Dresden, Sächsische Staatskapelle, Beethoven-Zyklus – alle Symphonien, IOCO Kritik, 07.09.2021

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Dresdner Beethovenzyklus – Abschluss im ersten Saisonkonzert 2021/22 

4.-5.9. –  Sächsische Staatskapelle beendet mit Christian Thielemann ihre beeindruckenden Beethoven-Symphonien

von Thomas Thielemann

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven Bonn © IOCO

Die ersten Konzerterlebnisse mit dem Gewandhausorchester während meines ersten Studiums in Leipzig führten mich bereits mit den Beethoven-Symphonien zusammen, damals mit Franz Konwitschny (1901-1962). Diese bis heute prägenden Erinnerungen werden auch von den Einspielungen der Beethoven-Kompositionen des Gewandhausorchesters mit Franz Konwitschny von 1959-1961 gestützt. Die Aufnahmen wurden in der als Studio genutzten Bethanien Kirche in Leipzig-Schleußig gemacht. Neben dem Rundfunkchor Leipzig sangen Ingeborg Wenglor, Ursula Zollenkopf, Theo Adam und Hans-Joachim Rotzsch.

Vergleiche ich die Hörerlebnisse von Beethovenskleiner F-Dur-Symphonie“  Nr. 8 op. 93″ der Franz-Konwitschny-Einspielung  vom 23. August 1961 des Gewandhausorchesters mit dem Konzerterlebnis des Saisoneröffnungskonzertes  2021/22 der Sächsischen Staatskapelle mit dem Dirigat von Christian Thielemann so fällt natürlich die unterschiedliche Klangfärbung beider Orchester auf.

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus, hier: Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus, hier: Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

Das Gewandhausorchester, damals noch vom gelegentlichen Strassenbahngeräusch in der Ersatzspielstätte Kongresshalle gestählt, klang auf der Einspielung bestimmter, dunkler und kompakter als die Staatskapelle im Semperbau. Bei der Staatskapelle begeistern immer wieder der dunkelglänzende Klang des satten Streichersounds, die warmen Holzbläsertöne, der volle Blechbläserdunst und die tollen Pauken, eben der „Dresdner Klang“. Erstaunlich gleichen sich die guten Übereinstimmungen der Tempi der Dirigate von Franz Konwitschny und Christian Thielemann. Das ist umso wohltuender, weil doch in den vergangenen fünfzig Jahren jeder Beethoven-Interpret seinen Individualismus gerade an den Tempi  ausleben musste, seit nachgewiesen scheint, dass die Metronom-Angaben des Komponisten auf einem Irrtum beruhen. Eine weitere Gemeinsamkeit war, dass mit peinlicher Gewissenhaftigkeit sämtliche Wiederholungen ausgeführt waren und man Orchesterstimmen zu hören bekam, die ansonsten im gesamten Klangbild untergehen.

Christian Thielemanns Annäherung an Beethoven war auch im letzten Konzert des Zyklus im besten Sinne die eines Dirigenten der alten Schule. Bei aller Spontanität begrenzte er Temporückungen auf Bereiche, wo diese auch angebracht waren. Bereits mit dem temperamentvollen ersten Satz wurde betont, dass es sich bei der Beethoven Achten durchaus nicht um die „kleine C-Dur-Symphonie“ handelt. Den zweiten Satz, allegro scherzando, dirigierte er betont langsam, vermied jede Härte und Schroffheit, so als ob er zum Tanz gesetzter Personen aufspiele.

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus, hier: Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus, hier: Christian Thielemann © Matthias Creutziger

Wunderbar weich und zart der Übergang zum dritten Satz, dem Menuett, so dass man das Fehlen eines langsamen Satzes in der Symphonie nicht vermissen musste. Mit dem vierten Satz führte Christian Thielemann das Orchester zu einem prunkvollen philharmonischen Finale. Prachtvoll wurden die harmonischen Anschlüsse und die Versetzung der Tonarten herausgearbeitet.

Beethovens neunte Symphonie ist eigentlich das Werk des musikalischen Kosmos, welches die Werte des Humanismus, der Freiheit und Brüderlichkeit prägnant verinnerlicht. Andererseits sind nur wenige Kompositionen für allerlei Zwecke missbraucht worden: von der Motivation japanischer Kamikazeflieger, der Europa-Hymne, der Begleitung fragwürdiger Veranstaltungen bis zur Manifestation einer bürgerlichen Kultur und Selbstbeweihräucherung Mächtiger oder sogenannter Kreativer.

Als Richard Wagner im März 1849, wenige Wochen vor Ausbruch der Barrikadenkämpfe in Dresden die Symphonie einstudierte, befand sich der russische Anarchist Michael Bakunin unter den Zuhörern der Generalprobe. Begeistert von der Interpretation trat er zum Schluss an das Podium und forderte, wenn beim nahen Weltenbrand alle Musik verloren gänge, solle jeder für den Erhalt dieser Musik sein Leben wagen.

Haben Franz Konwitschny bei der Einspielung seines Zyklus noch 73 Stimmen des Rundfunkchores für den Schlusschor gereicht, so sind im Laufe der Jahre für die Events der Jahreswechselkonzerte des Gewandhauses zuletzt 150 Sänger aufgeboten gewesen. Der Verein Sinfonietta Mainz e.V. hatte für eine Aufführung der Symphonie in der dortigen Christuskirche im Dezember 2019 sogar 200 Chorsänger herangezogen.

Christian Thielemann führte das Orchester mit dem unerbittlichen, etwas ruppigen Kopfsatz zunächst von den freudvolleren, angenehmeren Tönen weg. Die Streicher ließ er aggressiver, fahler daherkommen, während die Bläser streng im Zeitmaß gehalten wurden. Das war Abkehr von jedem Wohlklang und Hinweis, dass der Finalsatz der Symphonie erarbeitet, verdient werden möchte. Folglich bietet der konsequent disponierte erste Satz mit seinen geheimnisvollen Depressionen und Explosionen kaum einen Anklang des euphorischen Schlusssatzes sondern deutet eher den Beginn eines längeren Weges.

