion des Fidelio, seine so genannte „dramaturgische Sackgasse“, die für alle Regisseure immer problematisch war?

Tobias Kratzer © Tobias Kratzer

Tobias Kratzer © Tobias Kratzer

TK: Ich habe versucht diese sehr spezielle Struktur des Stückes nicht als „Sackgasse“ zu sehen, sondern sie als Konstituens des Werkes zu begreifen und zu versuchen, sie produktiv erlebbar zu machen. Das klingt etwas theoretisch. Aber im Grund gehe ich immer so vor. Ich analysiere sehr genau die Struktur eines Werkes und überlege dann, welches die Erfahrungsmöglichkeit für ein Publikum ist, die genau dieses Werk bietet. Manchmal ist es dann hilfreich, einzelne Szenen dramaturgisch zu glätten, ihnen einen flüssigeren Handlungsverlauf zu verleihen. Manchmal scheint es mir sinnvoller mit solchen Brüchen sehr offensiv umzugehen. Im Fidelio war letzteres der Fall.

AY:  Die Personen in Ihrer Version Beethovens „Fidelio“ kreisen in den Sphären der historischen Ideale und Probleme der Zeit der Französischen Revolution. Über allen diesem politischen Wahn steht aber die ehrliche Treue von Frau und Mann – Leonore und Florestan. Wie wichtig ist es für Sie, diese historische Zeit des Fidelio auf der Bühne zu deuten. Wie wichtig ist es für Ihre Charaktere kollektiv und für die Schicksale der einzelnen Protagonisten (Leonore und Florestan, Marzelline und Jaquino, Rocco, Don Pizarro und Minister Don Fernando), wie ihr Leben und Handeln von den Zeitumständen abhängt?

TK: : Mir war vor allem wichtig im 1. Akt zu zeigen, welcher historischen Zeit die Ideale entstammen, von denen das Stück erzählt. Und dann im 2. Akt quasi die Probe aufs Exempel zu machen, inwieweit sie heute noch Gültigkeit haben – oder auch wie allgemeingültig sie sind. Das heißt auch, dass die Protagonisten im 1. Akt sehr genau und realistisch gezeichnet sind; Pizarro etwa als eine Art Schreibtischtäter à la Robespierre, der mit einem Federstrich töten und seine Gegner auf die Guillotine schicken kann. Im 2. Akt ging es mir dann weniger um historische Bedingtheiten als vielmehr um Grundmuster der Empathie.

AY:  Wenn ich einer der beste Wagnersängerin Lise Davidsen als Leonore zuhöre, muss ich gleich über die Beethoven –Einflüsse auf das Wagnerwerk denken. Gleichfalls ist bekannt, dass „als Vorläuferin der Senta“ Beethovens Leonore kaum in Frage kommt. Es gibt aber auch die Meinung, dass „Leonore in allen Fassungen eine Nachfolgerin Fiordiligis ist“. Wie ist Ihre Meinung dazu …?

TK:  Eine sehr komplexe Frage, die ich nur sehr kurz beantworten will. Man könnte sagen, auch die Hörner in Leonores großer Arie kommen direkt aus der Felsenarie von Fiordiligi. Ansonsten sehe ich zwischen den beiden Stücken wenig Verbindendes. Es ist ja auch bekannt, dass Beethoven die „Così“ nicht unbedingt geschätzt hat. Mit Wagners Heldinnen teilt Leonore dafür die nicht unproblematische Eigenschaft, teilweise mehr Allegorie als lebender Mensch zu sein. Da kann und muss die Regie dann manchmal ein bisschen helfen. Aber sängerisch ist Leonore vermutlich die schwierigste der genannten Partien.

Fidelio – Einführung mit den Protagonisten auf der Bühne, ua. Jonas Kaufmann
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AY: Wie wichtig ist für Sie, selbst die Personen-Regie auf der Bühne zu führen? Wie viel Freiheit lassen Sie den Sänger*innen auf der Bühne?

TK:  Ein Konzept ist nur so gut, wie die Personen-Regie, die es ermöglicht. Insofern stehen beide Aspekte des Regieführens für mich völlig gleichberechtigt nebeneinander. Ich weiß immer sehr genau, welche Ziele die Figuren in einer Szene haben und welche szenischen Ankerpunkte ich ansteuere. Der Weg dorthin, und das meint die konkreten Bewegungsabläufe auf der Bühne genauso wie die innere Entwicklung einer Figur, wird mit den Sängerinnen und Sängern zusammen auf der Probe erarbeitet.

AY:  Im ersten Akt wurde der Eintritt von Pizarro mit dem spektakulären Auftritt eines echten Pferdes betont. Spielt für Sie das Pferd eine symbolhafte Rolle, wie z.B. für Romeo Castelucci? Oder eher die historische Rolle einer bewaffneten Macht?

TK:  Als ich im 2. Akt meiner Götterdämmerung ein lebendes Pferd als Grane auf der Bühne hatte, war es auch ein sehr konkretes Symbol für die fixe Idee von Männlichkeit, an denen sich Hagen abzuarbeiten hatte. Für die Virilität Siegfrieds, die Hagen zugleich beneidete wie auch ersehnte. Das Pferd im Fidelio ist dagegen eher Lokalkolorit und dient der Beglaubigung des historischen Realismus. Aber natürlich ist jedes Objekt oder jeder Vorgang auf der Bühne zugleich immer auch symbolisch oder zumindest symbolisch lesbar. In diesem Kontext kann man das Tier auch als Gegenpol zu dem kleinen Kanarienvogel sehen, den Marzelline bei uns hegt und pflegt. Oder als Einbruch von Unwägbarkeit in eine geordnete Welt. Ich überlasse die Deutung hier aber jedem einzelnen. Eindeutige Symbole finde ich eher langweilig.