Mit den vielen rasanten Stimmen des Scherzos ließ der Chefdirigent sein Orchester, keck und nicht ohne Raffinessen, Anklänge einer wohlklingenden und temperamentvollen Entwicklung des Symphoniegeschehens, herausarbeiten. Mit dem dritten langsamen Satz schlug Christian Thielemann, nach einer ordentlichen Anlaufzeit, einen schier unendlich langen mit zahlreichen Details und Facetten sowie einigen Neuentdeckungen ausgestatteten Brückenbogen zum leuchtenden Finalsatz, den er, nach Art eines klassischen Kapellmeisters, mit einer ordentlichen Anlaufzeit eher bescheidener einleitete.

 Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus, hier: in der Semperoper - Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle / Beethoven Zyklus, hier: in der Semperoper – Christian Thielemann und Solisten © Matthias Creutziger

Das Solistenquartett dürfte in der gegenwärtigen Zeit seinesgleichen suchen. Hanna-Elisabeth Müller mit leuchtendem Sopran und phantastischem Durchsetzungsvermögen traf auf die ihr ebenbürtige Elisabeth Kulman. Diese Begegnung war uns eine besondere Freude, da Elisabeth Kulman für das Jahresende auch den Abschluss ihrer Laufbahn angekündigt hat. Der Einsatz von Piotr Beczala war der pure Luxus und Georg Zeppenfeld war, wie eigentlich immer, einfach großartig.

Die von Andé Kellinghaus hervorragend vorbereiteten zweiundsiebzig Sängerinnen und Sänger des Sächsischen Staatsopernchores profitierten vom differenziert geführten Orchesterspiel.

Letztlich wurde ein beeindruckender, sich steigernder, aber nie überbordender Schluss-Satz der Neunten Symphonie geboten, welcher der Lebensphilosophie des Menschen Ludwig van Beethoven entsprochen haben dürfte.

Es war nahezu verwunderlich, zu welch frenetisch stehenden Ovationen das ausgedünnte Auditorium fähig war. Fast ging die Verabschiedung des langjährigen Solo-Bratschers der Kapelle Michael Neuhaus dabei unter.

Mit diesen Konzerten der Sächsischen Staatskapelle wurde ein Beethovenzyklus von seltener Geschlossenheit beendet, der in Erinnerung bleiben wird.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—


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Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2021, Eröffnung 25. Juli – mit 900 Besuchern, IOCO Aktuell, 04.07.2021

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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Bayreuther Festspiele 2021  –  Finden statt

Der fliegende Holländer, Die Meistersinger von Nürnberg, Parsifal – konzertant, Tannhäuser, Walküre, Kinderoper Tristan und Isolde

Am 25. Juli eines jeden Jahres beginnen auf dem Grünen Hügel in Bayreuth die Bayreuther Festspiele; den Hauptwerken Richard Wagners gewidmet. In Anwesenheit von Kaiser Wilhelm I. (Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen 1797 – 1888) wurde am 13.8.1876 die erste Festspielsaison in Bayreuth mit Rheingold und prominenten Gästen, so auch König Karl von Württemberg, Friedrich Nietzsche, Anton Bruckner, Franz Liszt, Leo Tolstoi, Camille Saint-Saents eröffnet. Der menschenscheue König Ludwig II. (1845 – 1886), Finanzier der Festspiele und Wagnerverehrer, fehlte zu dieser Eröffnung; doch hatte er Tage zuvor den Generalproben und später einem Ring-Zyklus beigewohnt. 58.000 Besucher, verschworene Wagnerianer, „pilgern“ seither in normalen Jahren zu den Bayreuther Festspielen. Die Festspiele zählen zu den bekanntesten wie meist besprochenen Festspielen der Welt. IOCO wird auch 2021 alle Bayreuther Produktionen besuchen und besprechen.

Spielplan 2021 –  Hintergründe

Richard Wagner Büste © IOCO

Richard Wagner Büste © IOCO

Die Bayreuther Festspiele werden 2021 wieder stattfinden; Letzte Entscheidungen der Bayerischen Staatsregierung zur Regelung der Abläufe fielen erst vor wenigen Tagen. Für den 1937 Plätze umfassernden Besucherraum werden pro Vorstellung max. 900 Besucher eingelassen werden. So auch am 25. Juli 2021, dem traditionellen Eröffnungsdatum der Festspiele: wenn mit Der fliegende Holländer, in der Neuinszenierung von Dmitri Tcherniakov, John Lundgren ist der Holländer, Asmik Grigorian ist Senta, Georg Zeppenfeld ist Daland,   die Festspiele 2021 in Bayreuth eröffnet werden.

Am 26. Juli 2021 folgen: Die Meistersinger aus Nürnberg, in der auffälligen Inszenierung von Barrie Kosky, Premiere in 2019; Uschi Reifenberg  berichtete 2019 hierzu für IOCO, link HIER!.

Bayreuther Festspiele 2012 – Parsifal
youtube Bayreuth en Vinilo
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Vollständiger Spielplan –  Bayreuther Festspiele 2021: Link HIER!

IOCO berichtet jedes Jahr ausführlich über Produktionen in Bayreuth, so auch 2019 von Sebastian Siercke beschrieben die Walküre – von Placido Domingo dirigiert, oder,  Parsifal, 2018, von Karin Hasenstein beschrieben, Die Meistersinger von Nürnberg oder Der Ring des Nibelungen, der sogenannten Castorf-Ring.

Auch 2021 wird IOCO  leidenschaftlich den Aufführungen im Bayreuther Festspielhaus  beiwohnen und berichten.  Informieren Sie sich  hier direkt über den vollständigen

Zuschauerkapazitäten – Online-Sofortkauf

Die Zuschauerkapazität im Festspielhaus beläuft sich nunmehr auf 900 Plätze. Der Online-Sofortkauf für alle Veranstaltungen im Festspielhaus beginnt am 4. Juli um 14:00 Uhr. Teilnehmen können alle Personen, die über ein Kundenkonto bei den Bayreuther Festspielen verfügen und deren E-Mail-Adresse bereits verifiziert wurde. Pro Werk können vier Tickets erworben werden, die Anzahl der maximal zu erwerbenden Tickets ist auf zwölf Eintrittskarten begrenzt.

Ein besonderes Ereignis bereiten die Bayreuther Festspiele mit dem „Ring 20.21“ vor: Die Aufführungen der Walküre im Festspielhaushaus, gestaltet von dem Aktionskünstler Hermann Nitsch, werden eingerahmt durch Auftragswerke in verschiedenen Kunstrichtungen, die alle Teile des Ring des Nibelungen spiegeln, kommentieren, fortschreiben oder neuartig erlebbar machen.

Die Neukomposition Das Rheingold – Immer noch Loge von Gordon Kampe nach einem Libretto von Paulus Hochgatterer wird von Nikolaus Habjan mit Hilfe von Puppen in Szene gesetzt und eröffnet den „Ring 20.21“ am und im Teich vor dem Festspielhaus. Jede der insgesamt drei Vorstellungen am 29.7., 3.8. und 19.8. kann von maximal 250 Zuschauerinnen und Zuschauern besucht werden. Der Kartenpreis beläuft sich auf 25 €. Tickets können über Ticketmaster erworben werden, den Link zum Vorverkauf finden Sie demnächst auf der Website unter:

https://www.bayreuther-festspiele.de/programm/diskurs-bayreuth/diskurs-2021/

Jay Scheibs multimediale Arbeit „Sei Siegfried“ ermöglicht den Besuchern, selbst in die Rolle des Siegfried zu schlüpfen und gegen Fafner den Drachen zu kämpfen. Eine Installation zur „Götterdämmerung“ der japanischen Künstlerin Chiharu Shiota wird im Festspielpark den Zyklus ebenso filigran wie überwältigend und visionär abschließen.

Richrad Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richrad Wagner Berlin © IOCO / Rainer Maass

Einführungsvorträge digital am Vorstellungstag um 10:30 Uhr

Dr. Sven Friedrich wird auch in diesem Jahr inszenierungsbezogene Einführungsvorträge halten. Die Vorträge zu den Werken Der fliegender Holländer, Tannhäuser und Die Meistersinger von Nürnberg finden allerdings nicht im Festspielhaus, sondern virtuell als Zoom-Meeting statt. Auf den Eintrittskarten befindet sich der tagesaktuelle Zugangslink, über den eine Teilnahme beim Einführungsvortrag um 10:30 Uhr möglich ist.

Bayreuther Festspiele digital  –  Zoom-Meetings

Wagner selbst äußerte einmal den Wunsch, alle Freunde seiner Kunst sollten freien Zugang zu den Aufführungen in Bayreuth haben. Da auch 2021, in diesem zweiten Ausnahmejahr nicht jeder nach Bayreuth reisen kann und die diesjährigen Festspiele mit einer beschränkten Zuschauerkapazität von 900 Plätzen pro Vorstellung stattfinden, möchten die Bayreuther Festspiele dem internationalen Wagner-Publikum wie schon 2020 ein digitales Festspielerlebnis ermöglichen.

Richard Wagner Haus in Venedig © IOCO

Richard Wagner Haus in Venedig © IOCO

Die Bayreuther Festspiele arbeiten erneut mit der Deutschen Grammophon zusammen, um insgesamt zehn verschiedene Festspiel-Produktionen virtuell zu präsentieren. Zwischen dem 26. Juli und dem 24. August werden aktuelle und auch zuletzt aufgeführte Festspielproduktionen unter www.festspiele-online.de zu sehen sein.

Außerdem plant wie jedes Jahr der Bayerische Rundfunk diverse Aufzeichnungen und Ausstrahlungen ausgewählter Vorstellungen der Bayreuther Festspiele 2021:

25. Juli: Der fliegende Holländer, live ab 17.57 Uhr im Radio und im Videolivestream auf br-klassik.concert
26. Juli: Die Meistersinger von Nürnberg, live/zeitversetzt ab 18.05 Uhr im Radio
27. Juli: Tannhäuser, live/zeitversetzt ab 18.05 Uhr im Radio
29. Juli: Die Walküre, live/zeitversetzt ab 18.05 Uhr im Radio
31. Juli: Der fliegende Holländer, Vorstellung vom 25. Juli, ab 20:15 Uhr auf 3Sat im TV

Hygienemaßnahmen

Zum Gesundheitsschutz aller Anwesenden ist der Besucher verpflichtet, sich – sofern anfallend – auf eigene Kosten am Tag der Veranstaltung einem SARS-CoV-2-Antigen-Test bei einer behördlich zugelassenen oder anerkannten Teststation zu unterziehen. In der Nähe des Festspielhauses wird eine Testmöglichkeit geboten, für die jedoch ausreichend Zeit einzuplanen ist.

Besucher werden zur Aufführung bzw. zum Konzert nur eingelassen, wenn sie bei der Einlasskontrolle folgende Dokumente (kumulativ) vorweisen können:

  • Nachweis über ein negatives SARS-CoV-2-Testergebnis, ausgestellt von einer behördlich zugelassen bzw. anerkannten Teststation am Tag der Veranstaltung,
  • personalisierte Eintrittskarte und
  • Lichtbildausweis

Der Nachweis über ein negatives SARS-CoV-2-Testergebnis ist entbehrlich für nachweislich Geimpfte ab dem 15. Tag nach der letzten Impfung oder Genesene (ggf. mit Impfung nach 6 Monaten). Der Nachweis über die Impfung oder Genesung ist durch den jeweiligen Besucher – wie auch der Nachweis über ein negatives Testergebnis – am ausgewiesenen Hygiene-Checkpoint der Festspiele zu erbringen.