AY:: Im zweiten Akt haben sie einen Teil des Londoner Publikums, das im ersten Akt mit den historisierenden Kulissen des epischen Theaters zufrieden war, ziemlich überrascht. Und ich dachte: so kommt Tobias Kratzer als Schöpfer der hervorragenden Bayreuther Regie des Tannhäuser „2019“ans Licht. Ihre bahnbrechende Idee, mehrschichtige Bühnenaktionen und neue Kontexte, auch Ihre exzellenten Kamera-Experimente haben Sie in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt als Regisseur des Jahres gewürdigt. Meine Frage betrifft aber nicht Ihre Stellung zu den Kritiker, sondern zum Publikum. Das ist nicht zufällig, dass das Opernpublikum in Ihren Inszenierungen in die Handlung eingezogen wird und an dieser Handlung partizipiert. Mögen Sie das Opernpublikum? Sind Sie auch kritisch einem zu solchen Publikum als „Zuschauer von Leiden“, das Kekse oder Schokolade während der Aufführung zu naschen wagt, während sich das große menschliche Drama zwischen Leonore und Florestan potenziert?

TK:  Ich glaube nicht, dass es mir als interpretierender Künstler zusteht mein Publikum zu bewerten. Oper kann auf vielfältige Weise rezipiert werden und ich verurteile keine davon. Natürlich freut man sich, wenn eine Zuschauerin oder ein Zuschauer versucht tief in die Gedankenwelt eines Stückes einzudringen und meine Inszenierung dabei hilfreich oder inspirierend findet. Aber wenn jemand einfach mal wieder seinen alten Hochzeitsanzug tragen, sein Date ausführen oder einen Geschäftspartner beindrucken möchte, dann sind das ja ebenso legitime Gründe für den Kauf einer Opernkarte. Ich werde deshalb aber auch nicht weniger anspruchsvoll oder unterhaltsam inszenieren als ich das sonst versuche. Im konkreten Fall des „Fidelio“ geht es ja auch nicht allein um Opernbesucher an sich. Das Publikum auf der Bühne verstehe ich auch als Metapher für das Verhalten unserer gesamten westlichen Gesellschaft. Und das Schicksal von Leonore und Florestan steht stellvertretend für viele Ungerechtigkeiten weltweit, von denen wir zwar wissen, die zu betrachten uns alleine aber noch nicht zum Handeln bringt.

Fidelio am Royal Opera House, Arie Mir ist so wunderbar …. mit Forsythe, Davidsen, Zeppenfeld, Tritschler;

youtube Trailer Royal Opera House London
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AY:  Es ist vollkommen klar, dass in Ihrer Inszenierung nicht der Minister als Deus ex machina auf der Bühne erscheint, sondern eine Frau. Es ist auch erstaunlich, dass bei Beethoven die einzige starke Person und der echte Held der Oper Fidelio eine Frau ist. Sie gehen aber noch weiter. In Ihrer Version agieren zwei starke Frauen. Leonore rettet ihr Ehemann Florestan und Marzelline rettet Fidelio / Leonore vor Don Pizarro. Weil Sie will, dass ihr Fidelio lebt, sogar wenn ihr Fidelio in Wirklichkeit Leonora ist? Sollen wir den Pistolen-Schuss Marzelline als Zeichen der bedingungslosen Menschenliebe einer Frau verstehen, die ursprünglich von Beethoven nicht als Heldin (so wie Leonora) gesehen wurde?

Tobias Kratzer: Ein klares: ja!

AY:  Nach Ihrem ersten Tannhäuser fühlten Sie sich wahrscheinlich noch so, wie Wagner: „Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig.“ Sind Sie noch der Welt einen Fidelio schuldig? Welche Wunschoper wird Sie in der Zukunft beschäftigen?

TK: Um ehrlich zu sein, hatte ich nach meinem ersten Tannhäuser nicht unbedingt erwartet, das Stück so bald darauf noch einmal zu inszenieren. Und ähnlich geht es mir nun auch mit Fidelio. Aber ich lasse mich überraschen. Wunschopern habe ich ohnehin keine. Ich finde es meistens schöner mit Stücken konfrontiert zu werden, die ich bisher noch nicht so auf dem Schirm hatte. Sich etwas Fremdem empathisch anzunähern, anstatt immer nur dem Alt-Vertrauten zu begegnen, ist ja auch im echten Leben die deutlich spannendere Option.

Adelina Yefimenko: Lieber Herr Kratzer, auch in Namen unserer großen IOCO – Kultur Community möchte ich für dies aufschlussreiche und interessante Gespräch bedanken.

—| IOCO Interview |—

Dresden, Semperoper, Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Die Meistersinger von Nürnberg – Richard Wagner

Von den Salzburger Osterfestspielen nach Dresden – Regie Jens-Daniel Herzog

von Thomas Thielemann

Nach der Vollendung der Partitur seiner Oper Tannhäuser stieg am 3. Juli 1845 der Dresdner Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau, Hund, Papagei und jeder Menge Lektüre über die deutsche Literaturgeschichte in der Pension „Zum Kleeblatt“ im böhmischen Marienbad zum Zwecke eines längeren Kuraufenthalts ab. Ob es nun die Leere nach Abschluss der Komposition war, jedenfalls fand Wagner in den Badewannen und bei den Liegekuren keine Ruhe. Er erinnerte sich eines unklaren Lohengrin-Konzepts seiner Pariser Jahre und der Beschäftigung in Onkel Adolfs Bibliothek mit der Meistersinger-Tradition der Nürnberger Handwerker-Gilden. Neben einer Lohengrin-Dichtung entstanden in Marienbad drei Akte eines heiteren Satyrspiels über die Meistersinger von Nürnberg als eine gewisse Kompensation zur Arbeit am mystischen Tannhäuser. Dieser erste Entwurf basierte auf Wagners Begeisterung für die altdeutsche Art und Kunst. Auch begrenzte er seine Aussage auf eine ironische Betrachtung des Formalen im Künstlerischen und ließ das Stück mit einer Prügelei abschließen.