Im Festspielhaus herrscht vor, während und nach den Aufführungen die Pflicht zum Tragen einer FFP2-Maske. Die Aufführungen werden nicht durch zusätzliche Pausen unterbrochen. Im Festspielhaus werden zum Gesundheitsschutz aller Anwesenden in diesem Jahr keine Garderobe und keine Sitzkissen zum Verleih angeboten. Das Fächern während der Aufführungen ist untersagt.

—| IOCO Aktuell Bayreuther Festspiele |—


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München, Bayerische Staatsoper, Ab 13.5.2021 wieder live – WALKÜRE, LEAR …, IOCO Aktuell, 14.05.2021

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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

WALKÜRE, DER SCHNEESTURM,  LEAR, SCHÖN IST DIE WELT

13. 5. 2021  –  Wiedereröffnung der Bayerischen Staatsoper 

Die Bayerische Staatsoper öffnet am Donnerstag, 13. Mai 2021, nach mehr als einem halben Jahr ohne Saalpublikum, wieder ihre Pforten für Zuschauerinnen und Zuschauer. Auf dem Programm steht eine konzertante Vorstellung des ersten Aufzugs von Richard Wagners Die Walküre. Bis Ende Mai folgen eine weitere Walküre, Vorstellungen des Bayerischen Staatsballetts, die Wiederaufnahme von Franz Lehárs Operette Schön ist die Welt und am 23. Mai die Premiere der Neuproduktion von Aribert Reimanns King Lear.

DIE WALKÜRE  konzertant — live und auf STAATSOPER.TV

Die erste Vorstellung der Walküre (1. Akt) am 13. Mai wird sowohl für Saalpublikum, als auch per Live-Stream auf STAATSOPER.TV stattfinden. Es singen Lise Davidsen (Sieglinde)Jonas Kaufmann (Siegmund) und Georg Zeppenfeld (Hunding). Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Asher Fisch. Der Stream auf STAATSOPER.TV ist die insgesamt 40. Übertragung der Saison, mit dem die Staatsoper die 1-Million-Marke an Abrufen erreichen wird. Ab dem 15. Mai, 19 Uhr steht ein Video-on-Demand der Vorstellung zur Verfügung, ein 24-Stunden-Ticket kostet EUR 9,90.

Bayerische Staatsoper / Die Walküre  - hier : zur Wiederaufnahme 2018 © Wilfried Hoesl

Bayerische Staatsoper / Die Walküre – hier : zur Wiederaufnahme 2018 © Wilfried Hoesl

DER SCHNEESTURM  –  BAYERISCHES STAATSBALLETT

Das Bayerische Staatsballett kehrt am 19. Mai mit dem zeitgenössischen Dreiteiler Paradigma auf die Bühne zurück. Der Abend mit Choreographien von Russell MaliphantSharon Eyal und Liam Scarlett wird im Mai insgesamt dreimal gespielt. Am 29. und 31. Mai zeigt das Ensemble Andrey Kaydanovskiys Neukreation Der Schneesturm, die erst im April 2021 zum Auftakt der digitalen Ballettfestwoche digitale Uraufführung gefeiert hatte.

SCHÖN IST DIE WELT – Franz Léhar

Schön ist die Welt feierte im Januar 2021 im Rahmen unserer Montagsstücke-Serie in einer szenischen Einrichtung von Tobias Ribitzki Premiere und kehrt nun für zwei Vorstellungen auf die Bühne der Bayerischen Staatsoper zurück.

Schön ist die Welt – Franz Léhar
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Zum Stück:  Ein Königssohn und eine Prinzessin sollen verheiratet werden. Beide möchten jedoch ihre Unabhängigkeit nicht aufgeben und blicken dem gemeinsamen Eheleben mit Argwohn entgegen. Auf einer Reise zu ihrer jeweiligen Bestimmung begeben sich beide auf ein Bergplateau und erkennen, umgeben von der Schönheit der Alpenwelt und verschont von einer Lawine, ihre Liebe zueinander.

Mit diesem Stück erweist sich Franz Lehár als der „Wagner der Operette“ und Schön ist die Welt somit als sein Tristan mit Happy End. Der Komponist kreiert mit diesem Werk ein „Kinobild auf der Operettenbühne“: Ein raffiniertes Hybrid und gerade deshalb prädestiniert für eine Neuvorstellung in diesen hybriden Zeiten.

Der Schauspieler Max Hopp leitet als Conférencier durch die Aufführung und spielt auch die Rolle des Königs. Neben ihm singen Julia Kleiter (Prinzessin Elisabeth), Sebastian Kohlhepp (Prinz Georg), Eliza Boom (Herzogin Maria Branckenhorst), Manuel Günther (Graf Sascha Kalowitsch) und Juliana Zara (Mercedes del Rossa). Am Pult des Bayerischen Staatsorchester steht Yoel Gamzou.

LEAR – Aribert Reimann – Premiere am 23. Mai 2021
Youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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 LEAR  –  Aribert Reimann

Die Premiere ist für den 23. Mai geplant, die Vorstellung am 30. Mai wird in Kooperation mit BR-Klassik live auf STAATSOPER.TV und BR KLASSIK CONCERT übertragen und ist ab dem 1. Juni als Video-on-Demand für 30 Tage kostenlos abrufbar.

Zum Stück: König Lear will sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen. Diejenige, die ihn am meisten liebt, soll am meisten bekommen. Da Cordelia in nur schlichten einfachen Worten ihre Liebe beschreibt, enttäuscht sie ihren Vater, und geht leer aus. Unter den beiden anderen Töchtern wird das Reich aufgeteilt, und alsbald herrschen Zwietracht und Intrige. Lear zerbricht daran, wird ein machtloser Bettler und verfällt dem Wahn.