Meistersinger – Dirigent Christian Thielemann führt ein
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Der Stoff blieb dann liegen, weil Wagner weiter am Lohengrin arbeitete, sowie 1846 Skizzen zu einem Barbarossa-Drama und einem Drama über Alexander dem Großen erarbeitete. Aus dem Alexander-Stoff sei dann, weil die Ermordung eines Getreuen des Albaners ihn an die Nibelungengen-Sage erinnerte, Siegfrieds Tod und damit später der Ring des Nibelungen abgeleitet worden.

Erst im Oktober 1861, also mitten in den „Tristan-Kalamitäten“, begann Richard Wagner während eines Aufenthaltes in Wien, den Meistersinger-Stoff wieder aufzunehmen. Als Gegenentwurf zur Dresdner Satire war der Verzichtsaspekt zum zentralen Thema geworden. Bereits im Dezember 1861 konnte er den Prosaentwurf vorlegen. Die Komposition erfolgte ab 1862, auch wegen der wechselnden Lebensumstände, ziemlich unsystematisch und regelrecht wie die Herstellung eines Flickenteppich. Trotzdem war 1866  der erste Aufzug, wenn auch lückenhaft vollendet. Erst in der Tribschen-Zeit arbeitete Wagner intensiver an der Fertigstellung der Komposition, so dass er am 24. Oktober 1869 die Partitur abgeschlossen vorlegen konnte.

In seiner Meistersinger-Inszenierung der Osterfestspiele 2019 in Salzburg baute Jens-Daniel Herzog das Portal der Semperoper auf der Bühne des Festspielhauses auf und präsentierte die Wagner-Oper als „Theater auf dem Theater“. Dabei bezieht er neben der Heimat der Dresdner Staatskapelle auch Anklänge an sein Nürnberger Haus ein.

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Georg Zeppenfeld als Hans Sachs, Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Georg Zeppenfeld als Hans Sachs, Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Dieses Prinzip behielt Herzog auch bei seiner Adaption der Osterfestspiel-Arbeit in die Semperoper bei, bot somit Regietheater im eigenen Saft. Hans Sachs, bzw. sein „Darsteller“, firmiert dabei im Wechsel als Intendant, Regisseur, Beleuchter, aber hin und wieder als Schuster oder Meistersinger. Ich glaube, sogar Rückgriffe Herzogs auf frühere Dresdner Meistersinger-Inszenierungen erkannt zu haben.

Da der Regisseur sich in seinem Metier befunden hat, fiel es ihm leicht, ein lockeres Kammerspiel auf die Bühne zu bringen. So können die Agierenden mal in historischen Kostümen, mal in Alltagskleidung auftreten. Selbst in der grenzwertigen Festwiese habe ich die Stimmung selbst erlebter Dorffeste im Nordhessischen wieder gefunden. Nahezu unpolitisch bringt die Regie den hochpolitischen Text auf die Bühne.

Statt des Welttheaters wurde aber musikalisches Weltklasse-Theater geboten, so dass Jens-Daniel Herzog dem eher konservativen Dresdner Operngängern und ihren Stammgästen doch weitgehend entgegen gekommen war. Das musikalische Gerüst boten die hervorragenden Musiker der Staatskapelle mit einem konzentrierten sängerfreundlichen Dirigat Christian Thielemanns. Eine wunderbare Klangbalance, Esprit, Vitalität und die Buchstabierung der schönsten Stellen bestimmten die musikalische Dramaturgie der Premiere. Dabei wurden die Streicher gelegentlich bis an die Grenze der Hörbarkeit zurück genommen.

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg - hier : Ensemble © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Meistersinger von Nürnberg – hier : Ensemble © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Die hervorragende Riege der Gesangssolisten führte Georg Zeppenfeld als ein eher intellektueller Hans Sachs an. Zwar von allen geachtet und geschätzt, zeigte er sich innerlich zerrissen auf der Suche nach Größerem. Seine Spielfreude, der unangestrengte Glanz seiner Stimme und die hervorragende Wortverständlichkeit machten jeden Moment seiner Auftritte zur Freude. Unvergessen wird sein Fliedermonolog bleiben. Seinen Gegenspieler, den Stadtschreiber Sixtus Beckmesser, demütigt er nicht und verzichtet berührend auf eine Werbung um die Tochter Eva seines Freundes Veit Pogner.

Den Walther von Stolzing  sang und spielte Klaus Florian Vogt mit heller, samtig leuchtender Stimme, guter Textverständlichkeit und jugendlich schnöseligem Auftreten. Camilla Nylund bot eine selbstbewusste großartig-stimmschöne Eva, die damit die Rolle aus ihrer Passivität herausholte und eine liebenswerte Persönlichkeit gestaltete. Adrian Eröd war ein nobler Sixtus Beckmesser, fern jeder Judenkarikatur, mit leichtem schönem Bariton ausgestattet.

Eine besondere Pracht waren die übrigen Meistersinger-Besetzungen. Großartig war der Goldschmied Veit Pogner von Vitalij  Kowaljow, der mit seinem dunklen Bass die notwendige Autorität ausstrahlte. Markus Miesenberger, Iurie Ciobanu,  Patrik Vogel und Beomjin Kim verkörperten mit sicheren Tenorstimmen den Zinngießer Balthasar Zorn, den Kürschner Kunz Vogelsang, den Würzkrämer Ulrich Eißlinger sowie den Schneider August Moser. Des Weiteren verkörperten Günter Haumer den Spengler Konrad Nachtigall, Oliver Zwarg den Bäcker Fritz Kortner, Rupert Grössinger den Seifensieder Hermann Ortel und Christian Hübner den Strumpfwirker Hans Schwarz.