Basierend auf William Shakespeares Tragödie King Lear – das Libretto richtete Claus H. Henneberg ein – komponierte Aribert Reimann die Oper Lear, die als Auftragswerk der Bayerischen Staatsoper 1978 im Nationaltheater zur Uraufführung kam. Reimanns Komposition zeigt eine Dramaturgie, die in hohem Tempo das Spiel der Machtbesessenheit zum Movens macht. Lears Gesangslinie von exorbitanter Virtuosität gekennzeichnet verdeutlicht den gebrochenen König mit seinen nur auf der Oberfläche wirrwirkenden Redeweisen. Die instrumentalen Cluster-Strukturen dieses Monumentalwerks erschaffen eine atemberaubende Atmosphäre und sind Grund dafür, dass als Opernklassiker des 20. Jahrhunderts diese Metamorphose als Spiegel unserer Zeit nicht mehr wegzudenken ist.

Christian Gerhaher gibt sein Rollendebüt als Lear in Aribert Reimanns Vertonung von William Shakespeares King Lear, welche 1978 am Münchner Nationaltheater Uraufführung feierte. Der Schweizer Regisseur Christoph Marthaler gibt sein Hausdebüt. Das Bühnenbild stammt von Marthalers langjähriger künstlerischen Partnerin Anna ViebrockJukka-Pekka Saraste leitet nach einem Engagement beim 5. Akademiekonzert 2018/19 seine erste Staatsopern-Premiere.

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CORONA  –  Das Publikums-Hygienekonzept im Mai

Das Hygienekonzept vom Herbst, erprobt im Rahmen des damaligen Pilotprojekts, wurde an die aktuellen Bestimmungen angepasst. In den Verkauf gehen ein Drittel der verfügbaren Plätze pro Vorstellung mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen Haushalten. Jeder Ticketkauf muss personalisiert erfolgen, um bei Bekanntwerden einer Infektion eine rasche Nachverfolgung der Kontakte sicherzustellen. Im Übrigen ist der Mindestabstand von 1,5 Meter im gesamten Haus einzuhalten; der Zugang zum Sitzplatz ist klinkenlos möglich. Der Einlass erfolgt über mehrere Eingänge, die auf den Tickets vermerkt sind.

Der Zutritt ist ausschließlich Personen erlaubt, die keine typischen COVID-Symptome haben, in den vergangenen 14 Tagen keinen Risikokontakt zu einem COVID-Infizierten hatten und folgende Dokumente vorweisen können:

  • Ticket für die Vorstellung und Personalausweis

PLUS

  • Negativer PCR-Test: Der PCR-Test darf höchstens 48 Stunden vor Beginn der Veranstaltung vorgenommen worden sein; der Nachweis ist durch eine personalisierte Bescheinigung (Papierform oder digital) zu erbringen.

ODER

  • Negativer Antigen-Schnelltest: Der Schnelltest darf höchstens 24 Stunden vor Beginn der Veranstaltung vorgenommen worden sein und muss von einer medizinischen Fachkraft oder vergleichbaren, hierfür geschulten Person durchgeführt worden sein (z.B. im Testzentrum, in einer Apotheke; keine Selbsttests zugelassen); der Nachweis ist durch eine personalisierte Bescheinigung (Papierform oder digital) zu erbringen.

ODER

  • Impfpass zum Nachweis des vollständigen Impfschutzes (ab zwei Wochen nach der abschließenden Impfung).

ODER

  • Nachweis einer überstandenen COVID-Infektion: Nachweis durch personalisiertes positives PCR-Testergebnis, welches mindestens 28 Tage alt und nicht älter als 6 Monate ist.

Die Bayerische Staatsoper bittet alle Kartenkäufer, grundsätzlich PCR- oder Schnelltests am Tag der Vorstellung selbständig durchzuführen und die Bestätigung über das Testergebnis ausgedruckt mitzubringen.

Vom Betreten bis zum Verlassen des Hauses ist eine FFP2-Maske (oder eine Maske mit gleichwertigem medizinischen Standard) zu tragen. Die Theatergastronomie sowie die Abendkasse bleiben geschlossen, um unnötige Kontakte zu vermeiden.
Die Funktion „Print@Home“ ist bevorzugt zu nutzen.

Kartenverkauf für die Vorstellungen bis Ende Juni

Der Vorverkauf für die beiden Vorstellungen Die Walküre (1. Akt) beginnt am 11. Mai 2021 ab 10:00 Uhr. Abonnenten der Bayerischen Staatsoper erhalten einen Rabatt von 20 % des Kartenpreises. Ab dem 17. Mai startet der Kartenverkauf im wöchentlichen Turnus: Jeweils montags um 10 Uhr (bzw. Dienstag, 25.5.) gehen die Vorstellungen für die laufende Woche bis inklusive dem darauffolgenden Montag online und telefonisch in den Vorverkauf. Diese Regelung gilt für alle Vorstellungen bis inklusive 23. Juni. Die Tageskasse ist vorerst nur für Click & Collect bereits gebuchter Karten geöffnet.

Zwischenbilanz: 10 Monate Hygienekonzept an der Bayerischen Staatsoper

Seit Anfang August 2020 arbeitet die Bayerische Staatsoper mit einem umfangreichen Hygiene- und Sicherheitskonzept zum Schutz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Künstlerinnen und Künstlern sowie unserem Publikum. Zeit, um nach 10 Monaten eine Zwischenbilanz zu ziehen: Lesen Sie hier über den Rückbau des Orchestergrabens auf Originalzustand, die Erhöhung der Testkapazitäten vor Lear und die Anzahl an positiven Corona-Fällen in der Saison 20-21 an unserem Haus

—| IOCO Aktuell Bayerische Staatsoper München |—


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Tobias Kratzer – zu „seinem“ FIDELIO in London, IOCO Interview, 23.10.2020

Oktober 22, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO Interview, Oper, Portraits

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Tobias Kratzer - hier Regisseur im Interview mit IOCO / Adelina Yefimenko © Tobias Kratzer

Tobias Kratzer – hier Regisseur im Interview mit IOCO / Adelina Yefimenko © Tobias Kratzer

Tobias Kratzer – Regisseur des Jahres 2020

im Interview mit Dr. Adelina Yefimenko / IOCO – auch über die Regie „seines“ Fidelio am Royal Opera House in London

Im Beethoven-Jahr 2020 sollten in der ganzen Welt viele neue Fidelioaufführungen stattfinden. Die Pandemie stoppte viele dieser Pläne, das Beethoven-Jahr als „Freude, schöner Götterfunken“ zu feiern und zu würdigen.

Am Royal Opera House London jedoch fand die Premiere der Oper Fidelio kurz vor dem Covid19-Lockdown – am 1.03.2020 – statt. Alle sechs Vorstellungen, mit Weltstars auf der Bühne, siehe Video unen, in London waren lange im Voraus ausverkauft. Die Regie führte der deutsche Regisseur Tobias Kratzer. Am 17. März 2020 sollte die Aufführung live im Kino weltweit übertragen werden und es wurde auch eine DVD-Aufnahme geplant. Wegen des angeordneten Lockdowns wurde dieser Termin jedoch abgesagt, aber einige Zeit später, am 26. Juli 2020 fand doch eine BBC-Übertragung der Generalprobe statt, die im Raum Großbritannien 9 Monate lang verfügbar ist. In der Hoffnung, dass auch diese Londoner Fidelio –Inszenierung nach dem Pandemie-Ende wieder aufgeführt wird, traf   Dr. Adelina Yefimenko, Musikwissenschaftlerin und Autorin bei dem Kulturportal IOCO Kultur im Net, www.ioco.de,  den Fidelio-Regisseur Tobias Kratzer in München. Am 10.10.2020 fand die Besprechung mit dem Ideenträger und Musiktheatermacher des neuen Londoner Fidelio  statt.

Adelina Yefimenko (AY): Lieber Herr Kratzer, die zwei ersten Fragen an Sie scheinen wahrscheinlich sehr allgemein. Es ist aber wichtig sie zu stellen, bevor wir das Gespräch über Ihre Fidelio –Interpretation anfangen: 1) welche Bedeutung hat für Sie als deutscher Regisseur der Name Beethoven im Beethoven-Jubiläumsjahr 2020; 2) wann haben Sie sich mit dem Beethoven –Werk das erste Mal auseinander gesetzt?

Tobias Kratzer (TK): Beim ersten Teil ihrer Frage muss ich Sie vielleicht etwas enttäuschen. Weder Jubiläumsjahre noch die Nationalität des Komponisten oder gar meine eigene spielen üblicherweise eine Rolle, wenn ich ein Werk inszeniere. Da geht es mir zuerst einmal um die innere Struktur, die Brüche, auch die Wirkung des Stückes. Bei Wagner mag das vielleicht noch etwas anders sein, aber nicht bei einem so universellen Komponisten wie Beethoven. Wobei: vielleicht ist ja gerade auch dieser Wunsch nach Universalität, nach dem ganz großen Weltentwurf, der Fidelio kennzeichnet, wiederum etwa sehr Deutsches… Zum zweiten Teil ihrer Frage: ich kenne das Stück schon sehr lange, eigentlich schon seit meiner Kindheit. Und wenn man sich wie ich professionell mit Musiktheater beschäftigt, hat man es -zumindest geht es mir da so- auch immer im Hinterkopf. Ich halte es in dem großen Anspruch, den es für die gesamte Gattung „Oper“ formuliert, tatsächlich für eine Art Wasserscheide in der Geschichte des Musiktheaters.

AY:: Ist „Fidelio“ in London Ihre erste Inszenierung dieser Oper? Warum haben Sie entschieden, Beethovens „Fidelio“ im Royal Opernhaus in London und nicht in einem Opernhaus in Deutschland auf die Bühne zu bringen?

TK: Ich habe Fidelio schon einmal im Schwedischen Karlstad inszeniert, damals als dritter Teil einer Revolutions-Trilogie. Das Stück folgte dabei auf den Barbier von Sevilla und auf Le nozze di Figaro und der Clou bestand darin, dass die meisten Personen in Fidelio dadurch eine Vorgeschichte hatten. Wer im Figaro noch unter der Herrschaft des Grafen stand, hatte jetzt, nach der Revolution, plötzlich eine neue Funktion. Aus dem Gärtner Antonio bei Mozart wurde so beispielsweise der Kerkermeister Rocco, aus seiner Tochter Barbarina wurde Marzelline, die sich ähnlich wie Barbarina in Cherubino nun schon wieder in eine Figur mit geschlechtlicher Ambivalenz verliebte. Vor allem aber saßen Graf und Gräfin bei mir als Gefangene der Revolution im Gefängnis und sangen die Rollen, die hier üblicherweise Chorsoli übernehmen. Für London habe ich das Stück nun noch einmal autonom gedacht. Meine Entscheidung, nach der Sie fragen, war aber wie so oft vor allem der Angebotslage geschuldet. Es gab eine Anfrage aus London, die Besetzung war toll und ich hatte Zeit. So habe ich zugesagt. Hätte ich ein spannendes Angebot aus Deutschland für dieses Stück gehabt, hätte ich darüber natürlich auch nachgedacht, es aber sicherlich ein wenig anders inszeniert. Nicht nur die Regietradition allgemein, sondern auch die Rezeptionsgeschichte des Werkes ist ja von Land zu Land sehr unterschiedlich.

AY: : Fidelio ist die einzige Oper Beethovens und eines der wichtigsten Kompositionen im Gesamtwerk des deutschen Genies. Dieses Werk offenbart viele Botschaften für die Gegenwart und Zukunft, in denen die Oper die Schattenseiten der Revolution, die Machtgier und die schmähliche Rolle politischer Manipulation zeigt. Was ist die Botschaft Ihrer Inszenierung? Welche Fragen stellt Ihr Konzept neu in dieser „Befreiungsoper“?