Meistersinger – Georg Zeppenfeld führt ein
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Hinter dieser opulenten Sängerriege müssen sich der souveräne Sebastian Kohlhepp mit seinem leicht abgedunkelten Tenor als David, die zuverlässige Christa Mayer mit ihrer in der Höhe brillanten und in der Tiefe angenehmen Stimme als Magdalena sowie der Bassist Alexander Kiechle als Nachtwächter auf keinen Fall verstecken. Vital und feurig agierte der Staatsopern-Chor auf der Festwiese und mit dem „Wach auf“.

Eine Bemerkung noch zum Vergleich mit der Vorstellung im Salzburger Festspielhaus: Die Staatskapelle mit dem Dirigat von Christian Thielemann hört sich im Semperbau eleganter und kompakter als im gewöhnungsbedürftigen Salzburger Festspielhaus an. Es bleibt doch deutlich, dass ihr „Dresdner Klang“ sich aus den akustischen Bedingungen des Hauses entwickelt hat. Auch der Eindruck des Gesangs erscheint unmittelbarer. Deshalb wäre eine Verpflanzung der Osterfestspiele der Staatskapelle nach Dresden ab 2023 zumindest für den Klang der Opernaufführungen ein ästhetischer Gewinn.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.01.2020

Januar 28, 2020 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Lohengrin –  Richard Wagner

– Mit Lohengrin auf dem Rummelplatz –

von Thomas Thielemann

Nach der Fertigstellung der Partitur des Tannhäuser reiste der Königlich Sächsische Hofkapellmeister Richard Wagner mit Frau Minna, Hund und Kanarienvogel am 3. Juli 1845 von Dresden zu einem Kuraufenthalt ins Böhmische nach Marienbad. Kreative Unruhe behinderten die Bäder sowie Brunnenkuren und brachte frühere noch ruhende Projekte zur Geltung. Ein noch unklares Konzept  zum Schwanenritter-Motiv des Wolframs von Eschenbach geisterte seit dem Pariser Aufenthalt in seinem Kopf. So begann er, parallel zur Arbeit an einem Meistersinger-Spektakel, die Prosafassung der Lohengrin-Szenen auszuführen. Ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten verschob er Figuren sowie Fürstentümer in Zeit und Raum, bis er „die Berührung einer übersinnlichen Erscheinung mit der menschlichen Natur und die Unmöglichkeit einer Dauer derselben“ wirkungsvoll  gestaltet hatte.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Ensemble und Chor © Nasser Hashemi

Nach Dresden zurückgekehrt, las er am 17. November 1845 im Restaurant Engel den Mitgliedern des Montagsklubs, dem u.a. auch Robert Schumann, Adam Hiller und Gottfried Semper angehörten, die Dichtung vor. Bei allem Lob der Freunde für die Dichtung, bezweifelte aber vor allem Schumann, dass Wagner zum Text eine Musik komponieren könne. Wagner aber, gewohnt auf seine Inspirationen zu warten, nutzte einen Urlaubsaufenthalt vom 15. Mai bis zum 30. Juli 1846 im Schäfer´schen Gut des Dorfes Graupa, um die Umrisse der Kompositionsskizze niederzuschreiben. Wagner wanderte oft in der Umgebung, schwamm in der Elbe und ließ sich vom Vogelgezwitscher sowie anderen Geräuschen seiner Umgebung inspirieren.

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Richard Wagner Denkmal in Graupa © IOCO / TThielemann

Das Dorf Graupa ist inzwischen ein Ortsteil von Pirna. Im Schloss von Graupa befindet sich eine sehenswerte Wagnergedenkstätte mit einem interessanten Museum. Das Gut steht dem interessierten Wagner-Freund offen. Auch befindet sich im nahen Liebethaler Grund, einem der damaligen Wanderziele des Komponisten, ein Wagner-Denkmal mit einer Höhe von 12,5 Meter; siehe Foto.

Das Auskomponieren des Werkes wurde mehrfach unterbrochen, denn Wagner war kein Eilfertigkeitsapostel. Weil ihn andere Projekte ablenkten, aber auch die Tagesaufgaben als Hofkapellmeister forderten und er sich zunehmend auch politisch betätigte, zog sich die Arbeit lange hin. Somit konnte er erst am 28. April 1848 die Niederschrift der Lohengrin-Partitur abschließen.

Seit wir am 19. Mai 2016 in der Semperoper die legendäre Lohengrin-Aufführung in der fast konservativen Mielitz-Inszenierung von 1983 mit Georg Zeppenfeld, Anna Netrebko, Piotr Beczala, Evelyn Herlitzius, Tomasz Konieczny, der Sächsischen Staatskapelle unter der musikalischen Leitung von Christian Thielemann erleben durften, besuchen wir jede Vorstellung der von uns sehr geliebten Wagner-Oper mit etwas gemischten Gefühlen. Dieses, mein Problem, konnte auch die musikalisch hervorragende Bayreuther Lohengrin-Premiere am 25. Juli 2018 nicht kompensieren.

Auf der Drehbühne des Theater Chemnitz war von Sebastian Ellrich und seinen Handwerkern dem Regieteam von Joan Anton Rechi eine gewaltige Achterbahn aufgebaut worden. Rechi, 1968 im Fürstentum Andorra geboren arbeitet seit 2011 mit dem aus Magdeburg stammenden Ellrich (Jahrgang 1984) zusammen.

Nun war Richard Wagner ohnehin nicht pingelig, wenn es um die Verschiebung historischer Gegebenheiten in Zeit und Raum ging. Und so muss er sich gefallen lassen, dass die Dramaturgin Carla Neppl seine Texte und seine Musik nutzt, um die sozialen und zwischenmenschlichen Probleme eines ansonsten wenig beachteten Kokons der Rummelplatzbetreiber zu thematisieren, damit aber auch gleichzeitig zu verallgemeinern. Das Theater Chemnitz bildete aus seinen Opernchören, einem Kinderchor und Gastsängern weiterer Chöre sowie der Statisterie eine beeindruckende Menschengruppe gebildet. Die Kostümbildnerin Mercè Paloma hatte die Gruppe mit Kleidung aus allen Bevölkerungsschichten ausgestattet.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Cornelia Ptassek als Elsa, Mirko Roschkowski als Lohengrin © Nasser Hashemi

Mit ausgezeichnetem Gesang und guten darstellerischen Leistungen übernahm die Gruppe eine tragende Rolle in den ersten beiden Aufzügen. Nach ihrer Klassenzugehörigkeit agierten sie mit den Solisten und machten den ersten Akt mit dem sich ständig bewegenden Achterbahn-Vehikel zu einem kurzweiligen Spektakel. Besonders gefiel mir, dass beim Gottesgerichts-Streit der Kampfplatz weggedreht war und man Chormitglieder vom Gerüst, gleichsam wie beim Fußball des Chemnitzer SC, die Kämpfer anfeuerten. Spielstätte des zweiten Aktes war die Unterkunft der Betreiber der Rummelplatzattraktionen. Die Aktionen passten aber über weite Strecken in herkömmliche Inszenierungen, auch wenn die Liegestützaktionen und die Weitergabe eines Befehls des Königs per Smartphone konservative Besucher irritierten. Das löste sich erst auf, als der Schwan wieder auf der Bühne erschien und Telramund vier depressive Rentner von einer Gartenbank aufjagte. Diese vier „Edlen von Brabant“ teilten den Chor in aktive Pro- und Contra-Gruppen, die ihrerseits die Handlung vorantrieben.

Der dritte Aufzug bot trotz interessanter Personenführung wenig Neues. Erst als klar war, dass Ortruds Fluch eine Rückkehr des Bruders der Elsa ausschloss, wurde die Inszenierung richtig zeitgemäß: Lohengrin überreichte seiner Gattin die Macht-Insignien Brabants und ernannte sie zum Herzog. Die Achtung vor Wagners Text ließ leider die aktuelle Sprachgestaltun „zur Herzogin“ nicht zu.

Das musikalische Gerüst des Abends lieferte die Robert-Schumann-Philharmonie mit der musikalischen Leitung des bekennenden Wagnerianer Guillermo Garcia Calvo. Dabei erwies sich Calvo als zuverlässiger Partner des Regiekonzepts Rechis. Calvo ließ sich Zeit, jagte weder seine Musiker noch die Sänger durch die Partitur, baute damit aber durchaus auch Spannungen auf, leitete aber nicht immer sängerfreundlich. Neben einer guten Orchesterleistung der Robert-Schumann-Philharmonie begeisterten hörenswerte Gesangsleitungen mit ordentlichen Textverständlichkeiten.

Den Lohengrin verkörperte Mirko Roschkowski als einen ziemlich kalten, unsensiblen und weltlichen Partner der Elsa von Cornelia Ptassek. Stimmlich gut ausgestattet, besticht seine Bühnenpräsenz. Aber egal, wie sich Elsa verzweifelt mühte, er gab ihr keinen Halt.

Mit Cornelia Ptassek stand Rechi mit ihrem klangschön, kraftvoll geführtem Sopran eine ordentliche Elsa von Brabant zur Verfügung. Mädchenhaft, opulent bühnenpräsent und stolz agierte sie in den ersten beiden Akten. Ebenso überzeugend entwickelte sich ihre Verzweiflung zum Ende des dritten Aktes hin.

Theater Chemnitz / Lohengrin - hier : Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Lohengrin – hier : Magnus Piontek als Heinrich der Vogler © Nasser Hashemi

Aber so sehr ich die Charaktere von Elsa und Lohengrin liebe, meine Lieblingscharaktere der Oper bleiben deren Antagonisten Ortrud und Telramund. Stéphanie Müther, am Haus als Brünnhilde bereits bestens eingeführt, war mit ihrem wilden Hass in jeder Geste und einer Stimme, die Zähne zeigte, eine schreckliche Gegnerin. Mit ihren ersten leisen Tönen im ersten Akt wird bereits deutlich, dass sie Elsa mit ihrem naiven Glauben keine Chance auf ein glänzendes Heldentum lässt. Mit ihrem finalen sich selbst entlarvenden Wutausbruch schuf sie vielleicht den sängerischen Höhepunkt des Abends.

Da war der Telramund  des Tschechischen Baritons Martin Bárta mit seiner noblen Stimme doch deutlich zurückhaltender, eher menschlich, aber von der Ortrud abhängig. Mit seiner ehrfurchtsvollen Auftrittsarie zurückhaltend lyrisch, beweist er, dass die Stimme in den Mittellagen durchaus zu umfangreichen Ausbrüchen fähig ist, so dass er den Ausfällen der Ortrud standhalten konnte. Warum er beim Schluss-Beifall so wenig bedacht worden war, hat sich mir nicht erschlossen.

Die der Wagner-Figur des König Heinrich zugedachten Episoden waren vom Haus-Bass Magnus Piontek mit ordentlicher Bühnenpräsenz und gut dosiertem Gesang geboten. Ebenso gut präsentierte sich Andreas Beinhauer als Heerrufer. Auch die vier als brabantische Edle ausgeschrieben Rollen waren mit dem kristallklaren Tenor Florian Sivers, dem leichten Haus-Tenor Till von Orlowski, dem zupackend profund dem Bass André Eckert und leichteren Bass Tommaso Randazzo  recht opulent besetzt.