TK:  An einer „Botschaft“, noch dazu im Singular, bin ich im meinen theatralen Arbeiten meistens nicht so interessiert. Viel spannender sind ja die Ambivalenzen und Paradoxien eines Stückes und auch das Nebeneinander verschiedener Haltungen. Bei Fidelio war es mir einerseits wichtig, auch die Nebenfiguren, die im 2. Akt oft vergessen werden, genauer zu betrachten. Leonore und Florestan erscheinen ja manchmal fast wie Allegorien, als larger than life. Aber welche Auswirkungen hat das Vorbild Leonores auf Marzelline, auf Jacquino? Ist die Empathie, die Leonore zeigt, wirklich an „Gattenliebe“ gebunden, so wie es der Untertitel des Stückes nahelegt? Oder müsste sie nicht eigentlich weiter reichen – so wie es Leonore im 2. Akt selbst formuliert, wenn sie singt: „wer Du auch seist, ich will dich retten“. Andererseits hat mich auch die Rolle des Chores besonders interessiert, der ja immer auch als eine Art Spiegelbild der Zuschauer funktioniert. Auch hier stellt sich die Frage danach, was Leonores Tat eigentlich für Auswirkungen hat. Brauchen oder missbrauchen wir sie nur als eine Art Symbolfigur, die uns gewissermaßen freispricht von der Notwendigkeit eigenen Handelns? Oder müsste sie sich nicht, wie das ja auch musikalisch geschieht, gleichsam in einem Kollektiv von Handelnden auflösen?

AY:  Wie genau erarbeiten Sie die dramaturgisch unbequeme Konstruktion des Fidelio, seine so genannte „dramaturgische Sackgasse“, die für alle Regisseure immer problematisch war?

Tobias Kratzer © Tobias Kratzer

Tobias Kratzer © Tobias Kratzer

TK: Ich habe versucht diese sehr spezielle Struktur des Stückes nicht als „Sackgasse“ zu sehen, sondern sie als Konstituens des Werkes zu begreifen und zu versuchen, sie produktiv erlebbar zu machen. Das klingt etwas theoretisch. Aber im Grund gehe ich immer so vor. Ich analysiere sehr genau die Struktur eines Werkes und überlege dann, welches die Erfahrungsmöglichkeit für ein Publikum ist, die genau dieses Werk bietet. Manchmal ist es dann hilfreich, einzelne Szenen dramaturgisch zu glätten, ihnen einen flüssigeren Handlungsverlauf zu verleihen. Manchmal scheint es mir sinnvoller mit solchen Brüchen sehr offensiv umzugehen. Im Fidelio war letzteres der Fall.

AY:  Die Personen in Ihrer Version Beethovens „Fidelio“ kreisen in den Sphären der historischen Ideale und Probleme der Zeit der Französischen Revolution. Über allen diesem politischen Wahn steht aber die ehrliche Treue von Frau und Mann – Leonore und Florestan. Wie wichtig ist es für Sie, diese historische Zeit des Fidelio auf der Bühne zu deuten. Wie wichtig ist es für Ihre Charaktere kollektiv und für die Schicksale der einzelnen Protagonisten (Leonore und Florestan, Marzelline und Jaquino, Rocco, Don Pizarro und Minister Don Fernando), wie ihr Leben und Handeln von den Zeitumständen abhängt?

TK: : Mir war vor allem wichtig im 1. Akt zu zeigen, welcher historischen Zeit die Ideale entstammen, von denen das Stück erzählt. Und dann im 2. Akt quasi die Probe aufs Exempel zu machen, inwieweit sie heute noch Gültigkeit haben – oder auch wie allgemeingültig sie sind. Das heißt auch, dass die Protagonisten im 1. Akt sehr genau und realistisch gezeichnet sind; Pizarro etwa als eine Art Schreibtischtäter à la Robespierre, der mit einem Federstrich töten und seine Gegner auf die Guillotine schicken kann. Im 2. Akt ging es mir dann weniger um historische Bedingtheiten als vielmehr um Grundmuster der Empathie.

AY:  Wenn ich einer der beste Wagnersängerin Lise Davidsen als Leonore zuhöre, muss ich gleich über die Beethoven –Einflüsse auf das Wagnerwerk denken. Gleichfalls ist bekannt, dass „als Vorläuferin der Senta“ Beethovens Leonore kaum in Frage kommt. Es gibt aber auch die Meinung, dass „Leonore in allen Fassungen eine Nachfolgerin Fiordiligis ist“. Wie ist Ihre Meinung dazu …?

TK:  Eine sehr komplexe Frage, die ich nur sehr kurz beantworten will. Man könnte sagen, auch die Hörner in Leonores großer Arie kommen direkt aus der Felsenarie von Fiordiligi. Ansonsten sehe ich zwischen den beiden Stücken wenig Verbindendes. Es ist ja auch bekannt, dass Beethoven die „Così“ nicht unbedingt geschätzt hat. Mit Wagners Heldinnen teilt Leonore dafür die nicht unproblematische Eigenschaft, teilweise mehr Allegorie als lebender Mensch zu sein. Da kann und muss die Regie dann manchmal ein bisschen helfen. Aber sängerisch ist Leonore vermutlich die schwierigste der genannten Partien.

Fidelio – Einführung mit den Protagonisten auf der Bühne, ua. Jonas Kaufmann
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AY: Wie wichtig ist für Sie, selbst die Personen-Regie auf der Bühne zu führen? Wie viel Freiheit lassen Sie den Sänger*innen auf der Bühne?

TK:  Ein Konzept ist nur so gut, wie die Personen-Regie, die es ermöglicht. Insofern stehen beide Aspekte des Regieführens für mich völlig gleichberechtigt nebeneinander. Ich weiß immer sehr genau, welche Ziele die Figuren in einer Szene haben und welche szenischen Ankerpunkte ich ansteuere. Der Weg dorthin, und das meint die konkreten Bewegungsabläufe auf der Bühne genauso wie die innere Entwicklung einer Figur, wird mit den Sängerinnen und Sängern zusammen auf der Probe erarbeitet.