Ordentliche Ovationen und die unvermeidlichen vereinzelten Buhrufe feierten Regieteam und die Bühnenbesatzung. Damit wird die Rechi-Inszenierung ihren Platz im interessanten Repertoire der Oper Chemnitz einnehmen.

—| IOCO KritikTheater Chemnitz |—

Dresden, Semperoper, Die Reise nach Reims – Gioacchino Rossini, IOCO Kritik, 01.10.2019

Oktober 1, 2019 by  
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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Il viaggio a Reims – Gioacchino Rossini

Laura Scozzi entführt Rossini in die heutige Europäische Union

von Thomas Thielemann

Geschichten und Sagen umranken die Entstehung des Werks:   Am 29. Mai 1825 wurde Karl X. (1757-1836), Enkel Ludwig XV. und August des Starken, sowie Bruder des guillitierten Ludwig XVI. in der Kathedrale von Reims mit dem prunkvollen Zeremoniell des Hauses Bourbon zum König von Frankreich gekrönt. Mit den aufwendigen Feierlichkeiten sollte vorgespiegelt werden, dass er sich als König von Gottes Gnaden und nicht als konstitutioneller Monarch betrachtete. Um dieser Umdeutung Gewicht zu, verleihen, wurde der Adel des gesamten Europas zu den Feierlichkeiten in die Kathedrale von Reims geladen. Den Bedingungen der Zeit entsprechend, mussten die Gäste, die keine eigene Kutsche besaßen, mit der Post reisen, einer Reiseform mit begrenzter Planbarkeit.

Gioacchino Rossini Paris © IOCO

Gioacchino Rossini Paris © IOCO

Gioacchino Rossini, 1792 – 1868, der sich in Paris um die Ämter als königlicher Generalinspekteur des Gesangs und als Hofkomponist bewarb, beschloss, mit einer Oper Bezug auf die Krönung zu nehmen. Giuseppe Luigi Balòcchi sollte ihm dazu ein Libretto schreiben. Möglicherweise angeregt, dass die Familie des Fürsten Andrei Rasumoffsky (1752-1836) sich verspätet hatte und irgendwo zwischen Genf und Paris hängen geblieben war, verfasste er einen Text über das Stranden einer Gruppe Adliger aus ganz Europa in einem Badehotel in der Nähe von Reims, weil ihnen keine Austauschpferde zur Verfügung gestellt werden konnten. Die Intrigen, Liebeleien und Eifersüchteleien sowie die verborgenen Absichten zwischen den Reisenden, verarbeiteten Balòcchi und Rossini zu einer musikalisch hochvirtuosen satirischen Komödie, die sich am Ende mit einem gemeinsamen „Frieden-stiftendem“ Bankett auflöst. In der scheinbar harmlosen Situation versammeln sich die politischen Mächte Europas der Zeit. Uraufgeführt wurde die Oper am 19. Juni 1825 vor einem gelangweilten König.

Die Reise nach Reims – Making of .. Regisseurin Laura Scozzi
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Obwohl zur Uraufführung drei ausverkaufte Vorstellungen ein Erfolg waren, zog Rossini das Stück zurück; er wollte die Musik anderweitig nutzen. Nach einer Benefizaufführung zugunsten der Opfer eines Brandes und bis auf zwei unautorisierten Bearbeitungen (1848 durch Jean-Henri Dupin und 1854 anlässlich der Sissi-Hochzeit) galt die Oper als verloren. Rossinis Witwe hatte die Partitur seinem Arzt übereignet. Erst in der Mitte der 1970er-Jahre wurde sie in einem römischen Archiv aufgefunden und von dem Musikhistoriker und Rossini-Spezialisten Philip Gossett (1941-2017) rekonstruiert. Andrei Rasumoffsky war im Übrigen der Auftraggeber der drei nach ihm benannten Beethoven-Quartette op. 59, und dem der Komponist auch zwei seine Symphonien (Nummer fünf und sechs) gewidmet hatte.

Der Librettist hatte im Hotel „Zur Goldenen Lilie“ vornehme und ihrer nationalen Zugehörigkeit bewusste Sonderlinge aus den damals Europa repräsentieren Staaten zusammengewürfelt. Da waren Menschen aus Italien, Frankreich, Russland, England, Spanien, Griechenland, Österreich und Deutschland kaserniert.

Was lag nun, im Zeitalter des Regietheaters, für Laura Scozzi näher, als das Geschehen in die Neuzeit, in das „Machtzentrum“ der Europäischen Union zu verlegen. Die in Paris lebende Mailänderin hatte 2012 in Nürnberg mit großem Erfolg versucht, den Stoff zu aktualisieren. Aber damals war die Europäische Union noch in einer vergleichsweise guten Verfassung und Scozzi konnte mit Fantasie, viel Witz, Ironie sowie Satire einen unterhaltsamen und turbulenten Abend mit dem Abschluss „Alles ist Gut“ gestalten. Da konnte sie noch einen Putin mit einer Kalaschnikow aufmarschieren oder mit Berlusconi und mit jungen Damen schäkern lassen. Auch der englische Vertreter Lord Sidney durfte mit halsbrecherischen Kaskaden noch. brillieren und seine entkleidete Queen auf dem Schoß spüren. Angela Merkel breaktanzend auf der Bühne half auch der Stimmung. Sinnlose Papiervernichtung sowie das Vermessen von Banane schienen die Probleme der Zeit. Aber schon damals musste sich das frisch gekrönte Paar Carla Bruni und Karl X. alias Nicolas Sarkozy mit Steine werfenden Demonstranten herumschlagen.

 Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims - hier : die EU in der Semperoper mit Ensemble © Semperoper / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims – hier : die EU in der Semperoper mit Ensemble © Semperoper / Ludwig Olah

Nun hatte Peter Theiler Laura Scozzi an die Semperoper nach Dresden eingeladen, ihre Betrachtungsweise der Rossinischen Charakterstudie einer multikulturellen Reisegesellschaft den aktuellen politischen Strömungen und der gegenwärtigen europäischen Befindlichkeit anzupassen. Und da die Oper keinem straffen Handlungsfaden folgt, hatte sie alle Möglichkeiten, die Gesangsnummernfolge zu einer Persiflage des Sachstandes der europäischen Einigung zu gestalten.

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Die Reise nach Reims – gefangen in der Europäischen Kommision: In der Zeit von Flüchtlingswirren und des Brexit kann mit der Entwicklung nur „mit Entsetzen Scherz getrieben“ werden. Laura Scozzi bewies aber das Feingefühl, bei aller konsequenten Darstellung der Probleme der Europäischen Union und der Eigenheiten ihrer Mitglieder, das auf die Bühne zu bringen. Das Badehotel der Madam Cortese, ist zum bürokratischen Monster der Europäischen Kommission geworden. Einige der Staatenlenker tummeln sich als maskierte Tänzer. Da werden im ersten Teil der Aufführung der Nationalismus der polnischen Regierung, die Kritik an der Afrika-Politik sowie der Umgang mit der Gelbwestenbewegung in Frankreich, die Inkonsequenz der Italiener, die doch etwas egoistische Wirtschaftskompetenz der Deutschen und überspitzte Konsumbedürfnisse thematisiert. Aber auch das Verhältnis der EU zu Russland ist Gegenstand der Handlung, indem man den russischen General Libenskof von der Seitenbühne singen lässt, bis er dann per AEROFLOT in den EU-Kreis einfliegt. Der Brexit beginnt eigentlich, indem der Lord Sidney (Georg Zeppenfeld) erstmal seine Queen in ihrer Bedeutungslosigkeit regelrecht bloßstellt, bevor er seine Situation beklagt und versucht zu verbessern. Natürlich spielt auch die EU-Bürokratie und die Selbstdarstellungswut eine wesentliche Rolle, während auf einer Bildwand die dringendsten Probleme Europas und seines Umfelds thematisiert werden.

Diese Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Situation der Europäischen Union versucht ein Zauberkünstler-Paar mit Corinna (Elena Gorshunova) und einer weißen Taube die europäische Einigung herbei zu zaubern. Als aber die EU-Fahne abgehängt wird, ist „Europa“ nicht wo erwartet und die Europafahne wandelt sich in eine britische. Gesungen wurde die in einem Akt mit zwei Bildern komponierte Oper in der italienischen Originalsprache. So hatte Georg Zeppenfeld seinen Kummer-Text über die scheinbar unerwiderte Liebe zur Elena Gorshunova in seine Unzufriedenheit mit der Abkehr Großbritanniens darzustellen, bis ihm ein  Boris Johnson -Statist die Flause austrieb.

Im zweiten Teil der Aufführung versuchte Laura Scozzi mit Optimismus die Möglichkeiten der Europäischen Einheit zu entwickeln, was mit der EU-Hymne und dem Wunsch “Einheit durch Vielfalt“ eingeleitet wurde. Einen breiten Zeitanteil gibt das Original von 1825 der Entwicklung eine Liebesbeziehung zwischen dem Russen Libenskof und der Polin Marchesa Melibea. Das nutzte die hochpolitische Inszenierung, das schwierige Verhältnis zwischen den beiden Nationen zu verbessern. Da assistierten Angela Merkel und Emmanuel Macron. Auch wurde Gebärdensprache eingesetzt. Aber auch die Belastung der Schleppe der stilisierten polnischen Braut blieb nicht ausgespart.

So enthielt auch dieser Teil der Aufführung schier unendlich viele prachtvoll umgesetzte Regieeinfälle, wie die Europäische Einigung vorangetrieben werden könnte. Hemmende Erscheinungen, wie separatistische Bestrebungen und Populismus blieben nicht ausgespart. Auch dass Angela Merkel den französischen Präsidenten Emmanuel Macron mal verprügeln musste, war Teil des Einigungsprozesses.

Als ein Streik bei der Air France Zeit für eine Bestandsaufnahme schaffte, wurden noch einmal die Möglichkeiten des Regietheaters zur Darstellung der Vielfalt genutzt, als die EU-Oberen mit ihrem Gepäck und den dazu gehörigen Anspielungen auf ihre nationalen Eigenheiten aus der Szene gefahren wurden. Beim anschließenden Bankett wurden noch einmal mit Nationalhymnen und landestypische Musik dargeboten. Abschließender Höhepunkt sollte die Europa-Corinna darstellen. Aber so wie ihr Landes-Symbol-Sterne als das Rest-EU-Trennende abgenommen wurde, wurde ihr Jubelgesang müder und sie sank zu Boden. Gewissermaßen als Warnung an eine einsetzende Trägheit des scheinbar geeinten Kontinents stürmten junge Menschen auf die Bühne , zerstörten das Geschaffene und schafften Platz für Neues und für die Bewältigung der Probleme zum Beispiel in Afrika und Arabien.

Da Handlungen und Text nur wenig miteinander korrespondieren war Laura Scozzis straffe Personenführung besonders wichtig. Vom Opernhaus waren zehn Hauptpartien, zwölf Nebenrollen, Chor, Tänzer sowie das Orchester zu besetzen.