AY:  Im ersten Akt wurde der Eintritt von Pizarro mit dem spektakulären Auftritt eines echten Pferdes betont. Spielt für Sie das Pferd eine symbolhafte Rolle, wie z.B. für Romeo Castelucci? Oder eher die historische Rolle einer bewaffneten Macht?

TK:  Als ich im 2. Akt meiner Götterdämmerung ein lebendes Pferd als Grane auf der Bühne hatte, war es auch ein sehr konkretes Symbol für die fixe Idee von Männlichkeit, an denen sich Hagen abzuarbeiten hatte. Für die Virilität Siegfrieds, die Hagen zugleich beneidete wie auch ersehnte. Das Pferd im Fidelio ist dagegen eher Lokalkolorit und dient der Beglaubigung des historischen Realismus. Aber natürlich ist jedes Objekt oder jeder Vorgang auf der Bühne zugleich immer auch symbolisch oder zumindest symbolisch lesbar. In diesem Kontext kann man das Tier auch als Gegenpol zu dem kleinen Kanarienvogel sehen, den Marzelline bei uns hegt und pflegt. Oder als Einbruch von Unwägbarkeit in eine geordnete Welt. Ich überlasse die Deutung hier aber jedem einzelnen. Eindeutige Symbole finde ich eher langweilig.

AY:: Im zweiten Akt haben sie einen Teil des Londoner Publikums, das im ersten Akt mit den historisierenden Kulissen des epischen Theaters zufrieden war, ziemlich überrascht. Und ich dachte: so kommt Tobias Kratzer als Schöpfer der hervorragenden Bayreuther Regie des Tannhäuser „2019“ans Licht. Ihre bahnbrechende Idee, mehrschichtige Bühnenaktionen und neue Kontexte, auch Ihre exzellenten Kamera-Experimente haben Sie in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt als Regisseur des Jahres gewürdigt. Meine Frage betrifft aber nicht Ihre Stellung zu den Kritiker, sondern zum Publikum. Das ist nicht zufällig, dass das Opernpublikum in Ihren Inszenierungen in die Handlung eingezogen wird und an dieser Handlung partizipiert. Mögen Sie das Opernpublikum? Sind Sie auch kritisch einem zu solchen Publikum als „Zuschauer von Leiden“, das Kekse oder Schokolade während der Aufführung zu naschen wagt, während sich das große menschliche Drama zwischen Leonore und Florestan potenziert?

TK:  Ich glaube nicht, dass es mir als interpretierender Künstler zusteht mein Publikum zu bewerten. Oper kann auf vielfältige Weise rezipiert werden und ich verurteile keine davon. Natürlich freut man sich, wenn eine Zuschauerin oder ein Zuschauer versucht tief in die Gedankenwelt eines Stückes einzudringen und meine Inszenierung dabei hilfreich oder inspirierend findet. Aber wenn jemand einfach mal wieder seinen alten Hochzeitsanzug tragen, sein Date ausführen oder einen Geschäftspartner beindrucken möchte, dann sind das ja ebenso legitime Gründe für den Kauf einer Opernkarte. Ich werde deshalb aber auch nicht weniger anspruchsvoll oder unterhaltsam inszenieren als ich das sonst versuche. Im konkreten Fall des „Fidelio“ geht es ja auch nicht allein um Opernbesucher an sich. Das Publikum auf der Bühne verstehe ich auch als Metapher für das Verhalten unserer gesamten westlichen Gesellschaft. Und das Schicksal von Leonore und Florestan steht stellvertretend für viele Ungerechtigkeiten weltweit, von denen wir zwar wissen, die zu betrachten uns alleine aber noch nicht zum Handeln bringt.

Fidelio am Royal Opera House, Arie Mir ist so wunderbar …. mit Forsythe, Davidsen, Zeppenfeld, Tritschler;

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AY:  Es ist vollkommen klar, dass in Ihrer Inszenierung nicht der Minister als Deus ex machina auf der Bühne erscheint, sondern eine Frau. Es ist auch erstaunlich, dass bei Beethoven die einzige starke Person und der echte Held der Oper Fidelio eine Frau ist. Sie gehen aber noch weiter. In Ihrer Version agieren zwei starke Frauen. Leonore rettet ihr Ehemann Florestan und Marzelline rettet Fidelio / Leonore vor Don Pizarro. Weil Sie will, dass ihr Fidelio lebt, sogar wenn ihr Fidelio in Wirklichkeit Leonora ist? Sollen wir den Pistolen-Schuss Marzelline als Zeichen der bedingungslosen Menschenliebe einer Frau verstehen, die ursprünglich von Beethoven nicht als Heldin (so wie Leonora) gesehen wurde?

Tobias Kratzer: Ein klares: ja!

AY:  Nach Ihrem ersten Tannhäuser fühlten Sie sich wahrscheinlich noch so, wie Wagner: „Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig.“ Sind Sie noch der Welt einen Fidelio schuldig? Welche Wunschoper wird Sie in der Zukunft beschäftigen?

TK: Um ehrlich zu sein, hatte ich nach meinem ersten Tannhäuser nicht unbedingt erwartet, das Stück so bald darauf noch einmal zu inszenieren. Und ähnlich geht es mir nun auch mit Fidelio. Aber ich lasse mich überraschen. Wunschopern habe ich ohnehin keine. Ich finde es meistens schöner mit Stücken konfrontiert zu werden, die ich bisher noch nicht so auf dem Schirm hatte. Sich etwas Fremdem empathisch anzunähern, anstatt immer nur dem Alt-Vertrauten zu begegnen, ist ja auch im echten Leben die deutlich spannendere Option.

Adelina Yefimenko: Lieber Herr Kratzer, auch in Namen unserer großen IOCO – Kultur Community möchte ich für dies aufschlussreiche und interessante Gespräch bedanken.

—| IOCO Interview |—


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