Rossinis Marchesa Melibea mutiert zur polnische EU-Vertreterin

Rossinis polnische Edelfrau Marchesa Melibea mutierte bei Scozzi zur Vertreterin Polens; von der russischen Mezzosopranistin Maria Kataeva mit warmer Stimme gesungen und angeregt philosophierend-flirtend gespielt. Ihre delikate präzise Stimmführung und exakte Intonation waren begeisternd. Ihre Darstellung der Beziehung zu Libenskof trug wesentlich zum musikalischen Niveau des Abends bei.

Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims - hier : die EU mit Tilman Rönnebeck (Don Prudenzio), Menna Cazel (Maddalena), Gerald Hupach (Gelsomino), Do?ukan Kuran (Antonio) © Semperoper / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Reise nach Reims – hier : die EU mit Tilman Rönnebeck (Don Prudenzio), Menna Cazel (Maddalena), Gerald Hupach (Gelsomino), Do?ukan Kuran (Antonio) © Semperoper / Ludwig Olah

Die junge französische Witwe Contessa di Folleville, ständig in der Sorge um ihre extra nach der neuesten Mode geschneiderten Kleider, wurde anmutig und temperamentvoll gespielt und mit klaren prächtigen Koloraturen von der aus Finnland stammenden Ensemblesängerin Tuuli Takala mit sichtbarer Freude gesungen und gespielt. Ihr Cousin Don Luigino singt der ob der Strahlkraft seiner Stimme in das Semperoper-Ensemble aufgerückte gesangstechnisch versierte koreanische Tenor Beomjin Kim.

Für Belcanto-Hohepunkte im Operngeschehen hatte die aus Rom angereiste und dort offenbar künstlerisch Tätige Corinna alias Elena Gorshunova mit ihrem wunderbar klaren Sopran zu musikalischen Höhepunkten gesorgt. Dabei hatte sich die Russin unter Einsatz ihrer schönen Höhe mit einigen Liebhabern abzugeben.

Als aus Tirol zugereiste Organisations-Chefin der Kommission-Bürokratie Madame Cortese agierte die Sopranistin Iulia Maria Dan. Die Sängerin stammt aus Rumänien und ist seit der laufenden Spielzeit Ensemblemitglied. Geistvoll liebenswert gestaltete sie ihre Partie und meistert ohne Schwierigkeiten die Höhen und Pianostellen ihrer Partie.

Mit einem hellen festen Tenor und mühelosen Koloraturen bewältigt der als Rossini Spezialist aus Brasilien angereiste Daniel Umbalino den Chevalier Belfiore, der ständig den Damen den Hof machte und bei der Contessa ziemlich weit kam.

Von ungestümen Wesen, eifersüchtig und verliebt in die polnische Witwe bot der aus Uruguay gekommene Tenor Edgardo Roche den russischen Libenskof. Mit einer Neigung zum Kehlkopfakrobaten sang er mit Glanz, klangschöne beeindruckende Koloraturen bei der textfremden Annäherung seines Landes zur Europäischen Union.

Der englische Oberst Lord Sidney, etwas verklemmt in Corinna verliebt, fand in Georg Zeppenfeld einen hervorragend-zurückhaltenden Darsteller und den gewohnt ausdrucksstarken und traumwandlerisch sicheren Sänger, wie er seinen eigentlichen Liebeskummer in Brexit-Kummer umsetzte.

Dem stimmlichen Schwergewicht aus Italien Maurizio Muraro war der Literat und besessene Sammler Don Profondo anvertraut worden. Mit kantigem Gesang pflegt er seine Freundschaft mit Corinna und seine Solidarität mit Griechenland.

Die Reise nach Reims – Making of .. Sopranistin Elena Gorshunova (Corinna)
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Der aus den Niederlanden gekommene Martin-Jan Nijhof und seit 2016 Mitglied des Semperopern-Ensembles bekam mit dem deutschen Major Barone di Trombonok eine recht anspruchsvolle Aufgabe. Vor allem in der Schluss-Szene kann er seinen kraftvollen satten Bassbariton ordentlich einsetzen. Als leidenschaftlicher in die Polin Marchesa Melibea verliebter spanischer Grande Don Alvaro stellte sich der von der Oder stammende Bernhard Hansky, vormals Ensemble-Mitglied, als Gast vor.

Von den Sänger-Darstellern der Nebenrollen gefielen uns vor allem die Mitglieder des Jungen Semper-Ensembles Anna Kudriashova als griechische Waise Delia, Menna Cazel als spritzig Kokette Hausdame Maddalena und Dogukan Kuran als Bass-Haushofmeister. Auch fielen die etwas zerstreute Zofe Modestina der Tamara Gura mit ihrem warmen timbrierten Mezzo und der Haus-Tenor Gerald Hupach als etwas hart klingender Hausdiener auf.

Als musikalischer Leiter der Premiere hatte Francesco Lanzillotta die Zügel des Spektakels straff in der Hand. Er ließ die Musiker der Staatskapelle knackig und diszipliniert energiegeladen aufspielen, ließ dabei immer den Sängern ihren Freiraum. Der Chor, am Semperhaus letztmalig von Jörn Hinnerk Andresen einstudiert, hatte das  schon gewohnte hohe Niveau. Tolle Leistungen kamen auch von den Tänzern.

Das von Natacha Le Guen Kerneizon gestaltete Bühnenbild war funktionell, die Kostüme der Fanny Brouste und Fabio Antocis Lichtgestaltung spiegelten die EU-Gepflogenheiten.

Dank der Nummernstruktur der „Oper“ störte der Szenen-Beifall ausnahmsweise nicht. Der Schlußbeifall war stürmisch und langanhaltend, was Buh-Rufer auszusetzen hatten war nicht erkennbar. Laura Scozzi saß während der Vorstellung fast direkt vor mir, so dass ich sehen konnte, dass sie nahezu keine Reaktion auf das gebotene zeigte.

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